Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel

Es vergingen ein paar Wochen, und die Wärme, die so lange der ruhelosen Stadt den Charakter einer Folterstätte verliehen hatte, fing an zu fallen. Die Listen von denen, die umsanken und am Sonnenstich starben, nahmen ab. Aber noch immer schnurrten die elektrischen Fächer in allen Kontoren und Cafés. Regen fiel nicht über der versengten, pulverisierten Stadt, deren harte Umrisse nur von dem Dampf und dem elektrischen Rauch gemildert wurden, den sie selber entwickelte, oder von dem Aschennebel, den ein Waldbrand landeinwärts erzeugte.

An einem solchen klaren, unbarmherzigen Tag, als die Sonne von einem wolkenlosen Himmel auf die Riesenstadt herabflammte, die entblößt ihren Strahlen preisgegeben war, kam Leontine d'Ora zu Hall, um ihm lächelnd ihr weißes Haar zu zeigen.

Er erkannte ihr Pochen, aber als er öffnete, wich er zurück, starr vor Schrecken. Da draußen stand eine ältere Dame, eine große und stattliche Frau mit schönen Gesichtszügen und Augen wie Sterne. Es war Leontine. Sie lächelte ruhig und trat ein. Mitten im Sonnenschein stehend, nahm sie ihren Hut ab, er war von entsagendem Umfang und mit violetten Blumen, sie nickte – ihr dichtes Haar war weiß!

»Ja, ich bin es,« sagte sie, und selbst in ihrer tiefen Stimme lag etwas Alterndes, etwas nicht mehr Lächelndes; aber da sie so traurig und bewegt war, klangen ihre Worte schöner als Vogelgesang im Walde. »Ich hab' mich ergeben, Edmund!«

Sie ließ die Arme an den Seiten herabhängen und ließ ihm Zeit zu sehen, wie alt und grau sie war. Sie hatte die Farbe aus ihrem Haar entfernt, aus ihrer rotblonden Mähne, und es in einer schwermütigen Koketterie noch weißer gepudert, als es in Wirklichkeit war. Die Schminke, die in all den letzten Jahren stets ihr Gesicht und ihren Hals bedeckte, war verschwunden, so daß man die Haut in ihrem ganzen zerstörten Elend sah, wie einen verkohlten Bauplatz. Sie erhob lächelnd ihre eine Hand und zeigte selbst aus die groben Flecke unter den Ohren, sie blinzelte mit schweren, kaffeebraunen Lidern, die unter dem pulverblauen Schatten, der tiefen Brauen lagen. Ihr Lächeln enthüllte eine große Lücke in der einen Seite der Zahnreihe, die Lippen waren bleich und glanzlos. Sie stand da in einem ganz einfachen, schwarzen Kleide, das von einem Gürtel um die reife Gestalt gehalten war. Allen Schmuck hatte sie abgelegt, sie trug weder Schlangen in den Ohren noch Brillanten an der Kehle, und an ihren großen, weißen Händen blitzte nicht ein einziger Ring. Nichts, was strahlte, nichts was Licht fing und schimmerte. Sie sah gleichsam kleiner aus. Aber das strenge Kleid verlieh dem üppigen Körper einen Ernst und eine Sammlung, die fast mehr blendeten als die früheren verwegenen Toiletten, und das weiße, wilde Haar bildete einen mystischen Glorienschein um den Ausdruck von Schmerz und Ruhe im Gesicht. Der Mund war noch verzweifelt und schön, und die Augen brannten wie früher von Edelmut und Leidenschaft. Sie war kühner denn je. Sie sah, wie Hall sprachlos von dunkler Reue und Staunen dastand, und da hob sie die Brust und lächelte, glücklich im Gefühl neuer Demut und neuer Kraft.

»Als ich heute morgen erwachte, Edmund, konnte ich nicht mehr,« sagte sie und lachte, es lag eine unaussprechliche Wärme in ihrer Stimme.

