Jaroslav Hasek
Von Scheidungen und anderen tröstlichen Dingen
Jaroslav Hasek

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Mein Geschäft mit Hunden.

I.

Ich hatte seit jeher eine Vorliebe für Tiere jeder Art. Schon im zartesten Alter brachte ich Mäuse mit nach Hause und einmal hielt ich es aus, die ganze Zeit über, während der ich die Schule schwänzte, mit einer erschlagenen Katze zu spielen.

Ich interessierte mich auch für Schlangen. Einmal fing ich eine Schlange auf einer steinigen Berglehne im Wald und schickte mich an sie mitzunehmen, 71 um sie Tante Anna, die ich nicht leiden konnte, ins Bett zu stecken. Zum Glück kam der Heger dazu und stellte fest, daß es eine Kreuzotter war; er tötete sie und nahm sie mit sich, um die gesetzliche Belohnung zu erhalten. Von meinem achtzehnten bis zum vierundzwanzigsten Jahr zeigte ich eine gewisse Vorliebe für sehr große Tiere. Kamele und Elefanten aller Arten interessierten mich ungemein.

Zwischen vierundzwanzig und achtundzwanzig nahm dieses Interesse langsam ab und fing an sich Rindern und Pferden zuzuwenden. Ich wünschte mir ein Gestüt oder eine Zucht siemesischen Hornviehs zu besitzen. Dieser Wunsch blieb ein bloßes Ideal und mir blieb nichts anderes übrig, als meine Liebe auf Tiere kleinerer Art zu beschränken. Hunden gab ich den Vorzug vor Katzen und um das dreißigste Jahr herum entstanden zwischen mir und meinen Verwandten verschiedene Differenzen. Man warf mir vor, daß ich keinen ordentlichen Beruf habe und bisher nicht darauf bedacht gewesen war auf eigenen Füßen zu stehen. Kurz entschlossen erklärte ich meinen Verwandten, daß ich mir in Anbetracht meiner Vorliebe für Tiere ein Geschäft mit Hunden einrichten würde.

Es verdient vermerkt zu werden, daß sie darüber nicht erfreut waren. 72

II.

Wenn jemand ein Geschäft begründet, so – das steht zweifellos fest – muß er sich vor allem um eine Firma kümmern, die die Art des Geschäftes treffend bezeichnet. Diese Art pflegt Hundehandel genannt zu werden, was mir jedoch mit Rücksicht darauf, daß ein entfernter Verwandter von mir im Ministerium beschäftigte ist und dagegen protestiert hätte, nicht zusagte.

Die bloße Benennung: »Geschäft mit Hunden« wollte mir gleichfalls nicht gefallen, denn in meinen Intentionen lag es, den Handel auf irgendeine höhere Art zu betreiben. Im Lexikon stieß ich auf den Namen »Kynologie«, was die »Lehre von Hunden« heißt. Dann ging ich am landwirtschaftlichen Institut vorbei und das Unglück war besiegelt. Ich nannte mein Geschäft »Kynologisches Institut«. Es war ein stolzer, gelehrter Titel, der treffend bezeichnete, was ich in großen Inseraten bekanntgab: »Verkauf, Austausch und Ankauf von Hunden auf kynologischer Grundlage.«

Diese großen Inserate, in denen sich der Titel »Kynologisches Institut« so oft wiederholte, versetzten mich selbst in stummes Staunen. Endlich war ich Besitzer eines Institutes. Wer das nicht erlebt hat, weiß nicht, wieviel Stolz und welcher Reiz darin liegt. In den Inseraten versprach ich fachmännische Ratschläge in allen, Hunde betreffenden 73 Angelegenheiten. Wer ein Dutzend Hunde kaufe, erhalte einen jungen Hund als Zugabe. Ein Hund sei das passendste Geschenk zu Geburtstagen, Konfirmationen, Verlobungen, Hochzeiten und Jubiläen. Für Kinder sei er ein Spielzeug, das nicht so leicht zerbricht und zerreißt. Ein treuer Begleiter, der Euch im Wald nicht überfällt. Alle Arten von Hunden seien fortwährend auf Lager. Direkte Verbindung mit dem Ausland. Anschließend an das Institut ein Erziehungsheim für unmanierliche Hunde. In meinem kynologischen Institut verlerne der wütendste Hund innerhalb vierzehn Tagen das Bellen. Wohin mit dem Hund während der Ferien? Ins kynologische Institut. Wo lernt ein Hund binnen drei Tagen Männchen machen? Im kynologischen Institut.

