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Vierzehntes Kapitel

Auf der Heimreise erlebt Jakobli Geschichten

«Also noch nicht entronnen», dachte Jakobli, «was wird es jetzt noch geben müssen?» und zottelte traurig hinter Lisi drein, das, die Kappe bindend, voranschritt, und als es mit der Kappe fertig war, das Mänteli zwegzupfte. Dann begann es den Jakobli auszuforschen, was er gestern abend gesehen und nicht gesehen, gemerkt und nicht gemerkt. Als es ihn kaltblütig fand und keine verdächtigen Sticheleien vernahm, da ward es wohlgemut und rühmte, wie es immer Schreiß gehabt, und wie es ihm ungewohnt sein werde, wenn es einen Mann habe. Aber eingänterlen lasse es sich notti nicht, und zMärit und zMusterig, denke es, werde es gehen können wie vorher. Lieber wollte es sterben, als so ygschranket z'sy wie die meisten Weiber, die nirgends hin dürfen, oder der Mann nehme sie mit, was die Uflät unter zehn Malen nicht einist täten.

«Du kannst machen, wie du willst, kannst gehen oder daheim bleiben, was frag ich dem nach; aber wenn es mich ankömmt, so gehe ich, sei es Heuet oder Säet, was frag ich dem nach! Vergangenen Sommer hatte ich einst schon die Hebi gemacht, wir wollten backen; da kömmt einer und ladet mich zHochzeit, und ih ha uf der Stell mit ihm furt müsse. In drei Tagen wolle er mich wiederbringen, hat er gesagt. Da besinn ich mich nicht lang, stoße die Mulde unters Bett, und erst nach vier Tagen hat er mich wiedergebracht, und es hat auch noch Brot gegeben. Frylich ists öppis gnüger gange. Böser will ichs als Frau nicht haben als ichs als Meitschi gehabt, sonst wüßte ich nicht, warum ich mannen sollte. Aber, Bürschli, gekramet hast du mir noch nichts; so wollen wir doch nadisch nicht auseinander; seh, gib füre, was d hesch!»

Jakobli hatte nichts, hatte das Kramen vergessen, und es dünkte ihn, eine solche Üerti wie gestern, wo über zehn Fünfunddreißiger draufgegangen, sollte einstweilen genug sein. Doch sagte er, wenn sie zu der Pinte kämen, wo er gestern eingekehrt, so wolle er ihm eine Halbe zahlen, und gegenüber sei ein Krämer. «Ja, Bürschli, meinst! Nein, zu der Pinte kömmst du heute nicht; gäll, in einem solchen Lumpennest gefiele es dir, das wäre ein Loch für solche Duckenmäusler. Aber wir haben schon vernommen, wie lang du gestern dort ghocket bist, und da schien es uns, ein anderer Weg sei besser für dich. Üser Gattig Lüt gange nit in es selligs Nest, und du brauchst auch nicht hinein; selligi Bürschli wären der Wirtin gerade eben recht. Aber ohne Kram gehe ich nicht von dir; wenn du nichts hast, so gib mir ein paar Neutaler, es ist mir auch recht.»

Jakobli hatte vor Zeiten einmal zufällig gehört, daß ein einem Mädchen gegebenes Silberstück, ja auch nur ein Rappen, ein Ehepfand sei, auf welches hin dasselbe auf die Ehe klagen könne; also das wollte jetzt Lisi, und eben, als er meinte, frei zu sein, sollte er sich binden. Er stotterte Entschuldigungen, brauchte noch, hätte nichts mehr usw.; aber Lisi setzte nicht ab, sagte ihm, er solle füremache, sonst nehme es selbst; so ein Reicher, wie er sein wolle, sollte sich schämen zu sagen, er hätte keine Neutaler mehr im Sack; und wenn einer ein Meitschi wolle, so krame er, das sei öppe unser Lebtag der Brauch gewesen, und so einer, wie er sei, werde keinen neuen anfangen wollen. Jakobli sagte, sobald sie zu einem Krämer kämen, wolle er ihm kramen, was ihm öppe anständig sei, aber Geld sei ja kein Kram. Das wäre ihm gspäßig, sagte Lisi, gerade der Gattig hätte es am liebsten, man könne damit mehr machen als mit einem Kittel oder Kuttli, und das seien Sachen, sie verstünden sich von selbst. Und kurz und gut, er solle füremachen, oder es nehme selbst.

Als Jakobli noch immer zögerte, fuhr es ihm mir nichts dir nichts in den Hosensack, fand nichts als Münze, fuhr dann mit der Hand zur Kutte. «Du hest my armi Türi no angeri Rustig», sagte es. Und als es in der Busentasche des Rocks nichts fand, riß es ihm das Gilet auf; dort war auf der innern Seite auch noch eine Tasche, und dort kaperte es triumphierend ein Bläterlein, und in dem Bläterlein war noch manch schöner Neutaler. «Gell, Bürschli, ih finge dSach?» rief es triumphierend. «Es kömmt dir wohl, hab ichs gefunden, sonst hätte ich dir auf my armi dSackuhr gno! Die bhäben ih emel einist, du kannst luege, daß du anger überchunnst.» «Gib mir se ume!» sagte Jakobli, «denk, ich muß noch heim, und was würde die Mutter sagen?» «Mira, was sie will, die alti Gränne; nei, die bhäben ih jetzt, die kann ich brauchen, und je weniger du einkehrst, deß bas bist du morndrist. Geh du nur grad bis du linksuse mußt, und wenn du e Stung links gha hest, so häb de rechts; und wenn du dann zu einem Hag kömmst, so gehe nicht darüber; und weiter oben nimm dich in acht, daß du nicht den lätzen Weg nimmst; häb geng am übligste nach, u de chas dr nit fehle. Adie wohl, und am Donnstig über acht Tag fehl de nit, süst chast mr de küderle!» Und somit eilte Lisi voller Freude heim und mochte nicht warten, bis es seine Eroberung zeigen konnte; soviel Geld hatte noch keine von Zyberlibure Töchtern in Händen gehabt.

