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Elftes Kapitel

Die Sitzung gestaltete sich zu einer der sonderbarsten und großartigsten, die der Kreis bisher erlebt hatte. Es schien, als ob der Elektrizitätsladegrad der Atmosphäre, der Barometerstand und die erschlaffende Hitze des Tages zusammen die günstigsten Bedingungen für die Mysterien der Stoffumsetzung, die chemischen und physischen Transformationen bildeten, die mit Fräulein Karekin im Kabinett als Zentrum von dem Kreise ausgingen.

Eld, der materialisierte Geist, das längst akzeptierte Wunder der Sitzungen, gab Edmund Hall zu erkennen, daß sie heute zuerst die Blumen erscheinen lassen wolle. Dies hatten sie schon früher gesehen, indem Eld zuweilen Rosen aus einem Wasserglas genommen und sie verschiedenen im Kreise gereicht hatte, heute aber meinte sie, daß der Zustand des Mediums sie instandsetzen werde, viel größere Dinge zu tun.

Sie bat, daß man ihr ein wenig Sand und Wasser in den Kreis bringen möge. Hall holte einen Porzellaneimer mit Wasser und stellte ihn an die Erde neben den Tisch. Sand konnte er dahingegen nicht gleich beschaffen, und da meinte Eld, daß sie es auch wohl entbehren könne. Sie wünschte, daß der Eimer ein wenig weiter zurück, näher an das Kabinett heran, gestellt werde, und Hall stellte es einen Fuß davon entfernt, ein wenig seitlich, man konnte es in der Dunkelheit gerade erkennen. Schon während diese Vorbereitungen vor sich gingen, hatte Madame d'Ora eine Luftveränderung gespürt, über die sie sich nicht recht klar wurde, bis sie sah, wie mehrere im Kreise sich bewegten, als ob auch sie etwas empfänden; da sog sie die Luft ein und merkte, daß es Blumengeruch war, der anfing, das Zimmer zu erfüllen. Nach einer Weile schlug ihr eine Welle schweren, süßen Wohlgeruchs entgegen, der ihr bekannt erschien, und gleichzeitig fühlte sie, wie drückend die Hitze im Raum war. Sie brach in Schweiß aus, ihr Blut flammte in ihre Haut hinein … und nun hüllte der Duft sie wieder ein, so daß sie nichts weiter atmete; es war dieser erstickende und süße Lilienduft, der ein ganzes Meer von Blumenhauch enthält, aber er war von nächtlicher Färbung, so daß man ihn begehrlich und bange trank.

Eld hatte den Eimer mit einem Teil ihrer weiten Schleiergewandung bedeckt, der Stoff lag leicht darüber, so daß man nur gleichsam in einen großen Haufen Spinnengewebe hineinsah. Sie glitt dann in das Kabinett hinein, und man hörte einen Augenblick Mirjam da drinnen seufzen und im Schlaf jammern. Eld kam gleich wieder heraus und nickte Hall kräftig zu:

»Es ist gut! Musik!«

Hall wandte sich an den Kreis und bat die Mitglieder, nicht an das zu denken und ihre Aufmerksamkeit nicht zu stark auf das zu lenken, was Eld vorhatte, da Erfahrungen aus früheren Sitzungen gelehrt hatten, daß das die Prozesse erschwerte. Um die Nerven des Kreises zu harmonisieren und von dem Unterbewußtsein zu befreien, von dem alle Materialisation abhängig war, wollte er Madame d'Ora vorschlagen zu singen. Er sah Leontine an, und sie war sogleich bereit, stand auf und folgte ihm an das Harmonium.

»Wie es hier nach Blumen duftet!« flüsterte sie. »Es ist doch erstickend. Nicht wahr?«

Hall nickte und hielt seinen Kopf wie jemand, der die Spannung vor dem Gewitter fühlt. Er war sehr blaß. Als Leontine sich gesetzt hatte und anfing zu präludieren, kehrte er zu Eld zurück, die mit gesenktem Haupt dastand, die umgekehrt gefalteten Hände vor sich haltend. Abgesehen von der Musik war es still im Laboratorium. Hin und wieder schnüffelte jemand leise, als wolle er seinen Eindruck von dem Vorhandensein dieses mystischen Blumenduftes erneuern. Er war jetzt zeitweise fast betäubend, kam in heißen Wellen, als ränge er sich von irgend einem Mittelpunkt los.

Während Madame d'Ora auf dem Harmonium tastete und suchte und in ihrer Erinnerung forschte, um etwas zu finden, was sie singen könnte, hörte sie den Lärm der Stadt da draußen, er klang gleichsam erstickt, durch die mit Läden geschlossenen Fenster. Es überkam sie eine Sehnsucht nach Freiheit. Es klang wie Meeresbrausen tief unter einer Felsklippe. Jedesmal, wenn der L-Zug vorüberdonnerte, erzitterte das Haus und es war, als ob der Lärm durch das Mauerwerk heraufdringe wie der Laut einer Welle, die an das Ufer treibt. Madame spielte weiter und ging in einen breiten, altmodischen Ton über, jetzt wußte sie, was sie singen wollte. Das Harmonium gehorchte ihren Händen, sauste und seufzte, wie sie wollte. Sie sang:

Es wiegte sich manch tüchtig Schiff
Auf Wellen frisch und blau,
Und an dem harten Steuer ward
Schon mancher Schiffer grau,
Kolumbus auch trieb einst das Herz
Voll Sehnsucht auf das Meer,
Im ewig wandelnden Mondenlicht
Fuhr suchend er umher.

Christoph Kolumbus fühlte sich
Am wohlsten schon als Kind,
Wenn durch der Wogen Mähne pfiff
Heihoh! der wilde Wind.
Doch als er ergraut, da packte ihn
Ein Sehnen nach dem Glück,
Nach etwas Ewigem, das in uns
Kehrt ewiglich zurück.

Des Meeres Salz im grauen Haar,
Verwittert von Müh' und Not,
Verließ er den Weg nach Osten hin,
Der nie ihm Frieden bot.
Auf Reisen ostwärts schwand dahin
Seiner Jugend Morgenschein,
Nun will er gen Westen im Abendrot
Der Schmied seines Glückes sein.

