Jeremias Gotthelf
Kurt von Koppigen
Jeremias Gotthelf

 << zurück 

Wenn Kurt dann abends zu Hause war, kam eine große Müdigkeit in seine Glieder – er war oft noch matt zum Sterben -, dann schwanden auch aus seinem Gemüte Freude und Heiterkeit, und das alte Leben trat ihm vor die Augen und vor allem desselben grausiges Ende; doch nicht, daß es ihn gelüstet hätte, in dasselbe wieder zurückzukehren und neu es aufzunehmen, im Gegenteil, es graute ihm mehr und mehr davor, er konnte nicht begreifen, wie er ein Leben habe führen können in lauter Streit und Zorn, ein Leben, wo man erst das Leben einsetzte, um zu rauben, dann es noch einmal einsetzte, um des Raubes wieder loszuwerden. Es plagte ihn die Reue mehr und mehr, alle kamen ihm vor, welchen er Übels getan oder gar sie erschlagen, und wenn er alles schon nicht nach dem heutigen Maßstabe maß, so hatte er doch so viel auf seiner Seele, daß es auch auf einer damaligen Waage schwer ziehen mußte. Da war dann sein Trost eben die schauerliche Nacht im Walde; er dachte, das sei nicht von ungefähr geschehen, sondern es hätte für ihn eine absonderliche Bedeutung. Der Teufel habe ihn nehmen wollen, dachte er, und verdient hätte er es; nun aber sei er demselben entrissen und gerettet worden, also dem Teufel solle er nicht werden, sondern für jemanden Besseres aufbewahrt, dachte er. Aber, was Kurt eigentlich gerettet, das begriff er nicht; er dachte an ein silbernes Kreuz, welches sie an selbem Morgen dem Müller abgenommen, das er zu verspielen vergessen und noch bei sich getragen hatte. Dieser Talisman schützt bekanntlich und wirklich vor dem Teufel; wer das wahre Kreuz bei sich trägt, über den hat der Teufel keine Macht, aber das wahre Kreuz ist weder eins von Silber noch eins von Gold, sondern es ist der Sinn, der willig und mit Dank trägt, was ihm Gott auferlegt. Mit dem Kreuze ward viel Unfug getrieben von je, doch wohl nie größerer als jetzt von denen, welche das Kreuz in jeder Form, und wo sie es finden, verhöhnen und verspotten (ärger als ehedem die respektiven Juden Jesum am Kreuze verhöhnten) und jeglichen Kreuzesträger verhöhnen und mißhandeln, während sie jeden Missetäter und jeden Übeltäter hoch loben und preisen. Dann dachte Kurt wieder an die Gestalt, in welche seine Agnes zerflossen, als sein Auge ihm brach, an das wunderbare Frauenbild mit dem goldenen Lockenmantel. War das ein von Gott gesandter Engel, der seiner Pein ein Ende gemacht und ihn vor seines Schlosses Pforte getragen? In solchem Sinnen und Schauern schlief Kurt ein, erwachte am Morgen neu gestärkt und ging mit seinen Buben an irgendein munteres Tagewerk.

Der Bachtelenbrunnen unten im Walde, wo oberhalb das verfallene Bürgeln liegt, in dessen Nähe nicht gern jemand des Tages kommt, geschweige in der Nacht, seit die sieben Brüder vom Teufel geholt worden waren, weil sie ihr schönes Schwesterlein mit armen Kindern und Weibern oben am Bachtelenbrunnen erschlagen, der Bachtelenbrunnen war der beste Wildstand rund in der Gegend, aber aus erklärlicher Scheu hatte Kurt denselben bisher gemieden, ihn seinen Buben nicht gezeigt. Bei den gewaltigen Eichen, unter welchen die schöne Quelle aus der Erde quillt und, gleich zum schönen Bache geworden, sanft und ruhig durch die Gebüsche fließt, sah es in hellen Nächten aus wie im Paradiese: Tiere von allen Arten gingen zur Tränke, plätscherten im Wasser, spielten unter den Eichen. Wie schrecklich es aber dort auch sein könne, hatte Kurt erfahren in der heiligen Nacht; kalt rieselte es ihm durch die Glieder, wenn er daran dachte, darum floh er den Ort. Und doch hatte er es wiederum wie ein Kind, welches bei Märlein und dunkeln Geschichten an Leib und Seele zittert, in die finstere Ecke sich birgt und doch gerade zu solchen Geschichten mit unwiderstehlicher Gewalt immer wieder hingezogen wird, nicht satt sich hören kann an ihnen. Es zog Kurt nach dem Bachtelenbrunnen hin, er mußte immer denken, wie es dort sei, ob wohl Spuren zu sehen von dem schweren Tore und Pferdehufe eingedrückt im weichen Boden um den Brunnen? Und wieder schauderte ihn, wenn er unwillkürlich dem Brunnen näher kam, und er eilte weiter. Es war in Kurt eben der wunderbare Zug im Menschen, der eine wunderbare Lust empfindet an der Angst und dem Zittern, welche über den Menschen kommen, wenn er im Geiste das Nahen der Geister fühlt, das Rauschen der geheimnisvollen Geisterwelt vernimmt. Der Zug nach dem Brunnen ward endlich, wie es gewöhnlich geht, mächtiger als das Grauen davor.

