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Viertes Kapitel

Edmund Hall hatte sein Laboratorium in einem zwölften Stockwerk in New-York. Es bestand hauptsächlich aus einem sehr großen Raum mit vielen Spiegelfenstern an zwei Seiten, von wo man eine Aussicht auf eine Gruppe von Turmhäusern und bis an die Brooklyner Brücke hatte. Das Haus lag in der unteren Stadt. Zwischen den beiden Wänden, wo die Fenster waren, hatte Edmund Hall mit Hilfe von Möbeln und Wandschirmen eine Ecke eingerichtet, die den Eindruck einer Stube machte; die andern Wände waren mit Büchern und Borten bedeckt, und in der inneren Ecke standen ein Schmelzofen und eine Menge wissenschaftlicher Maschinen. Von der Decke herab hingen Glühlampen und ein einzelnes großes Bogenlicht. Der Fußboden war aus italienischem Mosaik, hie und dort mit Rosten. Dies war Edmund Halls Privatlaboratorium. Zwei Stockwerke tiefer hatte er noch eins, in dem seine Assistenten arbeiteten.

Ein paar von den großen Fensterscheiben waren ein wenig offengestellt, das tiefe Mahlgetöse der Stadt tönte herauf. Hin und wieder donnerte da unten in der Höhe des zweiten Stockwerks der L-Zug vorüber. Schneeweißer Dampf verflüchtigte sich draußen in dem luftigen Raum zwischen den Turmhäusern und den Stücken blauen Himmels. Edmund Hall ging mit seinen Gläsern hin und her, ganz in Anspruch genommen von einem Versuch. Er hatte einen langen, mit Säuren befleckten Kittel an, seine Lippen bewegten sich, als ob er die ganze Zeit hindurch Zahlen memoriere. Unten auf dem Fluß heulte ein Dampfer. Die Tür gab einen durch den Zug aus dem Fahrstuhl veranlaßten Laut von sich, das Telephon klingelte, und Edmund Hall griff nach dem Schallrohr, lauschte und antwortete tonlos, setzte dann seine Arbeit fort.

Als an der Tür geschellt wurde, stellte Edmund Hall seine Sachen weg, zog den Kittel ab und einen schwarzen Rock an, ehe er öffnete. Es war Madame d'Ora in extravaganter Straßentoilette mit Straußenfedern auf dem Kopf.

»Darf ich stören?« fragte sie verlegen, aber mit großen, kühnen Augen.

»Ja,« antwortete Hall fröhlich und trat von der Tür zurück. Madame d'Ora rauschte herein, ging in all ihrer Pracht und Herrlichkeit bis mitten in das Zimmer und wandte sich dort um, so daß die Seide sie umbrauste. Hall schloß die Tür, blieb aber stehen, um die Erscheinung zu genießen, die zu ihm hereingekommen war. Sie sahen sich ein wenig an, bis sie lachen mußten. Hall seufzte tief auf vor Freude.

»Wo soll ich hin?« sang Madame d'Ora, »ich wage ja keinen Fuß zu rühren in deiner Hexenküche, ehe du mir nicht den Weg zeigst. Ah, da hast du deine Stube, – wie reizend! Ganz so wie du in London wohntest. Aber welch eine kolossale Aussicht du hast, Edmund! Du wohnst ja in der Luft. Hier sitzen wir ja und fliegen! Mir wird ganz schwindlig! Du hast immer hoch gewohnt, Edmund! Immer habe ich hundert Treppen steigen müssen, ich mit meinem Gewicht, oder auch … nein, diese Fahrstühle sind doch gräßlich, das Herz sackt einem buchstäblich in die Stiefel hinab, wenn sie in die Höhe steigen, und dann wenn er anhält, o, dann fliegt das Herz direkt in den Hals hinein! Mein Herz ist in Unordnung. New-York gefällt mir. Und hier, sagst du, hast du drei Jahre gewohnt … sehr einsam, das fühle ich, es ist ja grau hier, du hast keine Blumen! Lieber Edmund, ich muß wohl noch einmal Farben zu dir hineinschleudern. Aber wollen wir uns nicht setzen. – Darf man rauchen?«

Hall lächelte und holte Tabak herbei.

