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Achtes Kapitel

Großmütterliche Pädagogik

Meyeli sah dem Ding mit großer Freude zu, mischte sich aber nicht darein, außer daß es Jakobli noch lieber hatte als früher und noch öfter das häusliche Dunkel mit lustigem Wesen und heitern Worten erhellte. Seine Zeit nahte wieder, und richtig hatte die Hebamme zu Ader gelassen und gesagt, es sei fry nötig, das Blut sei so wild, das hätte sich nicht stillegehabt, wenn man alles beisammen gelassen, jetzt werde es wohl zahmen. Anne Bäbi war etwas unwirsch, das erwartete Kind war ihm nicht ganz anständig, es betrachtete dasselbe als eine Art Usurpator, der in das legitime, bereits besessene Erbe seines Buben fiel. Großeltern haben das oft so, allein sie sollten sich halt darein schicken, weil sie nichts daran machen können; das können nun freilich nicht alle und tun wüst, was lätz ist. Anne Bäbi brach nicht aus, aber hatte es nur wie oft, war hässiger als sonst und wußte nicht warum. Indessen klopfte es doch den Mundurrock aus, machte ihn zweg, versäumte überhaupt keine der großmütterlichen Pflichten; aber wenn dabei sein Bub plärete, so sagte es: «Ja, plär ume, du arms Bübeli, du merkst schon, wie übel es dir geht, sövli witzig hätte ich dich doch nadisch nit geglaubt; aber wart ume, solang ih lebe, sollst du dich öppe nit z'erchlage ha, u de nache wird dr öppe öpper anger luege. Mynetwege, wenn ih de nimme drbybi u nimme gseh muß, wies geyht, su isch mr de graglych, gangs de mynetwege, wies well!»

Es wohlete Anne Bäbi erst, als ein Mädchen geboren wurde. «He nu so de», sagte es, «um so minger machts, eys meh oder minger der Gattig käm endlig nit druf a, son es Meitschi heyg nüt z'bidüte gegen e Bub. Mängisch chöme si eim no chummlig, aber notti hätts aparti kes bigehrt; es gäb de mängisch so Gexnase, wo dNase i allem ha welle u ds Mul i alles häyche u eym ds Tüfels Vrdruß mache. Un es syg nüt wüster am e Meitli, als wes i alles ychered u alles gmeistere well. Mi chönn de däyche, wie das gah werd, wes manni, wo dWyber ungedüre müsse u schwyge, wes gut gah söll. Darum müsse das chly Krötli o dadüre, wo es müsse heyg, sagte es; seine Mutter sei eine witzige Frau gewesen und hätte es auch bei ihm gemacht, und es sei gut gekommen.

Somit nahm Anne Bäbi das neugeborne Kind und legte es eine kleine Weile unter den Tisch. «So», sagte es, als es das kleine Ding, welches mörderlich schrie, wieder hervornahm, «so wirds dich jetzt lehre demütig sein dein ganz Leben lang, es mag dir kommen, zu was es will; mir ists auch wohl gekommen, daß ich es konnte. Es weiß kein Mensch, wie es mir sonst gegangen wäre; Hansli ist afangs so prüßisch gewesen, man hats fast nicht bei ihm ausgestanden, all Bott hat er gesagt: ‹Dä Weg muß es gah oder diesen Weg, u du söttisch das mache oder äys mache.› Aber wohl, ih ha ne du angers brichtet. So brüll recht!» fuhr es fort, «das schadet dir nicht, ds Konträri, je meh de jetz brüllist, dest besser lehrst schwyge, we d groß bist, u wohl wirds dr cho. De lue, wenn ih dGroßmutter a dr sy söll, su mußt mi rühig la mitrede. Es ist nüt wüster ire Hushaltig, as wenn alles rede will; we eys oder mynethalbe zweu rede, es isch meh weder gnue. Dr Hansli han ih afe gwent, aber es git dere, die sy nüt z'brichte, u ds Mul geyht ne i Gottsname geng; es duecht mi mengisch, ih möcht furtlaufe, u we es Mul zuging oder zweu, es wär mr ds Halb bas.»

