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Zehntes Kapitel

Herr Mc Carthy und Frau sowie Mirjam traten ein, alle ganz angegriffen und bleich von der Hitze. Madame d'Ora sah sofort, daß Mirjam leidend war. Das junge Mädchen hatte kein Licht in den großen Augen, ihr Kopf sah sonderbar klein aus, und wie dünn sie war! Namentlich aber war der arme, feine Mund verändert, er war so bleich und elend und still, als habe sie eben eine Verblutung gehabt. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, als sie Madame d'Ora sah, veränderte aber im übrigen ihren Ausdruck nicht. Madame d'Ora trat an sie heran, strich ihr liebkosend über das Haar, küßte sie.

»Sie ist ja sehr krank,« flüsterte Madame Edmund Hall besorgt zu, »ihr Mund ist ganz kalt.«

»Hochehrwürden, Herr Mc Carthy, – Frau Mc Carthy,« stellte Hall vor, und Madame grüßte. Sie empfand augenblicklich Mißbehagen, als sie die beiden hysterischen kleinen Menschen sah. Es war lange her, seit sie in Gesellschaft mit andern als Leuten ihrer Art gewesen war, und diese beiden bürgerlichen Erscheinungen versetzten sie gleichsam zu etwas zurück, was sie vor undenkbaren Zeiten verlassen hatte. Sie erblickte im Grunde nur ein Paar niedrigere Tiere in den beiden; aber sie bemühte sich ehrlich, sie nicht einzuschüchtern. Frau Mc Carthy stellte sich vor ihr auf, bedrückt von Verlegenheit und Zuvorkommenheit, sie klebte bereits, gab verliebte Blicke von sich und wußte offenbar keinen andern Ausweg, als über etwas zu schwatzen. Madame befreite sie, indem sie etwas ausfindig machte. Die kleine, verblühte Frau war bald ein seliges Lächeln, unter dem der Speichel auf ihren blanken, falschen Zähnen eintrocknete. Herr Mc Carthy sprang währenddes im Laboratorium geschäftig auf und nieder, schwatzte mit Edmund Hall, und Madame d'Ora, die ihn nicht aus den Augen ließ, bemerkte, daß er sich ziemlich vertraut mit der Umgebung benahm. Dies ärgerte sie und machte sie eifersüchtig, und sie dachte bei sich, daß es wohl das beste sei, wenn sie bei Gelegenheit diesen beiden schmeichlerischen Parasiten einen Fußtritt versetzte. Sie hielt indessen vorläufig die Unterhaltung mit Frau Mc Carthy sehr gnädig im Gange. Mirjam saß auf einem Stuhl und starrte vor sich hin. Lange währte es nicht, bis Frau Mc Carthy von dem einzigen sprach, was sie wirklich interessierte, von den Sitzungen.

»Ich bin ja selber Medium gewesen,« sagte sie mit vorsichtiger Stimme und schlug die Augen nieder. »Aber meine Kraft reichte nicht weiter als bis zum Tischtanz und zur Geisterschrift. Aber wir erhielten viele liebe Mitteilungen, wir standen in mehrjähriger inniger Verbindung mit einer Individualität im Jenseits von tiefstem Ernst, mit einem Wesen, von dem wir Grund hatten anzunehmen, daß es sich auf der Schwelle zu einer vollkommeneren Sphäre befand. Es gibt ja, wie Sie wissen, auch niedrigere, an die Erde gebundene Geister. Harry, so unterschrieb sich unser lieber Geist – verließ uns schließlich, um in eine höhere Entwicklungssphäre einzutreten, von wo aus er sich uns Erdenmenschen nicht mitteilen konnte. Ich habe ihn hier bei den Sitzungen oft gerufen, aber wir haben ihn nicht zu sehen bekommen, sein Astralkörper ist jetzt zu fein, um sich in Fleisch einzukleiden. Mirjams Kraft ist ja ganz einzig dastehend! Das, was wir in den letzten Monaten mit Eld erlebt haben …«

Hier drängte sich Mc Carthy zwischen die beiden Damen.

»Ja,« sagte er schnell und sah Madame d'Ora durch die Brille an. »Ja. Ist es nicht erstaunlich! Das Geheimnis der Welt, über das Tausende nachgegrübelt haben, in allen Einzelheiten klargelegt. Die Religion zentralisiert. Der Nebel vertrieben. – Wir sind so froh, Sie hier zu sehen, meine gnädige Frau. Wir sind dankbar, Ihnen den größten aller Beweise in die Hände zu legen … Herr Edmund Hall, darf ich …«

Und weg war Herr Mc Carthy. Seine Frau steht da und sucht in ihrer Tasche, aus der sie ein kleines Buch in Celluloideinband hervorholt. Daraus entnimmt sie verschiedene welke Blumen und ein kleines Stück weißen Musselin.

»Sehen Sie,« sagt sie mit ihrem törichten Lächeln, das Madame d'Ora jedoch plötzlich rührt, »das sind Blumen aus dem Jenseits, die Eld mitgebracht hat. Und hier ist ein Stück von ihrem Gewand, das ich eines Abends abschneiden durfte. Es ist Geisterstoff. Eine andere Dame des Kreises bekam ebenfalls ein Stück, aber das verschwand wieder, ging in die vierte Dimension über, obwohl sie es in einem verschlossenen Nähkasten hatte; aber meins hält sich. Fühlen Sie nur, wie weich es ist! Ja, nun sollen Sie Eld ja auch bald selber begrüßen …«

Madame d'Ora zuckte zusammen und schmiegte sich unwillkürlich mit einem hilfeflehenden Blick an die Ärmste, die dort mit ihren leeren Zügen, von Süßigkeit triefend stand. Jetzt ging die Tür ununterbrochen, und das Laboratorium füllte sich nach und nach mit den Mitgliedern des Kreises, einem Dutzend Herren und Damen. Madame d'Ora sah von dem einen zu dem andern und hörte einige Augenblicke nicht, worüber Frau Mc Carthy redete.