An einem sonnigen Frühlingstage streifte Kurt mit dreien seiner Jungen unterhalb Koppigen durch Sumpf und Feld nach Beute; er war durch seine Krankheit gezimmert worden, von üppiger Kraft strotzte sein gewaltiger Körper nicht mehr, seine Erscheinung hatte nicht mehr das Rohe, Übermächtige, wie ehedem, doch hätte er jetzt den meisten besser als früher gefallen; stattlich war sein Körper noch immer, männlich sein Wesen, auf seinem Gesichte war das Wilde verschwunden, hatte einem ernsten, besonnenen Ausdrucke Platz gemacht. Desto wilder taten die Buben; wie junge Hunde in lustigem Gampel um die Mutter, wenn sie zum ersten Male mit ihnen zu Felde geht, tanzen in weitern und engern Kreisen, so umgaukelten die Jungen den Vater, flatterten dem Wilde nach oder schlichen leise ihm nahe, sprangen lustig daher mit gewonnener Beute oder suchten Pfeile wieder, welche nicht getroffen, lachten sich aus und balgten sich, taten übermütig oder schämten sich je nach dem Erfolge ihrer Taten. Gewild war beständig in ihrem Gesichtskreise. Es war nicht wie jetzt, wo man drei Tage wandern muß, ehe man ein Eichhörnchen sieht oder einen Häher, und sieben Tage, ehe man die Spuren eines Hasen findet, der vor acht Tagen da durchgelaufen. Wie man jetzt bei jedem Schritte auf Kinder und Bettler stößt, traf man damals bei jedem Schritte auf Tiere, Tiere waren auf den Bäumen, sie liefen im Felde, sie wimmelten in den Sümpfen, des großen Heerlagers, des Waldes, nicht zu gedenken. Der Vater schritt gedankenvoll weiter, näher und näher dem Brunnen zu, mischte sich in die kleinen Fehden der Jungen nicht, aber wenn einer einen guten Schuß getan auf einen Reiher im Sumpf oder ein Eichhörnchen, das neugierig seine Nase hinter einem Baumstamme hervorstreckte, flog es hell über sein Gesicht, und ein gutes Wort kriegte der Junge. Noch waren die Eichen nicht belaubt, die selten sich findenden Buchen röteten sich in den Ästen wie Mädchen in der ersten Liebe, es grünte im niedern Gebüsche, mit kläglichem Geschrei trieben eifersüchtige Häher sich in den Eichen herum, in süßem Verlangen ruggete und girrte eine zärtliche Taube von hoher Tanne her, in stiller, zarter Liebe hüpften die kleinen Vögel durch das niedere Gezweige, und schwarze Amseln koseten süß und schossen dann rasch über den Boden weg von Tannenbusch zu Tannenbusch. Je näher Kurt dem Brunnen kam, desto seltsamer ward es ihm zumute; das wollüstige Grauen strich in reichen Strömen durch ihn hin, und zögernd setzte er seinen Fuß vorwärts. Die Jungen, welche die Sage kannten und gehört, was der Vater hier erlebt, drängten sich um ihn, doch wenn eines der Getiere ihnen zu nahe kam, hielten sie sich nicht, sondern brachen aus, und als sie von weitem den gelben Glanz sahen, der von den schönen, gelben Frühblumen – hier Bachtelen, woher auch der Brunnen den Namen trägt, andernorts Glockenblumen genannt – durch die Bäume schimmerte, jubelten sie laut auf, vergaßen, was sie wußten, stürzten sich auf das, was sie sahen, wie es oft geht in der Welt. Aber ernst rief sie der Vater zusammen, und alsbald drängten sie sich wieder um ihn her.

