Unbekannte Autoren
Tausend und eine Nacht. Band II
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Geschichte des sechsten Bruders des Barbiers.

Was endlich meinen sechsten Bruder anlangt, o Fürst der Gläubigen, den mit den abgeschnittenen Lippen, so war derselbe sehr arm und besaß nichts von den hinfälligen Gütern der vergänglichen Welt. Als er eines Tages ausging sich 95 etwas zu erbitten, um seinen letzten Lebenshauch noch zurückzuhalten, sah er an einer der Straßen ein schönes Haus mit hoher und weiter Vorhalle, an dessen Thür Eunuchen standen und Befehle und Verbote erteilten. Sich bei jemanden der daselbst Stehenden nach dem Hause erkundigend, erhielt er zur Antwort: »Es gehört einem Königssohn.« Darauf trat mein Bruder an die Thürsteher heran und bat sie um etwas; sie antworteten ihm: »Tritt durch die Thür ein, du wirst vom Hausherrn, was du wünschest, bekommen.« Infolgedessen trat mein Bruder in die Vorhalle ein und schritt in ihr eine Weile, bis er in ein äußerst schönes und vornehmes Haus gelangte, in dessen Mitte sich ein Garten befand, wie er nirgends schöner zu schauen war, während der Fußboden mit Marmor getäfelt war und die Vorhänge bis auf den Boden niederhingen.

Da mein Bruder nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, schritt er gerade aus auf die gegenüberliegende Seite, wo er denn auch einen Mann mit schönem Antlitz und Bart fand. Als derselbe meinen Bruder erblickte, stand er vor ihm auf, hieß ihn willkommen und fragte ihn nach seinem Begehr, worauf ihm mein Bruder mitteilte, daß er Not leide. Als er meines Bruders Worte vernommen hatte, bezeugte er ihm großen Kummer, streckte die Hand nach seinen eigenen Kleidern aus, zerriß sie und rief: »Bin ich in der Stadt und du hungerst? Das kann ich nicht ertragen.« Ihm alles Gute verheißend, erklärte er: »Du mußt unter allen Umständen mein Salz teilen.« Mein Bruder entgegnete ihm darauf: »Mein Herr, ich kann es nicht mehr aushalten, da ich sehr hungrig bin.« Nun rief er: »Bursche, bring' Becken und Eimer!« und sagte darauf zu meinem Bruder: »Mein Gast, tritt herzu und wasche deine Hand,« worauf mein Bruder sich stellte, als ob er sich die Hand wüsche. Dann rief er seinen Bedienten zu, den Tisch zu bringen, und die Bedienten kamen und gingen als ob sie die Mahlzeit auftrügen. Darauf nahm der Hausherr meinen Bruder, setzte sich mit 96 ihm an den eingebildeten Tisch und stellte sich, indem er die Lippen bewegte, so an, als ob er äße; dabei sagte er zu meinem Bruder: »Iß und schäme dich nicht, denn du bist hungrig, und ich weiß welch starken Hunger du leidest.« So stellte sich denn mein Bruder ebenfalls an, als ob er äße, während der Hausherr zu ihm sagte: »Iß und schau dieses Brot, sieh, wie weiß es ist.« Mein Bruder ließ sich nichts merken, indem er bei sich sprach: »Dieser Mann liebt es sich über die Leute lustig zu machen,« und sagte: »Mein Herr, in meinem Leben habe ich kein schöneres weißes Brot gesehen als dieses hier und auch keins von köstlicherem Geschmack.« Der Hausherr erwiderte ihm darauf: »Dieses Brot hat mir eine meiner Sklavinnen gebacken, die ich für fünfhundert Dinare gekauft habe.« Dann rief er: »Bursche, bring' uns Sikbâdsch,Ein Gericht, bestehend aus gehacktem, in Essig gekochtem Fleisch. wie man seinesgleichen nicht unter den Gerichten der Könige findet« und wendete sich darauf wieder zu meinem Bruder mit der Aufforderung: »Iß, mein Gast, denn siehe, du hast großen Hunger und mußt essen.« Nun setzte mein Bruder wieder sein Kinn in Bewegung und kaute, als ob er äße, während der Mann ein Gericht nach dem andern verlangte, ohne daß irgend etwas gebracht wurde, und meinen Bruder zum Essen aufforderte. Darauf rief er von neuem: »Bursche, bring' uns junge Hühner mit Pistazienfüllung,« und sagte zu meinem Bruder: »Nun iß desgleichen du nie zuvor gegessen hast.« Mein Bruder antwortete: »Mein Herr, wirklich, dieses Gericht hat nicht seinesgleichen an Wohlgeschmack.« Darauf stellte sich der Hausherr an, als ob er meinem Bruder Bissen mit der Hand in den Mund stopfte, zählte ihm dabei die verschiedenen Gerichte auf und beschrieb ihre Feinheiten, während mein Bruder dabei so hungrig wurde, daß er sehnlichst nach einem Gerstenbrot verlangte. Nun fragte ihn der Hausherr: »Hast du wohl je schöneres Gewürz als in diesen Gerichten 97 gesehen?« Mein Bruder antwortete: »Nein, mein Herr;« darauf sagte er: »Iß mehr und schäme dich nicht.« Mein Bruder entgegnete: »Ich habe genug von dem Gericht gegessen.« Nun rief der Mann seinen Dienern zu, die Süßigkeiten zu bringen; nachdem dieselben dann mit den Händen in der Luft herumgefahren waren, als ob sie die Süßigkeiten auftrügen, sagte der Hausherr zu meinem Bruder: »Iß von diesen Sachen, sie sind gut; bei meinem Leben, iß von diesem Nußkonfekt und nimm dieses Stück, ehe der Julep abläuft.« Mein Bruder entgegnete: »Möchte ich dich nie entbehren, mein Herr!« Dann fing er an nach der Menge des Moschus sich zu erkundigen, die zu dem Nußkonfekt verwendet war, und der Hausherr antwortete ihm: »In meinem Hause ist es stete Gepflogenheit zu jedem Nußgebäck einen MithkâlEin Gewicht = 13/7 (11/7) Drachmen. Moschus und einen halben Mithkâl Ambra zu nehmen.« Inzwischen aber bewegte mein Bruder fortwährend seinen Kopf und Mund und mummelte mit der Zunge, als ob ihm die Süßigkeiten den höchsten Genuß gewährten. Hierauf rief der Hausherr wieder seinen Dienern zu die getrockneten Früchte zu bringen und sagte, nachdem sie mit den Händen in der Luft herumgefahren waren, als ob sie sie brächten: »Iß von diesen Mandeln, von den Nüssen, Traubenrosinen und andern Dingen,« und zählte ihm die verschiedensten getrockneten Früchte auf, dabei immer meinen Bruder auffordernd: »Iß und schäme dich nicht,« bis mein Bruder antwortete: »Mein Herr, ich habe genug und bin nun völlig außer Stande etwas zu essen,« worauf der Hausherr wieder entgegnete: »Mein Gast, bei Gott, bei Gott, wenn du seltene Gerichte essen und dich daran laben willst, so sollst du nicht hungrig bleiben.«

