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Dreizehntes Kapitel

Wie Jakobli auf die Gschaui reiset

Es war einer von den Sonntagen, von denen man nicht weiß, wie sie ein Ende nehmen. Drohende Wolken hingen am Himmel, warm war die Luft und still der Wind; die Weiber wünschten Regen, den Männern wäre schönes Wetter lieber gewesen. Sie sind nicht immer gleicher Meinung, die Männer und die Weiber; die Weiber lieben das Beständige selten, das beständige Wetter nicht, den beständigen Frieden nicht; und wie sie es mit dem Himmel haben, wo Beständigkeit ersetzen soll den diesseitigen Wechsel, darüber haben sie sich noch nicht ausgesprochen.

So in halbtrübem Wetter marschierte Jakobli fort, achtete sich der Landschaft nicht viel, wie der Lewat errann, und was für Äpfel die Bäume hätten und die Hühner akkurat gleiche Schnäbel wie bei ihnen, das sah er alles nicht. Aber hier und da versuchte er, ob einer Deutsch könne, und fragte nach dem Zyberlihoger. Wenn ihn darauf die Leute wunderlich ansahen, so ward er rot, und wenn sie ihn fragten: «Was wottsch dert?» so sagte er: «Aparti nit viel; ih soll neuis dert verrichte.» «He nu, su schaff de wohl!» antworteten sie und zogen fürbas. Endlich hatte er vernommen, daß er nicht mehr als eine Stunde von seinem Ziele sei, kam soeben an einem Pintenschenk vorbei, fühlte Hunger und Durst, nahm sein Herz in beide Hände und trat zum erstenmal in seinem Leben alleine in ein Wirtshaus. Dere Bursche, denen das im neunzehnten Jahr begegnet, werden ds Land auf und ds Land ab nicht viele sein, nicht einmal manches Meitschi. Aber am Morgen hatte er wenig gegessen, und so hungerig an ein fremdes Ort zu kommen, das wußte er, schicke sich nicht, und Sami hatte ihm auch gesagt, wenn einer gegessen und getrunken hätte, so hätte er viel mehr Kuraschi.

Es war auch eine der Pinten, die mit Tüfels Gewalt erzwängt war, so eine Spinnhubbele des Teufels, in der er seine Fliegen fängt. Des Morgens hängen darin einige versoffene Hudeln, Handwerker auf der Gnepfi, Landstreicher, ausgejagte Bauernsöhne, trinken für einen Halbbatzen nach dem andern Erdäpfelbranntenwein und ramsen mit versudelten Karten. Des Nachmittags sieht man in verwahrlosten Ortschaften verwahrloste Bauern darin, die sich dem Arbeiten daheim entzogen und nun da ansitzen, sich rühmen, andere schelten, das Mark ihres Hofes verzehren, spielen, disputieren und Zeugnis ablegen, daß da ein Ort sei, der dem Verhudeln entgegengeht. Des Abends sieht man solche Nester oft leer, oft aber mit Krethi und Plethi untereinander, sogar Landjäger; und wenn nicht rote Umhänge vor den Fenstern wären, so sähe man darhinter vielleicht noch ganz andere Leute. Wurde doch jüngst einem Landjäger vorgeworfen, er dürfe in keinen Haufen von Hudeln mehr hineingreifen, aus Furcht, er ziehe den – hervor.

In einem solchen Nest ist auch ein Wirt und eine Wirtin, der Wirt oft ein Strolch, der bei anderer Arbeit nicht fortkam, die Wirtin oft ein verschlärptes Stubenmeitli oder eine erfaulete, unbehülfliche Bauerntochter. Solche Leute, wie man sie aber nicht nur in Pintenschenken, sondern auch in neuen Wirtshäusern sieht, von denen man voraussieht, daß die Mehrzahl von ihnen oder wenigstens ihre heillos erzogenen Kinder auf die Gemeinde kommen, sehen nie verwahrloster, heilloser aus als am Sonntag morgens und manchmal bis in den Nachmittag hinein. Je mehr ein Handwerker am Verhudeln ist, je weniger er durch die Woche arbeitet, desto mehr schaffet er am Sonntag oft bis gegen den Abend hinein; es gibt solche, denen man nachredet, daß sie gar nicht mehr arbeiten, ausgenommen des Sonntags, ein sehr merkwürdiges Zeichen des verkehrten Zustandes ihrer Seele.

Daher bleiben solche Nester des Sonntagmorgens oft leer, aber nicht wegen dem geistlichen Sinn, sondern dem umgekehrten. Am Samstag bis in den Sonntag hinein ist gehudelt, alles mögliche getrieben worden; wenn nun der Sonntag hell wird über der Erde, so weckt die abgejagten Wirtsleute weder Gott noch die Welt. So wenig als der Maulwurf in seiner dunkeln Kammer die Sonne sieht, ebenso wenig scheinet Gott in ihre verfinsterten Seelen hinein; seine Stimme hören sie nicht, denn zu seiner Herde gehören sie nicht; es mag seine Stimme schallen im Donner des Sturmes, im Säuseln des Windes, im feierlichen Glockenruf, für sie haben sie ihre Ohren nicht; sie haben für nichts ihre Ohren mehr als für: «Wirt, no e Schoppe! Für ne Halbbatze Branntenwein! Gib ds Spiel füre!» An diese Hauptlaute hängt sich dann das zotenhafte Geleite von Redensarten, welche Wirt und Wirtin nebenbei einnehmen, mit Andacht und Erbauung. Was wird einst aus solchen Ohren werden, wenn die Donner des Gerichtes ertönen? Was werden die Seelen ausstehen, die mit lauter solchem Gerede gefüttert wurden wie die Schweine mit Eicheln?

Solche Seelen weckt also der Herr des Sonntags nicht; es weckt sie auch die Welt nicht. «Wirtschaft, Wirtshus!» ertönet nicht von der Gaststube her in ihr Schlafkabinett, das oft einem Schweinestall nicht unähnlich sieht. Sie liegen also bis der erste Gast kömmt; dem wird dann als erste Labung der ungewaschene und ungestrählte Anblick der abgejagten, daherschlarpenden Wirtsleute mit den toten, halbverpichten Augen, mit den Gliedern von Blei und Gstabeligi.

In so eine Pinte kam Jakobli. Der erste Gast war er freilich nicht, aber der Genuß jenes Anblickes ward ihm noch; in einem Gang, als ob ihre Beine Achtundvierzigpfünderkanonen wären, brachte ihm die Wirtin seinen Schoppen und ein verraxetes Stücklein kaltes Rindfleisch, und gäb wie der Wirt seine Augen auswischte mit seinen versalbeten Ärmeln, so vertrugen sie doch des Tages Heitere nicht. Da suchte er in allen Taschen und rief endlich: «Frau, wo ist doch o my Lumpe? Erst han ih drei kauft u weiß scho kene meh; das ist mr afe e Ornig, es bschießt kes Geld nüt!» «He, warum last se a alle Orte ligge!» sagte die Wirtin, «de näh se dKing und schleypfe se, es weiß ke Mönsch wohi; und de brucht me se mengist, für de Lüte öppis drin mit heyzgä, u de bringe die eim se nit ume. Da vrma ih mi desse nüt, lue du drzu mira!» Da strich sich der Wirt brummend um einen andern Lumpen aus, die Wirtin aber begann zu strählen und den Jakobli auszufrägeln. Sie hatte es bald los, wohin er wollte, und fragte ihn spöttisch, ob er öppe der seie, wo sie seit einiger Zeit auf dem Zyberlihoger so viel Redens hätten seinetwegen.