»Ich konnte nicht mehr. Die Wiederholungen der Jahre bedrückten mich, ich wurde mir selbst unmöglich. Ach, es ist ja gerade dieser ewig sich wiederholende Kampf, die Jugend zu bewahren, der uns alt macht. Ich bin nicht müde, Edmund, aber mein Gott, was habe ich mich nun seit tausend Jahren gelangweilt. Und dann heute morgen war da so etwas Sonderbares und Schönes beim Erwachen, ich weiß nicht, ob ich geträumt hatte, oder ob ich fühlte, daß es mein Todestag war … ich war heute morgen so wunderbar fröhlich und klug. Ich badete im Meer, ich fuhr hinaus und tauchte in dem erwachenden Tage unter. Da war eine große, grüne Welle, die dahergebraust kam und mich halb tot küßte. – Ah! … Ich sang ein Lied da draußen ganz allein. Und da habe ich resigniert. Jetzt wollen wir alt sein, interessant und tief. Ich bestellte mir Ralph zum Frühstück, und der lange, schöne Junge verstummte genau so wie du. Er wandte sich ab, ich glaube, er zerdrückte eine Träne. Er kommt übrigens in einer Stunde hierher, um Eld zu sehen, du hast mir ja erlaubt, ihn heute zu der Sitzung mitzubringen. Er raucht nicht und trinkt auch nicht, das Wurm. Er hat um mich angehalten, Edmund, Ralph hat um mich angehalten.«

»Wirklich?« sagte Hall zerstreut und ganz ohne Interesse für das, was in dieser Mitteilung lag; er sah indessen Leontine aufrichtig an, als ob er sich unter allen Umständen freuen würde, wenn es ihr gut ergehe. Tränen traten ihr in die Augen, aber sie verbarg es …

»Aber ich mußte nein sagen. Weißt du, aus welchem lächerlichem Grunde er mich liebt? Er sagt, weil ich eine ›Vergangenheit‹ habe, ist es nicht allerliebst? Daß ich genau doppelt so alt bin wie er, das macht gar nichts, gerade nach meinem Alter, nach den Urzeiten in mir, sehnt sich der galante junge Dichter. Er hat Verwendung dafür für sein Amerika, denn Amerika entbehrt der Vergangenheit. Ralph hat nichts weiter als die Glacialzeiten und dann natürlich die Indianer und die viel zu frischen Mythen der Emigrantenzeit, in die er sein Haupt hüllen kann, wenn der amerikanische Tag ihn verletzt. Er liebt es, vor den Klippen draußen im Zentralpark, die von dem Gletscher einer ungeheuer fernen Vergangenheit gefurcht sind, in Nachdenken zu verfallen, – als wenn man nicht in jeden beliebigen Stein Ritzen mit einem Hammer machen könnte. Aber, siehst du, er behauptet, ich sei für ihn das personifizierte Europa, er sagt, ich trage die Kultur all der alten Reiche, ihren Lenz, ihren Sommer und ihren Herbst, in meinem Herzen, er setzt tiefsinnige Dinge über die alten Griechen und über Paris und Skandinavien zusammen, und spricht mit Verachtung von der glühenden Blüte des Verfalls und der Schande, er belehrt mich über die rote Mystik des Kölner Domes, und über die Brücken, die über die Themse führen, über Shakespeare … und wenn er mir das alles erzählt, sieht er mich mit seinen gesunden blauen Augen wie ein Gläubiger an. Er kann auf amüsante Dinge verfallen, auf genau so ein dummes und bezauberndes Rebus, wie die, mit denen du, lieber Edmund, mich in früheren Zeiten lähmtest. Wie schön er heute sprach, nachdem sein Kummer, mich als Ruine zu sehen, sich gelegt hatte. Er konnte ja sofort den Beweis dafür finden, daß er mich gerade so liebte – mit der Schlacht bei Xeres de la Frontera auf meiner Stirn und mit Brunhildens Mundwinkeln und mit dem Übergang über die Beresina in meiner Seele … kurz, der unschuldige junge ›Halfback‹ wünscht mich als das erste teure Stück in seiner Sammlung. Aber er hat recht, er hat recht, und ich würde ihn ja gerade verstehen, so lange er mich ansah, wenn ich nicht von meinen Jahren isoliert worden wäre …«

Leontines Stimme hatte einen dunklen, sturmvollen Klang angenommen, aber jetzt schwieg sie. Sie saßen jeder auf seiner Seite des Tisches an dem Eckfenster, unter sich die Stadt in Dampf und brennender Sonnenglut. Hall umfaßte das Kinn mit der Hand, den Blick nach innen gekehrt. Leontinens Augen hingen an ihm, ihre Züge beruhigten sich und wurden rund, sie umfaßte seinen Kopf mit einem Blick, der groß war von trostlosem Sehnen und von Angst.

