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Neunzehntes Kapitel

Wie dem Mädi die Augen aufgesprengt werden und Hansli auf die Mähre hocket und um Rat ausreitet

Als Lisi aus den Augen war, war es, als sei ein böser Geist ausgefahren, als sei das Haus öde geworden und doch voll Bangens, daß der eine mit sieben andern noch schlimmern wiederkehren werde. In Anne Bäbis Kopf besonders sah es sonderbar aus. Es war innerlichst gar wohl zufrieden, daß das Ding sich so gemacht; aber es gestand das sich selbsten nicht einmal, geschweige dann andern.

Hätte es ihm der Doktor gesagt oder der Pfarrer, Jakobli könnte an dieser Heirat sterben, es hätte es nicht geglaubt, hätte gesagt: «Was wette die vo selligem vrstah?» und wäre zugefahren. Weil es aber das Schnupfsäckeli gesagt hatte, so kam ihns ein geheimer Schauer an, und es dachte, es könnte doch neue sein, und schuld möchte es nicht sein. Daneben konnte es es nicht verwerchen, daß es hintenabnehmen müsse, nach der Andern Gring es gehen solle. Das hätte doch nadisch afe kei Gattig, dachte es, daß alle Andern Meister sein sollten und es alleine nicht. Daß es selbst lugg gelassen, brachte es nicht in Anschlag, sondern es sollten es die Andern erzwängt haben, und das wollte es ihnen eintreiben, um die Nase reiben, die sollten es z'schmöcken bekommen; und was es geben möge, daran wolle es keine Schuld haben und keinen Finger mehr rühren. Kurz, Anne Bäbis Gemüt war mit recht trüben Wolken bezogen, und dafür, daß es seine eigene Dummheit nicht ausgeführt zu seinem eigenen Herzenleid, wollte es die Andern mit Kupen und Grollen bestrafen. Ein König hätte durch den Aufruhr seiner Untertanen an seiner Majestät sich nicht schwerer beleidigt fühlen können, als Anne Bäbi sich verletzt fühlte an der seinigen.

Das ist aber eigentlich nichts Neues. Es spukt in gar allerlei Häuptern, gerade wie es spukte in Anne Bäbis Haupt, und gar mancher arme Teufel, der seine Herren und Obern vor mächtigen Dummheiten bewahrt oder dieselben gutgemacht hat, muß es hintendrein schwer entgelten, wenn sie zPlatz kommen können, und um so schwerer, je größer die Dummheiten waren, und je mehr die Herren dem Anne Bäbi verwandt sind.

Mädi allein war nicht nur ds Gäggels, sondern es fühlte sich ganz von dem Gefühl durchströmt und übergossen, welches einen Helden ergreift, wenn er eine Schlacht gewonnen, welches zum Beispiel Friedrich der Große empfunden haben muß, als er die Schlacht bei Leuthen gewonnen, oder Napoleon nach der Schlacht bei Jena, ganz das Gefühl, welches jeder hat, der ein Menschenleben gerettet oder durch kühnes Wagen ein halbes oder ganzes Dorf vor dem Verbrennen. Es war die Heldin des Tages; was niemand anders gerne ausgesprochen, das hatte es gesagt; es hatte Lisi ausgetrieben und ihm den Marsch gemacht. Gleiche Gefühle äußern sich aber oft ungleich; so, denke ich, werde Friedrich der Große nach der Schlacht bei Leuthen seine Freude und sein Siegesbewußtsein nicht ganz auf gleiche Weise geäußert haben wie Mädi nach dem so glücklich beendigten Kampfe.

Mädi verhehlte seine Freude nicht. «Ih han ihms dörfe säge; ih han ihm dr Marsch gmacht; wenn ih nit gsy wär, es wär no da, u wer weiß, wies gange wär. Aber ih förchte mr de nadisch nit grad, u jetz het me chönne gseh, we me het welle luege, wer ih bi, u was ih cha. Soviel as e selligi Bureblättere bin ih de nadisch o no. Gäll, du arme Höck, wenn ih nit gsy wär, es weiß ke Mönsch, wies dir no gange wär!» So sprach es zu Jakobli, mit dem es alleine in der Stube geblieben war, weil die Andern seines Rühmens satt waren.

«Hast es der Alten gesagt?» fragte endlich Mädi, das seine Neugierde und Zärtlichkeit nicht länger begwältigen konnte. Jakobli wurde ganz rot und sagte endlich: «Ja.» «Hests gseyt?» frug Mädi ganz zärtlich und voll Glut, «du hest doch recht gha; du bist geng dr Brävst, du, we scho all Lüt säge, wie d e Leyde seyest; das macht nüt. Was het aber die Alti gseit drzu?» «Si wett, si wär unger em Herd», sagte Jakobli. «Die het ihrer Lebtig geng wüst ta», sagte Mädi, «und wird nie lehre gattlig tue. Red du mit dem Ätti, der ist schon anders; oder hast ihms schon gesagt?» «Nei, wäger nit», sagte Jakobli, «ih darf nit; wenn ih ume vo Lisi los wär; a ds angere darf ih gar nit däiche.» «Das wär!» sagte Mädi, «du bist geng e dumme Bueb; das muß mitenangere gah, mi muß ds Ise schmiede währet es warm ist; kalts bringt mes nimme zäme. Das macht mir doch afe nüt, mit em Ätti z'rede; wenn niemere darf, so darf ih. Das ist hüt no öppis angers gsy, mit der Posaune Feierabend z'mache als mit em Ätti z'rede, wo die beste Seele unter der Sonne ist.» «Wart ume!» sagte Jakobli, «es duecht mi, es pressierti nit sövli.» «Nit pressiere! Mi gseht wohl, daß du vo sellige Sache ke Vrstang hest, aber es wird dr scho no cho; aber nüsti chunnts dr wohl, we si öppere dynere annäh und dyr Lebtig dSach für di mache wott!»

Und somit schoß Mädi hinaus und suchte, bis es Hansli fand, der Weiden drehte, um Bäume aufzubinden. «Hets dr gwohlet, Ätti?» fragte Mädi, helleuchtend wie der Morgenstern, wenn er nämlich einige Zeit Köchin gewesen wäre und sich nie gewaschen hätte. «Ja gäll, wenn ih nit gsy wär, es wär nit so gleitig gange. Es chunnt bi allem ufs Guraschi a; u wo im ene Hus ke Mönsch Guraschi het, da hets gfehlt; aber gäll, ih ha, Ätti! Aber was ih frage wott: Het dr Anne Bäbi gseit, was ih für Bricht brunge ha?» «Ih ha neuis ghört», sagte Hansli. «Und Anne Bäbi het mit em Bueb gredt?» fragte Mädi. «Es wird», sagte Hansli.

Da wurde Mädi verschämt und frug ganz züchtig: «Was seyst du drzu?» «Was wett ih säge?» sagte Hansli. «Du wirst doch nit öppe vor sym Glück welle sy, vor em Glück vo dym einzige Ching?» fragte Mädi. «He nei», sagte Hansli, «me muß öppe luege.» «He nu, su Dankeigist», sagte Mädi, «das wär afe gute Bscheid; ih ha doch denkt, du sygist nie dr Wüstisch. Aber wegem Luege, duechts mi, syg das unnötig; ih will mi öppe stelle, wies üblig u brüchlig ist am ene Sühniswyb, und de duecht mi, wärs ds Beste, mi wurd dSach grad abtrybe, eh es es längs Gred gab. Es ist hüt Fryte; mr chönnte grad ga ds Hochzyt agä dä Abe.» «Wie meinst?» fragte Hansli. «He, wes dr recht wär, so wette mr hüt scho ga ds Hochzyt agä, ih u Jakobli.» Hansli wußte gar nicht, was er hörte, sinnete der Sache nach, bis Mädi ungeduldig wurde und frug: «Was meinst?» «Mädi», sagte Hansli endlich, «du wirst im Irrtum sy oder wottsch mi für e Narr ha; es het niemere nüt vo dir gseit; Jakobli seit vo ganz ere Angere.»

