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Neuntes Kapitel

Madame d'Ora trat also in New-York auf, und sie hatte einen stürmischen Erfolg; namentlich ihre ›Carmen‹ erweckte die Begeisterung der feurigen Amerikaner. Nachdem sie einen Monat lang in einem märchenhaften Rausch von Gesang und Erfolg auf dem Theater, und von Fest und Furore mit Edmund Hall umhergewirbelt war, ging Madame mit unermüdlicher Energie auf ihre große Tournee durch die Staaten. Als sie gereist war, verschwand auch Edmund Halls nervöses und kaltes Gesicht aus den fashionablen Cafés und von den Promenaden. Und die Blätter, die sich sehr freimütig mit den beiden bekannten Namen beschäftigt hatten, ließen sie aus dem öffentlichen Bewußtsein fallen, plötzlich und total, so wie es die Presse in Amerika, die keine Erinnerung hat, zu tun pflegt.

Drei bis vier Wochen später paradierte Edmund Halls Name wieder obenan in den Sonntagsnummern der Zeitungen zusammen mit riesenhaften Illustrationen und mehr oder weniger authentischen Interieurs, aus deren ziemlich verwirrten Mitteilungen hervorging, daß der berühmte Gelehrte sich jetzt ganz und gar dem Studium des modernen Spiritismus gewidmet habe. Ein Blatt sah sich sogar imstande, das Bild eines weiblichen Geistes zu bringen, der bei den Sitzungen erschienen war. Alle Blätter versprachen weitere große Mitteilungen, aber am nächsten und in den darauffolgenden Tagen brachten sie nichts, und damit war die Sache aus. Edmund Hall hatte seine Tür allen Reportern gesperrt.

Nachdem sie drei Monate weggewesen war, kehrte Madame d'Ora zurück, feurig und mit Lorbeeren bedeckt. Sie stand da an einem heißen Augusttage mitten in Edmund Halls Laboratorium, als sei sie nur eine Stunde weggewesen, stand da, ihre Schleppe um die Füße gewickelt wie eine Wasserhose aus lauter Jugend:

»Edmund, wie ist es dir ergangen? Du hast viel gearbeitet, du siehst sehr überanstrengt aus … Deine Augen sind doch wohl nicht schlechter geworden? Ich finde, ich kenne dich gar nicht recht. Ja, ich bin aber auch schrecklich lange weggewesen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, Edmund, was für einen Erfolg ich gehabt habe, Edmund, und wie ich mich amüsiert habe! Es ist ein wunderbares Land, dies Amerika. Die Leute hier sind ja wahnsinnig … Alles, auf was wir in der Trunkenheit verfallen und worüber wir dann fabeln können, das tun sie. Denk dir, in Frisco schießt man mit Rosen zu mir auf die Bühne herauf – aus einer Kanone! Ich sang in einer Stadt, die Seattle heißt, das war außerhalb meiner Route, aber man überredete mich dazu, eine Deputation von Männern mit Gardemaß, und da erhalte ich ein großes, wunderschönes Bukett mit einem Stück Papier, und darauf steht – wessen Name glaubst du wohl … Dan Jelley! Der Name des Mörders, des großen Räubers und Banditen! Und am nächsten Tage lese ich, wie man einen Reiter in der Nacht hat dahinsprengen sehen, wie ein Gärtner aus dem Bett geholt und gezwungen ist, das Bukett zu binden … Denk dir, da habe ich vor dem schrecklichen Räuber gesungen, und er hat das Leben aufs Spiel setzend, von Mordwaffen strotzend dagesessen und mich singen hören! Ich sage dir, es ist wunderbar im Westen. Der stille Ozean ist herrlich und lustig, und dann weiß man, daß er direkt bis Japan geht. Wie gut mir San Francisco gefallen hat, die Leute sind so schlank und unbändig, immer darauf bedacht, über die Stränge zu schlagen, sie wollen Luft trinken und die ganze Zeit in Spannung sein und auf der Straße Cour schneiden und Geld rollen lassen … genau so wie in Paris, aber sie sind jünger, hungriger in Frisco. Was für Augen sie haben, offen wie das Meer, welche Lebenslust in ihnen allen steckt! Ach, das ist eine Stadt von Durchgängern! Du kannst mir glauben, da bin ich gern gewesen – ich schwamm jeden Tag im Stillen Ozean, und da war ich kurz davor zu ertrinken, das heißt, ich kreischte, weil ich es glaubte und wurde von einem hünenhaften Tunichtgut an Land gebracht, der hinterher beinahe von der Menge gelyncht wurde – man umringte ihn und brachte drei wilde Cheers für ihn aus und bewarf ihn mit einer goldenen Uhr, einem kostbaren Sonnenschirm und einer Diamantnadel … es war großartig. Amerika, das ist ja lauter Jugend, die Jugend aller Nationen wieder von vorne angefangen – in Frisco wimmelt es von Backfischen, so wie in Christiania, aber sie sind aus allen möglichen Rassen zusammengemischt – ausgenommen aus der, die ein Gewissen hat; Gott weiß, welcher Nationen Teufelei man nicht in ihrem Blute findet. Und dann denke dir – sie sind alle unschuldig! Ich interessierte mich ja für sie und studierte sie mit einem Eifer, der von dir beeinflußt sein könnte, Edmund … ja, sie sind alle keusch, obwohl sie die herausforderndsten Augen haben. Aber es ist, als hätten sie keine Eile, das Glück wird ihnen schon zufallen. Ich kann dir nicht erklären, wie gerührt ich mich hierüber fühlte … Denk nur, auszusehen, als verberge man alle Erfahrungen einer verhärteten Sünderin unter seinen sechzehn Jahren, und dann eine Welt von Liebe vor sich haben! Aber das ist wohl ›die neue Welt‹. Ich muß sagen, ich bin imponiert. Und ich, die ich mir das Wetter hier drüben bürgerlich vorgestellt hatte, so recht ein Wetter für Quäker und rationelle Landleute, ich bin starr über dies wilde Klima. Das ist ja ein Vollblutklima, das Wetter ist ja nervös und gefühlvoll – alle Kalender der Welt zusammengeschüttelt und erneuert. Jetzt diese Hitze, die wir haben, sie wirkt ja frisch, es ist nicht der alte Backofen des ›Südens‹ – es zerspringen Wärmebomben in der Luft, ich bin durch eine Nation in Hemdsärmeln gereist, die Tragbänder kreuzweis über den Rücken, und sie keuchen und verdienen Geld dabei, deswegen geht alles genau so flott – in Chicago schlafen sie in Betten auf der Straße … man sollte fast glauben, daß diese Millionen von Hitzköpfen das Thermometer in die Höhe trieben …

