Jeremias Gotthelf
Kurt von Koppigen
Jeremias Gotthelf

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Die Weiber sind nicht alle gleichen Schlages, fast möchte man glauben, sie seien nicht von gleicher Materie; in einem Verhältnis, wie Agnes war, werden die einen, gemütlich zerrieben, in Tränen aufgelöst, bald zu Staub und Asche, andere werden darin gehärtet wie Stahl und Eisen im Feuer, noch andere geläutert und verklärt dem Golde gleich. Zu welcher Sorte Agnes gehöre, wußte man lange nicht, sie würde für den kundigsten Fachmann schwer zu sortieren gewesen sein; sie war jung ins Leben getreten, ihr Gesicht, zart wie Milch und Blut, schien weich und schnell durchfurcht von Tränen, und eine Weile gings, bis der innere, feste Kern sich zeigte, den das Leben nicht zerreibt, sondern härtet und poliert. In dem Maße, als ihr Wesen fester ward, versiegten die Tränen, in gleichem Maße wurde ihr Wille bestimmter, und was sie wollte, wußte sie zu sagen. Es war beinahe, als nehme Frau Grimhilde die Gestaltung ihrer Schwiegertochter mit Behagen wahr, ungefähr wie ein Metzger, der mit Freuden Sohlen an seinen Stiefeln bemerkt, welche sich nicht alsobald ablaufen, oder der gleiche einen guten Stahl am Gürtel, der sich, er mag mit seinen Messern daran herumfahren, wie er will, nicht alsobald abwetzen läßt. Eine, welche der Frau Schwiegermama förmlich die Stange hielt, ward natürlich Agnes nie, dazu fehlte ihr das Bösartige, Giftige, welches in Grimhilde hervorstach. Agnes war gemütlich, barmherzig, konnte lieben, konnte geben, wozu Grimhilde nie fähig gewesen war; aber je mehr Agnes sich härtete, desto stärker gab es Feuer.

Daß es nicht angenehm ist, die Finger zwischen Stahl und Stein zu haben, ist jedem Kinde bekannt, aber noch etwas ganz anderes ists, zwischen Mutter und Frau zu stehen, wenn diese Feuer geben. Nun hatte Kurt gewissermaßen ein weiches Gemüt; wenn er ein Gesicht machte, daß eine siebenhundertjährige Eiche ein zartes Aussehen dagegen hatte, so war es eben nur, um darunter etwas Zartes zu verbergen, daß es niemand merke; wäre er ein rechter Holzbock gewesen, wie man zu sagen pflegt, so hätte das Weibergezänk ihn so wenig berührt, als das Mühlrad im Schlafe den Müller stört, kaltblütig hätte er sie tschädern lassen nach Belieben. Nun aber, weil er eben kein Klotz war, plagte ihn der ewige Krieg; es war ihm nichts peinlicher, als wenn er bald der einen, bald der andern recht geben sollte, keine mit ihm zufrieden war, weil er sie nicht unbedingt im Recht fand, die Mutter ihn ausschimpfte, das Weib mit ihm schmollte. Die geistige Kraft, welche bei solcher Sachlage Ordnung schafft, hatte er nicht, er machte sich daher aus dem Staube, nahm die Flucht, das heißt, er war je länger je weniger daheim, sein Haus war seine Marterkammer. Das ist aber ein böses Mittel, das Fliehen, es hilft gar nichts, und am Ende geben dabei Mann und Haus zugrunde, und trotzdem wird dieses Mittel so oft angewandt. Es war Kurt leid und bange, wenn er einmal einen Tag daheim sein sollte, sein Schlößchen kam ihm so eng und unheimlich vor, daß ihm der Wald im wildesten Schneesturme ein viel anmutigerer Aufenthalt war.

