Jeremias Gotthelf
Kurt von Koppigen
Jeremias Gotthelf

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Das neu auftauchende Elend brach Jürg sein altes Herz. Gegen Rauben und Morden hätte er durchaus nichts gehabt, im Gegenteil es von Herzen gern gesehen, wenn durch dasselbe des Hauses Glanz und Macht gehoben worden wäre. Nun, da das Gegenteil stattfand, jede Aussicht auf Besserung verschwunden war, da der junge Herr kein Ohr mehr für ihn hatte, weil er sich ihm entwachsen glaubte und ihn für kindisch hielt, neigte er sein Haupt und wollte sterben. Darüber aber ward Frau Grimhilde gar grimmig böse, denn sie behauptete, dies sei bare Bosheit, er tue das nur der schlechten Frau, das heißt der Agnes, zu Gefallen.

Der alte Jürg war nämlich der einzige, welcher aus angestammter Gewohnheit Grimhilde für die alte Rittersfrau hielt, ihr Achtung und Gehorsam zeigte. Das junge Geschlecht kannte sie bloß als die alte, grimmige, aber arme Frau, hatte sich daher Agnes angeschlossen, welche nicht böse war, und wenn sie schon nicht viel helfen konnte, doch den Willen zeigte zu helfen, wenn sie es hätte, und dieser Wille wird oft wie die Hülfe selbst geschätzt. Starb Jürg, war Grimhilde verlassen, stand allein; es war also sich nicht zu verwundern, daß sie dem alten Jürg sein Sterben so übelnahm. Jürg entschuldigte sich bestmöglichst, sagte, er wollte wohl selbst gerne länger leben, aber daran machen könne er nichts, müsse sich fügen, wenn der Tod komme. Er sei ein Tropf, sagte Frau Grimhilde, braute ihm Tränke, welche so herrlich rochen, daß tagelang weder Krähe noch Spatz sich auf dem Dache sehen ließen, brachte sie Jürg, und trinken sollte sie der, und wenn ers tue, werde er sehen, was der Tod zu befehlen hätte. Der Alte gehorchte, wollte trinken, aber schon die Nase brachte er kaum zum Topf, es schüttelte ihn, als wenn er das kalte Fieber hätte; als er endlich den Mund daran hinzwängte, die Lippen an den Topf hing, fuhr er zurück, es drehte ihn um und um, es war, als ob man einen Handschuh umkehre. Da sehe er, sagte dann Frau Grimhilde, wie ihr Zeug angreife, in drei Tagen wäre er gesund, wenn er ihr zu Gefallen einmal einen Topf voll austrinken wollte. Wenn dann Jürg beteuerte, er brächte keinen Tropfen mehr über die Lippen, er fühle schon beim Riechen, wie seine Seele im Leibe herumfahre und ein Loch suche, um daraus zu fahren wie die Tauben, wenn ein Habicht oder Marder in den Taubenschlag kommt, so sagte Frau Grimhilde: »Wenn du das nicht willst, so mußt du was Besseres haben«, und braute noch etwas viel Verfluchteres, daß man hätte glauben sollen, sie wäre den Hexen, welche in Schottlands Heiden Tränke kochten, zu Gevatter gestanden oder hätte ihnen ein Kochbuch hinterlassen. Sie braute dann, daß die Fische aus dem Schloßgräblein sprangen und gerne Fürio und Mordio geschrieen hätten, wenn sie einen Laut hätten von sich geben können, daß Frau Agnes mit den Kindern Reißaus nahm, hintendrein die Mäuse und die Ratten, und selbst die Kröten in den Kellern mannshoch an den Mauern hinaufsprangen. Sie selbst lebte wohl an solchen Gerüchen, von wegen ihre Nase war mit Sohlleder gefüttert; etwas Feineres drang nicht durch, während so etwas, von dem eine hundertjährige Kröte sagte, was Verfluchteres sei ihr noch nie vor die Nase gekommen, und doch sei viel davor gewesen, ihr vorkam wie Rosenöl oder Jasmin. Der arme Jürg konnte sich nicht davonmachen, die Beine trugen ihn nicht mehr, und seine Nase ertrug Grimhildens Lebenstrank ebenfalls nicht. Ein gehorsamer Knecht, streckte er wohl die Hand nach dem Topfe aus, aber dann streckte er auch alle Glieder – und tot war er.