Sie verbarg ihm zwei Geheimnisse, die sie schreckten, sobald sie schwieg. Aber als Hall aufsah, von ihrem Schweigen aufgeweckt, erstarb der Ausdruck in ihrem Gesicht, und sie begegnete seinem Blick, ohne daß er etwas verstand. Seit Leontine nach New-York zurückkehrte, hatte sich ein Abstand zwischen ihnen gebildet, der nicht mehr überschritten wurde.

Leontinens Lippen bewegten sich, ohne daß sie es wußte, und wenn Hall sie beobachtet hätte, würde er den Eindruck empfangen haben, daß sie verzweifelt war – sie hatte so glühend an einen Namen gedacht, daß er sich auf ihren Lippen bildete. Es war Evanstons Name. Leontine hatte in aller Frühe heute morgen einen schriftlichen Befehl vom selbigen Tage von Evanston erhalten, daß sie sich zu einer einsamen Abendmahlzeit in seiner Privatwohnung einfinden solle. Die Einladung war von besorgten Anspielungen auf Edmund Halls persönliche Sicherheit begleitet …

»Ich soll um neun Uhr dort sein,« sagte sie mechanisch, »er schreibt, ich soll um neun da sein, sonst …«

Sie wurde grau wie Eis, und der Mund trat gelähmt im Gesicht vor. Reden mußte sie, und es war ihr unmöglich nicht das zu umkreisen, was durch seine Widerlichkeit nahe daran war, sie zu ersticken. Nervös rief sie aus:

»Edmund, siehst du jemals etwas von diesem Predikanten, von Mirjams Vormund? Denk dir, Ralph und ich waren heute hin, um ihn zu hören, als wir gefrühstückt hatten, kam uns der Einfall; in einer Zeitung stand, daß er eine Vormittagsversammlung abhalte. Evanston predigt in einer großen Halle, oben an der dreiundzwanzigsten Straße, und er hatte einen gewaltigen Zulauf, wir liefen keine Gefahr, erkannt zu werden. Er spricht wie ein Schleifstein, er mahlt, er betäubt die Leute, – die Lichtbilder, derentwegen er so berühmt ist, wurden heute nicht gezeigt – er predigte von dem neuen Reich und von dem Kreuzzug gegen die Sünde, diesen ganzen fossilen Nonsens, von dem ich nicht begreife, daß es die Leute immer noch amüsieren kann. Aber er gebraucht Fremdwörter und entlehnt Bilder aus der Chemie, das ist das Feine an ihm, und er bewegt sich in Gleichnissen aus seinem Jägerleben und aus der Zeit, als er sich im Schmutz der Sünde wälzte, – selbst Ralph fand, daß er Phantasie habe. Er malte unter anderm aus, wie der Weg zur Seligkeit durch Wüsten führe, die mit tausenden von Knochen und Ochsenhörnern von dem Vorspann der Wanderer übersäet sei, und wie die Pfeile des Versuchers draußen aus der öden Finsternis kommen und sich zitternd in das Wagenzelt festsetzten, auf der Wanderung über wilde und unwegsame Steppen! – Und da senkte auch Ralph seinen blonden, ehrlichen Kopf und fand, daß es gut war. Später, als wir wieder gingen, machte Ralph die lächerlichsten Versuche, Wyoming mit demselben starken Wildgeschmack auszusprechen, wie es Evanston seiner Behauptung nach getan hatte … aber da schlug ich sie beide aus dem Felde, ich jauchzte auf der Straße, während Ralph und ich zusammen gingen, so daß die Leute glaubten, ich sei verrückt – hör' einmal –« Leontine erhob sich, und indem sie sich mit gestreckter Kehle vorbeugte, brüllte sie wie irgend ein mächtiges und wildes Raubtier, das verwundet ist: »Wyoming! Wyo-ming!«