»Was für eine Kammer oder ein Zelt hast du denn da aufgestellt, Edmund … einen neuen Apparat, um sich als Skelett zu sehen? Und du hast ein Harmonium bekommen? Ich glaube gar, du spielst geistliche Lieder! Aber was für häßliche Vorhänge hast du doch an den Fenstern angebracht. Immer hast du etwas Neues vor! Ich habe jeden Tag an dich gedacht, der du hier oben in deiner wissenschaftlichen Gondel schwebst und deine Arbeiten ausführst und zu den Wolken hinaussiehst und die Kleinen tief unten lärmen hörst. Ich kenne niemand, der sich so wie du einrichten kann, ohne die Welt fertig zu werden und sie doch zu besitzen. Aber wie herrlich ist es, dort unten mitten im Gewimmel zu sein, – für ein schwingenloses Geschöpf wie ich es bin – wie ich es liebe, im Gedränge festgeklemmt zu sein, Flaggen über dem Kopf zu sehen und die große Trommel in der Straße näher kommen zu hören! Du lächelst, Edmund … früh, ganz früh, heute morgen sah ich den Niagara aus dem Coupéfenster und hörte die Wassermassen tönen, es war so groß, – ach, wie groß es war.«

Madame d'Ora schwieg schwelgend und schüttelte demütig den Kopf; gleich darauf traten ihr Tränen in die Augen, sie lächelte, und neue Bilder erfüllten sie:

»Edmund, ich war in New-Orleans, natürlich, und in St. Louis und in einer Menge andrer Städte in den Südstaaten. Und ich reiste über die Prärien und durch die Berge und über die Steppen, wo nichts war als Salz und Pottasche – und ich war ja in Utah. Jetzt sollst du einmal hören, dort kam ich in die Gesellschaft von Mormonen – smart sind sie, aber sonderbar geheimnisvolle Leute, die dreist und versteckt blinzelten, als spielten sie alle mit unanständigen Karten – und dann fällt mir ein, was du von diesem Evanston sagtest, als wir zusammen an Bord waren. Denk nur, er ist wirklich Mormone! Sie freuten sich so in Utah, als ich von ihm erzählte, und er schien ein großer Mann bei ihnen zu sein. Er ist einer ihrer besten Agenten, der immer umherreist und Proselyten macht. Man ließ mich mit großer Ehrfurcht verstehen, daß Evanston der Sohn eines der allerersten Mormonen sei, und erzählt, daß er in einem Emigrantenwagen geboren wurde, gerade als die Indianer den Zug angriffen. Und er sei aus guter Familie, sagten sie, sein Vater sei gar nicht nach Amerika gekommen, weil er etwas ›getan habe‹ – ist das nicht allerliebst! – er sei seinerzeit aus Europa ausgewandert unter dem unbestimmten Gefühl, daß er in der Ferne einen geistigen Beruf zu erfüllen habe. – Man machte übrigens einen kleinen liebevollen Versuch, mich für die Lehre Mormons zu interessieren, aber ich beeilte mich, meinen eigenen Kinderglauben zu bekennen, der sich ja auf die Voraussetzung einer Mehrheit von Männern stützt. Dann war, weiß Gott, einer so witzig zu entgegnen, daß Mormon in seiner Lehre von einer Mehrheit keineswegs von dem Geschlecht geredet habe … drollige Leute! Du siehst verstimmt aus, lieber Edmund, nun glaubst du sicher, daß ich mir etwas aus diesen armen, gierigen Psalmisten gemacht habe … Ach, Edmund, ich bin auf dieser ganzen Reise kaum ein einziges Mal verliebt gewesen. Aber ich habe mich gesehnt, ich habe mich nach dir gesehnt, Edmund. Und du hast mich noch nicht ein einziges Mal verliebt angesehen, seit ich gekommen bin, nicht einmal freundlich …«

Madame, die sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, erhob sich langsam, aber sie überwand ihre Bewegung, setzte sich wieder und sah mit sehnsuchtsvollen Augen zu Edmund Hall hinüber.

»Ist es dir gut ergangen?« fragte sie ruhig. »Komm, setzen wir uns ein wenig an die Fenster. Ich werde auch bald gehen. Du bist weit weg, Edmund, woran denkst du? Bist du unruhig?«

Sie schwiegen lange. Dann sieht Madame d'Ora mit einem Gesicht auf, das seine Fassung ganz wiedergewonnen hat, ihre Augen schimmern von einer tiefen Wärme, sie sieht und sieht Edmund an, bis sie errötet und den Kopf senkt. Dann sieht sie wieder auf und lächelt:

»Vielleicht bin ich doch einmal in Chicago verliebt gewesen – obwohl, nein. Ich traf dort einen jungen Dichter, der ein großes Lied auf mich schrieb. Meine Begeisterung über Amerika habe ihn dazu angeregt, sagte er. Aber wie gut er selber über seinen Weltteil sprach, über die Bisonochsen und den Schnee, über die Eisperiode, über Columbus und den Mississippi! Er war der lebhafteste und der zarteste, ich meine, der glanzvollste Mensch. Er machte denselben allwissenden Eindruck wie du, Edmund, er hatte dieselbe Art und Weise, alles zu schätzen. Er ist berühmt als Fußballspieler. Aber trotzdem konnte ich ihn nicht lieben. Er glaubte eine Menge erhabenen Unsinn von mir, bewunderte mich hartnäckig wenn ich fluchte und trank. Er war allerliebst.«

Edmund Hall sagte nichts. Madame d'Ora beugte sich vornüber und schien in Gedanken zu versinken. Dann hustet sie und bemerkt leise:

»Er kommt hierher.«

»Wer?«

»Ralph.«

»Ach so!« Edmund nickt sehr wohlerzogen.

»Du ahnst ja gar nicht, wer Ralph ist,« ruft Madame d'Ora aus. »Sagte ich, daß er so heißt, mein Dichter aus Chicago? Gut, er ist es, und er kommt wirklich. Ralph Winnifred Lee. Er schreibt sehr schön, und ich erlaubte ihm, mich hier in New-York zu besuchen.«

Edmund Hall schwieg noch immer mit einer außerordentlich korrekten Miene. Da bricht Madame d'Ora in ein lautes, fröhliches Lachen aus, in das sich jedoch ein wenig bittre Heiserkeit mischt, und ehe Edmund Hall sich's versieht, stürmt sie ihm an den Hals und weint. Und er wird ganz froh, sieht auf ihr Haar an seiner Brust und errötet, der dunkle Kneifer fällt ihm von den Augen. Er empfindet Dankbarkeit, daß Leontine abermals am Rande einer Niederlage gesiegt hat. Alle Künste und alle Kälte sind verschwunden, übersprungen, vergessen, und nach einer Weile sitzen sie da und plaudern ganz unbefangen und vertrauensvoll wie vor Leontinens Reise. Aber Edmund ist zerstreuter und dabei doch aufmerksamer, als er zu sein pflegt, und das entdeckt Leontine bald.