»Du darfst rauchen. Hast du dich von der Seereise erholt? Befindest du dich wohl im Hotel?«

»Ausgezeichnet. Du weißt doch, daß jeder beliebige Ort unausstehlich wird, wenn ich da bin. Ich mag mich nicht langweilen. Vier Menschen haben mir schon ihre Lebensgeschichte erzählt. Ich halte Proben ab, unterhandle mit meinem Direktor – ein fixer Mensch – ich bin interviewt, photographiert, habe in einen Phonographen hineingeschrieen. Du siehst so aus, als würfe ich dich mit Schneebällen, lieber Edmund. Ja, satt habe ich es noch nicht – hier sollst du sehen …«

Madame d'Ora öffnete ihre goldbeschlagene Tasche und zog eine Nummer des Journals hervor, das ihr eine ganze Seite gewidmet hatte. Hall besah die Bilder, sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an, als sein Blick an einem hängen blieb, das Leontine in Gesellschaftstoilette mit entblößtem Busen darstellte. Aber seine Miene ging sofort durch einen Ausdruck von Kälte in ein höfliches Lächeln über, das schnell warm wurde. Madame d'Ora folgte dem Spiel in seinem Gesicht und lachte zuerst laut, dann staunend und schließlich ganz leise und glücklich. Sie sahen sich an und griffen zu gleicher Zeit nach einander.

»Meine Frisur!« ruft Madame d'Ora, und sie küßt Hall ein letztes Mal fest und lange. Hascht dann nach der Zigarette und pafft drauf los, falls noch Feuer darin sein sollte.

»Apropos – die kleine Armenierin ist fort. Ich hatte gestern morgen so viel Vergnügen daran, ihr dickes, schwarzes Haar zu ordnen. Denk dir, all das schöne Haar war ein einziger Wust, als wir sie aus dem Zwischendeck heraufholten, sie hatte es eine ganze Ewigkeit lang nicht gekämmt. Ja, ich frisierte sie nach der allerletzten New-Yorker Mode. Mein Gott, hast du denn gar nicht gesehen, daß ich auch verändert bin! Wir kämmen alles Haar in einer dicken Welle über das eine Auge ins Gesicht hinein, das ist hier so Sitte. Übrigens sind die Damen ja schrecklich, die ich hier während dieser zwei Tage gesehen habe. Welche Barbaren! Sie haben die besten Beine von der Welt, aber sie verstehen nicht zu gehen; sie haben viel Anmut, von deren Wert sie keine Ahnung zu haben scheinen, dreiste Augen, die aber nicht befreit sind … ich glaube, die Männer hier sind langweilig! Man hat mir nicht den Hof gemacht, Edmund, wie beschämt ich mich fühle! Niemand wagt, mich anzusehen … nein, das ist doch zu arg, ich bin mehreren Männern begegnet, in deren Gesicht ich einen warmen, aufrichtigen Appetit las, vermischt mit der lebhaftesten Angst vor Prügeln. Sehe ich so athletisch aus? Weißt du, was man mir erzählt … Die Damen hier töten die Anbeter mit riesenhaften Hutnadeln! Du weißt das? Du nickst erbleichend … Oho, schuldiger Edmund! Wir werden ja sehen. Wir wollen etwas erleben in dieser strahlenden Stadt! – Ja, Fräulein Karekin wurde also gestern morgen von diesem Laienprediger, oder was er sonst ist, von diesem Evanston abgeholt, nachdem ich sie frisiert hatte, › to kill‹ wie es hier heißt. Ich ließ sie nur ungern fort, Gott weiß, wo dieser Gottesmann sie unterbringen will? Ich hatte kein Verlangen, ihn zu sehen. Das kleine Wurm erzählte mir, sie sollte bei einer Familie wohnen …«

