Jean Paul
Siebenkäs
Jean Paul

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Er sandte die blutrote widerbellende Sophia an den Schlosser und dessen Mauerbrecher ab; sie war aber des festen Vorsatzes, bloß eine Lüge statt des Schlossers mitzubringen. Nach ihrem Abmarsch holt' er den Altreis Fecht herab, damit dieser zugleich der Zeuge und der Meßhelfer dessen wäre, was er im Schilde führte. Der Schuhflicker schlich in die Stube nach. Der Hektiker ging in den Kanarienbauer hinaus und redete den im Bauer selber inhaftierten Vogel an, indem er mit der Zange an die Pforte der Engelsburg klopfte: »Gnädiger Herr, ich weiß, Sie sitzen darin – regen Sie sich – jetzo bin ich noch mutterseelenallein – ich breche still mit der Zange den Schrank auf und lasse Sie fort.« – Er legte das Ohr an die Türe dieses Spandaus und sagte, als er den Arrestanten seufzen hörte. »Sie schnaufen jetzo, gnädiger Herr – denn ich lieg' an der Tür – wenn der Schlosser kommt und aufbricht, so sehen wir Sie alle, und ich rufe das ganze Haus her. – Ich verlange aber nur ein Geringes – und lasse Sie im stillen herausspringen, bloß Ihren Hut will ich und einige Groschen Geld und Ihre Kundschaft.«

– Endlich klopfte der Baugefangne innen an seine Klosettüre und sagte: »Ja, ich stecke hier innen. Lass' Er mich nur heraus, Er soll alles haben. – Ich will von innen mit aufsprengen.« Der Perückenmacher und der Altreis setzten das Brechzeug am Sprachgitter des Burgverließes an, und der Gefangne stieß von innen heraus; während dem Erbrechen der Jubelpforte unterhandelte der Friseur weiter und verfällete den Klausner in die Kosten des Schlosserlohns – und endlich setzte Rosa wie eine bewaffnete Pallas aus der geöffneten Stirnhöhle ans Licht. »Ohne mich«, sagte Fecht, »hätt's der Hausherr gar nicht aufgebracht.«

Rosa machte große Augen über diesen Neben-Erlöser aus dem Personalarrest – nahm den wohlriechenden Hut ab (den der berauschte Kräusler auf seinen Kopf und also in den Realarrest setzte) – warf beiden aus der Westentasche einige Tropfen vom goldnen Regen zu – und eilte aus Furcht vor ihnen und dem Schlosser barköpfig im Finstern nach Hause. – Der Friseur aber, dessen Scheitel nahe an der dreifachen Krone der vorigen KaiserBekanntlich wurde dem Römischen Kaiser eine goldne Krone in Rom aufgesetzt, eine silberne in Aachen, eine eiserne in Pavia. Ein König hat einen Kopf, der alle Kronen zu tragen vermag, Kronen von allen Ländern, von allen Metallen, sogar von Quecksilber. und der jetzigen Päpste war – denn der Vogel warf ihm die Krone zu, der Venner den Hut, und die Frau wollt' ihm auch etwas aufsetzen – der Friseur ging wohlgemutet mit der neuen Märtererkrone aus Filz, die er schon unter dem ganzen Schwenkschießen dem Venner beneidet hatte, in den Schießgraben hinaus, um wieder hereinzuziehen mit seinem Nebenkaiser unter seinen Reichskindern und Hintersassen.

Der Perückenmacher nahm seinen einem Mitkönige anständigern Hut vor dem königlichen Bruder, Siebenkäs, ab und erzählt' ihm einiges. Der Heimlicher v. Blaise lächelte wie Domitian heute freundlicher als jemals, wobei dem Vogelkaiser nicht wohl ward; denn Freundlichkeit und Lächeln macht das Herz, wie spiritus nitri das Wasser, kälter, wenn es kalt, und wärmer, wenn es warm war – von einer solchen Freundlichkeit war nichts zu erwarten als ihr Widerspiel, wie in der alten JurisprudenzZanger und Heil vermuten aus dem häufigern Seufzen beim Namen Jesu, aus dem frühen Kommen in die Kirche, aus dem späten Gehen nichts Gutes; etwas ist an der Sache und ein solches Wesen nicht ganz vom Teufel rein. die größere Frömmigkeit einer Frau bloß bedeutete, daß sie mit dem Teufel einen Bund gemacht. Aus den Marterwerkzeugen Christi wurden heilige Reliquien – oft werden aus solchen Reliquien der Heiligen erst die Folterinstrumente. – Der herrliche Zug ging unter dem nickenden Blitzen des ganzen wankenden Sternenhimmels, in den neue Sternbilder zerplatzender Raketen aufzogen. Die Nummern, die nach dem Könige den Schuß gehabt, feuerten in die Luft und salutierten mit dieser Kanonade gleichsam das königliche Paar. Die zwei Könige gingen nebeneinander, und der zur Perückenmacherinnung zünftige konnte vor Freude und Bier nicht recht stehen, sondern hätte sich gern auf einen Thron gesetzt. – – Aber darüber, über diese 70 Jünger des Adlers und über die zwei Reichsvikarien, versäumen wir ganz andere Dinge. –