»Und nun erzähle mir, was du angefangen hast, Edmund, und was geschehen ist, während ich fort gewesen bin. Ich habe ja die ganze Zeit gewußt, daß dich etwas beschäftigte, aber nicht wahr, ich mußte doch wissen, wie wir zueinander stehen, ehe wir davon sprachen …«

Hall sah auf, als ob seine Stimmung durch diese Bemerkung ein wenig aus dem Gleichgewicht käme. Aber Madame d'Ora legte in demselben Augenblick ihre beiden warmen Hände auf die seinen.

»Du hast mir nicht ein einziges Mal geschrieben, Edmund.«

»Das haben wir ja noch nie getan. Wir einigten uns doch schon vor mehreren Jahren dahin, daß wir nicht füreinander existieren wollten, wenn wir nicht direkt zusammen wären.«

»Wohl wahr, aber diesmal versprachst du mir zu schreiben. Ich ließ doch hin und wieder von mir hören. Aber ich konnte ja in den Zeitungen von dir lesen …«

Madame d'Ora schwieg und wartete nun mit geheimer Angst, daß sich Edmund getroffen fühlen sollte. Als er keine Miene verzog, konnte sie sich nicht länger beherrschen, ihr Gesicht verzog sich häßlich.

»Ich habe von deinen ›Versuchen‹ mit Mirjam Karekin gelesen. Es stand in einer kalifornischen Zeitung. Edmund – Edmund …«

Er konnte sehen, wie etwas in ihr aufwallte, erstickend und unwiderstehlich, etwas viel Wilderes als das Weinen vorhin, und er war auf Geschrei und Krämpfe vorbereitet, aber es mußte eine lähmende Wirkung in seinem Blick gelegen haben, denn sie schnappte nach Luft, als sie ihn ansah und sank dann zusammen. In den Stuhl zurückgelehnt, fuhr sie fort, ihn anzusehen, während sich Müdigkeit und Schmerz über ihr Gesicht breiteten, und die Hände zitternd in den Schoß sanken. Ihr Blick wurde so schwer und fern, indem die Tränen die Augen füllten und anfingen, an den Wangen herabzurinnen. Sie seufzte schließlich und bewegte den Mund so gehorsam, zog das Taschentuch heraus und preßte es gegen beide Augen. Und während sie fortfuhr, es dort festzuhalten, flüsterte sie mit feuchter Stimme:

»Du liebst niemand, Edmund. Auch Mirjam nicht. Mich nicht. Niemand. Das ist vorbei.«

Edmund Hall räusperte sich und fragte sehr vorsichtig:

»Würde es dir eine Beruhigung sein, die Wahrheit zu hören, in welchem Verhältnis oder vielmehr, in welchem Mangel von Verhältnis ich zu Fräulein Karekin stehe? Du kannst, wenn du es willst, Gelegenheit haben, selbst deine Beobachtungen zu machen, sie kommt heute mit Frau Mc Carthy, bei der sie wohnt, hierher. Wenn du dir noch andre Sachen zu Herzen nimmst, so fürchte ich, daß ich dir nicht helfen kann.«

»Edmund!« rief sie angsterfüllt und nahm das Taschentuch von den Augen, starrte ihn an, der rücksichtsvoll dasaß und sich wie unter einem Hagelschauer duckte. Dann legte sie untröstlich das Tuch wieder vor die Augen und weinte weiter, – nach einer Weile stärker und unglücklicher, als fühle sie einen Schlag. Edmund Hall erhob sich still und ging in das Laboratorium hinaus, wo er unschlüssig stehen blieb. Nach einer Weile stand auch Leontine auf und fing an, hin und her zu gehen, beständig weinend und das nasse Taschentuch ringend. Sie kam an Edmund vorüber, dort wo er stand, sah ihn aber mit ihren weinenden Augen nur fremd an. Sie ging lange unruhig aus der einen Ecke des Laboratoriums in die andre, bis ihr Frauenblick auf einen Spiegel fiel, da blieb sie stehen.

»Ich weine, und ich bin alt,« sagte sie mit heiserer Stimme und sah sich in den Spiegel, führte einen Finger unter die Augen. Der Spiegel ward ganz betaut von ihrem nassen Gesicht, sie trocknete ihn mit der Hand ab und spiegelte sich wieder, suchte ihre verweinten Lippen wieder in Fasson zu bringen.

