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Raubzüge

Würgezahn war in der Steppe geblieben, wenn auch viele, sehr viele seiner Artgenossen das Land verlassen hatten, weil näher zu den größeren Orten viel Vieh und Schafe zusammengetrieben wurden und ihnen dort bessere Jagd winkte.

Würgezahn aber war sehr schlau und vorsichtig geworden; denn er hatte böse Erfahrungen gemacht und festgestellt, daß die Zweibeine gerade an den Sammelstellen ungemein scharf aufpaßten und sämtlich Feuerstöcke trugen. Den knallenden Schmerz aber hatte Würgezahn schon allzu genau kennengelernt, um Lust zu verspüren, sich ihm unnötig auszusetzen. Einmal hatte ihm ein Bauer, dem er einen Hund weggefangen hatte, eine Ladung Hackblei in die rechte Hinterkeule geschossen, so daß er vier Wochen lahm ging; einmal hatte ein Kosak mit dem Karabiner hinter ihm hergeschossen, und er hatte die Kugeln dicht an seinem Kopfe pfeifen gehört; ein anderes Mal aber kriegte er eine Ladung Entenschrot in die Rippen – gerade, als er an dem Süßwassersee vorüberlief, wo abends die vielen Enten sind, und wo die Hirten zweimal am Tage ihre Herden zur Tränke hintreiben. Das hatte ihm zwar nicht viel getan – aber gebrannt und gejuckt hatte es mächtig.

Nein – er hat keine Lust, den Zweibeinen unnötig oft zu begegnen! Darum ist er in der Steppe und nährt sich, so gut es eben geht. Im Frühling gab es Vogeleier, Junghasen, Ziesel und Blindnager, gelegentlich wohl auch mal ein Schaf, im Sommer junge Wildenten, junge Trappen, Hasen und allerhand Vieh, im Herbst aber war der Tisch am allerreichsten gedeckt.

Gegen Ende des Herbstes war Würgezahn in die Nähe einer Remontestation gekommen und hatte entdeckt, daß auf der Luzerne wunderbar rundliche, wohlgenährte Schweine weideten. Schweinefleisch aber war für Würgezahn immer etwas besonders Leckeres gewesen – man hatte viel davon, viel mehr als von Hammeln und Kälbern; denn Schwein ist fett und saftig und hält lange vor. Auch hat es den großen Vorzug, wenig von diesen abscheulichen Haaren am Leibe zu haben, die einem den Magen nur unnötig beschweren und so leicht Zustände erzeugen, die lebhaft an die Folgen von allzuviel Entenfresserei erinnern.

Würgezahn erinnerte sich lebhaft der Lehren seiner klugen Mutter, die ihn stets vor zu viel Federnschlucken und Haarefressen gewarnt hatte. Knochen, meinte sie, seien stets wertvoll – soweit man sie zerbeißen könne –, dagegen seien Haare und Federn nur in geringen Gaben gesund, sozusagen zum Anreiz und zur Erhöhung der Reibung im Magen, sonst aber unverdaulich und daher schädlich. Ähnlich sei es mit Gras. Das sei aber viel, viel besser als Haare oder Federn; denn es reinige den Magen, reize an, vermehre und verbessere den Appetit, sei aber – im Gegensatz zu Federn und Wolle – verdaulich und sogar noch sehr nahrhaft und erfülle nebenbei ebensogut den Zweck, spitze Knochen, die stechen und den Eingeweiden schädlich werden könnten, einzuwickeln und sanft abzuführen.

Also – Würgezahn sah, hörte, witterte Schweine … Er schlich, kroch, wand sich heran, sicherte, lugte, lauschte, windete, kroch noch näher – duckte sich, als er das Brüllen eines ärgerlichen Lastkamels hörte, versteckte sich im gelben Steppengrase, als er aus weiter Ferne den Zuruf ziehender Kalmücken vernahm – und schoß endlich in Sätzen hervor.