Jakobli stand da, ärger ist Lots Weib nicht gestanden; so uverschant hatte er doch keinen Menschen geglaubt, und was sollte er der Mutter sagen? Und wenn er ihr es sagte, glaubte sie ihm auch? Aber mehr als das plagte ihn der Gedanke, ob das wohl jetzt ein Ehepfand sei, das Bläterli mit dem Silber, hatte er es doch nicht selbst gegeben, sondern Lisi hatte es genommen. So könnte ja eine Jede zu einem Ehepfand kommen, dachte er, und das wäre Mängere kommod, aber recht wärs doch nicht. Aber den Gedanken kam er doch nicht los, und es dünkte ihn, als hätte er wirklich einen Fuß im Latsch und könne nicht recht vorwärts. Und ob den Gedanken hatte er alle Links und Rechts von Lisi rein vergessen, und er wanderte lange, lange und kam zu niemand und sah kein Haus; es war fast, als ob er in einer ganz andern Welt wäre, eine so einförmige Gegend hatte er noch nie gesehen. Häge und Hügel, Wäldchen und Feldchen, und alles nur klein, unbedeutend, wechselten miteinander; von einem kam man schnell zum andern, und alle sahen sich durchaus ähnlich, so daß es schien, als käme er nicht weiter, oder als ginge er rundum und käme immer wieder an die gleichen Stellen.

Er ward müde, hungerig; es war warm, und doch schien die Sonne nicht; er bekam eine Längizyti, die immer größer ward; es kam ihm vor, als käme er nicht mehr heim, als käme er zu keinen Leuten mehr, als müßte er da rastlos wandern zwischen diesen Hügeln und diesen Hägen, bis er sterben könnte in einem der Wäldchen. Die Angst ward immer bitterer, und wer viel auf den Straßen gewesen ist, ermißt sie nicht, der weiß nicht, wie es einem wird, der zum ersten Male von Hause ist und dieses Haus nicht mehr findet, nicht mehr weiß, wo es ist, und keine Menschenseele rundum, die ihn hört, keine, die Bescheid weiß. Da ward ihm noch viel ängster als gestern, da er gegen das Zyberlihaus kam, und es dünkte ihn, wäre er nur wieder dort, und er hätte sich vielleicht versündigt, weil er so gern von diesen Menschen fort gegangen, daß er jetzt keinen Menschen finden könne. Es dünkte ihn, wenn er wieder einen Menschen sehe, den müßte er lieben sein Leben lang, und wenn es ein Armer wäre, so wollte er ihm helfen, solange er selbst etwas hätte.

«Guten Abend geb dir Gott!» so tönte es neben ihm leise und freundlich. Aber hätte plötzlich eine Klapperschlange sich vor ihm aufgebögelt oder wären Kanonen neben ihm losgegangen, Jakobli hätte nicht ärger zusammenfahren können; die Stimme schlug ihn fast um, und als er sich umsah, stand neben ihm als wie von Gott gesandt das Engelein, mit dem er in dieser Nacht gewandelt war in einem Garten ohne Ende in so süßer Seligkeit, das Engelein mit den freundlichen blauen Augen und dem seidenen Haar, das sein Abendstern geworden war, der so freundlich noch vor seiner Seele flimmerte, ehe sie in den Schlaf sich senkte. Bleich war er geworden, jetzt ward er rot, aber kein Wort fand er, bis das Mädchen freundlich fragte: «Ha di erschreckt, wo wottsch?» Da konnte Jakobli sagen: «Ih bi vrirrt, und ke Mönsch han ih atroffe und ha Angst übercho, und wo de du so plötzlich gredt hest, bin ih doch do erschrocke, ih ha di nüt ghört cho. Weißt, wo ich düremuß für hey?» «O bhütis, ja», sagte das Mädchen, «ich will mit dir kommen bis ins nächste Dorf, viel um habe ich nicht, und du fändest es nicht; es ist gar verirrlich. Komm, da wollen wir rechts, oder schüchst di, mit mr z'laufe?» «Was denkst!» sagte Jakobli, «aber ich möchte dich nicht versäumen.» «O bhütis», sagte das Mädchen, «ich komme gerne und laufe dann desto gleytiger. Aber wenn d di mynere vrschämst, su sägs ume!» «Ich wüßte nicht warum», sagte Jakobli, «es ist öppe ey Mönsch wie dr anger, und wenn ich nur wieder auf den rechten Weg komme, so ist es mir grusam dienet; si werde daheim nicht wissen, wo ich bin, und grusam in der Angst sein. Han ih no wyt hey?» «Einmal noch zwei Stunden», sagte Meyeli, «aber wo chunnst her?»

Da ward Jakobli wieder rot. Er wußte nicht warum, aber dem Meitschi konnte er nicht sagen, daß er auf dem Zyberlihoger gewesen sei; er stotterte, er hätte da in Dörfern unten dem Vater neuis müsse vrrichte. «Wo kömmst du her?» fragte er ablenkend. «Ich komme vom Doktor», sagte Meyeli. «DBase ist geng fehlberi und muß immer doktern ds Jahr aus und ds Jahr ein, und keiner kann ihr helfen; ds Gunträri, wenn sie e Rung bei einem dokteret, so dünkt es sie, es böse von Tag zu Tag, wenn es schon im Anfang besseret het. Aber das kömmt daher, es mag ihr keiner die Gesundheit gönnen, und wenn einer merkt, daß es nache war, daß sie ke Züg mehr bruchti, so tut er ihr öppis dry, das ere wieder übel macht; vo wege dBase vrmas z'doktere, u we si gsung wär, su wär nüt me ab ere z'vrdiene. Aber es ist doch o schröcklich, we me eim dSach eso vrhett.

