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Zwölftes Kapitel

Wie ein Doktor aus der Haut fahren will und ein Pfarrer ihn wieder hineinstößt

Drinnen in der Stube war Licht und eine mächtige Disputation in vollem Gange; drinnen war der Doktor, der bei Anne Bäbi gewesen war und jetzt mit dem alten Herrn gewaltig stuckete und derselbe mit dem Doktor.

Der Doktor war ein junger, geistreicher und begeisterter Mann, der durchaus seinem Beruf sich hingab, in ihm und für ihn lebte. Er dokterte nicht, um leben zu können, er lebte, für zu doktern; er dokterte nicht um des Geldes willen, nicht um der Ehre willen; er hätte Geld machen können wie Heu, Stadtdoktor oder gar Professor werden, aber das tat er alles nicht, sondern setzte für jeden seiner Patienten alles ein, was er hatte, Geld und Leben. Keine Nacht war so strub, die ihn abhielt zu gehen, wenn irgendwo Gefahr war, und nie kam er zu müde heim, um nicht noch die Mittel zu besorgen, welche sobald als möglich angewendet werden sollten. Wo Bedrängnis war, nahm er nicht nur kein Geld, er gab noch; daher wartete er Reiche und Arme mit gleicher Treue, und der Zulauf, den er hatte, war so groß, daß er in krankhaften Zeiten vormittag und nachmittag ein Pferd müde ritt oder fuhr.

Aber einen eigensinnigen Kopf hatte er auch, heftig war er, wunderlich ebenfalls, bei der größten Gutmütigkeit, fromm war er auch, denn er war ein treuer Knecht seines Herrn, aber er hatte eigene Ansichten, er war kein Materialist, doch frug er allem Kirchlichen nichts nach, und die Geistlichen hatte er durchweg auf der Mugge, und wo er einen bei einem Kranken antraf, da schnitt er Gesichter eine neue Ell lang. Er behauptete immer, er wisse es allemal am Puls eines Kranken, ob ein Pfarrer bei ihm gewesen sei oder nicht, und wenn er für einen Kranken das Möglichste tue und für sein Leben verantwortlich sei, so wolle er an seinem Bette auch alleine Meister sein. Wo er auch nur von Ferne die Einwirkung eines Quacksalbers merkte, da blieb er weg: er wollte nicht, daß ihre Lümmeleien ihm in die Schuhe geschoben würden, sagte er, und habe man nicht Zutrauen zu ihm, so sei er fertig. Da er so gut und treu war und ihn niemand, der ihn einmal erfahren hatte, gerne verlor, so hatten die Quacksalber um ihn herum wenig oder nichts zu tun, sie ließen weder bauen, noch kauften sie Äcker aus ihrem Blutgelde.

Man kann sich denken, was er sagte, als er zu Anne Bäbi kam und das Vorgefallene vernahm. Freilich sagten die guten Leute nicht: «Der Vikar ist schuld»; sie wußten nicht, war das gefehlt oder nicht vor dem Doktor, und fehlen gegen irgend jemand, das vermieden sie mit der größten Ängstlichkeit. Dem Doktor ward aber der innere Zusammenhang auf der Stelle klar, und wenn ers auch um seines Onkels willen nicht sagte, so fluchte er doch mörderlich innerlich. Er verbot auf das strengste, jemand, der nicht zum Hause gehöre, zu Anne Bäbi zu lassen, und wohl zu achten, was es rede, und so wenig als möglich ihm zu widersprechen, wohl aber, wenn es zu reden anfange, seine Gedanken auf unschädliche Dinge zu lenken zu suchen. Er sagte, sie sollten nicht Kummer haben, aber getreu folgen, was er befehle, nichts dazu-, nichts davontun, gäb wie sie das Eine oder das Andere gelüste, machte den gehörigen Verband, und da der Aufregung und dem Blutverlust eine bedeutende Abspannung gefolgt war, so wollte er für das Weitere die Nacht abwarten. Das alles sagte er nicht vor der Kranken; aber die größte Mühe hatte er, Mädi zu verhindern, in der Stube vor der Kranken alles mögliche zu stürmen, was ihm von der Kranken auf dem Herzen war, und was es von dem Vorgefallenen wußte.