In stillem Frieden und hellem Sonnenlichte lag der Platz, mit goldenen Blumen dicht besetzt, wie mit silbernen Sternen der Himmel. Wie war es so ganz anders hier als in jener Nacht, wo hier das Tor der Hölle stand vor Kurt, wo aus demselben der Hölle grimmigste Gebilde quollen und auf Kurt einbrachen mit unerhörten Schrecknissen! So wechselt nicht bloß dieser Platz seine Gestaltung, so wechselt das Leben Gestalt und Farbe, und dieser Wechsel, der alle Tage wiederkehrt, bleibt doch wie ein Fremdes dem Menschen, an das er nie Glauben faßt; wohl ein sicheres Zeichen, wie in seiner innersten Natur der Glaube an das Ewige, Unveränderliche lebt, seine innersten Triebe nach dem Ewigen, Unveränderlichen gehen. Da liegt die Torheit, daß er auf Sand ein festes Haus bauen will, daß er im Vergänglichen das Unveränderliche sucht.

Lange stand Kurt staunend am Rande, über der Quelle unter einer weitästigen, uralten Eiche, welche noch ganz andern Wechsel gesehen als Kurt; auf einmal sah er mitten unter den Blumen ein Wesen sitzen, golden wie die Blumen, aber größer, die hohe Königin unter ihren niedern Dienerinnen. Es war, als ob das Wesen sein geharret, denn sobald sein Auge es erschaute erhob es sich; es war der Engel im goldenen Mantel, welcher ihm im schrecklichsten Augenblicke entgegengetreten, den Bann gelöst, ihn gerettet hatte. Es war ein wunderherrliches Frauenbild, als es aufgerichtet vor Kurt stand, goldene Haare flossen in nie gesehener Fülle, einem goldenen Mantel gleich, um die hehre Gestalt, mild leuchtete im Angesicht gleich freundlichen Sternen ein blaues Augenpaar. Kurt bebte; sollten die Schrecknisse wieder beginnen? Da machte die Frauengestalt das Zeichen des Kreuzes über sich, über Kurt und seine Kinder und sagte: »Ich harrte dein, wohl dir, daß du kommst! Dir vertraue ich diesen Brunnen an, wahre ihn mir rein und heilig; sorge dafür, daß Ruhe um ihn sei, daß kein Blut ihn röte, von Menschenhand vergossen, keine Waffe die Eiche treffe, an welcher du jetzt stehst, alles Wild hier sicher sei, eine sichere Freistätte hier sei vor des Menschen blutigem Sinne! Dienst du mir so, wahrst du mir diese Stätte, dann soll dein Haus gesegnet werden, an dir und Kind und Kindeskindern reich vergolten, was du mir getan.« Da neigte sich Kurt und gelobte, den Willen zu erfüllen, soviel an ihm, und als er sich erhob, war der Engel verschwunden; Kurt hätte dies für ein Traumbild gehalten, geglaubt, eine täuschende Blendung erfahren zu haben im gelben Blumenglanze, aber seine Knaben hatten die Erscheinung auch gesehen, die Worte gehört. Jedem der Knaben war sie anders verschwunden: der eine sah sie versinken in die Blumen oder in den Brunnen, er wußte nicht bestimmt, in welches von beiden; der zweite sah sie in die Eiche gehen; der dritte sah ihr goldene Flügel wachsen, sah sie schweben zum Himmel auf. Sie sahen nie wieder sitzen am Brunnen den goldenen Engel, wie oft sie ihn auch suchen mochten, aber hold und lieblich, in unverwischtem Glanze leuchtete jedem die holde Erscheinung im Gemüte, solange er lebte. Frau Agnes klagte oft, daß sie das Bild nicht gesehen, und hoffte lange auf dessen Erscheinung, aber umsonst, sie sah es nie.