Als Hansli das gesagt hatte, kam eben der Müller zum Haus und rief ihn an um ein zMühli, und alleine blieb Mädi hinterem Haus. «Es het niemere nüt vo dir gseit, Jakobli seit vo ganz ere Angere!» das waren Worte, die ihm in den Ohren surreten, wie noch nie eine Ohrfeige jemand in den Ohren gesurret hat, und da stund es, als ob es einwurzeln wollte im Boden. Es wogte auf und ab in ihm; dann fing es an zu schimpfen, und endlich brach ein unendlicher Jammer in ihm aus; es saß auf dem Dengelstuhl und wußte längs Stück nicht, wo es war; wenn es auf einem Sofa gesessen wäre, so hätte man seinen Zustand Ohnmacht genannt.

Man kann sich aber doch wirklich nichts Schrecklicheres denken, als was Mädi widerfuhr; das Erwachen eines Schiffers, dem es geträumt hat, sein Schiff fahre in lustigstem Sonnenschein in einen sichern Hafen, und es zerschellt bei seinem Erwachen im wildesten Wetter am wüsten Felsenriff, ist sicher nicht halb so schrecklich als Mädis Erwachen aus süßem Irrtum. Weit über vierzig Jahre und noch einen Mann, und zwar einen jungen, eine Jumpfere und ein Bauernsohn, und ein reicher; man denke sich, was in diesen Worten alles liegt, und ob unter tausend vierzigjährigen Jumpfern eine Hoffnung hat zu einem reichen, einzigen und jungen Bauernsohn.

Und Mädi hatte nicht bloß Hoffnung, es hatte ihn bereits in der Hand, im Sack, hatte zwar schon lange daran gedacht, das wäre ds Witzigist für dä arm Tropf, aber ihn wieder aufgegeben; und plötzlich ungsinnet fiel er ihm wieder zu; denn, wenn er Eine im Gring hätte, wen konnte er im Gring haben als ihns; er kannte ja keine, hatte mit keiner Umgang, mit keiner nur geredet. Und kein Mensch hat was anderes gesagt; es schien Mädi, als bestätige alles seine Vermutung: Anne Bäbis Benehmen, Jakoblis Reden, und darum hatte es sich so tapfer gestellt wie eine Gluckere vor ihren Hühnchen, hatte den Knoten zerhauen, Lisi aus dem Felde getrieben, und jetzt seyt er no von ere Angere, u vo ihm seyt niemere! Man denke sich doch so recht in des armen Mädis Herzenleid hinein und meine nicht etwa, so ein Mädi, ein vierzigjähriger Kuchimutz, sei nicht ebenso empfänglich für Liebesschmerz und Liebeswonne als des Pfarrers Tochter zu Taubenheim oder eine gegenwärtige Mondscheinprinzessin oder ein sonstiges Stadthäpeli.

Das ist eben, und ich habe es schon manchmal gesagt, das große Unglück, daß man meint, unter anderm Tuche seien auch andere Herzen, und unter verschiedenem Zuschnitt verschiedene Empfindungen. Um dieses Vorurteiles willen mißverstehen die verschiedenen Stände sich so sehr; um desselben willen beleidigen die obern Stände die untern so oft und müssen so oft schwer es büßen. Denn die obern Stände sind es zumeist, welche meinen, während sie zart wie Meerschaum seien, an welchem bekanntlich die leichteste Berührung einen Kritz gibt, so seien die unter ihnen angfähr so wie ein Hausgang, auf dem man hin und her wandeln kann mit allerlei Schuhen, ohne daß es ihm viel macht; und weil sie andere Namen hätten, so sei auch anderer Teig an ihnen, und während man den Weggliteig mit Zartheit behandle, könne man den von rauhem Mehl mit Füßen kneten, ohne daß man es ihm viel anmerke.

Wenn ich von den obern Ständen rede, so meine ich (Mißverständnissen beuge ich gerne vor) darunter nicht etwa bloß die, welche von Karl dem Großen her ihren Adel haben, sondern auch die, welche von der jüngsten Regierung eine Stelle haben. Zwischen beiden ist hauptsächlich der Unterschied, daß man in einer neuen Kutte viel dümmer tut als in einer angewohnten, und daß man in einer neuen Kutte jedem mit Donner und Blitz auf den Hals fährt, der einem nur von weitem berührt, während man in einer alten Kutte gelassen durch das Getümmel geht, weil man aus Erfahrung weiß, daß die Kutte etwas erleiden mag.

Ich rede hier nicht nur von den Ständen in der Stadt, sondern von den Ständen auf dem Lande. Man ist sonst gewohnt, das ganze Land zu betrachten wie eine Krautsuppe, wo alles durcheinander ist und Keiner viel mehr als der Andere ist, und die Stadt als den Ort der Zivilisation, wo alles gehörig geschieden ist, wie in einer ordentlichen Speisekammer Gesalzenes, Gebratenes, Gebackenes, Gezuckertes, oder in einem Kassenamte die verschiedenen Geldsorten. Daher kömmt es, daß jeder Stadtmuffi ein halbes Klafter über jedem vernünftigen Mann auf dem Lande zu stehen glaubt, jedes Stadttschaaggeli jede ehrbare Landfrau über die Achsel ansieht und jedes Schreiber Anne Bäbi sich für das Faß hält, aus welchem die Weisheit für das Land gezapft werde. Auf dem Lande sind die Stände so gut wie in der Stadt geschieden, ebenso gut alter und neuer Adel, ebenso gut alte und neue Schwachheiten, ebenso gut die Vorurteile, daß unter andern Kutten andere Herzen und unter anderm Zuschnitt andere Empfindungen seien. Und während man über die Welt räsoniert und andern den Splitter zeigt, hat man selbst den Balken im Auge und sieht ihn nicht.

Einem Stadthäpeli, einer zarten Dame, wäre man zu Hülfe geflogen mit Wasser von allen Sorten; das arme Mädi läßt man verlassen sitzen auf seinem Dengelstock und hält unterdessen eine Predigt, die im Grund niemand erbauen wird, am wenigsten die Stadtmuffeni und die Schreiber Anne Bäbi. Und doch ist Mädi immer so respektabel als viele Stadtjumpfere (zum Beispiel die Herzogin von Beaufort) und weint gewiß so schmerzlich, als irgendeine weinen kann; aber es sitzt auf einem Dengelstock und braucht das Fürtuch als Nastuch, als Handzwechele und noch viel anderes. Alles Mögliche ging ihm durch den Kopf: Erhängen, Ertränken, ins Wasser Springen oder ab einem Baumast, Fortlaufen, Wüsttun, Ansetzen und Durchsetzen.

