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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Hansli faßt einen Entschluß und redet wie ein Buch, tröstet ein Meitschi und kauft eine Kuh

Sie waren eben im Ungreis mit den Kühen, und eines Morgens war Hansli fort; und als Anne Bäbi schnauzte, warum er nicht zum Essen käme, sagte Sami, Hansli sei in aller Frühe um eine Kuh aus; er hätte gesagt, vielleicht sei er zMittag wieder heim, es komme darauf an, ob er etwas finde.

Hansli wanderte allerdings stattlich über Berg und Tal, fast wie ein Metzger. Den Stock, der ihm fast unters Kinn reichte, stellte er weit vorwärts; seine Speckseitenkutte ließ er wadeln hinter sich, daß es fry einen Luft gab, und das Zötteli an seiner weißen Kappe ließ er auf- und niedergehn, so streng es konnte. Er hatte sich einen Entschluß abgerungen, und das brachte ihn in eine seltsame Hast, die ihm sonst nicht eigen war; es ging ihm fast wie einem Knaben, der Bohnen rüsten soll, und weithin sieht er Buben im Haselhag. Es harzet bei ihm, bis der Entschluß gefaßt ist, langsam setzt er seine Beine in Bewegung, aber dann schießt er auch davon wie ein Pfeil vom Bogen, damit das Muetti ihn nicht mehr erreichen möge weder mit den Händen noch mit der Stimme.

So schritt er lange durchs Land, fast wie ein Gesandter des vergangenen Geschlechtes, der Augenschein nehmen und Bericht bringen solle, wie die Jungen wirtschaften mit der Väter Erbe. Er hatte vieles zu sehen, und viel nahm ihn wunder; und wo er mehr oder weniger Hagringe sah im Hag, als er hineinzutun zum Brauch hatte, so konnte das ihm lange zu sinnen geben, welchen Weg es besser sei. Indessen duechte es ihn doch, wenn er einen Gspanen bekäme, so hätte er kürzere Zyti; denn so schweigsam Hansli war, so hörte er doch nicht ungerne brichten; und wenn er einmal einen Plätz unter seinem Dachtrauf weg war, so war er imstande, selbst zu brichten; aber daheim ging es ihm, wie es noch manchem Andern geht, der denkt, ds Wybervolk machs für ihn, u wenn er o no rede wett, su wär zletsch niemere, dä lost.

Als er weit vor sich etwas Lebendiges sah auf der Straße, so stellte er den Stecken noch weiter vorwärts, und mit Doppelierschritt zog das Mannli einem Mädchen nach, daß man hätte meinen sollen, was das für ein Käusi sei. Das Meitschi, welches er einholte, weinte bitterlich, hatte die Züpfen aufgebunden und ein schwarzes Fürtuch an. Hansli wünschte geziemend die Zeit, das Mädchen dankte aus dem Schluchzen heraus. «Es macht styf Wetter», sagte Hansli. «He jo», sagte das Mädchen. «Wo chunnst her?» fragte Hansli. Das Mädchen, dem es auch nicht wenig wohlete, daß es sein Elend jemand mitteilen konnte, antwortete: «Vom Dokter.» «Hest neuer kranks?» fragte Hansli.

Nun war die rechte Schleuse aufgezogen; das Mädchen gab vollständigen Bericht. Es kam von Büzloch und wollte nach Wallisau. Dort, sagte es, regiere ein grusam Fieber, wo kei Dokter öppis dra mache chönn; ume dr Vehhansli im Büzloch bring se drvo, die, wo dr Züg möge erlyde; aber die, wo nit chech syge, die nähms wie dFleuge. Der Vater, der hätte es nit möge erlyde; nit mänge Tag sygs gange, su heygs ne gno. Vo Stung a, wo er vo dem Züg gno heyg, heyg me gseh, daß es ne grusam agryf u mit ihm machi, wele Weg, u du heygs emel du mit ihm fertiggmacht. Jetz sei es zum Vehhansli der Mutter wegen; die sei auch grusam krank an der gleichen Krankheit, und jetz sei ihm so angst.

Vehhansli habe gesagt, das sei nichts anders gewesen, daß der Vater gestorben; das hätte so kommen müssen, der sei fule gsi un agsteckt a dr Lungi, u die nähms, die möge dr Züg nit erlyde; u ycheluege vor und eh, wies innefert syg, chönn me nit, es wär chummlich. Und bei der Mutter sei eben jetzt die Frag, wies innefert syg. Sygs gut dert, su chömm si drvo wie Schnupf; dr Züg fehl de nit, dä heygs de. Es söll darum nit Chummer ha. Syg si gsung uf em Herz u a Lebere u Lungi, so sei si in es paar Tage uf de Beine; syg si nit gsung, he nu, so chlepf es se; aber si wär de allweg gstorbe früher oder später; de wenn es eim uf em Herz fehl, su fehls nit, mi müß sterbe. Aber es könne nicht helfen, sagte das Mädchen, es mache ihm notti grusam Kummer; wes die Mutter vrlüre sött, es wüßt nit was afa; ke Mönsch hätts de meh uf dr Welt.

Ja, sagte Hansli, es sei mit dem Doktern bös; «fehlts innefert, su säge si, mi chönn nit ycheluege, mi müß probiere, u de chömms ebe druf a; u fehlts ussefert, su säge si, ussefert chönn me nit helfe, me müß innefert fechte; u wes nit gut chunnt, su hey si geng e Usred; u we Eine stirbt, su sött er geng selber dSchuld sy innefert oder ussefert; u we me nit änefert wär, chummliger Wys, si chämte eim no cho wüst säge, daß me gstorbe wär, u we si scho siebemal selber dSchuld dran wäre.»

Nein, sagte das Mädchen, Vehhansli sei nicht so u bsungerbar brühmt, u grusam gute Züg hätte er, es schütt eim fry, we me ne nume alueg, u we me ne brucht heyg, su stinke dWäng im ganze Hus no lang geng, u er heyg grad gseit, für die Krankheit gäbs ke angere Züg, aber es chömm druf a, wie me innefert syg. «He nu», sagte Hansli, «das wird de no eine vo de Mehbessere sy; dä seyt eims doch no, wos hät, u wie dSach ist; aber die bi üs umenangere sy ganz Kunde; die Eine wüsse nüt, u die, wos wüßte, die wey eims nit säge.» Nun erzählte Hansli Jakoblis Geschichte in abgebrochenen Sätzen und auf seine Weise, und wie zuletzt no e Frau hätt zuchemüsse, die hätte du dSach füregmacht u chönne säge, wos hätte. Und Hansli hatte darob die kürzeste Zyti, daß er nicht merkte, wie nahe er schon bei Raxigen sei, bis das Mädchen links bog dem kranken Mütti zu, mit kummervollem Herzen das Züg z'probiere, wo dWäng no acht Tag drnah steyche.