Ich habe es einmal unserm Doktor gesagt; sie hat den auch einen Rung brucht, und im Anfang hets schön besseret gha, und wos bald nachegsi ist, da het es si wieder gstreckt und ist all Tag eher hingertsi gange als fürsi. Ich habe ihm gesagt, es sei doch schröcklich, wie sie all seien, wie sie eim da so a dGsundheit zuche aführe und se eim de wieder vrheyge, daß me nit chönn drzucho, ume für eim usznutze. Es sei kei Wunger, daß sie all rych werde u chönne Chaise fahre, aber notti möchte ich nicht Doktor sein; wenn es dann einmal an das Erlesen gehe, so werde es öppis heiße. Aber wohl, der hat mich schön abgsüferet. ‹Du bist ein armes Tröpfli›, hat er gesagt, ‹und redst nicht gschyder, als d es vrsteyhst. Dy Base ist e Narr vo dene eine, wo nit z'helfe ist. Wenn die essen würde was andere Leute, sich an die Sonne ließe, gartnete, hackete, Erdäpfel grabte, sich brav rührte, daß das Blut untereinander kämte, die wäre schon lange gesund; aber da lyt sie bis am nüni, suft Kaffee wien e Kuh und frißt Eiertätsch drzu e Hands dick, berzet es paarmal ums Hus ume u lyt wieder u nimmt Tropfe und frißt de zMittag es Bratwürstli oder es Rüppstücki, nimmt e Tropf zviel drzu, u de lyt si wieder, u de berzet si wieder und nimmt wieder Tropfe und suft wieder Kaffee, und so geht das den ganzen Tag, und zNacht hat sie dann Krämpfe und will ersticken oder Bauchweh und will vrsprenge oder Gringweh und wott e Narr werde. Und an dem allem soll der Doktor schuld sein. Aber ich will doch einen vernünftigen Menschen gefragt haben, ob dr Tüfel gsung sy chönnt dä Weg?›

So uf e uvrschanti Wys het er mi abgsüferet», sagte Meyeli, «und ich will doch einen vernünftigen Menschen gefragt haben, ob man arbeiten kann, wenn man krank ist? Und wenn man Schmerzen hat, so sucht man sie z'gstellen, und dBase sagt, solang si eß oder öppis trink, so gspür sie minger vo de Schmerze. Was mich dabei am strengsten duecht het, ist das, daß er myr Base ds Esse und Treyche fürgha het, und darin ist grad key Wüstere als er. Wenn me chunnt cho springe und sagt ihm, es hätte einen der Schlag getroffen, Gott bhüt is drvor, er solle springen, es müsse Blut usegla sy, und er sitzt gerade hinter einer Platte Säufüß oder Säuohre, so längt er i dPlatte u nimmt no ds größt Ohr oder dr größt Fuß u seit, sie sölle ume hei, er werde de öppe nachecho, u wer nit ufsteyht, solang no es Möckli vom ene Ohr i dr Platte ist, das ist üse Dokter. U we me chunnt cho springen u seit, es heyg e Ma es Bey broche, und er ist im Bett oder hinger sym Schoppe, su cha me luege, wie me ne vo sym Schoppe oder us em Bett bring. Uf ne Stung uf oder nieder chömm es nicht an, und er vermöge sich dessen nicht, daß der Löhl nicht sörger gehabt und die Kuh das Bein gebrochen habe; deswegen wolle er seine Sache nichts desto weniger haben, sagte er. Und so einer geht dann und hält andern Leuten das Essen vor.

Jetzt hat letzthin die Base, wo sie bald nicht mehr gewußt hat, wo aus und an, da von einem gehört, der gar grusam gschickt sy soll und alle Lüte helfe chönn. Sie hat keine Ruhe gehabt, bis ich mit ihrem Wasser gelaufen bin, und es ist wyts, mi brucht geng e Tag; aber, und wenns zwee wär, vo wege dr Gsundheit es wär nit zwyt. Wo ich gekommen, da sind viele Leute gewesen; man hat gleich gesehen, daß man da zu einem brühmten Doktor kömmt; manche Stunde weit waren Leute da, und alle haben brichtet, wie er weit und breit Leute geheilt habe und von welchen Krankheiten, und der Eine war zum zweitenmal, Andere zum drittenmal da, und allen ging es weit besser; fast ganz zweg wären sie, sagten sie, es brauche nur noch ein wenig, um nachezbessere.

Vom Doktor hat man lange nichts gmerkt; es hat immer geheißen, man wisse nicht, wo er wäre; er sei diesen Morgen dagewesen, aber jetzt wisse man ihn nirgends, und doch hätte ihn niemand fortgehen sehen. Wo me bald niene meh Platz gha het ums Hus ume, da ist er plötzlig da gsi, es het niemere gwüßt, wo er hercho ist, und niemere het me dörfe frage. Jetzt het er sie gfergget eins nach dem andern, und wo die Reihe an mich gekommen, hat er mich kaum gefraget, wo ich herkomme, und wo er das Wasser gseh het, het er unbsinnt gseit, wos der Base fehl. An alle Orte, het er gseit, es sei eine böse Sach; bald chlag si hie, bald chlag si dert; aber dHauptsach syg hingefer im Mage u de i de klyne Därme; we die nit geng voll syge, su vrlyre si si. We si well Gedult ha und darha, su well er se kuriere, es söll nit fehle, aber si muß dr Glaube ha; e Sach, wo mehr als zeche Jahr gwährt heyg, putz me nit i acht Tage weg und o nit i vierzeche. Er well ere öppis gä, und de söll si ihm im Afang all drei Tag ds Wasser schicke und später all siebe, aber exakt und an keinem anderen Tag, sonst habe es gefehlt. Essen könne sie, was sie gut dueche, aber nie zuviel auf einmal, lieber alle Stunden öppis. Du magst mir glauben oder nicht, vom erstenmal hats der Base gebessert und alle Tage mehr, und sie mag allemal fast nicht warten, bis ich heimkomme und neues Zeug bringe; wenn sie ume einist e Stung lang recht gsung sy chönnt, so well si gern sterbe, duech es se, het si scho mängist gseit.»

