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XIX.

Eine alte Stadt an einem blauen Fluß und am Ufer ein großes buntes Fest – überall wogende Wimpel.

Ein Taumel durchbraust die Straßen, aber so vielen Bannern man zujauchzt, keinem doch mehr als dem des fernen Engadins, seinen drei Wagen voll Wild, seinem Bären, der auf Tannenreisern liegt. »Hoch, Engadin – hoch!« – überall läuft der Ruf vor den starken Männern des Gebirgs, die, von schönen Frauen und lieblichen Mädchen begleitet, in so stattlichen Scharen niedergestiegen sind.

Und vor ihnen schreitet einer hoch und breit und gewaltig wie ein Held der Vorzeit, wie der lebendig gewordene Fels des Gebirgs. Er trägt sein Banner, das Steinbockbanner, mit unvergleichlicher Würde und Vornehmheit. Und obgleich er kein Jüngling mehr ist, fliegen ihm von den Erkern herab die Blumen der Mädchen und Frauen zu und die Tücher winken. Und überall ertönt der Ruf: »Der König der Bernina! Der König der Bernina, der so viele Menschen aus den Lawinen gerettet hat!« Wer kannte ihn nicht aus Bildern und Kalendern!

Eine Art Ehrfurcht breitet sich um den stolzen, freien Mann, der in der Reife der Kraft dahinschreitet.

Der Ehrung der Bündner war ein besonderer Tag gewidmet. Da verkündete der Herold von der Tribüne: »Adam Näf von Aarau hat das Wort.« Und der Redner steht. Fast trocken, doch mit weittragender Stimme spricht er: »Es ist ein Mann unter uns, unter euch, ihr Bündner, der ist verleumdet worden! Die, die Uebles wider ihn redeten, haben nicht einen Zeugen, hier aber steht einer, der es erlebt hat, wie Markus Paltram ein Held ist. Und zweiunddreißig Zeugen aus weiter Welt will ich euch noch melden. Folgende Personen hat er aus den Lawinen gezogen.«

Er entfaltet ein Papier – in der reichgeschmückten Hütte, wo viele Hunderte tafeln, ist es so still, daß man die Wasser des blauen Flusses vorüberrauschen hört.

Und Name folgt auf Name.

Jeder ruft dröhnenden Jubel hervor, wie aber der Ludwig Georgys durch den Raum dahinschwebt, erheben sich Stimmen: »Er ist hier!« und hundert tragen den überraschten, zappelnden Maler auf die Tribüne, zu Adam Näf.

Gewaltiger Jubel erbraust an allen Ecken und Enden.

Endlich, endlich ist die lange Liste gelesen – auf den Schultern trägt man Markus Paltram auf die Tribüne.

Der gewaltige Jäger steht zwischen zweien, die er gerettet hat.

Das Volk erhebt sich in Freudenrufen, mit entblößten Häuptern grüßt ein ganzes Land den einzelnen Mann. Die Musik spielt und das Vaterlandslied rauscht durch die uralten Baumkronen, die ihre Aeste in den Fluß neigen.

Markus Paltram sagt: »Es ist zu viel;« er macht sich los, er kehrt erschüttert zu den Seinigen zurück.

Aber nun erklingt der Männergesang des Rhätischen Bunds, das romanische Lied:

»Mein Engadin, du Heiligtum,
Im Schneeland nur ein Strich –
Doch bist du unser Glück und Ruhm,
Ich liebe dich, ich liebe dich!«

Auf die Tribüne hebt man Konradin von Flugi, der dem Ladin die Flügel des Gesanges verliehen hat.

Dann spricht Luzius von Planta im Namen des Engadin, erzählt von Niedergang und neuem Glück.

»Der große Verkehr zwischen Nord und Süd ist uns wohl für immer verloren, aber in unseren Dörfern blüht schönes Sommerleben, und unser Volk ißt nicht mehr das Brot der Selbstverbannung.

Kommt ins Engadin und seht: Wir sind auferstanden!«

Da trägt man Körbe auf die Bühne, und man gibt dem Redner aus feuchtem Moos herrliche Kränze von Blumen.

»Einen Gruß soll ich auch bringen aus dem verlorensten Winkel der Schweiz – von Puschlav! Mit den Blumen einer wackeren Bündnerin umkränze ich das Wappen des gemeinsamen Vaterlandes.

Ihr anderen Schweizer seid stolz auf die neugegründeten Pestalozzischulen – die erste aber besaß Puschlav!

Die Gründerin ist die Frau, die diese Blumen schickt.«

Unendlicher Jubel!

Drei Tage noch blieben die Bündner, die Engadiner an dem Feste, und ihre Schützen errangen manchen schönen Preis. Doch wurde der »König der Bernina« nicht der Schützenkönig des Schweizerlandes – aber überall war für ihn Ehre!

»Ich habe nicht gut geschossen – statt der Scheiben sah ich immer Jolande. Daß das Kind nicht mitgekommen ist!«

Niemand drängte heimwärts wie er – und wie die Schützen wieder nach Chur kamen, niemand ins Engadin hinüber wie er.

Das im Thal gebliebene Völkchen erwartet seine ruhmreichen Schützen auf dem Albula und kredenzt ihnen im Strahl der weißen Berge die Becher.

»Warum ist mein Kind nicht unter euch?« fragt Markus Paltram.

»Wir haben Jolande gesucht, aber nicht gefunden.«

Da reißt der gewaltige Mann die Feder vom Hut, da wirft er das Banner dem nächsten zu und löst sich aus dem festlichen Zug und weint wie ein Kind.

Die Leute aber verstehen ihn nicht. »Jolande wird sich schon wieder finden!«

Seine Züge sind verzerrt in Angst, allen voran eilt er nach Pontresina.