Jakobli sagte, er wisse es nicht, denk chum. «Ih denk doch wohl,» sagte die Wirtin, «es soll e Halbbling sy, u du bist ja o eine. He nu, ih ma nes gönne, we si dä chönne fische; si hey ne nötig.» «Warum?» fragte Jakobli und düpfte mit Brot die Brotbrosmen auf dem unsaubern Tische auf. «Oh», sagte die Wirtin, «man sollte eigentlich nichts Schlechtes über die Leute sagen, und ich tue es auch auf my armi Türi nit. Aber das sind auch Leute nicht wie andere Leute, und uns haben sie es gemacht, sie können es vor Gott nicht verantworten.» Für andere Leute hatte nämlich diese Wirtin Gott beibehalten, und es wäre ihr grusam leid gewesen, wenn sie nicht hätte hoffen können, es wäre ein Gott, und der würfe wenigstens die in die Hölle; nur für sich und ihre Familie brauchte sie ihn nicht. We me afe witziger syg, sagte sie, su chönn me zun im selber luege, mi bruch de niemere angers. So redete die Wirtin und konnte doch nicht einmal zu ihres Mannes Lumpen luegen.

«Das sind die wüstesten Leute zentum, und ih gönne niemere nüt Böses; aber wenn die jetzt so glücklich wären, wie sie rühmen, es duechte mich, ich könnte nicht ruhig sterben. De wohl, de wäre si wieder lustig, we dr Weibel ne nimme all Tag zum Haus chäm und sie wieder mit Fünfunddreißiger klingeln könnten auf allen Tanzplätzen und vor den Krämerladen. Da sind sie uns schuldig gewesen; bald hat die Alte etwas holen lassen, bald sind die Meitscheni gekommen und haben Brönz und roten Wein heimgekräzt für ihre Kilter. He nu, mi het ne gä; mi het denkt, mi chönn ne de öppis abkaufe drgege. Da haben sie nun zwei so schöne Schweine gehabt, die haben sie uns manchmal versprochen; wenn sie zusammen sieben Zentner machen, so müßten wir sie haben, sagten sie, und wir haben uns deren tröstet und denkt, an denen sei allfällig etwas zu machen. Wo do mein Mann geglaubt hat, jetzt wärs Zeit, ging er hinauf, und wer keine Sau mehr findet, war er; sie hätten sie letzten Dienstag auf Bern geführt ungsinnet. Ihr Vetter, dr Ratsherr, syg grad i dr Sitzig, u dä heyg ne se vrkauft ungsinnet, si hätte do nit angers dörfe. Da hey mir do chönne hingernache luege. Was macht do my Ma, dä Göhl, er chauft ne es Kalbeli ab; won er dr Schade umseht, ist es do voll Lüs gsi, und won er mit ne het welle rechne, su hey si ihm alli Schang gseit und ds Halbe no welle ablaugne, und prozediere hey mr nit möge; was will üsereim mache gegen sellig, wo dr Fuß im Hafe hey, e Vetter, der Gemeindschryber ist und all Schiß läng zBern i dr Sitzig. Mir heys styf chönne a üs selber ha; aber dene vrgissen ihs nit, und wenn ih hundertjährig wurd, und wenn ih nes einist cha ytrybe, so soll es nit gspart sy.

Es wäre schade um dich, wenn du solltest ihre Hungstock sy; wenn d schon e Halbbling bist, su bist doch e Mönsch, und we d so rych bist, wie si säge, su überchunnst du Wyber, soviel du willst, und ganz angere als e selligi Blättere, won e Gring het wien e Buchbütti und e Lyb wien e Spittel, und nit sellige, wo d mußt ga dSchulde zahle; no mengi Rychi nähm di. Aber wenn ich dich wäre, so nähmte ich ein armes Meitschi und machte es glücklich; das kann dir nichts vorhalten und bsinnt si öppe syr Lebtig, vo wem dSach chunnt.

Das ist mr e vrfluchti Sach, daß ih just heute mein Meitschi habe fortschicken müssen; das wär grad eins für dich wie gwünscht. Es wird grad am Fasnacht-Solothurnmärit siebzehn Jahre alt, ist wien e Blume und ist es manierligs, wie de zBern kes fungist; es cha rede wie gesalbet und mit emen iedere, grad wies ihm gfallt. Und doch ists de nit, daß öppe en iedere mit ihm mache könnt, was er wett; potz Türk, du solltest sehen, wie es sie absüferet, wenn ihm eine z'nach chunnt, bsungerbar vor de Lüte. Es gleytigers Meitschi i alli Spiel gits nit; es ist wien es Wieseli hie u dert, mi weiß nit wie, und de ists nit, daß es einist nit o öppis überchömm, o Jere. Wenn es uns gut geht, wie wir öppe denke, so haben wir im Sinn, so in zehn oder fünfzehn Jahren grad nebe e Stadt zuche oder mynethalb dry, es ist mr zletsch glych, lan es Hotäll z'baue vo de schönste eys, wo me gseh will, wo de nüt angers drychunnt als fürnehm Herre, Gumeni, vo de öberste Schrybere, und was öppe a dr Regierig ist; da werde mr de rych vom Tüfel; wer de da einist usenäh cha, wird dNase uftue.»

Somit hatte die Wirtin ausgestrählt und Jakobli ausgetrunken, und die erstere wollte dem letztern ungeheißen noch einen Schoppen holen. Als er das nicht wollte, so meinte die Wirtin, er könne zahlen auf dem Heimweg, sie nehme ihm jetzt nichts ab. Das wollte Jakobli doch auch nicht und löste sich endlich mit dem Versprechen, nicht vorbei zu wollen, ohne einzukehren. Morgen treffe er das Meitschi an, sagte die Wirtin, und da könne er sehen, ob es ihm nicht gefalle; sie wolle nichts nutz sein, wenn im ganzen Kanton sich eins besser zu ihm schicke als ihr Bäbeli; gerade so eins hätte er nötig, sie sehe es ihm an. «Leb wohl u chumm de, ghörst! Sust lue de, wies dr geyht, u nimm di i acht dobe; u am beste wärs, du gingest gar nit u blibist grad da. U ghörst, säg de bi Lyb und Sterbe nit, daß de hie ykehrt sygist; es käme ihnen gleich in Sinn, es könnte ihnen öppis ausgekommen sein. Adie, leb wohl u chumm de, ghörst!» sagte die Wirtin und gab ihm die Hand mit einer Zärtlichkeit, als ob sie bereits seine süße Schwiegermutter wäre.

Es gebe doch an allen Orten gute Leute, dachte Jakobli, er hätte es nicht geglaubt; wenn es nur seine Mutter auch gehört hätte; aber wenn er es ihr schon sage, so glaube sie es ihm nicht. So dachte er und brach eine starke Schmahle aus dem Zaun, und als er sich noch mit dem starken Rindfleisch schlug, welches einen festen Bund mit seinen Zähnen geschlossen und vielleicht von dem Kalbeli mit Läusen stammte, welches sein zukünftiger Schwäher dem Wirt angehängt hatte, sah er rechts den Karrweg, an dessen Mündung nur noch ein Türlistock stund, und der von der Hauptstraße abbog und zu dem Zyberlihoger führen sollte. Auf diesem Wege mußte er auf seine Füße sehen; denn seit der Sündflut waren die Steine in diesem Wege nie aufgelesen, die Geleise nie zugemacht worden; darum sah er auch lange nicht, daß nicht weit vor ihm ein großes Bauernhaus stand, ein Stock und andere Gebäude darum.