Diese Versammlung machte an sich einen mystischen Eindruck auf sie. Sie hatte ein dunkles Gefühl, als müsse sie sie alle kennen – einen grauen alten Herrn mit einer lächerlich biederen Miene meinte sie in ihrer Kindheit in der Bretagne gesehen zu haben; mehrere andere Köpfe, die auftauchten, waren ihr so sonderbar bekannt von Orten rings umher in der Welt, auf die sie sich nicht mehr zu besinnen vermochte. Einer außerordentlich dicken Dame, die keuchte und von der Wärme ganz rotfleckig im Gesicht war, war sie mehrmals in verschiedenen Ländern begegnet. Hatte sie sie auf dem Zuschauerplatz, unten im Publikum gesehen, diese Personen, die alle einen mehr oder weniger mißgestalteten Eindruck machten, und deren Erscheinen unmittelbar beleidigend wirkte? Plötzlich füllt es Madame d'Ora ein, daß es ja gewöhnliche Menschen sind, Durchschnittstypen, und da empfindet sie ein großes Mitleid, vermischt mit der Angst zerrissen zu werden und unter die Füße zu geraten – alles freilich nur als dunkle Stimmung des Unbehagens, das durch ihren Rücken jagt und Anstalten macht, in der Kehle aufzusteigen. Das ist die Art, die anonyme Briefe schreiben, denkt sie bei sich. Sie faßt dies Dutzend Alltagsmenschen in einem Blick zusammen, als gelte es ihr Leben, und sie sieht mit Erbarmen, wie krank und verarbeitet sie sind, wie etwas in ihrer Kopfform selber von geistiger Not, von mangelhafter Ernährung seit Generationen erzählt, wie ihren exaltierten Augen der lebende Blick fehlt. Sie fühlt sich tief beunruhigt. Vielleicht begreift sie, daß sie hier mit einer Jury des Unvermögens in Berührung gebracht ist, mit dem Chor des ewigen und bösartigen Pöbels der Menschheit, den Unfruchtbaren und Unzufriedenen, die nach einer Seele geschrieen haben und gierig zum Himmel hinaufgebettelt haben, so lange die Erde grün gewesen ist – von den fünftausend, die am See Genezareth saßen und hungerten bis zu dem Proletarier, der ›singend‹ durch die Straßen Londons zieht, – vielleicht kennt und fürchtet sie den Blick dieser hungrigen Augen, die den Augen der Äthertrinker gleichen, denn sie hat sie ja Abend für Abend in dem gaffenden Theater gesehen, wenn das Publikum zusammengestaut im Dunkeln saß und an dem Feuer von Juwelen und Singkraft hing, das von ihr ausging. – Madame d'Ora wird in diesem Augenblick von Edmund Hall beobachtet, und er sieht sie bebend dastehen mit erhobenem Haupt wie ein Vollblutpferd, das im Bewußtsein seiner eigenen Kräfte und Nerven erschauert. Im selben Augenblick aber verändert sich ihr Ausdruck …

Sie hat Herrn Evanstons harte Züge unten an der Tür entdeckt, sie wird sofort ruhig, sie rüstet sich – hier ist einer, mit dem sie sich beißen will – und instinktmäßig setzt sie eine sorglose Miene auf. Und obwohl sie jetzt Evanston beobachtet, der die Anwesenden begrüßt und sich langsam nähert, ist sie vollkommen geistesanwesend und hört wieder, was die kleine Frau Mc Carthy mit ihr schwatzt.

… »Sie war so entzückend, mein kleines Mädchen, wir waren wie zwei Freundinnen. Ich weinte vier Jahre nachdem sie von mir genommen wurde. Sie starb so ganz von selber, der Arzt konnte sie nicht retten. Denken Sie nur, sie kam an einem der ersten Abende, als wir Sitzung hatten, – ich hatte ja im stillen nach ihr gerufen. Aber Samuel – das ist mein Mann, Herr Mc Carthy – will nicht, daß ich sie wieder rufe, ich weinte zu heftig und störte dadurch. Herr Mc Carthy ist bange, daß ich wieder schwermütig werden könnte und ungehorsam gegen Gott. Sie wissen, ich war ja einige Jahre sonderbar und wohnte allein in einer Anstalt, ich wollte aus den Fenstern hinausspringen. Ich sah ja immer zwei schwarze Flecke … ich sah überall zwei schwarze Flecke. Ich bin wohl nie froh gewesen. Aber nun habe ich mein kleines Mädchen gesehen. Ach, sie war es, ich hielt sie ein wenig, ein paar Minuten. Später ist sie einen Abend gekommen, ohne daß ich sie rief, aber sie stand nur gerade da und sah mich an, die kleine Ethel, zwischen den Gardinen zu dem Boudoir, nur das liebe Gesicht war materialisiert, und ich wagte ja nicht zu rufen … Ethel, sie ist jetzt einundzwanzig Jahre tot gewesen, in einem Monat ist sie einundzwanzig Jahre tot und von mir getrennt gewesen. Wir wohnten in Dakota damals, als ich sie verlor; es war so kalt. Wir pflegten den ganzen Tag miteinander zu sprechen – Herr Mc Carthy hatte immer so viel zu tun – Oh, sie war so klug! Wir saßen und strickten zusammen, Ethel aus ihrem kleinen Stuhl, dem sie eigentlich schon entwachsen war, sie wurde sieben Jahre …«