»Jolande!« geht sein Ruf in die nächtlichen Berge.

Und Schwereres ist im Engadin nie erlebt worden. In den Schluchten und auf den Höhen suchen Hunderte Jolande Paltram – die Jägerin – und beim Schein der Laternen kommen die Abteilungen der Sucher entmutigt zurück.

Geheimnisvoll verschwunden ist Jolande – so geheimnisvoll wie einst Sigismund Gruber.

Zuletzt sucht nur noch einer.

Und entsetzt horchen die Bergamasken in die Nacht des Gebirges.

»Jolande – Landolo!« schreit eine Stimme, daß es an den Firnen widerhallt – stundenweit durch das Schweigen der Berge klingt die Stimme.

So Nächte, so Wochen!

Und der einsame Sucher schläft nicht, er ißt nicht – die große Teilnahme des Volkes und der Gäste lassen ihn kalt. Sein ganzes Leben ist der Ruf: »Jolande – Landolo!«

Und doch weiß er: die silberne Stimme seines schönen Kindes wird nie mehr antworten »Vater!«

Seit er erfahren hat, daß Jolande mit dem jungen Lorenz Gruber in Sonne und Mond über den Albula gewandert ist, kennt er ihr Schicksal. In dem Jüngling kreist das Blut Cilgia Premonts, in Jolande kreist das Blut Paltrams. Und was Paltram heißt, muß, was von Premont kommt, lieben! Zwischen den jungen Herzen aber stand das Gerippe Grubers auf. Und Jolande ist an ihrer hoffnungslosen Liebe vergangen.

Zuletzt hat man sie an der Berninastraße sitzen sehen, wie wenn sie auf jemand warte, und es geht ein Gerücht, noch einmal sei Jolande als Landolo in die Berge gegangen, man habe sie mit einem Bündel in der Hand in der Abenddämmerung auf dem Weg nach Puschlav gesehen.

Aber es ist alles so unbestimmt – was soll das Bündel?

Eines Tages scharrt Markus mit dem Fuß auf der Stelle, wo die Gebeine Grubers lagen. Er wühlt und findet sie nicht mehr!

Da weiß er: Jolande, das seltsame Kind, hat sie nach Puschlav hinübergetragen und in geweihter Erde bestattet.

Durch das Gebirge gellte sein Ruf: »Jolande – Landolo!«

Eines Tages aber, wie es schon in den September geht, verstummt der Ruf. Konradin von Flugi steht mit Gästen am Morteratsch und sie bewundern die herrlichen Farbenspiele des Gletschers, die hohen weißen Wände der Bernina.

Da schreitet über die funkelnde Kante des Gletschers eine machtvolle Gestalt und trägt eine andere leichte Gestalt, und wunderlich hebt sich die dunkle Gruppe vom Silber des Piz Bernina ab.

Sie kommt die Furchen des Gletschers herab – es ist Markus Paltram, der graue Jäger.

Es ist der König der Bernina, er trägt seine tote Tochter im Arm. Er sieht still – er küßt sie – er steigt herab.

Und die Spähenden schluchzen vor Weh – er aber lächelt.

»Seht! – seht! Jolande ist wie lebend – sie hat noch Farbe in den Wängelchen. Sie ist nicht Hungers gestorben, denn neben ihr lag noch ein Bissen Brot. – Sie ist ohne Schmerzen geschieden, denn seht, mit einem Lächeln auf den Lippen ist sie erstarrt!«

An der Isola Persa, an der verlorenen Insel, wo sich der Gletscher mit Türmen und Brücken zu einer Stadt erbaut, wo die geheimnisvollen Azurlichter traumwandeln, wo die Maid von Pontresina auf Aratsch wartet, hat er sie entdeckt – nicht eine Leiche, sondern eine Schlafende.

»Sie hat noch Farbe in den Wängelchen!«

Sonderbar! – Er wußte so beredt den sanften Tod zu schildern, der denen beschieden ist, die im Eise sterben: »Ein leises Frieren – eine Müdigkeit – die Lider sinken. Seht! Jolande wollte noch das Stückchen Brot heben – da, mitten in der Bewegung, schlummerte sie ein – und schöne Träume füllten ihr Herz.«

Schöne Träume! – Er hätte sagen können: »Ein Liebestraum!«

In den Reif an den Wänden der Gletscherspalte hatte sie mit dem Finger den Namen »Lorenz« geschrieben.

Den Namen »Lorenz«, nicht das Wort »Vater!« O, wie ihn das mit einer unendlichen Wehmut erfüllt! Aber er versteht sein heißes, keusches Kind – die dunkle Gewalt, die sie dorthin getrieben hat, wo die Maid Aratsch, den Geliebten, erwartet.

Die Liebe, die Liebe – eine junge Lenzliebe! Und der Reif ist darüber gegangen – daran ist Jolande gestorben.

Nun haben sich alle Geschicke erfüllt.

Wie der Name der Maid ist der Name Paltram erloschen.

Und die Missethat des Vaters hat sich gerächt am Kind. Nun muß nur noch Cilgia kommen.

Denn vor dem Weltuntergang dürfen sie einen Tag wandeln.

»Ob sie wohl kommen wird? Aber sie müßte rasch kommen!«

Markus Paltram weiß es, er ist ein gebrochener Mann. Die Sorge um sein Kind hat die felsenen Kräfte verzehrt, er wird nie wieder in die hochherrlichen Berge gehen, der letzte Schuß ist gethan und auf den Piz Bernina wird er nie steigen.

Der König der Bernina hat sein Königreich verloren. Durch den Abend trägt er sein schlafendes Kind.


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