Und einsam schwebt wie in Wolken der Mond
Sein Schiff auf hoher See,
Matrosen blicken hin und her,
Ob keiner Land erspäh.
Sie sehen nichts und glauben schon,
Dem Abgrund geht es zu,
Wo der Erde Rand hinabwärts stürzt
Sie all in Grabesruh.

Sie stürmen drohend auf ihn ein
Und schreien ihm zu wie toll:
»Kehr um ans Land, wenn unser Schiff
Nicht hier versinken soll!«
»Drei Tage gebt mir,« erwidert er still,
»Wenn dann nicht Land erscheint,
Dann will ich sterben von eurer Hand,
Wie es euch gut erscheint.«

Und glühend sinkt die Sonne schon
Drei Mal ins öde Meer,
Da dunkelt aus der goldnen Glut
Ein schwacher Umriß her,
Das ist das Land, das er gesucht,
Und als sie jubelnd schrein,
Da ist nur einer, der nicht jauchzt
Und ernst bleibt wie ein Stein.

Denn als er das rettende Eiland fand,
Versank zugleich sein Traum,
Denn wieder in das Unendliche
Schob sich ein irdischer Raum.
Und ob du das Land gewonnen hast,
Schiffbruch erlitt dein Herz,
Und über dich schwoll wie der Wogen Last
Der ewige Weltenschmerz!

Unselig ist, daß Weh und Begehr
Nicht Frieden finden kann,
Er gleicht der Woge auf dem Meer,
Die sinkend fällt und steiget an.
Es gibt keinen Gott in der tosenden Flut,
Kolumbus, du allein
Durftest Schöpfer einer neuen Welt
In deinem Weltschmerz sein.

Mitten im Singen fiel Madame d'Ora ein, was ihr vorgeschwebt hatte, als ihr dies Lied eingefallen war, nämlich daß sie es ja an jenem Tage gesungen hatte, als sie mit Edmund am Strande draußen auf Long Island saß. Sie senkte die Stimme und sang leiser, sommerlicher, sie vertiefte sich so wie damals in die innige, sangbare Einfachheit der alten Melodie, wiederholte mehrere von den Versen, kehrte zu ihrer Stimmung von Endlosigkeit zurück … allmählich floß sie über von der Erinnerung an den schönen Tag und wandte sich um und sah Edmund an. Sie verstummte, die Töne auf dem Harmonium erstarben. Denn Edmund Hall stand dort mit einem so leichenblassen und sonderbar entkräfteten Gesicht, daß sie glaubte, er müsse umsinken. Er starrte leer vor sich hin, seine Nasenlöcher weiteten sich, zitterten, und doch lächelte er, als söge er einen süßen, schwermütigen Duft ein …

Im selben Augenblick, als Madame d'Ora inne hielt, raffte sich Edmund mit einem Ruck zusammen, der aussah wie eine letzte Kraftanstrengung. Sie wollte aufstehen und zu ihm hingehen, er aber stützte sich auf seinen Tisch und blieb dort stehen, und sie sah, daß er sich schnell wieder erholte. Eld war in das Kabinett hineingegangen, jetzt stand sie plötzlich vorne an dem Tisch und ließ ein leises Zwitschern hören:

»Jetzt seht!«

Und sie richtete ihre klugen, stummen Augen auf Edmund Hall, als wolle sie ihn mit ihrem Blick in unaussprechliche Dinge einweihen. Sie sahen alle auf den Eimer. Das weiße Leinen, das Eld darüber ausgebreitet, hatte sich eine halbe Elle in die Höhe gehoben, als sei etwas darunter. Eld ging hin und nahm es weg. Der Eimer war voll großer Feuerlilien.

»Ah!« ertönte es im Kreise. »Ah, seht doch, hab Dank, liebe Eld!«

Hall ging an den Eimer heran und trug ihn bis dicht an die Stuhlreihe, so daß alle die prachtvollen Blumen sehen konnten. Es waren wenigstens dreißig große, vollerblühte Lilien auf langen, grünen Stielen, und der Duft, der den feuerroten Bechern entstieg, füllte das ganze Laboratorium mit seinem erstickenden Hauch. Sie rochen wie Blut. Eld stand daneben, das schwarze Haar hing ihr über den Rücken herab. Sie lächelte mild und allmächtig, ihr Blick ruhte wieder auf Edmund Hall. Plötzlich macht sie eine Handbewegung, daß er den Eimer zurückstellen soll, und als er das getan hat, breitet sie ihren Schleier wieder darüber, läßt ihn liegen und steht da mit geschlossenem und lächelndem Munde, als wisse sie alles zwischen Himmel und Erde. Sie erhebt die eine Hand und lauscht, sie hören alle Mirjam dadrinnen im Kabinett. Dann hebt Eld den weißen Schleier von dem Eimer. Die Lilien sind jetzt weiß, ganz leichenweiß mit naßgrünen Schatten in den Kelchen. Fast im selben Augenblick zieht sich Eld rückwärts in das Kabinett zurück und verschwindet. Aber sie ist nicht länger als eine Sekunde dadrinnen, und als sie wieder herauskommt, hält sie eine lange, eigentümlich aussehende Pflanze in der Hand, geht geradeswegs auf Edmund Hall zu und überreicht sie ihm. Er sieht auf den ersten Blick, daß es eine Nepentes ist. Sie trieft von Nässe, die Wurzeln umschließen einen großen Ballen schleimigen Morastes – der lange Stengel ist in einer Entfernung von fünf bis sechs Zoll mit Kränzen von fliegenfangenden Blüten besetzt, und in allen diesen Blüten ist noch Feuchtigkeit enthalten, als sei die Pflanze eben aus ihrem Boden in einem der Sümpfe Hinterindiens gerissen. Sie riecht nach rohem Fleisch. …