Frau Mc Carthy senkte lautlos den Kopf und stand da, das ganz erloschene Gesicht der Erde zugewandt. Als sie ihre tränenlosen Augen wieder auf Madame d'Ora richtete, zitterte es wie aus alter Gewohnheit in deren Kehle, aber sie lächelte noch immer mit einer gewissen Frische und sah aus wie ein junges Mädchen, indem sie das hübsche Gebiß enthüllte.

»Ich hoffe immer noch, daß sie von selber eines Abends wiederkommen wird,« flüsterte sie ungeheuer vertraulich. »Glauben Sie das nicht auch?«

»Ja,« sang Madame d'Ora herzlich und rollte hilflos mit ihren großen Augen. Und da sie keinen bessern Rat wußte, ergriff sie Frau Mc Carthys Hand und hielt sie fest. Frau Mc Carthy lächelte in krampfhafter Verschämtheit und ergoß verliebte Strahlen durch die Augen. Aber sie fühlten beide, daß sie sich aneinander anschließen würden, so wie Frauen es nun einmal fühlen können.

Evanston trat vor Madame d'Ora hin, und ohne sich zu verbeugen sah er sie an, lächelte auf eine Weise, die sie verstehen lassen sollte, daß er an die peinlichen Umstände dachte, unter denen sie sich zuletzt getrennt hatten. Er stand einen Augenblick in diesem Genuß da, und Madame d'Ora sah ihn ruhig an, aber sie begrüßte ihn keineswegs.

»Willkommen nach Ihrer Reise, Madame,« sagte er in einem leisen Ton, zu dem er nicht den geringsten Anlaß hatte, und sah ihr starr in die Augen, seinen Ausdruck verletzenden Humors bewahrend. – »Ihre Tournee ist wohlgelungen, Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit Erfolg von New-York abwesend gewesen.«

»Insofern als Sie sich inzwischen dort aufgehalten haben,« entgegnete sie flüchtig und ließ ihre Augen unter den schweren Lidern auf ihm ruhen. Sie maßen sich eine ganze Weile mit den Blicken. Es ärgerte sie gewaltig, daß er dort stand und diese unverschämt siegreiche Miene aufsetzte. Frau Mc Carthy, die in der Einfalt ihres Herzens nichts von den kriegerischen Vorbereitungen ahnte, die sich neben ihr entwickelten, hörte, daß Evanston schwieg und war entzückt, mit ihm schwatzen zu können.

»Man sieht Sie ja so selten, Herr Evanston. Sie haben uns in dem letzten Monat fast gar nicht besucht. Auch der Kreis vermißt Ihren lieben Beistand sehr.«

»Meine neue Gemeinde oben in dem nördlichen Teil von New-York legt Beschlag auf meine ganze Zeit, Madame,« sagte Evanston und verneigte sich mit kühlem, geistlichem Anstand.

»Ach, wissen Sie, daß Herr Evanston im Begriff ist, eine der geistig bewegtesten Gemeinden in New-York zu schaffen?« rief Frau Mc Carthy glückselig aus, zu Madame d'Ora gewendet. »Herrn Evanstons Name ist auf aller Lippen als moderner Prediger. Massenversammlungen da oben in den sittlich verfinsterten Stadtteilen … Sie haben doch davon gelesen, wie Herr Evanston seine Zuhörer packt, indem er von der Kanzel herab Lichtbilder zeigt von weltlichen Berühmtheiten und schamlosen Künstlerinnen, wie … o, mein Gott!«

Frau Mc Carthy schweigt plötzlich und sieht Madame d'Ora an und beißt sich mit sichtbarem Entsetzen in den Finger.

»Ah!« lächelt Madame sehr freundlich und fixiert Evanston. »Ich hoffe doch, Sie haben nicht vergessen, Ihre Gemeinde vor mir zu warnen, Herr Evanston. Es sollte mich freuen, wenn die Brücke zwischen Ihren Freunden im Herrn und mir ein- für allemal abgebrochen würde.«

»Ich will nicht leugnen, daß ich Kostümbilder von Madame vorgezeigt und sie mit dem Kommentar begleitet habe, den ich für passend fand,« sagt Evanston und blinzelt einen Grad unverschämter und zweideutiger als bisher. »Ich kann wohl sagen, daß Sie, Madame, nicht das geringste Ärgernis gegeben haben …«

»Und machen Sie uns nicht die Freude, der heutigen Sitzung beizuwohnen?« fiel Frau Mc Carthy in ihrer Unschuld ein.