Es kam Anne Bäbi wohl, daß Mädi nicht in der Stube war, es hätte sonst an sich selbst erfahren können, was viel Reden kann. Die Hebamme aber gab ihm vollständig recht und erzählte, während sie ihre Geschäfte verrichtete, mit geläufiger Zunge, wie hier und dort es auch gut gewesen, wenn man die Meitleni zu rechter Zeit unter den Tisch gelegt hätte, wie sie hochmütig seien, alles an die Hoffart hingen us all Lüt wunger nähm, wie lang das no gang. Da sprang sie auf ihre Meitleni über, wie sie es mit denen auch so gemacht; man hätte ihr die auch unter den Tisch legen müssen u no fry lang, u jetz chönn me se um e Finger lyre, u kes Wort heyg ere no kes widerredt, aber drfür syge si o brühmt, si hätte scho alli chönne manne, u de nit öppe ume so dreikrüzerig Burste, aber sie heygs nit welle tue. Wofür heyg me dKing, we si grad vo eym laufe welle wie dLüs vo de Bettlere!

Mit der Taufe wurde nicht soviel Federlesens gemacht wie mit der ersten, doch versäumte auch hier Anne Bäbi eine Vorsichtsmaßregel nicht, welche bei Meitlene bsungerbar nötig sei, wie es sagte. Als man das Kind zur Taufe fäschete (einwickelte), band Anne Bäbi ein dünnes Scheibchen Brot und ein dito Käse ein und sagte: «He nu so de, su wirst öppe, so Gottel, nie Mangel leiden, sondern geng öppe gnue z'esse ha. Bi Bube ist das öppe nit sövli nötig, ih meine, bi Lüte, wo öppe ihri Sach hey un es Nest für die Junge, daß si o öppe wüsse, wo sy, aber bi de Meitlene weiß me öppe nie, wies ne geyht, u wie sis astelle, die Drecklöcher. Gäb wie me meint, mi lueg öppe, hanget eys am ene Hudel un ist ds Tüfels für syr Lebtig u het nimme z'byße u z'breche, daß me si synere schäme muß u niemere säge darf, daß es eym öppis ageyht.» So ward das Kind mit Käs und Brot zur Kirche getragen und Mareili getauft. Der Großmutter zu Ehren wollte man es Anne Bäbi taufen, sie aber wollte nicht und sagte, sie begehre nicht, es duech se, es sei einstweile genug an einem Anne Bäbi; wenn dä chly Krott o so hieß, su chönnt es de grad meine, es well o z'bifehle ha, u was eys Anne Bäbi mach, das chönn ds angere o mache.

Meyeli hatte unendliche Freude an dem Kinde, hatte es doch nun wieder ein Kind. Das erste lebte wohl, und alle Tage sah es dasselbe; aber es war nicht sein Kind, es war der Großmutter Kind. Wenn es Schmerz empfand, so suchte es der Großmutter Schoß, wenn es Hülfe bedurfte, der Großmutter Hand, alle Klagen brachte es bei der Großmutter an, allen Trost wollte es nur von ihr, für alle seine Wünsche suchte es bei ihr deren Erfüllung und fand sie auch. Und wenn Meyeli es lockte mit den lieblichsten Namen, geschah es wohl, daß der Bube ihm den Rücken kehrte und der Großmutter zu stopfete. Es weiß sicher manche Mutter, was das einem Mutterherzen zu verwerchen gibt, und mancher arme Mann weiß es, was das für Stoff zum Streiten gibt. Streit gab es in diesem Hause deswegen keinen, aber was für Freude unser Meyeli an dem kleinen eigenen Kinde empfand, das fühlt sicher ebenfalls manche Mutter. Dazu war das Kind so lieblich und freundlich, war Meyeli so ähnlich in den Augen und machte akkurat so freundliche Mieneli wie seine Mutter und schmiegte sich so eigen warm und innig an sie an, daß es Meyeli ward, als möchte es das Kind nicht nur hegen an seiner Brust, sondern es hinein nehmen ins Herz hinein, in warmen Schutz gegen Wind und Wetter dieses Lebens, daß es es so recht empfand, was es sagen will, wenn so recht innig und heiß Eins zum Andern spricht: «Du bist mr lieb, ih möcht di fresse.»