Hansli war so ungsinnet vor Raxigen, daß er keinen Operationsplan hatte entwerfen können; er fand es am besten, ins Wirtshaus zu gehen. Es war ihm zwar zwider; am Morge mache ihm der Wein nicht am baasten, sagte er immer. Indessen wußte er sich nicht anders zu helfen, da er den Schnaps noch weniger liebte, und als Röseli ihn fragte: «Was söll ih bringe?», sagte er: «Däych e Schoppe», und auf die Frage: «Was fürige?» antwortete er: «Urne liechte, wo me nit sövli gspürt; ih ma ne nit erlyde am e Morge.»

Er brauchte aber nicht lange zu sinnen, Röseli half ihm bald zur Rede mit seinem gewohnten: «Woher? Woaus?» und hatte auf der Stelle los, daß das der alte Jowäger sei.

«Willst du zu deinem Sühnisweib?» frug es resolut und schalkhaft, «wart, ih wills ga reyche!» «Häb nit Mühy!» sagte Hansli, «ih will de selber zum Hus; mi chönnt süst meine, mi dörft si nit zeige, oder es syg üs nit recht. U dr Bub het Chummer, es gang dm Meitschi bös.» «Warum chunnt dä schießig Schlabi nüt?» fragte Röseli. «Das ist öppe nie erlebt worde, daß eine lat vrkündte, chunnt wie vom Himmel obe abe u geyht wien e Schelm, wo, wenn er het, was er will, si o nimme zeigt. Ds Meyeli weiß nit, was es denke soll, u het sie dAuge fast us em Kopf pläret, u dä alt Schlychi het sy Galgefreud dra u plagts, won er cha; wenn es si nit gschämt hätt, es wär dym Bub nahglüffe, dem Schlufi.» «He, mi cha nit geng mache, wie me will, bsungerbar we Wybervolch im ene Hus isch», sagte Hansli. «Dr Bub vrma si desse nüt; er wär längste cho; aber es ist, wo Wybervolch ist, mängist trüb Wetter, wes scho nit regnet. Du, was ih frage will, hest em Meitschi e Bkleidig la mache, wies öppe dr Bruuch ist? Oder manglist no Geld, su sägs! U de vo wäge de Köttelene han ih welle säge, du söllist se o chaufe. Üsi Alti het gmeint, Jakobli söll üser Jumpfere ihri ume etlehne. So eyni, die me us em Bettel nehm, müß nie nit ga ufputze wien e Fasnachtkuh, sust werd die ume z'stolzi. We si de einist wüß, wo ds Geld herchömm, u öppe tüy wien e Mönsch, so chönn me de geng no luege. U es het darwidere neue niemere viel gha, vo wege, we üsi Alti öppis im Gring het, su het sis nit i de Füße, u we me ere widerredt, su doppelet me ere dSach ume dest fester yche. Aber es het mi doch neue duecht, es wär strengs, we me für ds Sühniswyb bi de Jumpfere ging ga dGöllerkötteli etlehne; es hätt neue afe ke Gattig. U lue, da hest Geld, u chauf se; we e Sach einist gscheh ist, su ist si gscheh, u de cha me geng no säge, was me will, u cha o nüt säge, wie me lieber will.»

«Du mußt e Bösi daheim ha, du», sagte Röseli, «das chunnt nit gut; die töt es Sühniswyb, u darfür ist Meyeli doch z'gut.» «'s macht nüt», sagte Hansli, «si syge neue alle glych, seit me; we me ne dr Gring lat, su cha me no sauft drbysy, u we me si ihrere nit alles achtet, su ist si drnebe no e Guti u gönnt de Lüte dSach. Sie nähm emel nie öppe e Tropf Gaffee oder öppis angers, wies öppe dWyber im Bruuch hey, daß nit o öpper angers drvo näh müßt. Wenn es Sühniswyb öppe nit köpfig ist, su wird das scho gah; nit daß es nüt gä wird; je meh Wybervolch, dest meh Kifel.» «Los, Ätti», sagte Röseli, «ds Mannevolch wird bi euch öppe o sy wie a angere Orte, es Mul zum Esse ha u eys zum Balge, aber kes für es fründligs Wort, und wer Zyberli ißt, muß gränne. Wenn me aber syr Lebtig bi Zyberligrännene ume sy muß, wer wett da zletzt nit hässig werde? Doch nüt für ungut, ih wott nit mit dir zanke, und ds Meyeli wird grusam froh sy, wes di gseht. Drum gang, aber chumm de ume u brings mit; lue dert, äys Hus ists, u dur das Gäßli mußt!»

Hansli zog langsam ab und schritt gravitätisch bis vor die Küchentüre, doppelte an selbiger und frug: «Ist niemer daheim?» Da bewegte sich ein Läufterli am Fenster, und ein Köpfchen schob sich heraus, das aussah wie eine aufgegangene Rose, aus welcher zwei Sternlein funkeln, und purpurrot ward diese Rose, als die Sternlein den Mann vor der Küchentüre erkannten und hörten, wie er sagte: «Du söllist e chley usecho!» Zagend, zaudernd kam purpurrot das schlanke Meyeli durch die Küche, wie vor den Richter die Sünderin tritt, vor den Sultan der arme Sklave, der nichts verbrochen, aber weiß: ein Wink von des Sultans Hand, und zertrümmert ist sein Dasein. Ach, das arme Meitschi, was hatte das gelitten, wie gebetet, wie geweint seit dem Sonntage, an welchem es verkündet worden war!

Was Jakobli litt, das haben wir gesehen; aber was Meyeli litt, war unendlich mehr. Denkt euch ein liebendes armes Mädchen, dem Dornen sein Bett sind und ein hartes Herz sein Hauptkissen; und das Mädchen träumt, und die Liebe kommt ihm entgegen und öffnet mit goldenem Schlüssel ein goldenes Tal, ein herrlich Paradies, und Liebesworte sind des Tales Säuseln, und Liebesblicke sind die Lichtstrahlen, die das Tal erleuchten; und eine Herrlichkeit, die keine Worte faßt, schwebt über ihm, senkt sich in sein Herz, schwellt es auf in unendlicher Wonne, wie sie die Rose füllt, wenn sie dem Lichte sich erschließt; und Ewigkeit scheint diese Herrlichkeit zu umranden, und auf den Wellen reiner Lust wiegt das arme Mädchen sich in unendlicher Wonne; und die Wellen tragen es von Seligkeit zu Seligkeit, und immer näher gleitet der Kahn dem Borne, aus dem die Ströme der Seligkeit sich ergießen, die durch des Herrn Welten fließen.