»Ich bekam heute einen Brief von Herrn Evanston,« wandte Hall ein. »Er bat, mich mit Fräulein Karekin besuchen zu dürfen.«

»Der Kerl! Was will er?«

»Er schreibt in dunklen und mir ganz unverständlichen Wendungen von einer Entdeckung, die er in bezug auf Fräulein Karekin gemacht haben will, und von Diensten, die wir der Wissenschaft und der Menschheit leisten werden.«

»Du willst doch nichts mit diesem unerzogenen Menschen zu tun haben?«

»Wäre es nicht möglich, daß er irgend etwas Amüsantes auf dem Herzen hätte? Ich habe ihnen telegraphiert, sie möchten heute nachmittag um vier Uhr kommen.«

»Gestehe es nur, du bist in die kleine Armenierin verliebt!« rief Madame d'Ora übermütig aus, und als Hall schwieg, sah sie ihn stutzend an. Dann aber lachte sie wieder schonungslos.

»Du warst auf dem Schiff von ihr bezaubert. Ich kenne dich ja, großer, verliebter Junge, du setztest das allernobelste Gesicht auf, als läge die Liebe mit allen ihren süßen Torheiten mondenweit von dir entfernt. Ich bin ja in Paris mit dir gegangen und habe die seraphische Unschuld in deinem Blick gesehen, wenn irgend so ein kleines Mieskätzchen in unserer Nähe ihren krummen Schwanz machte. Dann wußte ich, daß dein Verlangen nach ein Paar jungen, runden Augen stand, daß du dich sehntest, alle diese armseligen Anfangsgründe wieder zu üben … Edmund, sieh mich nicht so kühl an! Ich habe recht, aber verletzen will ich dich nicht. Gut, reden wir von etwas anderem.«

»Willst du mit mir ausfahren?« fragte Hall ein wenig fern in seiner Haltung. »Mein Automobil steht zehn Minuten von hier, ich kann es vor die Tür telephonieren.«

Das Stechende in Madame d'Oras dunkelblauen Augen verschwand in einem Nu, der Blick betaute sich, das Weiße im Auge wurde groß und bläulich wie bei Kindern.

»Ja,« flüsterte sie. »Ich will mit dir fahren. Es ist mein Tag, Edmund. Vergiß es nicht, heute ist mein Tag und deiner. Weißt du, daß es Frühling ist? Sieh hinab! Tief da unten zwischen den Häusern stehen grüne Bäume! Sie leuchten wie die Bäume auf dem Boulevard St. Germain. Welch eine große Stadt dies ist! Heute bin ich glücklich, Edmund.«

Sie schwieg und lehnte sich mit gesenkten Augen zurück. Nach einer Weile lachte sie leise und kehrte in anderer Form zu dem Gespräch von vorhin zurück.

»Ich begreife, daß Mirjam Karekin dich interessiert, sie ist natürlich ein feines kleines Geschöpf. Ich habe sie schrecklich lieb gehabt, aber weißt du was, sie war wirklich sonderbar und ich glaube nun ein für allemal nicht an Sonderbarkeiten. Stumme Leute, – nun, die küssen wohl ebensogut wie wir, aber das wirst du mir wohl einräumen, sie gehen umher und machen sich in ihrer stummen Art kostbar auf eine für aufrichtige Leute ruinierende Weise. Meinst du, daß die kleine Mirjam sich nur im Entferntesten dazu bewegen ließ, mir die armenische Tragödie zu erzählen, auf die hin sie dieser Nachtmissionar Evanston interessant gemacht hat? Nein, sie schüttelte beständig ihr liebes kleines Köpfchen und blickte versteinert um sich, so daß man die Luft mit Bajonetten, Feuersbrünsten und Feuerwaffen angefüllt sah. Übrigens, wie muß das arme Kind sich von allem überwältigt gefühlt haben! Hier kommt sie in diese Dampfhämmerei von Stadt … ich versichere dich, sie saß vorgestern den ganzen Tag ganz still und verwirrt auf einem Sofa, während ich beschäftigt war und die Presse empfing, ich wußte gar nicht, was ich für die hilflose Kleine tun sollte. Hoffen wir, daß man für sie sorgen wird. Diesem Mormonen, Evanston, traue ich nicht. Ich bin heute nachmittag, wenn sie kommen, natürlich hier, dann müssen wir ihm auf den Zahn fühlen.«