Hall steht da, die nasse Pflanze in der Hand, da nimmt Eld sie ihm wieder fort und legt sie über die weißen Lilien, geht dann schnell auf die andere Seite des Kreises hinüber. Alle sehen ihren mystischen Blick und folgen ihr erwartungsvoll, da steht sie still und wendet sich um, sieht auf den Eimer. Er ist leer. Aber jetzt scheint es, als ob mehr Leben in Eld hineinkommt, sie bewegt sich unruhig, und die großen Augen schimmern dreist, der Mund ist ernsthaft, sie schwankt durch den Raum, als sei sie mit etwas im Kampf. Sie steht still und hebt beide Arme in die Höhe, wie jemand, der etwas herunterreißt, und unter ihren Armen hervor stürzen ganze Haufen Rosen, die sich über den Fußboden ausbreiten. Wieder hebt sie die Arme in die Höhe, und über ihrem Haupte schneit es von weißen Apfelblüten. Die Rosen liegen nicht mehr auf dem Fußboden, und die weißen Blüten scheinen zu schmelzen und in Nebel zu zerfließen, ehe sie hinabgelangen. Als dies geschehen ist, steht Eld still. Sie legt den Kopf ein wenig hintenüber und lächelt, streckt die Hände langsam nach Hall aus und lacht ihm sonderbar zu, ihre Wangen beschatten sich, als erröte sie. In ihrer leeren Hand wird eine rote Rose sichtbar, sie tut einen Schritt vor und überreicht sie ihm. Dann zieht sie sich zurück in das dämmernde Halblicht vor dem Kabinett. Während Hall gesenkten Hauptes dasteht und die Rose betrachtet, treibt sie drei große Knospen, sie sind da, während er sie in der Hand umdreht. Er nimmt wie in tiefen Gedanken ein Taschenbuch aus der Rocktasche, legt die Rose da hinein und steckt sie wieder in die Tasche. Niemand spricht mehr, man hört nur schwere Atemzüge im Zimmer.

Eld bleibt in der Dunkelheit neben dem Kabinett stehen, sie wagt nicht wieder vorzutreten, und Hall begreift, daß etwas im Kreise vorgeht, oder daß das Medium unruhig ist. Er bittet um Musik, und die starke Dame setzt sich wieder an das Harmonium. Nach wenigen Minuten tritt Eld wieder in den Lichtkreis und nickt zum Zeichen, daß alles in Ordnung ist. Hall hat währenddes seine Kamera in Ordnung gebracht und fragt Eld, ob er ein Paar Aufnahmen machen darf.

»Ja,« antwortet sie mit ungewöhnlich warmer Stimme. »Jetzt bin ich stark. Ich lebe.«

Und sie tritt hastig näher, geht dicht an Hall heran, so daß er die Ausstrahlung ihres Körpers spürt. Aber es ist keine Wärme, die dem florleichten Stoff entströmt, durch den man den Umriß ihres ganzen Körpers ahnt, es ist eine Kühle wie von wachsenden Palmen. Sie ist gleichsam von einem magnetischen Licht umgeben, einem weißen Schimmer der liebkost; ihre Nähe wirkt wie ein Schaudern des kühlen Lenzes.

»Rühren Sie mich nur an,« sagt sie und hält ihre beiden Arme weit auseinander, brüstet sich vor ihm. »Fühlen Sie mein Herz!«

Hall legt die Hand auf ihr Herz, sie begegnet dem Druck seiner flachen Hand mit ihrem ganzen Gewicht. Und während er sie stützt, kann man sehen, wie Elds Herzschlag sich durch ihre ganze Gestalt verpflanzt und sie in sichtbarem Takt erzittern macht. Hall legt seine andere Hand in ihr schwarzes, loses Haar und läßt sie da hindurch gleiten. Dann richtet Eld sich auf und weicht nach dem Kabinett zurück. Hall wendet sich schweigend nach dem Tisch um und stellt seinen photographischen Apparat ein, er nimmt eine kleine Pfanne mit Magnesium, da fällt ihm der Kreis ein, und er macht ihnen Zeichen zu, die Augen zu schützen.

Die meisten schlossen die Augen oder legten die Hand darüber, aber Madame d'Ora wollte alles sehen, sie saß mit weit geöffneten Augen da, als die Explosion eintrat. Das Licht zerriß fast ihre Sehkraft. Die plötzliche Helligkeit, die entstand, war so intensiv, daß das ganze Laboratorium in einem einzigen Augenblick wie in weißglühender Asche dalag. Sie sah eine lange Reihe Totenköpfe oben auf einem Bort, sie sah einen kleinen Glaskolben mit Flügeln darin, sie sah Halls Kopf in einem weißgrünen Dampf mit scharfen und kahlen Zügen. Die Paneele, die Decke, jede Einzelheit in dem großen Raum ward von dem durchdringenden Licht in seiner Stofflichkeit entblößt, glotzte einen Augenblick mit harten und schattenlosen Oberflächen. Im nächsten Augenblick war alles von funkensprühender Finsternis verschlungen. Hall nahm noch eine Platte, und dasselbe wiederholte sich, aber diesmal sah Madame d'Ora nur Eld an. Sie stand vor den Draperien zu dem Kabinett, das in den kleinsten Einzelheiten deutlich hervortrat. Ihr schwarzes Haar hatte einen starken Kohlenglanz, und von dem Gesicht trat namentlich der Mund deutlich, dunkel und voll in dem blendenden Licht hervor, von dem weißen Gewand war aber nur wenig sichtbar. Sie stand da, die Arme in die Falten des Kleides gewickelt. So würde Madame d'Ora sich ihrer beständig erinnern.