So plauderte das Mädchen, von Jakobli nicht viel unterbrochen. Dem wars gar wunderlich. Ging das Mädchen voran, so sah er dessen schlanken Leib, über den wie zwei goldene Ströme die seidenen Züpfen niederflossen; er konnte sich nicht satt sehen, wie das so leicht ging, daß nicht einmal ein Stäubchen am Boden sich bewegte, während Lisi niedergetreten war, daß es in die härteste Straße Dümpfeni machte, und zwar barfuß. Wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, von einem Felsen zum andern zu springen, was ihm aber nie in Sinn kam, so hätte man noch nach Jahrhunderten Lisis zehn Zechen im Stein gesehen und neben dem Teufelssprung noch einen Lisisprung gehabt. Ging das Mädchen aber neben ihm, so mußte er immer sein liebliches Gesichtchen betrachten, das er mit nichts zu vergleichen wußte als mit einem Röschen, in welchem noch der Tau schimmert; so eines hatte er nie gesehen, und wie stach es ab gegen Anne Bäbis und Mädis handliche Gesichter, die voll Ecken und Höger waren und Täler und Schluchten und dem Kämifeger kaum entronnen schienen, während Meyelis Gesicht so schön und voll und zart war, als ob es der liebe Gott selbst gemalt hätte und geformt. Lisi hätte vielleicht vielen besser gefallen, aber Jakobli kam Lisi immer vor wie eine Donnerwolke im Abendrot, während Meyeli ein goldenes Wölkchen war im Morgenrot. Lisi war noch viel ärger als eine gemästete Klapperrose, während Meyeli ein Blümchen war, wie er keines noch gesehen. Lisi kam ihm immer vor wie eine Kanone, die losgehen wollte, während Meyeli ihm vorkam wie ein freundlicher Blick aus dem Himmel, in welchem lauter Seligkeit ist. Wenn es so plaudernd neben ihm ging, die Lippen sich schlossen und öffneten, die kleinen Zähnchen so weiß aus den beiden Rosenblättchen blickten, die so hold sich schlossen und öffneten, so hatte er keine Ohren mehr; es dünkte ihn, alles an ihm sei Auge, und nach und nach werde das Auge an ihm zum Wirbel, und dieser Wirbel möchte das Mädchen fassen, ziehen bis auf seinen tiefsten Grund.

«Lue», sagte es, «da mußt du jetzt geradeaus und kannst nicht fehlen; es sind jetzt an allen Orten Wegweiser, da chast lesen, wo du duremußt.» Sie standen an einem Dorfe, vor ihnen ein Wirtshaus, in der Nähe ein Krämerhaus; aber alles das hatte Jakobli nicht gesehen, bis das Meitschi sagte: «Lue, jetz mußt gradus.» Es ist aber auch begreiflich; wenn so ein liebes Blümchen Wunderhold einem im Auge sitzt, so nimmt man ein altes Wirtshaus und ein krummes Krämerhaus nicht neben ihns ins Auge, so wie Einer, der liebe Visiten hat in seinem Stübchen, nicht jede alte Vettel, die vor seiner Türe steht, ins Stübchen führt.

«Scheiden und meiden tut weh», heißts im Liede, das fühlte Jakobli; so ein Losreißen, wo man nicht weiß, ists fürs Leben oder nicht, ist wirklich wie ein Riß in die Seele. Noch hatte er dem Meitschi nichts gesagt, nichts vom Solothurner Märit, nichts von der Kriegstetter Badefahrt, nicht gesagt, wie es ihm beide Male ergangen, oder wenigstens verblümt angedeutet, daß es nicht Hochmut gewesen sei, warum er nicht geredet, aber ds Rede sei ihm nie zvorderst. Das alles konnte er jetzt nicht sagen, aber es duechte ihn, er möchte noch; da fiel ihm was ein, ein wunderbares Etwas gab ihm Einfälle und den Mut, sie auszusprechen: er hulf e Halbi ha, sagte er, er zahle gerne eine. Es danke, sagte das Mädchen, aber es müsse pressieren, die Base blange immer grusam, und es hätte sich schon versäumt. «Eh ume e Halbi sumt nüt», sagte Jakobli, und da er gehört hatte, die Mädchen müßten sich erst reißen lassen, ehe sie zum Wein dürften, wie man zum Beispiel auch Schweine an den Ohren zieht oder an den hintern Beinen, wenn man sie aus dem Stall oder in den Stall haben will, so nahm er Meyeli bei der Hand und sagte: «Chumm!»

Die Hand war so lebendig, so etwas hatte er sein Lebtag nie in der Hand gehabt; Leben ganz schwallsweise strömte aus derselben über ihn; er vergaß das Schreißen, hielt die lebendige Hand in seiner Hand und bat noch einmal: » Chumm doch recht!» Und das Meyeli ließ ihm die Hand, und es dünkte Jakobli, als sprühe die Hand immer lebendigere Funken aus, wie aus der Elektrisiermaschine die Funken auch immer lebendiger strömen, je inniger die Berührung wird. Des Meitschis Backen wurden röter, seine Augen blauer, es zuckte in seinem Munde, aber es sagte: «Wäger nit, Dankeigist! Ih muß gah, zürn doch recht nüt! Aber was wurde d Lüt säge, wenn ih mit eme frönde Bursch wurd ga e Halbi trinke, u was wurd dBase säge, wenn sis vrnähmti!» «Si vrnimmts nit», sagte Jakobli. «Ih weißs nit», sagte Meyeli, «aber ih chume notti nit, ih mangles nit, und was nit recht ist, ists nit, vrnehm sis oder vrnehms sis nit. Aber zürn nüt, dynetwege chäm ih gern! Jetzt muß ich gehen, adie wohl!»