Hall nickte, er stand da und sah Madame d'Ora sehnsuchtsvoll an, gleichsam hinweg über die Kluft von Mißstimmung, die sich zwischen sie geschoben hatte. Sie verstand ihn, kannte ihn und es gelang ihr, den Schleier über seinem Blick zu zerreißen, indem sie an ihn herantrat und ihn so treuherzig küßte, wie nur sie es konnte. Sie glühten beide vor Innigkeit, sahen sich nicht an, hielten sich aber einen Augenblick fest in den Armen.

»Wollen wir nun fahren?« fragte Madame d'Ora. Wie froh und warm ihre Augen jetzt waren, während sie an Edmund Hall hingen, und wie sonderbar sie seine Hand umfangen hielt, als ob das Bewußtsein, daß sie ihn liebte, sie vergeßlich mache!

»Ja, Leontine,« sagte Hall, lachte tief aus der Brust heraus wie ein glücklicher Junge und küßte sie auf beide Wangen. Er ging ans Telephon, und während er lauschte, sah er ununterbrochen zu Leontine hinüber, die die Handschuhe anzog und auf mädchenhafte Weise lächelte.

»Kann ich mich darauf verlassen, daß du heute schon etwas zu essen bekommen hast?« fragte sie. Hall schüttelte den Kopf, beständig das Schallrohr am Ohr.

»Dann fahren wir zu allererst zu Martin und frühstücken,« erklärte Madame d'Ora. »Ich bin selber hungrig. Oder willst du mit mir hinaus und Rekord brechen? Sollen wir Lederzeug anlegen?«

»Nein,« sagte Hall und lachte. Er sprach kurz einige Worte ins Telephon hinein. »Nein, mein Kind, wir fahren ganz vernünftig. Aber ich muß mich doch umkleiden. In zehn Minuten ist das Automobil hier.«

»Hast du einen Chauffeur?«

»Ich fahre selbst. Willst du hier warten, während ich mich umkleide, es wird nur einige Minuten währen. Rühre aber nichts an, ich habe überall Gift und Elektrizität …«

Hall ging, und Madame d'Ora setzte sich in die Ecke und sah in die Stadt hinab. Gerade hinter ihr gruben sie den Grund zu einem neuen Hause aus, der Bauplatz und die Kiesgrube wimmelten von Arbeitern.

Da standen ein paar Pferde und sahen von oben ganz sonderbar aus, sie bewegten sich wie Fische auf dem Boden des Wassers. Oben über den Häusern und all dem weißen Fieberdampf hing die Brooklynbrücke, man hörte sie tönen, wenn man sie ansah. Waggons und Straßenbahnen liefen durch das Gitterwerk da oben wie die Schiffchen in einem Gewebe. Je mehr man hinauf sah, um so mehr verstand man von ihren großen Tönen; man unterschied trabende Pferde dort oben. Die Brücke sprach oder sang wie ein Eisgletscher, der vom Berge hinabgleitet, lebend, und sie selber hing schlummernd im Sonnennebel. Madame d'Ora fühlte das dunkle Dröhnen und versuchte unbewußt, den Ton zu finden, aber er war so tief, daß sie ihn nicht erreichen konnte. Schließlich merkte sie, daß sie da saß und sich hohl machte. Sie stöhnte, sah auf den blankgeschliffenen Schienenweg hinab, wo die Waggons, die in rasender Fahrt um die Ecke gekommen waren, so plötzlich auf dem Halteplatze anhielten, daß es einem im Kopfe surrte. Die Pferde standen noch immer da unten auf dem Bauplatz und bewegten die Schwänze wie in einem Strom. Jetzt langweilte Madame d'Ora sich, sie stand auf und sah sich im Laboratorium um, stemmte die Hände gegen ihr krachendes Korsett, zählte eine Reihe Totenschädel auf einem Bort und nickte, als es sich herausstellte, daß es genau zwanzig waren …

