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Siebenzehntes Kapitel

Von der Hübschi und vom Interesse

Der Doktor hatte bedeutendes Interesse an Anne Bäbis Krankheitsfall genommen; es war ein eigener Fall in seiner Praxis, zudem war es ihm eine Standessache, zu zeigen, daß ein leiblicher Arzt zu heilen vermöge, was ein geistlicher angerichtet. Er ging daher öfter hin, den Fortgang zu beobachten, und hatte Freude daran, wie Anne Bäbi regsamer, trotziger wurde, ihm hie und da einen Schlemperlig anhing, wie die Dokter alle nichts könnten und fürs Sterbe keiner noch etwas erfunden. Für niemand hätten sie noch soviel gedoktert als für das arm Bübli selig, und kes sei ihnen noch gestorben als eben das Bübli und es fast damit, es glaube einmal, wenn sie nichts gemacht, es lebte noch.

Nach allgemeiner Sitte hatten sie den Doktor das erstemal gefragt, was sie ihm schuldig seien, und gleich mit ihm abgeschafft. Sie ließen nicht gerne aufmachen, sagte Hansli, man könnts vergessen, oder es könnte sonst e Irrtig gä. Natürlich hießen sie ihn die ersten Male in der ersten Angst wiederkommen und frugen jedesmal nach ihrer Schuldigkeit, und gäb wie der Doktor sagte, sie sollten doch warten, es gehe dann zusammen, es mußte bezahlt sein, was er forderte, bald fünfzehn Batzen, bald zehn, bald fünf, bald nichts, je nachdem er expreß kam oder sonstige Besuche hatte. Nach und nach setzte Hansli ab mit der Dringlichkeit der Einladung zu wiederholten Besuchen; es gehe gut, hieß es; wenns böser ging, man hätte es ihm sagen lassen, aber er solle notti zuchecho, wenn er öppe einist angfähr dadure gang.

Der Doktor war lange genug auf dem Lande gewesen, um diese verblümten Redensarten zu begreifen, aber der Fall interessierte ihn zu sehr, um ihr gleich Folge zu geben, denn er lebte nicht dem Gelde, sondern seiner Kunst, wie er sagte, eigentlich ebenso gut seinem Herzen; aber das sagte er nicht, ja, er gestund es sich Selbsten nicht, er ging daher von Zeit zu Zeit immer noch hin, forderte aber nichts. Hansli dankte zwar und sagte, er solle es nur sagen und sich nicht schüchen, er gebe gerne öppis, er glaube aber, es heygs jetz u bruch si wyter nüt meh, we me geng öppe styf lueg.

Und doch kam der Doktor wieder; denn in dem Maße, als es bei Anne Bäbi besser ging, schien es ihm mit Meyeli zu bösen, es fesselte immer mehr seine Aufmerksamkeit, denn trotzdem daß es das Kind nicht mehr säugte, nahm es doch eher ab als zu, und sein Gang hatte so etwas Mühseliges, welches dem geübten Auge nicht entgehen konnte. Nun ist es wirklich bös für einen Doktor auf dem Lande, etwas Vorbauendes vorzukehren, anzuraten oder Leute, welche ihm nichts klagen, zu fragen: «Fehlt dir nicht etwas, und solltest du nicht etwas machen?» Eigentlich hat der Arzt die Pflicht, auf alle schädlichen Einflüsse aufmerksam zu machen und auf jegliche Störung, welche er mit kundigem Auge heranschleichen sieht, ehe jemand anders sie wahrgenommen, und die vielleicht zu rechter Zeit leicht abzuwenden wäre. In Häusern, wo man ihn für das hält, was er sein soll, wird er diese Pflicht auch üben, sich jedoch vor großer Ängstlichkeit und dem Wahne hüten, als sei alles zu verhüten. Dieser Wahn kann dazu führen, mit sogenannten Präservativ-, Vorbauungsmitteln die stärkste Gesundheit zu ruinieren.

Auf dem Lande ist die Ausführung dieser Pflicht sehr schwer; die Menschen sind zu mißtreu, meinen gleich, es sei dem Arzt nur um die Batzen; wenn er nichts davon hätte, es wär ihm nicht halb so angst, aber es duecht eim nüt angers an ihm, es macht en iedere, was er cha, u de ist er gar grusam e Arme, muß alli Brösmeli chaufe u het nüt erwybet, u was er öppe gha het, het er vrlaberiert ob em Studiere, er söll neue grebelig brucht ha. Es chäm ihm jetz mängist kummlich, er hätts no, – so urteilt man. Es muß daher ein Doktor mit seinen Räten sehr vorsichtig und sparsam sein, und je älter er wird, umso behutsamer wird er auch werden, manchmal nur zu gleichgültig.