Da stößt an verborgenen Riff der Kahn, er bebt in hartem Stoße; erschüttert fährt das arme Mädchen auf, schlägt in schwarzer Kammer seine Augen auf; die harte Hand, die den Kahn an den Riff gestoßen, liegt noch auf seinem Arme; zu der rauhen Hand gesellt sich die nicht weichere Stimme und ruft die Seele des Mädchens aus dem seligen, goldenen Traume ins öde, wüste Leben, das kaum den großen Wüsten Arabiens gleicht. Dort sind noch herrliche Stellen, duftige Schatten, süße Quellen, kleine Paradiese; in des armen Mädchens Leben sind diese süßen, weichen Plätzchen nicht, da ist nichts als harte Sonne, harte Menschen, harte Arbeit, ein Sehnen sonder Ziel, und dieses Leben dehnt sich schattenlos und endlos vor des erwachenden Mädchens Auge wieder aus; und welches Mädchen weint nicht, härmt sich über keinen Verlust, und hat es doch nichts verloren, ist es doch um einen Traum reicher geworden, und dieser Traum wird es noch manchmal erquicken in harter Arbeit, an harter Sonne, wird noch manchmal sein Plätzchen sein, wo es ruht, fliehend vor den harten Herzen.

O unglücklich wird nie, wem so selige Träume in sein Leben hineinreichen. Träume sind Boten Gottes, und wem sie Freudiges künden, dem sind sie das köstlichste Labsal in des Lebens Drangsal, ja dem sind sie die Felsen, an welche die Seele sich klammert, wenn die Stürme sie ergreifen, wenn die Brandung sie umdonnert. So sendet der Vater über den Sternen, wenn des Abends die Sonne untergegangen ist, die Nebel aus den Gründen steigen und die Gebete aus den Herzen der Menschen zu seinem Throne, viele, viele tausend süße Träume aus, Boten der Liebe, Zeugen der Erhöhrung der betenden Herzen. Und viele tausend dieser Träume verklären sich zu holden Liebesgärten und senken sich nieder in die Herzen der Mädchen, die fromm und froh dem Leben dienen, des Herrn warten, denen unzeitiger Frost oder eine wilde Hand den Liebesgarten im Leben zerstört, oder denen des Herrn Wille im Leben keinen zugewiesen, sondern ihnen das Harren zugeteilt, das gläubige Harren, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Diese Träume alle sind dem Taue gleich, den der Herr fallen läßt auf die durstenden Pflanzen, die welken Blümlein, daß sie in neuer Kraft und Schöne den folgenden Tag begrüßen.

Nach solchen Träumen weinten wohl die Mädchen, aber die Tränen sind nicht bitter; manchem Mädchen sind sie sein Stab auf der Lebenspilgerreise, sein Schlauch süßen Wassers in der Wüste seines Wanderens. Ein ganz anderes wäre, wenn unser Geist wirklich geschieden wäre aus dem Leibe, und ein holdes Wesen in lichtem Liebesglanze würde sein Führer, seine Hand zerstreute die Nebel, die herrlichsten Räume entrollten sich, in seligem Entzücken fühlte unser Geist vom süßesten Wesen sich erfaßt, aber plötzlich würde schwarz das Lichtwesen an seiner Hand, versunken wären in schwarze Nacht die herrlichen Räume, zu giftigen Schlangen wäre das Wesen geworden, und die Schlangen hätten sich um sein Innerstes gewunden, und in giftigem Hohne stieße die Hand, die ihn gehalten, von Abgrund zu Abgrund, und in jedem wäre schwärzer die Nacht, und in jedem grauenvoller die Pein. Das wäre kein Traum, das wäre ein Erlebnis, und an der Herrlichkeit des Erwartens würden die Schrecknisse des Erlebten wachsen je einen Tag um den andern, und die täuschende Hand würde der Dolch sein, der sonder Aufhören die Seele peinigte, da, wo ihr Empfinden das innigste ist, da, wo die Liebe weilt.

Jetzt denke man sich das arme Meyeli, seit Jahren gefesselt ans Dornenbrett, auf dem das Gnadenbrot gebacken wird, und auf einmal erscheint ihm – nur ein Jakobli, und dieser besaß nur ein Auge; aber der Jakobli schien ihm doch sein Engel, in seinem Herzen leuchtete er wie die Morgensonne, er löste es ab von dem Dornenbrett, er öffnete ihm ein freies Leben voll Liebe und eigenem Brot, und dieses Leben ward ihm zu einem großen Tannenbäumchen, wie die Kinder am Neujahr kleine kriegen, und dieser Tannenbaum gebar der goldenen Nüsse in die Tausende, und geschmückt ward er alle Stunden herrlicher, und süßes Wehen säuselte um sein junges Herz. Wer zählt wohl die Gedanken alle, wer hat sie erglühen sehen in ihrer Farbenpracht, wer sie gekostet in ihrer Süßigkeit, die Meyelis Herz durchfluteten in selber Nacht, die dem Tage folgte, an welchem er das Hochzeit angegeben hatte?

Ein Bräutigam war ihm wie vom Himmel gefallen; um den grünen Haselhag herum war er ihm in die Arme gefallen, und noch dazu gerade der, den es im Herzen trug, dessen vermeintliche Unfreundlichkeit ihns so lange geplagt hatte, der aber seit jenem Begegnen so freundlich in seinem Herzen wohnte und doch so wehmütig. «Wärest du doch gegangen, hättest mit ihm eine Halbe getrunken, wer weiß, was es gegeben hätte; jetzt hast du ihn dein Lebtag vielleicht zum letzten Male gesehen!» So klang es in mancher stillen Stunde in seinem Herzen, und dann ward dieses so schwer und weich, daß es ihns dünkte, es sollte der Boden sich öffnen unter ihm, und es möchte so gerne an die Ruhe.

Aber immer kam doch wieder eine Kraft obenauf, die ihm sagte: «Du hattest recht getan», und wo man recht getan, soll man nie reuig werden; wenns Gottes Wille sei, so werde er sie schon noch mehr zusammenführen. Und als er sie zusammenführte, als die Anfänge des Knotens geschlungen waren, den nur der Tod lösen soll, da nun faßte sein Herz die Freude kaum, und es dünkte ihns manchmal, es wolle zerspringen vor Freude; dann ward ihm doch wieder so bange, es konnte nicht glauben, daß alles möglich sei; und wenn es wirklich ist, so malte ihm doch die innere Angst das Widerstreben der Eltern vor samt den andern Hindernissen, und es sagte sich hundertmal, es werde sicherlich nichts daraus geben, darauf könne es zählen; es sei ja nie erhört worden, daß so ein armes Meitschi so ungsinnet glücklich werde.

Als am Sonntag nach der ungsinneten Verkündigung alle Leute ihren Spaß mit ihm hatten und ihre Freude zeigten, nur hier und da einige Schmutzgüggeli die Nase rümpften und sagten, wenn sie sellig wollten, wie da gestern einer im Dorf herumgelaufen wie e Sturm, so hätten sie schon mehr als hundert sellig haben können, aber sellig möchten sie mit keinem Stecklein anrühren: da vergaß es seine Angst und nahm einige Stunden die Sache als ausgemacht, als fertig, als erlebt. Als der Abend kam, da freute es sich unsäglich auf Jakobli, und tausend Sachen hatte es ihm zu sagen und tausend zu fragen, und sein einziger Kummer war, daß es mehr als ds Halbe vergessen werde.