Als einer meiner Onkel diese Inserate las, schüttelte er bedenklich den Kopf und sagte:

»Nein, Junge, du bist nicht gesund; hast du nicht manchmal Schmerzen rückwärts im Kopf über dem Nacken?«

Ich aber blickte hoffnungsvoll in die Zukunft und ohne auch nur einen einzigen Hund zu besitzen, wartete ich begierig auf eine Bestellung, während ich einen militärfreien Diener suchte, der nicht einrücken mußte, bis ihm die Hunde ans Herz gewachsen sein würden. 74

III.

Auf das Inserat unter dem Titel: »Diener für Zucht und Verkauf von Hunden« langten eine Unmenge von Anträgen ein, von denen manche sehr aufrichtig geschrieben waren. Ein pensionierter Polizist vom Land versprach, daß er, falls er den Posten erhalten sollte, alle Hunde über den Stock springen und auf dem Kopf gehen lehren werde.

Ein anderer schrieb, daß er mit Hunden umzugehen verstehe, weil er jahrelang beim Budweiser Schinder bedienstet gewesen und wegen freundlicher Behandlung der Erschlagenen entlassen worden war.

Ein anderer Bewerber verwechselte »kynologisches Institut« mit »gynäkologischem Institut« (für Frauenkrankheiten) und schrieb, er sei Diener in der Gebäranstalt und auf der Frauenklinik gewesen.

Fünfzehn von den Bewerbern hatten die juridische Fakultät absolviert, zwölf waren Absolventen der Lehrerbildungsanstalt. Außerdem langte auch eine Zuschrift vom »Verein zum Wohl entlassener Sträflinge« ein, ich möge mich hinsichtlich der Stelle eines Dieners an ihn wenden, sie hätten einen sehr tüchtigen entlassenen Kassenräuber für mich. Manche Bewerber waren ungemein traurig und hoffnungslos. Sie schrieben beispielsweise selbst: Obwohl ich schon in voraus mit Sicherheit weiß, daß ich die Stelle nicht erhalten werde – – –

Unter dieser Unmenge von Anträgen befand sich 75 auch der eines Bewerbers, der spanisch, englisch, französisch, türkisch, russisch, polnisch, kroatisch, deutsch, ungarisch und dänisch sprach.

Ein Brief war lateinisch.

Und dann langte ein einfaches, aber aufrichtiges Gesuch ein: Sehr geehrter Herr! Wann soll ich den Dienst antreten? Hochachtungsvoll Ladislav Strobach, Koschirsch, bei Herrn Bakowski.

Da der Bewerber so direkt fragte, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu antworten, er möge Mittwoch um acht Uhr früh kommen. Ich fühlte mich ihm zu großem Dank verpflichtet, weil er mir das lange, beschwerliche Wählen erspart hatte. Mittwoch um acht Uhr früh trat mein Diener also den Dienst an. Er war ein blatternarbiger, ungemein lebhafter Mann von kleinerer Gestalt, der mir, als er mich zum erstenmal sah, die Hand reichte und lustig sagte: »Das Wetter wird sich wohl bis morgen nicht aufheitern, haben Sie schon gehört, daß um sieben Uhr früh schon wieder zwei Elektrische auf der Pisner Straße zusammengestoßen sind?«

Dann zog er aus der Tasche eine kurze Pfeife und sagte, daß er sie vom Chauffeur der Firma Stibral bekommen habe und ungarischen Tabak rauche.

Hierauf teilte er mir mit, daß beim »Kreuzl« in Nusle eine Kellnerin Namens Pepina bedienstet sei und fragte mich, ob er nicht mit mir in die Schule gegangen wäre. Dann fing er an von irgendeinem 76 Dachshund zu sprechen und meinte, daß man ihn, falls ich ihn kaufen sollte, frisch anstreichen und ihm ein wenig die Beine werde krümmen müssen.

»Sie kennen sich also in Hunden aus?« fragte ich erfreut.