Die Bosheit, gerade jetzt zu sterben, wo er, wenn er einen einzigen Schluck hätte trinken wollen, lebenslang gesund geworden wäre, machte auf Grimhilde den tiefsten Eindruck. So weit, sagte Grimhilde, habe Agnes es getrieben, daß sie ihr den letzten Menschen, welchen sie gehabt, aufgewiesen und verführt, denn, wenn sie nicht gewesen wäre, er hätte getrunken und liefe jetzt herum wie ein Zwanzigjähriger. Jetzt begehre sie auch nicht länger dabeizusein, sie begehre nur noch eins zu erleben: daß es nämlich der schlechten Frau gehe wie dem Jürg, daß sie ans Sterben käme, daß sie beide Hände nach solchem Tranke ausstrecke, mit Heulen und Zähneklappern einen wünsche, um einen bitte, dann wolle sie einen brauen, einen noch viel kräftigem, daß das Laub im Walde sich entfärbe darob, dann wolle sie mit dem unter die Türe kommen; da werde die junge Wüste (das Mensch, würde der moderne Ausdruck der Kulturfüßigen sein) erst die eine Hand darnach ausstrecken, dann die andere auch, nach den Händen die Zunge, dann alles, was sie strecken könne. Da unter der Türe wolle sie stehenbleiben, keinen Schritt tun, nicht vor-, nicht rückwärts, bis endlich alles gestreckt sei, wie sie es ihr schon lange gegönnt; dann wolle sie sich gerne auch legen und strecken, einmal werde es doch sein müssen, sei es gescheit oder nicht, einem recht oder nicht. So begehrte die alte Frau, gewesene Gräfin, auf, nahm sich durchaus nicht in acht, wer es höre, selbst vor dem nicht, dessen Ohr offen ist über allen Menschenkindern, der die Haare zählt auf dem Haupte des Menschen, sie festigt oder ausfallen läßt nach seinem Belieben. Aber wie sie meinte, ging es nicht; ehe ihr Wunsch in Erfüllung gegangen, ward sie zu den Vätern versammelt, welche ihre liebe Not mit ihr gehabt haben werden. Der Zorn, daß Jürg ihr zum Trotz gestorben, Agnes ihr zum Trotz nicht sterbe, untergrub ihr felsenhartes Gebein, bis es zusammenbrach, fast möchte man sagen auseinanderfiel.

Kurt nahm dies kaltblütig, wie er überhaupt an allem, was im Hause vorging, gar kein Interesse hatte, weder am Tode der Mutter noch an der Geburt eines Kindes; es war, als ob ihn dieses alles nichts anginge. Es nahm ihn bloß ein Fund in Anspruch, welchen man bei Grimhildens Tode machte: eine Menge vergilbter, zusammengehäufter Dinge sonder Zahl und Namen, Sachen aus Kurts früherem Räuberleben, Sachen aus ihrer Jugend, Sachen, welche sie der Agnes abhanden gebracht, kurz, es mahnte ihre Hinterlassenschaft auffallend an das Nest eines alten Raben, der in einem öden, unbesuchten Turme gehaust. Was etwas wert war, verschleppte Kurt, dem Haushalt kam es nicht zunutz, den Frieden zwischen den Eheleuten förderte der Alten Tod nicht und störte ihn weiter nicht. Kurt hatte Gewohnheiten angenommen, welche über seine Natur gingen, und Agnes nahm es, wie es war, und gewöhnte sich Tag um Tag mehr, ihr Leben so zu ordnen, daß es ohne Kurt bestehen, wenn auch arm, so doch, daß die Kinder darin fortkommen konnten.