Aber Stunde um Stunde verrann, kein Jakobli kam; der Montag kam, und kein Jakobli war gekommen; so ging Tag um Tag um, und keiner brachte dem armen Meyeli seinen Bräutigam. Es wußte nicht, was es denken sollte; es ängstigte sich mit tausenderlei Dingen. Vielleicht war er erschlagen oder daheim an tödlichem Fieber im Bette; oder es hatte ihm jemand zBös geredet, er war reuig geworden oder hatte von Anfang es nur zum besten gehalten, nirgends verkünden lassen als hier und lachte jetzt seiner, und seine Eltern nahmen ihn, mir nichts dir nichts, unter den Jahren weg.

Und wie das menschliche Gemüt in solchen Ängsten immer am ärgsten haftet, so glaubte es sich je länger je mehr verraten, verlassen. Alle seine Hoffnungen tat es durch, eine nach der andern, und ganz dunkel ward sein Leben wieder, und auf das Dornenbrett, auf dem das Gnadenbrot gebacken wird, sank es wieder nieder, und doch war das nicht sein größter Schmerz. Aber das tat ihm weh bis ins innerste Mark hinein, das wollte seine Seele fast zerreißen, daß Jakobli so an ihm handeln konnte. Es hatte ihn so liebgehabt; er war der einzige und erste Mensch, seit seine Eltern gestorben, den seine Seele mit Liebe umfaßte, dem es aufschloß seines Herzens Türe, den es umfaßte mit aller Innigkeit eines jungen, verlassenen Herzens; und dieser wars, der ihns betrog, täuschte, seiner vielleicht lachte.

Es hatte geglaubt, jetzt sei es doch wieder öpperem, hätte doch jemand in der weiten Welt, an den es seine Seele ketten, den es liebhaben könnte und dürfte so recht von Herzensgrund und vor Gott und Menschen, und jetzt hatte der ihns verraten, jetzt war es noch ärmer als zuvor. Es war um seinen Glauben, sein Vertrauen gebracht, daß jemand mit einem armen Meitschi es gut meine, daß es je eine aufrichtige Seele finden werde.

Wenn man Mädchen weinen hört gebrochenen Herzens, und sie können es einem sagen, was ihnen eigentlich den tödlichen Stich gegeben, so ist es nicht der Stich, der von zertrümmerten Hoffnungen auf äußeres Lebensglück kömmt, nicht der, welcher auf die Scham kömmt, ein Spott der Menschen zu sein; die Mädchen, welche nur dieses sticht, sterben nicht an gebrochenem Herzen, sondern es ist die Wunde der verratenen Liebe, es ist der Schmerz, daß von dem Geliebten der Schlag gekommen, es ist der Verlust des Glaubens, des Vertrauens zum Menschen, es ist der Schmerz der Verzweiflung an der höheren Natur der Menschen. Das ist, was so unheilbar manches arme Herz verletzt hat, ja, was ihm fast den Glauben an die Seligkeit genommen hat; denn wie sollte ein solches Geschlecht, das Liebe lohnet mit Verrat, zu einem himmlischen Dasein bestimmt sein?

Das wars, was so mit unsäglichem Schmerz des armen Meitschis Herz zerriß durch so manchen Tag über. Es konnte ihm keinen Namen geben; es mochte nicht einmal Röseli klagen, denn auch diesem traute es nicht mehr; aber gestorben wäre es gerne. O wenn doch so eine alte Frau wüßte, wie weh sie tut mit solchen Wunderlichkeiten einem armen Herzen, die wirser als die grausamsten Schläge tun, sie wäre sicher weniger wunderlich. Ich glaube es nicht einmal, wenigstens alle nicht. Es gibt solche herbe, versäuerte Naturen, die eine eigentliche Feindschaft in sich tragen gegen junge Herzen und zu meinen scheinen, solche Herzen zu plagen, zu quälen, gehöre zur Erziehung, sei eine von Gott dem Alter aufgetragene Pflicht. Und nun tun sie allerdings alles, was in ihren Kräften steht, diesen Herzen jede Freude zu vergiften, jede Hoffnung zu verkümmern, jeden Genuß zu hindern; und je lauter sie darüber weinen, desto stolzer ist so eine widerhaarige Alte oder Alter auf die erfüllte Pflicht, Es ist wirklich nichts Traurigeres auf Erden, als so ein altes, zusammengeschrumpftes, runzlichtes Herz. Aber glaube man, ein solches Herz plagt am meisten seinen Träger; derselbe würde tausendmal wöhler leben am scheußlichsten, schmerzlichsten Geschwür in seinem Leibe als an solch einem Herzen.

Meyeli war allein in der Stube, als draußen geklopft wurde, hatte den Kopf auf den Ofen gelegt, und trüb und schwer lag es auf seiner Seele; wie finstere Regenwolken an den Bergwänden, so hingen dunkle Gedanken über ihr. Nun stund draußen Jakoblis Vater; es erkannte seine auffallende Gestalt auf den ersten Blick. Darum ward es so rot, darum kam es hervor mit einem Schritt so schwer, wie ihn der Verbrecher geht, wenn ihn der Richter ruft, der Richter, der den schwarzen Stab in den Händen hält, der gebrochen wird über dem sündigen Haupte, das dem Tode verfallen ist. Es war überzeugt, der kam, um anzusagen, daß mit allem nichts sei, und daß es sich schämen sollte, an solche Sachen nur zu denken.

«Grüß Gott! Und wie gohts?» sagte Hansli und streckte dem Meitschi seine Hand dar, die fast aussah wie ein Stück Eichenrinde. Meyeli nahm die Hand, aber brachte kein Wort hervor; es schnürte ihns im Halse, und alles Blut war aus seinem Gesichtchen gewichen, wie jeder blaß wird, der das Schwert zum tötenden Streich auf sich niederfahren sieht. «Dr Bub wär selber cho», fuhr Hansli fort, «aber es het si neue nit welle schicke, un ih ha du däycht, ih well fry selber cho, un es syg öppe nit unanständig, wenn ih mit dym Götti o öppe es Wort redti. Wo ist er? Er soll fürecho!»

Seppli hatte das Klopfen wohl gehört und in der Ecke des Hauses dem Ding abgewartet. Jetzt schlich er daher wie von ungefähr. «Das wird ne sy mit Schyn», frug Hansli, «dr Götti?» «Ih sött ne sy», sagte Seppli, «aber ob me mi geng drfür heyg, ist ebe dFrag.» «Es wird o gah, wies cha u ma», sagte Hansli. «Aber warum ih chume: my Bub het da neue es Händeli mit dem Meitli agfange.» «He ja», fiel Seppli ein, «es ist mir öppe zwider gnue gsi; ih vrma mi desse nüt u wott mis o nit etgelte; lueg es jetz! Vom Hus eweg han ne gjagt; aber hinger mym Rücke hey si das du gmacht.» «He, syg das jetz, wies well», sagte Hansli, «ih ha ume welle säge, we dr ds Meitli übel erleidet syg u des nimme vor Auge ha mögist, su welle mrs grad zun is näh; ufen es paar Tag uf oder nider chunnts de notti nit a, u bsungerbar em Bub wärs ds Rechte, wes chäm.»