Endlich hörte er den wilden, falben Hund mit dem stachlichten Halsband, der auf ihn zusprang und Ernst zu machen drohte. Es war von den Hunden einer, welche man ehedem liebte, teils weil sie einem die armen Leute vom Leibe hielten, teils weil junge Bursche, die sich gefürchtet machen wollten oder auch viel zu fürchten hatten, gerne solche Hunde mit sich führten. Jakobli erschrak grusam, als das gelbe Tier so ihm entgegensprang wie ein Löwe; er wollte fliehen, fiel nieder und wußte nicht, ob Steine, Hund oder Geleise ihn zu Falle gebracht. Wie er fiel, hörte er lachen oben, dann pfeifen, und knurrend Schritt für Schritt ließ der Hund von ihm ab; ungefährdet konnte er aufstehen und wußte lange nicht, wollte er aufwärts oder abwärts. Ein Funke eigenen Willens glimmte. Jetzt wär es genug, schien ihm, und wenn er der Mutter sage, wie man ihn empfangen, so wäre es eine vollständige Rechtfertigung seiner Rückkehr.

Aber der Funke ward nicht zur Flamme. Die Mutter hatte ihn geschickt; Sami hatte gesagt, er solle gehen und sehen, und Jakobli war gewohnt zu machen, was man ihm gesagt, wenn es ihn auch duechte, es ziehe ihn an allen Haaren zurück, und als trappe er in lauter Nägel. Er trappete also vorwärts, sah den Pflug im Felde stehen, sah Wagen in der Hofstatt, einen eingefallenen Gartenzaun, und einzelne Strohbüschel am Dache entrissen sich dem Familienbande und strebten ins Freie; Hühner liefen im Grase herum; ein Wagen mit Haber war im Schopf, auf dem Tauben Sonntag hielten; aber Mensch war keiner sichtbar.

Jakobli näherte sich der Küchentüre, klopfte, aber lauter klopfte sein Herz; drinnen heulte der Hund, endlich öffnete sich ein Schieber im Fenster, und eine Stimme fragte: «Ist neuer da, was wottsch?» Jakobli hatte gemeint, die Bäurin oder die Tochter werde ihn empfangen, welche er kannte, und jetzt kam da ein ganz anderes Gesicht zum Vorschein, welches unbekannt tat, und nun wußte er längs Stück nichts zu sagen. «Was wottsch?» Was sollte er sagen? Er wollte ja nichts; da war ja eben der Haken. Endlich fiel ihm ein, zu sagen, ob die Bäurin daheim sei, er sollte ihr neuis sagen. «Du kannst es mir auch sagen», antwortete das Gesicht unterm Schieber und zog den Mund so höhnisch, daß Jakobli innerlich böse wurde und Mut hatte, zu sagen, er well zur Büri, wo die sei. «Öppe nit wyt», erhielt er zur Antwort, und endlich ging die Küchentüre auf; das dicke Gesicht der Bäurin sah hinaus und rief scheinbar verwundert: «Ho, bist dus? Chumm yche!»

Durch die weite Küche mit bösem Boden wurde er in eine große, finstere Stube geführt, wo hinter braunem Tisch ein dicker Bauer saß mit rotem Gesicht, einige Fünfunddreißigerhäufchen vor sich, und mit einem Bleistift in einem Kalender schrieb, wie ihn die Säuhändler haben. «Lue, Joggi», sagte die Frau, «da isch jetzt dä, wo dLisi wott!» «So, bist du das Bürschli?» sagte der Bauer, «hock ab, du wirst müd sein!» gab ihm nicht einmal die Hand und fuhr fort, seine paar Geldstücke aus einer Hand in die andere zu tun. Die Frau aber sagte, er komme spät und müsse vorliebnehmen; sie hätten längst gegessen, und übrig geblieben werde nicht viel sein. Indessen stellte sie ihm doch auf einem schmutzigen Teller noch etwas Fleisch vor und hieß ihn nehmen, was er möge. Lisi sei nicht daheim; vielleicht komme es heim, vielleicht nicht. Es hätte gesagt, es müsse jetzt die Zeit zEhre ziehen und sich noch lustig machen, während es ledig sei; nachher wisse man nicht, wie es gehe. Allweg hätte es noch dWehli und könne machen, was es wolle. Es sei taubs gewesen, daß am Donnstag niemand gekommen sei als seine Alte, daß man die Sache nicht hätte richtig machen können, und sie wisse nicht, was Lisi noch ankomme; wenn es abkomme, so sei es ein handliches und lasse sich nicht so zum Narre halten und vergeben sprengen, er solle sich in acht nehmen.

Endlich packte der Mann sein Geld ins Gänterli und mischte sich auch ins Gespräch so von oben herab wie ein Dorfküng gegen einen Hintersaß. Er machte Jakobli erzählen, was sie hätten, führte ihm alles aus, vernütigte alles und rühmte dagegen, was er hatte, wieviel Land und Lebigs, wieviel Korn er verkaufe, und wie mancher Müller ihm noch schuldig sei; aber die Donnders Mehlgringe wüßten, daß er eigentlich das Geld nicht mangelte, und gerade deswegen geschehe es ihm manchmal, daß er in die Klemme komme. Jeder, der ihm etwas schuldig sei, sage: «Du hasts nicht nötig, du hast Geld genug!» Wenn aber einer Geld mangle, so komme er gegen ihm zu, und Joggi sött für all ha. Wenn er alles zusammentreiben wollte, die Stümplete hier und dort, es gäbe es styfs Höfli. Darum gebe er seine Meitleni nicht so einem jeden Halunk, und wenn sie es nicht bsungerbar gut machen könnten und gsächte, etwas davonzubringen, so lasse er sie nicht fort; einst hätten sie zu leben, und jetzt hätte er sie zu brauchen, und so wüßte er nicht, was sie dem Mannevolk nachzufragen hätten, wenns nicht eben wäre, fürs noch besser zu haben. Und dazu hätte er Meitleni, er wolle ausbieten das Land uf, das Land ab, obs noch sellige gäb. Vo dr Hübschi wolle er nicht reden; aber wenn er seine vier Meitscheni an einen Pflug spannen wollte, sy Seel, sie zögen ihn vier Stieren zTrotz.

Sein Weibervolk hätte ihm berichtet von einer Gschrift, die sie hätten aufsetzen lassen, die möchte er sehen; so für nichts und wieder nichts gebe er seine Meitscheni nit weg; so zu äußerst an den Ästen als dr Gottswille-Söhniswyber wolle er sie nicht hangen sehen. Er werde sie doch bei sich haben? Jakobli zog sie hervor mit schwerem Herzen, und Joggi buchstabierte daran in großer Not, zwischenein immer fluchend, er wüßte nicht, warum man den Stabellenküngen Schreiber sage; Kräbleni sollte man ihnen sagen, Kräbleni, und wenn man ihnen eine Gschrift zahle, so sollten sie einem allemal einen obendrein geben, der einem sie ablese, so oft mans nötig hätte. Er wüßte aber wohl, warum sie so schrieben, daß sie es einem immer ablesen müßten, wenn man es verstehen solle; Schreiben und Ablesen seien zwei, und wenn es einander auch nicht breiche, so gehe das niemand etwas an, wenns einmal unterschrieben sei. Nach langer Arbeit legte er das Papier wieder zusammen und sagte, er wolle sich noch darüber besinnen; so übel sei es nicht, aber vielleicht komme ihm doch noch etwas in Sinn; einer alleine wisse nie alles. Die Hauptsache hätte er gesehen, und daß nichts von ds Meitschis Ehesteuer darin sei, das sei recht, ds Meitschi sei eigentlich Ehesteuer genug; aber er sei dann doch nicht der, der ein Meitschi so blutt laufen lasse; es sölls ihm bim Sacker e angere nachemache.