Und es war gar seltsam, wie das ganze Haus in sogenannte zwei Lager sich teilte. In einem Lager stand die Großmutter und der Bub, im andern der übrige Haushalt; Mädi war in beiden Lagern zu sehen, doch am meisten in dem der Großmutter, zankte und brummte aber um nichts weniger mit ihr und setzte all sein Vermögen daran, ihr den Buben abspenstig zu machen und ihn gegen sie aufzuweisen. Was sie nicht gab, das gab es ihm, was sie ihm nicht nachließ, das ließ es ihm nach, und so wendete er sich allerdings auch zuweilen zu ihm hin. Aber woran es alles setzte und allem aufbot, daß er bei ihm schlafe des Nachts, dahin brachte es es nicht, da war der Bube fest, aus Großmüttis Stübli wollte er nicht. Das machte Mädi manchmal fast tromsigs im Kopf.

Das kleine Mädchen war so freundlich und lieblich, ging zu allen und machte ihnen äh; doch sah man ihm gut an, daß es ihm am wöhlsten war an der Mutter Brust, wie es auch dem Küchlein am wöhlsten sein muß unter den Flügeln der Henne. Nur zur Großmutter ging es nicht gerne und machte ein trübselig Mieneli; dafür sagte die aber auch, es sei das ufründligiste King, wo sie noch gesehen, eine ewige Gränne und dazu e leide Grieggel. Das tat der Mutter weher als dem Kinde, aber sie vergaß es allemal wieder, wenn das Meiteli auf ihrem Schoße wieder zu lächeln begann. War es auch kein Wunder, wenn das Meiteli grännete auf der Großmutter Arm, nahm sie dasselbe doch nur, wenn der Bube böse und unartig gegen sie war, nichts von ihr wollte oder gar an Mädi hing, wie meisterlosige Kinder es nach und nach eben denen am öftesten machen, welche sie am meisten hätscheln. Dann brauchte sie künstliche pädagogische Mittel, sie riß das Schwesterchen auf den Arm und sagte: «He nu, we du nüt vo mir witt, wott ih o nüt meh vo dir, ih ha jetz es anders King.» Und wirkte dieses Mittel nicht alsobald, so sagte sie: «He nu so de, su muß das jetz Wätschge ha u Schnitz, u chumm, ih weiß no es Lebküchli am e Ort.»

Das wirkte richtig, der Bube ward schalus, schlug nach Großmutter und Schwesterchen, und das letztere zu sichern, war die erstere selten schnell genug. «He nu so de», fragte die Großmutter, «wottsch folge oder nicht, oder soll ich ds Schwesterli epha?» «Wott folge!» schrie dann der Bub trotzig, «aber das muß furt, tus dänne!» brüllte er immer ärger und riß alles an sich, was man dem Meiteli vorgelegt oder in die Hand gegeben hatte. «He nu so de, su wey mr wieder zfriede sy», sagte die Großmutter, «u du mußt lieb sy!» «U du mußt ds King furttue!» sagte der Bube.

Unterdessen hatte richtig das Meiteli zu weinen angefangen, und wer will es einem Kinde verargen, gegen das man schlägt, und dem man alles nimmt, was man ihm gegeben? «Näht mr die Brüllere», sagte dann die Großmutter, «die ewigi Gränne, u chumm du, mys Bübeli, hest mi wieder lieb? Sä du, sä, aber so wüst tue mußt nimme, sust bhäb ih de das Schwesterli.» «Säg du die Brüllere!» antwortete der Bub. «Wie seyst?» fragte die Großmutter, und das Herz im Leibe lachte ihr, und sie repetierte es vor allen Leuten und allemal, wenn sie alleine war, «die ewigi Brüllere! Die ewigi Brüllere het er gseit, was dem tusigs King doch afe zSinn chunnt!» So prächtig erzog Anne Bäbi, und so prächtig wird noch an gar manchem Orte erzogen, und was keine Kuh tut, tut der Mensch.