»Na und ob, ich hab schon selbst Hunde gekauft und hab draus Scherereien mitn Gericht gehabt. Einmal hab ich mir einen Foxl nach Haus gebracht und auf einmal hält mich auf der Gasse ein Herr an, daß das herich sein Hund is, daß er ihm vor zwei Stunden in der Obstgasse verloren gegangen ist. ›Wieso erkennen Sie, daß das Ihr Hund ist?‹ – ›Dran, daß er Mupo heißt. Komm her, Mupo.‹ Sie können sich nicht vorstellen, wie freudig der Hund auf ihn hinauf gesprungen ist. ›Bosko,‹ ruf ich ihn an, ›Bosko, fuj.‹ Und er geht wieder freudig auf mich los. Er war ein Trottel. Das ärgste war, daß ich bei Gericht vergessen hab, daß ich ihn damals Bosko gerufen hab. Aber er hat auch auf den Namen Buberle gehört und ist grad so freudig um mich herumgesprungen. Soll ich mich nach einem Hund umschaun?«

»Nein, Strobach, mein Geschäft wird reell geführt werden. Wir warten auf einen Käufer und werden vorläufig unter den Inseraten in der Rubrik »Tiere« nachschaun, wer etwas verkauft und was für Hundearten. Schaun Sie, hier will eine Frau wegen Platzmangel einen einjährigen weißen Spitzl verkaufen. 77 Sind Spitzl wirklich so groß, daß sie so viel Platz einnehmen? Gehn Sie also in die Schulgasse und kaufen Sie ihn, hier haben Sie 30 Kronen.«

Er verabschiedete sich von mir mit der Versicherung, daß er sobald als möglich zurückkommen werde und kam nach drei Stunden, aber in was für einem Zustand! Den harten Hut bis über die Ohren gestülpt taumelte er entsetzlich von einer Seite auf die andere, als ginge er während eines Seesturms auf einem Schiffsverdeck herum; in der Hand hielt er krampfhaft einen Strick, den er hinter sich herschleppte. Ich schaute auf das Ende des Stricks. Dort war nichts.

»No – wie – gefällt – er – Ihnen – denn – ein – hübsches Stück, was? – Bin ich – nicht -– bald mit ihm hier – (er fing an zu rülpsen, während er gegen die Zimmertür stieß) – schaun Sie sich seine Ohren an – also komm, Schlingel – mach keine Faxen – gschwind! Sie hat ihn gar nicht verkaufen wolln –«

In diesem Augenblick drehte er sich um und schaute auf das Ende des Stricks. Er wälzte die Augen heraus und schluchzte: »Vor einer Stustustunde war er noch dort – dort – war er –«

Er setzte sich auf einen Stuhl, fiel augenblicklich von ihm herunter und während er an meinen Füßen in eine stehende Lage emporkletterte, sagte er siegesbewußt, als hätte er etwas Fabelhaftes entdeckt: 78 »Er ist uns also allem Anschein nach weggelaufen.« Dann setzte er sich auf den Stuhl und begann zu schnarchen.

So trat er am ersten Tage seinen Dienst an.

Ich schaute aus dem Fenster auf die Straße. Dort liefen im lärmenden Straßengetriebe verschiedene Hunde herum. Während der Mensch neben mir so gräßlich schnarchte, schien es mir, daß jeder von ihnen verkäuflich sei. Ich versuchte den Mann zu wecken, denn ich hatte die fixe Idee, daß ein Käufer kommen und nicht nur einen, sondern ein Dutzend Hunde kaufen werde.

Aber niemand kam und es war ohnehin vergeblich ihn zu wecken. Ich erreichte nur, daß er mir vom Stuhl hinunterrutschte. Nach drei Stunden kam er endlich selbst zur Besinnung und während er sich den Schweiß abwischte, sagte er mit heiserer Stimme: »Ich denke, ich hab was Schlimmes angestellt.«

Er fing an sich an einzelne Details zu erinnern und redete lang und breit über den Spitz, wie hübsch er gewesen sei und wie billig ihn die Frau verkauft habe. Er habe nur sechzehn Kronen für ihn gegeben. weil er gesagt habe, daß der Hund in sehr gute Hände komme. Dann erzählte er, wie der Spitz nicht mit ihm gehen wollte und wie er ihn verprügelt hatte. Hierauf gab er dem Gespräch eine schnelle Wendung und teilte mir mit, daß er in Smichov 79 einen bekannten Gastwirt habe und deshalb bei ihm eingekehrt sei. Auch einige seiner Bekannten wären dort gewesen. Sie hätten Wein und Liqueure getrunken. Der Mensch sei ein recht schwaches Geschöpf.