Unterdessen war es Abend geworden; die Alte hatte ein Kaffee zweggemacht, legte graues Brot auf den Tisch, schimpfte auf die Kinder, daß keins sich herbeilassen wolle. Es sei sich zwar nicht zu verwundern; wenn sie einmal an einem Orte seien, so ließe man sie nicht mehr fort, wenn sie nicht das Wüstest alles machten, und das möge man doch auch nicht immer. Lisi werde denken, sie könnten noch genug beieinander sein, und wegen Einem könne man doch nicht die ganze Welt hassen.

Sie nötete Jakobli von ihrem blauen Kaffee ein, drang ihm Brot auf. Er solle nicht so schmäderfräßig tun; er werde sein Lebtag auch nicht immer weißes gehabt haben, und wenn es auch ein wenig grau sei, so solle er es nicht schüchen; das beste Brot werde im Sommer grau, aber das schade ihm nicht, es sei nur dest chüstiger. Wenn es ihm recht sei, sagte der Bauer, so wollten sie zusammen ins Wirtshaus; vielleicht treffe er dort Lisi an, und dann könnten sie miteinander heim. Als sie gingen und Jakobli der Bäuerin adie sagte, schnauzte sie ihn an, sie wäre auch mitgekommen, wenn er sie geheißen hätte; aber wenn einer keinen Verstang habe, so habe er keinen. Nun wollte Jakobli gutmachen, aber umsonst. Es sei nicht, daß sie mitmüßte, sagte sie; wenn sie daheim bliebe, so lachete sie niemand aus mit eme sellige Tochterma.

Im Vorbeigehen führte der Bauer Jakobli noch in den Stall; es war aber schon halb finster, und gäb wie der Bauer rühmte, daß weit und breit kein solcher Stall sei, so berühmt bei allen Metzgern, und daß, wenn er ein Haupt darein stellte, in acht Wochen es fett wäre, so dünkte es Jakobli doch trotz dem Halbdunkel, welches der Bauer nicht unweislich abgewartet hatte, die Kühe seien wohl strub, hinten stünden die Rollen zu dick übereinander und liefen auf dem Rücken zusammen, brüllten zu wehlich durch den leeren Bahren und schlecketen einander zu sentimental die gehörnten Häupter. Eine zarte Dame hätte eine rührende Freude gehabt an dieser kühhaften Zärtlichkeit, während ein Kundiger wohl wußte, daß dieses Schlecken nicht geschah um der Liebe willen, sondern von wegen der Grashälmchen, welche ihnen gegenseitig zwischen den Hörnern stachen.

Als sie beim Mist vorbei gingen und Jakobli das jammerwürdige Häufchen betrachtete, das ein Kapuziner fast unter seine Kutte gebracht hätte, sagte der Bauer, er frage dem Mist nicht viel nach, bsungerbar dem Herbstmist nicht. Er hätte Land, welches das Misten nicht erleiden möge; tue er leicht Mist hinein, so falle ihm alles in den Boden, bsunderbar ds Korn. Darum hätte er auch am liebsten das Nahkorn, und wenn die Erdäpfel nur wenig gemästet seien, so gebe es ihm ohne neuen Mist Korn auf dem Platz ganz Hüfen, mehr als er nehmen dürfe. Nun fiel er wieder in sein Rühmen, was er für Matten hätte und wieviel Ackerland und wettigs und Rechtsameni, daß es dem Tüfel drob gruseti, und no eigenen Wald, er wisse selbst nicht, wieviel, und noch eine Weid, es hätten alle Gusteni der ganzen Gemeinde darin Platz.

Noch war er mit Rühmen nicht fertig, als ihnen von weitem Tanz und Johlen entgegen scholl und die Nähe des Wirtshauses verkündete, das eine gute halbe Stunde entlegen war. Es ging lustig her dort, alles war erleuchtet, in dem obern Stock die Fenster offen, unter denen unglückliche Mädchen saßen, die noch niemand zum Tanz geschrissen, weither ums Haus war alles leer. Wie Mücken ums Licht sich drängen, so war die Menge zusammengeströmt um die Quellen der Lust, welche im erleuchteten Hause so reichlich sprudelten. Nur hie und da unter dichten Nußbäumen sah man einen Schatten, hörte von Zeit zu Zeit einen Ton, der einem menschlichen glich. Das waren Schatten armer Mädchen, welche die Eifersucht hinausgetrieben, und die nun einsam, verlassen hinter den Bäumen schluchzten, einen Weltenjammer in ihren kleinen Herzen. Im Hause tanzte eine Glückliche mit ihrem Schlingel, hatte vielleicht schon Wein von seinem Wein getrunken; sie hatte er nicht geachtet, sie stehen lassen an der Wand, hatte sein Glas ihnen nicht gebracht, hatte getan, als ob er sie nicht sehe, und sie hatten ihm doch schon so viel gegeben, hätten ihm noch mehr gegeben, wenn sie noch mehr gehabt, und er hatte alles vergessen, sie mit allem, was sie ihm gegeben. Das wollte ihnen das Herz abdrücken.

Alles eingesetzt und nichts gewonnen, da muß einem wohl der Jammer schütteln, wie er einst auch Viele schütteln wird, wenn die Lose gezogen werden und an Tag kömmt, was so Mancher mit seinem Leben gewonnen hat, welches Gott ihm zum Einsatz gegeben, das ewige Leben zu gewinnen, und er hat es vergeudet an ein Linsengericht oder sonst etwas, das dem ewigen Leben noch weniger gleicht als ein Linsengericht. Und solche arme Mädchen sieht man an jedem Tanzsonntage hinter Zäunen und Bäumen und hört ihr Schluchzen wohl, und doch bringt das eine dem andern nicht Weisheit, so wie die andern Mücken um nichts desto weniger zum Lichte flattern, wenn schon vor ihnen Mücke um Mücke die Flügel verbrennt. Aber rührsam ists, wie da unter den Bäumen die Liebe noch mit der Rache streitet, und unter zehn werden neune schluchzen: «Ihm kann ichs so übel nicht nehmen; die Dolders More ist schuld, die hat ihn verführt. Er meinte es gut, aber die hat ihn aufgewiesen; wenn ich nur einmal zu ihm kommen könnte, ich wollte ihn wohl brichten; aber z'sterben freut es mich nicht, bis ich der Täsche einmal gesagt, was sie ist, und sie soll mir nur ds Maul auftun, dere wett ih dZüpfe schüttle.»

Einer dieser Schatten nahte sich ihnen groß und mächtig. Jakobli erschrak und meinte, er werde sich zu Lisi verkörpern, so ähnlich waren diesem die Umrisse. Aber Joggi sagte: «Wo stürmst du ume, Stüdi?» «Ho, aparti niene, aber ih ha nimme möge dobe sy, es ist mr heiß gsy», sagte Stüdi, kam mit ihnen herein und setzte sich mit ihnen an die Halbe, welche der Vater kommen ließ; es machte keine Umstände. Ach, wenn so einem Stüdi sein Schatz untreu wird oder es keinen findet, wenn es nur ein Stück Kalbfleisch findet und statt Liebe einen Schluck Wein, so kömmt ihm Trost, und es meint, es sei besser öppis als gar nüt; und wenn einmal unverhofft Wein und Fleisch auf dem Tische stehen, kann nicht auch unter dem Tische oder hinter dem Tische ein Schatz sein unverhofft?

