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Siebzehntes Kapitel

Zwei hünenhafte Schutzleute und ein Mann in Zivil drangen mit geladenen Revolvern in das Laboratorium ein.

»Ist Edmund Hall hier?« rief der Zivilist, ein Herr mit weißem, kurzgeschnittenen Schnurrbart und roten Wangen. Er erblickte Hall und richtete den Revolver auf ihn:

»Die Hände her!«

Hall blieb ruhig sitzen.

»Verzeihen Sie, aber was wünschen Sie?« fragte Mason und sah den Weißbärtigen kritisch an.

»Wer sind Sie,« fragte der Mann barsch und zeigte mit dem Revolver auf Masons Brust. »Wollen Sie gefälligst die Hände ausstrecken!«

Mason erhob die Hände wie zu einem Salaam, er lächelte unendlich überlegen:

»Regen Sie sich, bitte, nicht auf! Mein Name ist Thomas A. Mason London, Beamter der Geheimpolizei. Sie sagten, Sie hießen?«

»Higgs, Detektiv hier aus der Stadt. Hallo! Halten Sie ihn! Halten Sie ihn!«

Hall hatte sich erhoben und stand da, die Whiskyflasche am Munde. Die beiden Schutzleute eilten herzu und entrissen sie ihm.

»Legt ihm die Eisen an,« befahl Higgs.

»Herr Hall ist mein Arrestant!« rief Mason sehr bestimmt. »Ich erhebe Protest dagegen, daß Sie ihn anrühren! Im Namen Sr. Majestät des Königs von England! Verletzen Sie nicht die britische Nation, meine Herren!«

»Ich … auf die britische Nation,« sagte Higgs wild. »Welches Anrecht haben Sie auf den Mann da?«

»Was sagten Sie, daß Sie täten?« rief Mason erbleichend aus. »Jesus Christus! Das sollen Sie bereuen! Wissen Sie, was es heißt, das britische Kaiserreich verhöhnen? Kartätschenfeuer aus schnellschießenden Kanonen heißt das! Zur Hölle auch! Ich werde ein Panzerschiff hierher in Euren gottvergessenen Hafen legen und Eure gottverdammten Wolkenkratzer in Grus und Mus über Euch zusammenschießen!«

»Und ich will Eure elenden Panzerschiffe mit Minen und Torpedos in die Luft sprengen,« sagte Higgs und trat dicht an Mason heran. »Ich bin ein Amerikaner! Ich werde Iowa und Illinois nach Eurem Dreck-London hinüberschicken und an Land gehen und Euch allen Eure eigenen Gedärme um Euren Hals wickeln! Ich will Euren gottverdammten Hyde Park zu einem Düngerhaufen von rauchenden Leichen machen!«

Sie standen dicht nebeneinander mit vorgestreckten Gesichtern und sahen sich in die Augen.

»Ich fürchte sehr, Illinois und Iowa werden nicht über Sandy Hook hinauskommen, ehe etwas an der Maschinerie in Unordnung gerät, dank dem blühenden Schwindel in diesem Lande,« entgegnete Mason schlagfertig. »Sprecht nicht von Landen im alten England, Ihr, die Ihr für eine Küstenstrecke von tausend Meilen nur zwei Ballerbüchsen habt!«

»Sch … mir was,« sagte Higgs. »Wir schlagen Euch nach jeder Richtung hin. Wir haben Euch geschlagen! Wir haben Euren Handel und Eure Industrie vernichtet. Wir amerikanisieren die ganze Welt! Geht nach Hause und legt Euch in das alte fettige Alkovenbett, das dies England ist, geht nach Hause und verfault in Londons giftigen Kloaken und verbreitet keinen Gestank hier in dem reinlichen Amerika!«

»Ich will Euch zum Trocknen auf der Brooklyner Brücke hängen sehen,« sagte Mason. »Ihr Prahlhänse, die Ihr nicht einmal trocken hinter den Ohren seid, wenn Ihr alte Männer seid.«

»Geh nach Hause und stirb als galoppierendes Mitglied einer Bibelgesellschaft!« sagte Higgs und schwang den Revolver in der Luft.

Mason schrie und fuhr mit der Hand in die hintere Tasche, um den seinen herauszuholen. Higgs aber setzte ihm den Lauf auf die Stirn.

»Her mit den Händen, infamer Kerl!« heulte er.

