Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Und wie die Herzen bluten, wenn ein liebes Leben erlischt

Ich weiß es nicht, wenn der Gütterlidoktor an des armen Kindes Leiche gekommen, ob da nicht seine Vermessenheit erschüttert, sein Frevel ihm sichtbar geworden wäre wenigstens innerlich. Anne Bäbi saß da in sinnlosem Jammer, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, wimmerte, weberte, daß es Steine hätte aufsprengen können, und wenn es redete, so waren es furchtbare Worte, die man fast nicht hören durfte. Meyeli flossen still die Tränen, es bezwang sich um Anne Bäbis willen. Aber zu Jakobli, der auch gar weich und wehmütig war und sagte, wenn er gewußt hätte, daß das Bubli sterben sollte, er hätte kein Land mehr bigehrt, ob das wohl ächt dStraf syg für e Hochmut, sagte Meyeli manchmal, wenn es vo wege dr Großmutter ume zeige dörft, wies ihm ums Herz wäre! Das Bübli hätte es manchmal böse gemacht, und es hätte es nicht dörfe erzeige, und da hätte es ihns duecht, es sei ihm fry nüt lieb. Aber in seiner Krankheit sei er ganz ein anderer gewesen und hätte es ihm erzeiget, daß er ihns noch für sein Mütti hielte, und den Blick, mit dem er ihns angesehen, könne es nie vergessen; sowie es in die Stube gekommen, hätte er ihm die Hand dargestreckt, und es hätte ihm nichts helfen können. Es duechs, es well ihm das Herz zerreißen, und müsse es verbergen; es tue ihm das so weh, es möge es fast nicht erleiden. Hansli sagte nicht viel; aber wenn man ihn nicht wußte und suchen mußte, so fand man ihn auf dem Bänklein beim Stall, und wenn man ihn recht ansah, so sah man die Tränen durch die Furchen rinnen.

Mädi ging jammernd ab und zu und redete, wie das böse Gewissen es zu tun pflegt. Wenn das arm King nit vo dem Säftli gha hätt, u wes ihm nit zum Dokter wär, gwüß e Tag früher hätt es sterbe müsse u emel gwüß no ds Halb meh lyde; aber für e Tod syg kes Krut gwachse, u we öpper jung sterbe söll, su werd er nit alt; mi mög mache, was me well, z'zwänge syg da nüt. U sövli wüst möcht es nit tue, mi chönnt si vrsünge. Mi sött geng froh sy, we es King sterbe chönn i dr Uschuld, u wenn es öppe sys Sächli gha heyg uf dr Welt, daß me si nit bruch es Gwüsse z'mache. U sövli nötlig tue wegem e King möcht es nit, wos ungsinnet ja no mängs gä chönn.

Die erste Nacht schlief wohl niemand. So groß war der Jammer nicht, so tief war das Weh nicht, als Jakobli an den Blattern lag, da war nur noch die Angst groß, aber in der Angst war noch Hoffnung; wenn aber der Tod kömmt und aus der Angst die Hoffnung nimmt, dann zerrinnet die Angst zu trostlosem Jammer und Weh. So eine Nacht in tiefem, heißem Schmerz zugebracht fliegt vorüber wie eine Nacht im Rausche der Freude. Man hört keine Stunde schlagen, man vergißt den Ort, wo man ist, man ist in einem andern Lande; und wenn der Morgen kömmt mit seinem blassen Scheine, die Erde unsern Sinnen sich wieder aufdrängt, da ist, als kehrten wir zurück, wir werden bestimmter Zustände uns wieder bewußt, wenn der Tag sich uns aufdrängt mit seiner Pflicht. In des Tages Schein betrachtet man das Entschlafene, aufs neue rinnen die Tränen, aufs neue bricht der Jammer aus; dann wankt das Eine zur Türe hinaus dem Stalle zu, ein Anderes ihm nach zur Küche, ein jedes wird durch seine Pflicht gerufen. Wo aber der Tag kömmt und die Pflicht ruft, und der Mensch merkt den Tag nicht, hört den Ruf der Pflicht nicht, da droht große Gefahr.