Einem Jungen, dem noch die Ideale das warme Herz schwellen, der meint, er müsse aus aufrichtigem Herzen der ganzen Menschheit helfen, wird Behutsamkeit schwer. Was er sieht, meint er sagen zu müssen, und wo er Gefahr sieht, wird er kaum der Warnung sich enthalten können. Unser Doktor hatte bereits einige daherige Erfahrungen gemacht, konnte etwas an sich halten, aber wo er Interesse an den Leuten nahm, da sagte er, was er in ihrem Interesse glaubte. Wohl war ihm mancher Wahn entflogen, aber den Sinn hatte ihm doch die Welt noch nicht verdrecket, der die Pflicht höher als den Vorteil hält. «Und Fraueli, wie geht es Euch?» fragte er mehrere Male, bot Gelegenheit zu Klagen und Fragen. «O recht gut, mi muß zfriede sy, aparti z'klage habe ich nicht; wenns nur der Mutter wieder ganz bessert!» erhielt er zur Antwort.

Einmal traf es sich, daß das Mannevolk im Walde, Mädi mit zwei Gänsen zMärit war, Anne Bäbi schlief und Meyeli an einem alten Tschopen nähte, als der Doktor dem Hause zu kam. Meyeli, als es ihn kommen sah, ging hinaus und sagte, Müetti schlafe, es gehe ihm alle Tage besser, es achte sich immer mehr und nehme sich der Sache an. Es freue ihn, sagte der Doktor, er möchte es aber selbst noch sehen, und wenn es nichts dawiderhabe, so komme er hinein und warte, bis es erwacht sei; er hätte heute Zeit, er sei viel gelaufen und froh, abzusitzen. Meyeli kriegte ein gar lieblich Gesichtchen, als es ihn hineinführte, und fragte, ob es ihm etwas Warms machen solle, oder ob er lieber es Brönz wolle, Kirschenwasser, sie hätten guts, es sei mehr als zehnjährig.

Er frage ihm sonst nicht viel nach, sagte der Doktor, aber heute nehme er ein Gläschen; es sei frostig draußen und schon lange daß er nichts gehabt, allbeeinist müsse man doch wieder Öl ins Lämpchen tun, wenn es brennen solle. Meyeli stellte die schöne weiße Flasche auf den Tisch, ein Fußgläschen dazu, zog das Brot aus der Tischdrucke, schenkte ein und machte eine Bemerkung zum Brot, daß es nicht aufgegangen, sie hätten sonst schöneres, aber der Müller werde sie aber beschissen haben mit dem Mehl. Es sei nichts mehr zu machen, und je mehr Mühlen es gebe, desto mehr bschyße die Müller, für Schades yzcho. Der Doktor frug, wer knete und backe bei ihnen. Meyeli erzählte, daß es früher die Mutter gemacht; seit sie aber krank sei, habe es sich Mühe gegeben damit, von wegen dem Mädi wolle es nicht haben, und das Mannevolk begehrs ebe nicht, daß es knete. Es dunke ihn, sagte der Doktor, dHebi (der Sauerteig) sollte niemand eher wirken als Mädi, es sei ja selbst eine lebendige Hebi.

Doch verlor der Doktor seine Zeit nicht mit müßigen, üblichen Gspäßen, wie sie dem lieblichen Fraueli gegenüber Manchem z'vorderist gewesen wären; er begann traulich zu erzählen von diesem und jenem, was er heute gesehen und erfahren. So bei einem ehrbar traulichen Worte erwarmen die Herzen und tauen auf, noch besser als bei einer Pfeife und einem Glase Wein. Meyeli, welches nach Landessitte dem Doktor das Gläschen zu oberst hinter den Tisch gestellt, selbst aber unten auf dem Vorstuhl saß, des Tisches Länge und Breite zwischen sich und dem Doktor, redete freundlich drein, gab über diese und jene Auskunft, redete dem Vikari zBest, als der Doktor fragte, ob er nicht dagewesen, frug den Arzt, was mit ihrem Mädchen zu machen, welches neue Zähne bekäme, ehe die alten aus wollten.