Es saßen um den Tisch allerlei Mannen, unter andern auch einer mit gelbem Gesicht und einer wohl starchen Nase; man wußte nicht recht, war es ein Schuhmacher oder ein Häftlimacher. Aber er war beides nicht, sondern man sagte ihm Gemeindschreiber, und Andere ließen hie und da einen Ratsherrn flädern. Der führte das große Wort, als sie kamen, redete armsdick, daß den andern die Köpfe wackelten. Der sagte ihnen, wer es gut mit dem Lande meine; was die aber in Bern auszustehen hätten, und wie sie verfolget würden, man sei manchmal längs Stück seines Lebens nicht sicher. Da komme kein Gesetz heraus, das gut für das Land sei; und wenn man schon meine, man habe es recht abgeraten, wenn es gedruckt sei, so sei es ganz es angers. Er hätte ihnen aber bim – letzthin die Sache gesagt vor Großem Rat, es hätte dem Landammann angst gemacht, ds hell Wasser sei ihm über die Stirne ab gelaufen; sie hätten sich aber wohl gehütet, das in die Vrhandlige z'tue; kes Wörtli drvo syg drinne gstange.

Aber das sei noch nichts, wie er ihnen manchmal am Abend bald hier, bald dort dKuttle wäsche, daß es den Andern übel gruse; aber es bschieß alles nüt. Man hätte ihn schon lange in die Regierig welle, und gut Fründe hätten es abgeredt gehabt; aber wohl, da hätte es Lärm gegeben, als man es gemerket, und mi hätts chönne usenangere sprenge, daß es nüt drus gä heyg; den Einen hätte man von einer Straß gesagt, den Andern vom Brachzehnten, den Dritten von einem Spittel, den Vierten von einem Pföstli, Angere vo de Ehrschätze, und wo es zum Mehre cho syg, hätt er bim Dolder nicht e einzigi Stimm gmacht. Aber alle rechte Vaterlandsfründe mache man es so, er müsse sagen, es erleide ihm, so dabeizusein.

Er hätte einen Kamerad, akkurat so einen, wie er sei, dem hätten sie es in Bern gemacht, es sei eine himmelschreiende Schande. Er wolle nicht davon reden, wie man ihm immer den Fuß vorgehalten, wenn er einen guten Pfosten begehrt hatte, und sie immer denen gegeben, welche ihm nicht die Schuhriemen aufgelöst, sondern noch von etwas angerem. Derselbe sei auch ein berühmter Doktor; schon sein Vater sei weit und breit dr fürnehmst gsi, er sei aber noch weit geschickter; dä heyg scho mänge äneume greicht, wo dNase scho änefert gha heyg. «Aber us Nyd und Kyb hey si ne nit welle la mache und hey dUsred gha, er syg nit gstudierte, und es nimmt mi doch bim Dolder wunger, obs druf achömm, ob eine gstudierte syg, oder ob eine d Lüt gsung mache chönn, se umewehre chönn, we si dNase scho änefert hey. Aber darauf ist es nicht angekommen, ja sie haben ihn verklagt und sogar gebüßt, gebüßt und nicht gefragt, wer er sei; und Andere haben sie unter ihrer Nase machen lassen und lassen sie noch jetzt machen, und kein Mensch gibt ihnen ein böses Wort; aber es muß sein, daß, wenn einer Fritzli heißt, er mehr Recht hat, als wenn er ein Uli ist.

Endlich ist ihm die Sach erleidet, er dachte, ds Heilen sei dHauptsach, und darin förcht er niemand, und so stellt er sich zum Examen. Und jetzt, was macht do üsi neue Regierig, wo me doch glaube sött, si meintis mit em Land gut, öppe wenigstens, was die alti, von welcher man immer sagt, sie habe für sich glueget und nichts fürs Land? Und was hat die alte gemacht? Es hat sich unter ihr einmal einer von denen, welche geschickter sind als die andern und deretwegen verfolget werden, zum Examen gestellt. Da hat die erkennt, ja freilich, er solle nur kommen und das Examen machen; aber kujonieren wollen sie ihn nicht lassen von seinen Neidern und Anklägern, den Gstudierten; das könnte doch jedes Kind begreifen, daß sie ihm den Fuß vorhaben würden, und es müßte doch öppe gspäßig sein, wenn sie, die das ganze Land regieren sollten, nicht öppe den Verstand hätten, einen zu examinieren, der Doktor werden wolle; wer ds Ganze regiere well, müß ja alles chönne, vrschwyge de was angfährt e Dokter wüsse müß.

Do schießen sie zwei Ratsherren aus, brave Manne, wenns scho fürnehm gsi sy, und die hey ne do gexaminiert, die zwei Ratsherre, er het si selber drüber vrwungeret; und do hey si ihm erlaubt, er chönn no es Jahr furtfahre, mi chönn de geng no luege. Die Gstudierte hey do darüber gräsoniert vom Tüfel und hey ufbegehrt grusam; aber was gseit gsi ist, ist zselbisch gseit gsi, und die Dolders Gütterlimanne het me la gumpe und het si ihrere nüt gachtet. Wenn eine am ene Kranke nüt abbringt, was wett er de bi de Gsunge zwänge? Da hat man geglaubt, es gehe jetzt auch so, und wenn sie nicht Regierungsräte gehabt hätten, die den Verstand dazu gehabt, so hätten sie zwei Großräte ausschießen können oder meinethalb drei, daß sie dä Kolleg examinierte; es wäre dere gnue gsi, die es chönne hätte und no drzu gern ta hätte. So ein Doktorli zu examinieren, braucht es doch notti nit viel, und vo dene, wo im Große Rat sitze, weiß doch öppe e jedere, was e Doktor ist, und was ds Doktere z'bedüte het. Jawolle, me wär übel dra, we me nit meh wüßt als das, wo ja ganz anger und wichtiger Sache vorchöme.

Aber nein, so geht es diesmal nicht; anstatt öppe vrnünftig Manne, Kollege, Großrät, wer muß dä examiniere, wer, ih frage? Grad Dokter, syner Find, die, wo ne vrchlagt gha hey und geng uf ihm gsi sy, die het me uf ihn greiset, gemeint, was das gemacht sei, und wie man ihn unterntun wolle. Aber wohl, der ist ihnen schlimm genug gewesen; aber hat es ihm genützt? Dummes Züg haben sie ihn gefragt; aber auf alles hat er antworten können, und bschlagen hat er sie aus dem ff. Als sie nichts mehr mit ihm anzufangen wußten und nichts mehr zu fragen, nehmen sie zuletzt e große Doggel füre und sagen ihm, er solle sich vorstellen, das sei eine Kindbetterin, und jetzt solle er probieren, ob er das Kind von ihr nehmen könne. Zuerst tat er drglyche, er hätte nichts gemerkt und baggelte an der Sache, und da haben sie gezäpfelt und einander gemüpft und grusam große Freude daran gehabt; denn sie haben wohl gewußt, daß er auf diesem Weg das Kind nit fürebringt. Aber er hat wohl gemerkt, daß der Doggel am Bauch e großes Türli het, und daß sie das King da yche ta hey, und het so lang by ihm selber denkt: ‹Lachit dir ume; wo dir das King yche ta heyt, da wird es wohl wieder use möge.› Und wo sie am besten am Lachen sind, tut er plötzlich ds Türli uf, nimmt das King u seyt: ‹Da, ihr Herre!› Do hey si du gnue gha u ne rühig gla; sie hey du gseh, daß si dem z'weni schlimm sy; aber ds Patent hey si ihm du notti nit gä, will er ke Gstudierte ist, und doch het er chönne, was sie, und wenn ne Unparteiisch hätte könne examiniere, so wäre es anders gegangen, aber so geyhts zBern!»