Aber da fiel ihm ein, daß wenn Jakobli eine Angere im Gring habe, so helfe Wüsttun nichts und das Ansetzen nichts, weil das Schnupfsäckeli gesagt, die müsse er haben, und Sami, dä Hung, wurd öppe lachen; den tue es es beim Schieß nit zGfalle, und Anne Bäbi hätte auch seine Freude daran. Nein, die wolle es ihm doch nicht machen; auslachen wolle es sich doch nicht noch lassen obendrein. Die müßten denn nadisch nichts merken, und wenn man Hansli nichts mehr sage, so vergesse er es bis z'mornderist. Das freue es jedenfalls, daß es Lisi abgesprengt habe und noch dazu verkrauet, daß man es vier Wochen sehe, und daß Anne Bäbi seinen Gring nicht haben könne und nichts erzwängt habe. Aber wunger nehme es ihns, wen Jakobli im Gring habe, das Mönsch möchte es wissen; auf das komme es an, ob es bleibe. Wenn es öppe chönnt denke, daß es nicht meine, es müsse dem Anne Bäbi folgen und machen, was das sage, so bleibe es, sonst aber nicht; wenns zweu Anne Bäbi geben sollte statt nur einem, so laufe es, soweit es seine Füße tragen mögen.

An diesen Gedanken, da man ihm kein Schmöckwasser brachte und ihns eine ziemliche Zeit vergessen liegen ließ, erholte es sich, wischte die Tränen mit dem Fürtuch ab, nahm neutrale Mienen an und ging ab. Wir wetten, Mädi übertraf in seiner Fassung viele gebildete Frauenzimmer, und zwar um so mehr, je mondscheiniger diese sind; ihr Schmerz ist kein edlerer, aber ein viel krankhafterer. Jedoch sei damit nicht gesagt, daß manches Mädchens Schmerz nicht edler und seine Fassung nicht eine höhere sei. Ach, der Liebesschmerz ist der einzige Liebhaber so mancher stillen Mädchenseele, und treu bleibet er ihr wie selten ein anderer Liebhaber, bis in den Tod. Niemandem ist er sichtbar; auf des stillen Mädchens Gesicht erscheint er nicht, der Arbeitsamen Hände lähmt er nicht, der Umsichtigen Augen verlockt er nicht, solange der Tag am Himmel steht und fremde Augen umgehen. Wenn aber in sein stilles Kämmerlein das Mädchen tritt, zur Ruhe es sich legt, des Tages Getümmel verrauschet ist, so taucht leise aus dunkeln Gründen das liebe Weh herauf, klopft ans bange Herz. Das Mädchen vernimmt des Getreuen Nahen, schließt mit weinender Wonne ihm auf, kost mit ihm die liebe lange Nacht, entreißt sich ihm, wenn der Tag die Schatten verjagt, mit Weh und Schmerz und tritt gefaßt und gelassen in des Tages Räderwerk, immer sich sehnend nach den wiederkehrenden Schatten, hinter welchen näher rauschet des getreuen Mädchens getreuer Geliebter, sein Glück, seine Wonne, der stille verborgene Liebesschmerz.

Mit Bangen erwartete drinnen auf dem Ofentritt Jakobli den verunglückten Botschafter, der aber fand nicht für gut, zu melden wie schrecklich es ihm ergangen. Anfangs hatte es Mädi wohl gelüstet, einen Sturm auf ihn zu wagen; allein es bedachte, daß, wenn er Eine hätte, der Sturm nichts abtrage, und daß es eigentlich selbst schuld sei. Hätte es nicht das Unglück gehabt mit dem Gaggelberger, so hätte es selb Zeit reden können; da wär es die rechte Zeit gewesen, u vo Merkige sei Jakobli nicht; dem müsse man mit dem Holzschlägel winken, wenn er etwas schmöcken solle. Es nehme es nur wunder, wie es die Tasche angefangen hätte, ihm i Gring z'cho. Das eben ist eine Kunst, in e Gring z'cho; aber wenn sie auch Eine kann, so lehrt sie dieselbe Andere nicht. Aber e Narr wolle es jetzt nicht sein, ihm noch zu sagen, wies ihm ergange wäre.

Jakobli saß also alleine da. Es war ihm zumute wie einem, der mitten durch Meeresungeheuer wohlbehalten auf den Sand geworfen ist. Der Schrecken vor den Ungeheuern ist ihm noch im Leibe; alle Augenblicke muß er hinterwärts schauen, ob sie nicht auch kommen aus den Wellen hervor durch den Sand von neuem ihm zu Leibe. Sein Auge geht nicht nach vornen über die Dünen hinweg ins blühende Land, wo weder Wogen sind noch Ungeheuer, sondern freundlicher Schatten und lieblicher Sonnenschein, Blumen und rieselnde Quellen und überall in den Blumen und an den Quellen Friede und Freude. Jakobli schlotterte noch immer vor Lisi und dem, was es gedroht, und dachte nicht an Meyeli, wie schön es sei und wie lieblich, wie selig er sein könnte, wenn es sein wäre, wenn er zu ihm sagen könnte: «O Meyeli, mys Meyeli!» Aber es geht dem Menschen oft wie dem Wanderer: je näher derselbe seiner Herberge kömmt, die er lange von ferne geschaut, desto mehr weicht sie aus seinen Augen, verbirgt sie sich, bis er plötzlich vor ihr steht; so verbirgt dem Menschen sich oft am dichtesten die Erfüllung seines herzinnigsten Wunsches, wenn der nächste Augenblick sie bringt.

Als Jakobli so sann und saß, kam Hansli herein, nahm den Spycherschlüssel von seinem Orte und winkte seinem Sohn, nachzukommen. Der Spycher, besonders der obere Boden, ist gar herrlich für Heimlichkeiten, die niemand hören soll; da kann niemand in Gehörweite kommen, den man nicht merkt. Wer also ein vertrautes Wort reden will, geht gerne in den obern Spycher oder auch ins weite Feld, wo ringsum weder ein Baum noch ein Bohnenplätz ist. So in einem Hause ist man nirgends sicher, bald ist ein guter Freund an der Türe oder an der Wand, ja man hat Beispiele, daß man vor dem Hafner im Ofen, vor dem Kaminfeger im Kamin nicht sicher ist.

Da der Müller eben da gewesen, so fiel das Gehen in den Spycher niemand auf. Jakobli mußte den Sack offen halten, und als Hansli das erste Mäß hineingeschüttet, frug er: «Ists de wahr, du heygist Eini?» «O Vater, balg doch recht nicht!» sagte Jakobli. «Ich hätte nichts gesagt, wenn die Mutter mich nicht genötet hätte.» «Wie bist zu re cho?» fragte Hansli. «Wäger, Vater, nicht expreß», sagte Jakobli, «aber dMutter het geng vom Hürate brichtet, und wie das für mich sei und bald sein müsse, und da duechte es mich, wenn es doch müsse geheiratet sein, so möchte ich die und keine andere, nur Lisi nicht. So habe ich immer an sie sinnen müssen, und immer fester ist sie mir in Kopf gewachsen; allemal wenn die Mutter vo dr Lisi brichtet het, han ih a die Angeri denke müsse; ih ha wäger nit angers chönne, es ist mr gsi wie ata.» «Es syg das Meitschi mit dem wyße Haar, wo mit is gritte ist?» fragte Hansli. «Grad das ists», sagte Jakobli, «und ich habe immer daran denken müssen, wie freins es gegen den bösen Bub gewesen ist; das ist der Anfang gewesen.» «Warum seysts nit?» fragte Hansli. «Es hat mich niemand gefragt», antwortete Jakobli. «Die Mutter ist da mit Ihrem cho und het nüt angers welle ghöre, und gäb wie ih gseit ha, ih mög die nit, het si si nüt desse gachtet u ist fürgfahre.»

