Andreas Gryphius
Carolus Stuardus
Andreas Gryphius

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Geist Mariae Stuardae, Carolus auff dem Bette.

Das immer frische Blut das aus den Adern rinnet /
Vnd Brüst und Leinwand färbt / das Quell das stets beginnet/
Vnd keinmal sich verstopfft / träufft milder auff das Land/
Des rasenden Gebrüts / daß die entweihte Hand /
Gewohnt in Fürsten Blutt ohn unterlaß zu baden
Vnd Königs Leich auff Leich' und Mord auff Mord zu laden.
Das Richt-Beil das man hir uns an den Nacken setzt /
Wird noch auff Stuards Stamm durch eine Schar gewetzt.
So / wie Maria fil / wird unser Sohns Sohn leiden.
Der Greuel sol anitzt vil tausend Augen weiden
Den Foudringen verbarg. Sein Londen wil es sehn
Das keinen Meyneyd acht / das Gotts Gesalbten schmehn
Vnd Printzen schimpften kan! das ungezeumte Buben
Läst richten über die / die Fürst und Volck erhuben.
Das aller Zeiten Schuld / durch härter Sünd erneut
Vnd sich ob disem Werck' als einem Lust-Spil freut.
Verfluchtes Stück! man siht die unerzognen Hauffen
Wie rasend tolle Zucht der jungen Hunde lauffen.
Hir rufft was nichts versteht und nichts verstehen kan /
Aus Mord-begir'gen Halß' uns geht kein König an.
Was Herr! was Meister soll mit Geisseln bendig machen;
Pocht Britten euren Rath. Wer seine krumme Sachen
Befördert wissen wil / setzt mit dem Nachdruck an /
Vnd zwingt die Zepter selbst. Wo jemand hören kan /
Wo jemand mit Vernunfft / diß Stück wil überlegen
Der denck ihm etwas nach! Kan Recht ein Vrtheil hegen
Wenn thörichte Gewalt den Richterstul besetzt.
Wenn sich ein wüttend Aug' ob diser Flutt ergetzt
Die alle Welt erschreckt. Die nimand aus läst reissen
Der Kirch und Herd nicht selbst mutwillig umb wil schmeissen.
Nein! wenn wir disen Sturm in Engelland erregt /
Vnd die gestärckte Well' / itzt Mast und Seil bewegt;
Muß man die wilden See / mit Fürsten Blut versöhnen/
Vnd den zuspritzten Schaum mit Purpur-Flüssen krönen.
Was ists den Britten mehr umb eines Königs Haubt?
Es ist der Insell Art! Vmb daß ihr Edward glaubt
Gab er sein Leben hin. Wilhelm der rott erröttet
Vnd zappelt in dem Blut. Ihr Richard ward getödtet
Durch den geschwinden Pfeil. Johann verging durch Gifft /
Das ihm das Kloster mischt. Was hat man nicht gestifft
Auffs zweyten Edwards Kopff? der sich des Reichs begeben /
Vnd dennoch nicht erhilt das jammervolle Leben /
Wie Richard auch der zweyt' in Hunger unterging /
Vnd Henrich Franckreichs Herr den der Verräther fing
Vnd in dem Thurm erwürgt / der Vetter Richard wetzte
Die Kling auff Edwards Hertz / und als er kaum sich setzte
Auff des entleibten Thron / erblast er in der Schlacht.
Des Achten Henrichs Sohn ward plötzlich weggemacht
Durch unentdeckte Gifft. Wo ist Johanna bliben?
Wie offt war dise schon dem Richt-Beil zugeschriben.
Die endlich wider uns den harten Schluß aussprach.
Vnd wider Recht den Stab auff Cron und gleiche brach?
    Verfluchter Tag! als wir von Königen gebohren /
Die Könige gezeugt / von Königen erkohren /
Die Gallien beherrscht / der Schott-Land eigen war
Die Erbin Albions vor frembder Mörder Schar
Erschinen als verklagt: als Knechte sich vermessen
Als Knechte wider uns den Richter-Stul besessen
Vnd die / die keine Macht kennt über sich / als GOtt
Der Printzen setzt und richt / verwisen zu dem Tod.
    Doch wird diß nahe Licht vil herber Greuel schauen.
Dort liff man umb den Hals der abgekränckten Frauen
Hir wird der Erb-Fürst selbst den Schott und Irr gekrönt
Dem Britten sich verschwor von eignem Volck verhönt.
Man spitzt auffs Königs Brust nicht ein verborgen Eisen /
Man mischt nicht frembde Gifft in unbekante Speisen /
Man legt nicht Zunder ein zu unterirrd'scher Glut /
Man schickt kein untreu Schiff auff die erzürnte Flut /
Auch gehn ihm nicht durchs Hertz vil unversehrte Schwerdter /
Man bringt ihn heimlich nicht weg an verdächtig' Oerter /
Sie rasen mit Vernunfft / sie setzen Richter ein
Es muß ihr Doppelmord durch Recht beschönet seyn.
Der / der dem Printzen schwur / spricht wider Carols Leben /
Den Carol vor erhub / hilfft ihn vom Thron abheben.
Wo ihn der Vnterthan mit Schuldikeit empfing
Setzt man daß Richt-Klotz auff / und schleust den Trauer-Ring
Mit König Carols Volck. Er / der sein Leben waget
Für sein verdrucktes Reich / wird von dem Reich vertaget/
Für eines Henckers Fuß / und legt auff einen Streich
Für aller Augen hin sein itzt enthalste Leich.
Doch! zage nicht mein Blut! der runde Kreiß der Erden
Wird über deiner Angst bestürtzt und schamrot werden/
Es wird wo Titan weicht / wo Helice vergeht
Wo das entfärbte Licht der Morgenröt auffsteht /
Vnd wo die Welt sich selbst in ewig Eiß verkehret
Noch seyn der sich voll Weh' ob deinem Ach beschweret.
Europe selbst zureist ihr Thränen-nasses Kleid
In dem was sterblich ist / dein letztes Grabe-Leid
Mit heissen Zehren ehrt / nur du bleib unbeweget
Vnd dencke daß hir nichts als Creutz werd' abgeleget
Wenn man den Leib auszeucht. Das gantze Land ist voll /
Voll Volck / das bald dein Blut mit Blut aussöhnen soll.