»Gut,« sagte ich; »wie Sie wissen, haben Sie 30 Kronen erhalten, Sie werden mir daher 20 Kronen zurückgeben.«

Das versetzte ihn durchaus nicht in Verlegenheit: Eigentlich sollte ich Ihnen wirklich zwanzig Kronen zurückgeben, aber ich hab mir gedacht, daß ich Ihnen eine Freude machen wer. So hab ich mich auch bei »Schwihans« aufgehalten und hab dort bei einem gewissen Kurz auf einen jungen Hund zehn Kronen Angabe gegeben. Sie ham dort so eine komische, interessante Hündin gehabt und die ist trächtig. Wir wern sehn, was für eine Art von einem Hund sie werfen wird. Hauptsache ist, daß wir sie schon bestellt ham. Dann bin ich an der »Paliarka« vorbeigegangen, dort ham sie eine sehr hübsche Häsin zu verkaufen –«

»Kommen Sie zu sich, Strobach, ich habe doch kein Geschäft mit Kaninchen.«

»Hab ich denn gesagt Häsin?« sagte der Diener, »das ist ein Irrtum. Ich wollt sagen eine Hündin von einem schottischen Schäferhund. Sie ist auch trächtig, aber dort hab ich keine Angabe auf die Jungen gegeben, sondern die zehn Kronen sind nur Angabe 80 auf die Hündin, die Jungen bleiben dem Besitzer und die Hündin lassen wir holen, bis sie Junge geworfen haben wird. Dann bin ich in die Jungmannstraße gegangen – –«

»Da haben Sie doch schon kein Geld gehabt – –«

»Ja, stimmt, da hab ich schon kein Geld bei mir gehabt. Ein gewisser Herr Novak hat dort einen großen haarigen Hund zu verkaufen, wenn ich Geld gehabt hätt, hätt ich ihm auch auf ihn Angabe gegeben, damit er uns zur Disposition steht. Jetzt pack ich mich zusamm und geh in die Schulgasse. Der Spitzl ist schon sicher nach Haus zurückgekommen, wenn er mir weggelaufen ist. In einer Stunde bin ich mit ihm hier.«

Strobach hielt Wort. Er kam noch früher zurück als in einer Stunde und war vollkommen nüchtern und atemlos. Zu meiner großen Überraschung schleppte er einen schwarzen Hund mit sich.

»Unglücklicher,« rief ich, »die Frau hat doch inseriert, daß sie einen weißen Spitz verkauft.«

Ein paar Augenblicke schaute er verdutzt auf den Hund, dann rannte er, ohne ein Wort zu sprechen mit ihm fort.

Nach zwei Stunden kehrte er mit einem fürchterlich schmutzigen kotigen weißen Spitz zurück, der sich überaus wild gebärdete.

»Mit dem Spitz das war ein Irrtum,« sagte Strobach, »die Frau in der Schulgasse Prag II. hat zwei 81 Spitzl gehabt, einen schwarzen und einen weißen. Die hat eine Freude gehabt, wie ich ihr den schwarzen zurückgebracht hab.«

Ich schaute dem Hund auf die Marke. Er hatte eine Žižkover Marke. Mir war plötzlich, als müßte ich weinen, aber ich beherrschte mich. (Strobach nahm dem Hund inzwischen die Marke ab, mit der Bemerkung, daß eine Marke immer gefährlich sei.)

In der Nacht weckte mich ein Kratzen an die Tür. Ich öffnete und der schwarze Spitz, ein alter Bekannter von Nachmittag, stürzte freudig bellend in die Wohnung. Entweder war ihm nach uns bange gewesen, oder er hatte weit nach Hause. Wie dem auch war, ich hatte bereits zwei Hunde und brauchte nur noch Käufer.

IV.