«Heit drs richtig zäme?» fragte Hansli. «Wie meinst?» fragte Jakobli. «Enangere verheiße?» sagte Hansli. «Nein, wäger nicht», sagte Jakobli, «wir haben gar nichts geredet deretwegen. Wo es mir dr recht Weg zeigt het, u wo mir vonangere sy, han ih ihm welle e Halbi zahle, aber es het pressiert u het nit welle.» «Ja», sagte Hansli, «da mußt du doch zuerst vernehmen, ob es dich will; das ist so dr Brauch.» «Ich wußte ja nicht, ob es euch recht sei», sagte Jakobli, «und zwidertue möchte ich euch nichts; es ist nicht rychs, ume es arms.» «Was selb ist», sagte Hansli, «su hey mers chönne mache bis jetzt, und es Sühniswyb meh oder minger, es wird notti gah, u bi äyre hätts o nit viel gä mit Schyn. We me re ume los wäre, u we das Meitschi no einist nüt hätt, es wär mr recht; aber bis me selb weiß, ists mr nit wohl bir Sach. Sami het mr agä, ih söll mit dr Mähre i dSchmidte. Nebezuche wohn jetzt Eine, e grusam e Gschichte, dä söll ih frage, vo wege mi syg ke Stung sicher, daß nit Aschicksmänner kämen oder gar e Kundmachung. Es ist mr zwider, aber es wird doch müsse sy. Aständig wärs mr gsi, wes doch so wyt afe gange gsi isch, dSach wär ebeso mähr fürgange; es macht si zletsch geng öppe alles.» «Es ist mir leid, Vater, wäger», sagte Jakobli, «aber ih vrma mi desse nüt.» «He nu so de!» sagte Hansli, verband den Sack und stellte ihn auf die Spycherlaube.

Der Vater hatte also nichts darwider, wollte sogar mit jemand über die Sache reden; das war mehr als Jakobli je gedacht, das machte ihm den Vater grusam lieb, und er trappete ihm den ganzen Rest des Morgens nach wie ein Hündchen.

Nachmittags trabte Hansli mit der Mähre ins Dorf, band auf der Schmidtenbrücke sie in einen ledigen Ring, da noch andere Rosse da waren, und ging bedenklichen Schrittes zu dem Gschichten. Dieser hörte ihn mit der Feder hinterm Ohr bedenklich an; denn Hansli erzählte etwas wunderlich, und für den, der nichts von der ganzen Sache wußte, war es schwer, die Bruchstücke seiner Rede zu ergänzen und aneinanderzureihen. Endlich begriff er den Handel und gab den besten Bescheid. Er solle nicht Kummer haben, das sei ein gewonnener Handel; auch gar nichts sei gut für sie. Sie wollen die nur kommen lassen und e Rung mit ne dr Narr trybe, se desumeschleipfe und ne de, wenn es si am bäste schicki, dr Tätsch gä, daß ne längs Stück ds Ligge wehtuet. Er solle nur nicht Kummer haben und ihn machen lassen.

«Öppe lang wird das nit gah und eys Gurts vorbysy?» fragte Hansli. «Jä, das kann ich dir nicht sagen», sagte der Gschicht, «das kömmt darauf an, wie sie ausspielen, ob sie den Trumpf grad usspiele oder ume süferli wey ahosche. Wir müsse das erwarte. Aber allweg länger als öppe es halb Jahr oder dreiviertel geyht das nit.» Hansli ging noch viel bedenklicher fort, als er gekommen war, so daß sein Gesicht dem Schmied, einem guten Bekannten, alsobald auffiel und er ihn fragte: «Was hest Ungrads?» Da die Knechte draußen waren, so berichtete ihm der Hansli seine Sache, und wie nun der drüben gesagt habe, länger als ein halbes Jahr oder auf das längste dreiviertel daure das nicht. Er merke wohl, der wolle brav Kosten machen; aber fast ein ganzes Jahr prozediere er nicht. Lieber mache er aus, gangs, wie es mög, und sollte es tausend Pfund kosten. Er hätte ja keine ruhige Stunde, solange das Tröhlen währte, und zuletzt verhürscheten sie es so, daß niemand mehr wisse, wo der Anfang sei, niemere mehr recht drüber wisse, u de werde die rechte Zeit sein, für so eine, wie er sei, z'schroten, daß nichts mehr an ihm bleibe. «Warum sagst du mir das nicht, ehe du gegangen bist?» sagte der Schmied. «Er macht dirs auch wie Andern; je mehr dere Doldere sy, dest länger mache si dHändel; grad wie man o ds Halbe e längeri Wurst mangelt, we vier dra fresse wey statt ume zwee. Hest ihm dSach übergä?» «Nein», sagte Hansli, «ih ha nüt i de Fingere, und er het gseyt, mi müß seye abwarte, u we si de agryffe, de soll ih de cho.»

«He nun, so weiß ich was», sagte der Schmied, «geh du zum Pfarrer! Das ist ein Heiratshandel, und einer, der soviel hundert afe vrkündet het, wird wohl wisse, was da Trumpf ist, und ob die auf dem Hoger obe öppis mit dr mache chönne oder nit. So eim chunnt gar viel zHange, und er weiß öppe dLäuf.»

Hansli ging verfluxt ungern, und wenn nicht die Furcht vor dem jährigen Prozeß noch größer gewesen wäre als die vor dem Herrnhaus, er wäre nicht gegangen; aber bedenklich ging er, alle fünf Minuten machte er einen Schritt, und allemal wackelte seine Speckseitenkutte dazu, als ob sie den Kopf schütteln wollte und sagen: «O Hans, o Hans, bedenk!» So für einen Mann, der weder Kindbetti noch Hochzeit halten will oder muß, ist es ein Ereignis, ins Herrnhaus zu gehen, teils aus Schüchternheit oder vielmehr aus dem Gefühl trotziger Unbehülflichkeit, die mit Höhern nicht reden kann, nicht reden mag, teils aber auch von wegen den Leuten.

Es gibt nämlich allenthalben Leute, welche mehr aus dem Fenster sehen als in ihrer Stube herum, geschweige denn in ihre Herzen hinein, und allenthalben ist das Herrnhaus ein bedeutsames Haus; und wer zu demselben aus- und eingeht, die sind das küstigste Futter für die Gwundernase derer, welche eben gerne ihre Augen unter ihre Fenster hängen, statt sie inwärts zu kehren. Sobald diese einen Menschen gegen das Pfarrhaus gehen sehen, so entsteht die Frage: «Was wott dä bim Pfarrer, taufen lassen oder verkünden?» Die Liste seiner Hausgenossen wird gemustert, wer taufen oder verkünden lassen könne. Wird niemand dafür zweg gefunden, so fängt man an, Verdacht zu schöpfen, gäbs ächt öppis nüt Guts syg mit der Tochter oder mit dr Jumpfere, oder gäbs ächt Streit gegeben mit seiner Frau; man muckle neue schon lange, es gehe dort nicht am besten. So werweiset man, solange der Mann beim Pfarrer ist, und kann man nichts erraten, so steht man ihm zweg beim Weggehen, sucht ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen oder fragt ihn wohl geradewegs: «Was hest bim Pfarrer welle?»

Bringt man auf diese Weise nichts heraus, so sucht man das Geheimnis aus des Pfarrers Jumpfere zu erpressen, und will da nichts laufen, so steigt man die Leiter aufwärts bis zum Pfarrer selbst und fragt: «Ist nit dä u dä byn Ech gsi, was het er welle?» Kann man nun nichts vernehmen, keinen erheblichen Grund herausklauben, und sieht man zufällig jemand zweimal des Jahres am Pfarrhause klopfen, so heißts: «Es nimmt mi ume ds Tüfels wunger, was dä geng bim Pfarrer will, er ist geng ume by nim. Er wird ihm ga kläfele, was öppe geyht, u ga dädere; sellig Lüt chan ih afe hasse. Wenn es mir si schickt, su frage ih ne einist, was ihm das Pföstli ytrag.»