 

Carol, auff dem Bette. Der Bischoff von Londen. Die Edelleute.

Halt / halt betrübter Geist! wohin so bald verschwunden?
Wie? oder gibt ein Traum uns neue Seelen-Wunden?
Maria! schwermt dein Schiem mitleidend umb uns Her?
Wird uns die rauhe Last der nahen Pein so schwer!
Nein! Carl ist noch behertzt die Jahre zu beschlissen /
Vnd sein nicht schuldig Blut vor Abends zu vergissen.
Brich an gewündschtes Licht / wir sind des Lebens sat /
Vnd schaun den König an / der selbst ein Creutz betrat
Verhast von seinem Volck / verlacht von seinen Scharen
Verkennt von Ländern die auff ihn vertröstet waren /
Den Freund / wie uns verkaufft / den Feind / wie uns verklagt /
Vnd kränckt umb Frembde Schuld / und biß zum Tode plagt.

Juxt. Der Höchste / wehrter Fürst / wol Ihn den Tag anblicken /

Carol. Wir glauben daß Er werd' uns / seinen Knecht erquicken.

Juxt. Drückt ihre Majestät noch ein verborgen Leid?

Carol. Wir finden uns getrost / und zu der Noth bereit /

Juxt. Hat sie der kurtzen Nacht genossen sonder Sorgen?

Carol. Wir haben was geruht / doch wündschend nach dem Morgen.
Die Zeit fällt zimlich eng.

Juxt.         Es ist mein Fürst noch früh'.

Carol. Vns nicht / die wir beschwert mit überhäuffter Müh'.

Juxt. Gott wendet Müh in Lust / und hilfft offt sonder Mittel.

Carol. Er helffe wie Er wil! reicht uns den Sterbe-Kittel.
O letztes Ehren-Kleid / das Carl mit aus der Welt
Von so vil Schätzen nimmt / mit dem die Pracht verfält
Die uns vor disem zirt. Der Purpur muß verderben.
Doch wird der Adern Brunn die reine Leinwand färben.
Auff der wird wenn wir hin mit Blut geschriben stehn /
Wie Albion gewöhnt mit Fürsten umbzugehn.
So weiß wir angethan vom Läger uns erheben /
So sauber wird der Geist vor Gottes Richt-Stul schweben /
Vnd zeugen wider die / die mit geschmincktem Schein
Auff ihres Königs Hals selbst Part und Richter seyn.