Mein Bruder sprach nun bei sich, indem er über sich selber und seine Verspottung durch den Hausherrn nachdachte: »Bei Gott, ich will ihm einen Streich spielen, daß 98 er es vor Gott bereuen soll in dieser Weise mit mir verfahren zu sein.«

Jetzt rief der Mann wieder seinen Dienern zu den Wein zu bringen, und sie fuhren mit den Händen in der Luft umher, als ob sie den Wein brächten; dann stellte sich der Hausherr, als ob er meinem Bruder einen Becher überreichte, und sagte zu ihm: »Nimm diesen Becher, der Wein wird dir gefallen.« Mein Bruder antwortete ihm: »Mein Herr, dies kommt von deiner Güte,« und hob die Hand zum Mund als ob er tränke. Als ihn dann der Hausherr fragte: »Gefällt er dir?« antwortete er: »Mein Herr, einen köstlicheren Wein als diesen habe ich noch nie gesehen.« Darauf entgegnete ihm der Mann: »Trinke ihn zum Wohlsein und zur Gesundheit;« darauf stellte er sich selber, als ob er tränke und meinem Bruder dann einen zweiten Becher reichte. Mein Bruder aber, der sich jetzt stellte, als ob er vom Wein trunken würde, hob unversehens seine Hand, bis die Blöße seiner Achsel sichtbar wurde, versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken, daß der Raum davon widerhallte, und wiederholte dies noch einmal und ein drittes Mal. Als nun der Mann ihn anschrie: »Was soll das, du niedrigstes Geschöpf?« antwortete er: »Mein Herr, ich bin dein Sklave, gegen den du huldvoll gewesen bist, indem du ihn in dein Haus eintreten ließest, ihm Speise zum Essen und edeln Wein zum Trinken vorsetztest. Nun ist er davon trunken geworden und hat sich gegen dich übel benommen. Doch deine Würde ist zu hoch, als daß du ihm seine Thorheit verübeln könntest.«