»Die Menschen sind sonderbar, Edmund, die fallen noch um und liegen tot da von einem Gebrüll. Selbst du fingst ein wenig an zu zittern, eben als ich heulte. Da steht dieser Mormone oben in New-York und heult sie sich alle miteinander untertan, dies hungrige, schmutzige Tier! Aber Ralph fand ihn monumental mit diesen knochigen Streifen an der Nase, er begeisterte ihn zu einem witzigen Aphorismus über den Mandril und die Glacialzeit des Menschengeschlechts … genau so wie es dir in alten Zeiten in den Sinn kommen konnte, als du immer mit mir über Atavismus redetest und über all das, was ich notgezwungen lieben mußte, wenn ich mit dir zusammen war. Ihr seid wirklich reizend! Aber ich hasse nun einmal Tiere! Ich werde krank davon! Ah!«

Sie fuhr so heftig zusammen, daß sie beinahe zu Boden gesunken wäre, dort wo sie stand. Sie setzte sich, schöpfte Atem, sah Hall an. Er schwieg. Er hatte unwillkürlich daran denken müssen, daß sich Leontine bewußt oder unbewußt stets solcher Ausdrücke und Bilder bediente, die sie der Zoologie entlehnte, was sie sich durch ihren Umgang mit ihm angewöhnt hatte, und dies rückte entschwundene Jahre in seiner Erinnerung so nahe, daß er unter einem schneidenden Gefühl von der Kürze des Lebens fast das Bewußtsein des Schmerzes verlor.

Leontine sah nicht mehr, obwohl ihre Augen starrten, sie hatte sich nach innen gewendet im Kampf gegen das, was sie quälte. Ihre Brust zog sich ein paar Mal stark zusammen unter einem physischen Bedürfnis, sich zu befreien, indem sie Edmund alles mitteilte.

»Edmund, hör' einmal …«

»Ja, Leontine.«

Sie bezwang sich, sie bezwang sich.

»Gib mir lieber ein Glas Whisky,« bat sie begehrlich. »Kann es wohl schaden, wenn ich nur ein wenig trinke, kann es Mirjam wohl schaden? Du trankst neulich selber, Edmund, als deine Nerven dich im Stich ließen …«

Hall fixierte sie, er fing an zu ahnen, daß sie sich in Not befand. Hall sah nicht mehr sehr scharf. Er zögerte, Leontine aber sprang auf und schrie klagend:

»Ich kann es nicht aushalten, Edmund!«

Es schien ihm, als habe er keine Berechtigung, sie nach dem Grund ihrer Gemütsbewegung zu befragen. Ohne etwas zu sagen, erhob er sich und holte eine Flasche mit Whisky. Er brachte zwei Gläser und eine Karaffe mit Eiswasser. Leontine trank und stöhnte laut vor Linderung. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie wurde ruhiger. Das zweite Geheimnis, das sie vor Hall verbarg, beunruhigte ihr Gemüt, sie wurde flammend rot, und gleich darauf ward ihr Mund so bleich, sie sah ihn mit einem ertrinkenden Blick an, bis ihre Augen zufielen. Sie war guter Hoffnung. Sie wußte es seit heute morgen. Und wie sie nun so saß und Hall ansah, glänzten ihre Augen von heißer und schmerzlicher Sehnsucht, von Zärtlichkeit und Verzweiflung. Sie betrachtete seinen Mund, als habe sie ihn noch niemals ordentlich gesehen, als empfinde sie eine Verantwortung für die Züge, die sie fortzupflanzen im Begriff stand; sie sah sein Haar an und plötzlich brach sie zugleich in Lachen und Weinen aus:

»Dein Haar ist ja auch fast weiß, Edmund,« schluchzt sie, und sie lacht und schüttelt den Kopf, sie sperrt den Mund weit auf und seufzt, schnappt nach Luft, ringt die Hände. Hall aber sitzt stumm und still da. Da wendet sie das Gesicht aufwärts und bricht in einen gequälten Notruf aus, sie dampft aus den Zähnen und dem Schlund, sie bellt ganz laut, bis sie ihr Herz befreit hat, dann bricht sie zusammen und weint erleichtert: die heißen Tränen furchen ihr Antlitz, tropfen ihr von Mund und Kinn, sie bebt, aber jetzt lächelt sie wieder, und sieht Hall unter schimmernden Tränen an, sie klagt und lacht kläglich: »Wyoming! Wyoming!«

»Kehr' dich nicht daran, daß ich mich so anstelle,« stammelt sie ganz getröstet und glücklich, »es ist wohl nur so eine Art Heimweh, das mich überkommt. Es kleidet dich so gut, wenn ich hysterisch bin, Edmund, du siehst so geduldig aus … Wyoming! Mein Freund!«