Seppli vergaß das Maul offen; aber wer den Glanz hätte fassen können, der in Meyelis Augen trat, hätte den köstlichsten der Diamanten gehabt, wie er in keiner Krone der Erde gefunden wird. Seppli sagte endlich: «Es wird dir öppe nit Erst sy; aber wie gseyt, ih vrma mi dr ganze Sach nüt; für z'helfe ist me gut gnue, aber für öppe z'rate manglet man eim nüt, u jetz wott ih o nüt drmit; wes ufha witt, su häb, es ist mr ds Rechte, ume daß es de weiß, wies de Meitlene geyht, wos ihrem Gring na zwänge wey. Es gscheht ihm recht, dem Dreckloch, was manglet es selligs Meitschi z'hürate!» «He», sagte Hansli, «es wird ihm öppe sy wie angere o. Aber vo Ufha ist ke Red. Mir hey ihms nit agä, mir wey ihms o nit wehre. Es ist üs recht, wenn er es bravs Wybervölchli überchunnt, un uf ene Chrützer Geld chunnts is nit a. U so han ih ume welle luege, wies gang hie, und öpps fry grad wett mit mr cho; mir hätte ihm notti Platzg u z'esse.»

Man kann sich nicht denken, wie es Meyeli war bei diesen Reden. Nicht wie einem Verbrecher, dem man am Hochgericht Gnade rufet; denn Liebesangst ist nicht ganz wie Galgenangst. Aber noch viel weniger ist des Mädchens Freude, das aus Liebesleid und Not gerissen wird, des Verbrechers Freude, welchem das Leben geschenkt wird. Des Verbrechers Freude kann man beschreiben, aber wer malt des Mädchens Freude? Wer malt Sternenglanz und Morgenrot? Wer des Taues perlend Licht im Kelche der Blume? Wer den wunderbaren Duft, der an taureichen Morgen über den Wiesen liegt?

Wie aber Seppli da stand dumm und verblüfft, das hat jedermann schon gesehen; des Menschen Jämmerlichkeit steht uns ja alle Tage vor Augen; die Liebesfülle eines jungen Herzens, wenn sie hervorbricht aus der Not dunkler Kammer, wie selten schaut Einer die, und wer sie gesehen hat, findet die Farben nie, sie darzustellen! Denn dieser Farben Quelle sprudelt nur in liebesvollen Herzen; hingegen einen jämmerlichen Seppli darzustellen, findet man die Materie in jeder Pfütze. Der Seppli stund also da, als ob ihn seine Hosen in Verlegenheit setzten, und frug endlich: «Jä so, ists de Erst? Jä so, wes so ist, so muß ih doch de nadisch frage, was ihr für Lüt syt, vo wege ih bi dr Götti, un es cha mr nit graglych sy, wies ds Meitschi het, u zu wem es chunnt; vo wege es handlet si da nit um e Lyb, sondern o um dSeel, u so mir nüt dir nüt lan ihs nit so zum enen iedere. Es chönnt da Wäg en iedere cho es welle, un ih has de Eltere abgno u muß es einist vrspreche.» «He jo, jo», sagte Hansli, «es wird sy; aber du bruchst nit Chummer z'ha vo wegem Lyb, z'esse hey mr, es zahlts Höfli u öppe Geld on e chly, u vo wege dr Seel cheu mr bete, göh zChile, heyn e Bible u dr Wyl, drin z'luege, u was will me meh?»

«Es ist mügli», sagte Seppli, «aber es ist scho mängist öppis gseit worde, es ist nit gsi.» «Ha nüt drwider», sagte Hansli, «o no i mänger Vrsammlig. Aber üseretwille bruchst nit Chummer z'ha. Ih ha no ke Mönsch ere Kuh twege agloge, u so emene Wybervölchli twege möcht ih nit Mühy ha.» «Ih ghöre», sagte Seppli, «du wirst o vo dene eine sy, wos mit dr Welt hey, vo dene Selbstgerechte eine, wo es Gsicht hey wie du u meine, mi sött ne alles glaube. Aber du hests ghört, ih muß das Meitschi vor Gott vrantworte, u es ist hützutag niemere z'traue, es ist gar e bösi Welt. U ih will drs graduse säge, dyne Rede a bist du o nit vo de Rechte eine, u mi wird müsse luege, was me macht.» «He nu so de, su mach du fry, was du witt!» sagte Hansli. «Es ist emel jetz z'vrchünte, u das wirds wohl ha; u am Fryte, wos am Sunnde ist us z'vrchünte gsi, wey si Hochzyt ha, u das wirst se emel müsse la, u we d nit witt, su mach, was d chast! U we si Hochzyt gha hey, su chunnt es zun is, das wird de müsse sy. Mr wey jetz nit z'längem chäre, dSach lauft nüsti. Du wirst notti wüsse, was es vo de unnütze Worte heißt, we du son e Geistlige bist. Adie wohl! Du, chumm mit, ih ha no neuis mit dr!» sagte er zu Meyeli und achtete sich Sepplis nicht, der aufbegehrte und sagte, er mangle denn des Vrsumens nüt all Fingersläng, und er hätte seine Jumpfere anders z'brauchen als desumezlaufe. So böse war aber Hansli auch lange nie gewesen; denn so weit er gewöhnlich kam, war er bekannt, und soweit er bekannt war, fiel es niemand ein, seine Rechtlichkeit, sein Vermögen, seine Frömmigkeit in Zweifel zu ziehen. Er wanderte in zorniger Hastigkeit dem Wirtshause zu, sah sich nie um, ob Meyeli ihm nachkäme, und griff mit seinem Stecken noch einmal so weit aus als sonst.