Der Doktor riet, was gut wäre, fragte dann, ob ihm nichts fehle. Aparti nichts, sagte Meyeli, es hätte Ursache, dem lieben Gott zu danken, daß es es so gut hätte. Er zweifle nicht daran, sagte der Doktor; sie hätten aber auch alle Ursache, ihns gut haben zu lassen, dSühniswyber treffe man nicht oft so an. Meyeli meinte, er solle nicht vexieren, und wenn es schon öppe seine Sache mache so gut wie möglich, so sei sich dieses nicht zu verwundern, es sei gar ein arm Meitschi gewesen, an ein solches Glück habe es nie denken dürfen, der liebe Gott habe es viel zu gut mit ihm gemeint. Ds Geld mache nicht immer glücklich, sagte der Doktor; man habe manches Meitschi gezwungen, einen reichen Mann zu heiraten, und gemeint, wie man für ihns sorge, und dem Tod hätte man es zugejagt, mit dem Ärmsten wäre es glücklicher gewesen. So möge es gehen zuweilen, antwortete Meyeli; aber ihm sei es nicht so gegangen, sondern wie es es nie hätte denken dürfen, nicht nur weil es es gut gemacht, sondern weil es gerade den bekommen, der ihm im Sinn gelegen, es wisse noch jetzt nicht wie.

Nun mußte es dem Doktor erzählen, wie wunderbar sie zusammengekommen, wie alles gegen sie gewesen und sie beide junge, dumme Leutchen, wie es aber so werde geordnet gewesen sein, weil niemand etwas dagegen habe abbringen können. Der Doktor hörte mit großer Erbauung, aber ungläubiger Seele der Erzählung zu; wenn Meyeli nicht so ehrliche Augen gehabt hätte und zuweilen so lieblich rot geworden wäre, er hätte kein Wort davon geglaubt. Daß jemand in den Jakobli verliebt werden könne, und zwar so plötzlich, gleichsam im Vorübergehen, das faßte sein Verstand nicht, das war ihm zu wunderlich. Daß man verliebt werden könne, das begriff er, doch konnte er sich nicht enthalten, alle, welche es so recht waren, wenigstens für halb einfältig zu halten; zudem nahm er an, daß etwas Besonderes denn doch da sein müsse, durch welches das Herz eines Menschen gefesselt werde. Er war nicht eitel, aber wenn ein Mädchen aus Bewunderung für seine Kunst und Trefflichkeit in ihn verliebt geworden wäre, er hätte es begriffen, vielleicht eine Ausnahme in seine Ansicht gemacht und gefunden, das Mädchen zeige gute Anlagen und vielen Verstand; aber die Liebe zu dem verschnurpften Jakobli, und zwar nur so vom Ansehen, die war ihm zu kurios. Er begriff eben die Mystik der Liebe nicht, und an unerklärliche Eindrücke und Wirkungen glaubte er nicht.

Indessen äußerte er seinen Unglauben nicht, er machte es, wie es in Beziehung auf den Unglauben Viele machen: er hätte das Nichtsein ihrer Liebe gerne aus den Täuschungen derselben beweisen mögen. Er sagte bloß, solche Liebe sei schön und selten, schade nur sei, daß sie das Leben selten ertragen möge; wenn man nach wenig Zeit hingehe und nach dieser Liebe frage, so heiße es: «O Herr Jesis, schwyget mr drvo! Daß me sövli e Narr sy chönnt, hätt ih niemere glaubt. Oh, warum cha me doch nit hingerfür näh, oh, wie angers miech mes doch!» Selb, sagte Meyeli, würde keins von ihnen sagen, und wenn sie auch minger narrochtig syge als vor vier Jahre, so sei doch noch keines reuig gsi, und wenns heute noch frisch wählen könnte, unger allne wär ihm doch geng Jakobli obenan. Das sei schön und rar so, sagte der Doktor; er wolle es glauben, daß es so sei, aber es dünke ihn, sie sehe gar leid aus, und ganz zweg sei sie nicht; er hätte daher geglaubt, es sei öppe e Kummer, der sie drücke, so ein Fraueli habe manchmal etwas auf dem Herzen, und das verstör ihre Gesundheit und zuletzt auch das Leben, wenn man es ihr nicht ab dem Herzen bringen könne. Das solle er doch recht nicht glauben, sagte Meyeli, es hätte das ungern. «Wenn es öppe nicht mehr sei wie vor einigen Jahren, so sei das nichts anderes, es werde schon wieder bessern, wenn öppe alles wieder gesund sei und dSach i alte Trapp chömm, wo es öppe ein wenig mehr zu sich selbst sehen könne.