»Jetzt weinst du dir ja auch alle Schminke vom Gesicht,« stammelte Edmund und lachte tröstend. Sie wandte sich um und sah seine Augen vor Schmerz glänzen.

»Ja,« lachte sie froh und gerührt, »das tue ich auch!«

Sie trat einen Schritt auf ihn zu, mußte aber stehen bleiben, und als sie den Mund öffnete, um Luft zu schnappen, bekam sie einen heftigen Anfall von Schluchzen, der sie von Kopf zu Fuß erschütterte. Sie schaffte sich Luft in ein paar langen Klageschreien und konnte dann wieder gehen, schlug die Richtung nach einem Stuhl ein und setzte sich, den einen Arm über die Rücklehne hängen lassend. Dort ließ Hall sie ausweinen. Als sie aber nicht mehr schluchzte, stand sie auf und kam mit lautlosem Gang und lächelnd zu ihm hin, in die Ecke bei den Fenstern. Das Weinen hatte ihre Züge verjüngt, aber die Augen lagen verloschen unter den tiefen Brauen. Sie bat nicht, schlafen zu dürfen, wie sie es sonst tat, wenn sie sich matt geweint hatte, sie setzte sich artig an den Tisch und nickte ihm zu wie ein Schulkamerad, der Prügel bekommen hat, dem andern. Sie sagten nichts. Leontine atmete hin und wieder noch einmal krampfhaft auf. Sie betrachtete ihre Hände.

»Kann ich mich wohl waschen, Edmund?« fragte sie sehr gefaßt und sah ihn treuherzig an. »Wie blaß du bist!« fügte sie hinzu.

»Ja, du kannst dich waschen,« sagte Hall und ging hinter einen Schirm wo sich eine Waschkumme und Wasserhähne befanden Sie folgte ihm und lachte leise bei dem Anblick der Dinge.

»Herrlich,« murmelte sie und stemmte beide Hände tief in die Kumme hinein, während Hall das Wasser laufen ließ. »Ah!« Sie streifte die Ärmel bis zu den Ellenbogen auf und ließ die Wasserstrahlen an den Handgelenken herablaufen. Plötzlich beugte sie sich hinab und steckte das heiße Gesicht in das Wasser, blies Blasen darin, pustete. Hall wollte sich entfernen, sie aber wandte den Kopf um und sah es.

»Geh nicht, Edmund,« bat sie. »Du mußt mir wirklich das Handtuch reichen.«

Sie schüttelte das Wasser ab und lachte mit einem erfrischten Blick, blies die Tropfen vom Munde und fing an, sich abzutrocknen, sie lächelte abwesend aber als ob alles gut sei. Ihre Bewegungen waren schneller als sonst, und es lag etwas Zerstreutes über ihr. Während sie zwischen den Sachen auf der Marmorplatte kramte, entdeckte sie ein Rasiermesser und nahm es schnell auf, sah sich nach etwas um, wozu sie es verwenden könne.

»Hast du ein Rasiermesser, Edmund?«

»Wie du siehst.«

Leontine betrachtete ihre Unterarme, die leicht beflaumt waren mit einzelnen langen blonden Borsten dazwischen, sie strich sich daran herunter und zuckte zusammen.

»Darf ich mich rasieren, Edmund?«

»Was fällt dir nur ein? Auf keinen Fall. Du schneidest dich nur.«

»Ach ja, Edmund, laß mich! Bitte!«

Hall lachte kopfschüttelnd. Er sah mit Staunen, wie sie ohne zu suchen den Rasierpinsel fand und in einem Augenblick damit in der Seifenschale herumgerührt hatte. Er nahm indes das Messer. Leontine seifte hastig den linken Arm ein, aber als sie dann das Messer genommen hatte, machte sie ein enttäuschtes, flehendes Gesicht.