So wird geschwatzt und räsoniert, natürlich von den Leuten, die am meisten kläfele und dädere. Das scheuen nun die Leute nicht wenig, meiden das Pfarrhaus, und wenn sie ohne handgreifliche, zutage liegende Ursache hingehen müssen, so ist es ihnen grusam zwider, und wenn sie zufällig Speckseitenkutten anhaben, so ists ihnen, als machten diese bum bam, bum bam, läuteten so gleichsam zusammen, und alle Gwundernasen rechts und links, links und rechts würden sichtbar hinterm Glas oder unter den Läufterlen und begönnen ihre Bedenken; denn zwischen den Gwundernasen ist akkurat die gleiche Sympathie, die oft in stiller Nacht bemerkbar wird, wenn es einem Hündchen in Sinn fällt, dem Mond oder einem andern Stern seine Empfindungen vorzudeklamieren; kaum hat er angefangen, so beginnen ja alle Hündchen ringsum ähnliche Deklamationen.

Das Pfarrhaus lag freundlich im Grünen; ein Bächlein, Garten, Hofstatt machten es zu einem der heimeligsten Plätzchen für ein sogenanntes Stilleben, zu welchem aber hauptsächlich mehr noch als ein heimeliges Plätzchen ein stilles, genügsames Herz gehört. Diese Herzen waren nun wirklich da. Das Pfarrfrauchen war ein gutes Mutterchen, ihr Töchterchen ein liebes Meitschi, und beide fühlten sich glücklich, und darum waren sie auch so heiter und froh. Gräßlich, schrecklich wäre vielen ihr Los vorgekommen, so einsam, so verlassen, ohne Komödie und Visiten, ohne Promenaden und Bälle; und wie ein vernünftiger Mensch vierzehn Tage gesund so leben könne, begriffen sie nicht. «Wenn ich acht Tage da sein müßte, ich kehrte mich lätz! Nein, sage man mir nichts, das Pfarrerlebe auf dem Lande ist e schröckliche Sach, dTochter kann mi schröcklich dure; heyt dr nit gseh, was si für e Huet agha het? Sit eme Jahr treyt kei Mönsch meh e sellige; ih schämti mi, mit ere e hinteri Gaß ufzgah, vrschwyge de e vorderi oder gar übere Chilchhof!»

Jeder Mensch hat seine eigene Waage, und auf dieser wieget er, was Gott ihm zuteilt, und nach dieser Waage wertet er es. So gibt es allerdings Lebenswaagen, wo nichts zieht als Hüte und Promenaden, Kavaliers und Boston, lebige Spiel und neue Röcke, Kopfweh und Bälle, Sackgeld und Mariage und allfällig ein Roman von Balzac oder die Modezeitung. Solche Waagen gibt es allerdings zu Tausenden, und die Mutter vererbt sie auf die Töchter; und wo die Mutter sie selbst noch braucht, da läßt der Vater den Töchtern neue machen. Und auf diesen Waagen kann man nicht wägen stillen Frieden und Freude an der Arbeit, nicht das Ringen nach Gott und die Teilnahme an den Menschen, nicht das offene Auge für Gottes Werke, nicht das offene Herz für Gottes Worte, nicht das Glücklichsein in gegenseitiger Liebe, nicht das süße Bewußtsein des Treuseins über Wenigem; das alles kann man auf jenen Stadtwaagen (sie werden in der Stadt fabriziert, aber auch auf dem Lande gebraucht) nicht wägen, sondern, wie gesagt, nur neue Hüte und grüne Schleier dran und so weiter. Nun aber gibt es noch andere Waagen, auf welchen man das Leben anders wiegt, auf welchen andere Dinge ziehen, wo das häusliche Glück und des Herzens Friede alles gelten, wo geregelte Tätigkeit und geistiger Wachstum schwer sich machen, wo ein stilles Genügen keinen leeren Tag duldet, sondern jeden ausfüllt mit Freude und Treue.

Wir wollen kein Urteil sprechen über die Stadtwaagen; aber wie gewöhnlich alle Moden von den Städten ausgehen, so wird mit Nasenrümpfen und sonstigen mitleidigen Gebärden für die Stadtwaagen die Herrschaft gefordert, wie auch befohlen worden ist, nur nach neuem Maß das Holz zu messen. Das ist nun unvernünftig. Oder wäre das wohl eine vernünftige Frau, welche für ds Tüfels Gwalt ihren Mann zwingen wollte, daß er mit ihrer Fleischwaage sein Gold wägen solle, erzwingen wollte, daß nur eine Waage im Hause sei, und zwar die Fleischwaage? «Frau, das versteyhst nit und weißt mit Schyn nit, was Gold ist; la mi rühig, u bruch du i Gottsname dy Fleischwaag!» würde der Mann sagen, «Fleisch ist Fleisch und Gold ist Gold.»

Mutter und Tochter hatten nicht die Stadtwaage angenommen als Lebenswaage, und was ganz besonders ihr stilles Glück täglich neu erhielt, das war die innigste Teilnahme an allem Lebendigen rund um sie. Es war nicht die Neugierde, von welcher ich früher gesprochen, es war der recht christliche Trieb, allenthalben zu helfen, Leiden zu mildern, Freuden zu spenden, ohne sich jedoch aufzudringen; und wo man nicht helfen konnte, da nahm man in aller Stille teil und freute sich über Glück und klagte und trauerte über erfahrenes Unglück. Diese innige Teilnahme ging über auch auf die Tiere, und ein geworfenes Huhn oder eine verletzte Taube wurde auf das innigste bedauert, auf das zärtlichste gepfleget. Es ist nichts auf Erden, welches des Menschen Leben so bedeutsam macht, des Weibes Lebenstag so zierlich und köstlich schmückt als diese Teilnahme; das geht hundertmal über neue Hüte, und wären auch grüne Wadel dran.

Das Pfarrfrauchen saß auf dem grünen Bank vor dem Hause und hatte ihre Garnwinde vor sich. Warum sie eigentlich da saß alle Nachmittage, wenn das Wetter nicht gar zu strub war, das hätte niemand so leicht erraten. Man hat wohl von Riesen gehört, welche an den Pforten wachen, hinter welchen schöne Prinzessinnen schlafen, hat von Löwen gehört, welche den Palast eines Tyrannen hüten, ja vom Teufel sogar, wie er Schätze wahre und hüte; aber was das gute Pfarrfrauchen hütete, das hüteten weder der Teufel noch Löwen noch Riesen. Dasselbe hütete nämlich das Mittagsschläfchen ihres Papas (so sagte sie ihrem Manne und hatte es sich angewöhnt, weil sie ihrem Töchterchen fünfzehn Monate lang vorsprach: «Lue dr Papa, kennst dr Papa?»). Sobald er in sein Stübchen ging nach dem Mittagessen, setzte sie sich vor das Haus und wachte, daß niemand am Hause klopfe und dr Papa wecke. Sobald jemand kam, den sie nicht spedieren konnte, so hieß sie ihn neben sich setzen und sagte: «Dr Papa (wenn die Leute fremder waren, so sagte sie ‹Dr Herr›) wird grad cho. Chömet, sitzet e wenig nebe mi, Dir werdet hüt scho gnue gstande sy.» Dann knüpfte sie mit ihnen ein Gespräch an, um das sie nie verlegen war, da sie mit den Leuten lebte, Lieb und Leid sowohl im Menschenleben als im Wechsel der Natur mit ihnen teilte.