»Leider kann ich es nicht, meine Zeit verbietet es mir,« antwortete Evanston kurz. »Ich bin nur hier, um mich nach Fräulein Karekins Gesundheit zu erkundigen. Leider ist sie ja nicht zum besten …«

Frau Mc Carthy öffnete den Mund, um eine Menge von Mirjam zu erzählen, Evanston aber wandte sich rücksichtslos ab und nahm seine Unterhaltung mit Madame d'Ora wieder auf:

»Wenn ich sicher wäre, daß Sie mich nicht mißverstehen würden, Madame, so würde ich Ihnen die schmeichelhafte Mitteilung machen, daß Sie in meiner Gemeinde Furore gemacht haben. Mehr als ein verhärteter Sünder ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, von Ihrer gefährlichen Schönheit erschüttert worden. Könnte man Sie bewegen, Madame d'Ora, Jesus Christus an Stelle des Satans zu Ihrem Impressario zu erwählen, so würden Sie in dem dunkelsten Amerika eine riesenhafte Zukunft vor sich haben …«

Evanston greinte und zog die Brauen um seine hellen und boshaften Augen zusammen. Und die Wirkung seines giftigen Witzes beobachtend, der Madame d'Ora gänzlich zu lähmen schien, senkte er die Stimme völlig und murmelte:

»Sollten Sie Lust haben, Bekanntschaft mit meiner Tätigkeit zu machen, so sind Sie stets willkommen in meiner Privatwohnung 214 West 147 Straße – vergessen Sie die Nummer nicht.«

Und ohne ihr Zeit zu lassen, sich zu fassen und zu antworten, verließ er sie und ging durch das Atelier auf Edmund Hall zu, mit dem er einige Worte wechselte. Dann stellte er sich neben Mirjams Stuhl und sprach mit ihr, wie es schien, ganz leise. Madame d'Ora sah ihm nach und seufzte tief auf, bleich vor Zorn.

»Der Kerl hat sich seit damals Macht zu schaffen gewußt,« sagte sie vor sich hin. Sie faßte sich.

»Er kommt oft hierher, aber immer nur auf kleine Besuche. Er ist ja so besorgt um Mirjam. – Ach, Madame d'Ora, Sie müssen mir, bitte, nicht böse sein, weil ich das vorhin gesagt habe … es entschlüpfte meinem Mund, ich habe nie gedacht – – –«

»Das macht nichts, liebe Frau Mc Carthy! Erzählen Sie mir noch ein wenig von Pastor Evanston. Ist er wirklich als Prediger so schnell durch gedrungen?«

Frau Mc Carthy erging sich gern des breiteren über Evanstons Tüchtigkeit und Erfolg. Aber Madame d'Ora brachte aus ihrem freudetrunkenen Bericht nichts weiter heraus, als was sie bereits gehört hatte, daß Evanston also da oben in dem prostituierten Stadtviertel Modeprediger war, und daß er Lichtbilder vorzeigte. Sie merkte sich den Namen der Kirche, in der er auftrat und ließ den Rest von Frau Mc Carthys langem Geschwätz in das eine Ohr hinein- und aus dem andern wieder herausgehen.

»Zu welchem Glauben bekennt sich Herr Evanston denn hier in New-York – abgesehen von den Illustrationen – ich meine, zu welcher kirchlichen Richtung gehört er?«

»Oh, er ist episkopal! Wir, mein Mann und ich, sind ja Methodisten. Aber Herrn Evanstons Verkündigung ist gewiß so gegen das Menschliche gerichtet … er legt kein großes Gewicht auf Dogmen. Seine Begabung liegt in der Erweckung. Er ist ja so beredt!«

Madame d'Ora nickte, zufrieden mit der Karte, die sie gegen Evanston in der Hand hatte. Jetzt wollten sie doch ein wenig über das reden, was sie in Salt Lake City gehört hatte. Madame d'Ora stand da und wartete, daß er mit seinem Geflüster mit Mirjam fertig werden sollte. Als es ihr aber zu lange währte, ging sie quer durch den Raum auf sie zu.

»Herr Evanston, ich habe Ihnen allerlei Grüße von Leuten zu bringen, die ich auf meiner Tournee getroffen habe …«

»Wo?« sagte er schnell und sah auf, ohne den ironischen Zug um den Mund.

»In Salt Lake City.«

Er trat einen Schritt zur Seite und wieder zurück wie jemand, der etwas holen will und sich umwendet, er sah Madame d'Ora mit einem Blick an, der sagen konnte, daß er wohl auch nur ein Mensch sei.

»Haben Sie etwas dagegen, mit mir an die Fenster zu treten und mir Ruhe zu lassen, die Grüße in Empfang zu nehmen?«

Madame wandte sich um und schritt voraus. Sie lächelte, aber es war kein gutes Lächeln, sie wandte das Gesicht um, ihm zu, mit einer Miene, als leite sie ein Tier, das sie gefangen hatte. Es war niemand an den Fenstern, und in dem großen Laboratorium konnte man nicht hören, was sie sagten.

»Glauben Sie nicht, daß das, was ich zu erzählen habe, Ihre Freunde interessieren würde? Fürchten Sie nicht, in den Verdacht zu geraten, ein Stelldichein mit mir abzuhalten, Herr Joseph Evanston? …«

»Sie brauchen mich noch nicht mit Vornamen zu nennen,« unterbrach er sie, barsch und ungeduldig. »Zur Sache, wenn ich bitten darf … Sie sind in Utah gewesen, Sie haben mit Leuten gesprochen, die mich kennen?«

»Ich bin in Utah gewesen. Dort sind Sie Mormone, Herr Evanston. Sie treten hier also als Schwindler auf. Wenn Sie es wünschen, kann ich gern kurzen Prozeß mit Ihnen machen.«

Evanston besann sich einen Augenblick, und Madame d'Ora stand da und genoß seine gebeugte Haltung; es war ihr eine Wonne, den Mann gedemütigt zu sehen. Aber sie irrte, er senke die Stirn nur, um zu stoßen. Als er sprach, war seine Stimme kalt und mit durchdringender Energie geladen.