Hier blieb der Doktor stehen, ließ die Liebe fahren, nahm den Leib aufs Korn und erfuhr bald, daß Meyeli nicht Ruhe hatte und Speise sich nicht gönnte, weil es so einem armen Meitli sich nicht schicke, den Meisterlos zu machen, und es sich nicht möchte nachreden lassen, es sei ihm jetzt nichts mehr gut genug, und es möchte die Herrenfrau machen. Er begann nun eine Predigt, kapitelte Meyeli ab, führte ihm zu Gemüte, wie es sich zu rechter Zeit schonen müsse; was jetzt verhütet werden könnte, das könne später vielleicht gar nicht mehr gut gemacht werden, zu sterben werde es doch nicht begehren.

Das kam Meyeli fast übers Herz. Sterben, jetzt, aus seinem Glücke weg, das wäre ihm doch hart zu Herzen gegangen. So gefährlich werde es notti nicht sein, sagte Meyeli, aber gut verstehe er zu vexieren und einem Angst zu machen; «aber es duecht mi, dMutter heyg si grührt, ih muß doch ga luege.» Der Doktor sollte nicht sehen, wie das Sterben ihm das Wasser in die Augen trieb. Zugleich war es ihm unheimlich beim langen Besuch des Doktors, es wußte, wie bös die Leute waren, und wie leicht sie alles übel deuteten, und doch freute es ihns, daß der Doktor ihm seine Mattigkeit ansah, sich um ihns bekümmerte. Öppe viel helfe werde es nicht, aber es duech eim mängist scho, es heyg eim gwohlet, wenn dLüt es ume afe wüsse, wie mes heyg u wies eim syg. Wie Viele schöpfen Trost aus diesem Gedanken!

Als er wegging, empfahl er Meyeli noch einmal größere Sorgfalt, und wenn einmal der Sommer da sei, so müsse etwas gemacht sein, sagte er. Schade wärs für ein so hübsches Fraueli und eine Schande, wenn sie zugrunde ginge mitten im Überfluß aus Mangel an Schonung und, bald hätte er gesagt, auch aus Mangel an Verstand und übertriebener Bescheidenheit. Es gingen aus diesen Gründen und dann noch aus Sucht, recht stark sich zu zeigen, sich berühmt zu machen, in den Ruf zu bringen, daß es keine bessere, keine, die soviel leiste, gebe, mehr Frauen zugrunde als man glaube.

Als er ins Pfarrhaus kam, stach Meyeli ihm noch im Kopf, und nicht gewohnt, hinterm Berge zu halten, äußerte er seine Verwunderung über diese seltsame Liebesgeschichte, wie sie ihm noch nie vorgekommen sei, im Leben nicht und besonders auf dem Lande nicht. Es sei aber auch ein Weibchen, wie man sie selten antreffe, so etwas Feines und Zartes in Geist und Gestalt hätte er lange nicht gesehen. Es habe eine recht niedliche Hand, eine lautere, fast durchsichtige Haut und Augen, wie sie rar seien. Man achte sich derselben anfangs nicht besonders, aber wenn das Weibchen rede, etwas mehr als ja und nein, wenn Gefühle sich regten, so begönnen die Augen dunkler sich zu färben und immer leuchtender zu werden, das ganze Gesicht werde so lebendig, so reizend, daß man die Augen gar nicht mehr abziehen könne davon.

«Wärest du doch dort geblieben, Rudi», sagte Sophie, «wenn es dir so Mühe gegeben hat, die Augen abzuziehen! Ich hätte nicht geglaubt, daß der Herr Vetter so empfänglich wäre.» «Warum nicht?» sagte der Doktor, «was hübsch ist, gfallt mir, und umso besser, je ordlicher und sanfter es noch zu der Hübschi ist. Und warum das Fraueli mich ganz besonders interessiert, ist das, weil gerade solche Naturen von der Welt und den Umständen am leichtesten erdrückt werden; so wenig als zarte Pflanzen ein rauhes Klima, mögen diese Unverstand und Roheit ertragen, sie bedürfen zarte Pflege.» «Ich glaube, du habest gute Lust, diese Pflege zu übernehmen, und dieses Ämtchen wäre gewiß angenehmer, als deiner undankbaren Praxis, wie du sie zu nennen beliebst, nachzulaufen. Tue doch das, Rudi, da könnte man bei dir lernen, wie man einem Kranken abwarten und wie man ihm kochen muß, daß es euch Herrn recht ist.»