Das mittelgroße Schwein, das er packte, schrie fürchterlich und suchte, mit Aufbietung aller Kräfte, sich loszureißen. Würgezahns schreckliches Gebiß zerfetzte aber seine Flanken, zerschnitt die Sehnen der Hinterbeine – so daß das Schwein klagend zusammenbrach. Die ganze Herde stob blasend, grunzend und quiekend davon und dem weitabliegenden Gehöft zu. Würgezahn aber zerriß das zuckende, noch schreiende Schwein und schlang das Fleisch, Fetzen um Fetzen, in sich hinein.

Als er endlich völlig satt war, trabte er davon, schlappte sich am Süßwassertümpel voll und schob sich in einen großen Burjan ein, um zu ruhen und verdauen.

Der Kosak, der in dem Gehöft Pferde- und Schweinezucht betrieb, nahm – nachdem er den Bericht des vor Angst schlotternden Hirten angehört hatte – zunächst einmal seine Nagaika vom Nagel und klopfte den Rücken des Kalmücken gehörig ab. Das gab es deshalb, weil der Kalmück davongelaufen war, statt auf den Wolf zu schießen; denn eine Vogelflinte war ihm zum Schutz auf die Weide mitgegeben. Die zweite Portion erhielt der arme Kalmück unter gräßlichem Geheul, weil er die Hunde nicht auf die Weide mitgenommen hatte, und die dritte und saftigste, weil das zerrissene Schwein eine junge Zuchtsau von reinem englischen Berkshireblut war, ein Prachtstück, das Nikolai Iwanowitsch Pischwanow für teueres Geld aus einer Züchterei in Taurien verschrieben hatte.

Nachdem sich der heulende Saran-Gurschuk entfernt und Nikolai Iwanowitsch sich von seiner Atemlosigkeit erholt hatte, ließ der noch immer zornschnaubende Stationspächter anspannen und fuhr nach der Stätte des Unheils.

Dort angekommen, bettete er drei starke Tellereisen um die zerrissenen Reste seines Zuchtschweinchens und fuhr wieder heim, um sich an Wodka und Sakuska zu stärken.

Würgezahn erwachte aus seinem Schlaf und seinem satten Hindösen erst sehr spät. Er löste sich, soff eine Menge Wasser, fraß etwas Gras und lief, sobald es dunkel wurde, zu den Resten des Schweinchens, das ihm so gut geschmeckt, und dessen Fang ihm so viel Vergnügen gemacht hatte. Bisse in speckiges Fleisch bei Quieken und Todesgeschrei sind höchste Wonne für einen Wolf. So was vergißt sich nicht leicht.

Würgezahn trabte also stracks hin zum Tatort und hielt in seinem Lauf erst inne, als er schon recht nahe an den Schweineresten war.

Zunächst umschlug er vorsichtig die Stätte und nahm genauestens Wind. Nachdem er festgestellt hatte, daß keine frischen Menschenspuren zu wittern waren, kam er näher und umging den Platz abermals.

Es roch weder nach Mensch noch nach Hund – aber es roch nach – Fuchs.

Nach Fuchs, richtig nach Fuchs …

Da treibt ihn die Neugier eilig herbei. Er sieht bald die Schweinereste, sieht auch, wie eine dunkle Gestalt sich bewegt, hört das Rasseln der Kette des Eisens, das den verzweifelten Fuchs unbarmherzig gefangen hält, und springt in Wut und Gier dem armen Reineke an die Gurgel. Einen Fuchs abzuwürgen, macht keine Mühe. Ein paar Bisse – und die Sache ist erledigt.

Als Würgezahn aber den Fuchs ein wenig weiterschleppen will – schnappt etwas an seinen linken Vorderfuß.

Erschreckt springt er steil in die Höhe, reißt, zerrt und löst sich von dem allzu schwachen Eisen, das ihn an zwei Zehen gepackt hatte.

Dann aber läßt er Schwein – Schwein, Fuchs – Fuchs sein und rast – ein wenig lahmend – davon, tief in die Steppe hinein und in den bergenden Burjan.

Seitdem fehlen ihm zwei Zehenglieder des linken Fußes …

In vier, fünf Tagen hat er sich ausgeleckt und ausgeheilt; denn das Tier der Wildnis hat gesundes Blut.

Seitdem aber mißtraute er Füchsen, die nicht von der Stelle können, und auch Schweineresten.