Kurt hatte besonders mit beiden Schwägern und dem Junker zu Flumenthal und dem Junker von Landshut das Handwerk getrieben. Der Junker von Landshut hatte sein Schloß nicht da, wo das gegenwärtige Landshut steht, sondern auf dem linken Emmenufer, der Hammerschmiede von Gerlafingen gegenüber. Die Stelle, wo die Burg stand, welche ungefähr hundert Jahre später in einer Fehde mit Solothurn von den Bernern verwüstet wurde, sieht man noch in dichtem Walde in dem sogenannten Altisberg. Da, wo das heutige Landshut steht, jetzt ein stattliches Landhaus, aber in der altertümlichen Form eines Schlößleins, umgeben von einem wasserreichen Burggraben, sah man nichts als einen öden Felsen in bebuschtem Sumpfe. Er sah fast aus wie ein alter Wartturm, von welchem aus man eine weite Ebene, wie man in der westlichen Schweiz sie selten sieht, überluegen konnte. Diese Ebene war teilweise bebaut, ein bedeutender Teil mit Wald bewachsen, von großen Bächen durchzogen, zu beiden Seiten der Emme viel Sumpf, von welchem das sogenannte Fraubrunnenmoos noch jetzt ein stattlicher Rest ist.

Hinter diesem Felsen nördlich, mutmaßlich wo jetzt ein Sägewerk surrt und zischt, in Sumpf und Busch versteckt wie eine braune Schnepfe in braunem Laube, die selten ein Auge sieht, bis sie aufflattert dicht vor den Füßen, fand sich eine niedere, aber umfangreiche Hütte oder Haus, wie man lieber will. Niemand hätte da eine menschliche Wohnung gesucht, und ungesucht auf sie zulaufen, war ein halbes Wunder, denn ein Zugang zu derselben hatte seinen Anfang im Bette der Emme, und der andere Zugang bildete einen Bach, welchen man eine lange Strecke hinauf durchwaten oder -reiten mußte, ehe man zum Hause kam. Wer am Tage auf dieselbe gelaufen wäre, hätte kaum etwas Verdächtiges an derselben gesehen, und wenn ihm die Größe derselben aufgefallen wäre, so war sie leicht dadurch zu erklären, daß mehrere Fischer in den äußerst fischreichen Wassern diesen trocknen Fleck sich auserlesen und darauf eine gemeinsame Wohnung sich erbaut. Im anderthalb Stunden entfernten Solothurn, in den vielen Klöstern darum herum, im Kloster Fraubrunnen war reicher Absatz für Fischer. Hätte jemand nachsehen wollen, ob es wirklich so sei, dem wäre es sehr schwer geworden, vielleicht unmöglich geblieben: die einzige Türe der Hütte war immer fest verschlossen, und sehr oft hätte er stundenlang dran klopfen können, es hätte sie ihm niemand geöffnet, im günstigen Falle wäre sie endlich nach langem Warten aufgegangen, und froh wäre er sicherlich gewesen, er hätte nie geklopft. Wenn er scharfsichtig gewesen, so hätte er leicht wahrgenommen das Eigentümliche, Unnennbare in jeglichem Gegenstande, welches sagt, da sei es nicht geheuer, er wäre plötzlich umgekehrt, aber zu spät schon, wenn sein Äußeres irgendwelche Beute versprochen hätte; ehe er sich versehen, wäre er niedergeschlagen gewesen oder in einen Bach geworfen und darin ertränkt.