Er jagte es endlich förmlich hinaus, und ehe er fortging, nahm er sie noch alle in eine andere Stube und hielt ihnen eine lange Kapitelten über den Unsinn, einen Kranken zu betrachten wie einen Klotz Holz, der weder etwas höre noch etwas schmöcke, und nun vor ihm alle seine Umstände und Zustände zu verhandeln, ob er leben oder sterben werde, zu- oder abnehme, geduldig oder ungeduldig sei, oder gar, ob es wohl oder übel gehen werde, wenn er sterben könnte. Vor Gesunden tue man das nicht, warum dann vor Kranken, die unendlich empfindlicher seien und alles schwerer nähmten als die Gesunden, so daß er überzeugt sei, mancher Mensch sei an den Reden gestorben, die man an seinem Krankenbett gehabt, und nicht an seiner ursprünglichen Krankheit. Ganz besonders aber in solchen Zuständen, wie Anne Bäbi sei, müsse man auf die sorgfältigste Weise jedes unbesonnene Wort vermeiden, das die noch vorhandene Glut anblasen könnte. Sie hätten ihm es ja selbst angedeutet, Worte hätten es in diesen Zustand gebracht, darum sollten sie doch ja recht sich in acht nehmen und durchaus nichts vor ihm verhandeln. «Dr Dokter chönnt no recht ha», sagte Hansli, «mi het süst geng nit Sorg gnu könne ha mit em Rede, daß ds Für nit i ds Dach chömm, u dWort hey teuf griffe; drnebe wärs notti e guti Frau gsi u het ghuset us no gut gmeint drnebe.»

«So», sagte der Doktor, «um desto mehr müßt Ihr Euch jetzt doppelt und dreifach in acht nehmen, und Euch binde ich sie ganz besonders auf die Seele», sagte er zu Meyeli, das in einer Ecke saß und sein klein Meyeli säugte. «Aber was fehlt Euch?» sagte er. «O nichts», sagte Meyeli, «ich bin nicht krank.» «Die Leute meinen oft, sie seien nicht krank», sagte der Doktor, «und es wäre doch die höchste Zeit, dazu zu tun; aber wenn sie niemand aparti fragt: ‹Wo fehlts? Un was hest? › so sagen sie nichts, bis es zu spät ist. Wenn ich in ein Haus komme und sehe so etwas, so frage ich. Wenn ich in des Nachbars Haus komme und sehe Feuer im Stroh, ich lösche auch, und es ist mir nicht um den Lohn fürs Löschen, sondern um des Nachbars Haus. Tut man das an einem Hause, wo man doch akkurat ein gleiches bauen kann, sollte man das Gleiche nicht an einem Menschen tun, dem man das Leben, wenn es einmal dahin ist, nicht wieder geben kann? Darum, Fraueli, fehlt Euch nichts? Es wäre ja schade um Euch, solche gibt es nicht alle Tage.» «Herr Doktor», sagte Meyeli, «es fehlt mir wäger nüt, weder so müd bin ich, die Glieder sind mir so schwer, und doch kann ich nicht schlafen, und Mut habe ich nicht mehr wie ehemals. Aber die Hebamme hat gesagt, ich sollte bald wieder abführen, und wenn sich die Ägersten wieder zeigen, so wär zAder la vielleicht nicht bös, das Blut sei nicht gut, und es sei gut, wenn man es herauslasse und neues pflanze.»

Der Doktor ward ganz rot; wahrscheinlich fluchte er wieder mörderlich innerlich, und als er innerlich fertig war, begann er erst laut zu reden und sagte: «Frau, wenn jemand schwach ist, so muß man ihn nicht noch schwächer machen, und wenn jemand ohnehin wenig Blut hat, ihm nicht noch das Blut nehmen, was er hat. Laxiere und Blutlassen greift ja allemal an und schwächt; der stärkste Mensch fühlt es ja, geschweige denn ein schwacher. Wißt Ihr, Frau, was Ihr vor allem tun müßt? Ihr müßt das Kind entwöhnen. Solange Ihr säuget, werden die Säfte zu Milch statt zu Blut, und je mehr Ihr Milch habt, um so magerer werdet Ihr. Nicht zusammengezählt, liebe Frau, könnt Ihr das an jedem Tiere abnehmen, je mehr es Milch gibt, desto magerer wird es, und jedes Tier entwöhnt seine Jungen zu rechter Zeit; es läßt sich nicht aussaugen bis auf das Blut. Merkt Euch diesen Ausdruck, der ist nicht von ungefähr erfunden worden.»