Ein Käufer stellte sich am Morgen etwa um zehn Uhr ein. Er blickte in der Wohnung umher und fragte: »Also wo haben Sie Ihre Hunde?«

»Ich habe sie nicht zu Hause,« sagte ich, »außer zwei Spitzeln, einem schwarzen und einem weißen, die ich dressiere und die bereits für den Herrn Erzherzog in Brandeis reserviert sind. Ich habe meine Hunde auf dem Land, damit sie in guter Luft sind und nicht unter Ungeziefer und Blattern leiden, 82 wovor sie in der Stadt nicht einmal der beste Hundehändler schützen kann. Unser kynologisches Institut hat den Grundsatz, unseren Hunden die Möglichkeit freien Umherlaufens zu geben und deshalb hetzt sie der Diener draußen, wo wir unsere Hundezwinger haben, jeden Morgen nach allen Richtungen und sie kommen erst am Abend zurück.

Das hat überdies den Vorteil, daß die Hunde sich selbständig benehmen lernen, denn sie suchen sich tagsüber selbst ihre Nahrung. Wir haben große Reviere für sie gepachtet, wo sie sich an allen Arten Wildpret nähren können und Sie sollten sehen, wie komisch es ist, wenn so ein Zwerg von einem Rattler mit einem Hasen kämpft.«

Dem Herrn schien das sehr gut zu gefallen, denn er nickte mit dem Kopf und sagte: »Da haben Sie also auch böse, zum Hüten dressierte Hunde zu verkaufen?«

»Oh gewiß. Ich habe auch so fürchterliche Hunde vorrätig, daß ich nicht einmal mit ihrer Photographie dienen kann, weil sie den Photographen beinahe zerfleischt hätten. Ich habe Hunde auf Lager, die schon Diebe zerrissen haben.«

»Grad so einen möcht ich haben,« sagte der Käufer. »Ich habe eine Holzniederlage und jetzt im Winter möchte ich mir gern einen guten Wächterhund zulegen. Können Sie mir einen solchen bis 83 morgen Nachmittag aus Ihrem Hundezwinger beschaffen? ich möchte mir ihn anschaun kommen?«

»Oh, bitte, ohne weiters, ich lasse ihn sofort vom Diener holen. Strobach!«

Strobach erschien mit einem freundlichen Lächeln und meinte sofort, daß er diesen Herrn bereits irgendwo gesehen habe.

»Strobach,« sagte ich ihm, während ich ihm ein Zeichen gab. »Sie werden um unseren wildesten Wächterhund fahren. Wie heißt er?«

»Fabian,« antwortete Strobach mit eisiger Ruhe, »seine Mutter heißt Hexe, es ist ein gräßlicher Hund. Er hat schon zwei Kinder zerrissen und aufgefressen, weil man ihn aus Versehen Kindern zum Spieln gegeben hat und sie auf ihn hinaufkriechen wollten. Was die Angabe anlangt – –«

»Ach, selbstverständlich,« sagte der Käufer, »hier sind vierzig Kronen Angabe, was wird er kosten?«

»Hundert Kronen,« sagte Strobach, »und einen Gulden Schwanzgeld; wir haben auch einen billigeren um achtzig Kronen, aber der hat nur einem Herrn, was ihn streicheln wollte, drei Finger abgebissen.«

»Ich möchte also den wilderen.«

Strobach machte sich mit der Angabe von vierzig Kronen auf, um einen Wächterhund zu suchen und brachte am Abend einen melancholischen Lümmel mit; der Ärmste konnte sich kaum schleppen. 84

»Das ist doch ein Krepierl,« rief ich erstaunt.

»Aber er ist billig,« sagte Strobach, »ich bin einem bekannten Fleischer begegnet, der ihn grad zum Schinder geführt hat, weil er herich nicht mehr ziehn will und anfängt zu beißen. So hab ich mir gedacht, daß er ein ausgezeichneter Wächterhund sein wird. Übrigens, wenn ein ordentlicher Dieb kommt, wird er ihn ohnehin vergiften und der Herr wird sich einen andern bei uns kaufen müssen.«

Eine Weile debattierten wir darüber, dann kämmte Strobach den Hund durch und wir kochten ihm Reis mit Sehnen. Er fraß zwei Töpfe davon auf und sah trotzdem unverändert passiv und bedauernswert aus. Er leckte uns die Stiefel, ging ohne alles Interesse im Zimmer umher und man konnte merken, daß er wütend war, weil sein Herr mit ihm nicht bis zum Schinder gegangen war.