Sie betrachtet ihn lange, den Kopf auf die Seite gelegt und einen Zipfel des Taschentuches zwischen den Zähnen, ihre Tränen rinnen langsam an den Wangen herab. Endlich scheint es, als fasse sie durch ein strahlend liebevolles und verschämtes Lächeln hindurch einen Beschluß …

»Mein Gott, wie ich dich geliebt habe, Edmund!« flüstert sie. »Ich will es sagen. Ich will es sagen.«

Hall nähert ihr sein Gesicht, um sie besser zu sehen; er ist sehr bewegt, aber er schweigt.

»Ich habe das Recht zu lieben, wen ich will, nicht wahr? Und ich liebe dich nun einmal. Du brauchst dich ja gar nicht daran zu kehren. Ich habe dich immer geliebt, Edmund, habe dich nie entbehren können.«

Sie springt auf, unbändig, sie stößt die Luft aus ihren breiten Lungen heraus wie Schüsse, sie steht auf den Zehenspitzen:

»Ach, du bist ja der einzige, der mich zusammengehalten hat, Edmund! Du hast mich immer freigesprochen, du hast nicht einen Teil von mir geliebt, sondern mich, mich! Du hast alles gewußt, ich habe dir nichts verbergen können. Edmund! Edmund! Ohne dich fühle ich mich verhärtet, gewöhnlich und verderbt. Du hast mich immer durchschaut, mich mir selber bewiesen. Wenn ich habe leben können, obwohl ich so roh und so verdorben bin, so danke ich dir das. Ja, das tue ich!«

Sie schnaubt, geht durch das Zimmer, kehrt wieder zurück und setzt sich dann gehorsam hin:

»Aber ich weiß sehr wohl, daß es vorbei ist.«

Die Tränen steigen ihr wieder in der Kehle auf, aber sie schluckt sie mühsam hinunter, drängt ihre Qual zurück. Edmund Hall sitzt gesenkten Hauptes da, sie streckt schüchtern die Hand aus, berührt sein Haar.

»Leb wohl!« flüstert sie. »Edmund! Edmund!«

Und nun schweigen sie beide.

Leontine leert durstig ihr Glas.

Später, als sie ihre Augen getrocknet hatte und sie dasaßen und auf den Kreis warteten, sprachen sie friedlich miteinander, beide sehr sanft und jedes in sein Schicksal ergeben. Nach einer Pause, während welcher Leontine in tiefe Gedanken versunken dagesessen hatte, bemerkte sie, daß sie jetzt nach Europa zurückreisen wolle.

»Wirklich?« fragte Hall teilnehmend.

»Ja, und zwar bald. Vielleicht noch heute abend. Du weißt, ich entschließe mich immer plötzlich.«

»Heute abend! Nein, Leontine, daran denkst du doch nicht.«

»Ja, ja! Reisen will ich, und du mußt dich nicht wundern, wenn du ein Marconigramm von mir von hoher See erhältst, – es kann heute nacht sein oder morgen. Ich gehe an Bord irgend eines Schiffes, es ist mir ja ganz einerlei, ob ich in Neapel oder in Liverpool an Land gehe. Laß es dir gut ergehn, Edmund! Und hab Dank für …«

»Du darfst nicht mehr sagen,« bat er mit verzerrtem Gesicht.