Meyeli hatte sich aufgerafft, den belebenden Kaffee bereitet, der nicht nur den Leib erfrischt, sondern auch dem Geiste einen Halt gibt, ihn gleichsam wieder auf die Füße stellt; allerdings auch eine Art Opium, aber eine auffrischende, keine Kraft und Leben verzehrende Art desselben. Jakobli hatte das kleine Meyeli besorgt, es aufgenommen, das tote Brüderchen ihm gezeigt. Aber dasselbe hatte sich alsbald von ihm abgewendet mit einem Dureli (einem zum Weinen verzogenen Gesichte). Die guten Eltern machten ebenfalls eines und herzten das lebendige Kind, im Glauben, es teile ihren Schmerz, es weine ums gestorbene Brüderlein; ihre eigenen Empfindungen meinten sie zu lesen auf des Kindes Gesicht. So liest gar oft der Mensch auf fremdem Gesicht nur das, was im eigenen Herzen sich reget. Das gute Kindlein wußte ja nicht, was Tod, was Leben war; seines eigenen Daseins war es sich nicht bewußt, geschweige denn daß es das Schwinden eines andern begriff; aber es wußte, was das Brüderchen im Leben ihm war, es war ihm die feindselige Macht, welche ihns schlug, ihns vertrieb von der Großmutter Schoß, ihm nahm, was ihm gefiel. So machte es jetzt sein trübselig Gesichtchen, aber nicht aus Schmerz über den Tod des Brüderchens, welches es noch in voller Kraft glaubte, denn daß so eine Kraft enden könne, wußte es nicht, sondern aus Furcht vor ihm und dessen Gewalt; als es von ihm sich wegkehren konnte, lächelte es so freundlich die Mutter an und schmiegte sich an sie, daß auch aus ihrem dunkeln Herzen ein Strahl der Wonne blitzte.

Aber diesem allem achtete Anne Bäbi sich nichts. Bald war es in stummem Weh befangen, aus welchem plötzlich Töne brachen, bald einem wilden Geschrei, bald den Ausbrüchen des tiefsten Schmerzens gleich; dann riß es das tote Kind an sich, küßte es, wollte es aufwecken, und wenn es tot blieb, so ergoß es sich in Lästerungen und Redensarten, welche den Andern die Haare emportrieben. Umsonst sprachen alle ihm zu, umsonst wollte Meyeli es zu Speis und Trank bereden, beides stieß es von sich, gebärdete sich, als ob mit dem Kinde Himmel, Heil und Seligkeit ihm versunken sei.

«Du mußt denk ga agä u luege, we mes vrgrabe chönnt», sagte Hansli zu Jakobli, «u de wird me müsse heiße zLycht cho.» «Muß ih gah?» fragte Jakobli. «Däych wohl», sagte Hansli, «es schickt si neue nit angers. Wer lat taufe, muß dieses o bifehle, er muß es la i ds heilig Wasser trage u i ds heilig Grab, es la yschrybe für dWelt und o für dEwigkeit.» Jakobli legte ein schwarzes Halstuch um, nahm den schwarzen Hut hervor; aber ehe er ging, mußte er noch einmal zum Bettchen stehn, mußte von Herzen sich ausweinen, dann erst konnte er gehen.

Es war ein schwerer Gang. Die ganze Welt schien ihm schwarz wie sein Halstuch, aber noch schwärzer ward es in seiner Seele. Diese schien ihm, während er das einsame Weglein den Weiden nach zum Pfarrhaus hinabging, sich umzuwandeln in einen finstern, weiten Saal, schwarz behangen ringsum, und ringsum setzten sich schwarze Richter, nur der oberste fehlte. Und die schwarzen Richter erkannte er nach und nach alle, es waren seine eigenen Gedanken, die körperliche Gestalt angenommen hatten und jetzt über ihn zu Gerichte saßen, und diese Gedanken zeugeten alle gegen ihn und klagten ihn an. Sie klagten ihn an des Neides gegen sein eigen Kind, das ihn um die Liebe der Mutter gebracht, des heimlichen Zornes, der Schadenfreude bei wüstem Tun desselben, der Hoffnung, die Mutter werde ihre Torheit noch erfahren müssen, des Wunsches, etwas recht Ungattliches möchte der Mutter die Augen öffnen.