Nach dem Photographieren trat Eld in das Kabinett zurück und blieb einige Minuten da drinnen. Als sie wieder herauskam, schien sie sehr zufrieden, sie ging direkt auf Hall zu:

»Gleich kommen mehr,« sagte sie. »Aber ich will erst noch etwas tun.«

Als sie sich umwandte, sah man ihre bloßen Füße. Sie ging halb in den Schatten vor dem Kabinett und stellte sich so hin, daß ihr Gesicht dem Kreise zugewandt war, streckte die Arme über ihrem Kopf in die Höhe, und fing an, mit den Händen in der Luft herum zu fechten. Es war, als verändere sich die Beleuchtung um sie her, als gerate sie in eine fieberhafte, flimmernde Schwingung. Plötzlich ist es, als habe sich der Raum über ihr und hinter ihr erweitert, das Kabinett, die Wand und alles, denn von hoch oben und tief unten, aus einem unsichtbaren Hintergrund, wälzt sich eine Welle roter Rosen in die Luft hinaus und auf den Fußboden herab und verschwindet spurlos über ihrem Haupte, eine blutrote Welle, und ihr folgt eine zweite die gelb ist wie Feuer, ein Schwall strahlender Sonnenblumen, und darüber hinweg rollt eine mächtige blaue Sturzsee von Veilchen zu Tausenden, die auch auf den Fußboden stürzen und über Elds Haupt in der Luft verschwinden. Und im nächsten Augenblick ist der Raum wie mit einem Blitzschlag von karminroten Mohnblumen angefüllt, die in einem Grün verblassen, in dem Orchideen schäumen, und nun ist die Luft über Eld ein Sturm von Farben, ein lautloses Sprühen und Knittern von Licht. Blumen strömen von allen Seiten herein und strömen in das grundlose Nichts hinab. Es schäumt von weißen Blumen, Rosen schießen in gewaltsamen Eruptionen auf, es regnet herab, es wirbelt herab, und neue Welten von Farben werden entzündet und folgen einander, Schauer von Blumen, Wasserfälle von Blumen … und mitten in dem Orkan steht Eld mit den nackten, braunen Armen, die wie Flammen in der Luft züngeln. Das Haar umwallt sie, und ihr Blick ist so groß, so allmächtig, sie reckt sich, so daß das weiße Gewand von ihren Schultern gleitet, sie reckt sich beschwörend und steht nun in einem einzigen wilden, ungeheuren Wirbel von purpurroten Rosen. Sie reckt sich aus ihrer Gewandung heraus, es ist, als höbe sie sich ein Stück vom Fußboden in die Höhe in dem Wirbel von Blutblüten … und so verschwindet sie, verschwindet gänzlich wie eine Flamme, die aus ihrer Asche herausspringt!

Dort, wo sie gewesen war, sahen sie das Helldunkel vor dem Kabinett, und darüber, wo Tiefe, Farben und Bewegung gewesen, stand nur noch die dunkle Wand. Mehrere von den Mitgliedern des Kreises stöhnten laut. Aber sie kamen schnell wieder zu sich und fingen an, einander ihre Empfindungen mitzuteilen und festzustellen, was geschehen war. Mitten in dem Stimmengewirr zupft Frau Mc Carthy Madame d'Ora am Ärmel und flüstert ihr, ganz atemlos vor Entzücken, zu:

»Ach, haben Sie nicht gesehen, daß Vögel zwischen den Blumen herumflogen! Sehen Sie es nicht – zwischen den Orchideen – kleine, entzückende Kolibris! Ich sah es, ich sah es ja! …«

Ihr Herz ist so voll, und als sie keine Antwort erhält, lehnt sie sich in den Stuhl zurück und seufzt mit gebrochener Stimme vor sich hin: »Ich sah es ja! Ich sah es ja!«

Im Kreise herrscht die größte Unruhe. Alle Mitglieder sind von einer Begeisterung erregt, die sich zu steigern scheint, nachdem der Eindruck aufgehört hat, und sie wollen alle etwas Besonderes gesehen haben, sie bekräftigen habsüchtig ihre Erlebnisse, sie werfen den Kopf in den Nacken, sie blähen sich … plötzlich aber werden sie still und richten alle ihre Aufmerksamkeit auf das Kabinett.

Die Falten davor bewegen sich, als sei jemand im Begriff, sie zurückzuschieben. Sie erwarten Eld wieder zu sehen, entdecken aber zu ihrem Erstaunen eine Gestalt, die viel kleiner ist als Eld …

Chor: »Ach nein! Seht doch die Chinesin!«

Die Erscheinung bleibt zwischen den Falten im Kabinett stehen, zögert und scheint nicht den Mut zu haben, weiter vor zu treten. Die kleinen blanken Jett-Augen drehen sich so vorsichtig in der schiefen Einfassung, sie schielt wie ein Seehund, der an die Oberfläche des Wassers kommt, blinzelnd, ohne Wimpern, und sich umsieht, auf Verderben vorbereitet.

Chor: »Sei nicht bange! Komm nur, du lieber Geist!«

Ein Herr aus dem Kreise, der ›Pidgin-Englisch‹ kann, denkt, daß sie das vielleicht besser versteht und lockt sie:

»Keine Furcht! Du kommen. Wir nicht böse Leute!«

Und nun tritt sie wirklich weiter vor, nähert sich auf ihren winzig kleinen, verkrüppelten Füßchen. Sie hält sich ein wenig vornüber bei dem sonderbaren, stotternden Gange und wiegt sich unbehilflich in den jungen Hüften. Die Kniee zeichnen sich rund von den Beinkleidern ab, die von grasgrüner Seide sind und große Falten schlagen. Sie bleibt mitten in dem Kabinett und dem Kreise stehen, voll beleuchtet, und sie sehen, wie fein sie ist. Der kleine Hals ist rund und voll, und aus den himmelblauen Sackärmeln hängen weiße und lebhafte kleine Hände mit einem Grübchen auf jedem Knöchel, schwer von goldenen Spangen und Fingerringen, in denen grüne und blaue Steine schimmern. Das pechschwarze Haar liegt eng an dem kleinen, kugelförmigen Kopf und ist mit echten Perlen geschmückt, die in schwachen Regenbogenfarben schillern wie die Haut einer Leiche; in der schwarzen Binde über der Stirn trägt sie einen glatten Diamantknopf. Der Mund ist brennend rot und hebt sich üppig ab von den safranbeschatteten Wangen, ihre Nasenlöcher sind schmal und offen, aber wunderbar verfeinert, und die Kiefern runden sich in zarten Linien, vollkommen unmerklich aber ohne Schwäche. Die ganze kleine Mädchengestalt gleicht einem Kinde des Waldes, das Sonne und Wind verhätschelt haben, einem schönen und jungen Affen, sie ist wie eine kleine Waldgöttin, auf die gütige Jahrtausende Glätte und Anmut herabgeträufelt, die sie geliebkost und gestreichelt haben, liebevoll, wieder und wieder, der sie aber niemals die Stärke und die Fülle des Urtieres genommen haben. Ihre Augen haben jenen stummen Blick, der der Ausdruck einer wilden und doch sanften Seele ist. Alles kann von ihr kommen. Und wie sie nun dasteht, lächelt sie, sie schürzt höflich die Oberlippe und entblößt die Zähne, um sehen zu lassen, daß sie hier ist, aber beißen wird sie wohl nicht. Es liegt weder Güte noch etwas Drohendes in ihren Mienen, vielmehr ein unbewußter, grausamer Witz; sie grüßt, wie sie das aus den Wäldern gewohnt ist, wo die Tiere einander einsam angrinsen; man sieht, daß sie eine Frau ist und daß sie lebt …

