Jeremias Gotthelf
Kurt von Koppigen
Jeremias Gotthelf

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Dem Waldbruder machte diese Mißstimmung offenbar keinen Kummer, er schien der Mittel zur Versöhnung sicher zu sein; er wandte sich rasch zu Kurt und fragte nach seines Freundes Bestellung. Kurt erzählte und fragte um Rat. Diese Frage schien dem Waldbruder ungleich bedenklicher als der Köchin Stimmung; nachdem er genau gefragt, wo sie überfallen, ob er gesehen worden und wie weit verfolgt, sagte er endlich: »Mußt weiterreisen, hier bist du nicht sicher; die Herren werden das Äußerste aufbieten, auch dich zu fangen, denn jeder will den Verdacht von sich abwälzen, als sei er euer Hehler und Bundesgenosse. Ich hörte von euerm Treiben, glaubte, es treibe dies unter der Hand einer der Herren auf seine Rechnung, dachte nicht daran, daß Uli von Gütsch, der alte Fuchs, so was Tolles unternehme und sämtlichen Herrschaften ins Handwerk pfusche, wo sämtliche nichts eifriger tun werden als es ihm legen. Ein Glück für ihn ist, daß er in der Zofinger Hände gefallen, die treiben viel, doch nicht Straßenraub, haben also nicht Ursache zum Brotneid, und Uli wird sich aus ihrer Schlinge schwatzen, vielleicht gar in ihren Dienst hinein. Um so rachsüchtiger werden sie dich verfolgen, vor ihrem Zorne vermag ich dich nicht zu schützen; vor einem Heiligen wie ich haben die Herren keinen Respekt, ihr Interesse ist ihr Gott; vor den Bauern wärest du sicher hier, bei ihnen findet sich der wahre Glaube noch. Und doch heile ich den Herren ihr Vieh umsonst, bereite ihnen manchen Trank umsonst, aber da ist keine Dankbarkeit, wären die Bauern nicht, ich müßte verhungern. Aber eben daß die Bauern es so gut mir meinen, bringt die Pfaffen gegen mich auf, aus Brotneid predigen sie gegen mich, daß die Wände krachen, heißen mich einen Wolf im Schafpelze, einen unsaubern Heiligen und hetzen die Herren gegen mich. Ach Gott, wenn sie erst alles wüßten, was ich kriege, und wer es bringt, die würden noch ganz anders predigen, und je ärger sie predigen, desto mehr läuft das Volk mir zu, desto williger bringt es mir seine Gaben. Aber eben deswegen muß ich mich desto mehr hüten, daß die Pfaffen nichts Bestimmtes an mich bringen können und vor die Herren, bei welchen weder Glaube noch Dankbarkeit ist; hätten sie einmal eine sichere Handhabe, dann gute Nacht, Waldbruder! Iß, trink und höre, wo Sicherheit ist für dich; reite, soviel du kannst, den Bach hinauf, sonst an dessen Ufern, dann da, wo er aus der Erde bricht, rechts über den Berg, so kommst du in ein langes Tal, dieses reitest du hinauf, zu oberst, wo es sich zu schließen scheint, die Berge ihre Füße zusammenstrecken ins Tal wie ein Rudel Mädchen ihre Füße in eine Badewanne, da steht ein Kirchlein und über demselben eine starke Burg; wenn du dich sputest, bist du dort, ehe die Sonne untergeht. In der Burg wohnt der beste Ritter im Lande, ein Mann für dich, des Tags zu Roß, des Nachts, wenn Ruhe ist und kein Streich obhanden, ein tapferer Zecher; er hat ein gutes Herz, aber Federlesens macht er nicht, sondern was ihm wohlgefällt. Macht einer ihn böse, so zertritt er ihn, gelüstet ihn was, so greift er zu; wer ihn ruhig läßt und nichts hat, welches ihm wohlgefällt, den läßt er auch ruhig, und wer ihm es treffen kann oder gar Hülfe ihm leistet, der hat bei ihm das beste Leben und sonst, was er will. Barthli von Luthernau, du hast schon von ihm gehört, ist landab landauf gefürchteter als der Teufel, an ihn wagt sich niemand, und wo er erscheint, da werden alle Herzen steif vor Angst: die Welt hat es ihm schlecht gemacht, jetzt treibt er ihr es ein. Er war nicht reich, doch seine starke Burg und reiche Vettern, welche keine Kinder hatten, berechtigten ihn, lustig zu leben, als wäre er schon reich und sollte es nicht erst werden. Er borgte von den Vettern, dachte begreiflich nicht ans Wiedergeben, das wäre ja dumm gewesen und eine unnötige Mühe, da ja einmal alles sein war; er suchte im Gegenteil die Schuld täglich größer zu machen. Die Vettern wurden zäher, wollten Vetter Barthli nicht immer begreifen, ihre Hände nicht mehr öffnen nach seinem Belieben. Aber Barthli achtete sich wenig, dachte auch, mit solch alten Knaben mache man nicht viel Federlesens, ritt bei ihnen ein mit vielen Leuten, siedelte sich da an, als wärs für die Ewigkeit, bis sie froh waren, ihre Truhen zu öffnen und ihm zu geben, was er begehrte. Die Vettern waren griesgrämliche Leute, konnten keinen Spaß verstehen, fingen an, den Vetter zu hassen, sich immer schlechter gegen ihn zu benehmen, gegen den leiblicher Vetter. Dieser züchtigte sie, wie recht und billig, immer schärfer ihrer schlechten Gesinnung wegen; da kam, statt daß sie sich gebessert und den Vetter zu versöhnen gesucht, der Teufel vollends über sie, sie vergabeten all ihre Habe, Land, Leute, Gülten, zu Bau und Aufschwung des Klosters St. Urban. Das war schlecht, daher begreiflich Ritter Barthli gar nicht recht; er bot Himmel und Hölle auf gegen diese Vergabung, aber niemand wollte ihm zu seinem Recht verhelfen: geschrieben sei geschrieben, hieß es überall. Da hob er seine Faust auf, drohte, von Luzern bis St. Urban das Land zu verheeren, aber man spottete ihn aus und forderte zu allem noch die alten Schulden ein. Darüber ist er wütend mit Recht, will nun selbst Schulden eintreiben und nehmen, was ihm gehört, wie billig, und fehdet nun das Kloster, welches von niederträchtigen Herren, die den Barthli hassen wegen seiner Mannheit, begünstigt wird, ohne Unterlaß. In den nächsten Tagen versucht er wieder was, wozu er tüchtige Leute braucht; du wirst ihm willkommen sein, sage nur, Jost im Tobel habe dich gesandt.«