»Sie können nichts beweisen. Niemand wird ein Wort von dem glauben, was Sie von mir sagen könnten. Betrachten Sie das als Tatsache. Aber aus Bequemlichkeitsrücksichten wünsche ich, daß Sie schweigen, verstehen Sie mich, ich wünsche, daß Sie Ihr Wissen niemandem mitteilen …«

»Ha, ha, ha! Sie wünschen!«

»Es ist Zeitvergeudung von Ihnen, zu widersprechen. Schweigen Sie gefälligst sofort. Wenn Sie mir die allergeringste Unbequemlichkeit verursachen, wird Edmund Hall dafür büßen! Seine Sicherheit ist von der meinen abhängig, er steht und fällt mit mir. Im selben Augenblick, wo Sie mich bremsen, geht er kopfüber.«

»Was meinen Sie damit?« flüsterte Madame d'Ora. Der Atem verging ihr, sie fühlte, daß sie hier gegen einen Stein geprallt war.

»Sie entsinnen sich des Auftritts an Bord des ›Bacharach‹ mit Edmund Hall und einem Mann aus London? Sie waren selbst zugegen. Ich war nicht dabei, aber ich weiß mehr als Sie. Dieser Mann aus London, der Polizist ist, steht unter meiner Kontrolle … solange man mich in Ruhe läßt. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen. Sie haben Verstand genug, um zu sehen, was für eine Bedeutung Ihr Schweigen jetzt hat … Haben Sie Edmund Hall erzählt, was Sie von mir gehört haben?«

»Ja!« antwortete Madame d'Ora ängstlich.

»Gut. Das macht nichts.« – Evanston senkte die Stimme und sprach vernünftig wie ein Mann, der sein Leben in Not und Selbsthilfe gelebt hat, und der weiß, daß er Eindruck macht. – »Es schadet nichts, daß Herr Hall es weiß, er schwatzt ja nicht, und ich bin ihm völlig gleichgültig. Aber ich verbiete Ihnen, ihm ein einziges Wort von dieser unserer Unterhaltung zu sagen. Aus Gründen, in die ich Sie nicht einweihen will, hängt seine Sicherheit davon ab, daß er nichts weiß. Ich sage Ihnen, eine Stunde, nachdem Sie ihm diese Unterhaltung hinterbracht haben, werde ich die Folgen davon spüren, und eine halbe Stunde später wird Edmund Hall geliefert sein. Darauf können Sie sich verlassen. Jetzt wissen Sie also nichts von mir, und es ist, als hätten wir nicht miteinander gesprochen. Rühren Sie nicht an mir!«

Er schwächte die Wirkung seiner Worte nicht dadurch ab, daß er auf Antwort wartete, sondern verließ sie und kehrte wieder zu Mirjam zurück. Eine Minute später verabschiedete er sich von Edmund Hall und ging. Madame d'Ora hatte sich an die Fenster gesetzt, sie war halb betäubt und sah, ohne zu sehen, auf die rauchenden Wolkenkratzer hinaus. Was war dies alles? Was bedrohte Edmund? Etwas Entsetzliches, ein Geheimnis. Und sie durfte nicht einmal mit ihm darüber reden. Ja, sie entsann sich des Auftritts an Bord des ›Bacharach‹, der so unheimlich und so rätselhaft gewesen war. Und jetzt waren da andere Seiten in Edmunds Benehmen, die ihr rätselhaft erschienen, seine Geistesabwesenheit, seine verbissene Verschlossenheit … Wie sonderbar war er an jenem Tage in dem unbewohnten Haus! Aber was auch über ihm schwebte, sie wollte niemals diejenige sein, die ihn verriet! Könnte sie ihn nur durch ihr Schweigen retten, wie wollte sie schweigen, schweigen!

Edmund Hall war zu ihr herüber gekommen und stand hinter ihrem Stuhl.

»Jetzt wollen wir es dunkel machen,« sagte er freundlich. »Du fürchtest dich doch nicht, Leontine?«

Sie wandte den Kopf um und sah ihn an. Ihr Mund öffnete sich mit einem Singlaut:

»Edmund!«

»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal. Sie aber schüttelte den Kopf.

»Jetzt kann mir nichts mehr Furcht einflößen, Edmund.«

Er zog den Vorhang vor die große Fensterscheibe und klemmte ihn lichtdicht mit Hilfe von Leisten in den Rahmen. Es wurde schon einen Grad dunkler im Laboratorium. Herr Mc Carthy und ein anderer Herr waren mit den übrigen Fenstern beschäftigt. Bald war das Tageslicht in dem großen Raum auf die Hälfte vermindert, bald darauf bis auf ein Vierteil. Die letzte Fensterlücke blendete wie ein Ofenloch voll weißen Lichts, bis auch sie ein Vorhang deckte. In demselben Augenblick herrschte totale Finsternis; Madame d'Ora saß regungslos auf ihrem Stuhl und fühlte es an ihren geöffneten Augäpfeln. Gleich darauf aber vernahm man das schwache Knacken einer elektrischen Schraube, und es war, als ob die Dunkelheit ganz leise zu glühen anfinge. Sie sah sich um und fand zu ihrer Befreiung, daß dies rote Dunkel durchsichtig war, sie sah alle die anwesenden Personen ziemlich deutlich, und das ganze Laboratorium ließ sich in bestimmten oder ferneren Umrissen unterscheiden. Das Licht kam nicht aus einer sichtbaren Quelle, es ging von einem Punkt unter der Mitte der Decke aus und bildete gleichsam einen runden, weinroten Kolben, in dem die Gestalten sichtbar wurden. Die Ecken des Laboratoriums lagen fast in Grabesfinsternis, und das schwarze Sammetkabinett konnte man jetzt fast gar nicht mehr sehen. Eins der Mitglieder des Kreises, das neben dem Harmonium stand, schlug einen tief dunklen Ton an und ließ ihn ersterben, und es war, als ob selbst der rote Glockenraum, in dem sie sich befanden, in Schwingungen geriet und seinen Ton verkündete.