Und somit wollte Meyeli seine Hand nehmen und gehen. Aber Jakobli hielt sie noch, und Meyeli tat das Wüsteste nicht, und Jakobli sagte: «So komm zum Krämer, etwas kramen möchte ich dir.» «Dankeigist», sagte Meyeli, «aber ich dürfte es nicht heimbringen; was sollte ich sagen, von wem ich es hätte? Und z'lügen bin ich nit gwohnet.» «So nimm das!» sagte Jakobli und wollte ein Hämpfeli Münz dem Meyeli in die Hand drücken. «Das erst nicht», sagte das Mädchen, «spar das, bis wir wieder zusammenkommen, wenns Gottes Wille ist, und zahl mir dann eine Halbi; vielleicht schickt es sich dann besser. Adie, leb wohl, jetzt muß ich!» und somit riß es sich los; aber man sah es, es kostete ihm Mühe, und ein inneres Etwas redete Jakobli zBest; aber es blieb bei dem, was es für recht hielt, kostete es ihns, was es wolle.

Flüchtig eilte es seines Weges, aber mehr als einmal drehte es sein Köpfchen, allemal sah es Jakobli noch an der gleichen Stelle stehen, und es kam ihm vor, als hätte es ihn nicht recht brichtet, als wüßte er nicht, wo aus, als sollte es zurück und noch einmal den Weg recht ihm zeigen, und doch tat es es nicht, gäb was sein Herzchen einredete und sagte: «Was hilfts ihm, daß du ihn bis dahin geführt, und er weiß jetzt nicht weiter?» Aber ein anderes Etwas sagte ihm, daß, wenn er noch einmal ansetze für ins Wirtshaus, so sei keine Kraft mehr da zum Widerstand, es tue, was nicht recht sei; darum solle es nicht umkehren und Gott und guten Leuten den Burschen überlassen. Und dieses Etwas siegte, und flüchtig eilte es der Base zu, dachte aber dabei wenig an die Base.

So glücklich geht es aber vielen Mädchen nicht; in rascher Kraft haben sie einer Versuchung sich entrissen, aber das schwache Herz treibt sie wieder in dieselbe zurück, und sie sind verloren. Es ist sehr seltsam, dieses Zurückkehren der Mädchen zu sehen, und wer sich auf die Herzen nicht versteht, nimmt Losreißen und Zurückkehren für absichtliches, vorbedachtes Locken. Ach nein, er tut meist unrecht. Es ist der gute Geist, der mit dem schwachen Herzen kämpft, mit dem guten Herzen, das nicht gerne weh tun, nicht gerne böse machen will, das von Jedem nur versöhnt und in Liebe scheiden möchte und nicht weiß, wohin dieses Versöhnen führt, nicht weiß, daß sein Herz schwächer ist, als sein Geist gut ist. Aus dieser Weichheit wird das härteste Unglück geboren. Versteht sich, daß ich da nicht von alten Koketten rede, die diesen Weg alle Tage machen und vielleicht jeden Tag manchmal, sondern von weichen, guten Mädchen, welche noch das Herz regiert und nicht die Absicht. Aber waren alte Koketten nicht vielleicht einst ebensolche gute, weiche Mädchen, und ist ihr Treiben vielleicht nichts anderes als ein vergebliches Streben, das natürlich zu wiederholen, was sie einst aus Natur getan?

Solches aber dachte Jakobli nicht, als er am Kreuzwege stand und dem Meyeli nachsah, bis es verschwunden war. Aber es war ihm, als schwebe etwas aus ihm selbsten weg und müsse er da warten, bis dasselbe wiederkehre. Aber es kam nicht wieder; er blieb einsam, es ward ihm recht elend zumut, und er wußte wirklich nicht, welchen Weg er nehmen sollte.

Er kehrte alleine ein, ganz mucht und öde an Leib und Seele; es dünkte ihn, wenn er nur daheim wäre, er wollte darum geben, was er hätte. Es ist gar kurios, wie in gewissen Zuständen oder Stimmungen man das Köstlichste geben täte für nichts und wieder nichts, nur weil ein augenblickliches, meist vorübergehendes Bedürfnis oder aber eins, das nach wenig Worten auf üblichem Wege gestillt würde, es zu fordern scheint. So verkaufte Esau sein Erbrecht, so erschlug Kain den Abel, so üben noch Zorn und Sinnlichkeit, aber auch Mattigkeit und Liebe mächtige Gewalt über den Menschen aus.

Als er aß und trank, besserte es Jakobli wieder; er hätte schon nicht mehr halb soviel darum gegeben, daheim zu sein, und die Zukunft schien ihm auch nicht so öde und trostlos; er sah mutiger hinein, er dachte, es sei doch kurios, daß er das Meitschi immer antreffen müsse, das werde nicht so für nichts und wieder nichts geordnet sein; es heiße ja, es geschehe nichts umsonst und nichts ungefähr, und mit Lisi sei es noch nicht ausgemacht; und wenn es schon seine Neutaler habe, so werde das, so Gott wolle, nicht viel zu bedeuten haben. Ganz ungestört saß er bei seinem Schoppen; die Gaststube war leer, der Wirt mistete, die Wirtin aber rüstete Bohnen vor dem Hause, und wer drinnen etwas wollte, der mußte sich künden auf beliebige Weise; die Einen riefen: «Ist niemand daheim?» die Andern: «Hosche ho!», die Dritten schlugen auf die Tische; da aber Jakobli vor der Wirtin Nase hinein ging, so brauchte er von diesem allem nichts zu machen, sie kam, gab und ging; später ein klein Mannli, der mit Zunder hantierte, mußte alle drei Manövers machen, ehe die Wirtin sich zeigte. Sie soll zur selben Zeit nicht Bohnen gerüstet, sondern eine Privatunterredung mit dem Wirt gehabt haben hinterm Mist, wobei sich beide sehr undiplomatisch benommen und offener Krieg ausgebrochen wäre, wenn das Zundermannli diesmal nicht ein Löschmannli gewesen und der Wirtin zum Absetzen geblasen hätte. Der gestrige Abend soll der Zankapfel und ein jedes dem andern zu zärtlich gewesen sein.