Als Hansli kam, saß eben auch das Frauchen vor der Tür und wachte für des Papas Schläfchen, während es Garn wand und mit dem eigenen Schlafe kämpfte. Hansli wollte sein Pfeifchen in den Busen stoßen, als er sich ds Herre Frau nahte, aber die sagte: «Rauchet nur, ih man e gar wohl erlyde; dr Papa raucht ja o mengist meh als ihm gut ist.» Hansli machte nicht viel Komplimente, von wegen die gaben ihm zu viel Redens, und setzte sich, aber wohl wars ihm nicht dabei. Mit selligem Wybervolch wüß er nüt azfa; er wüß längs Stück nit z'rede, daß es sym daheim recht syg, vrschwyge de selligem. Aber das Frauchen begann so lieblich, daß kein Stock hätte wiederstehen können, vrschwyge de Hansli. Es frug nicht nach dem Hochzeitlärm, der natürlich im ganzen Dorf verbreitet war, ohne daß jemand hätte sagen können wie; denn die Gerüchte haben es wie der Wein, der rinnt auch manchmal aus einem Faß, und längs Stück weiß man nicht, wo sLoch ist. Die Frau Pfarrer frug, wie es dem Jakobli gehe; es hätte geheißen, er sei krank, und er sei immer gar ein Ordlige gsy, und ds Papali hätte manchmal gesagt, es wäre eine rechte Freude, Unterweisung zu halten, wenn sie all wären wie ds Jowägers Jakobli; die ganze Zyt heyg er ihm o nit es Brösmeli Vrdruß gmacht.

Mit Speck fängt man die Mäuse, mit Lebern die Krebse, und mit solchen Worten, wen hätte man alles gefangen, was meint ihr? Es gibt allerlei Schlüssel, es gibt aber auch Passepartout; man hat sie nicht in allen Häusern; wo man sie aber hat, da sind sie sehr bequem, in den rechten Händen nämlich. Das tat das Schloß an Hanslis Herzen auf, als ob man es mit Baumöl gesalbet hätte; er fühlte es kaum, aber es ward ihm bas als bei seinem Weibervolk, und er dachte, we si in alle Hüsere eso wäre, es wär drbyzsi, u mi hätt ere nit grad zviel.

Ehe er sich es versah, hatte er ihr die ganze Krankheitsgeschichte erzählt und noch die Hochzeitgeschichte obendrein, und eben als er fertig war, hörte man droben des Herrn Türe gehen. «Ds Papali chunnt jetzt», sagte das Mammali, «aber wenns Ech lieb ist, su säget ihm doch nüt vom Schnupfsäckeli; er wird gar bedenklich höhn, wenn er von ihm ghört, und daß me no an ihns glaubt; die Wahrsager und Zeichendeuter seien von Gott verflucht, sagt er, und da mag er nichts von ihnen hören.»

«Eh, seid Ihr da, Hansli?» sagte der Pfarrer, «es het doch nit öppe böset byn ech?» «Nei, Gottlob nit!» sagte Hansli, «es wär neue alles wieder zwäg.» «Aber Jakobli syg übel gsi?» fragte der Pfarrer, fragte ferner, welchen Doktor sie gebraucht hätten, und ob er bei ihnen gewesen sei. Hansli gab schön Bericht, sie seien fry bei manchem gewesen; aber es hätte ihn duecht, sie könnten alle gleich viel, und aparti zu ihnen kommen hätten sie keinen geheißen, das trage nicht viel ab; wenn einer etwas könne, so brauche er nicht zu visiteln, er wisse öppe sust, wos fehl. «Woher sollte er es wissen? «fragte der Pfarrer. «He, mi brichtet öppis drvo, u de bringt me ds Wasser, u wenn eine öppis cha, su soll er öppe wisse, wos fehlt; en iedere Gütterler weiß ja u chas säge, wos fehlt, we me ihm ds Wasser bringt; warum sötts de eine, dr gstudiert wott sy, nit chönne; ds Heile ist dKunst!»

Da hatte der gute Hansli den Pfarrer, ohne es zu wissen, auf ein Steckenpferd gesetzt, und wenn er gewußt hätte, was für ein Kapitel er sich zuzog, er hätte sich wohl gehütet, den Doktoren eins anzuhängen.

«Nein, mein lieber Nachbar, da seid Ihr übel brichtet, wenn Ihr meint, ds Heile sei dKunst. Ehe man heilen kann, muß man zuerst wissen, was man heilen soll, und wos fehlt, und gerade das ist das Schwerste. Ihr meint, wenn Ihr kommt und sagt: ‹Es tut mir im Magen weh oder in den Augen›, oder: ‹Ich habe den Husten oder grusam Fieber›, so wisse der Doktor schon, wos fehle; Fieber sei Fieber, Husten Husten, und Weh sei Weh, bald in den Augen, bald im Magen; aber eben da seid Ihr in gar grobem Irrtum. Fieber kömmt von Entzündung her, nun kann aber gar manche Sache entzündet sein, Gehirn, Lunge, Leber, Unterleib und noch viele andere Dinge, und das ist manchmal gar schwer zu erkennen, und doch muß das unterschieden werden; denn anderes braucht man für die Leber und anderes für den Unterleib und anderes für den Magen und anderes für die Augen. So ist auch der Husten gar mannigfach, es kann ein Magenhusten sein, ein Krampf husten, ein Husten aus Lunge oder Leber, es kann auch nur in der Luftröhre stecken, von zuviel Blut oder zuviel Schleim herkommen; weiß ich das nun, wenn man mir so obenweg sagt: ‹Ih ha dr Huste?› Dann liegt nicht nur das scheinbar gleiche Übel an gar verschiedenen Orten und oft an ganz andern als man meint; sondern es hat auch seine besondern Grade: es ist im Entstehen, es ist im Zunehmen, es will in etwas Anderes übergehen, zum Beispiel ein Husten in eine Lungenentzündung, ein Gallenfieber in ein Nervenfieber; das alles kann mir niemand sagen; das alles muß man erkennen, und zwar zu rechter Zeit. Es gibt Krankheiten, wo eine Stunde früher oder später über Leben und Tod entscheidet.»

«He», sagte Hansli, «mi seit ihm öppe alles, was me weiß, obs besseret oder böset het, u de schickt me ds Wasser drfür, daß er selber luege cha.»

«Aber wenn es Einer nit versteht», sagte der Pfarrer, «so meint er vielleicht, es habe gebessert, wenn es gerade am bösten ist. Das ist manchmal gerade so wie bei einem Hagelwetter. Zuerst kommen einige Steine, man hat Angst, aber es hört auf; jetzt meint man, es sei vorbei, und wie man das meint, so kömmt der Hagel daher, daß man alle Augenblicke meint, jetzt, jetzt kommen die Katzen. Und mit Eurem Wasser geht mir; aus dem kann man wohl allerlei sehen, Fieber oder Galle zum Beispiel. Aber da kömmt unendlich viel auf das an, was man gegessen oder getrunken, ob man geschwitzt oder gefroren, und welcher Leibesbeschaffenheit man überhaupt ist, und noch auf gar viele andere Dinge. Das Wasser ist ein sehr unzuverlässiges Kennzeichen, das in gar vielen Fällen durchaus nichts anzeigt; wenigstens ebenso wichtig als das Wasser ist der Auswurf, aber an den denkt man selten. Der Puls, die Zunge, sind weit wichtigere Merkzeichen, aber sie reichen auch nicht hin; die Haut feucht oder trocken, die Farbe, namentlich aber das Auge, sind höchst bedeutende Zeichen, und jedes derselben ein Spiegel irgendeines innern Zustandes, und im Spiegel muß man ihn erkennen; man kann nicht einen Schlitz machen und die Nase dahin stoßen, wo es einem wunder nimmt, wie es aussieht. Darum müßt Ihr den Doktor kommen lassen ins Haus, damit er mit eigenem kundigem Auge die Zeichen alle vergleiche, sie zusammenstelle und das Urteil fälle, wo es eigentlich fehle; erst dann, wenn dieses gründlich untersucht ist, kann verständig gedokteret werden.»