Was Kurt versprochen, hielt er; der Platz ward ihnen zum heiligen Platz, geweiht mit hohem Kreuze. Hier wurde kein Bogen mehr gespannt, kein Speer geworfen, keine Falle gestellt, kein Netz ausgeworfen, kein Tierlein ward hier gestört im Spiel unter den Eichen, im Trinken am Bache, im Gaukeln durch das klare Gewässer. Aber Blumen sammelten im Frühjahre die Kinder, schmückten mit großen Sträußen die Häuser, und im Herbste sammelten sie auf dem Platze die Reckholderbeeren, Kranken zur Erquickung, allen zur Stärkung; nirgends waren die Glockenblumen goldener, die Reckholderbeeren kräftiger als auf des goldenen Fräuleins geweihtem Platze.

Aber von derselben Stunde an ging auch des Fräuleins Verheißung in Erfüllung. Kurt ward gesegnet: seine Äcker trugen wieder, kein Mißwachs ward auf ihnen gesehen, sein Vieh mehrte sich, keine Krankheit verzehrte es, seine Jagd war reich, was er unternahm, gelang, seine Dienstleute hatten Glück in allen Dingen und hingen an ihrem Herrn von nun an mit Leib und Seele.

Mit seinen alten Genossen hatte Kurt für immer gebrochen. Anfangs dachte er an Rache, aber er gab sie auf, er war zu glücklich und zu besonnen, um selbst wieder sein Glück zu stören. Der Flumenthaler war tot, die andern Spießgesellen suchten Kurt einigemal auf, hätten gern wieder das alte Leben mit ihm fortgesetzt, aber er fertigte sie ab, daß sie ihn fürder in Ruhe ließen; konnten sie ihn nicht töten, so hatten sie Ursache, ihn zu schonen, denn er wußte zuviel von ihnen. Eines Morgens stand eine wilde, schwarzbraune Dirne vor dem Tore und bat um Einlaß. Es war des alten Samis Tochter; er und die Alte waren gestorben, die Dirne hatte die Hütte angezündet, alles verbrannt, was darin war, und suchte nun Schutz bei Kurt; sie ward aufgenommen und wurde der Frau Agnes treueste Magd.

Als Kurt ein ehrbarer Haushalter wurde, welcher dem Seinigen treulich vorstand, wurde er ebenfalls wieder ein geachteter Junker, den nicht bloß seine Leute liebten, sondern auf den auch noch andere etwas hielten. Es ist kurios, aber die wahre Achtung geht immer vom Hausvater aus, in den höchsten und in den niedrigsten Ständen, unter Heiden, Türken, Mohammedanern und selbst unter den Juden, wie sehr die auch am Fleische hängen. Paulus sagt nicht umsonst: »Wer seinem Haushalt nicht Vorsorge tut, ist ärger als ein Heide!« Auch unter den Edlen gewann Kurt seinen Platz wieder, er ward ein Mann, zu dem man Vertrauen hatte, und allenthalben war er ein gern gesehener Gast. Die Verlegenheit, wie mit Ehren in die Welt kommen, in welcher er und Jürg gewesen war, plagte ihn nicht in Beziehung auf seine Kinder: einem Ehrenmanne öffnen sich ehrliche Wege in die Welt und durch die Welt, das ist frommer Eltern Segen, der den Kindern Häuser baut. Kurts Söhne lernten in edlen Häusern das Waffenhandwerk und übten es unter ehrenwerten Bannern.

Kurt ward Bürger zu Bern, und sein Stamm erlosch daselbst; seine Güter kamen an das verwandte Thorberger Haus, mit Thorberg ward nach der Sempacher Schlacht 1386 auch Koppigen gebrochen und seither nicht mehr aufgebaut. Als der letzte Thorberger Peter zu Ende des Jahrhunderts die berühmte Kartause zu Thorberg stiftete, schenkte er ihr auch die Güter zu Koppigen. Auf dem Hügel, wo das Schlößchen stand, das Bühl genannt, stehen jetzt stattliche Bauernhäuser; der Bauer ists, der das Land besitzt, und zwar mit Recht; er hat nicht bloß Brief und Siegel dafür, sondern durch Fleiß und Verstand ist er des Bodens natürlicher Herr geworden, er zwingt denselben zu großem Ertrage. Der Boden, der ehedem Frau Grimhilde und Jürg nebst zwei alten Hunden dürftig nährte, erhält jetzt nicht bloß über tausend Menschen, sondern gab manchem noch einen Reichtum, zu welchem Frau Grimhilde in ihren schönsten Träumen sich nie verstiegen hatte.


 << zurück