Juxt. Der Printz vergeb' und laß es GOttes Recht ausführen.

Carol. Wir haben längst verzihn diweil wir nichts verlihren.
Cron / Leben / Stand und Reich / und was der Tag hinreist
Schenckt uns die Ewikeit die uns den Zepter weist /
Den keine Noth zubricht. Komt Edlen / helfft uns kleiden:
Diß ist der letzte Dinst / es geht nunmehr ans scheiden!

Juxt. Was scheidet nicht die Welt? Was ist das immer steh'
Vnd nicht offt unverhofft / in einem Nun vergeh /
Nicht eine Stund ist dein / die Jahre die verflossen
Sind starcken Strömen gleich / die nimand hemmt / verschossen.
Die wir mit erstem Licht in treuer Huld geküst
Sind nun mehr Staub und Geist; die Zeit / die Marmor frist /
Vnd Ertz in nichts verkehrt / bestreicht die schönen Wangen
Mit kaltem bleiche seyn / und eh' es halb vergangen
Was man zu leben hat / bedeckt der graue Schnee
Die vorhin gelben Haar / man stürtzt' als von der Höh'
In die vertiffte Klufft / man siht nicht was man sihet
In dem so jehen Fall / wie man sich träumend mühet
Vmb ein / ich weiß nicht was / und wenn der Schlaff verschwind/
Kaum ein Gedächtnüß mehr des Schatten-Bildes findt;
So spillt was irrdisch ist durch die bestürtzten Sinnen
Vnd ändert Lust in Leid. Die Freunde selbst zurinnen
Vnd schilen seitenwerts uns über Achsel an.

Carol. Vnd treten in den Staub / den vorhin jderman
Mit tiffem Antlitz ehrt. Der uns verpflicht zu schützen
Stöst dises Hertz entzwey / die glantze Schwerdter-Spitzen
Mit den für Carols Heil die grosse Schar bewehrt
Sind (Ach verkehrtes Glück!) auff Carols Brust gekehrt!

Juxton. Mit kurtzem! was ein Mensch kan in Gedancken fassen /
Wie hoch! wie weis' er sey: läst oder wird verlassen.

Carol. Gebt Wasser / weil das Land in unserm Blut sich wäscht.
Weil unser Sonnen Licht in Thränen gantz verlescht.
Betrübte Königin! die weit von disen Schmertzen
Doch unsre Wunden fühlt. Wie nah' ist deinem Hertzen
Der ferne Donner-schlag der dich unwissend rührt /
Vnd durch des Libsten Sarg in deine Grube führt.
O Seele meiner Seel! wie kläglich wirst du zagen
Vnd auff die weisse Brust die zarten Hände schlagen!
Der weiß auff dessen Treu ein sterbend König steht
Daß unser Jammer-Spil uns nichts zu Hertzen geht
Für deiner Todes-Angst. Wem läst dich Carl / betrübte!
O Seele meiner Seel! O Ewig-trew-gelibte!
O!

Juxton.         Wer wascht Engelland von seiner Blutschuld rein?
Dazu wird Tamesis und See zu wenig seyn.

Carol. Wo sind die Ritter hin / die durch diß Band verbunden
Doch mehr durch theuren Eyd uns an der Seiten stunden?
Wer zuckt nun für sein Haubt die anvertraute Wehr?
Ihr König laufft gefahr. Wir schwimmen auff dem Meer
Auff dem zustuckten Schiff' nur einsam und verlassen.
Das Ruder ist entzwey! die frechen Winde fassen
Die halben Segel an. Die Seite weicht der Last
Vnd gibt den Wellen nach / die Splitter von dem Mast
Zuschmettern Bord und Gang. Die Ancker sind gesuncken /
Die Kabell gantz zuschleifft. Die hell-entbrandte Funcken
Des Saltzes stiben schir / wo vor die Flacke stund;
Compas und Glas ist weg / wir stürtzen auff den Grund
Vnd schissen in die Höh' und scheittern an die Steine
Ist jemand der es noch mit Carlen treulich meine?
Vnd nicht mit ihm vergeh! der ist umbsonst bemüht
Der in dem fernen Port auff unsern Schiffbruch siht
Vnd nichts als Thränen gibt. Es steht in deinen Händen
Printz aller Printzen Fürst: Ach! hilff uns selig länden!
Sol mein zubrochen Schiff der Wellen Opffer seyn /
So rett' und führe nur die Seel ins Leben ein.


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