Doch hatte Koppigen ein anderes Aussehen gewonnen, die Torflügel waren eingehängt, ordentliche Tische, wo man sie haben mußte, eine ziemliche Wirtschaft, ein anständiger Haushalt war wieder da, Vieh brüllte in den Ställen, bebaute Äcker gab es wieder, der Keller war nicht ganz leer, auch Speise für den morgigen Tag fand sich gewöhnlich vor, die Edelfrauen mußten nicht mehr mit eigenen Händen den Fischen das Genick eindrücken, die wilden Vögel rupfen und den Braten am Spieße drehen. Es war ein ordentlich, wohnlich Haus geworden, und doch war niemanden wohl darin, denn es sind nicht die Räume, welche ein Haus wohnlich und heimelig machen, der Hausgeist ist es, der dieses macht. Das war eben auch Ursache, warum der Herr von Önz nur selten einsprach, wenn er auch etwas im Keller fand, die Hunde nicht mehr die Tische umwarfen und eine ägyptische Finsternis anrichteten in der Halle; er mochte das immerwährende Klagen auch nicht leiden, er glaubte, auf der Welt zu sein, um lustige Tage zu verbringen, so viele er konnte; deren waren keine mehr in Koppigen zu finden. Selbst Kurt machte ihm ein grob Gesicht und gab ihm kein freundliches Wort; Kurt betrachtete nämlich sein Schicksal als ein unglückliches und den Schwiegervater als den Stifter desselben, denn die Menschen haben zuweilen sehr seltsame Ansichten. Sein Schlößchen kam ihm alle Tage kleiner vor, seine Heirat alle Tage dümmer, er glaubte, seine Bestimmung verfehlt zu haben, und daran war eben der Alte die alleinige Ursache. Kurt glaubte sich eben berufen zu hohen Dingen, wenn er in der Welt geblieben wäre, weiß Gott, was er schon wäre; hätte ihn nur der Alte in Langenthal liegenlassen, so wäre er dort zu sich selbst gekommen, hätte das verfluchte Nest zu Önz nie gesehen, hätte ihn nur noch dort der Alte ziehen lassen, statt ihm eine Tochter anzuhängen, so wäre noch nichts versäumt gewesen, und weiß Gott, an welchem Hofe er jetzt wäre als Graf oder Freiherr.

So kalkulierte Kurt; er hätte noch jetzt gehen können, noch jetzt war daran nichts versäumt, aber es hieß ihn niemand gehen, zeigte ihm niemand den Weg, und das mußte bei Kurt sein; zu welchen hohen Dingen er sich auch bestimmt glaubte, zu einem war er doch nicht bestimmt, sich nämlich selbst zu bestimmen, die bestimmende Kraft mußte außer ihm liegen. Er litt, wie man heutzutage sagen würde, grausam an Zerrissenheit, was er hatte, war ihm nicht recht, und was ihm recht gewesen wäre, das hatte er nicht, er dachte an hohe Dinge und tat desto niedrigere. So fuhr er herum jagend, fischend, streitend, trinkend unter allerlei Volk, machte Bekanntschaften aller Art, vertrieb sich bei ihnen die Zeit je nach ihrer Weise; ob sie recht, schön, edel sei oder das Gegenteil, das kümmerte ihn nicht. Er spekulierte auf den Tod des Schwähers, hätte er einmal dessen Güter, stecke er die beiden Schwägerinnen in ein Kloster, wolle dann zeigen, wer er sei, und sich aufblasen im Lande, so kalkulierte er.

Spekulationen auf Schwägerinnen geraten jedoch nicht immer, denn diese haben manchmal eigene Gedanken und spekulieren ganz anders als der Herr Schwager; als einmal die Agnes aus dem Hause war, und man sah, wie freigebig der Alte Kurt auf die Beine half, so gefiel dies andern auch, und in der Runde gab es so viele hungrige Junker, als es hungrige Fledermäuse im Frühjahre gibt. Ein Junker von Inkwyl faßte die Kunigunde, einer von Riedtwyl nahm, was übrigblieb, die Brigitte, setzte sich dafür so gleichsam zur Schadloshaltung ins Nest und blieb zu Önz. Wie das Kurt gefiel, und daß es seine Zerrissenheit nicht heilte, kann man sich denken, aber er konnte es nicht ändern, er konnte bloß zerrissener werden, sein Los immer unerträglicher finden, und je unerträglicher er sein Los fand, desto unerträglicher ward er selbst.