«Herr Doktor, etwas recht mögt Ihr haben», antwortete Meyeli. «Als ich den Bub säugte, gings mir auch fast so, und sobald ich ihn entwöhnen mußte, wurde ich wieder zweg und lustig, fast wien es Meitschi, aber zselbisch ischs angers gsi. Aber jetzt durete mich das arm Kindli, ich habe noch sövli Milch, un es lebt so wohl dra, un de ist ds Etwenne sövli e handligi Sach, un wer wett Zyt näh drzu, jetz, wo me sövli z'sinne u z'tue het.» «Aber glaubt Ihr mir», fragte der Doktor, «es würde Euch bessern, wenn Ihr entwöhntet?» «Es wär müglich», sagte Meyeli, «emel ds vorigmal ischs grad besser cho, aber zselbist het die Großmutter mr zum Bubeli selig glueget; aber wer wett mr jetz zum Meiteli luege, wo me geng bir Mutter sy sött?»

«Gerade das ist die beste Zeit», sagte der Doktor, «aber auch die höchste Zeit. Fahrt Ihr fort zu säugen bei Strapazen Tag und Nacht, so kann es morgen, übermorgen über Ort mit Euch gehen. Denn seht, da weiß man nie, wo die Scheide ist zwischen Leben und Tod. Darum muß man umkehren, sobald man merkt, daß man dagegen zugeht. Ist man einmal darüber, so helfen alle Künste nichts, und nicht einmal mit Hexen kömmt man wieder bergauf. Noch seid Ihr nicht darauf, aber zur Umkehr ists Zeit. Denkt, wenn Ihr krank würdet, nicht mehr nachmöchtet, da wäre ja doppelte Abwart nötig, und wenn ds Kind seine Mutter verlöre, so wäre das unendlich mehr als nicht mehr saugen können. Es ist nur ums Ablegen einer Gewohnheit, bei Milch und etwas Essen ist das Kind immer so wohl, und ihm geht nichts ab. Gebt das Kind der sturmen Jungfrau da, wo schwatzen muß, und wenn sie obenaus nicht mehr könnte, es untenaus probierte; sie soll es einige Tage haben, und Ihr, Frau, geht in die Stube zur Mutter, wohin die Magd mit dem Kinde nicht kommen kann, so macht sich die Sache von selbst, und allen ist geholfen.»

«DSach wär recht», sagte Hansli, «aber zNacht, am Tage wolle er nichts sagen, gehe er nicht von seiner Alten weg. Dreißig Jahre fast seien sie in gesunden Tagen beieinander gewesen, und wenn er auch etwas zu gruchsen gehabt, so sei sie auch nie aparti ga ligge, un öppis angers wolle er jetzt nicht machen. U mi söll nit Kummer ha; wenn es si rühr, so merk ers scho.» Das sei noch besser, sagte der Doktor, so habe die junge Frau des Nachts Ruh, und am Tag, wo sie abwarte, da sei die Unruhe auch nicht so groß, denn er denke, die Mutter werde so unruhig und plaghaft nicht mehr sein. Meyeli hatte noch manche Einwendung, und namentlich die Übergabe des Kindes an Mädi, dessen Launen man nie trauen konnte. Aber Jakobli redete stark ein und versprach, selbst zum Kind zu sehen so viel möglich und Mädi unter Aufsicht zu halten, und er vermochte viel über ihns, von wegen alte Liebe rostet nicht.

Als man Mädi die Sache vortrug, sagte es, es sei doch kurios, daß es jetzt zu etwas gut sein solle; zun ere alte Frau, wo doch nimme sövli viel an ere glege syg, well mes nit la, aber es King, wo alli dr Narre an ihm gfresse heyge, das wohl, das well men ihm gä. Aber es heygs scho lang gmerkt, daß mes ume kujoniere well. Wes de a Notknopf chömm, wohl, de syg Mädi wieder gut. Aber es sei ihm gleich, es wolle das King nehmen; we me doch sövli wüst gege ihm sy well un ihm ds Suge nimme gönne, so wär doch niemere, der si synere erbarmeti. Aber wes de brüll, su söll ihm de niemere dNase zucheha u öppe säge, es heygs gklemmt.