Diese und viele andere Klagen erhoben sich gegen ihn. Alle diese Gedanken waren nur flüchtig gewesen, dem Scheine eines Blitzes gleich, geglitten über die Oberfläche seiner Seele, waren entschwunden, wie sie entstanden, hatten weder den Grund berührt noch einen Eindruck hinterlassen, er hatte sie kaum erkannt, so schnell versanken sie oder verflüchtigten sie sich wieder; aber jetzt saßen sie alle da, sichtbar, kenntlich gestaltet, und klagten des Frevels am Leben seines Kindes ihn an, daß er den Tod herbeigewünscht, heimlich an ihm sich versündigt, der geheimen Sünde offene Strafe sei der Tod gewesen. Alles war wider ihn, und noch der Undankbarkeit ward er angeklagt, daß er die Liebe, welche er auch genossen, nicht einmal dem eigenen Kinde gegönnt, und es war ihm, als stünden die schwarzen Gestalten auf, harreten des obersten Richters, öffneten den Mund zu einem dreifachen Weh über den unnatürlichen Vater.

Da saß plötzlich auf dem obersten Richterstuhle in hellem Glanze sein gestorbener Knabe, lächelte mit dem süßen Lächeln, mit welchem er sterbend den Eltern gelächelt, und winkte mit den Händlein den dunkeln Richtern; da versanken sie, Gespenstern gleich, welche der Strahl der Sonne getroffen, er lächelte noch einmal freundlich winkend ihm zu, bot dann sein Händchen einem freundlichen Engel, der bei ihm stund, und entschwand. Jakobli wußte lange nicht recht, hatte er geträumt oder ein Gesicht gesehen. Aber es graute ihm allemal, wenn er davon erzählte, wie seine Seele zur schwarzen Richterkammer geworden und seine flüchtigsten Gedanken verkörpert zu Richtern. Er sagte oft, es nehmte ihn wunder, ob dann eigentlich in jeder Seele eine solche Kammer sei, und was für viele und schreckliche Richtergestalten da sein müßten, wo die Menschen längs Stück nichts dächten, als wie sie einander schaden und töten könnten, wenn bei ihnen auch jeder Gedanke zu einem leibhaftigen Richter würde.

Es war des Morgens zeitlich, als Jakobli ins Pfarrhaus kam. Der Herr war etwas unwohl, noch im Bette, daher brachte Sophie den Jakobli ins Eßstübchen, wo sie eben am Frühstück saßen. «E myn Gott», sagte die Frau Predikantin, als sie das schwarze Halstuch sah, «wer ist euch gestorben? Ich hörte gar nicht, daß jemand krank bei euch sei.» «Ds Bübli», sagte Jakobli, und ds Weinen kam ihn wieder an, daß er längs Stück kein Wort sagen konnte. «Eh aber, was Ihr nicht saget!» sagte die Frau, «das lustig Bubeli mit den schönen roten Backen und dem Kruselhaar, eh aber, was het ihm gfehlt?» «Es grusam Halsweh», sagte Jakobli, «es isch es schröckligs Luege gsi; es het eim duecht, mit sött ihm chönne helfe, u het notti nit chönne, u das het eim fast ds Herz welle zrschryße.» «Heyt dr nüt gmacht, kei Dokter brucht?» «Wohl, mir hey», sagte Jakobli. «Mir hey Züg gha da vo dem Brühmte, wo dSach in ere Guttere gseht, u es wär recht gsi, ds King het ne bsungerbar gern gno. Aber es het nüt ghulfe, es wird so ha sölle sy, daß er nit drvo chunnt, u we e Sach sy söll, was wett me da chönne mache? Aber notti geyht es eim grusam hert, un es duecht eim, mi chönn si fast nit dry schicke.»