Als die Wirtin das Mannli mit Brönz versorgt hatte und derselbe mit Jakobli alleine war, frug er: «Manglist ke Frau? Du bist doch noch ledig; ih wüßt dr vrflucht brave und werchbare u ryche, du chaust usläse. Wem bist?» Jakobli sagte, er käme da obeache und ihm sei noch wohl so, wie er sei. «Los», sagte das Mannli, «we d de Eine für e Narr ha witt, so häb de e Angere drfür und nit üsereim! Allem an bist du ein Bauernsohn, und gestern war Tanzsonntag, da bist du auf dWybig gewesen, sonst liefest du nicht so gsunntiget im Lande herum; aber du wärest nicht gfellig, sonst machtest du nicht ein Gesicht wie eine Kuh, wenn man ihr ein Trank einschütten will. Lue, üsereim chunnt zviel umenangere, und es Bürschli wie du ist z'mutzes für son e Alte wie ih, und der soviel herumkömmt. Aber erhäych di deswege nit und erschieß di nit; we di eini nit will, su hange dr drfür zechne a wie dBlutsuger de Rosse; und je eher Einer eine Frau nimmt, desto eher wird er den Meitschene los, und die sind hürmehi eine Plage, man glaubts nicht, ärger als dBrämen im Sommer.

Seh, ich wüßte dir, da fehlts dir nicht, Ryche und Schöne vom Tüfel und Gästimierte vo rechte Lüte nache. Kennst dr Zyberlibur?» «Nein», sagte Jakobli und zog die Kappe noch mehr in die Augen; denn ds Lügen war seine Sache nicht. «Der hat viere», sagte das Mannli, «eine töller als die andere; sellige findt man nicht ds Land auf, ds Land ab; mi chönnt uf die vier e Chile abstelle, sie hättens. Dort ist noch ein rechtes Bauernwesen, wie si allbets gsi sy, wo man die Milch nicht wiegt und dFlachsstengel nicht zählt und den Hühnern nicht abgugget, bis alle gelegt. Da sind Sache gnu u Land, dr Bur weiß selbst nicht, wieviel, und Geld gnu u Heu gnu u Korn meh als ds Halbe zviel. Da wär e Schleck für dich. Die Ältest, die bekommst nicht, die hat schon einen; grusam rych soll er sein, aber e Halbbling und vo de Blattere vrschnürpft grad wie du. Es nimmt mich wunder, daß sie ihn nimmt. Aber es ist nit die eigeligisti (nimmt es nicht genau) und hat sich schon mit gar manchem abgegeben und hat grad jetzt es Gschleipf mit eme frömde Metzger. Sie wird denken, es sei besser einen Spatzen in der Hand als zehn andere Vögel in der Luft. Die möchte ich dir nicht geraten haben; aber die andere sind ganz angers, brav bis äne use und werchbar wie Ketzer. Vo dene eini nimm; we d mer zwo Duble vorusgist, so mache ih, daß de chaust uslese, weli dr am beste gfallt; und we d einist eini hest, so weiß ih wohl, ih überchume de no zwo angere nache.

Oder wenn dir dann die nicht gefallen, aber da müßtest du ein Apartige sein, so wüßte ich dir noch eine andere; eine einzige Tochter wärs, o es meineidig es styfs Meitschi und es lustigs u cha weltsch; das chönntest bruche i alle Spiel. Es kann tänzerle und singerle, daß me nüt so gseht und ghört, und cha sust tue, daß me z'luege gnue het, so styf und manierlig, daß me nit weiß, wo me dr Gring het. Und rych war die auch, wenigstens zweitausend Pfund Ehesteuer würde es da geben, und wenn Einer bei ihnen wohnen wollte, so könnte er da umsonst sein, Zeyse fürschla und werche, was er gerne wett. Die nimm, we d mr drei Neutaler uf dHang gist, ih führe di no hüt hi, es ist nicht so wyt. He, was meinst, was seyst drzu? Sind die nicht anständig, so weiß ich noch mehr; aber so alles bineangere wie an diesen zwei Orten wüßte ich es nirgends.»

So redete das Mannli auf Jakobli ein, und der war in der größten Verlegenheit. Er zog Haar und Kappe noch mehr über die Augen, damit man nicht merke, daß er Lisis Halbbling sei, und dachte, wenn er nur da weg wäre, für einmal wüßte er genug. Aber die Wirtin kam nicht, und das Mannli saß gerade bei der Türe, wo er an ihm vorbei mußte, wenn er fort wollte, und konnte ihm unter die Kappe gucken, dann hätte alles Verleugnen nicht geholfen. So saß er da viel länger als er wollte; und als endlich das Mannli in die Küche ging, Tubak anzuzünden, so ging es schon streng gegen Abend. Er fand die Wirtin beim Brunnen, wo sie etwas zu waschen schien, eigentlich aber da stund, um dem Manne, der mit dem Mist am Brunnen vorbei mußte, beim Hin- und Herfahren eine Ladig mitzugeben. Sie war da so gleichsam ein Posten an einem Hohlweg, der allemal feuerte, wenn jemand vorüberfuhr. Ich will wetten, die Weiber wissen aus bloßer Natur sich besser zu postieren zum Feuern als mancher studierte Scharfschützenhauptmann.

Endlich zog Jakobli seines Weges, auf dem er nicht mehr irren konnte; das kam ihm aber wohl. So viel Vernommenes, so viel Erfahrenes, so viele Gedanken hatte er sein Lebtag nicht zu verwerchen gehabt. Über Lisi hatte er also von allen Seiten schlechten Bericht, und was er selbst gesehen, war nicht besser. Aber glaubte es ihm die Mutter? Er hatte es noch niemand gesagt; aber wissen tat er es, daß nicht mehr als eine Sache Platz hatte in ihrem Kopfe, und wenn die einmal drinnen war, so saß sie noch fester darin als vielen Leuten die Zähne im Munde, denen man allemal ein Stück vom Kifel mitreißt, wenn einer raus soll, und manchmal ihn nicht einmal rausbringt, eher den Kopf ab. Wie sollte er mit der Mutter zweg? Und wenns mit der gelang, konnte man sich überhaupt losmachen? Der Alte hatte die Gschrift, Lisi die Neutaler, und was jedes für sich und beide zusammen zogen auf der Wage des Rechts, das wußte er nicht. Er dachte, wegen den Neutalern könnte es zum Eid kommen, ob er sie gegeben oder Lisi sie genommen; und ein Eid sei in all Weg eine schreckliche Sache, dachte er. Keiner sei noch in ihrer Familie getan worden, so weit hingere man wisse. Wenn es dahin kommen sollte, dachte er, da hätte die Sache gefehlt; einen Eid ließen seine Eltern deretwegen nicht gehen, und er könnte das ihnen nicht für ungut halten. Aber schrecklich wärs!