«Das ist längs, Herr Pfarrer», sagte Hansli, «so mit em Wasser ist es kürzer, un die Nebeusdoktere cheus.» «Wer sagt das?» fragte der Pfarrer. «Sie selbst», sagte Hansli, «u soviel ih ghört ha, het no nie kene bigehre i ds Hus z'cho, und hey doch unbsinnt chönne säge, wos fehle, u hey nit emal viel gfraget.» «Aber haben sie es auch getroffen, und ist es so gewesen, wie sie gesagt haben? Wenn einer lügen will, ist bald viel gesagt.» «Si hey vo Mengem gseyt, der vo ne gheilet worde ist, u wo ke Patentierte ihm heyg chönne helfe.» «Hat ders troffen, wo von Eurem Jakobli gesagt hat, er bekomme die Wassersucht?» Hansli schaute verblüfft auf, denn von dem hatte er dem Pfarrer so wenig gesagt als von dem Schnupfsäckeli.

«Gschauet, Hansli, das ist so: wenn Einer so von einem Quacksalber prellet wird, so rühmt er es nicht und will nicht der dumme Löhl sein, der zum besten gehalten worden ist. Das ist gerade so, wie es vor Jahren auf einem Jahrmarkt in B., wo man den sametigen Ärmel zum Fenster ausstreckte, geschehen ist. An einem solchen Tage setzte sich dort ein Marktschreier fest, und ließ bekannt machen, daß er ein Pulver verkaufe für drei Batzen, mit welchem man auf die sicherste Weise die Flöhe vertreiben könne. Die Flöh waren nicht rar in selber Gegend, und manch Weibchen, das lieber schlief als jagte, und mancher Mann, der dieses Hauskreuz haßte, hielt das für ein gefunden Fressen, und niemand reuten die drei Batzen. Eine große Menge sammelte sich beim Bären, daß dem Wirt der Gedanke kam, es wäre nicht bös, wenn er alle Märit einen solchen Flöhfresser hätte; der wäre nicht nur für die Flöhe gut, sondern er ließe auch den Längnauer, den Dotziger und Büttiberger vergessen.

In einer einsamen Stube war der Wundermann postiert, und vor der Tür war sein Gehülfe, nahm die drei Batzen ab und ließ sorgfältig nur eins nach dem andern ein in das geheimnisvolle Gemach. Drinnen stund der Mann in langem Talar, wie die polnischen Juden sie haben, und wenn bangen Herzens das eine vor ihn trat, nahm er mit geheimnisvollem Gesicht eins der Pulver, welche auf dem Tische lagen, spreizte den Daumen und den Zeigefinger und sagte feierlich: ‹Seht, sobald Ihr eine Floh gefangen habt, so drückt ihr das Maul auf, nehmt von diesem Pulver so wenig, als Ihr könnt, legt ihr dasselbe auf die Zunge, so ist sie fertig, plaget niemand mehr.› Eins nach dem andern hörte ihm in andachtsvoller Ehrfurcht zu, wußte lange nicht, war es zum besten gehalten oder hatte es ein wunderbar Geheimnis empfangen; aber alle zogen mit geheimnisvollen Mienen ab; Keiner sagte den Andern, was er gehört, Keiner wollte zum Narren gehalten sein, und gar Mancher munterte die Andern noch auf und sagte: ‹Göht ume, göht, dä weiß öppis!› Und die Andern gingen, und jeder gönnte es dem Andern, und Keiner wollte der Narr im Spiel sein, und jeder fürchtete, die Andern möchten ihm. sagen: ‹Du Löhl, gäll, hättest du deine drei Batzen wieder! Aber denken hättest du können, wenn du witzig gewesen wärest, es gehe dir so.›

So war großer Spektakel an selbem Märit, und Einer hatte am Andern die größte Freude, wie er geprellet ward. Etwas ganz Ähnliches geht mit der Quacksalberei. Es rühmt Keiner, wie es ihm bei einem Quacksalber ergangen, was er habe zahlen müssen, und wie die Krankheit einen Austrag genommen, wie er ihm alles viel böser gemacht, und wie er ihm offenen Schaden zu unheilbaren Krankheiten gemacht und Warzen oder Ammäler zu Krebsschäden; er fürchtet, man sage ihm: ‹Du Narr, warum bist gange? Du hättest doch witziger sein und hättest denken können, es gehe dir so!› So wird das meiste Böse, was Quacksalber machen, verheimt aus Scham; man will zum Schaden nicht noch Spott und Hohn.

Zu diesem kömmt noch ein Zweites. Es gibt nämlich Leute, die meinen, der liebe Gott habe sie expreß deswegen erschaffen, daß sie andern Leuten den Verstand machen und ihnen den Weg zeigen, so gleichsam zu Leithammeln seiner dummen Herde. Kant, das ist einer, von dem Ihr nicht werdet gehört haben, Hansli, Kant hat gesagt, der Mensch solle immer so handeln, daß das, was er tue, andern Leuten zur Richtschnur dienen solle. Das eben, meinen die Leute, täten sie; und wenn einer seine Läuse mit dem Schuh vertrappet, so sagt er, das sei exzellent, und alle die, welche es mit dem Nagel täten, seien Hundsfötter; und kömmt es ihm in Sinn, die abgenommene Milch selbst zu essen, die Nidle den Schweinen zu geben, so sagt er, man glaube nicht, wie vortrefflich die blaue Milch sei und wie ungesund die Nidle. ‹Tues doch, probiers doch, du wirsts de erfahre!› klingts in allen Ecken; und wenn man es nicht tut, so gibt es Gift hinter den Ohren und unter der Zunge. Wenn die gleichen Leute aber nach vierzehn Tagen das Gegenteil von dem finden, was sie vor vierzehn Tagen gefunden, so sagen sie es niemanden, und wenn sie ihre Läuse wieder mit dem Daumen töten wie andere ehrliche Leute, so soll es niemand merken.

Wie es diese Leute mit allen Dingen haben, so haben sie es namentlich mit Arzneimitteln und mit Ärzten. Ist ihnen selbst ein Mittel eingefallen, so stellen sie die ersten acht Tage alle Menschen auf der Gasse, drehen ihnen die Knöpfe, daß sie aus dem Leibe gingen, wenn man sie unglücklicherweise an der Haut statt am Kleide hätte, und wären sie auch innefert vernietet, und rühmen, wie sie sich jetzt vortrefflich befänden, man glaube es gar nicht; sie brauchten das und das, man solle es doch auch probieren; sie brauchten es zwar für das, aber es sei für dieses und jenes sicher auch gut. (Ungefähr wie vor einigen Jahren von bekannter Seite her eine sehr fromme Seele mit homöopathischen Schachteln hausieren ging, welche einige Dutzend Schächtelchen oder Gütterli, es kömmt auf eins, enthielten, möglicherweise einige sechzig. Er pries sie hoch an und strich als ihren größten Vorzug heraus, wenn man sich schon verschieße, so schade es jedenfalls nicht viel.) Kommt man nach einigen Wochen zu selbem Menschen, so klagt er über seine alten Übel ärger als nie, aber von jenem gepriesenen Universalmittel ist keine Rede mehr.