Erst als alles dieses fest bestimmt, ausgemacht und bereits in Kraft getreten war, verließ unser Doktor das Haus. Er hatte nur gar zu oft erfahren, daß, wenn er etwas angeraten, die Leute ihm den besten Bescheid gaben, und kehrte er den Rücken, so hatten sie es vergessen oder verlachten es und taten es natürlich nicht; denn von Gehorsam gegen den Arzt haben die wenigsten Leute einen Begriff, und namentlich die Berner nicht, denen überhaupt Gehorsam nicht ihre starke Seite ist, denn die folgen verflümeret ungerne, und ehe sie es tun, schlagen sie erst hinten und vornen aus wie junge Fülli. Der Arzt habe den Züg zu geben, meinen sie, ums Weitere sich aber nicht zu bekümmern; sie aber geben den Züg dem Kranken, wenn es ihnen gefällt, oder wie es dem Kranken selbst beliebt, manchmal auf einmal, was während zwei Tagen genommen werden sollte, manchmal alle ander Tag einen Löffel voll, statt alle Stunden einen.

Manchmal ratet der Arzt nicht bloß, er befiehlt und geht. Kömmt er wieder und fragt: «Habt ihrs gemacht?» so heißts: «Herr Doktor, mr hey du denkt, mr hey du glaubt, hey gmeint, gsinnet», kurz, eine Menge Dinge, um die Sache nicht zu machen, welche der Doktor befohlen hatte. Jetzt erst macht der Doktor Beine und läßt den Befehl in seiner Gegenwart vollziehen oder wenigstens dessen Vollzug beginnen. Der Mensch ist nämlich ein wunderlich Ding, und was ihm Mühe macht, ihn aus der Gewohnheit bringt, das ist ihm zuwider, das schiebt er auf, das mag er nicht.

Nun gibt es viele Leute, die ihr Lebtag nichts sinnen, denken, glauben, als warum sie eine befohlene Sache nicht zu tun brauchten. Hört man sie, so dächte man, sie säßen beständig ob dem Sinnen; es ist aber bloß ein Verneinen dessen, was sie sollen, was ihnen und Andern gut wäre. Es gibt Knechtlein und Mägdlein, die alles unter den Händen vergessen, und fragt ihr sie, warum dies, jenes nicht getan sei, so haben sie entweder gsinnet oder denkt oder gmeint oder glaubt. Diese Redensarten gehen noch viel weiter hinauf. Darin fand wahrscheinlich einmal ein Oberst Grund zu dem Tagesbefehl: «Ein Soldat soll nichts glauben, soll nichts denken, soll nichts meinen, soll nichts sinnen, ein Soldat soll nur gehorchen!» Es lag Sinn in diesem Erlaß.

Als der Doktor fort ging, sagte Hansli: «Dä gfallt mr nit so bös, er ist e kurlige und e guraschierte, u gfluechet het er doch nit; das chann ih afe hasse bi de Krankne ume. U uf em Vikari het er o nit viel, er hätt sust nit ds Rede vrbote; er het wohl gmerkt, was dSchuld isch. He nu so de, wes ume besseret u dSach nit öppe z'fast unger dLüt chunnt.»

Im Pfarrhause hatte man den Vetter schon lange mit Verlangen erwartet; denn so in einem Pfarrhause hat man so auf einem Vetter sehr viel, überhaupt die Vetterschaft noch hoch in Ehren. Wenn auf irgendjemand, der von ferne nur verwandt ist, die Rede kömmt, so wird sicher allemal hinzugesetzt: «Es isch e Vetter, e Bäsi vo mr, frylich wyt use»; ja, so sagt man selbst, wenn der Vetter im Blauhaus und die Bäsi im Spital ist. Ist aber an einer Bäsi leicht etwas Gutes oder ein Vetter in irgendeinem Ansehen, so wird mit wahren Freuden davon gesprochen, und wenn so ein Vetter kommen will, so weiß es das ganze Dorf vorher, besonders der Metzger, der, es weiß kein Mensch wie oft, gefragt worden ist, ob er dann und dann frisches Fleisch habe, dr Vetter chömm.

Diese verwandtschaftliche Herzlichkeit ist nicht mehr Mode, gehört nicht zum guten Ton, vielmehr unter die Dinge, um welcher willen der Städter den Landbewohner vornehm über die Achsel ansieht, auch der Vornehme den Gemeinen mitleidig belächelt. Aber eben diese warme Herzlichkeit sticht so wohltätig ab gegen die vornehme oder städtische Kühle, die doch am Ende nichts ist als glasierte Selbstsucht. Man mag sich nur mit sich selbst abgeben, höchstens mit seinen Kindern, dem Rest fragt man nichts nach; 's ist nur Schenur dabei, und Gott weiß, welche Last. Es ließen sich recht hübsch die Dinge zusammenstellen, um welcher willen der Städter andere Menschen über die Achsel ansieht, es würde ein sehr merkwürdig Ergebnis sich herausstellen.