Während der quasi Häftlimacher so redete, unterbrochen von manchem Donner, manchem Faustschlag, manchem Ausruf: «Wey mr ne ga ds Mayi singe?» und Jakobli mit offenem Munde zuhörte – denn vom Gebiete der auswärtigen Angelegenheiten wurde daheim kein Wörtchen gesprochen, und von politischem Leben wußte man in Hansli Jowägers Hause so wenig als von Prag, das nicht bloß ein böhmisches Dorf ist, sondern die Hauptstadt selbst – war unterdessen Bedeutendes vorgegangen hinter dem Rücken dieser Staatsvorlesung.

Hinauf in den Tanzsaal war die Kunde gelangt, er sei unten bei Ätti und Stüdi. Im Tanzsaal tanzten noch vier Söhne und drei Töchter vom Zyberlihoger, daß der Boden seufzte und stöhnte. Eins nach dem andern kam herunter, ihn zu gschauen, und Stüdi brachte es jedem, und so wurde eine Halbe nach der andern leer, und während sie tranken, zäpfelten sie hinter Jakoblis Rücken und machten sich wieder ans Tanzen. Zuletzt kam auch Lisi und brachte selbst seinen Tänzer mit, den trotzigen Metzger mit dem roten Gilet und dem gewaltigen Schlagring; und während Lisi dem Jakobli abtrank, tränkte Stüdi den Metzger. Lisi helkte den Jakobli, ob er nicht kommen wolle und einen mit ihm haben; es nehme ihns wunder, wie er tanzen könnte. Jakobli mußte ablehnen; sein Lebtag hatte er nie den Fuß zum Tanz gehoben. Zur Zeit, wenn andere Bursche anfangen, mußte er mit der Mutter den Bohnen und dem Kabis nach; damals hätte er noch Lust dazu gehabt, seit seiner Krankheit war dieselbe ihm vergangen. So werde er es nicht ungern haben, wenn es mit einem Andern tanze, sagte Lisi; solange eine Geige gehe, könne es sy Seel die Beine nicht stillehalten, und wenn man sie mit einem Wellenseil zusammenreiggelte.

Jakobli hatte nichts darwider, ja es war ihm recht, obgleich es ihn dünkte, wenn Lisi seine Braut sein wolle, so wäre es anständig, daß sie neben ihn hocke und mit ihm brichte. Aber er sah aus allem, daß man glaube, man habe ihn im Brättli, und daß man ihn darum gar nicht mehr ästimiere, sondern ihm gleich zeigen wolle, wie es gehen müsse, und daß er gut sei von wegem Geld und als Gatter vor der Türe, aber weiter für nichts. Das war ihm nicht unlieb, und eine Art innerer Kaltblütigkeit wuchs ihm mit jedem Glas Wein und nahm die Angst ihm weg. Davon sah man ihm freilich äußerlich nichts an, und als der Vetter sich an ihn machte, ihn ins Gebet nahm über ihre Umstände, da antwortete er ganz blöde; denn sövli e gstudierte und bredte Ma hatte er sein Lebtag nicht gehört.

Nachdem dieses Examen zu Ende gegangen, schritt er zu allgemeinen Fragen über Schul- und Gemeindeangelegenheiten, wie das zu Gutmütigen wäre. Jakobli berichtete, was er wußte, und der Vetter lächelte spöttisch zu allem. Man sehe wohl, daß sie zu Gutmütigen in allem weit hingernache seien gegen ihnen auf dem Zyberlihoger; sie wüßten nicht einmal, was dVerfassig z'bidüte heyg, gschwyge daß sie se de ygführt heyge. Daß sie den Gemeindrat nur alle sechs Jahre ergänzten, wo das Gesetz ihn doch nur auf zwei Jahre stelle, beweise, daß sie den rechten Geist noch nicht hätten. Nit vrgebe heyg die neui Vrfassig soviel uf em Ändern, und je strenger man ändere, desto weniger Aristokrate gebe es wieder; je strenger man ein Rad umtreibe, je weniger springe einem ein Hund zwischendurch. Wenn einer vier Jahr am Gmeindrat sei, so mein er schon, was er kenne, und wolle in alles reden, gäb wie dumm es herauskomme; und sei einer sechs Jahre darin, so wolle er schon alles besser wissen als der Schreiber und gebe ein neuer Dorfmagnat, ein Aristokrat, und gerade solche wolle man nicht mehr in Bern. Er wolle doch fragen, ob man mit ein paar hundert Gemeindschreibern nicht besser fahren könne als mit ein paar tausend Aristokraten, von denen doch keiner nichts verstehe. Er hätte schon lange gemerkt, was Trumpf sei, und es werde die Zeit kommen, wo man wisse, wer eigentlich Rad am Wagen sei, und die Schreiber nicht mehr so verachten wie jetzt und sie am Hungertuch nagen lassen, daß sie längs Stück verrebeln müßten, wenn man sich nicht öppe wüßte z'helfe. Hier auf dem Zyberlihoger habe man ein gutes Eingricht; da lauf dSach, und wers vrstang, den lasse man machen; aber so sei es nicht an allen Orten.

Er hätte noch lange gepredigt, aber oben hatte endlich das Tanzen aufgehört; es war zirka zehn Uhr, denn der Zyberlihoger lag in einem Oberamt, wo um zehn Uhr Feierabend wird mit dem Tanzen; in andern geschieht es um acht Uhr, in andern um neun Uhr, in andern um elf Uhr; und wer weiß, ob im Suppenloch, wo man ganze Nächte spielt und am Morgen um drei schon wieder kegelt, nicht erst um zwölf Uhr. Von wegen der Kanton Bern ist gar ungeheuer groß, so daß zwar die Uhren alle gleich gehen, aber die einen Dörfer liegen viel näher dem Aufgang der Sonne als die anderen; es ist aber natürlich, daß da, wo die Sonne viel früher aufsteht, sie auch viel früher niedergeht, also viel früher Feierabend wird; es kann also von Rechts wegen nicht an allen Orten, in allen Wirtshäusern des Kantons zu gleicher Zeit Feierabend gemacht werden. Wer aber das von wegen der Sonne nicht weiß und nur an die Uhr sieht, der schreit über Ungleichheit und zeigt, wie dumm er ist. Freilich mögen hier und da Irrtümer stattfinden; es heißt daher, es werde nächstens für alle Regierungsstatthalter und Landjäger ein Kurs in der populären Astronomie gelesen werden, wo, weiß man noch nicht, allweg doch in Bern, vielleicht dort beim Sternen.

In der Gaststube war es dick, es gab Stöße und Müpfe; da kam der Wirt und sagte, er hätte in der Nebenstube zweggemacht; er hätte gedacht, dort sei man ruhiger. Dort war ein großer Tisch zweg, und an denselben setzte sich die Zyberlihogerfamilie. Die Söhne schrissen ihre Meitscheni; mit den Töchtern folgten ihre Tänzer, auch Stüdi hatte wieder einen und sah glücklich aus. Obenan saß der Vetter mit der langen Nase, hintendrein kam Jakobli und kriegte, als er von einer Stube in die andere ging, einen Tätsch auf den Hut, daß der ihm bis zum Kinn hinunter fuhr; und ringsum donnerte ein Gelächter an den Wänden, und immer lauter, je länger Jakobli am Hute riß und schriß, bis er ihn wieder in ebenrechter Höhe hatte. Kein Mensch kam ihm dabei zu Hülfe, nicht einmal Lisi, gerade das lachte am lautesten, und Berichte sagen, der Metzger hätte auf Lisis Wink den Tätsch getan.