Die Mitglieder rückten zusammen, sie kannten offenbar jedes seinen bestimmten Platz und saßen bald mitten im Laboratorium zu einem Halbkreis geordnet, dessen Mittelpunkt das dunkle Kabinett bildete. Die unförmlich dicke Dame trat an das Harmonium und türmte sich auf dem Sessel auf, ihre gepolsterten Hände sahen zum Zerspringen aus in dem roten Licht. Man gewöhnte sich indes bald an die farbige Beleuchtung, so daß alle die verschiedenen Gesichter hervortraten, jedes mit seiner Nuance von Fahlheit. Frau Mc Carthy hatte Madame d'Ora neben sich im Kreise angebracht, ziemlich weit nach rechts; sie hatten nicht mehr als zehn Schritte bis zum Kabinett.

Die dicke Dame fing an zu spielen, ganz gedämpft; man fuhr fort, leise miteinander zu reden. Mitten im Kreise stand Edmund Hall an einem kleinen Tisch mit Papieren und verschiedenen Dingen, und neben ihm stand Mirjam in ihrem langen, glatten Sammetgewand. Edmund Hall räusperte sich und verlas die Bestimmungen für die Satzungen, Punkt für Punkt. Man hörte es seiner Stimme an, daß er dieselben Artikel schon oft verlesen hatte. Sie gingen alle darauf hinaus, daß Fräulein Karekin von Damen untersucht sei, daß die Türen versiegelt seien, und daß das Laboratorium im übrigen mit den Kontrollapparaten versehen sei, die Edmund Hall, natürlich ohne Mitwissen des Kreises, konstruiert und angebracht hatte. Eins der Mitglieder des Kreises sei bereit, alles zu stenographieren, was gesagt würde, sobald ein betreffender Wink gegeben werde; die photographischen Platten, die zur Anwendung kommen sollten, seien gestempelt und in den verschlossenen feuerfesten Schrank gelegt und so weiter. Edmund Hall schärfte darauf die Regeln ein, die der Kreis zu beobachten hatte, um das Medium nicht in Gefahr zu bringen, erinnerte daran, daß keiner von den Anwesenden unter irgend einer Bedingung die Stühle verlassen dürfe, es sei denn unter seiner Leitung, und legte dann ganz kurz Rechenschaft von dem Programm der bevorstehenden Sitzung ab, das, soweit die Umstände es gestatteten, Aufnahme von Photographieen sowie wissenschaftliche Versuche in bezug auf den ›Stoff‹, in dem die materialisierten Geister auftreten, umfassen sollte. Nach dieser Einleitung führte Edmund Hall Mirjam an das Kabinett und schlug die Draperien zurück, so daß alle das Innere sehen konnten. Es war nur wenige Fuß tief, den Hintergrund bildete ein großes Bort mit Büchern, und auf dem Fußboden stand ein langer Diwan. Weiter war da nichts. Fräulein Karekin setzte sich und senkte sogleich den Kopf in den Schoß hinab. Edmund Hall trat zurück und ließ die Draperien vorfallen, worauf er an seinen Tisch mitten im Kreise trat und etwas in seinen Büchern verzeichnete. Er mußte die Augen fast unmittelbar über das Papier halten, um zu sehen. Einen Augenblick später trat er an Madame d'Ora heran und stellte sich neben ihren Stuhl. Die Mitglieder des Kreises fuhren fort, zu sprechen, hatten aber alle die Augen auf das Kabinett gerichtet. Die dicke Dame spielte noch immer auf dem Harmonium und plötzlich fing sie auch an zu singen. Sie hatte jene dünne, sonderbar heulende Stimme, wie sie engbrüstigen Frauen eigen ist, aber sie sang nicht ohne Geschmack, die langen, kraftlosen Töne erinnerten in Verbindung mit denen des Harmoniums an das melodische Klagen des Windes in undichten Türen. Einige Minuten vergingen. Aus dem dunklen Kabinett heraus vernahm man ein seufzendes Atemholen, gefolgt von einem schwachen Jammern, das gleich wieder verstummte. Noch einige Minuten verstrichen.

»Es wird so sonderbar hier,« flüstert Leontine plötzlich und sieht angstvoll zu Edmund Hall hinauf. »Die Luft ist so dick. Es rührt sich etwas, eine kalte Zugluft streicht durch den Raum … sind hier drinnen Vögel?«

Sie ballt die Hände und streckt die Arme krampfhaft aus, sie schließt mehrmals die Augen, muß sie aber wieder öffnen und das Kabinett anstarren. Jemand seufzt schwer wie ein schlafendes Wesen dadrinnen. Madame d'Ora zittert sichtbar am ganzen Körper, und sie ist halb gelähmt im Gesicht, sie sieht aus wie jemand, der vor Kälte umkommt. Aber nach einer Weile wird sie von selber ruhiger, sie atmet tiefer, und die unwillkürliche Spannung legt sich, sie sinkt zusammen, einer Ohnmacht nahe. Bis ein heftiger Zugwind sie erfaßt, unter dem sie erstarrt und Halls Gesicht mit weitgeöffneten, glasähnlichen Augen sucht, – ein Ruf hat sie erschreckt, es ist eine Dame im Kreise, die die Stimme erhoben hat und in der Richtung des Kabinetts ruft.