Wenn man aber einen solchen Vetter lange umsonst erwartet, so brummt man nicht schlecht über ihn, empfängt ihn aber dann auch umso herzlicher, wenn er einmal erscheint. Schnippisch empfing ihn vor dem Hause Sophie und begann einen weidlichen Zank, wie sie es unter sich gewohnt waren, zwischen welchem hindurch mancher Funke blitzte, der Zeugnis gab, daß nicht Haß des Zankes Grund war. «Rudi, du bist immer der gleiche Zaaggi und Dreißi, und wenn du einmal an einem Orte bist, so kannst du nicht mehr fort, besonders wenn etwas Hübsches im Hause ist.»

Rudi konnte nicht antworten; schon mußte er die Tante grüßen, dann den Onkel, und dann diesem Bericht geben über Anne Bäbis Zustand. Diesen fand er nicht schlimm, nur müsse man wissen, ob seine gegenwärtige Ruhe Schwäche sei oder Verstellung, und da es nichts rede, so wisse man nicht, was in ihm vorgehe, und um die Sache in einigermaßen zu beurteilen, müsse man wissen, ob etwas der Art in der Familie sei, und ob die Frau schon früher Anlage dazu gezeigt. Der Pfarrer sagte, in der Familie sei durchaus nichts, überhaupt sei die Art Krankheit in seiner Gemeinde nicht heimisch, er wisse sich nicht zu erinnern, daß ein Fall dieser Art sich zugetragen. Von Anne Bäbi habe er nie gehört, daß dasselbe Anfälle der Art gehabt. Der Doktor bemerkte, der Mann habe doch selbst gesagt, es hätte immer die Sache teuf genommen und allem hert nahgsinnet, und das wolle ihm doch fast vorkommen wie eine langjährige Anlage, welche jetzt sich entwickelt habe und ausgebrochen sei.

Er sehe das nicht so an, sagte der Pfarrer. Anne Bäbi gehöre unter die Klasse Menschen, deren Kopf so eng sei, daß sie nur eine Sache fassen könnten, und diese Sache fülle ihn ganz; etwas anderes sinnen und denken als dieses können sie nicht, so scheine allerdings die eine Sache sie tiefer zu ergreifen als andere Leute, welche von mehreren zugleich bewegt würden. Deswegen aber sei es nicht, daß diese Dinge gar teuf griffen, bleibender als bei Andern einwurzelten. Es möge wohl zuweilen geschehen, aber Regel sei es nicht. Man sehe im allgemeinen nirgends schnellern Wechsel als bei so beschränkten Menschen. Vernünftige Gründe seien die tiefen Wurzeln in des Menschen Seele; wo diese nicht seien, da bewege das ganze Leben des Menschen sich auf der Oberfläche der Seele und schlage seine Wellen hin und her nach dem wehenden Winde, den Zeichen und Mondesvierteln; wohl schnappten da die Wellen zuweilen über, kehrten aber bald wieder in ihre Ufer zurück. Je beschränkter, einfältiger, von der Sinnen weit abhängig ein Mensch sei, desto veränderlicher sei er in Liebe und Haß, desto öfters wechsle er seine Freunde und seine Feinde, tausche die einen gegen die andern aus, erhebe heute den einen gen Himmel, morgen finde er ihn in keinen Schuh mehr gut, heute heule er sich fast zu Tode, und bald darauf jage er etwas anderem nach.

Er glaube, daß bei Leuten von Anne Bäbis Art solche Anfälle weit weniger gefährlich seien als bei Leuten, deren Seelen weicher und tieferer Eindrücke fähig seien. «Ich glaube, die Verzeichnisse der Irrenhäuser würden meine Ansicht bestätigen. Übrigens hat eben auch Anne Bäbi allerdings immer an einer Sache mit aller Beschränktheit gehangen, aber diese Sache ist nicht die gleiche geblieben, sondern sie hat gewechselt. Erst ist es an seinem Kinde gehangen, dann an dessen Hochzeit und hat mit derselben das Kind fast umgebracht, und diese Hochzeit war so ungereimt als möglich und akkurat so, als ob sie Anne Bäbis größter Feind erdichtet hätte. Dann ward ihm die neue Sohnsfrau lieb, und bald darauf verwechselte es dieselbe mit ihrem Kinde und hätte sie um des Kindes willen zu Tode plagen können. Jetzt stirbt das Kind, nun hat es nichts in sich, und es ist kein Jammer entsetzlicher als der eines plötzlich ganz öde gewordenen Herzens.