Am Tisch ging es nun lustig her; der Vetter dozierte, Joggi fluchte mit dem Wirt über den Pintenwirt, bei dem Jakobli diesen Morgen gewesen; sie brachen ihm die Eisen ab, rechneten aus, wie bald er geldstagen müsse, und zählten auf, was Mutter und Tochter für Trüecher seien; untenum war ein beständiges Kickern und Lachen, meist über Jakobli. Zuweilen lächerte es die Mädchen Privatunterhaltungen wegen, die sie mit ihren Nachbaren pflogen. Es ging flott her; dann verschwand ein Pärchen nach dem andern, bis nur das Kleeblatt oben am Tische saß; eben schlugs Mitternacht. Da redete der Vetter von Aufbruch, und Joggi sagte, jetzt werde es um die Üerti zu tun sein, und es dünke ihn, Jakobli sollte ein Tochtermannstücklein machen und sie zahlen, es wäre nichts darneben, es Mönsch wie Lisi sei noch manche solche Üerti wert. Da Jakobli nichts darwider hatte, so sagte Joggi dem Wirt, er solle noch eine Maß Roten rüsten, es gehe mit dem andern, seine Alte müsse doch auch was haben, sonst gebe es trüb Wetter daheim.

Vornehm nahm der Vetter Abschied, das heißt, er dankte nicht, sondern sagte, vielleicht komme er nächsten Donnstag auch nach Burgdorf; die Gschrift sei nicht bös, doch sei noch manches daran zu ändern; wie geschickt einer auch sei in den Büchern, was das Land angehe, bleibe er doch e Löhl, und son es verachtets Gmeinschryberli wisse es hundertmal besser, wo es düre jage. So sagte er und segelte von dannen einem Schiffe gleich, das durch die See fährt, wenn West und Ost miteinander kämpfen.

Ungefähr in ähnlichem Schritt marschierte Joggi dem Jakobli voran und fluchte über den Text, daß, wenn Gerechtigkeit bei Gott sei, er alle seine und meine Feinde in die ewige Verdammnis werfen werde. Bang bewegt und in einem Säcklein die Maß Roten tragend, folgte Jakobli.

Der Wurm krümmt sich, wenn des Menschen Fuß in den Sand ihn tritt; wo wäre der Mensch, dessen Gemüt sich nicht empört, wenn Dutzende von Füßen und noch dazu so große wie Lisis auf ihm herum trampeln wie dreschende Ochsen in ihrer Tenne? Er hatte in der ganzen Tischete den Hohn wohl bemerkt, gesehen, wie er nichts war als das Huhn, welches man rupfen will; die Unverschämtheit Lisis mit seinem Metzger war ihm nicht entgangen, und daß er für alle die noch dazu die Zeche zahlen mußte, welche mehr betrug, als er sein Lebtag ausgegeben, das war ihm ins Herz gegangen. Es war ein Glück für ihn, daß Anne Bäbi tief ins Säcklein gegriffen und den Hochmut gehabt hatte, dem Sohn Neutaler mitzugeben, die er spienzeln, mit denen er sich groß machen sollte; so über einen gewöhnlichen Geldseckel wäre die Üerti weit hinausgegangen; dann wäre das Gespött noch größer gewesen. Nun war zwar dieses glücklich überstanden, und Geld hatte er noch mehr in der Tasche; aber was wartete seiner noch in dieser Nacht?

Scheiter flogen zuweilen an ihm vorbei; einzelne Nachtbuben rannten an ihnen vorüber, stießen ihn an, aber es waren nur Schreckschüsse, zum Ernste ließ es Joggi nicht kommen; wenn der seine gewaltige Stimme erhob, so flohen die Schatten, und die Scheiter kamen nicht wieder. Aber das war wiederum nicht, was so schwer ihm machte und so Angst. Nach Bernersitte mußte er erwarten, daß er auf dem Zyberlihoger in Lisis Gaden gewiesen werde, dort bei ihm den Rest der Nacht zuzubringen. Noch nie war er zu Kilt gewesen, noch kein Mädchen hatte er bei der Hand gehabt; daß er zuweilen mit Mädi an einem Seil gezogen, war nicht in Anschlag zu bringen. Was wartete ihm nun in Lisis Kammer? Er hatte wohl gesehen, daß es zu gleicher Zeit mit dem Metzger verschwunden war; jetzt sollte er ihn ablösen, und wessen mußte er sich gewärtigen, entweder vom Lisi oder vom Metzger? Was ruhte für ihn in der nächsten Stunde Schoße? Mehr als je war er entschlossen, Lisi nicht zu nehmen; aber was konnte man mit ihm vornehmen? Wie sollte er sich wehren, wie entgehen?

Je unbestimmter die Gefahr ist, welcher man entgegengehet, desto größer ist das Grauen, mit welchem man sich plagt, wie der Abergläubige einen festen Körper hundertmal weniger fürchtet als die schwankenden Umrisse eines Gespenstes, welches er zu sehen meint. Recht inbrünstig betete er zu Gott, daß er ihn doch diese Nacht führen möchte an seiner Hand, gesund, gerecht, ungefangen den nächsten Morgen möchte erleben, glücklich dem Hause, wohin er ging, möchte entrinnen lassen. Täte er das, so wollte er sein Lebtag fromm sein, keinen armen Menschen unerquickt vom Hause lassen, keinen ungerechten Kreuzer in seine Tasche lassen, ein rechter Christ sein sein Leben lang. Es war ihm, als leichte es ihm auf dem Herzen, und doch erschrak er, daß ihm die Knie zitterten, als er unerwartet vor dem Hause stand und die Zyberlibäurin mit dem Licht in der Hand die Türe öffnete.

Sie sah nicht holdselig aus, und als Joggi die Maß Roten geltend machte, welche Jakobli auf den Tisch stellte, schnauzte sie und sagte, diesen Abend hätte sie ihn brauchen können, jetzt sei ihr Schlafen lieber als Trinken; sie sollten jetzt machen, daß sie ins Nest kämen, es sei ja bald Morgen. «Su gang und zeig ihm, wo Lisi lyt!» sagte Joggi. «Die werde öppe no früh gnue zämecho!» schnauzte die Frau, «wär er mit ihm heim, wie es öppe anständig gewesen wäre, so könnte er jetzt bei ihm ligge! Het er si aber nit möge gmühe, su cha er jetzt i Hanse Bett, dä wird öppe nit heicho. Lisi ma nit erlyde, daß mes weckt, wes einist schlaft, bsungers, wes Wy gha het. Chast da ds Ofeloch uf, su manglist kes Licht, und de hott im Egge, da ist ds Nest!»

Es war Jakobli, als ob ein Engel zu ihm redete und das Ofenloch des Himmels Türe sei; und als ob er einer der Engel wäre, welche Jakob auf seiner Leiter gesehen, schwebte er durchs dunkle Loch hinauf und verlor sich in die schwarze Nacht, welche das enge Gaden zum unendlichen Raume machte, der, wenn schon dunkel, Jakobli doch vorkam, als schwimme er in des Himmels Glanz, und als sei das Nest hott im Ecken die erste Stufe an Gottes Throne.