Wer aber das Glück oder vielmehr das Unglück gehabt hätte, wirklich hineinzukommen, hätte eine Bevölkerung gefunden, welche weder dem Umfang noch dem innern Raume entsprochen hätte, nämlich drei einzige Personen. Die Hauptperson war ein Mann, welcher groß gewesen wäre, hätte er nicht ein lahmes oder krummes Knie gehabt, so daß er nicht bloß stark hinkte, sondern gebeugt war, mehr als er dem Alter nach hätte sein sollen. Sein Haar, welches sehr schwarz gewesen, war noch nicht weiß, sondern bloß gespregelt, weiß und schwarz, seine Haut im Gesicht war fast schwarz, ob von Natur, oder weil sie nie gewaschen ward, blieb schwer zu ergründen; wahrscheinlich griff beides ineinander. Das Vorderhaupt war kahl, stark gebogen, die Nase ebenfalls, ja das ganze Gesicht, selbst das Kinn schien zurückgekrümmt; unter der Nase stach der Mund hervor, seltsam bissig anzuschauen. Er redete zwar sehr viel, wenn er dazu kam, doch ging es ihm schwerfällig von Handen, als ob es am Räderwerk fehle; nicht so war es beim Essen: der Mund war offenbar mehr zum Beißen als zum Reden eingerichtet. Es war eine Gestalt, zum Räuber geboren, eine von denen, in deren Nähe es einem unheimlich wird, man unwillkürlich vom Gefühl beschlichen wird, man sei in der Nähe eines gefährlichen Tieres; ob es eine Schlange sei oder ein Tiger, weiß man nicht, aber ängstlich sieht man nach allen Seiten, von welcher es kommen wolle, und wenn nirgends was sich rührt, so bleibt das Auge haften auf dem Menschen, welcher da sitzt, als wenn dieser Mensch das Gebüsch wäre, aus welchem das wilde Tier brechen müsse. Die zweite Person stellte eine Frau vor mit sieben Kröpfen rings um den Hals, schwammigem Gesicht, plumper Gestalt, Schweinsaugen im Gesichte, eine viereckige Nase darunter und darunter ein Maul, weit geschlitzt und tief, fast hätte man ein einspännig Fuhrwerk darin wenden können. In solch widerwärtigen, viereckigen, schwammigen weiblichen Gestalten mit Schweinsaugen wohnt gewöhnlich eine grausame, erbarmungslose Seele. – Die dritte Person war schlank und hoch, gelblichblaß das Gesicht, Augen darin, von denen man selten recht wußte, wollten sie Feuer sprühen oder Tränen weinen, einen festgeschlossenen Mund unter einer geraden Nase. In der ganzen Person war etwas Fremdartiges, als ob sie als eine Art Meteorstein durch den Rauchfang herabgefahren wäre, und doch war es die Tochter des oben beschriebenen Ehepaares, welche mit ihren Eltern hier hauste und Fische verkaufte in Solothurn, wo man etwas Gutes von jeher liebte, besonders wenn es nicht viel kostete, und noch mehr liebte, wenn es gar nichts kostete.

Wenn irgendein Platz in der lieben Eidgenossenschaft (welche damals freilich noch keine war) zu einer Diebsherberge oder einem Lauerloche geeignet war, so mußte es dieser sein. Er hatte nichts Auffallendes und war doch schwer zu finden, und Unbekannte nahten nie unbemerkt und wunderselten ungestraft. Dagegen konnten die Befreundeten, mit Steg und Weg Bekannten entfliehen unbemerkt, wie sie nur wollten, aus dem weitläufigen Hause in Sumpf und Busch, gebaut mit Ausgängen, welche kein uneingeweihtes Auge sah, welche auf Wege führten, die jähen Tod brachten jedem, der mit ihnen nicht sehr genau bekannt war. Diese Stelle war ungefähr der Stelle gleich zu achten, auf welcher eine große Kreuzspinne sitzt, um gehörig alle Fliegen zu belauern und abzufangen, welche ihrem Netze sich nahen und hängenbleiben darin. Hier konnte man Kundschaft erwarten über alles, was von Bern nach Solothurn, von Solothurn nach Burgdorf, was den Gau hinabging und hinauf nach Biel und Büren. War die Tat vollbracht, stäubten die Gesellen auseinander wie Spreu, in welche der Wind fährt; die Verfolger wurden irre, die Spuren verloren sich. Geschah es wohl zur Seltenheit, daß hart auf den Fersen die Verfolger blieben, so sprang der Verfolgte vom Rosse, ließ frei es laufen, Roß und Reiter fanden bekannte Fährten durch Sumpf und Busch und am Ende ihre Herberge; die Verfolger versanken im Moor, verwickelten sich in die Büsche, in die für Pferde so schrecklichen Brombeersträuche, und schätzten sich glücklich, wenn sie mit heiler Haut und ganzen Gliedern einen Ausweg fanden. Der Ort war zehnmal sicherer als irgendeine ihrer Schlößlein; es war eine wahre Freistätte für die adeligen Räuber vor allem, dann aber auch für das bessere Lumpengesindel, das heißt die hübscheren Dirnen, die schlauesten Gaudiebe, die wildesten Räuber.


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