Man kann sich eigentlich kaum denken, wie hülf- und trostlos es einem Menschen wird, der auch nicht die bloße Idee vom Recht hat und durch Umstände ins Gebiet des Rechts verschlagen wird. Wenn einer in ein fremd Land kömmt, wo alle Leute eine fremde Sprache reden, anders gekleidet sind, das einfältigste Kraut anders gekocht wird, so daß keine vernünftige Seele mehr weiß, was für ein Kraut das ist, da wird ihm so unendlich unheimlich, es wird ihm weh ums Herz, er kriegt das Heimweh. Wenn einer Schiffbruch leidet, die Wellen ihn spülen an wirtloses Ufer, Sand ringsum, da wird ihm noch mehr angst; mit all dem Sande kann er nichts machen, ihn weder essen noch kochen, aber was andere aus dem Sande machen könnten, das weiß er nicht; und die, welche im Sande oder hinter dem Sande wohnen, kennt er auch nicht, weiß nicht, was sie mit dem Sande machen, und ob sie ihm helfen oder im Sande verscharren werden. Ob Löwen oder Hyänen, Salamander oder Rhinozeros in diesem Sandmeer wohnen oder hinter demselben, das weiß er ja alles nicht.

Und wenn einer auf einem Felsen erwachen würde, wohin er gekommen, er weiß nicht wie, und der Fels wäre in Kalabrien oder in Korsika, und er schriee erbärmlich um Hülfe, und da erschienen Männer mit Schnäuzen und Bärten, Flinten und Dolchen, Karabinern und Hunden, immer einer ein ärgerer Räuberhauptmann als der andere, muß der nicht bleich werden wie der Tod, glauben, es sei Matthäi am letzten, wollen, er hätte geschwiegen, und in der schauderhaften Verlegenheit sein, welchem der Räuberhauptleute er sich anvertrauen wolle, welcher der manierlichste sei und am sanftesten ihn plündere, martere, schinde, kreuzige, und was Grüsliches er sich alles denkt! Versteht sich, sie kommen ihm nur als Räuberhauptleute vor, weil er die Rasse noch nicht kennt; es sind alles die bravsten Leute von der Welt, die Edelsten des Landes, die Väter des Volkes; aber er kennt halt die Tracht nicht und weiß nicht, daß in jenem Lande die Bravsten Bärte haben und Pistolen, und daß gerade dem, welcher den ärgsten Bart hat und die längsten Pistolen, am meisten zu trauen ist. Und eben weil er dieses alles nicht weiß, so fürchtet er sich so grusam, glaubt sich verraten und verkauft und möchte sich lieber selber schinden als von andern schinden lassen, wenns doch geschunden sein müsse, und weiß doch nicht, wie es anfangen. Was da einer für Ängsten ausstehen muß, kann man sich denken.

So ging es Jakobli, als er sich auf einmal an der Schwelle des schrecklichen Landes sah, in dem die Prozesse liegen, Eide, lange Schriften und noch längere Reden, schreckliche Namen, auf die er sich so wenig verstund als ein Berner aufs Kraut im Zürcherbiet. Es wird aber nicht nur Jakobli so gehen, sondern noch gar Manchem, und je länger je mehreren, wenn sie ans Ufer verschlagen, wo der gesunde Menschenverstand in die Brüche geht, Kauderweltsch geredet wird, auf das kein ehrlicher Mensch sich versteht, Recht und Unrecht durcheinander liegt wie Kraut und Rüben, begnadigt wird, wer zu Olims Zeiten gehängt worden wäre, und auf Maul und Haut geschlagen wird, wer zu Olims Zeiten als eine ehrliche Seele gegolten hätte und ein Vaterlandsfreund genannt worden wäre. Katzangst und brühwarm lief es ihm den Rücken auf; aber wie am schwarzen Gewitterhimmel die Sternlein doch noch stehen und Kehr um Kehr, wo ein jedes kann, freundlich dem Menschen blicken und ihm sagen, er solle nicht verzagen, wo sie seien, sei der Vater auch noch, so blickten durch seine Angst freundliche blaue Augen, und aus dem einen Auge funkelte Glaube und aus dem andern Hoffnung, strahlten ihm Mut ins Herz, Licht auf den Weg, und in aller Dunkelheit fand er einen Rat. Offen wollte er sagen, wie es ihm ergangen, und wie er nicht möge; müsse es dann erzwängt sein, nun so dann in Gottes Namen, so könnten sie zusehen, wie es gehe, er vermöge sich dann dessen nicht.

Wie er so studierte und die Worte probierte, die er der Mutter sagen wollte, und die rechten wieder repetierte, damit er sie gegenwärtig hätte, wenns ans Reden ginge, sah er auf einmal vor sich ein Lichtchen. Das Lichtchen schien hin und her zu schwanken, stund bald stille, bald bewegte es sich vorwärts, schien bald hoch, bald niedrig, bald verschwand es; dann war es urplötzlich mitten in der Matte, durch die Jakobli eben gehen mußte. Viel von feurigen Männern hatte Jakobli schon gehört, aber keinen noch gesehen. Er wußte, daß das Männer waren, die Marksteine versetzt hatten, Land gestohlen oder ungerecht Gut vergraben und es hüten mußten als höllische Hunde mit feurigen Augen. Er hatte gehört, wie einst einer einem Fuhrmann nachgesprungen sei und ihm die Hand geboten habe. Der Fuhrmann aber, nicht dumm, streckte den Geißelstecken dar statt der Hand, und an selbigem seien alle fünf Finger eingebrannt gewesen. Andere hätten Leute gelockt in tiefe Löcher und Glunggen und dort sie ersäuft elendiglich. Das alles wußte Jakobli, und jetzt sah er vor sich solch einen feurigen Mann, und bald sah er ihn nicht, und allemal, wenn er ihn wieder sah, war er näher, schien größer und feuriger.