»Eld! Komm, liebe Eld!«

Die kleine Frau Mc Carthy stimmt dicht neben Madame d'Ora mit ein und meckert, sich vor Zärtlichkeit windend:

»Komm, Eld, wir wollen dich so gern sehen!«

Da ergreift Edmund Hall Leontinens Hand, die sich zuckend und ruckend bewegt und eiskalt ist, und während sie sich unter seinem Einfluß einigermaßen beruhigt, steht er da und sieht sich nach dem Kabinett um, aus dem kein Laut mehr ertönt. Nach einer Weile ist es, als ob das schwache Licht im Laboratorium noch einen Grad fällt, und im selben Augenblick drückt Hall Leontinens Hand und hält sie lange mit hartem Griff umspannt. »Sieh!« flüstert er ruhig. Die Ringe, an denen die Draperien des Kabinetts hängen, klirren gedämpft …

Leontine sieht auf und begegnet ein paar warmen, dunklen Augen, sie sieht ein feines Mädchenantlitz, das lächelt und ihr zunickt, gerade ihr. Es ist ein junges Weib in weißen, losen Gewändern, das im Eingang zu dem Kabinett steht, die Draperien mit beiden Armen zurückhaltend. Jetzt läßt sie sie fallen, so daß sie hinter ihr zusammenschlagen, jetzt nähert sie sich einen Schritt, kommt …

»Das ist Eld,« hört sie Edmund sagen. Alle sagen etwas und sind entzückt. Musik und Gesang verstummen. Man nähert sich nun einer andern, schallenden Musik, saust das Meer zu den Fenstern herein? … Madame d'Ora verliert einen einzigen Augenblick das Bewußtsein, nur Edmund Hall bemerkt es. Als sie wieder sieht, steht die weiße Fremde dort mitten im Kreise, dasselbe schöne, mystische Lächeln um den Mund. Aber das, was Madame d'Ora vorhin instinktmäßig so tief erschreckte, daß nämlich diejenige, die aus dem Kabinett herauskam, eine andere war als Mirjam, bringt sie jetzt völlig wieder zur Besinnung. Kein Überlegen sondern etwas, das sozusagen in ihren Organen vor sich gegangen ist, trägt sie auf die andere Seite des Wunders hinüber und stellt sie in Sicherheit auf Grund sinnlicher Eindrücke, sie weiß ganz einfach, daß Eld zugegen ist, Eld, die eine wirkliche Person ist. Und da lacht Madame d'Ora, lacht laut und herzensgut wie ein Kind, das ein Kunststück sieht. Aber nachdem sie gelacht hat, lächelte sie, sie kann nicht anders, denn Eld ist so jung und so schön. Die beiden Frauen lächeln sich zu, jede mit ihrem Ausdruck von Freude.

Edmund Hall entfernt sich langsam von Madame d'Ora, er wußte, sie würde jetzt allein fertig, und näherte sich Eld. Es war beinahe still im Raum; alle hatten Eld begrüßt und sie willkommen geheißen. Nur Frau Mc Carthy und ein paar andere Damen konnten nicht inne halten mit den trunkenen Ausrufen, die für Frauen, wenn sie einen Anfall von Bewunderung haben, gleichbedeutend mit Atemholen sind. Eld stand da und ließ ihre unbeschreiblich klaren und heiteren Augen von dem einen zu dem andern hinüberschweifen, je nachdem man bemüht war, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Als Hall auf sie zukam, nickte sie ihm lebhaft zu, und nun hörte Madame d'Ora zum ersten Mal ihre Stimme. Sie war zart aber von reichem Klang, mit tief innerer Lebenslust gesättigt. Sie sprach Englisch mit stark ausländischem Akzent, und wie es sich herausstellte, nur sehr unvollkommen. Es benahm Madame d'Ora den Atem, nicht mehr vor Entsetzen sondern vor Verwunderung und Dankbarkeit, daß sie dies Wesen ihren Mund über einer Reihe weißer Zähne öffnen sah; das bewegte sie, so daß sie heiß ward von verwirrtem Glück bis in ihr Inneres hinein, denn gleichzeitig erzählte Etwas, daß das junge Mädchen tot war und nicht von dieser Welt.

»Die Luft ist uns heute günstig,« sagte Eld. »Aber ist es nicht sehr warm?«

»Befindet Mirjam sich wohl?« fragte Edmund Hall. »Gut und ruhig,« antwortete Eld. »Wir können heute lange zusammen sein. Ich habe eine Menge Sachen mitgebracht, die wir besehen wollen. Und viele werden erscheinen, wenn sie können …«

In diesem Augenblick ertönte aus dem Kabinett ein leises Husten, Madame d'Ora stand das Herz still, als sie Mirjam Karekins Stimme erkannte.

»Es raucht wohl jemand Tabak,« sagte Eld und lächelte geheimnisvoll schelmisch Madame d'Ora zu, die sie nicht verstand und sich errötend nach Beistand umsah.