Meyeli schlug das Säugen abermals nicht gut zu, gäb wie die Hebamme abführte. Es wurde wieder blaß und matt, und dazu gesellte sich eine immer zunehmende Mutlosigkeit. Es bildete sich ein, es sei kränkligs und werde nicht lange leben, es drückte ihns, daß es nicht mehr so recht arbeiten mochte. Die Leute werden sagen, sagte es, es sei zu faul dazu, es, das nichts zugebracht, wolle jetzt gut haben und lasse sich wohl sein, als wenn es zwanzigtausend Pfund eingekehrt. Und manchmal kam es ihm vor, als lese es solche Gedanken selbst in dem Gesichte eines Hausgenossen, und wie der meine, alles sei nur Phantast, und eben wenn es zu werchen gebe, so liege es im Bette. Und hätte es doch so gerne gearbeitet und bsunderbar jetzt, wo Jakobli sövli zweg war, so großen Eifer hatte und das Hauswesen einen Aufschwung nahm, welcher allerdings recht rüstige Hände brauchen konnte. Diese Gedanken wechselten in seinem Herzen, und an ihnen erstarkete es nicht, und wenn es sich auch zwängte und meinte, es komme auf die Gewohnheit an, und wenn es sich einmal wieder gewohnt hätte, so werde es schon gehen, so mußte es es büßen und die Arbeit einstellen, es mochte wollen oder nicht. Die Hebamme meinte, das werde schon bessern, öppe allbeeinist es Tröpfli gute Wy werd nüt schade un es Bitzli früsches Fleisch, sust gsey si nit, daß ihm aparti etwas fehle. Und das King sei einmal munter, und das sei die Hauptsache und das beste Zeichen, daß Meyeli gsungs sei ums Herz, u wes da gut sei, su heyg de ds Angere öppe nit sövli z'bidüte.

Jakobli meinte einmal, obs nicht vielleicht gut wäre, wenn Meyeli mit Säugen aufhörte; er hätte neue einmal gehört, das schwäche die Wyber grusam, bsungerbar we sis z'lang trybe u dKing z'streng ha müsse.

Potz, wie kam er an bei Anne Bäbi! Das gäbte ihr e suferi Musterig, sagte dasselbe, wer da wohl möchte dabei sein! Es brüll eym dä Wäg fast dr Gring ab, u we das nimme z'suge hätte, es brüllete, es gstiengs niemere us, u sie könnte keni Handwerkslüt meh ha, nit emal dSchnyder. U de heygs no nie gehört, daß me es King etwenn, wes no nit viel meh as es halb Jahr alt syg; das wär si vrsünget am King un es ghör doch emen iedere öppis uf dr Welt, wes scho ume es Meitschi syg. We dsSäuge schade sött, es lüffe nit sövli Wyber desume, öppe a dr Uszehrig syg scho mängi gstorbe, aber daß eini vom Säuge gstorbe syg, selb heyg es no nie ghört.

So säugte Meyeli fort und ward matter und mutloser von Tag zu Tag, aber krank sei es nicht, hieß es, es fehle ihm nichts; daß es mit der Krankheit oft ist wie mit dem Reiche Gottes, daß man nicht sagen kann: «Siehe, hie ist sie, siehe, da ist sie!» weil sie nicht auswendig ist, sondern inwendig, und nicht hie oder da, sondern allenthalben, das wußten ds Jowägers noch nicht. Wer weiß, welches Ende diese Krankheit, welche sich einschleicht wie ein Dieb in der Nacht und die Gefäße leeret von den kostbaren Lebenssäften, genommen hätte, wenn nicht etwas anderes dazwischengeschlagen hätte wie ein Blitz aus heiterem Himmel.


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