»Laß es mich denn doch wenigstens tun,« sagte Hall, »du schneidest dich ja nur.«

»Nein,« bat sie und packte ihn beim Arm. »Nein, ich will selber. Laß mich jetzt! Ach, Edmund, gib es mir! Gib es mir!«

Da gab er ihr das Messer, nachdem er es zuvor geschärft hatte. Sie packte es mit einem begehrlichen Blick und rasierte ihren Arm, sicher und mit nur zwei, drei hastigen Strichen. Dann seifte sie gierig den rechten Arm ein und rasierte auch den. Das ging nicht ganz so schnell. Sie lachte und weinte durcheinander, steckte die Zunge aus, sie vergaß alles um sich her, schauderte von Wohlbehagen – aber als es getan war, strich sie sich langsam über die Arme, die jetzt ganz weiß und nackend waren, sie greinte und schämte sich, und das Weinen kehrte ruckweise wieder. Sie sah mit einem Backfischblick zu Edmund auf, schlug nach ihm:

»Ist es dir fatal, daß ich es getan habe? Ich muß ja verrückt sein. Aber es war amüsant. Ja, ja, ja.«

Sie lachte. Ihre Stimme hatte den alten, gurrenden Ton. Dann wandte sie sich rotmündig und gedankenlos nach dem Spiegel um und ordnete ihr Haar. Sie trällerte eine Melodie vor sich hin. Hall entfernte sich.

Leontinens schönes, verblühtes Gesicht trug noch die Spuren der Tränen und der Gemütsbewegung, als sie kam und sich wieder zu ihm setzte, aber sie hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Das schwere, rotblonde Haar war einigermaßen geordnet, und das Gesicht war mit Geschmack gepudert, sie nickte Hall beherrscht zu, streckte die Hand nach einem Glase aus. Hall schenkte Wein ein, und sie leerten jeder ein Glas. Leontine setzte eine entschlossene Miene auf:

»Edmund, ich bin neugierig, etwas von deinen Experimenten mit Mirjam zu hören. Siehst du … ich habe natürlich kein Wort von dem geglaubt, was ich in San Franzisko gelesen habe, daß du Spiritist geworden seiest. Es fiel mir wirklich nicht ein, daß es dein Ernst sein könne, deinen Namen und deine Fähigkeiten für das einzusetzen, was ich unter deinem Einfluß für eine Ansteckung, einen plebejischen Wahnsinn gehalten habe … verzeih, du kannst ja deine Gründe gehabt haben. Aber dann sagst du mir ja, daß ich Unrecht habe …«

»Es ist ganz charakteristisch für dich, daß du dir keinen andern Beweggrund für eine Untersuchung denken kannst, als daß man in die Patientin verliebt ist.«

»Die Patientin – ist Mirjam krank?«

»Nein. Gesund ist sie übrigens auch nicht. Du verstehst mich zu buchstäblich. Fräulein Karekin ist ein Genie, dessen Kräfte ich untersuche, sie könnte meinetwegen gern mit Lupus im Gesicht behaftet sein. Es sind wunderbare Dinge geschehen, seit du weg gewesen bist, Leontine. Ich habe Wunder erlebt. Als ich dich sah, fühlte ich plötzlich, daß ich mir selber in dem letzten Monat fast fremd geworden bin.«

»Ja, du hast dich verändert,« sagte Madame d'Ora gedämpft. »Du bist so eingefallen an den Schläfen. Und mich kanntest du nicht, obwohl ich dieselbe bin. Ist es denn wahr, was ich las – von Geistern und Phantomen – bist du wirklich so weit, daß du an übernatürliche Dinge glaubst?«

»Du weißt, meine Methode hat sich niemals mit Glauben oder Hypothesen oder andern Vorläufigkeiten abgegeben. Ich habe nicht einmal viel gedacht, ich habe experimentiert, möglicherweise analogisiert …«

»Du hast doch philosophische Werke geschrieben, Edmund!«

»Ja, aber meine Arbeiten oder vielmehr meine Arbeit handelt ja gerade von der Abwesenheit des Denkens, von einer Verkürzung … gut, wir sprachen vorhin davon, daß wir einander keine Briefe schreiben wollten – das meine ich, die Dinge existieren nicht, ohne daß wir direkt darauf reagieren. Und der Spiritismus als Wissenschaft existierte auch nicht, ehe ich anfing, meine Instrumente darauf einzustellen. Ich bin selbstredend kein Spiritist. Aber nun habe ich im Laufe von sechs Wochen einige zwanzig Mal mit einem Wesen gesprochen, das, solange wir die nötigen Bedingungen aufrecht erhalten, ebenso körperlich ist, wie du und ich es sind, im übrigen aber seit dreitausend Jahren tot gewesen ist.«

Madame d'Ora sah ihn lange starr an, als wolle sie Gewißheit aus seinem Antlitz ziehen. Wenn sie zu irgend etwas Vertrauen hatte, so waren es Halls ruhige Züge. Und hier konnte sie ja sehen, daß sie nicht einen einzigen Augenblick zweifeln durfte.