Es ist doch kurios, wie die gleichen Worte ungleiche Produkte erzeugen in den Herzen der Menschen, so daß man fast sagen möchte, daß Worte nichts bedeuten, die Stimmung des Herzens aber alles. Was Jakobli in himmlische Freude versetzte, das hätte einen andern zur höchsten Wut aufgeregt. Aber noch kurioser ist es, daß, so hell das auch am Tage liegt, die Menschen in gegebenen Fällen an diese Wahrheit nie gedenken, sondern als einzig bewegende Ursache immer das betrachten, was von außen kömmt, diesem alle Schuld aufbürden.

So prügelt ein Branntenweinfötzel, wenn er heimkömmt, sein Weib, wenn es redet, und er prügelt es, wenn es schweigt, und flucht über die ganze Welt, wenn sie fragt, warum das Weib braun und blau im Gesicht sei, und prügelte jeden, wenn er könnte, der ein braun und blaues Weibergesicht wüst findet und noch wüster den, der es so geschlagen; so droht man mit Munizehn und dingt Branntenweinfötzel aus lauter Vaterlandsliebe, wie man sagt, gegen jeden, von dem man glaubt, er habe ein wahres Wort zu des Vaterlandes Heil gesprochen.

So wird geprügelt und gekramet, sich gefreut und geflucht nicht nach den Noten, sondern nach den Saiten, welche übers Herz gespannt sind. So ists, und doch glauben wirs nicht; aber froh sind wir, wenn wir die Worte der Menschen oder die Augen der Menschen zu Sündenböcken machen können, denen wir aufladen können unsere Schuld, die wir schlachten und martern können zu unserer Sühnung. Sündenböcke sind eine alte Mode, aber aus der Mode werden sie nie kommen; denn was wären wir ohne solche Böcke! Und wenn wir alles finden würden, was im eigenen Herzen wäre, wer hätte noch Freude am eigenen Herzen? Und wenn man nicht einmal an diesem Freude haben kann, über was soll man sich dann noch freuen? Ich frage.

Doch das paßt nicht auf Jakobli, der sich grusam freute in seinem finstern Gaden, und nicht über sein Herz, sondern über Hanses leeres Nest. Drunten war ihnen sein schnelles Verschwinden doch seltsam vorgekommen, aber sie meinten, er sei taub, und der Bauer fragte die Frau: «Warum hast du ihn da hinauf gereiset und nicht zu den Meitlene?» «Warum? Darum! Die haben die Nester sonst voll, und gäb der alleine sei oder nicht, das ist doch graglych; das wird öppe nüt zwänge, es ist dFrag, ob dä Löhl ume öppis merkt.» Sie fanden bei Jakobli Vorsicht nicht nötig, nicht nötig ihn zu binden auf irgendeine Weise; sie meinten, der laufe ihnen nicht davon, der sei zu zahm, wie man zahme Rosse auch nicht halftert und zäumt, sondern sie frei zotteln läßt, weil man weiß, wenn man sie will, so kann man sie haben. Aber der Teufel ist ein Schelm, sagt man, und wie das zahmste Roß noch zuzeiten seine Stunden hat und Sprünge tut, der Fisch aus der Hand einem schlüpft, so entgeht oft der zahmste Mensch dem, der ihn bei beiden Ohren zu haben meint und im Garn für immer.

In Hanses Nest legte sich Jakobli und sah nicht lange, wars sauber oder so, wie ein Hans manchmal ein Bett hat. Die Müdigkeit und die Seligkeit schmolzen alsobald ineinander; ein süßer Schlaf deckte Jakobli zu, und ein Engelein mit gelben Züpfen und klaren Augen tanzte an sein Lager, nahm ihn bei der Hand, führte ihn aus dem finstern Gaden, und sie wandelten miteinander an silbernen Bächen in süßem Schatten, und sie wandelten noch zusammen Hand in Hand, und ihre Seelen tauschten zusammen selige Geheimnisse, und Jakobli verstund sie selber nicht, als der Himmel finster ward, die Bäche aufbrausten, aus den schäumenden Bächen ein schwarzes Ungeheuer sich hob mit blutigem Rachen und mit gewaltiger Tatze nach dem Engelein schlug, das an seiner Seite ging. Schnell sprang er vor zur Wehr, da war das Engelein verschwunden, das Ungeheuer ebenfalls; eine Herde Waldteufel purzelte aus den Bäumen hervor mit wieherndem Gelächter, wälzte sich an seine Beine, daß er sie zusammenzog, davonspringen wollte und – erwachte.

Grauer Tag dämmerte im dunklen Gaden, einzelne versprengte Sonnenfunken flimmerten an den schwarzen Wänden, ums Bett herum stand die ganze Familie, Lisi voran mit dem Deckbett in den Händen; aufrecht saß er im Bett, zwei zukünftige Schwäger hatten ihn an den Beinen gefaßt, und alles brüllte laut auf vor Lust und Freude, und je mehr sie brüllten, um so mehr riß er die Augen auf, und um so weniger wußte er, wo er war, und je mehr er die Augen aufriß, um so mehr brüllten sie. Endlich kam er zu sich und erfuhr nun, daß man ihn nicht habe wecken können, daß Lisi ihn mehrfach gerüttelt habe, daß er gar wunderlich getan, daß man nicht recht gewußt, fehle es ihm im Kopfe oder sonstwo, daher man ihn aufheben und auf die Laube an die frische Luft habe tragen wollen. Er solle jetzt auf, sie hätten längstens zMorgen gegessen. Jakobli hatte die frühere Nacht nicht geschlafen, war weit gelaufen, hatte Wein getrunken, so daß, als er endlich so freudig ins Bett kam, er in einen Schlaf verfiel, aus welchem man ihn mit Posaunen nicht erweckt hätte. Von allen den Neckereien an seiner Türe und vor den Fenstern, mit welchen man ihn zu fürchten machen wollte, hörte er nicht das Mindeste, sondern hatte fest geschlafen bis in den hellen Morgen hinein.

Trotz des rohen Auftrittes war er ziemlich munter; noch einige Schlucke Kaffee, und er war flott und konnte dem Hause den Rücken kehren, das er nicht mehr zu sehen willens war, und ungeschlagen, ungefangen kam er davon. Er machte so schnell er konnte und widerredete nichts, forderte die Gschrift nicht zurück, sagte nicht nein, als man den Donnstag über acht Tag bestimmte zum Richtigmachen der Sach, ließ sich helken und ausspotten über seinen Schlaf und seine Einsamkeit in Hansens Nest, und als Stüdi ihn fragte, ob es ihn nicht wunder genommen, wo Lisi sei, so gab er keine Antwort; kurz, er zog sich aus der Sache wie ein Diplomat, trotzdem daß er nur ein Jakobli war.

Beim Abschiednehmen sagte man ihm aber, daß sie dann aber kämen und sie nicht sprengten; sie verstünden keinen Spaß, es könnte teure Taglöhne geben, und dGschrift sei richtig, daran zu ändern sei nichts mehr; dGschrift hätten sie in Händen. «Meinethalben», dachte Jakobli, «wenn ich nur da weg wäre, gehe es dann, wie es wolle!» und schon hatte er zum letztenmal adie gesagt, als die Mutter zu Lisi sagte: «Seh du, gang du no e Plätz mit ihm und zeig ihm dr Weg dur dBürzlige Hohle; er ist näher, und wenn er einmal bei Gräulige vorbei ist, so kann es ihm nicht mehr fehlen.» «Es ist mir glych», sagte Lisi, «ih chume mit e Plätz; Stüdi, gib mir deine Kappe, und du, Mädi, dein Fürtuch! Jetzt chumm und lauf schön, sust nime ih di ungere Arm u chräze di!»


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