«Aber Sophie, schämst du dich nicht, so zu reden? Ist das nicht schön vom Vetter, daß er so großen Anteil an seinen Kranken nimmt? Es wäre wohl gut, es hätten es alle so, klagt man nicht oft über die Dokter, daß ihnen ganz gleich sei, ob sie einen Eichenklotz oder einen Menschen unter den Händen hätten?» sagte die Mama.

«Ja, Mama, es ist gar schön vom Vetter; aber wunder würde es mich doch nehmen, ob er gleich großes Mitleid mit dem armen Meyeli hätte, wenn es wüste Hände hätte, eine verhagelte Haut, Triefaugen und einen Mund wie ein alter Kuchischaft voll rußiger Pfannenstiele? Ich glaube, da wäre das Mitleid nicht halb so groß, wenn auch das Elend noch einmal so groß wäre.»

«Du bist es wüsts Meitschi, Sophie, so etwas dem Vetter nachzureden, ich muß mich schämen, ein Kind zu haben, das geng ds Bösere glaubt und fürezieht. Ih weiß auch gar nit, was du für eine Wut hast, immer mit dem Vetter zu zanken.» «O Tante, laßt Sophie doch machen!» sagte der Doktor, «ich bin dessen gewohnt, bin überhaupt gewohnt, daß man mir alles bös auslegt. Gerade solche Auslegungen sind schuld daran, daß uns das Interesse an den Menschen vergeht, und wundern soll man sich dann gar nicht, wenn zuletzt uns allerdings die Menschen nicht anders vorkommen als dem Kesselflicker die alten Pfannen, welche er ausbessern soll.»

«Ja, so öppe mit alten Weibern ists einem jungen Doktor bald so; aber gegen junge mit feiner, durchsichtiger Haut, nein, Rudi, da geht es dir nicht so, da hast du ein viel zu gutes Herz.»

«Aber Papali, heiß doch das Meitschi schweigen, es wird je länger je uvrschanter geg e Vetter», sagte die Mama, «es verleidet ihm gewiß noch, zu uns zu kommen, und gewöhnt sich ein Zanken an, was am ene junge Mönsch so übel ansteht.»

«Häb nicht Kummer, Mama!» sagte der Pfarrer, «sie haben schon manches Jahr zusammen gezanket und immer wieder Friede gemacht, der Növö weiß, wie das gemeint ist, nit halb so bös, als es usgseht.» «Aber dem gute Vetter ga zumute, er habe nur deswegen Mitleid mit der jungen Frau, weil sie hübsch sei, das ist doch wirklich uvrschant und recht beleidigend für dä gut Vetter», antwortete die gute Frau recht böse. «Ja, Mamali, öppis recht het ds Sophie doch, wenns scho besser ta hätt z'schwyge.» «Aber Papali, was denkst doch, ds Sophie recht, und het dem Vetter gseit, er interessiere sich für die junge Frau nur deswegen, weil sie ihm gefalle, denk doch, wie abscheulich, wenn das wahr wär?» «Eh, Mama, nit halb eso, wie du meinst, ich hab es gerade auch so wie der Növö.»

«O Papa, häb nit Gspaß mit sellige abscheuliche Sache; pfytusig, es könnte einem zuletzt ab euch gruse, wenn man nicht wüßte, daß es nur Spaß wäre.» «Kein Spaß ists», sagte der Pfarrer, «purer, lauterer Ernst, die Sache ist ganz natürlich.» «Ja, nur z'natürlich», sagte die Mama. «Aber Papali, red mir nicht so; der Herr Vikari könnte die Sache für Ernst nehmen und sich darob ärgern, wie er auch recht hätte.» «Das wird er nicht», sagte der Pfarrer, «er wird es sicher auch haben wie wir andern alle.» «Herr Pfarrer», sagte der Vikari, «ich bitte, mich da nicht hineinzuziehen; ich habe meine eigenen Grundsätze und muß bekennen, daß ich in solchen Dingen nicht Spaß verstehe, es lat si nit gspasse mit sellige Sache, und wie me redt, denkt me o.» «So habe ich es allerdings im Brauche», sagte der Pfarrer, «und was ich gesagt, meine ich auch. Aber es gibt Worte, Redensarten, über die man zetermordio schreit, wenn jemand sie ausspricht, und zündet man diesen Redensarten ins Gesicht, so enthalten sie klare Wahrheit, die jedermann zugeben muß.