Kurt war durch sein Handwerk mißtrauisch, es fiel ihm auf, daß Jost im Tobel, der erst noch so bitter über die Herren gesprochen, ihn jetzt zu einem Herrn senden wollte; er sagte: »Warum soll ich das Tal aufreiten, um zu einem der Herren zu kommen? Ich erspare mir Mühe, wenn ich sie hier erwarte.« »Du jagst auf falscher Fährte«, sagte der Waldbruder; »es ist nicht ein Herr wie der andere Herr und nicht ein Pfaff wie der andere Pfaff; wie in allen Regeln Ausnahmen sind, so sind auch in allen Ständen solche, welche nicht auf der gleichen Saite geigen, nicht zu den andern zu gehören scheinen und um deswillen bitterlich angefeindet werden von den andern. So ist der von Luthern rundum von allen Edeln gehaßt, wie alle Pfaffen rundum mich hassen, von wegen wir leben beide auf eigene Faust, und, was die Hauptsache ist, wir leben beide wohl dabei, besser als die andern, welche nach dem allgemeinen Brauch leben einer wie der andere, wie eine Gans der andern nachwatschelt, wie die erste vorwatschelt. Sieh, darum sind ich und der von Luthern Freunde, weil wir auf der gleichen Fährte jagen; jeder macht, was er kann, lebt so gut als möglich nach dieser Regel und fragt den andern nichts nach, begreifst?« Kurt begriff, hatte aber doch gegen den neuen Herrendienst viel einzuwenden. Er sei ihm nicht entlaufen, um ihn von vornen wieder anzufangen, sagte er. Jost setzte ihm auseinander, wie zwischen allen Dingen ein Unterschied sei; so sei ein Unterschied zwischen Kurt, welcher zum Freiherrn von Regensperg gekommen, und dem Kurt, welcher zu Barthli von Luthernau komme; der erste Kurt sei ein blöder Junge gewesen, der zweite Kurt ein derber Kerl mit Haar ums Maul. Der Freiherr sei halt ein Herr gewesen mit Dienern und einem vornehmen Haushalt, Barthli sei ein Mann, habe Gesellen und einen Haushalt, wo es sich ein jeder so bequem mache, als er könne, und zwischen Kamerad und Knecht sei eben ein großer Unterschied. Als der Waldbruder glaubte, Kurt habe seine Vorlesung hinlänglich begriffen, trieb er Kurt fort; es sei hohe Zeit, sagte er, rasch müsse er machen, daß er fortkomme, sei er einmal über dem Berg, könne er langsam weiter. Dort treffe er ein Haus; richte er seinen Gruß aus, kriege er, was er begehre.