»Verzeih! Na ja, ich verschwinde also. Ich sehne mich ja nach der See. Und ist das nicht alles gut? Ich möchte dir ja wünschen, daß es dir besser ginge, lieber Edmund … verzeih, jetzt urteile ich wieder nach mir; deine Sitzungen sind ja sehr interessant, und ich hätte mir nie in meinen wildesten Träumen die Wunder vorstellen können, die ich gesehen habe! Für einen Mann wie dich, der sich mit der vierten Dimension beschäftigt und mit selbstleuchtenden Metallen, muß es ja eine Leidenschaft, eine Spielwut werden – verzeih den Vergleich, ich liebe ja Monte Carlo – aber weißt du was, ist während der drei Sitzungen, denen ich beigewohnt habe, eigentlich mehr als immer wieder dasselbe geschehen? Dieselben Hymnen, dasselbe Aus- und Einhüpfen aus dem Kabinett oder aus der Atmosphäre, wenn du willst, dasselbe fanatische Wiehern des Kreises! Ich kann mich nicht mit den Leuten aussöhnen, mit denen du zusammen arbeitest, Edmund, wenn ich nur an sie denke, bekomme ich Gänsehaut. Ich glaube, der Spiritismus ist eine Art seelische Geschlechtskrankheit. Puh! Und sie hassen mich alle miteinander! Das sind genau dieselben, die im Mittelalter Hexen verbrannten, und ich fühle ganz deutlich, wenn sie mich ansehen, daß ich auf dem Wasser fließen würde. Selbst die kleine Frau Mc Carthy ist mir unausstehlich, dieses arme, mißhandelte Wesen. Man sollte nicht glauben, daß Falsch in ihr ist, wehrlos wie sie ist, aber ich habe entdeckt, daß auch sie im Grunde ein Tier ist, das keinen Pardon gibt. Es ist mir so wunderbar zu denken, daß du den Mittelpunkt in einer Vorstellung für dies Gesindel bildest. Das ist nicht dein Geschmack, Edmund!«

»Wenn man minderwertige Leute aus seinem Kreise ausscheiden sollte, machte man sich eine fatale Majorität zu Feinden,« sagte Hall und lachte leise. »Du bist inkonsequent, Leontine, natürlich. Was meinst du mit Gesindel? Mein Kreis ist geradeso zweckmäßig wie möglich zusammengesetzt. Diese Menschen haben nicht wie wir, wenigstens nicht wie ich, ihre Dummheit und Bosheit eingebüßt, und ohne diese Elemente kann man keine ganzen Menschen wieder hervorbringen., Sie sind töricht und abergläubisch, ihre Gehirnzellen liegen noch flach aufeinander wie Geldstapel, sie haben nichts gegeben; aber sie haben den Vogel Rok in sich und die große Seeschlange, ihre Phantasie ist prädarwinistisch, das heißt, sie besitzen noch alle Variationsmöglichkeiten. Sie sind Gottlob gierig und neidisch und voller Lügen. Es sind tiefe Menschen. Laß sie mir bitte! Natürlich riechen sie nicht angenehm, und es ist gerade nicht das, was ich unter Glück verstehe, mich zwischen ihnen zu bewegen, ihrem Geschwätz ausgesetzt …«

»Ja, aber was willst du denn eigentlich erreichen?«

»Erreichen? Was kann man weiter erreichen, als sich weniger zu langweilen? Die ganze Erde ist entdeckt – ausgenommen die Pole, auf denen wir ja möglicherweise noch Diamantberge finden können – ich freilich glaube, daß sie flachgedrückt sind – ich bin fast überall gewesen, ich bin spektranalytisch durch das Weltall gereist, es gibt nichts mehr, keine Hoffnung auf Erneuerung. Warum da die Zukunft nicht in dem Übernatürlichen suchen? Unsere Entwicklung führt geradeswegs dahin. Bisher sind wir uns alle darin einig gewesen, das Leben zu genießen, niemand ist aber auf den Einfall gekommen, den Tod selbst zu genießen. Er kann für die Menschheit erobert werden. Du schüttelst den Kopf, du verstehst mich nicht. Ich bin kein Mystiker, ich denke an den neuen Typus, auf den wir als Folge der Entwicklung gefaßt sein müssen. Woher sollte er sein Material beziehen, wenn nicht gerade aus unseren Abnormitäten, unserer Auflösung? Du weißt wohl, daß der durchschnittliche Verstand der einen Generation so ungefähr den Geisteskrankheiten der voraufgehenden entspricht; wenn du es nicht weißt, so langweile dich über die banalen Wahrheiten, die die Denker der Vorzeit mit Aufbietung aller Kräfte hervorbrachten. Oder überzeuge dich davon, wie sehr Idioten oft Affen ähneln. Gut, ich erwarte, daß meine Entdeckungen in bezug auf den Stoff der Chemie neue Wege erschließen werden, und gleichzeitig hoffe ich, die Menschheit zu der nächsten Entwicklungsstufe vorwärts zu führen – die möglicherweise jenseits dessen liegt, was wir den Tod nennen.«