Als der Hausherr von meinem Bruder diese Worte vernahm, lachte er laut und sagte: »Seit langer Zeit mache ich mich über die Leute lustig und verspotte alle, die einen derben Spaß zu ertragen verstehen, aber bisher fand ich noch keinen unter ihnen, der diesen Spaß hätte ertragen können, und keinen, der so schlau gewesen wäre auf alle meine Handlungen einzugehen, als dich allein. Und nun vergebe ich dir und lade dich ein, in Wahrheit mein Tischgenosse zu sein 99 und dich nicht mehr von mir zu trennen.« Alsdann befahl er eine Anzahl von den zuvor genannten Gerichten zu bringen, und speiste mit meinem Bruder, bis beide genug gegessen hatten. Hierauf begaben sie sich ins Weinzimmer, in dem sich Mädchen befanden, die so hübsch wie Monde waren und allerlei Weisen vortrugen und alle möglichen Musikinstrumente spielten. Dort tranken sie, bis der Wein sie übermannte, und der Mann wurde so vertraut mit meinem Bruder, als wäre er sein eigener Bruder gewesen, gewann ihn von Herzen lieb und schenkte ihm ein herrliches Ehrenkleid. Am nächsten Morgen huben sie von neuem an zu essen und zu trinken und lebten in dieser Weise zwanzig Jahre lang, bis der Mann starb und der Sultan sein Vermögen in Beschlag legte und für sich einzog, während mein Bruder sich aus der Stadt flüchtete. Unterwegs wurde er jedoch auf halbem Wege von ArabernUnter Arabern sind hier wie häufig räuberische Beduinen zu verstehen. überfallen und gefangen genommen. Der betreffende, der ihn gefangen nahm, schlug ihn und sagte zu ihm: »Um Gott, kaufe dein Leben von mir mit Geld los oder ich ermorde dich.« Da fing mein Bruder an zu weinen und beteuerte: »Bei Gott, Araberscheich, ich besitze nichts und weiß auch keinen Weg mir Geld zu verschaffen, ich bin dein Gefangener und in deiner Hand, thue mit mir, was du willst.« Da zog der herzlose Beduine aus seinem Gürtel ein Messer hervor, welches so breit war, daß es, wenn es in den Hals eines Kamels gebohrt worden wäre, denselben von einer Drosselader zur andern zerschnitten hätte; dasselbe mit seiner Rechten packend, trat er an meinen unglücklichen Bruder heran und schnitt ihm damit beide Lippen ab, indem er ihn dabei noch heftiger um Geld anging.

Nun hatte jener Beduine eine hübsche Frau, die meinem Bruder, wenn ihr Mann ausgegangen war, nachstellte und sich ihm antrug, was mein Bruder aus Scham vor Gott, 100 dem Erhabenen, jedoch ablehnte. Eines Tages aber, als sie ihm wieder nachstellte, und er mit ihr tändelte und sie auf seinen Schoß nahm, trat plötzlich ihr Gatte zu ihnen herein und schrie meinen Bruder an: »Weh dir, Verruchter, willst du mir meine Frau verführen?« Dann zog er ein Messer hervor und verstümmelte ihn, worauf er ihn auf ein Kamel lud und ihn auf einem Berge abwarf, um dann seines Weges zu ziehen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Als nun Reisende an ihm vorüberkamen und ihn erkannten, gaben sie ihm Speise und Trank und benachrichtigten mich von seinem Mißgeschick. Infolgedessen ging ich zu ihm heraus, lud ihn auf und brachte ihn in die Stadt, wo ich ihm das zum Leben Erforderliche festsetzte.

Nun aber, o Fürst der Gläubigen, kam ich zu dir und fürchtete nach Hause zurückzukehren, ohne dir diese Geschichten mitgeteilt zu haben, was doch ein Verstoß gewesen wäre. Sechs Brüder sind hinter mir und für aller Unterhalt sorge ich.

Als der Fürst der Gläubigen meine Geschichte und die Geschichte meiner Brüder von mir vernommen hatte, lachte er und sagte: »Du hast die Wahrheit gesprochen, o Schweiger; du bist kein Mann vieler Worte und bist auch nicht zudringlich. Jetzt aber verlaß diese Stadt und laß dich in einer andern nieder.« Darauf verbannte er mich aus Bagdad, und ich reiste von Land zu Land und durchwanderte die Klimate,Klima bedeutet hier Zone, Landstrich. bis ich hörte, daß er gestorben wäre, und ein anderer im Chalifat nachgefolgt sei. Alsdann kehrte ich nach der Stadt Bagdad zurück und traf mit diesem jungen Mann zusammen. Trotzdem ich ihm den schönsten Dienst erwies, denn ohne mich wäre er umgekommen, verdächtigt er mich betreffs einer Sache, die mir fern liegt; alles, was er da von meiner Zudringlichkeit, Geschwätzigkeit, Grobheit und Geschmacklosigkeit erzählt hat, ist eitel Lüge, Gesellschaft.« 101

 


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