»Sie haben die Gewalt über mich,« sagte Mason plötzlich ganz ruhig und streckte die Hände aus. »Gut, Herr Higgs. Wollen Sie dann nicht wenigstens die Güte haben, mir zu sagen, was Sie von meinem Gefangenen wollen?«

»Von Ihrem Gefangenen? Welches Anrecht haben Sie auf ihn?«

»Er hat sich vor einem Augenblick zu einem unter englischer Gerichtsbarkeit begangenen Morde bekannt.«

»Das ist mir ganz einerlei. Er hat vor drei oder vier Stunden einen empörenden Mord auf amerikanischem Grund und Boden begangen! Er ist in meiner Gewalt!«

»Wie beliebt?«

Higgs nickte, so daß seine Zähne zusammenschlugen.

Mason sperrte die Augen auf.

»Das muß ich sagen! Ein Mord vor drei oder vier Stunden! Wo? An wem? Das ist doch unmöglich! Hall?«

Higgs trat an Hall heran, der sich auf den Stuhl gesetzt hatte und, von den beiden großen Schutzleuten bewacht, dasaß.

»Ihr Automobil ist umgestürzt draußen am Strande von Long Island gefunden worden. Darunter lag die Leiche der Sängerin Madame d'Ora, durchs Herz geschossen. Sie haben das getan.«

»Ja,« antwortete Hall.

»Legt ihm die Handeisen an!« befahl Higgs.

Da entfuhr Mason ein Klagelaut. Er stand da, eine Verkörperung aufrichtigen Kummers und tiefer Verzweiflung.

»Hall, Hall!« sagte er kopfschüttelnd. »Wären wir doch nur sofort abgereist! Wir hätten nach Boston fahren und uns dort versteckt halten können, bis wir uns einen Dampfer gesichert hätten. Warum haben Sie mir das denn nicht erzählt? War das fair von Ihnen? Ich habe die Arbeit eines halben Jahres umsonst getan.«

»Sie sind des ›Stuhles‹ sicher,« sagte Higgs munter zu Hall.

Hall lächelte, glühend von dem genossenen Spiritus.

»Meinen Sie, daß ich auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werde?«

»Bei Gott, das werden Sie. Falls Sie nicht verrückt sind oder Protektion haben. Ja, Sie werden auf dem Schlummerstuhl festgemacht werden, und dann wird man Sie mit einem Strom von zweitausend Pferdekräften durch das Rückgrat herunterkitzeln.«

»Ich habe selber die Berechnungen für ›den Stuhl‹ gemacht,« sagte Hall und ließ lächelnd alle seine Zähne sehen. »Das ist doch amüsant.«

»Herr Higgs,« sagte Mason fast niedergeschlagen, »ich übergebe Ihnen den Gefangenen. Ich kann ihn ja nicht behalten. Ein halbes Jahr Arbeit verloren, gerade als ich am Ziel stand. Sehr fatal!«

»Ja, Sie tun mir wirklich leid,« sagte Higgs.

Mason trat an Hall heran und legte die Hand auf seine gefesselte Rechte.

»Leben Sie wohl,« sagte er wirklich bewegt. »Ich hätte nicht gedacht, daß es so kommen würde. Es – es tut mir leid, mich von Ihnen trennen zu müssen, Hall. Ich konnte Sie so gut leiden! Abgesehen von Ihren blutigen Taten, gefielen Sie mir recht gut. Ich habe nicht in unfeiner Weise nach Ihren Motiven geforscht, nicht wahr? Ich glaube, Sie sind ein unglücklicher Mann. Es muß sonderbar in Ihnen aussehen. Mein Gott, Sie haben also die unglückliche Madame d'Ora erschossen, Ihre gute Freundin! Hall, warum ließen Sie sie nicht leben? Was hatten Sie gegen sie?«

»Sie war meine Frau,« sagte Hall und lachte schluchzend. »Verzeihen Sie den Witz.«

Higgs und Mason sahen sich an.

»War Madame d'Ora Ihre Frau?« fragte Mason vorsichtig. »Waren Sie getraut?«

»Wir haben uns vor zehn Jahren verheiratet,« murmelte Hall. Sein Kopf sank auf die Brust herab, »darf ich ein wenig schlafen?«

»Die Sache ist von großer Bedeutung,« sagte Higgs. »Nein, Herr Hall, Sie dürfen nicht schlafen. Sie müssen warten, bis wir Sie hinter Schloß und Riegel gesetzt haben.«

Mason und Higgs sahen sich mit bedeutungsvollem Kopfschütteln an.

Es schellte. Mason dämpfte unwillkürlich die Schritte, als er hinging und öffnete. Draußen standen Frau Mc Carthy und Mirjam, zwei zitternde Gestalten. Ohne ein Wort zu sagen, schlüpfte Mirjam an Mason vorüber, ins Laboratorium hinein. Sie sah Hall und warf sich vor ihm nieder, umfaßte seine Kniee.

»Verzeihung!« jammerte sie. »Edmund Hall! Verzeihung!«

 

Ende

 


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