»Du wirst stets einsam sein, trotzdem, Edmund, selbst ›jenseits‹. Hast du mir nicht erzählt, daß dich nichts so peinigt wie die spiritistische Literatur, die voll von der gewöhnlichsten Erbauungsfaselei ist. Das kannst du von deinen Geistern erwarten.«

»Wer sagt, daß ich an ›Geister‹ glaube? Wenn du dir einen Orang-Utang vorstellen kannst, der an Menschen glaubt, so weißt du, was ich meine.«

»Ja, aber die Geisterwesen, die wir bei den Sitzungen erscheinen lassen, sind doch tote Menschen, haben früher gelebt.«

»Was versteht du unter toten Menschen? Der Tod ist ein physisches Blendwerk. Hier ist der Punkt, auf den ich meine Untersuchungen richte. Ob mich der Kreis, das Medium oder die Geister langweilen, ist eine ganz andere Frage.«

»Ja, Edmund. Jetzt sprichst du aber doch nicht von Eld …«

Leontine sah ihn vorsichtig an. Seine Züge verschlossen sich.

»Darf ich dir etwas sagen?« fragte sie.

»Nein.«

»Ich sage es trotzdem,« rief sie lauter und mit einem zornigen Ausblitzen in den Augen aus. »Ich will es sagen, ehe ich gehe. Du sollst ein Ende mit Eld machen, Edmund, du mußt es. Ihr müßt euch haben. Ich habe das Recht, dir einen Rat zu geben. Könnt ihr euch denn nicht bekommen? Gibt es denn keine Möglichkeit?«

»Es gibt zwei Möglichkeiten,« sagte Hall und hielt ruhig Leontinens robustem Blick stand. »Zwei und nicht mehr.«

»Die eine ist?«

»Daß ich ein Mittel finde, Elds Menschlichkeit zu fesseln. Ich muß die Materialisation stabil machen. Das ist für mich ein chemisches Problem. Leider scheint es, als könne das nur auf Kosten von Mirjams Gesundheit geschehen, vielleicht auf Kosten ihres Lebens. Ich weiß übrigens bis jetzt weder aus noch ein, ich sehe nur das Problem und weiß, daß es gelöst werden kann

»Und die andere Möglichkeit, Edmund?«

Hall zog die Brauen zusammen und sah Leontine gerade in die Augen:

»Es ist die, daß ich auf Elds Seite übergehe.«

Ein Schrei durchzuckte Leontine, aber sie blieb vollkommen ruhig sitzen, als sei sie besorgt, ihm durch ihre Angst den festen Grund unter den Füßen zu rauben Sie nickte mit einer klugen und besonnenen Miene.

»Das Experiment solltest du lieber mir überlassen,« äußerte sie, und indem ein Gedanke sie durchzuckte, fuhr sie heftig zusammen. Sie veränderte den Gedankengang mit großer Willensanstrengung und fuhr in leichtem Ton fort:

»Ja, mein Freund. Übereile dich nur nicht! Ich kann es begreifen, daß du Eld liebst, sie ist ja reizend. Dünne ist sie – wie mir scheint – da ist gar nichts. Aber … Nun! Wenn du sie nun also liebst. Du sagtest vorhin, es gebe nur zwei Möglichkeiten, Edmund, – ich finde, da ist eine dritte.«

Sie richtete ihre Augen dreist, fast mit Kälte auf ihn. Er stand fragend da.

»Kaufe das Dutzend Plebejer! Kaufe sie, du hast ja Geld genug, oder du kannst zu dem Zweck ein Lispfund Radium zu Geld machen. Stelle ein Himmelbett mitten im Kreise auf oder baue das Kabinett um … so lange Eld materialisiert ist, ist sie körperlich genug, ich habe sie selber befühlt, da ist, was da sein soll. Kaufe sie, stopf ihnen den Mund mit Dukaten, so lange es währt … ich werde Mendelsohn auf dem Harmonium spielen … Ach nein, ich will hinaus und auf den Wellen rollen, ich will nach meiner eigenen großen, grünen See hinaus. Hah!«

Mit einem Schnauben und einem Heulen fährt sie von dem Stuhl auf und wirbelt sich um sich selbst durch das ganze Zimmer. Hall legt die Hand über seine müden, geschwollenen Augen. Als er hört, daß sie ruhig wird, sieht er auf. Sie steht neben dem Kabinett und hebt die Vorhänge mit einem Finger in die Höhe, sieht zu dem Diwan und den Borten hinein. Leise schleicht sie davon und nähert sich der Orgel, ihre Lippen bewegen sich, sie spricht mit sich selber. Sie schlägt eine Taste an, läßt sie aber wieder los, als habe sie sich verbrannt. Als sie wieder zurückkommt, ist sie gefaßt, aber es funkelt etwas Gefährliches in ihrem Blick, das Hall kennt und wogegen er sich wappnet, indem er jeden Ausdruck in dem seinen ersterben läßt.

