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Vorwort

Edmund Hall starb, wie sich vielleicht mancher noch erinnern wird, vor ein paar Monaten. Er war eines der Opfer jener fatalen Grünspanvergiftung im Zuchthaus, die alle Zeitungen einmütig beklagten. Nur dem ungewöhnlichen Gedächtnis eines Journalisten ist es zu verdanken, daß Edmund Halls Name unter den vielen Namen der andern Gefangenen, die mit ihm zugleich umkamen, aus der Totenliste hervorgezogen wurde. Das tragische und nie ganz aufgeklärte Ereignis, das den einstmals so berühmten Gelehrten ins Gefängnis brachte, war hier in Manhattan schon so gut wie vergessen.

Unter den biologischen Bruchstücken und Anekdoten, die in Anlaß des Todesfalles in den Zeitungen standen, befanden sich auch einige kleine Züge von dem Mörder, die der obenerwähnte Reporter zufällig von einem Gefängnisaufseher erfahren hatte. Es ging daraus hervor, daß Edmund Hall ein braver, ordentlicher Gefangener gewesen war, pflichtgetreu bei seiner Arbeit und reinlich in seiner ganzen Aufführung. Das Verbrecheralbum zeigte die bekannte Physiognomie, nur ein wenig dadurch verändert, daß der hohe, pentagonale Schädel auf Sträflingsart kurz geschoren war, so daß der Kopf einer Spitzgranate glich. Hall gewöhnte sich auffallend schnell an die Gefängnisdisziplin, er machte seine täglichen Spaziergänge auf dem Hofe, die Hände auf den Schultern des Vordermannes, die des Hintermannes wieder auf seinen eigenen, als sei er nie etwas anderes als im Glied in einer solchen Prozession gewesen. Er war von Charakter ein gehorsamer Mensch, murrte nie über sein Essen, war stets höflich. Das Beschwerliche war, daß man Tag und Nacht, ununterbrochen, sorgfältig acht geben mußte, daß er sich nicht das Leben nahm. Er hatte fünf oder sechs Selbstmordversuche gemacht; und wenn er einen einzigen Augenblick nicht bewacht gewesen wäre, würde er versucht haben, den Kopf gegen die Wand zu rennen oder sich mit seinen eigenen Händen zu erdrosseln. Im übrigen war er keineswegs schwermütig, er war im Gegenteil heiter und sah niemand scheel an. Er sprach nicht viel. Er liebte seine Zelle, und es konnte zuweilen schwer sein, ihn des Morgens zu wecken; er schlief, sobald sich Gelegenheit dazu fand. Es war eigentümlich zu sehen, wieviel er aus seinen paar Gebrauchsgegenständen machte, er verwahrte seinen Haarkamm wie eine kostbare Sache und schien seinen Besen, seine Matratze, den Fußboden wie auch die Wände förmlich lieb zu haben; er konnte mit ein paar Sandkörnern in der Hand dastehen und wunderlich mit dem Kopf schütteln. Namentlich aber mußte es jedem Menschen zu Herzen gehen, wenn er ihn mit seinen halbblinden Augen zu dem Streifen Himmel aufblicken sah, der ihm geblieben war, er lächelte dann gleichsam, ohne daß man doch eigentlich sagen konnte, was er dachte. An die Wand hatte er mit Schmutz folgendes geschrieben: ›Our little life is rounded with a sleep.‹ Aus dem Gefängnis heraussehnen tat er sich keineswegs, er war wohl im Grunde glücklich; im allgemeinen kann man sagen, daß er seine Strafe in bestem Wohlsein verbüßte. Er alterte ja sichtlich. Als er zugleich mit den andern infolge dieses Unglücks mit den kupfernen Kesseln erkrankte, klagte er nicht viel; er war ein rücksichtsvoller Mann, und es konnte ja niemand etwas dafür, wenn auch der Koch seinen Abschied bekam. Hall lachte so recht herzlich und vergnügt, als er starb.

Ich habe alles, was ich konnte, über Edmund Hall und die unglückliche Leontine d'Ora gesammelt. Eine wichtige Quelle zu Halls Charakteristik besaß ich natürlich in seinen Schriften, namentlich in seinen anthropologischen Abhandlungen, die übrigens bekannter in Europa als in den Vereinigten Staaten sind. Daneben schulde ich Herrn Thomas A. Mason, London, der über ein großes und wertvolles Material zur Aufklärung von Halls innerer Geschichte verfügte, großen Dank. In bezug auf Madame d'Ora bin ich namentlich Herrn Ralph Winnifeld Lee zu Dank verpflichtet; er kannte die große Künstlerin in ihrer letzten Lebenszeit und nahm persönlich teil an den Ereignissen, die ihren Tod verschuldeten. Herr Lee sieht sich nicht imstande, den innersten Zusammenhang der Katastrophe zu erklären, obwohl er Augenzeuge war; ich bin indessen Herrn Lee sehr dankbar für die Bereitwilligkeit, mit der er mir geholfen hat, die hervorragende Persönlichkeit der verstorbenen Diva zu beleuchten.

Von den in meinem Bericht vorkommenden Nebenpersonen gilt dasselbe: ich habe keine ergründenden Aufklärungen schaffen können; ich habe sie mehr oder weniger deutlich kommen und verschwinden lassen müssen, ungefähr auf dieselbe Weise, wie Leute in dem öffentlichen Bewußtsein kommen und gehen. Eine genaue Geschichtschreibung hat dies Buch also nicht werden können. Aber was da steht, ist wahr.

New-York 1903

Johannes V. Jensen


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