Strobach unternahm noch einen Versuch, ihn furchtbarer zu machen. Da der Hund gelb und weiß, vielmehr grau war, malte er ihm mit Tusche große, schwarze Streifen quer über den Leib, so daß er zuletzt wie eine Hyäne aussah.

Der Herr, der ihn am folgenden Tag abholte, wich entsetzt zurück, als er ihn sah.

»Das ist ein füchterlicher Hund.« rief er aus.

»Hausleuten macht er nichts, er beißt Fox, probieren Sie's, ihn zu streicheln.« 85

Der Käufer weigerte sich, deshalb schleppten wir ihn im wahrsten Sinn des Wortes zu dem Ungetüm und zwangen ihn, es zu streicheln. Der Wächterhund leckte ihm die Hand und ging mit ihm fort wie ein Lamm.

Bis früh raubte man den Herrn vollständig aus. .

V.

Weihnachten rückte heran. Bis dahin hatten wir den schwarzen Spitz mit Hilfe von Wasserstoffsuperoxyd gelb gefärbt und aus dem weißen Spitz durch Bestreichen mit einem silberhaltigen Nitrat einen schwarzen gemacht. Beide Hunde winselten fürchterlich während dieser Manipulationen, was den Eindruck machte, als disponiere das kynologische Institut statt über zwei, mindestens über sechzig Hunde.

Dafür hatten wir junge Hunde in Hülle und Fülle. Strobach litt allem Anschein nach an der krankhaften Vorstellung, daß junge Hunde die Grundlage allen Wohlstandes seien; deshalb brachte er vor Weihnachten in den Taschen seines Winterrockes lauter junge Hunde mit. Ich schickte um eine Dogge und er brachte einen jungen Dachshund, ich schickte um einen Stallpintsch und er brachte mir einen jungen Foxterier. Wir hatten im Ganzen 30 junge Hunde und ungefähr 120 Kronen an Angaben unter den Leuten. 86

Ich kam auf den Gedanken, vor den Feiertagen in der Ferdinandstraße einen Laden zu mieten, ein Bäumchen hineinzustellen und die mit bunten Schleifen hübsch geschmückten Hunde unter folgendem Losungswort zu verkaufen:

»Die fröhlichsten Weihnachten bereiten Sie Ihren Kindern, wenn Sie ihnen ein gesundes junges Hündchen kaufen.«

Ich mietete den Laden. Dies geschah etwa eine Woche vor den Feiertagen.

»Strobach,« sagte ich, »Sie tragen die jungen Hunde in unseren Laden, kaufen ein großes Bäumchen, plazieren die Hunde hübsch in der Auslage und kaufen Moos. Kurz, ich verlasse mich auf Sie, daß Sie alles recht geschmackvoll arrangieren. Verstehen Sie?«

»Gewiß. Sie werden Freude haben.« Er schaffte die Hunde in Kisten auf einem Handwagen fort und Nachmittag begab ich mich in die Ferdinandstraße, um zu sehen, was für eine Freude er mir bereitet und wie hübsch er die Auslage arrangiert hätte.

Ein Menschenauflauf vor dem Laden sagte mir, daß die jungen Hunde ungeheures Interesse erweckten. Als ich jedoch näher kam, vernahm ich wütende Ausrufe aus der Menge: »Das ist eine unerhörte Rohheit; wo ist die Polizei? Merkwürdig, daß man so etwas duldet!« 87

Als ich mich zu der Auslage durchgezwängt hatte, knickten mir beinahe die Beine ein.

Um alles hübsch zu arrangieren, hatte Strobach zwei Dutzend junger Hunde an die Zweige des großen Weihnachtsbaums gehängt als wären sie Zuckerwerk. Die Ärmsten hingen da mit herausgeblöckten Zungen, wie mittelalterliche Räuber an einem Baume! Und darunter befand sich die Inschrift: »Die fröhlichsten Weihnachten bereiten Sie Ihren Kindern, wenn Sie Ihnen ein gesundes, reizendes junges Hündchen kaufen.«

Das war das Ende des kynologischen Institutes. 88

 


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