»Sie ist ja völlig angekleidet in einem richtigen Kostüm, gar nicht im Geistergewand,« flüstert Frau Mc Carthy Madame d'Ora eifrig zu. »Ach, jetzt geht sie!«

Die kleine Chinesin hat sich umgewandt und watschelt nach dem Kabinett zurück, dessen Falten sich über ihrer blauseidenen Jacke und ihren grasgrünen Beinkleidern schließen. Im selben Augenblick tritt eine andere Gestalt vor und wird mit frohen Zurufen aus dem Kreise begrüßt, eine Japanerin, eine noch kleinere Ausgabe des ewig Weiblichen. Aber sie tritt schnell vor, schlürft weich über den Fußboden hin mit einwärts gekehrten Zehen, bis sie in volle Beleuchtung kommt, da bleibt auch sie stehen und lächelt. Sie hat tiefe Grübchen in beiden Wangen, ihr schwarzes Haar, das in spiegelblanken Puffen und Kringeln aufgesteckt ist, scheint zu lachen, ihre Füße lachen, ihre Ellenbogen lachen, die ganze Person lacht. Aber was trägt sie verborgen in den Armen? Bringt sie etwas? Als sie still steht, senken sich ihre Schultern, so daß der geblümte Kimono sich vorne öffnet … ein kleiner, schwarzhaariger Kopf guckt heraus! Sie trägt ein Kind in dem duftenden Nest an ihrem Gürtel, da liegt ein Kleines mit allen vier Gliedern eng an ihre kleinen Mutterbrüste gedrängt. Es streckt den Hals ein wenig und sieht sich mit dunklen, schwimmenden Augen um, taucht dann wieder unter, und die kleine Mutter, die selbst nicht viel mehr ist als eine Hand voll, bedeckt den kleinen Haarschopf wieder und lacht.

Bei dem Anblick des Kindes erheben die Damen im Chor ein wahres Heergeschrei, sie fordern ihr Recht mit ausgestreckten Armen und in die Luft greifenden Fingern, sie wollen alle heran und das Wickelkind auf der Stelle auffressen. Aber ihr glücklicher und milder Kehlgesang geht in tiefe Ausrufe der Enttäuschung über, sie murren klagend, denn die kleine Mutter wendet sich und geht. Sie sehen ihr schön geformtes und solides Kreuz und ihre ganz kleinen, harten Fersen, als sie in das Kabinett verschwindet. Alles ist still, nachdem sie gegangen ist.

Heraus tritt Eld. Sie steht vor dem Kabinett und sucht Hall mit lächelnden Augen.

»Einen Stuhl,« sagt sie gedämpft. »Einen kleinen Stuhl.«

Sie tritt rückwärts in das Kabinett. Während sich der Kreis wundert, was in aller Welt Eld mit einem kleinen Stuhl will, verläßt Hall den Kreis und bringt einen Schemel, den er vor das Kabinett stellt. Er ist kaum zurückgetreten, als sich die Vorhänge öffnen und die Chinesin zur freudigen Überraschung für alle wieder erscheint. Sie schickt einen Blick zu Hall hinüber, der neben seinem Tisch steht, dann schwankt sie vor und setzt sich auf den Schemel. Jetzt sehen sie, daß sie in der linken Hand ein Instrument hält, eine kleine zweisaitige Violine aus Bambus. Sie stemmt sie gegen das Knie und fängt gleich an zu spielen. Es ist keine eigentliche Melodie, aber die Violine hat einen gellenden und feurigen Klang und sie versteht es, ihr ein Gezwitscher zu entlocken, das wie musikalisches Gekreische wirkt, das hitzig ist wie das messerscharfe Zirpen der Insekten in den tropischen Wäldern. Alle sind so davon in Anspruch genommen zu lauschen und die Chinesin anzusehen, deren feine, juwelenbesetzte Finger auf dem Instrument spielen, daß sie eine Veränderung, die sich hinter ihr vollzieht, nicht bemerken, bis sie geschehen ist. Da ist kein Kabinett, da ist keine Wand mehr, es ist ein andrer unbestimmbarer Raum, und daraus hervor sind zwei Gestalten getreten, zwei junge Chinesinnen in strahlenden goldenen Gewändern. Jede von ihnen hält einen dünnen Spieß mit silberschimmerndem Schaft über dem Kopf in die Höhe. Plötzlich gehen sie vor, die Brust herausfordernd geschwellt, und wirbeln mit den Spießen in der Luft, und nun beginnt ein seltsamer, wilder und dabei feiner Tanz zu dem immer kunstfertiger variierenden Gekreisch der Violine. Die beiden jungen Töchter des Himmels verwickeln sich in einen kühnen und schönen Streit, die Spieße verschlingen sich wie Blitzstrahlen in ihren weißen Händen, sie gehen vorwärts und rückwärts, umkreisen einander, mit stolzer Haltung und hocherhobenem Haupt, sie recken den Hals bald lang aus, bald ziehen sie ihn ganz kurz ein, rollen unerschrocken mit den Augen und schieben den Bauch trotzig vor. Ihre kleinen, lackroten Münder stehen offen, als wollten sie einen Atemzug stehlen, und hinter der blendenden Sicherheit ihrer Bewegungen ahnt man das hämmernde Herz. Die Musik schneidet und schreit immer schneller, und die Tanzenden winden sich im Fiebertakt, drehen sich umeinander, die Spieße wirbeln so hastig in der Luft, daß sie aussehen wie Glorienscheine … und dann kommt ein Augenblick, wo sie verschwunden, wie in der Luft zerplatzt sind! Die Musik hat aufgehört, plötzlich, und als man hinsieht, ist auch die Chinesin mit der Violine fort. Der Schemel steht verlassen an der Erde.