Nun kömmt unglücklicherweise mein Vikar dazu und wirft in dieses öde Herz hinein einen Gedanken, gibt dem formlosen Jammer eine bestimmte Richtung, aber leider eine ganz andere, als er will. Und das geschah umso leichter, da Anne Bäbi nicht gewohnt ist, daß man ihm abputzt, ihm so obenherab wie vom Throne die Leviten liest, also solche Worte umso greller und erschrockener auffassen muß; zu allem dem kam natürlich die körperliche Aufregung durch Weinen, Abwart, Schlaflosigkeit, Störungen vielleicht im Blutumlauf, was meist vorangeht oder doch dabei ist. So stelle ich mir den Gang der Dinge vor; in die geheime Werkstätte unseres Wohles und Wehs, woraus die Gedanken aufsteigen, die unser Tun leitenden Kräfte, gleichsam die Dämpfe, welche die ganze Maschine in Bewegung setzen, sehe ich freilich nicht. Aus diesen Gründen halte ich die Krankheit nur für vorübergehend, die so schreckliche Folgen hätte haben können und jedenfalls immerdar eine sehr trübe Rückerinnerung für diese Familie sein wird.»

«Ja, Onkel, das meine ich auch», sagte der Doktor, «und daran ist Euer Vikar schuld; ich möchte das nicht auf dem Gewissen haben. Da hat man wieder einmal ein Beispiel, was Geistliche in der Krankenstube können, excüse, Onkel! Es gibt bei allen Sachen Ausnahmen. Aber wunderselten wirken die Herren nicht nachteilig auf die Kranken ein. ‹Schuster, bleib bei deinem Leisten!› heißt es; der Doktor gehört zu den Kranken und nicht der Pfarrer.» «Zu wem gehört denn der?» fragte Sophie. «Zu wem er will», sagte der Doktor, «zu allen Leuten, die ihn nötig haben, nur nicht zu meinen Kranken, hier will ich alleine Meister sein, wie ich auch alleine verantwortlich bin. Denn geht es unglücklich, so wird kein Mensch sagen, der Pfarrer hat ihn getötet, sondern der Doktor muß an allem schuld sein. Und wir haben schon so viel Hindernisse in dem Erfolg unserer Kunst, die auf keine Weise sich beseitigen lassen, daß es gewiß niemand verübeln wird, wenn wir wünschen, man möchte uns nicht noch mutwillig solche herbeiziehen, die so füglich zu vermeiden sind.»

«Aber sag mir, Növö, meinst du, es solle kein Pfarrer zu einem Kranken gehen?»

«In der Regel ja, Onkel, es sei dann, daß der Tod entschieden und der Pfarrer ein vernünftiger Mann ist, der den Sterbenden nicht unnötig plagt, aber auch da wäre es besser, er bliebe weg, wenn der Kranke ihn nicht ausdrücklich verlangt. Will er ihn haben, nun meinethalb, der Tod kömmt ohnehin, und wenn der Kranke ihn mit mehr Plage haben will, so habe er es; des Menschen Wille ist ja sein Himmelreich, heißt es.»

«Aber meinst du», fragte der alte Herr, «was der Pfarrer sage, und wovon er rede, das plage nur, verursache Schmerzen?» «Das ist allerdings meine Ansicht», sagte der Doktor. «Der Kranke muß liebreich behandelt werden, dafür sorge ich nach Möglichkeit, dann müssen Ruhe, geistige und körperliche, und Heilmittel das übrige tun. Und wenn ich sterben sollte, so möchte ich in vollkommener Ruhe sterben, ohne daß mich hier Einer etwas fragt und dort ein Anderer tröstet; und was ich für mich wünsche, das möchte ich auch andern gönnen, und wenn ich irgendwo das Unglück haben sollte, einen anzutreffen wie Euern Vikar, so spaziert derselbe zur Türe hinaus, und wenn dieselbe zu weit abhanden ist, zum Fenster.»

«Und ich, Rudi, wenn du mich antriffst, zu welchem von beiden muß ich hinaus?» fragte der Pfarrer.