Jetzt erst begann der arme Bursche zu fühlen, was eigentliche Angst sei. Das Herz zog sich ihm zusammen, wie ein Geldseckel zusammengeht, wenn man am Schnürchen zieht; die Beine schlotterten ihm, Schweiß bedeckte ihn, und der feurige Mann kam immer näher, doch nur langsam. Er wollte fliehen; da tat der feurige Mann einen Satz, es war schrecklich; er glaubte schon, seine feurige Faust fasse ihn im Nacken – dann sah er ihn plötzlich nicht mehr. Wohl, da tauchte er wieder auf, kroch näher ganz niedrig, flammte feuriger als nie und fing jetzt sogar an zu reden, aber nur ganz leise und in fremder Sprache, er konnte nichts verstehen; aber es war, als ob zwei redeten; ja, jetzt sah er hinter dem feurigen Mann einen Schwarzen, einen dicken, langen Schwarzen, und der kam mit und hielt den andern, aber an was, sah er nicht; das war also der Teufel, der den andern langsam spazieren führte auf dem Anger seiner Schande.

Jetzt aber war es Jakobli nicht mehr zu helfen; fliehen konnte er nicht, nebenaus konnte er nicht, verstecken auch nicht; er begann zu beten leise, lauter, immer lauter, je näher der Schwarze kam mit dem Feurigen vor sich her. Da kam ihm in Sinn, daß, wenn gebetet werde, die feurigen Männer näher und näher kämen wie die Schmachtenden zur Quelle; und richtig, plötzlich schoß der Feurige auf ihn zu wie ein Habicht auf eine Taube, und verständlich deutsch rief er: «Herrjemer, Herrjemer!» und hinter ihm drein rief der Schwarze: «Du Donnstigs Stürchli du, gib doch acht, wofür hest ds Liecht!» Und zu seinen Füßen hob der Feurige sich auf, und das war Mädi, und hinter ihm der Schwarze war Anne Bäbi. Die beiden Weiber hatten, als es dunkelte, Jakoblis Abwesenheit nicht länger zu ertragen vermocht; so lange war er sein Lebtag noch nicht ausgeblieben und noch dazu ohne Laternli. Beide dachten das Gleiche, und keins wollte den Namen haben. Mädi wollte dem Sami angeben, er müsse Öl holen. «Hättsch es früher gseit, jetzt gahn ih nimme!» sagte Sami. Anne Bäbi wollte Hansli schicken und sagte, er könnte dem Bub entgegen, so hätte der kürzere Zyti. DLederschuh heyg der Schuhmacher, sagte Hansli, «und dr Weg ist ihm künds», und setzte sich hinter das Haus aufs Bänkchen. «Und wenn er zmitts am Ersuffe wär, er züg ne nit use, dä Uflat!» sagte Anne Bäbi in der Küche.

«He, wes dr dienet ist, so will ich das Laternli nehmen, und dann gehen wir miteinander», sagte Mädi, «aber alleine gehe ich auch nicht, ih förchte mr dür e Yschlag und bsungerbar dür dMatte. Es ist unghürig a bede Orte. Im Yschlag soll e Ma und e Frau umecho, die dert es unzytigs Ching vergrabe hey us Gyt, will si ihm kes Bäumli hey möge la mache; und i de Matte, da sy de die fürige Manne, mengist ganz Kuppele, und die solle auf dem Wybervolk sy wie Ketzer. Aber wenn üsere zweu gange und no mit emene Laternli, su werde si eim wohl rühyig la. Gspenster schüche ds Liecht, seyt me.» Das war Anne Bäbi anständig, indessen zeigte es es doch Mädi nicht und branzete auf dem ganzen Wege mit ihm; bald hielt es das Licht zu hoch, bald zu niedrig, bald sollte es vorangehen, bald hinterher, weil das Licht blende. Wenn Mädi stolperte über die vielen Wassergraben und dahinschoß über den Boden weg und mit Not das Laternli davonkam, so kriegte richtig Mädi allerlei Titel, doch nur leise, denn auf einer unghürigen Matte schickt sich das Zanken nicht wohl, selbst zweien Weibern nicht, bsunderbar zNacht.

Aber Jakobli hatte auch hell aufgeschrien, als der feurige Mann zu seinen Füßen kugelte, so daß auch die Weiber kreischten vor dem unerwarteten Schrei und meinten, Mädi sei auf ein Unghür trappet, und das schreie so. Es ging lange, bis Jakobli begriff, daß Mädi und Mutter vor ihm seien, und noch länger begriff Mädi nicht, daß Jakobli nicht das Ungeheuer sei, welches einen Gux ausgelassen. Anne Bäbi balgete den Jakobli, daß er sie so erschreckt, und Jakobli sagte, er hätte sich fast gförchtet und geglaubt, es käme die Matte herab ein feuriger Mann und no eine byn ihm, er dörf nicht sagen wer. Das nahm Anne Bäbi sehr übel, daß er sie, seine leibhaftige Mutter, für ein Gespenst genommen oder für noch was Ärgers. Er hätte doch denken sollen, sagte es, daß sie es seien und niemere angere, «dMutter gar für e Tüfel z'näh, het me je vo so öppis ghört!» Anne Bäbi war nicht von diesem Gedanken abzubringen zu sehr großem Verdruß von Mädi, welches gerne den Reisebericht gehört hätte. Von dem war aber diesen Abend nicht die Rede. Anne Bäbi hatte dieses im Kopf, Hansli war nicht gwunderig, und gäb was Mädi probierte, es mußte mit ungesättigtem Gwunder ins Bett.


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