»Ed–mund!« rief sie laut und verdrießlich.

Hall erschien einen Augenblick später im Straßenanzug, eine Mütze auf dem Kopf, und sie fuhren hinab. Das Automobil hielt vor dem Portal, eine große, schwere Maschine, rot lackiert und mit dicken Rädern. Der Chauffeur, der damit gekommen war, setzte sich auf den hinteren Sitz und Hall ergriff das Steuerrad. Sie fuhren erst eine Strecke den Broadway entlang, da aber das Gedränge so stark war, daß Hall kein Wort auf Madame d'Oras Fragen zu antworten vermochte, bog er in eine Quergasse ein, die zu einer der Avenuen führte, wo es ruhiger war. Hier schaltete er höhere Übersetzung ein, so daß die Maschine mit einem Stoß vorwärts flog, unter fleißiger Benutzung der Hubbe fuhren sie in großen Bogen an den Wagen vorüber. Madame d'Ora befand sich jetzt wohl. Sie sah von der Seite Hall an, dessen behandschuhte Hände leicht auf dem Steuerrad lagen, und der mit großer Ruhe die Maschine führte, während er unverwandt auf den Weg achtete. Jetzt kannte sie ihn wieder, das war ihr eigener Edmund, der nie den Eindruck machte, als besäße er Mut, der aber keine Furcht kannte.

Es war eine glückliche Fahrt. Während sie frühstückten, entfaltete Madame d'Ora ihre ganze goldene Laune. Ihre Züge rundeten sich, als sei sie daheim, während sie am Tische saß, Hall gerade gegenüber, sie glich schließlich einem großen jungen Mädchen vom Lande. Und Halls nervöses Gesicht rötete sich leicht. Die Stimmungen von allen den vertraulichen Mahlzeiten, die sie in entschwundenen Zeiten zusammen genossen hatten, rückten nahe und löschten alles andere aus. Sie saßen da und erinnerten einander an so viele niedliche Unbedeutendheiten, die sich vor langer Zeit zugetragen hatten, und an den wunderbarsten Orten, die aber vor einem Tage hätten geschehen sein können. Sie seufzten und fingen an, leise zu zittern, tranken sich zu und vertieften sich gegenseitig in ihre Augen. Sie lachten über ihren Appetit. Madame d'Ora, die sich sonst beständig in einer Entfettungskur befand, machte heute eine Ausnahme und aß alles, was sie wollte.

Eine kleine Episode schien ihnen die Stunde verfinstern zu wollen. Der Diener brachte eine Karte, und Madame d'Ora trat mit einer leichten Entschuldigung an einen Mann heran, mit dem sie ein paar Minuten sprach. Hall saß mit der korrektesten Miene, aber schweigend da, als sie zurückkehrte.

»Das war mein Lokal-Impressario,« erklärte Madame d'Ora.