Nämlich die Stadtsoldaten, die mit dabei sind – eigentlich die MarktfleckensoldatenWenig oder nichts gebührt der jetzigen Landwehr von dem Lobe, das ich der vorigen in der ersten Auflage gegeben; viel gerechter dürften dasselbe sich die regelmäßigen Soldatenheere der kleinren Souveräne jetzo zueignen. . – Ich will viel über sie denken und nur halb so viel sagen. Eine Stadtmiliz, eine Landmiliz, besonders die kuhschnappelische, ist ein ernsthafter Heerbann, der bloß zum Verachten der Feinde gehalten wird, indem er ihnen unhöflich stets den Rücken, und was darunter ist, zukehrt, so wie auch eine gut geordnete Bibliothek nur Rücken zeiget. Hat der Feind Herz: so verehret der Heerbann wie der tapfere Sparter die Furcht; und wie Dichter und Schauspieler den Affekt selber heftig empfinden und vormachen müssen, den sie mitzuteilen wünschen, so sucht der besagte Bann das panische Schrecken erst selber zu zeigen, in das er Feinde versetzen will. Um nun einen solchen Kriegsknecht oder Friedenknecht in der Mimik des Erschreckens zu üben, wird er täglich am Tore erschreckt; man nennt es ablösen. Ein Friedenkamerad schreitet gegen das Schilderhaus und fängt Feld- und Friedengeschrei an und macht nahe vor seiner Nase feindliche Bewegungen; der wachhabende schreiet auch, macht noch einige Lebensbewegungen mit dem Gewehr und streckt es sodann und läuft davon; der Sieger aber behauptet in dem kurzen Winterfeldzuge das Schlachtfeld und nimmt den Wachtrock um, den er jenem als Beute ausgezogen. Allein damit nicht einer allein auf Kosten der andern erschrocken werde: so wechseln sie mit dem Siegen ab. Ein solcher Krieger voll Gottesfrieden kann oft im Kriege sehr gefährlich werden, wenn er gerade im Laufen ist und sein Gewehr mit dem Bajonett zu weit wegwirft und so den zu kühnen Nachsetzer harpuniert. Kostbare Milizen dieser Art werden zu ihrer größren Sicherheit an öffentliche Plätze, wo sie unverletzlich sind, z.B. unter die Tore gestellt, und so werden solche Harpunierer recht gut von der Stadt und ihrem Tor bewacht; wiewohl ich doch oft, wenn ich vorbeiging, gewünschet habe, man sollte einem solchen Ritterakademisten einen starken Knüttel in die Hände geben, damit er etwas hätte, womit er sich widersetzen könnte, falls ihm ein Durchreisender sein Gewehr nehmen wollte.