Der Spätherbst hatte starke Regengüsse und schwere Fröste gebracht. Es gab Glatteis und Krusteneis, und stellenweise war die Steppe wie in eine Glasschicht gehüllt.

Diese Glatteisperiode war ein Fest für Würgezahn. Er hatte sich auch – ganz zufällig – wieder mit Zangenbiß getroffen, da dieser ganz in der Nähe sein Jagdrevier ausgewählt hatte, und hatte mit ihm ein paar Wochen zusammen gejagt. Merkwürdig: sonst duldete er keinen anderen Wolf in seiner Nähe, selbst Wölfinnen nur zur Ranzzeit im Spätwinter – diesen Artgenossen aber, der ebenso groß und grau war wie er selbst, duldete er nicht nur, sondern mochte er sogar gern leiden.

Als sich die Brüder trafen, fletschten und knurrten sie sich zwar an – dann aber berochen sie sich sorgfältig, winselten ein wenig, näßten nacheinander nach Hundeart an Süßholzsträuchern, rochen und schnupperten daran und – trabten sodann friedlich hintereinander her.

Eines Tages hatten die Brüder ein Schaf gerissen und waren gerade beim Morgenfraß, als die Bauern mit ihren riesigen, wütenden Hunden kamen, um den Überfall zu rächen.

Würgezahn und Zangenbiß wußten Bescheid: diese Hunde können dem stärksten Wolf gefährlich werden; ja, es gibt unter ihnen Tiere, die selbst Menschen zu zerreißen imstande sind. Zwei, drei solcher Hunde, solcher großer, langzottiger Bestien, besiegen selbst einen alten Wolf.

Hier aber waren viele, sehr viele Hunde und außerdem noch Bauern, von denen sicherlich der eine oder andere ein Knalleisen bei sich hatte.

Eiligst flohen die beiden Wölfe, ihr kaum angefressenes Schaf im Stiche lassend, dem Schilf des Manytsch-Tales zu und waren froh, als das Röhricht hinter ihnen zusammenschlug.

Eines Morgens hatte es Regen und Frost gegeben. Schon sehr zeitig waren die Wölfe, trotzdem sie die halbe Nacht gejagt hatten, wieder auf der Steppe, um Beute zu machen.

Sie fanden bald eine Stelle, wo Trappen übernachtet hatten, und folgten nun in Eile den Spuren der großen Vögel.

An den hohen Kurganen, wo sich die Trappen hinbegeben hatten, um ihr nasses, fast zu Eis gefrorenes Gefieder aufzutauen und zu trocknen, erreichten die beiden Wölfe den Trappenschwarm.

Es waren neun große, schwere Vögel.

Unfähig, ihre Flügel wirksam zu gebrauchen, liefen die Trappen voller Angst davon und suchten die tiefere Steppe zu gewinnen, wo sie sich im Burjan hätten verstecken können.

Umsonst! Wölfe laufen schnell, viel schneller als die schnellsten Trappen.

Bald hatten die Wölfe je einen der großen Vögel am Halse und zerrissen sie, während die anderen nach atemlosem Lauf den schützenden Burjan erreichten.

Ein schwarzer Milan glitt über die Schmausenden hinweg, eine verspätete Steppeneule flog mit zornigem »Schäk, schäk« über ihren Köpfen hin und her, ein paar Krähen stießen schimpfend nach ihnen – es focht sie, die Hungrigen, nicht an.

Erst, als Kalmücken mit ihren Kamelen auf der Straße daherkamen und beim Anblick der Wölfe ein lautes Geschrei erhoben, zogen sie in langsamem Trabe davon. Noch lange hörten sie das Schreien der Lastkamele, die die schweren Fuder zogen: Bä – öh, ä …

Als aber der Winter sich dem Ende zuneigte und die Zeit der neuen Minne kam, trennten sich die Brüder. Ohne Streit, ohne Kampf. Denn es waren noch keine Wölfinnen da.

Würgezahn trabte nach Norden, Zangenbiß ging nach Süden.

So fanden sie, was sie suchten, und legten Grund zu einem neuen Geschlecht.


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