Herr Vikari, was würdet Ihr zum Beispiel sagen, wenn Euch jemand anwerfen würde, Ihr hättet die Schönen lieber als die Wüsten?» «Ich würde es für die gröbste Beleidigung halten», antwortete der Vikari. «Aber nur», antwortete der Pfarrer, «weil Ihr hinter diesen Worten einen zweideutigen, bösen Sinn suchen würdet, einfach für sich sind sie sicher vollständig richtig. Wenn zum Beispiel zwei Kinder Euch um ein Almosen ansprechen würden, ein niedliches, hübsches, hinter dessen Armütigkeit hervor noch eine gewisse Reinlichkeit schimmerte, und ein wüstes, strubes, mit einer langen Schnudernase, was gilts, das erste Wort, den ersten Kreuzer erhielte das hübschere, oder wie man richtig zu sagen pflegt, das ansprechendere? Und du, Sophie, wenn du im Simeligraben über den bösen Steg wolltest, wo du nicht alleine hinüberdarfst, und jenseits stünden zwei Menschen, ein schmutziger Bettler, ein schmucker Offizier oder Vikari meinethalben, und beide streckten dir ihre Hände zur Hülfe, mich nähme doch wunder, welche du wählen würdest, die schmucken oder die schmutzigen?

Der Mensch hat von Gott ein Gefühl erhalten, welches durch das Schöne angenehm berührt, durch das Häßliche verletzt wird; das ist eine Wahrheit, welche nicht abgeleugnet werden kann, und wo dieses Gefühl sich verwischt, stumpf wird, da nimmt das Tier im Menschen zu, und das Höhere schwindet. Das giltet nicht nur in Beziehung auf den Menschen, sondern an Pflanzen, Tieren, allen Gebilden aus Menschenhand zieht das Ebenmäßige an, Ungestaltetes stößt ab, bestimmte Formen werden schön genannt, andere häßlich. Warum das leugnen, warum böse werden, wenn man einem sagt, man ziehe das Schöne dem Häßlichen vor? Nun aber, und da liegt ein anderer Haken, ist der Mensch eine Doppelnatur, er hat Leib und Seele, er kann also leiblich schön und geistig schön sein oder keins von beiden oder das eine, aber das andere nicht.

Es gibt Leute, welche körperlich schön sind, aber häßlich an der Seele, und diese Häßlichkeit ist nicht etwa eine versteckte, lauert nicht etwa nur in einer Ecke des blinzenden Auges wie eine Spinne hinter ihrem Netze, sondern sie breitet sich über das ganze Gesicht und alle Glieder aus, gibt in jedem Worte sich kund, und Einer findet diesen Menschen doch noch schön und schließt sich an ihn, dann kann ihm das allerdings zum schweren Vorwurf gelten. Worin besteht dieser Vorwurf? Er wirft dem Menschen das Ärgste vor, welches man ihm vorwerfen kann, nämlich das, daß er ein Tier sei und kein Gefühl für sittlichen Wert und Unwert habe.

Es gibt zum Beispiel hübsche Meitschi, glatt wie Bachfornen, aber sie legen Eitelkeit, Sinnlichkeit, Hoffart an den Tag, notzüchtigen ihr Geißenhaar, daß es kraus werde, reiben das Gesicht, daß es glänzend werde, lassen zu Ader, damit es etwas schmachtend werde, was beiläufig gesagt Köchinnen, welche sich zu sehr gemästet, zu tun beginnen, machen jedem Sauniggel verliebte Augen, daß man auf dem einen sitzen und das andere absägen könnte, ein Büschelimüli, als ob sie dem Mond ein Müntschi geben möchten, verhunzen ihre handliche Figur, wie man eine währschafte Kalbete verhunzen würde, wenn man sie zu einem Wespi zusammenschnüren wollte, und laufen endlich wie alte Wallfahrer auf Erbsen, weil sie an jeder Zehe zehn Ägerstenaugen sich zweg erzwängt mit engen Schuhen, und reden dazu wie leibhaftige Dreckseelen, so müßte man selbst eine Dreckseele sein, wenn man an einem solchen Mensch Wohlgefallen haben wollte, und wäre er körperlich noch so schön geformt. Da überwältigt die Seele den Leib, gießt etwas Abstoßendes über denselben aus, welches alles Wohlgefallen tötet.