Kurt zögerte, bis es ihn selbst dünkte, er wittere in der Weite Roß und Reiter. Sobald derselbe fort war, kreuzte sich der Waldbruder, räumte alles Verdächtige weg, zog Weiden zweg zum Flechten und sang ein geistlich Lied, das heißt eins mit geistlicher Weise, aber sehr ungeistlichen Worten. Nicht lange saß er so, hörte man schon einzelne Hörnerstöße, hörte zerstreute Reiter zusammensprengen, dann geradenwegs die Schlucht herauf dem Waldbruder zustürmen. Der saß da wie der heilige Feierabend, als ob ihn die ganze Welt nichts anginge, sang und flocht, daß es herzbrechend war, und als ob er sein Lebtag nichts anderes getan hätte. Die Reiter hatten offenbar nicht großen Respekt vor ihm, der Waldbruder indessen den sichern Takt, daß er sein Verzücktsein und Redestehen so gut zu mischen wußte, daß er nichts verriet, weder sich noch Kurt, und doch jeder Gewalttätigkeit entging. Es blieb bei Drohungen und unehrerbietigen Titeln, beides störte den Waldbruder nicht am Korben; Drohungen taten nicht weh, und auf Titel hielt er nichts, er war gar nicht ehrsüchtig. Sie suchten und fanden nichts, sie taten wie Hunde, welche einen Hasen im Versatz verloren, welche ein Jäger immer aufs neue den Ring schlagen läßt; sie kriegten Langeweile, setzten endlich ab einer nach dem andern, und wenn einer anfängt, geht es nicht lange, bis der letzte abzieht.

Unbelästigt ritt Kurt über den Berg bis zu dem Hause, welches ihm Jost empfohlen hatte, oder dem er so gleichsam empfohlen worden war. Es war vor mehr als sechshundert Jahren, als dieses Kurt begegnete, aber kurios ist es, er gebärdete sich damals schon akkurat wie dato ein sogenannt gebildeter, vielleicht vornehmer, selbst fürstlicher Europäer, der vom Vizekönig von Ägypten oder irgend etwelchem Machthaber oder sonst irgendwelchen potenzierten Person Empfehlungen hat in Ägypten oder Italien. Man kann lesen in ihren Reiseberichten, wie sie den Leuten in die Häuser fallen wie Heuschrecken übers Land, die Leute aus dem Schlafe pochen und poltern wie Janitscharen mit einem Firman des Sultans, sich es bequem im Hause machen, daß die Besitzer kaum mehr Platz darin haben, Speisen und Getränk auf die unanständigste Weise beschnüffeln, ehe sie solche genießen, wie verwöhnte Hunde ein Stück Brot, und dann hinterher dem erstaunten Europa erzählen, nach was der Wein gerochen, und ob das Fleisch zäh gewesen oder nicht zäh. Daß es Kurt so machte, soll uns nicht wundern, er machte nicht Anspruch, ein Gentleman zu sein, und war nicht im Welschland gewesen, sondern umgekehrt im Züribiet. Er stellte sein Roß an den besten Platz im Stalle, setzte sich auf die beste Stelle am Herde und ließ sich traktieren, und die Leute ließen es sich gefallen und taten das möglichstes akkurat wie man es noch heutzutage mit den modernen Reisenden macht, welche, nach allerneuesten Berichten, im Morgenlande als die eilfte Plage angesehen werden. Die guten Leute fürchteten Ungelegenheit, sie kannten Josts Verbindungen, wußten auch nicht, wie weit Kurt noch kommen und es erzählen könnte (von Drucken war bekanntlich damals noch nicht die Rede), wenn sie ihm nicht das Beste aus Keller und Küche gegeben, der Wein nach was gerochen, das Fleisch zäh gewesen. Kurt hatte alle Ursache, zufrieden zu sein, wohlgepflegt ritt er endlich weiter, und Abend wards, als er vor sich das Kirchlein von Luthern sah und über demselben die alte, graue Burg.