Die Frau Pfarrerin dankte dem lieben Gott, daß ihr Mann noch im Bette war. Das war gerade das Kapitel, bei welchem er allemal sehr heftig wurde. «E jedere Totsch, e jedere Uflat, wenn er öppis vrungschicktet oder öppis Schlechts gmacht het, chunnt u seit, es wird so ha sölle sy, u da ist de nüt z'mache, mi wird si müsse dry schicke, und damit sind sie getröstet und fertig», pflegte er zu sagen. Er redete über dieses Kapitel oft in den Predigten, sehr oft in den Unterweisungen, aber er klagte noch öfter, es sei, als ob man an eine Mauer rede, und die Worte dagegen prätschten an dem steinhart gewordenen Vorurteil ab wie Flintenkugeln an einer Mauer von Solothurner Steinen.

Die Frau Pfarrerin lenkte daher rasch ein, ehe ihr Herr dazu oder der Vikar in Zug kam, der nichts dagegen gehabt hätte, daß das Unglück bestimmt und ihm nicht zu entrinnen gewesen, der aber dann dasselbe ausgelegt hätte als ein Gericht Gottes, einen Rutenstreich zur Mahnung, wie not Buße und Bekehrung sei. Frauen haben darin großes Geschick, und nicht nur die hoffärtigen, sondern auch noch andere; es ist, als wenn sie es in sich fühlten, wie in jedem der anwesenden Herzen ein Wort anklinge, und als ob sie jedesmal apartige Eingebungen hätten, was für Worte sie den vorangegangenen nachzusenden hätten, damit es keinen Mißton gebe, sondern einen manierlichen Akkord. Sie sagte: «Wie könnt ihr mich dauern, ihr alle, aber bsunderbar die Großmutter, die hat so große Freude an dem Kind gehabt, das Herz im Leibe hat ihr allemal gelacht, wenn sie nur von ihm reden konnte; das wird die hart halten.» «Oh, schröcklig», sagte Jakobli, «und das macht uns auch noch Kummer; man kann sie gar nicht trösten, sie will nicht einmal essen, nicht einmal Kaffee hat sie genommen und stößt Reden aus, es wird einem ganz angst dabei, man weiß nicht einmal recht, was sie meint, und muß förchte, es könnte ihr noch letz i Kopf cho, Gott bhüet is drvor!» «Wir wollen nicht hoffen», sagte die Frau Pfarrerin. «Ihr habt so ein lustigs Meiteli; sie vergißt es öppe ob diesem, und wenn sie das gut arm Bübeli einmal nicht mehr sieht, so wird sie sich schon darein schicken.» Er wisse es nicht, sagte Jakobli, dMutter faß dSach gar teuf u hert i Kopf, und wenn einmal eine Sache darin sei, so sei sie drin, und schwer sei es, sie vorume zbringe.

«Eh, mi well öppe geng ds Bessere hoffe», sagte die Frau, und Jakobli verrichtete sein Geschäft und ging dann noch zum Totengräber, ein Grab zu bestellen, zum Tischmacher für einen Sarg, zum Schulmeister für eine Leichenrede. Da erfuhr er es, was schwere Gänge sind im Leben. Er hatte deren auch schon getan, wie er meinte, aber gegen diesen wog keiner etwas. Es war ihm, als trage er ein Kreuz, und das werde so schwer, daß er einsinken müsse darunter, und niemand sah er, der es ihm abnahm. Und wenn ihn die Leute schon frugen: «Eh aber Jakob, was hets gä?» und er brichten mußte und sie trösten wollten, so machte das sein Kreuz nicht leichter, sondern jeder Bericht, den er geben mußte, schien demselben einen Zentner beizulegen. Und doch war auch das noch nicht der schwerste Gang, der Gang zum Grabe war noch schwerer. Es war ume es King; aber als es ihm versenkt wurde, da schien es ihm, als versenke man ihm alles, es war nicht bloß sein Kind, es war sein Stab, seine Stütze, an dem er sich aufgerichtet, und sein Leben schien ihm wieder zusammenzusinken, wie ein Körper zusammensinkt, dem der Geist entwichen.


 << zurück weiter >>