»Niemand aus dem Kreise darf rauchen,« flüsterte Frau Mc Carthy erklärend. »Mirjam wird krank davon, selbst wenn man nicht im Laboratorium raucht, ja, wenn man sich nicht wenigstens drei Wochen des Tabaks enthalten hat. Denken Sie nur, in der ersten Zeit erbrach sie sich nach jeder Sitzung, weil mehrere von den Mitgliedern Raucher waren. Sie braucht ja Stoff aus dem Kreise zur Materialisation von Eld, wie Sie wohl wissen. Die Ärmste! Einmal bekam sie auch Bronchitis, weil einer aus dem Kreise daran litt …«

Und die kleine Frau Mc Carthy, die in all ihrer Kränklichkeit unangefochten von der Situation als ein Holzpfahl dasaß, schickte sich an, Madame eine Reihe von sonderbaren Dingen über die physische Korrespondenz zwischen dem Kreise, dem Medium und Eld zu erzählen, wie Mirjam ein Loch in ihr Sammetkleid bekommen hatte, als man ein Stück aus Elds Muslingewand geschnitten, wie Eld eines Tages ihren Arm ganz steif gehalten, als Mirjam ihren Arm verbrannt hatte, u. s. w. Sie berichtete mit offenbarem Stolz, wie jemand, der sein Silberzeug zeigt, was ihr Mirjam über ihre Gefühle in dem Kabinett erzählt hatte, daß es sei, als wenn ihr Haare aus den Poren in ihrer Haut gezogen würden, wenn die Materialisation vor sich ginge …

»So!«

Frau Mc Carthy ließ ihre Finger an einem ihrer eigenen grauen Haare entlang gleiten und sah so aus, als fühle sie irgendwo inwendig eine tiefe Mystik. Sie erzählte ferner, wie Mirjam darüber geklagt hatte, daß sie sich während der Trance nicht erwehren könne, alles zu denken und zu fühlen, was der Kreis dachte und fühlte, und es überstieg völlig Frau Mc Carthys Verstand, daß Madame bei dieser Erklärung zu lachen anfing und verschiedene von den Mitgliedern des Kreises fixierte.

Madame d'Ora fängt gleichsam an, sich obenauf zu fühlen. Ihre Beobachtungsgabe kommt ihr wieder, und während sie Frau Mc Carthys harmlosem Geschwätz ein höfliches Ohr zuwendet, ohne länger acht darauf zu geben, richtet sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Gestalten dort mitten im Kreise, auf Eld und Edmund Hall. Sie stehen nebeneinander vor dem kleinen Tisch mit Edmunds Apparaten, und in seiner ganzen Haltung liegt dies Fürsorgliche, das niemand besser kennt als Madame d'Ora, derselbe Ausdruck einer neuen, völligen und frischen Hingerissenheit, den sie einmal bei ihm angebetet hat, der aber jetzt an ihrer Seele frißt. So neigte er auch vor Mirjam das Haupt an jenem Tage, als sie zusammen Seifenblasen machten, mit dieser selben unendlich feinen und vertraulichen Scheu, die Mirjam zu einem neugeborenen und schmetterlingsbeschwingten Wesen machte und ihn selber zu dem einzigen, der fein und jung genug war, um der Stimmung der Flüchtigkeit keinen Abbruch zu tun. Damals empörte es sie, erweckte die dumpfe Brutalität ihrer Natur, weil sie sich benachteiligt glaubte, weil sie niemand den Schatz von Edmund Halls Aufmerksamkeit gönnte, aber auch, weil sie, die sie sich nach einem andern Gesetz erneuerte, im geheimen Edmund Hall verachtete, wenn er sich als blinder Anhänger mit irgend einer Schönheit im lebenden Bilde aufstellte. Madame hatte ja in seinem Wesen nie etwas anderes als die Rolle sehen können, wenn sie selber nicht mit im Spiele war. Hier aber beugt sie sich! Denn mit Eld kann sie sich nicht vergleichen; hier ist ihrer barbarischen Logik Einhalt geboten. Während sie die beiden ansieht, Edmund Hall und das Geistermädchen, überkommt sie in dem Interesse des Paares eine Gemütsbewegung, die so zusammengesetzt und fremd ist, daß sie sich nur ihres eigenen Anteils daran, der Neugier und des Entsetzens bewußt wird. Sie lieben sich, denkt sie. Mein Gott, sie lieben sich! Im selben Augenblick, wo sie das weiß und über den ersten vernichtenden Eindruck hinweggekommen ist hat sie ein Gefühl, als sei ihre Neigung für Edmund Hall aus Eld übergegangen, sie ist tief und unwiderstehlich gerührt, ihr ganzes Wesen strömt in Teilnahme über. Sie glüht für Eld, sie fühlt sich mit ihrem ganzen unlogischen, fanatischen Frauenherzen zu dem weißen Mädchen hingezogen. …

»Ach, wie schön sie ist,« stammelt sie vor sich hin mit wehmütigem Ausdruck.

»Ja, ist sie nicht entzückend,« quiekt Frau Mc Carthy dicht an Madame d'Oras Ohr, so daß ihr Atem ihre Wange berührt. Madame schüttelt sich. Aber sie senkt den Kopf:

»Ja,« flüstert sie.

So war Madame d'Ora für den radikalen Spiritismus gewonnen, indem sie von dem Unfaßlichen, dem Unmöglichen gelähmt und von ihrem Schönheitssinn befreit war. Aber ihre Naturtriebe hatten noch nicht gesprochen.


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