Es gibt aber wiederum Menschen, welche körperlich häßlich sind, im ersten Augenblick abstoßen, aber mit jedem Male, daß man sie sieht, gewinnen, daß man zuletzt ihre Häßlichkeit vergißt, recht hübsch sie findet, das innigste Interesse an ihnen nimmt. Es überwältigt auch hier der Geist die Form; die innere sittliche Schönheit, die Gutmütigkeit, das Wohlwollen, die Heiterkeit, die Reinheit, die Begeisterung werfen Strahlen aus, fesseln die Herzen, binden sie, doch nur die, welche für sittliche, religiöse Schönheit empfänglich sind. Es gibt allerdings Leute, welche für diese Art von Schönheit kein Gefühl haben, man findet sie unter der gebildeten und ungebildeten Klasse und sehr häufig unter den quasi zarten Mädchen, die aber mit Korsetts und Schnüren ihr Herz unterbunden haben und nun nichts mehr sind als oben dünn und unten dick.»

«Eh aber, Papali», sagte die Mama, «du wirst ja recht boshaft, e, e, das hätt ich nie von dir geglaubt.» «Was willst, lieb Fraueli, die Welt macht mich dazu, erfahre ich es doch täglich mehr, daß da, wo man am meisten vom Herz redet, die Herzlosigkeit am größten ist, und wo man nur vom inwendigen Menschen redet, die Dinge der Welt am meisten gelten. Doch um auf unsere Sache zurückzukommen, muß ich noch sagen, daß, wo innere und äußere Wohlgestalt und Schönheit sich gatten, ein unwillkürlich Wohlgefallen entsteht und ein Trieb, diesem Menschen wohlgefällig zu werden, und wenn er leidet, ihm zu helfen geistig oder leiblich. Ein solcher Mensch wird, wenn er stirbt, am innigsten beweint, leuchtet noch lange im Widerschein der Liebe wie die untergegangene Sonne im freundlichen Abendrot. Was Wunder also, wenn unser Doktor ein inniges Interesse an Jowägers Meyeli nimmt! Es ist dem Doktor nicht bloß erlaubt, nein, ich hielte ihm nichts darauf, wenn es nicht so wäre, ich müßte ihn für roh oder abgestumpft halten, und leid wäre es mir, wenn sein Beruf sein Herz schon verhärtet hätte, da gliche er meinem Bruder selig wenig.»

«Ja, ja, es ist schön vom Rudi, daß er ein so weites Herz hat, daß seine Patientinnen alle Platz darin haben, ich wünsche einst seiner Frau Glück dazu, sie ist doch immer in guter Gesellschaft», sagte Sophie. «Ja, mein liebes Kind, einer Frau ist Glück zu wünschen, wenn ihr Mann ein Herz für Andere hat; hat er keins für Andere, so hat er auch keins für sie. An ihr ists, zu trachten, daß sie immer die erste Stelle darin einnimmt, daß sie nicht wird einem abgelebten Despoten gleich, der ein Unflat ist und doch Himmel und Erde für sich in Anspruch nimmt, und zwar von Rechts wegen, den Mann zTüfels macht und doch will, daß er sie für seine gute Göttin hält. Sieh, ich hatte es wie der Doktor, es wird Familienanlage sein; bei was ich war, war ich nicht gleichgültig dabei, nicht kalten Herzens, sondern in lebendiger Wärme war ich bei allem, was ich tat, und namentlich bei allen Menschen, die in den Bereich meines Amtes traten.