Da starb der Herr von Önz und zwar gerne, denn seit er einen Tochtermann im Hause hatte, hatten seine Tage an Lustigkeit nicht zugenommen. Jetzt stürzten sich alle auf das Erbe, jeder hätte am Ganzen zu wenig gehabt, man kann sich denken, wie ihm der dritte Teil des Ganzen vorkam. Wo viel zu wenig ist, entsteht desto mehr Streit; jetzt verficht man solchen Streit mit Advokaten, damals mit Schwert und Faust, beides kommt in Beziehung auf Gewinn auf eins heraus, der Unterschied ist bloß der, daß, was man ehemals mehr an Blut vergoß, jetzt desto mehr Galle überläuft, und man ist noch wohler dabei, wenn man etwas Blut verliert, als wenn man zu viel Galle ins Blut bekommt. Die Herren Schwäger rauften sich also mörderlich; Kurt und der von Inkwyl hielten begreiflich zusammen, wollten den von Riedtwyl übers Nest hinauswerfen. Dieser ließ sich helfen durch den Herrn von Wangen, hatte Hülfe von seinen Brüdern, klopfte die Schwäger tapfer aus und machte Miene, selbst an ihre Schlösser hin zu wollen; sie suchten daher auch Hülfe, der von Flumenthal ward ihr Spießgeselle und einer von Alchenstorf. Der Streit zog sich in die Länge; ans Leben kam man einander nicht, schädigte einander desto mehr, stahl, verdarb einander, soviel man konnte, ward darob allseitig arm; das Erbe ging darauf, nichts hatte man davon als eben viel Haß und dadurch verbitterte Gemüter, denen nirgends wohl war als im Streit und wüstem Leben, Gemüter, welche für häusliches Glück geradeso empfänglich waren als ein Gotteslästerer für Gottes Wort, und denen in ihren Häusern so wohl war als einem durstigen Saufbruder in einer Kirche.

Die Herren Schwäger hatten es fast wie die Hühner, welche sich erst die Federn ausrupfen, gerupft aber gute Freunde werden. Als an keinem von ihnen mehr etwas Besonderes zu rupfen war, wurden sie Bundesgenossen und kehrten ihre Schnäbel gegen andere. Wie Spieler, je mehr sie verlieren, desto mehr wagen, das Verlorene wieder zu gewinnen, so wurden sie immer rücksichtsloser, wagten immer Wilderes, aber das Glück wollte ihnen nicht. Kurt besonders hatte eine unglückliche Hand, nicht bloß, daß er immer am wenigsten erbeutete, wenn er auch am stärksten zuschlug, sondern auf ihn fiel immer der erste Verdacht, ihm wurde der größte Teil des Frevels zugeschoben; er hatte von Jugend auf einen anrüchigen Namen, und wo etwas getan wird, dessen Urheber nicht offenkundig werden, schiebt man es ganz gelassen auf die Rechnung dessen, der bereits die größte und gröbste Rechnung hat. Es ist die menschliche Gesellschaft ein absonderliches Gebilde, eigentlich ein organisches Ganze. Wie ein lebenskräftiger Körper Krankheitsstoff absondert und ausstößt, langsam freilich oft, geradeso macht es die menschliche Gesellschaft unwillkürlich: sie schiebt das Faulende mehr und mehr hinaus, bis sie es endlich draußen hat und über Bord werfen kann. Besitzt ein Körper diese Kraft nicht mehr, vermag er den Krankheitsstoff nicht mehr zu verarbeiten, ihn zu entbinden, vermag das Gesunde sich nicht mehr Platz zu schaffen, da erkrankt dieser Leib mehr und mehr, das Gesunde wird vom Kranken verzehrt, der Zustand wird rettungslos, die Fäulnis erhält die Oberhand, löst bald das ganze Gebilde auf. Der höchste Grad der Korruption oder Verderbnis tritt ein, wenn dieser Zustand der Fäulnis als Gesundheit angesehen und ausgegeben, durch die Gesetzgebung legitim gemacht, sanktioniert, von Obrigkeits wegen allem Gesunden der Krieg gemacht und unter dem Scheine des Rechts durch Schufte am Gerichte alles Gesunde zum Tode verurteilt, aus dem Leben ausgestoßen wird.