Aber die mystische ›Sphäre‹, die sich über die Mauern hinweg bis in die Luft hinaus zu erstrecken scheint, bleibt zurück und sie nimmt nun einen grünlichblauen Ton an, in dem es sonderbar intensiv und lebhaft flimmert, wie in einem fast unsichtbaren Gase. Plötzlich sieht man, daß das Gas voll durchsichtiger Feuerwesen ist, die keinen Raum auszufüllen scheinen, denn da sind Tausende, ohne daß man den Eindruck einer Ausdehnung oder Perspektive hat. Sie sind alle klar wie Luft und doch wunderbar deutlich und schön. Es sind alles Frauen. Da sind griechische Mädchengestalten, da sind ägyptische Jungfrauen, Jüdinnen, da sind Köpfe mit feinen malaischen Zügen, Hindumädchen, da sind junge Wesen aus Samoa und milchweiße Mädchen aus Norwegen, da sind junge indianische Frauen … plötzlich schwankt die ganze ›Sphäre‹ – erscheint noch einmal ganz deutlich und ist dann verschwunden! Das dunkle Kabinett steht, wo es immer gestanden hat.

Jetzt folgt eine kurze Pause. Niemand scheint in der Stimmung, etwas zu sagen. Edmund Hall steht über seinen Tisch gebeugt und schreibt etwas nieder. Plötzlich flammt das Laboratorium in tageshellem elektrischem Licht auf, er hat auf einen Knopf gedrückt. Alle sind geblendet und halten die Hände vor das Gesicht, viele stöhnen, Edmund Hall aber geht schnell und ohne etwas zu sagen auf das Kabinett zu, dessen Vorhänge er zurückschlägt. Drinnen in dem engen Raum liegt Mirjam auf dem Sofa, bewußtlos, sie sehen sie alle. Auf ihrer Stirn stehen große Schweißperlen. Hall fühlt vorsichtig ihren Puls und läßt dann den Vorhang wieder fallen. Er sieht zu Madame d'Ora hinüber, indem er zu dem Tisch zurückkehrt. Wie alt er im Gesicht aussieht, denkt sie. Einen Augenblick später löscht Hall das weiße Licht, das alle geblendet und erschreckt hat, und sie sitzen wieder in beruhigender, roter Dämmerung. Fast im selben Augenblick steht Eld in voller Lebensfrische vor dem Kabinett und sieht Hall betrübt an.

»Habe ich Schaden angerichtet?« fragt er leise und senkt die Stirn.

Sie lächelt eigenartig warm und schwermütig, sieht ihn lange an.

»Wir werden uns trennen müssen,« flüstert sie. Und als sie sieht, wie es ihn erschüttert, lächelt sie mit heißen Augen und läßt langsam ihr Gesicht hintenüber sinken, wie um allein zu sein. Ihr voller und roter Mund öffnet sich leise, sie kann nicht weinen. Endlich schleudert sie ihr langes Haar zurück und richtet sich wieder auf, sie lächelt lautlos und entschwindet in die Dunkelheit, aus der ihre Augen hindurchschimmern, schmerztrunken.

»Kommst du nicht wieder?« fragt Hall.

Sie nickt:

»Ja. Aber jetzt muß ich gehen.«

Vor dem Kabinett stehend, verschwindet sie ganz allmählich. Sie wird nach und nach undeutlich wie eine weiße Wolke und sinkt gleichzeitig zusammen, wird kleiner und kleiner. Ihre dunklen Augen und der Mund, der so reich und so traurig ist, schwinden zuletzt in dem dunklen Raum dahin. Bald ist nur noch ein niedriger Nebelhaufen auf dem Fußboden, der schnell zusammenschrumpft und ganz weg ist.

Der Kreis atmet auf, seufzt, schweigt.

Während der letzten Minuten hat man Mirjam drinnen im Kabinett jammern und weinen hören, niemand aber hat darüber nachgedacht, alle Aufmerksamkeit war auf Eld gerichtet. Aber gleich nachdem sie verschwunden, ist es, als höre man Mirjam näher und mit größerer Wirklichkeit, sie seufzt so herzzerreißend in dem dunklen Kabinett, jammert und heult ohnmächtig wie ein Kind. Plötzlich schreit sie laut dadrinnen. Edmund Hall tritt einen Schritt vor, um nach dem Kabinett zu gehen, und mehrere im Kreise fangen an, sich von den Stühlen zu erheben, im Gefühl, daß hier ein Unglück passiert ist.

Und nun geschieht etwas sehr Unheimliches.