Im Wirtshaus hatte Hansli lange, bis er sich gefaßt hatte. Er begehrte aber nicht laut auf; er war gewohnt, so etwas in sich selbst in aller Stille zu verwerchen. Endlich sagte er, dä Käpper hätte ihn bald taube gmacht, u wes nit der Götti wär, es müßt per forst mit ihm cho. Unterdessen hatte Röseli das Meyeli angefallen, warum es die ganze Woche nicht zu ihm gekommen, und nach einigen Ausreden hatte es dasselbe endlich zum aufrichtigen Bekenntnis seiner Seelenangst gebracht. In aufrichtiger Treue erzählte es, wie es ihm gewesen, aber wie es dasselbe vor niemand hätte dürfen verlauten lassen, und dazu flossen die Tränen ihm stromsweise über das Gesicht wie Regen, aber wie Regen, durch den bereits die Sonne scheinet. Und es kam selbst dem Hansli warm die Backen ab, und als er mit der Hand über die Backen fuhr, gabs fast einen Ton, wie man mit einer Holzfeile über einen Laden fährt, und er sagte: «Das ist eyfalts vo dr gsi, Meitschi; meinst doch de, bi üs obe syg me so schlecht, son es Tröpfli dä Wäg ga für e Narre z'ha? Nei, dsselb doch de nit. Es müsse hieume schlecht Lüt sy, daß dr sövli Schlechts zSinn cho ist. Aber wärist cho luege u cho frage, gäb de sövli usgstange hest; sövli wyt ists doch nit.» Es hätte nicht dürfen, sagte Meyeli; wenn mes de öppe vom Hus gjagt hätt, es wüß ke Mönsch, was es agfange hätt, u wie es si hätt chönne vrsünge. Aber wie es ihm gsi syg, chönn es niemere säge; es syg ihm no jetz in alle Gliedere; es duechs, mi hätt ihm dGleych usdrähyt oder abenangere gsaget.

Indessen ward es doch wieder fröhlich und heiter, konnte mit Röseli scherzen, konnte erzählen, wie der Götti gewesen. Viel gesagt hätte er nicht; je länger Jakobli nicht gekommen, desto mehr hätte es ihn gelächeret; es hätte wohl gesehen, wie er es ihm hätte gönnen mögen, wenn aus allem nichts geworden. Aber es nehme es auch kein Wunder; er werde nicht wissen, wer die Haushaltung machen solle, wenn es fort sei. Es müsse sagen, das gmühe ihns; es sei doch geng dr Götti, un es duechs, wenn es bin ihm blieb no e Rung, bis er öppe wieder e Angeri heyg, u das gang nit lang, su wär das nit ds Unaständigste. «Selb wey mr nit mache», sagte Hansli, «er cha luege, wie ers macht, u für Geld gits Lüt gnue. DMutter lat dr Bub nit furt, wenn er will, u sövli Längizyti ha miech ne no ungsünger as er ist. U ds Sühniswyb la Jumpfere sy, wo ds Wüstiste alles abtue muß, schickt si neue o nüt, we me selber z'werche u z'esse het u no viel u dick frömd Lüt muß ha. Wes Hochzyt für ist, su chunnst; es schickt si am baaste, wes dr emel recht ist.»

«Bhütis», sagte Meyeli, «ih mache ja, wie mes bifihlt; aber grusam Angst macht es mir, z'cho so ohni nüt, un ih förchte, ih chönns nit breyche, u Jakobli werd reuig, u mi syg nit zfriede mit mr.» «Häb nit Chummer!» sagte Hansli, «es ist a alle Orte öppis, u my Alti brummlet albeeinist; aber mi muß si desse nüt achte. Mach geng u säg nüt, su fehlts dr nit.»

«Da möchte ich nicht dein Sühniswyb sein», lachte Röseli, «wer Tüfel möcht geng mache u nüt säge? Wenn ih mache, su wott ih rede, dr Blast muß allweg use. Nei, Ätti, gredt muß sy, u we Meyeli nüt säge soll, su gangen ih no hüt zum Pfarrer u säge, er soll höre vrchünte. Denk doch o, we d am ene Morge dys Sühniswyb vrsprengt im Bett fungist wien e vrsprengti Büchse; du hättists doch o ungern.» «Sövli gfährlig ists nit», sagte Hansli, «vo nüt säge ist o nit dRed. Aber du weißt wohl, wien ihs meine. Aber es meint en iederi, si müß rede, we si schwyge sött, u we si rede söll, su weiß me mängist längs Stück nit, ists e Stock oder e Mönsch, u gäb was me macht, es wott e ke Gux cho.» «Du weißt aber o nit, was d witt, Ätti; bal soll me rede u bal nit; dir ist bös z'breyche, u wes no böser ist, dyr Alte z'breyche, su gnad Gott emene Sühniswyb!» «Wenn ih nit scho eys hätt, su sieg ih: ‹Chum probier!›» sagte Hansli. «Es ist im e Hus grad wie im e Lied; da muß eys ufs anger lose, wes schön gah soll, u mängist muß eys süferli singe, we die Angere am lutiste mache, u mängist eleini singe u mängist die Angere eleini la mache. U wie en ieders Lied e eigeni Wys het, su hets o es n ieders Hus, u wie me geng muß luege, a was für eme Lied me ist, we me afat singe, so muß me o luege, us was für eme Ton es im e Hus gang. U darum geyhts sövli bös, wil so mängs im en iedere Hus uf em glyche Ton blybe will. Es ging o nit schön, we me es n ieders Lied uf e glych Weg singe wett. Aber das cha me eym nit brichte, mi muß selber ds Ghör ha drfür u merke, wele Weg es am beste geyht.»

«Ätti», sagte Röseli, «hest de das selber ersinnet? We das ist, agsäh tät me drs nit.» «Du bist e Täsche!» sagte Hansli. «Aber my Großmutter het allbets gseit, we eine nit vrgeß, was Ätti u Großätti gseit heyge, un ihm selber ume alli Wuche einist öppis zSinn chömm, su syg er doch no lang witziger as mänge, wo meyni, er gseyh ds Gras wachse u ghör dFlöh huste, u si fast lätz sinn u dDärm us em Lyb drück, für dr Gschydst z'werde. U si het gseit, es syg de nit gseit, daß me all Tag alles säge müß, wo me wüß; we me ume alli Fraufasten Speck heyg, es duech eim am beste.» «Ja, Ätti, aber Speck u Rede ist doch nit ds Glyche. Speck han ih grad gnue, aber je mehn ih rede, desto lüstiger duechts mi.»

«Du hests de mit em Rede o wie mit em Tanze; we dObrigkeit nit Fürabe miech, dMeitscheni hörte nit uf, bis si dBey bis an e Stumpe zuche abgwetzt u abtanzet hätte. Aber ih u du heys nit glych. Tanze cha me ds ganz Jahr, we dGyge geyht, aber für z'säye gits nit so mänge Tag, wos gut ist, u i dr Münz nuschet me all Tag, aber über dDuble u über e Sparhafe geyht me ds Jahrs nit mängist, we me emel witzig ist.» «Aber was chunnt di de a, daß de hüt so über dDrucke geyhst u da uschramest, als ob du uf dr Wysheit Salamonis hocketest?» sagte Röseli. «He los, du Schnädergätzi, das will ih dr säge. Myr Lebtig überchume ih ume eys Sühniswyb, wil ih ume ey Bueb ha, u das ists, u das gfallt mr, un ih däych, es chönn nit so übel gah, wes sie öppe schicke wett. Aber dGroßmutter hets mängist gseyt, es chömm alles druf a, wie Eini über dSchwelle trapp; wenn ere dr erst Schritt fehl, su heygs gfehlt; das syg grad, wie wenn dr erst Nagel, wo me i dSchwelle vom e neue Hus schlach, rauchni, es nit fehl, daß ds Hus vrbrönn. U da ist mr dra glege, daß dr erst Tritt nit fehl u dem erste Tritt die angere nah gienge; vo wege ds Wybervolch ist es wunderligs Volch. Ih ha no vo kem sellige ghört. We me Wy im e Faß het, su cha me öppe mit jungem zufülle, es macht nüt; aber we me alts Wybervolch im e Hus het u es chunnt Jungs drzu, su fats geng a jäse, u mi muß gut drzuluege, daß es dem Faß nit dr Bode usespreng. U dessetwege han ih e weni drübergluegt übers Schatzkästli u ha füregno, was mr unger dFinger cho ist, won ih gmeint ha, es schick si öppe.»