Es war ein wildes Bergtal, doch sah man an den Talwänden gute Gehöfte; rar waren die Kühe nicht im Tale, Barthli stahl keine aus dem Tale, aber manche außerhalb demselben gestohlene Kuh lief darin herum. Die Burg stand offen, der Ritter von Luthern fürchtete keinen Überfall, es wohnte kein Mensch im Tale, der, wenn er was Verdächtiges bemerkt, es dem Ritter nicht alsbald gemeldet hätte, denn sie hatten alle Anteil an seinem Raube, und wenn seine Hand schon hart war, so wohnte es sich doch sicher unter derselben. Wild sah es im Hofe aus, aus einer offenen Türe flog eben ein Knecht heraus wie der Stein von der Schleuder, kroch dann weiter, winselnd und heulend. Fluchend kam ein gewaltiger Mann nach und hätte wahrscheinlich noch nachgebessert und vollends zerschlagen, was der Knecht noch Ganzes an sich hatte, wenn ihm nicht Kurts fremde Erscheinung in die Augen gefallen wäre. Es war der Ritter in eigener Person, der mit selbsteigener Hand einem Knechte, der Pferde mit Fußtritten mißhandelte, Verstand gegen die Tiere einbläute. Der Ritter von Luthernau war ein Mann wie eine Eiche; schon hatte es ihm auf den Schädel geschneit, aber heiß rann doch das Blut unter der weißen Decke und heißer am Abend als am Morgen, wie es übrigens noch heutzutage bei vielen Edeln und Unedeln der Fall sein soll. Fast wars, als wollte er den Rest seines Zornes an Kurt auslassen; barsch fuhr er ihn an, was er da wolle. Doch Kurt war nicht erschrockener Natur, er bringe einen Gruß von Jost im Tobel, sagte er.

Das Losungswort zog, ein heller Schein flog über des Ritters dunkeles Gesicht, er führte Kurt in die Halle, wo auf dem Tische Essen und Trinken die Fülle stand und zwar den ganzen Tag. Wer etwas mochte oder sonst nichts zu tun hatte, setzte sich an den Tisch, besondere Eßstunde war keine. Er hatte, wie es schien, durch Kurt eine Botschaft erwartet, auch das Begehren um Dienst war ihm nicht unangenehm, jedoch vergaß er besondere Vorsicht nicht. Schon damals war es Sitte, jemanden, an den man offen nicht kommen konnte, einen falschen Freund in den Busen zu schieben, der dann mit Verrat vollbringt, was Gewalt nicht vermochte. Indessen Kurt bestand gut im Examen und gewann des Ritters Vertrauen. Derselbe kannte Uli von Gütsch wohl und war dessen Freund gewesen, war auch ein Feind derer, die des Ritters Feinde waren. Zudem hatte derselbe Kurts Vater wohl gekannt und mit ihm manchen Streich verübt. Als Kurt sich als des Vertrauens würdig ausgewiesen, vernahm er, daß morgen schon ein Auszug vorbereitet sei, des Klosters Gebiet zu plündern und zu verbrennen was brennen wollte. Barthli hatte Lust, das Kloster selbst zu zerstören, indessen war es zur selben Zeit etwas bedenklich, Hand an geweihte Mauern zu legen, das Ding konnte schwere Folgen haben.

Früh ward es lebendig in der Burg zu Luthern. Die Leute schienen aus dem Boden herauszuwachsen, waren in Wetter und Krieg gehärtet und gestählt und gar heiteren Muts, sie hofften auf reiche »Beute«. Das Wort Beute hat seinen schönen Klang behalten bis auf den heutigen Tag, nur mit dem Unterschied, daß das moderne Bewußtsein sich des Raubens und Stehlens schämt, es indessen doch tut und je mehr je lieber, hintendrein es dann ableugnet gedruckt und ungedruckt mit moderner Unverschämtheit. Der Ritter wäre gern durch Wald und Berg gebrochen nach Eriswyl, Huttwyl, Rohrbach usw., das reiche Tal hinab, welches die Langeten bewässert. Aber dort wohnten viele Edle, Freunde des neuen Klosters, absonderlich auch die Edlen von Madiswyl. Alle hätte er aufgejagt, auf seine Fährte gezogen, und viele Hunde sind bekanntlich des Hasen Tod. Er zog daher östlich das Tal abwärts, Großdietwyl und Altbüren zu. Mancher Freund gesellte sich zu ihm auf dem Wege, und als er seine angeschwollene Schar übersah, drängte es ihn, an St. Urban sich selbst zu versuchen, mit einem kühnen Streich all dem Ding ein Ende zu machen. Er wußte, daß einer seiner Vettern dort sich aufhielt; konnte er den als Geisel in seine Hände bekommen, so hatte er von den Folgen des Überfalls nicht viel zu fürchten. Er hielt, zog Kunde ein, aber sie gefiel ihm nicht; er vernahm, daß viele Edle mit Gefolge im Kloster sich aufhielten, daß noch mehr erwartet würden, ein Überfall also nicht rätlich sei. Er bog links ins waldige Gebirge, durch dasselbe konnte er unbemerkt bis gegen die reichen Langenthaler Höfe ziehen, dieselben plündern und auf der dortigen Straße vielleicht einen reichen Fang tun, einen schnappen, der nach dem Kloster wollte.


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