Hall steht still und ein Schrei dringt aus dem Chor, wildes Frauenzimmergekreisch, aus dem man Madame d'Oras Töne wie einen Stoß in einer Orgelpfeife heraushört und die Ausrufe des Schreckens und Entsetzens der Männer. Vor dem Kabinett steht ein weibliches Wesen, halb nackend und in ihrem Blute schwimmend. Sie sieht aus wie ein ganz gewöhnliches junges Mädchen, das nur mit einem Hemd bekleidet ist, sie trägt lange schwarze Strümpfe mit blauen Schleifen überm Knie. Die nackten Arme sind von oben bis unten blutig und hängen mit tropfenden Fingern herab. Das Hemd klebt am Körper und trieft von dickem, spiegelrotem Blut. Eine Schnittwunde klafft am Halse von einem Ohr zum andern, und von hier aus quillt das nasse Blut an ihr herab. Das Gesicht ist zu einem entsetzlichen Ausdruck von Atemnot erstarrt, und der Mund steht willenlos offen, rund wie ein Ring in der Qual des Todes. Unter der Stirn, die schon den fahlen Schimmer der Leiche trägt, liegen die halbgebrochenen, sterbenden Augen. Sie macht keine Bewegung, und sie ist nur eine Sekunde sichtbar, dann verschwindet sie ganz, verschwindet, als sei sie nie dagewesen. Aber ihr Anblick hat wie eine gewaltsame Offenbarung von des Lebens Wirklichkeit und Grausen gewirkt. Sie ist in ihrer elenden Nacktheit erschienen, entkleidet, sie hat sich gezeigt, ihr widerliches, rotes Innere nach außen gekehrt. Es ist ein Mensch, den man gemordet hat, ein blutiges Schlachtopfer, es ist ein Mädchen von der Straße, und sie ist nicht schön, nein, sie ist ein gewöhnliches Geschöpf mit unschönen Knieen und vorstehendem Bauch. Aber sie ist entleibt worden, und sie klagt an. Sie kommt stumm, den Todesschatten über den armen Augen, die, während sie lebte, wohl kaum etwas anderes als törichte und schmutzige Vorstellungen erglänzen machten, denen aber nun auf entsetzliche Weise ihr Recht geworden ist …

» Elly Johnson!« rief jemand zwischen den Schreienden. Es ertönte ein Knall, und eine Flamme schlug in die Höhe wie bei einem elektrischen Kurzschluß, jemand hatte die Stühle verlassen und war auf einen Kontakt im Fußboden getreten, – die Umzäunung war überschritten. Hall zündete die Bogenlampe an. Die Panik löste sich in Verwirrung und lautes Schwatzen auf. Hall stellte sich ruhig an seinen Tisch, ruhig und mit eisiger Miene wie ein Mann, dessen Selbstbeherrschung fast das Bewußtsein aufhebt. Madame d'Ora näherte sich ihm und wollte seine Hand ergreifen, er aber hatte Sinn für nichts, er beugte sich herab und schrieb mit einem Bleistift auf ein Papier. Inzwischen wurden die Vorhänge zu dem Kabinett auseinander geschoben, und Mirjam schwankte heraus. Sie stand da und wandte ihr feuchtes Gesicht von der einen Seite nach der andern wie eine Blinde, ihre Pupillen waren bis unter die Brauen hinaufgezogen, sie sank mit dem Körper und dem Halse vornüber, als könne sie ihr Gewicht nicht tragen, sie tastete mit dem einen Fuß vor sich hin … plötzlich beruhigten sich ihre Züge, ganz langsam sank sie zu Boden. Da trat Hall schnell an sie heran, untersuchte sie. Sie schlief gesund und natürlich. Hall winkte Frau Mc Carthy geistesabwesend zu, daß sie sich ihrer annehmen solle. In diesem Augenblick fing jemand an, die Fenster von den Vorhängen zu befreien.

Trotz des starken elektrischen Lichts schlug der Tag herein wie ein Flammenschwert, wie ein beißender Schmerz.

Die Mitglieder des Kreises zerstreuten sich im Laboratorium, während die Laden eine nach der andern zurückgeschlagen wurden. Der Tag, den alle auf zwei bis drei Stunden vergessen hatten, drang jetzt mit einer ungeheuren, entblößenden Kraft herein. Jetzt sahen sie sich. Und es kam ein Augenblick, wo sie alle stehen blieben, jeder in seiner Stellung, und sich gegenseitig anstarrten; da glichen sie einer Gruppe von Sittlichkeitsverbrechern in einem Panoptikum. Sie waren alle vollständig abgespannt und schlaff, ohne Zeichen von Leben in den Augen, ausgemergelt wie totgeklemmte Katzen, sie glichen ihrer eigenen Asche. Aber sie waren entzückt, und als sie sich verabschiedeten und gingen, schwatzten sie, schwatzten sie, einen Zungenfehler hatten sie nicht.

Edmund Hall war mit seinen letzten Kräften an ein Bort in der Ecke getreten, da stand er, eine Whiskyflasche vor dem Munde, er sog wie ein Schiff, das leck ist.

Sonnenuntergang in New-York. Den Raum vor Halls Fenstern, der tief und lustig ist wie von dem Gipfel einer steilen Felsklippe, durchzuckt ein scharlachrotes, wildes Licht, ein Feuerschein; es ist, als erinnere sich des Abends die Erde ihres Urzustandes.

Die hohen, steilen Häuser starren tausendfenstrig und kohlschwarz beschattet. Die Brooklyner Brücke spannt ihre schwindelnd kühne Luftpassage mystisch durchglüht und verschwommen zwischen den beiden Stadtteilen, die sich über ihr vermischen und tief unten, wo der Schatten schon herrscht, fließt der Strom reißend und stark mit panisch heulenden Fähren und Bugsierbooten. Ein schwerer Dampfer mit von Salz graugefärbten Seiten schleicht sich in dem schwindenden Tageslicht langsam den Fluß hinauf.

Durch die offenen Fenster streicht hin und wieder ein Hauch von dem Atem der arbeitenden Stadt, ein Geruch nach Holz, wie im jungen Lenz in den norwegischen Wäldern, wenn die Wärmeentfaltung des Sprossens und Knospens die Luft mit einem Dunst von Schwefel und Essig erfüllt. Die Hitze des Tages ist im Begriff, einer erquicklichen Kühle Platz zu machen.

Die rote Dämmerung, die vom westlichen Himmel herabsinkt, begegnet dem schneeweißen Licht der Stadt. Weit draußen im Hafen, in dem verblassenden Fahrwasser steht die Freiheitsstatue, der weibliche Koloß, patinagrün, und sendet einen weißen, ruhigen Funken auf das Meer hinaus.