Hansli täuschte sich aber doch. Wenn man anfängt zu reden, kennt man selten die Triebfeder; hintendrein hat auch der Dümmste den besten Grund. Aber wer hat nicht schon gesehen, wie eine alte Schwarte weich wird an der Sonne, und wer nicht, wie ein alter Käusi in Gegenwart junger oder nur eines jungen Mädchens auftaute, zwanzig, dreißigjährige Rinde schmolz und aus der alten Hülle recht Junges und Reges zum Vorschein kam, daß man auf den Kopf hätte stehen mögen? Wer will sich daher wundern, daß es dem Hansli Jowäger auch so ging in Gegenwart zweier Mädchen, von denen das eine ihn aufguselte, wie man mit einem Stock am Ende auch das trägste Tier auf die Beine bringt, das andere aber wie sanfte Wärme auftauend auf ihn wirkte! Schon der ritterliche Zug unter dem Vorwand eines Kuhkaufes zu seines Sohnes Braut hatte ihn aufgeregt, und eine längst vergrabene Entschlossenheit hatte er hervorgesucht, wie auch oft vor alten Zeiten Ritter zu ihren kühnsten Taten Schwerter aus den Gräbern genommen. Der Kampf mit dem alten Seppli hatte ihn noch mehr aufgeregt, und ich möchte fragen, ob, wenn vor Zeiten nach ruhmvoll bestandenem Turnier die Ritter unter ihren Schönen saßen, ihre Herzen nicht ganz flüssig geworden sein werden?

Mehr als zwanzig Jahre hatte Hansli nie so etwas erlebt, nie sich so gestellt, nie alleine zwischen zwei so holden Mädchen gesessen; da muß man sich doch wirklich nicht wundern, wenn die alte Schwarte schmolz und ihm ganz wohlig ward ums Herz und ihn duechte, wenn er Jakobli wär, so hätte er auch die genommen und keine Andere, und wenn er dem Meitschi etwas ersparen könnte, so möchte ers, und wenn er ihm ein Lieb antun könnte, so reute ihn ds Geld nicht. So plauderte er mehr als er seit Jahren getan, versäumte sich länger als er wollte, ließ aufwarten, als ob er der Bräutigam wäre, begleitete Meyeli wieder zum Haus und sagte dem Seppli noch nachträglich, er well sys Sühniswyb no dala, bis es Hochzyt gha heyg, de aber ke Tag länger, u er söll ume nachefrage, so streng er mög, aber ihm Sorg zum Meitschi ha; wenn es ihn für e Götti ha söll, su söll er o wien e Götti tue u nit ume, wos ihm chummlig syg, sondern o, wos Recht u Bruuch syg. Seppli war nicht der, der sich nicht duckte, wenn er Hand ob sich sah; er konnte dann tun wie eine Katze, wenn sie zärtlich wird. Er hieß Hansli in die Stube kommen; es sollte ihm ein Kaffee gemacht werden und mit allen Herrlichkeiten des Hauses aufgewartet; er hätte unrechten Bericht vernommen; man hätte ihn für den Lätzen angesehen; kurz, deren Entschuldigungen hätte ein Hofscharwanz nicht besser gemacht, wenn er den König für einen Küchenjungen angesehen hätte. Aber Hansli war nicht beweglich; an alte Katzen war er gewohnt, die machten keinen Eindruck auf sein Herz. Er hätte gegessen und getrunken, sagte er, u müßt hüt no e Plätz wyters, und er söll öppe nit Chummer ha fürs Meitschi; es chömm notti o zu Lüte. «Hest ghört, u bhüt di Gott!» sagte Hansli. «Du zürnst doch öppe nit?» sagte Seppli, «es wär mr leid, ih has gut gemeint u mein es no so.» «Was wett ih zürne!» sagte Hansli, «es machts en iedere, wie ers im Bruuch het un ihms dr Geist ygit. Adie!»

Nach zehn Schritten stund er stille, winkte Meyeli und sagte: «Los neuis!» und als es willig und fröhlich herbeisprang, sagte er: «Chumm e chlyseli mit mr!» Als ein Ofenhaus, Bäume und ein dicker Dornhag vor neugierigen Augen sie deckte, zog er ein Hämpfeli Geld aus dem Busen und sagte: «Es ist aständig, wenn es Meitschi, wes Hochzyt het, on es Schübeli Geld het, daß es o öpperem chrame cha, wos aständig ist, u won es gern möcht, u daß es nit so ganz blutts yzügle muß; da hest neuis, u bruchs, wie d witt, u schüch di nüt; wo das gsi isch, isch no meh.» Das Meitschi weigerte sich erst, aber Hansli sagte: «Tue nit dumm u nimm; du bist ja jetz o mys King.» Da fiel Meyeli dem Alten um den Hals und sagte: «O Ätti, o Ätti, han ih wiederum e Ätti!» «Du bist e Göhl!» sagte Hansli, raspelte mit der Hand im Gesichte herum und pressierte weiter. Aber noch lange biß es ihn im Gesichte, und er führte Selbstgespräche, bis er zum Schluß kam: «Aparti es Bravs ists nit; die Angeri wär de viel die Bräver gsi, aber es Styfs ists un es manierligs Wybervölchli; es duecht eim, bi dem sött es kurzwyligs Sy sy, drnebe weiß mes nit. Was es us eme Meitschi für e Frau git, weiß ke Mönsch; es duecht eim mängist, us de schönste Himmelsgueglene sötts die wüsteste Donnerguege gä.»

Darauf richtete er seine Gedanken auf eine Kuh, denn ohne eine solche wäre er nicht gerne heimgekommen, Anne Bäbi hätte sonst merken können, wo er gewesen, und wenn es gefragt, so hätte er nicht gelogen, das war nicht sein Brauch. Aber er wollte lieber, es frage nicht, denn er fürchtete Anne Bäbi wie eigentlich so viele andere Männer ihre Weiber. Es ist nicht eine eigentliche Furcht; aber durch ein nachhaltiges, instinktmäßiges Nichtnachgeben und immer von vornen Anfangen haben sie eine Gewalt gewonnen, die nicht immer sichtbar ist, aber die der Mann doch fühlt wie das Roß den Zügel; und gar Mancher pressiert heim, läßt nicht wechseln, hat einen Schoppen weniger, alles seines Weibes wegen, das ihn nicht prügelt, aber das ihm es zu erleiden wußte. Anne Bäbi hatte Hansli nicht verboten, hinzugehen; er wußte nicht, was es dazu sagen täte, wenn es es vernähme; aber er wollte es lieber nicht erfahren.