»Wie konnte der wissen, daß du hier bist?« fragte Hall kühl verwundert, »und wie kann es ihm einfallen, dich beim Essen zu stören?«

»Ich hatte ihn wegen eines Bescheids zu um ein Uhr hierher bestellt, und die Uhr ist, wie du siehst, gerade eins.«

»Wie beliebt?« Hall zog die Brauen sehr hoch auf die Stirn hinauf. »Willst du mir sagen, daß du die Absicht hattest, diesen Mann unter allen Umständen zu diesem Glockenschlag hier zu empfangen?«

»Natürlich!« antwortete Madame d'Ora ebenfalls mit ihren allergrößesten Augen. »Deshalb schlug ich dir vor, bei Martin zu frühstücken. Sonst hätte ich ja ein ganz anderes Restaurant wählen können.«

Hall grübelte ein wenig mit umwölkter Stirn. Dann brach er in ein Gelächter aus.

»Ganz wie du!« sagte er höflich ergötzt. »Du bist Gott in leibhaftiger Person, Leontine. Du bist mein Schicksal. Erst hinterher entdecke ich, daß alle meine Willensäußerungen in Wirklichkeit die deinen waren. Ich war nun eine Beute der angenehmen Illusion, daß ich dich mit fünfundzwanzig Pferdekräften dahin führte, wohin ich wollte. Auf dein Wohl!«

»Deine Augen sehen jetzt wieder so rot aus, Edmund,« sagte Madame d'Ora plötzlich »und du zwinkerst so viel damit. Fehlt dir etwas?«

Hall senkte den Kopf und rieb sich die Augen, ließ aber die Frage unbeantwortet. Madame d'Ora betrachtete ihn, ihre Fürsorge war wach geworden.

»Du hast auch kahle Stellen im Haar, an der einen Seite, was ist doch das, Edmund? Du bist doch nicht krank?«

»Ach, ich habe einige Versuche mit chemischem Licht gemacht, die haben meine Augen angegriffen,« murmelte Hall verdrießlich. »Aber wir wollen doch jetzt nicht von meinem Geschäft reden!«

»Du verbrennst dich schließlich noch einmal selber,« meinte Leontine in scheltendem Ton, wenn auch erleichtert, und dann sprachen sie von andern Sachen.

Als sie gegessen hatten, fuhren sie weiter. Hall zeigte Leontine den märchenhaften Bau an der Ecke des Broadway und der dreiundzwanzigsten Straße, der sie so stark ergriff, daß sie sich im Automobil aufrichtete und eine Herausforderung zu der Zinne des Hauses hinaufschmetterte.

Hall lächelte vergnügt.

»Mein Schatz,« sagte er, »du hast wieder einmal recht. Aber ich sage dir, um diese Ecke herumzukreuzen, das ist so ungefähr die größte Situation, in die ein Sterblicher gelangen kann. Mit dir in meinem Flieger bin ich ein glücklicher Mann.«

Hall schlug den Griff nieder und sie bogen mit einer langen Kurve in die fünfte Avenue ein, er bückte sich und stellte im Laufe einer Minute die Maschine auf die volle Kraft, stieß einen Trompetenstoß aus, und nun schleppten sie eine Wolke von Staub mit sich, während sie mit Lokomotivgeschwindigkeit über den Asphalt dahinsausten, an einer Reihe von Millionärhäusern vorüber. Der Chauffeur hinter ihm rief um Hilfe, und Madame d'Ora hielt unter lautem Geschrei ihren Hut fest. In ebenso kurzer Zeit mäßigte Edmund Hall die Fahrt wieder. Er nickte Leontine zu und stieß ein zufriedenes Grunzen aus. Einen Augenblick später tauchte ein sausendes Motorrad mit einem Polizisten neben ihnen auf, und Hall mußte mit Namen und Adresse herausrücken. Er würde in Strafe genommen werden.