«Ihr seid doch nicht böse, Onkel, und bezieht dies auf Euch?» antwortete der Doktor. «Ich weiß ja wohl, daß Ihr ein vernünftiger Mann seid und nicht meint, Ihr müsset bei jedem Kranken assistieren und während der Doktor den Leib platzet für die Seele ein Hühnerstegli zwegmachen, Ihr laßt den Doktor machen und kommt ihm nicht ins Gehäge.» «Nennst du des Doktors Gehäge das Krankenbett?» frug der Pfarrer. «Allerdings», antwortete der Doktor, «was sonst?»

«Ja, da bin ich schon gar oft darin gestanden, und wenn du nicht so weit von mir entfernt wärest, so hättest du mich schon oft darin angetroffen, und da hätte es mich doch wundergenommen, was du mit mir angefangen. Aber daß das Krankenbett nur euer Gehäg sei, verneine ich durchaus und halte dich auf deine Art für ebenso einseitig als den Vikari; auch du wirfst den Kübel samt dem Kinde um. Während er Platz haben will, um mit der Seele zu fechten ohne Rücksicht auf den Leib, hast du nur den Leib im Auge und willst dich eigenmächtig in den Alleinbesitz des Krankenbettes setzen. Und sehr merkwürdig ist, daß der Vikari, der nur mit Seelenheil hantieren will, materieller Art ist und viel auf dem Leiblichen hält und für seinen Leib größere Angst hat als für seine Seele, die er für gerettet hält, während du, der seine Mitmenschen nur beim Leibe fasset und für diesen alle Rechte fordert, der du der erste Materialist scheinst, für dich sehr geistig bist, Leib und Leben in die Schanze schlägst, materiellen Genüssen wenig nachfrägst, aber der höchsten Anstrengung und Aufopferung fähig bist, eigentlich für dich doch mehr im Reiche der Ideen lebst als auf Erden. Und während deine Natur so hoch dich stellt, pflanzest du die Fahne einer Art rohen Naturalismus am Krankenbette auf und gehörst also eigentlich auch zu den Ärzten, die eben durch diesen Naturalismus und Kunstprahlerei die Masse der Menschen zu den Quacksalbern treiben, sich selbst allen Kredit rauben. Nur wird dieses bei dir weniger sichtbar als bei vielen andern, weil deine Natur eine andere ist als dein System, weil dein hervorleuchtend geistig Wesen den Leuten ebenso wohltut als deine Mittel und deine aufopfernde Treue dir eine höhere Glaubwürdigkeit verschafft als deine Kunstfertigkeit, während so viele Ärzte in Natur und System Materialisten sind und ohne Treue und Teilnahme nur ums Geld doktern, und wo nun dieses sichtbar wird, da fehlt in der Not auch der rechte Glaube.»

«Lieber Onkel, Ihr sagt mir da wunderliche Sachen durcheinander, Komplimente und Scheltungen, gute Sachen und unglaubliche. Daß wir die Quacksalber machen, daß das Volk uns geistlich will, das sind seltsame Aussprüche. Aus des Volkes Dummheit stammen die Winkelärzte, und wer ihns am besten heile, das fragt das Volk, und nicht, wer am schönsten beten könne.»

«So scheint es», sagte der Pfarrer, «aber so ist es nicht; anders sieht es in der Tiefe aus, als man glauben sollte, wenn man den Blick nur über die Oberfläche wirft. Die Bessern unter euch forschen freilich auch nach den Gründen der Erscheinungen, aber sie finden doch nur die im Fleische, in der sinnlichen Natur liegenden, die, welche aus dem Grunde des Geistes stammen, die übersehen sie, darum werdet ihr so ungerecht, so einseitig und hemmt selbst so vielseitig euer Wirken, und den Spruch Jesu: ‹Ins Himmelreich geht ihr nicht, und die hineinwollen, laßt ihr nicht›, gewissermaßen auf euch anwendend, möchte man sagen: ‹Das Reich des Geistes kennt ihr nicht, und die, die es bebauen wollen, lähmet ihr, schließt ihr nach Kräften aus und treibet gar oft eben deswegen eure Patienten dem ärgsten Aberglauben in die Arme.›»

«Ich begreife Euch nicht recht, lieber Onkel», sagte der Doktor. «Daß ich mit allen meinen Kollegen zufrieden wäre, könnte ich nicht sagen, wahrscheinlich ebensowenig als Ihr mit allen Euern Amtsbrüdern; aber was Ihr mir andeuten zu wollen scheint, glaube ich, sei nicht so, Ihr seht Gespenster, meine ich.»

«Bleibst du da über Nacht, Rudi?» fragte der Pfarrer.