»Ist das wahr?« flüsterte sie, – »dann!« Ihr Körper zuckte ein paar Mal heftig zusammen und die Augen, die noch rot vom Weinen waren, wurden ganz rund.

»Ein Gespenst, mit dem du redest, Edmund! Aber das ist ja entsetzlich! Wie hast du nur den Mut? Sie erscheint also in der Luft und ist da – lächelt sie? Denk doch, wenn sie nun mit einem Gebrüll oder einem teuflischen Gesicht ankäme, – sie kommt wohl in der Dunkelheit, am Abend? Bist du auch sicher, Edmund, daß man dich nicht betrügt?«

»Es kann keine Rede von einem Betrug sein. Ich habe von Anfang an die peinlichste Kontrolle geübt. Das Laboratorium hier ist voller elektrischer Fallen und Zäune, die Türen werden jedesmal, wenn wir Sitzung haben, versiegelt, ich habe Apparate konstruiert, die selbst die kleinsten Dinge melden würden, die unsern Sinnen entgehen können. Ich besitze mehrere Photographien von Geistern, darunter vier ausgezeichnete Bilder von Eld. Die photographische Platte betrügt nicht, ebensowenig wie meine andern mechanischen Apparate. Ob das, was ich vornehme, populär ist oder nicht, kümmert mich ja nicht, wie du weißt. Ich lese meine Instrumente ab …«

»Eld?«

»Das ist unser materialisierter Geist. Wir haben mit verschiedenen andern zu tun gehabt, aber nun beschäftigen wir uns fast ausschließlich mit Eld.«

»Du hast bisher nie wir gesagt, Edmund. Was für Menschen sind das, mit denen du zusammen arbeitest? Doch nicht dieser widerliche Evanston?«

Hall nickte kühl.

»Kann ich nicht die Bilder von deinem Geistermädchen sehen?« bat Madame d'Ora. »Eld, das ist ein sonderbarer Name. Liebst du sie? Oh, die liebst du?«

Hall streifte Leontinens Gesicht mit einem harten Blick und sah sie mit fletschenden Zähnen dasitzen, unfähig, ihre Lust, Schaden anzurichten, zu bezwingen. Ihre Finger krümmten sich.

»Hast du die Absicht, jetzt nach Europa zu reisen?« fragte Hall, indem er sich erhob. »Du hast wohl gut auf der Tournee verdient?«

»Verzeih!« jammerte sie heiß vor Reue und schmiegte sich eng an ihn. Er wandte sich ab, aber sie lief um ihn herum, bis sie ihm ins Gesicht sah, und brannte ihre elenden Augen in die seinen, machte sich klein vor ihm und flehte an seiner Brust: »Verzeih! Verzeih!« Und wieder stürzen Tränen aus ihren Augen, sie weint aus dem Herzen heraus, bebt vor Weinen, so daß es sie fast zermalmt.

Hall sieht, daß es nicht nützen kann, mit ihr zu kämpfen, seine Redlichkeit läßt ihn im Stich, er streckt die Hand aus und berührt ihre nasse Wange. Da schlägt sie mit einem tiefen Seufzer der Erlösung die Arme um seinen Hals und hält ihn fest, ruht ihren Kopf an seiner Brust mit geschlossenen Augen, bis sie still wird. Er steht geduldig da und sieht über ihre Schulter hinweg vor sich hin mit einem Gesicht wie ein Mann in herbstlichem Wetter.

»Darf ich schlafen?« flüstert sie endlich und wird im selben Augenblick schwerer.

Er streichelt sie betrübt, antwortet aber nicht. Nach einer Weile zittert sie leise. Er sieht zu seiner Verwunderung, daß sie mit geschlossenen Augen lacht.

»Du hast mich so oft gebeten, schlafen zu dürfen,« sagt sie mit ihrer tiefen, glücklichen Stimme. – »In alten Zeiten, Edmund.«

»Ja, Leontine.«

Endlich schlägt sie die Augen auf und tritt an ihren Stuhl heran, gedankenlos. Sie trinkt ein wenig Eiswasser, dreht an ihren großen Saphirringen.

»In einer Stunde kommen Menschen,« sagt Edmund Hall schonend. »Willst du nicht ein wenig auf dem Sofa schlafen. Du bist sehr müde, Leontine.«

Sie ging sofort nach dem Sofa hinüber und legte sich hin. Sie lächelte glücklich, indem sie die Augen zufallen ließ. Dann kehrte sie mit einem letzten Tränenseufzer die Augen nach der Sofaecke zu und schlief fast im selben Moment.