Ja, und ich will dir sagen, wenn ein hübsches Bübchen oder ein hübsches Mädchen zum Beispiel in meine Unterweisung kamen, so hatte ich allemal eine helle Freude dran, eine noch größere, als wenn mir prächtige Nelken und Rosen aufgehen im Garten. Freilich geschah mir oft, daß die erste Freude mir häßlich verdorben wurde, wenn über die äußere Hülle der böse Geist seinen eigentümlichen bösen Schein warf; aber sehr oft dagegen ward mir das Äußere alle Tage schöner in dem Maße, als es mir gelang, mit der Hülfe dessen, ohne den nichts geschieht, den bessern Menschen zu entbinden, aufzurichten die Schwachheit und ans Ziel zu fesseln das immer heller werdende Auge. Deswegen, Sophie, ward deine Mutter nie eifersüchtig und blieb mir immer die liebste Blume, die Gott meinem Herzen geschenkt hatte, denn sie eroberte es durch Liebenswürdigkeit alle Tage neu, teilte meine Freuden und war mein Trost in trüben Tagen. Ja, sie ward mir noch mehr, sie ward mein Vorbild. Werde nicht böse, Mama, und wink mir ab, es schadet nichts, wenn die jungen Leute es hören. Sie war mein Vorbild darin, daß gerade wo das abstoßendste Äußere ihr entgegentrat, ihr Mitleid am meisten rege ward, sie diesen Menschen am meisten bedauerte, am eifrigsten zu helfen begehrte. Gerade die Leute, sagte sie, seien am meisten zu bedauern, welche häßlich seien und an der Seele zugleich, die habe hier niemand lieb, und ob sie dort selig würden, liege im Zweifel, das sei doch so schrecklich, das Herrlichste, die Liebe Gottes und der Menschen entbehren zu sollen in der Zeit und in der Ewigkeit. Dieser Leute solle man sich annehmen mit Liebe und Mitleid, gerade wie ja Gott auch der Menschen und namentlich der Juden sich angenommen, die so verstockten Wesens seien, die Liebe sei ja die Wärme, in welcher das Eis der Herzen schmelze. Wenn man solche Leute so recht christlich liebe, so wisse man nicht, ob man nicht ihre Seele retten könnte, daß sie Zutrauen faßten zu Gott und Menschen und Glauben an Möglichkeit und Notwendigkeit der Umkehr. So hat sie es gehalten immerdar, ist freilich oft betrogen worden und ausgelacht, wenn sie so einem unflätigen Menschen aus der Tinte half, der nachher noch siebenmal ärger ward und auf die Dummheit meiner Frau pochte; aber auch mehr als einmal, daß wir es erfuhren, hat ihre Liebe ein groß Werk vollbracht, ist einer armen Seele gewesen, was die Sonne der Erde ist. Da habe ich von ihr gelernt, wie es eine Liebe gibt, welche höher als die natürliche Liebe ist, die aus Wohlgefälligkeit entspringt, und welche der Liebe Gottes verwandt ist, welche eben das Verlorne, das Häßliche am meisten liebt, weil es das Hülfsbedürftigste ist. Aber so weit in ihrer Ausübung brachte ich es nie und mußte oft zusehen, wie meine Frau gutmütig lächelte, wenn der äußere Schein mich anzog, ich mich immerdar zuerst zum Hübschern wandte, während sie es umgekehrt hatte. Aber Streit hatten wir deshalb nie, und, Sophie, es ist nichts Unglücklicheres für einen Mann, als wenn die Frau in der Ausübung seines Berufes ihn lähmt, ihn zwingen will aus Eifersucht, daß er zum schnöden Lohnknecht werde, der kein Gefühl, kein lebendiges Interesse für die Menschen, die ihr Heil, sei es nun geistiges oder leibliches, in seine Hände gegeben, mehr hat.»

Ja, sagte der Vikar, der Mensch täusche sich gar leicht über die Art des Interessens, welche er habe, und wissen könne man nie, wie weit das führe, und da müsse er doch der Jungfer Sophie recht geben, daß man, ehe man durch den Geist geläutert sei, sich vor jeder allzu warmen Teilnahme an irgendeinem Menschen, besonders andern Geschlechtes, zu hüten habe. Wenn nun da eine erleuchtete Frau, welche den rechten Unterschied zu machen wisse, die Schritte ihres weltlich gesinnten Mannes überwache, so habe sie vollkommen recht. «Herr Vikari», sagte der Doktor, «steht nicht an einem Orte: ‹Wer glaubt, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle!›? Und wie weit die sogenannten erleuchteten und geläuterten Menschen ihre Teilnahme zu treiben wissen, das, Herr Vikari, kann man an den Muckern und andern mehr lernen. Bhüet Ech Gott und zürnet nüt!»


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