Sie fuhren nun lange Zeit in anständigem Tempo weiter, nach der Promenade am Hudson hinaus, vorüber an Grants Mausoleum und ganz hinaus nach den Vorstädten. Auf dem Rückwege ließen sie den Chauffeur das Rad übernehmen und saßen selber hinten und unterhielten sich. Sie fuhren durch den Zentralpark, und hier stiegen sie aus und spazierten ein wenig in den Gängen umher. Es war ein heißer Maientag. Die Felsklippen, die aus dem Grün des Parkes aufragten, von der Eiszeit gefurcht und geschliffen wie die Schären in Norwegen, flimmerten an den Steinflächen von warmer Luft und prangten in dem Schmuck bunter Flechten und Kräuter. Die Bäume des Parkes standen im lichtesten Grün, und die blühenden Sträucher wölbten sich im Sonnenschein wie freihängende Nebel in Rosenrot und Gelb. Eine Schar junger Schulmädchen spielten Blindekuh auf einem der asphaltierten Steige. Einige hatten sich ringsumher verkrochen, hinter der Rücklehne einer Bank und unter die Büsche, wo sie zwitscherten und lachten wie Vögel, andre, verschmitztere, schlichen auf den Zehenspitzen um die Blindekuh herum. Es war ein Gezwitscher von jungen Mädchenstimmen. Aber die mit der Binde vor den Augen tastete sich still vorwärts. Das braune, unbedeckte Haar schimmerte in der Sonne, ihr roter Mund unter der Binde stand halb offen. Es war so ein zartes kleines Mädchen mit feinen Beinen; die Bluse und das Kleid trennten sich selbstverständlich in der Mitte des langen Körpers, der kaum ausgewachsen war. Sie schwankte mit eigenartig suchenden Bewegungen unter einen blühenden Baum, befühlte wie im Traum die Blütendolden, die herabhingen, und steuerte dann vornübergebeugt und seitwärts wieder auf den Steig hinaus. Jemand berührte sie, sie zitterte.

»Ich will dich schon finden,« sagte sie mit einer rauhen Stimme, die im Übergang begriffen war.

»Still!« flüsterte Hall Leontine zu, und sie blieben stehen, ohne sich zu rühren. Und die Blindekuh kam ganz nahe heran, streckte die schmächtige Hand suchend aus und griff wie mit einer Liebkosung in die Luft, gerade vor ihm. Dann legte sie ihre Hand gegen seine Seite, gerade auf das Herz. Er stand da und sah auf das braune Haar herab, er spürte den Duft des jungen Mädchens und der Blumen und des Grases. Ein Eichhörnchen näherte sich auf dem Rasen, setzte sich auf die Hinterbeine und sah sich mit lebhaft bebendem Maul um.

Endlich brach die Mädchenschar in ein lautes Geheul aus, das das Eichhörnchen wie einen Ball in den nächsten Baum hinaufsandte und die Blindekuh mißtrauisch machte. Sie hob die Binde und sah Hall mit einem feuchten, warmen Auge an, knixte, um sich zu entschuldigen. Hall und Leontine gingen. Sie grub ihre Fingerspitzen in seinen Oberarm hinein.

»Du Glücklicher!« murmelte sie. Und mit noch leiserer Stimme: »Aber du hast gar nicht an mein Lied von dem blinden Mädchen gedacht, nicht einen Augenblick, Edmund!«

Sie gingen eine Weile schweigend dahin. Nachdem sie vergebens darauf gewartet hatte, daß er etwas sagen sollte, ließ sie eine Bemerkung fallen, die unliebenswürdig und gemein war. Aber Hall schlug sie nicht, er blieb nur stehen und sah sie mit einem Ausdruck an, der um einen Grad wilder war als der ihre. Er konnte nicht verstimmt sein, denn der Rausch des Frühlings, der entschlossen und grausam macht, beherrschte sie beide. Sie standen einen Augenblick still und sahen sich an, sie mit einem wild mystischen Blick, er ohne zu weichen und mit heftig verzogenen Brauen. Dann gingen sie wieder, und Leontine stimmte ein Paar schmetternde Lieder an.

»Wollen wir zu den Tieren?« fragte Hall.

»Ja!« sang Leontine und wiegte sich in den Hüften, während sie ging. Der zoologische Garten lag an der andern Seite des Parks, sie sprangen in das Automobil und fuhren dahin.


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