Als Hall sie Dreiviertelstunden später weckte, hatte sie sich ganz wieder erholt.

»Wer kommt denn, Edmund?« fragte sie.

» Der Kreis. Fräulein Karekin und eine Menge Menschen, die assistieren.«

»Wollt ihr jetzt eine Sitzung veranstalten?«

Hall nickte.

»Jetzt! Mitten am hellen Tage. Ich dachte, man täte dergleichen nur des Nachts.«

»Wir schaffen uns unsre lokale, unsre private Nacht,« erklärte Hall und zeigte auf die schweren Stoffvorhänge an den Fenstern. Madame d'Ora sah von ihm zu den Vorhängen hinüber, und als ihr Blick auf die Stadt fiel, die mit ihren Turmhäusern unter dem blendenden Himmel dalag und in einer unruhigen Weiße von sonnenbeschienenem Dampf, nahm ihr Gesicht den Ausdruck eines panischen Unglaubens an.

»Willst du hier bleiben und der Sitzung beiwohnen?« fragte Hall. Sie sprang auf den Stuhl, ihre Zähne schlugen zusammen.

»Nein,« rief sie entsetzt. »Ich sterbe, wenn ich etwas sehe! Kommt Eld? Nein, nein!«

»Du stirbst nicht,« sagte Hall und lachte so ruhig. Sie starrte ihn in wildem Zweifel an, es zog sie doch, das Schreckliche zu sehen.

»Es ist gar nicht wunderbar oder angreifend, einen Geist zu sehen,« fuhr Hall freundlich fort. »Du wirst kein anderes Gefühl des Unbehagens haben, als wenn du mich ansiehst.«

»Ja, aber es ist doch dunkel. Ach! Weshalb müssen solche Dinge immer im Dunkeln vor sich gehen?«

»Aus demselben Grunde, aus dem man photographische Platten nicht im Tageslicht behandeln kann. Das Dunkel ist chemische Bedingung. Und wenn wir doch die Geheimnisse der Finsternis untersuchen, ist das vom logischen Gesichtspunkt aus wohl ziemlich notwendig. Übrigens haben wir ein wenig künstliches rotes Licht, damit wir uns sehen können.«

»Versprichst du mir, nicht von mir zu gehen?«

»Das kann ich dir nicht versprechen. Ich muß ja meine Arbeit verrichten, meine Aufzeichnungen, die Instrumente … aber ich will dir über den ersten Eindruck hinweghelfen. Nachher, dafür stehe ich ein, wirst du dich vollständig ruhig fühlen.«

»Gut, ich bleibe,« sagte Madame d'Ora und nahm sich mutig zusammen. Aber ihre Augen fingen an, scheu umher zu schweifen. Sie erblickte das Zelt aus schwarzem Sammet, das an der inneren Wand des Laboratoriums stand, geschlossen und mit unbeweglichen Falten. Sie erbleichte.

»Ist das das Kabinett?«

»Ja, du. Aus diesem Zelt kamen eines Tages in der vorigen Woche acht verschiedene Wesen, so lebendig wie ich und du. Aber sie waren sonst das, was wir tot nennen.«

Madame d'Ora schwieg. Nach einer Weile wurde an der Türglocke geschellt, und Hall ging hin, um zu öffnen. Madame d'Ora trocknete die Schweißperlen von ihrer Oberlippe und schnappte nach Luft. Die Hitze war außerordentlich jetzt zu dieser Zeit des Tages. Es war gegen zwei Uhr, die heiße Luft hing still in den offenstehenden Fenstern; der Lärm der Stadt drang herauf, gedämpft, aber mehr noch als Plage wie sonst. Der L-Zug sauste unten auf dem Schienenweg vorüber, die erhitzten Schwellen sangen unter ihm wie ein Holzspiel. Die Brücke da unten verschwamm in einem Kupfernebel mit ihren langsam wandernden Wagenreihen. Eine auseinandergefaltete Zeitung schwebte von dem Gitterwerk herunter und flatterte lange in diesem nebligen Raum umher, bis sie das Wasser erreichte. Das Haus, das man vor vier Monaten zu bauen angefangen hatte, ragte wie ein offner Turm aus roten und schwarzen eisernen Balken auf, ein betäubendes Hämmern scholl aus seinem Innern; tief unten auf dem sonnenweißen Bürgersteig lag die Leiche eines Pferdes, das infolge von Sonnenstich gestürzt war.


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