Manchem wird es vorkommen, als ob ich auf diese Art die Mängel der Landmilizen nur künstlich verdeckte, und ich mache mich darauf gefasset; aber es ist nicht schwer einzusehen, daß dieses Lob auch auf alle kleine, auf der Fürstenbank stehende Heere reiche, die angeworben werden, damit sie anwerben. Ich will mich darüber jetzt auslassen. Villaume gibt Erziehern den Rat, die Kinder »Soldatens« spielen zu lehren, sie exerzieren und Wache stehen zu lassen, um sie durch dieses Spiel an gelenke und feste Stellungen des Körpers und Geistes zu gewöhnen, d. h. um sie geradezurichten und abzuhärten. In Campens Institut ist dieses Soldatenspiel schon lange für Eleven im Schwung. War es denn aber Hrn. Villaume so wenig bekannt, daß diese Schulexerzitien, die er uns vorschlägt, schon längst von jedem guten kleinen Reichsfürsten eingeführet waren? Glaubt er denn, es ist etwas Neues, wenn ich ihn versichere, daß die Fürsten junge starke Kerle, sobald sie die heilige Länge haben, abholen und exerzieren lassen, um ihre Landeskinder mores, Stellung und alles zu lehren, was in der Kreuz- und Fürstenschule des Staats erlernet werden muß? In der Tat verstehen oft in den winzigsten Fürstentümern und Reichsgauen die Soldaten alles, was zu wirklichen gehört: sie präsentieren ihr Gewehr, stehen aufrecht an Portalen und können rauchen, wenn nicht feuern, lauter Dinge, die ein Pudel leicht erlernt, aber ein Bauerntölpel schwer. Ich leit' es aus diesen Kriegübungen her, daß sich viele sonst gescheute Männer bereden ließen, die Vexier-Soldateska kleiner Reichsstände für eine wirkliche ernsthafte zu halten, da sie doch sonst hätten sehen müssen, daß mit so kleinen Heeren weder ein kleines Land zu verteidigen noch ein großes anzufallen sei und daß es auch dieses gar nicht brauche, weil in Deutschland die Parität der Religionen schon die Parität der Mächte vertritt. – Hunger, Frost, Blöße, Strapazen sind die Vorteile, welche Villaume durch das Soldatenspiel seinen Zöglingen als ebenso viele Schulen der Geduld zu schaffen meint; das sind aber eben gerade die Vorteile, die die Staats-Realschule für die obengedachten jungen Kerle und noch besser als Villaume gewinnt, und darauf zweckt ja alles ab. Es ist mir recht gut bekannt, daß häufig ein Drittel des Landes gar nicht zum Soldaten gemacht und mithin in nichts geübt wird; es ist aber auch das wahr, daß, wenn es nur einmal so weit gebracht ist, daß zwei Drittel das Landes die Flinte statt der Sense auf der Achsel haben, daß alsdann dem letzten Drittel, weil es beträchtlich weniger zu mähen, zu dreschen und zu leben hat, die gedachten Vorteile (des Hungers etc.) fast gratis zuwachsen, ohne daß das Drittel einen einzigen Schuß tut. Man vervielfältige nur in einem Lande – in einem Ländchen – in einer Land- – in einer Mark- – in einer Grafschaft die Kasernen in hinreichender Anzahl: so werden sich von selber die restierenden Häuser als Fuggereien und Wirtschaftgebäude um die Kasernen anlegen, ja als echte Klöster, worin die drei Kloster-Gelübde – es ist niemand Pater Provinzial als der Fürst – nicht sowohl abgelegt als gut gehalten werden.

Wir hören jetzt die zwei Reichsvikarien in ihre Behausung treten. Der Friseur züchtigt seine Frau mit nichts als mit dem Rapport der Sache und zeigt ihr den Hut. Der Advokat belohnte die seinige mit dem Kusse, den sie andern Lippen abgeschlagen. Sie machte ihm, wenn nicht mit der Erzählung, doch mit der Erzählerin eine Freude und versteckte überhaupt nichts als den italienischen Strauß und dessen Erwähnung – sie wollte seinen frohen Abend nicht trüben und ihn nicht auf die Schmerzen und Vorwürfe jenes andern bringen, wo sie es verpfändete. – Ich hatte mit vielen Lesern erwartet, Lenette werde die Botschaft der Thronbesteigung viel zu kaltsinnig aufnehmen – sie betrog uns alle – viel zu freudig tat sie's; aber aus zwei guten Gründen: sie hatte die Nachricht schon vor einer Stunde erhalten, und also hatte das erste weibliche Trauern über eine Freude der Freude darüber schon Platz gemacht; denn Weiber gleichen dem Wärmmesser, der in einer schnellen Wärme einige Grade sinket, eh' er um viele ordentlich steigt. Der zweite Grund, der sie so nachgiebig und teilnehmend machte, war ihr beschämendes Bewußtsein des vorigen Besuchs und des verhehlten Straußes; denn man ist oft hart, weil man stark war, und übt Duldung – weil man sie braucht. – Nun wünsch' ich der ganzen königl. Familie wohl zu schlafen und gesund im achten Kapitel zu erwachen.


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