Aber nachdem die Sonne untergegangen ist, und die Stadt in Dunkelheit gehüllt daliegt, und alle Flammen angezündet sind, bildet sich eine grünlich blaue, fast durchsichtige Luftschicht über New-York. Sie sieht aus wie das Gas von rauchfreiem Pulver, alle Dinge sind vollkommen sichtbar darin, flimmern und eilen aber mit einer ungeheuren Intensität – jetzt ist der gewaltige Schuß des New-Yorker Tages gelöst! Jetzt ist die langsame Explosion, die alle Häuser und Pflaster erhitzte wie Büchsenläufe, überstanden. Die Dunkelheit sinkt herab, und die Stadt liegt schwarz da unter ihrer elektrischen Luftschicht, die Stadt ladet.

Edmund Hall erhebt den Kopf ein wenig von dem Sofa, wo er liegt, und sieht hinaus. Wimmeln dort Millionen von lebenden, durchsichtigen Feuerwesen rings umher in der grünlich violetten Atmosphäre über der Stadt? Sind sie es, die den Äther jenseits der Luft bevölkern und unsere Sinne, atmen sie ebensogut in den Eruptionen der Sonne wie über den luftlosen Kraterhöhlen des Mondes? Sind sie die Stofffreien, die Ewigen? Es durchschauert ihn, – ist das alles wirklich? Existiert er selber? Er weiß nicht, ob er bei Bewußtsein ist oder nicht, lebend oder tot? Er fragt sich selbst, ob es der Einfluß der radierenden Stoffe auf seine Augen ist, der ihn sehend gemacht hat, oder ob ihm das Gesicht versagt. Er lehnt sich matt und in dem Gefühl tiefer Verlassenheit ins Sofa zurück.

»Geht es dir jetzt besser?« fragt Madame d'Ora, die bei ihm sitzt.

»Mir fehlt nichts,« sagt Edmund Hall eine Minute später, und die Stimme klingt auch ganz ruhig. »Ich bin wohl nur müde.«

»Müssen wir nicht gehen?« flüsterte sie nach einer Weile. »Glaubst du, daß wir noch hinauskommen können? Das Haus ist ja abgeschlossen.«

Hall liegt da, die Hand über den Augen, es währt lange, bis er antwortet, aber die Stimme ist noch immer ruhig:

»Natürlich können wir hinauskommen.«

Sie schweigen. Madame d'Ora wird immer unglücklicher und besorgter um ihn. Nichts ängstigt sie so sehr wie dies unnatürliche Erstarren; sie kennt ihn und weiß, jetzt hat er alle Verbindung mit der Außenwelt abgebrochen, er wird sich auf das höflichste weigern, auf irgend etwas einzugehen. Sie hat stets Furcht und Respekt vor seiner Gedankentätigkeit empfunden, die ihr als die überlegene Entfaltung von Verständnis für Dinge erschienen ist, aus denen sie sich im übrigen nichts machte, jetzt aber erfaßt sie ein Entsetzen bei dem Gedanken, in was er sich in seiner wissenschaftlichen Rücksichtslosigkeit verwickelt haben kann. Sie empfindet sein Schweigen als das gefährliche Unbekannte, sie weiß, daß sein Wesen jetzt in einer riesenhaften Selbstbeherrschung gebunden ist, und sie ahnt darunter alles, was Gefahr bringt. Die Unterredung mit Evanston, an die sie kaum zu denken wagt, die sie um keinen Preis erwähnen darf, schürt ihre Angst und Unruhe, die Unheimlichkeit der Sitzung verwirrt sie, alles steigert sich zu einem Gefühl drohender Gefahr, unaufhaltsam näher rückender Häßlichkeit. Sie hat nur einen einzigen Wunsch, und den empfindet sie jetzt als bittere, physische Qual, sie will helfen, sie will retten, und sie kann nicht! Er will sich nicht helfen lassen, er hat sich verschlossen.

So findet sie endlich instinktmäßig einen Ausweg, so wie in alten Zeiten, wenn Edmund sich hinlegte und sie glaubte, daß er ihr unter den Händen sterben würde. Sie fühlt, daß sie ruhig werden muß, sie muß ihn einzig und allein durch ihre Nähe, durch ihren Glauben heilen. Und sie seufzt, zwingt alle ängstlichen Gedanken zurück, sie sammelt sich, faßt sich, atmet regelmäßig und ruhig. Jetzt erst merkt sie, in welcher Spannung sie sich befunden hat, sie wird so müde, so müde. Aber sie faßt sich mehr und mehr. Sie weint einen Augenblick, dann fängt ihr Herz an, Wärme zu verbreiten. Sie sitzt still, sie wacht getreulich.

Der Raum draußen vor den Fenstern ist tiefblau. Unten rast der L-Zug vorüber, macht das Haus erzittern.

Edmund Hall schläft, die Spannung hat nachgelassen, er ruht. Madame d'Ora sitzt da und sieht seine Augen an, die im Schlaf nicht ganz geschlossen sind. Die Augäpfel zittern und schimmern unter den Lidern wie geschmolzenes Blei. Hin und wieder spricht er im Schlaf, schmerzlich und liebevoll, und sie hört ihn nach Eld rufen.

»Eld,« flüstert er mit einem freudetrunkenen Klang, den sie kennt, ach, den sie vor zehn Jahren gekannt hat. Und sie sieht sich verwundert und geduldig um in dem großen Laboratorium, das in einem schwachen Lichtschein von den erleuchteten Häusern draußen und von dem des Mondes daliegt. Das Kabinett ragt schwarz auf, mit hängenden Draperien wie eine Bahre. Die Maschinen und die chemischen Apparate erscheinen in dem großen Raum wie sonderbar verrenkte und schmerzgekrümmte Gegenstände.

» Elly«, stöhnt Hall kalt und heftig im Schlaf. »Elly!«

Madame d'Ora legt ihre Hand auf seine schweißperlende Stirn; er zittert, er bebt im Schlaf.


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