Leontine setzte sich, lautlos in allen Bewegungen. Sie preßte beide Arme gegen ihre Brust, sah Hall an, nickte, blinzelte.

»Ich liebe es, geliebt zu werden,« sagte sie und ihr Kopf bebte auf dem Halse, sie lächelte wie ein Kind. »Ich liebe Wärme, ich liebe Lachen und frische Zähne und sorglosen Appetit. Weißt du, wenn jemand flüstert: ›Ich liebe dich!‹ so werde ich ein reiches Geschöpf, ich werde gut und gehorsam, fast ohne Rücksicht darauf, wer es ist. Das erste Mal, wenn jemand es sagt, zittere ich. – Ach, selbst wenn ich sehr wohl sehe, daß es unwahr oder frech ist – das zweite Mal, wenn er sagt: ›Ich liebe dich!‹ werde ich so schwach, so schwach, und das dritte Mal, wenn er sagt: ›Ich liebe dich!‹ falle ich wie ein großer Baum. Ja. Aber ist Zwang nicht schrecklich, Edmund – Gewalt? Denke, wenn jemand schlagen wollte, denke, wenn jemand gegen meinen Willen – –«

Sie würde leichenblaß.

»Was willst du nur, Leontine,« fragte Hall verwundert. »Was redest du nur einmal?«

»Nichts. Mir ist wohl nicht ganz wohl. Edmund, glaubst du, daß ein kleiner Tropfen Whisky mehr schaden könnte, nur ein ganz klein wenig? Ach was?«

Hall schenkte ihr ein wenig in ihr Glas.

»Auf dein Wohl!« sang sie, am ganzen Leibe bebend. » Und auf Wiedersehen, Edmund

Sie schwiegen. Draußen lag die Stadt und die Brücke in dem immer gleich glühenden Sonnenschein, ein weißer Ofen, die Stätte der Unseligen.

Leontine saß nervös da und drehte das leere Glas zwischen den Händen, von Gedanken beschwert.

»Wenn Eld nun bewogen werden könnte, ein Jahr lang zu bleiben,« stammelte sie – »wenn du etwas ausfindig machen könntest, daß es möglich wäre, und ihr euch bekämet, und wenn sie dann ein kleines Kind bekäme, wenn das überhaupt zu denken ist, glaubst du, daß sie dann das Kind mitnehmen würde, wenn sie verschwände?«

»Wie kann ich dir wohl Antwort auf so etwas geben!« lachte Hall kopfschüttelnd. »Welch ein Einfall von dir!«

»Ja, es ist natürlich törichtes Gerede. Aber ich habe so oft über dies mit den Kindern nachgedacht – woher kommen die? Du glaubst doch nicht, daß sie schon früher gelebt haben? Sage mir eins, Edmund, – ich setze den Fall – – jetzt bekomme ich wohl keinen Whisky mehr? Nein. Gut, ich setze den Fall, eine Frau stürbe, die ein Kind haben sollte, was dann? Was würde dann aus dem Kinde? Würde es etwas, oder – – oder – –«

Hall schüttelte den Kopf abweisend und müde.

Pause.

»Edmund, entsinnst du dich wohl noch des kleinen Kindes, das mitten auf dem Rasenplatz in einem Park saß, an einem Tag im Frühling, als wir zusammen ausfuhren?«

Sie senkte die Stimme ganz.

»Das war am Morgen nach der Nacht, als du mich auf dem Treppenflur sitzen fandest.«

Hall schwieg, er konnte sich des Kindes nicht entsinnen. Und er sah den elenden Blick nicht, mit dem Leontine um sein Erbarmen flehte, oder er verstand ihn nicht. Da lehnte sie sich still in den Stuhl zurück und schloß die Augen und den Mund.


 << zurück weiter >>