Sein Lebtag hatte er nie so schnell eine Kuh gekauft wie diesmal und noch nie eine so gute und dazu wohlfeile; es war, als ob das Glück ihn expreß in das Nebeaushüsli geführt, wo wegem Mangel an Platz eine feilstand. Noch war es nicht Nacht, als er heimkam, und die ganze Haushaltig stund um den Kleb und bewunderte Hanslis Geschick; selbst Anne Bäbi kam, aber als ob es die andern suchen und wegjagen wollte. Wo doch die Stogline all seien! Es sei wohl dr wert, weg eme sellige Cheibechüli so zämezstah u z'luege, wie we si ihrer Lebtig no nüt mit Hörner gseh hätte. Und als die Andern auf das viereggetig Uter wiesen und rühmten, wie es eine gmodelte sei, so brummte Anne Bäbi, es sei wohl dr wert, son es Wese z'mache; wenn es hätt e ganze gschlagene Tag nachestopfe welle, so hätt es eini welle chaufe no einist so groß u no einist so wohlfel. Dann jagte es Mädi in die Küche; es solle ga yschnyde, su chönn me o einist esse, u we me rüf, su sölle si enangerenah cho u nit mit dem Chuli die ganz Nacht dGöhle mache, daß sie no i dBrattig chöme; es syg si doch notti nit dr wert mit eme sellige Grieggel.

Im Stall, als es sauber war vom Weibervolk und Sami molch, sagte Hansli: «Es lat di de grüße.» «Wem? Wo bist gsi?» fragte Jakobli. «He wem!» sagte Hansli. «Es ist di geng warte gsi u wott de cho, we dr Hochzyt gha heyt.» Die Worte fielen wie ein großes Labsal in Jakoblis Längizyti, und wie auf einen Hammerschlag tausend Funken aus glühendem Eisen sprühen, so flammten auf das eine Wort Fragen die Unzahl auf in Jakoblis Gemüte, aber nur eine kam zutage: «Ists no bim Götti? Oder ischs öppe im Wirtshus?» «Bim Götti», sagte Hansli, «dä het mi taube gmacht, aber dem han ihs du gseit; er weiß es öppe jetz, daß mr kener Hudellüt sy, jawolle!»

«Still», sagte Sami unter der Kuh, «es chunnt neuer!» Sie schwiegen; draußen ging der Wind; da wollte eben Jakobli eine neue Frage tun, als von der Küche her Anne Bäbis Stimme erscholl. «Wo bist? Was Tüfels soll das gä? Warum rüfst ne nit?» «He! Dir söllit cho esse!» rief Mädi unter der Stalltüre; «ih ha ne grüft, aber es het ke Mönsch welle ghöre.» «Jawolle, grüft», sagte Anne Bäbi, «säg selligs de am ene Stock!» «Jo wäger han ih grüft!» beteuerte Mädi, «aber mi ghört, we dr Luft drna geyht, mängist nit wegem Brunnen.» Und allerdings hatte Mädi nicht gerufen, aber horchen hatte es wollen. Es wußte wohl, daß der Stall das Gemeinratzimmer war des Mannevolks wie die Küche die des Weibervolks; und eine innere Stimme, ein unerklärliches Etwas, ein Etwas, das nicht bloß auf die Begabtesten des Jahrhunderts kömmt, sondern noch auf gar manches Mädi im weiten Lande, sagte ihm, Hansli habe nicht nur eine Kuh heimgebracht, sondern sonst noch etwas, und dieses Etwas wäre gerade jetzt im Stalle zu vernehmen. Statt zu rufen machte es sich leise dem Stalle zu. Aber wenn Mädi leise gehen wollte, so war es bloß, daß es nicht schlarpete; das Abstellen hatte es nicht in seiner Gewalt. Sami hörte es immer in der Küche abtrappen, wenn er hinter dem Stall auf dem Bänkli saß. So kam es auch jetzt um seine Ohrenweide und noch dazu zu sauren Augen von Anne Bäbi; und wie es auch den ganzen Abend ums Haus herum trappete, um etwas zu vernehmen und damit Anne Bäbi zu versöhnen, so konnte es doch hell nichts mehr erhaschen. Es ging ihm akkurat wie einem Knaben, der Spatzen fangen, Salz auf den Stiel ihnen streuen will, aber allemal, wenn er zehn Schritte von ihnen ist, niesen muß; wenn er wieder aufsieht, husch, ist kein Spatz mehr da.

Nun war im Hause vieles zu beschicken, und niemand schien daranhin zu wollen. Niemals fing Anne Bäbi gerne davon an, daß Jakobli eine neue Bkleidig haben, noch dies und jenes gekauft, verschiedene Arbeiter hergeheißen werden sollten. Anne Bäbi war es selbst angst darum; denn wenn es schon im Kopf hatte, Meyeli brauche nicht hoffärtig zu sein, sondern alles sei gut genug für ihns, so wollte es doch, daß Jakobli daherkomme, wie es sich öppe schicke für einen, der ein zahltes Heimet hätte und noch ein Schübeli Geld; man sollte sehen, von wem das Geld sei. Und wenn Jakobli doch ein armes Meitschi wolle, so brauche er sich auch nicht zu schämen, wenn es alle Leute wüßten; aber ihns, Anne Bäbi, sollte er dafür halten und ums Nötige bitten, damit es erst rechts und links schnauzen könne, ehe es Gnade gewähre und Erhörung. Es ward jeden Tag wilder, und als die Andern sich schon darein ergeben hatten, daß Jakobli seine letzte Sonntagsbkleidig auch noch brauchen könnte, hielt es sich nicht länger, sondern frug ihn einmal hastig: «Du wirst nichts mehr mangeln, du wirst dich schon versehen haben?» «Nein, wäger nicht», sagte Jakobli, «ich mangelte noch manches.» «He nu, su lueg, daß ds überchunnst!» antwortete Anne Bäbi und schnurrte davon. Eine Stunde später ließ es sich wieder zu ihm und fing von neuem an davon zu reden und sagte, ehemals seys dr Bruuch gewesen, daß me öppe dr Mutter dEhr ata hätti u si um selligs gfragt; aber hürmehi mach es n ieders, was es well. Aber es sei ihm gleich, es hätte nur weniger zu tun. Und ehe Jakobli antworten konnte, hatte es wieder den Weiten genommen in seinen Holzböden. Und doch ließ es es nicht leben, und ehe noch am selben Tag der Abend kam, war alles abgeredet, und ehe der Hochzeittag kam, alles fertig; aber wunderliche Leute schaffen sich viele Plage.


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