«Ich hätte fast Lust, habe eben jetzt nicht viele Kranke und keine gefährliche. Morgen aber möchte ich frühe da sein, um zu betrachten, ob die Frau nicht aus ihrem äußerungslosen Zustand heraus wolle oder nicht hinauszubringen sei. Aber warum fragt Ihr das so plötzlich, Onkel?»

«Darum, lieber Növö, weil, wenn du fort wolltest, ich dieses Plänkeln, bei dem nichts herauskömmt als Mißverständnisse und Tybeni, abgebrochen hätte; denn wir stehen da im Halbdunkel vor einer Pforte, innerhalb welcher wir einander sicher verstehen werden. Aber hineinzugehen, braucht es Zeit, und drinnen müssen wir uns ebenfalls etwas aufhalten, und was ich nicht ausmachen zu können voraussehe, das fange ich lieber nicht an. Willst du aber da bleiben, so wollen wir eine Pfeife stopfen. Sophie, hole Wein, aber von dem unter der Hurt links, das ist ein alter, frommer und läßt einen nicht hitzig werden.»

Als Sophie hinaus ging, folgte ihr die Mutter. Der Növö kannte das Manöver, nahm die Tante bei der Hand und sagte: «Aber für mich macht mir ja nichts Aparts, durchaus nichts, sonst reite ich auf der Stelle fort!» Sophie drehte sich auf der Schwelle um und sagte: «Häb nit Kummer, mr wey nüt mache, als dr Rübli wärme und Ghäck drzu, wo hüt überblibe ist. Du wirst wohl z'friede sy drmit.» Sie mußten lachen, denn das waren wohlbekannte, dem Növö von Jugend auf verhaßte Gerichte. Indessen erhielt Sophie einen mütterlichen Zuspruch, sie solle doch nicht immer sagen, was ihr in den Mund komme. Es sei so ordlich vom Vetter, daß er da bleiben wolle und ihnen einen heimeligen Abend machen, daß man ihm nicht zur Dankbarkeit unangenehme Dinge sagen müsse, sonst komme er nicht mehr. Sophie sagte, Rudi werde hoffentlich nicht Dokterlis machen und einen Spaß übelnehmen wollen, sonst könnte er bleiben, wo er wolle. Wenn man nicht sagen dürfe, was einem durchs Gehirn laufe, so sei es mit der Heimeligi aus. Aber Rudi sei an so was gewöhnt und habe dem Papa selbst die uvrschantesten Sachen gesagt, es hätte sie nur wundergenommen, daß der Papa nicht böse geworden, sie sei manchmal darauf und daran gewesen, ihm seinen dökterlichen Übermut um die Nase zu reiben. Die Gütterlifürsten täten, als wenn niemand mehr witzig wäre auf der Welt als sie alleine. «Gehe du und hole Wein!» sagte die Mama, «und versäume dich nicht mit Räsonieren; sonst wird der Papa ungeduldig.»

In der Frage «Was ist heimelig?» hat man das freundliche Eingricht um ein Kamin vergessen nach hartem Tagewerk, bei einer guten Pfeife, einem guten Glase und guten Freunden, namentlich ein artig Wybervölkli mit der Lismete. Da wird es einem so behaglich warm, so traulich wohl, so mild bis ins Herz hinein, so friedlich, daß man nicht disputieren, nicht zanken kann; es ist einem nichts als behaglich, nichts als heimelig. Die Kälte ist die rationalistische Temperatur, wo man mit Schreiben und Reden, mit Zanken und Streiten sich zu erwärmen sucht; je mehr einem das Holz fehlt, desto mehr muß man aufbegehren, um warm zu kriegen. Der Vikar war nicht dabei. Als er zwei Lichter im Zimmer sah statt nur einem, war er in die Küche gegangen, und als er dort vernommen, daß der Növö da sei, der bei ihm schon lange in absonderlich bösem Geruche stand, wars ihm, als hätte ihn eine Natter gestochen, und er fuhr hinauf in seine Stube wie der Byswind.

Sie aber unten sädelten sich um den Kamin, brannten die Pfeifen an, machten es sich recht behaglich. Der Növö mußte Pantoffel anziehen, und während ers tat, brachte Sophie noch die Resten von Rübli und Ghäck herein und fragte: «Was meinst, hest gnue dra?» «Allweg», sagte der Doktor. Die Tante aber sagte: «Du bist geng ds glych Säumeitschi!»


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