Als Kurt lebte, war es eine wüste, wilde Zeit, indessen hatte die Gesundheit die Oberhand. Kurt ward mehr und mehr hinausgestoßen aus allen Kreisen, wo Recht und Ehrbarkeit etwas galten, kam daher immer mehr in das wüste, wirre Treiben hinein, an dessen Ende der Schlund ist, dem alles verfällt, was ausgestoßen wird aus den gesunden Lebenskreisen. Als Kurt geheiratet hatte, heimgekehrt war als ritterlicher Junker, standen ihm die Burgen des hohen Adels offen, er ward dort nicht ungern gesehen seines einfachen, tüchtigen Wesens wegen; jetzt hütete er sich, eine zu betreten, er fürchtete die Bekanntschaft mit den tiefen Löchern in den Türmen. Er trieb sich mit seinen Spießgesellen in verdächtigen Herbergen herum, zuweilen zog einer dem andern nach auf seine Burg, wenn man wußte, daß dort Vorrat war, und oft waren sie alle verschwunden als wie von der Erde verwischt, und tagelang hätte kein Mensch sagen können, ob sie noch lebten, geschweige wo sie lebten.

Ein solches Leben befördert begreiflich weder häusliches Glück noch häuslichen Wohlstand. Frau Grimhilde und Frau Agnes verstanden das Haushalten, doch mit dem Unterschiede, daß Frau Grimhilde bloß festhielt, was sie zwischen ihre fünf Finger bekam, während Frau Agnes zu schaffen, zu pflanzen, zu produzieren wußte, würde man heutigen Tages sagen. Aber Halten und Schaffen half all nichts bei dem Treiben von Kurt; er machte wohl Raub und Beute, aber je mehr er raubte, desto ärmer ward er zu Hause, im Raube schien ein verzehrender Fluch zu liegen. Wie den Pferden das Ungeziefer folgt, das Blut ihnen absaugt, sie ihm nicht entrinnen mögen, wie rasch sie auch laufen, bei jedem neuen Walde zu den alten Bremsen, welche die Pferde mitgetragen, nachgezogen, immer neue Scharen sich gesellen, so ging es auch unsern adeligen Strauchdieben. Sie trieben ihr Handwerk wohl auf eigene Faust und für eigene Rechnung, aber wie den großen Raubtieren kleinere folgen, so waren sie umschlichen von gemeinem Diebsgesindel. Dasselbe stellte sich wohl dem Hunde gleich, der die vom Herrn benagten Knochen auffängt und für abgefallene Brosamen dankbar ist. Wenn sie schon für geleistete Dienste, namentlich für ihr Kundschaften, welches jedenfalls im Handwerk eine bedeutende Stelle einnimmt – wie man bei einer Meute Hunde durchaus einen oder zwei gute Aufstecher haben muß, wenn man ordentlich jagen will -, keinen besonderen Lohn forderten, keinen bestimmten Anteil an der Beute, so taten sie sich dabei doch am gütlichsten, kriegten den besten Teil der Beute und, was die Hauptsache ist, behielten ihn auch. Es waren vor allem die Dirnen, welche um die adeligen Herren schwärmten, welchen der schönste Teil zufiel, denn an die Weiber daheim dachten die Herren schon damals oft nicht; es war das Verschleppen des geraubten Gutes, das Handeln und Schachern damit, welches einen andern Teil in ihre Hände brachte, den letzten Dritteil endlich erhielten sie ebenfalls, denn dieser wurde in ihren Herbergen verspielt, verschlemmt, verpraßt, und wenn alles vertan war, machten es die Herren, wie es der Löwe macht, wenn er hungrig ist und das letzte Tier gefressen: er geht aufs neue auf Raub aus, legt am geeigneten Orte sich auf die Lauer.

Kurts Handwerk trug also dem Hause nichts ein, aber er verschleppte auch noch aus dem Hause, was ihm dienlich war. Die besten Männer waren in seinen Lumpenfehden ihm erschlagen worden, Roß und Vieh dahingegangen, das Land wieder schlechter bearbeitet worden und immer schlechter, je mehr Menschen und Vieh fehlten.


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