Braucht ein solcher Mensch aber einen Quacksalber, so ist gar niemand mehr vor ihm sicher; er ist noch viel ärger als der Fuchs, der mit dem Herzstoß herumlief; alle Leute sollen ihn brauchen; man glaube gar nicht, was das für ein Wundermann sei, Hunderten, Tausenden habe er schon geholfen, und erst drei Tage brauche man ihn, und man fühle die auffallendste Wirkung, und man sei überzeugt, man sei in wenig Tagen radikal kuriert. Die frappanteste Wirkung habe man empfunden, man habe kaum am Mittel gerochen gehabt. (So hatte sich vor zirka einundzwanzig Jahren ein gewisser Ludi in die Ohren beten lassen und war überzeugt, er sei radikal kuriert. Nicht Wenige aus seiner nächsten Umgebung kriegten darauf die Lungensucht, weil sie nun im Verhältnis, als jener gut hören wollte, desto lauter brüllen mußten.) Diese alle haben ihren neuen Quacksalber austrompetet; wie es ihnen hintendrein ergangen, rühmen sie ebenfalls nicht. Ist man unverschämt genug, nach dem Warum zu fragen, so zucken sie die Achsel; es kam ihnen etwas zwischen die Kur, oder die Entfernung war zu groß, oder es traten sonstige Umstände ein. Sie irrten sich nie. So bleibt das Trompeten, aber der schlechte Erfolg bleibt vertuscht.

Und drittens, mein lieber Hansli, aber zürnet nüt, gibt es sturme Leute, die laufen von einem Quacksalber zum andern oder zwischen zwei Quacksalbern hin und her wie der Kalle in der Glocke zwischen ihren beiden Wänden, die eine Woche zu dem, die andere zu diesem, und zu beiden haben sie unumschränktes Zutrauen; der Eine hat sie vom Bauchweh radikal kuriert, und doch klagen sie einem alle ander Tage darüber, und der Andere hat ihnen eine Hautkrankheit wie weggeblasen, und angesichts einem kratzen sie sich die Haut vom Leibe.

So haben es die Leute mit allem, was nicht recht ist, und was sie nicht tun sollen; erstlich verheimen sie anfangs den Gebrauch, dann soll es viel besser sein als man meint, und nur Verbunst einem davor sein, und drittens soll es an nichts schuld sein. Und so hat man es mit allem Verbotenen, mit Saufen, Huren und Quacksalbern, nit zämezellt, wie me seyt.»

«Vrzieht, Herr Pfarrer, Ihr möget etwas recht haben, was ich verstanden habe; aber die wisse doch etwas aus dem Wasser, und die angere wey ume desumeryte un si la zahle zweumal; vo diesen seyt kene, daß er z'cho bigehre; die sy mit Mingerem zfriede, vo wege si heys minger nötig; sie hey kes Geld vrlabiriert mit ihrem Gstudier, vo wege das chostet öppis, u selb wey si de ume, u üsereim vrma nit mit doppeltem Fade z'nähye, mi het a einist gnue.»

«O Hansli», sagte der Pfarrer, «das ist eben das Verdächtigen, wo ich so hasse. Die Quacksalber wissen gar nicht, was eine Krankheit ist; sonst würden sie nicht so ins Blaue hinaus Mittel geben und noch von den gefährlichsten, wo man antreffen kann; und wenn sie etwas mit den andern Krankheitszeichen zu machen wüßten, so würden sie Kranke auch besuchen. Darum, was sie nicht können, verdächtigen sie. Es wundert mich nur, daß ein einziger Doktor euch ein einzig Mittel gibt ohne mit dem Kranken gesprochen und ihn gesehen zu haben. Einmal ich täte es nicht; ich weiß wohl, dann könnte ich gehen Band hauen. Aber von wegen dem Wasser muß ich doch noch fragen: wenns einem Roß oder einer Kuh oder einer Sau fehlt, schickt man dem Viehdoktor auch das Wasser vom Roß oder von der Kuh oder der Sau?» Er mache es nicht, sagte Hansli, und hätte neue nüt drvo gehört, daß es Andere täten. «Was macht Ihr dann?» fragte der Pfarrer. «He, wenn man bestimmt weiß, wo es fehlt, so sagt man es ihm, nimmt afe öppis und seit, er söll selber cho luege, je eher je lieber; we mes aber nit bestimmt weiß, we si öppe ume so muggle u me doch glaubt, es chönnt nit gut cho, su schickt me öppere u lat ihm säge, er soll enangerenah u uf dr Stell cho.»

«Warum könnet Ihr das bei einer Sau machen und bei einem Menschen nicht?» «Ja, das ist darum ganz etwas Anderes», sagte Hansli. «Jawohl ist das etwas Anderes; aber wer hat das feinere Eingricht und aller Gattig Lebensweis und allerlei Anstrengung, der Mensch oder eine Sau?»

«Aber Papali», sagte die Frau Pfarrerin, welcher schon lange katzangst geworden war, aber doch nicht gerne dazwischen redete; denn es gab Kapitel, wo das Einreden nicht gut war, und Gelegenheiten, wo er es auch nicht duldete, namentlich wenn er einmal mit einem Gemeindsgenossen kinderlehren wollte; «aber Papali, du vergissest ganz, daß der Nachbar Jowäger dich um Rat fragen möchte und sein Pferd auf der Schmidtenbrücke hat.» «Warum sagst mir das nicht?» sagte der Pfarrer etwas unwillig. «Von dem allem habe ich ja kein Wort gewußt!» «Wohl freilich, Papali», sagte die Frau, «du hast es im Eifer über die uflätige Quacksalber umevrgesse.» (Beiläufig gesagt, das ist ein Kunstgriff der Frauen, der sich nie abnutzen wird, daß der Mann längst über Dinge unterrichtet sein soll, von denen er nie ein Wort gehört.) «Sein Sohn will heiraten, und da möchte er dich um Rat fragen wegen öppis.» Dieses war ein Kapitel, auf welches der Pfarrer nicht schwer abzulenken war; er lenkte darum nicht wieder um, sondern trat ein und frug nach dem, was er raten sollte.

Hansli, welcher das Ding heute bereits dreimal erzählt hatte, kam zum viertenmal ordentlich fort und der Pfarrer begriff alsobald, um was es sich handelte. Er setzte auseinander, daß als Eheansprache nichts gültig sei als Verkündigung oder ein notarialisch Eheversprechen, daß die aufgesetzte, ununterschriebene Schrift nicht mehr sei als ein Weibergeschwätz und die gestohlenen Neutaler jedenfalls nicht als Ehepfand gelten könnten, eher ein Gegenstand der Klage von seiner Seite sein könnten. Grund zu Prozeß oder Eid sei durchaus keiner vorhanden, es müßte denn der Richter ein Erzlümmel sein, was man zwar nie wissen könne, was er aber nicht glaube. Das Beste bei so bewandten Umständen wäre, wenn Jakobli alsobald verkünden ließe; jegliche gültige Heiratsansprache müßte in diesem Falle als Einsprache geltend gemacht werden, und zu solcher hätten sie so wenig Grund, daß der Richter unmöglich eine bewilligen könnte, wenn er schon gerne wollte, so hätten sie nicht einmal die Möglichkeit, ihn anzugreifen.

Wenn sie aber auf anderm Wege an ihn zu gelangen suchten, so sei es nur, um ihn zu erschrecken oder etwas von ihm zu erpressen; da solle er nur auf keine Weise sich einlassen, trotzigen Bescheid geben und sie fort senden, so oft sie kämen, ja drohen mit Klage über Diebstahl und sich ja nicht merken lassen, daß er etwas fürchte; er habe auch nichts zu fürchten. Gebe er ein Stümplein von einem Finger, so würden sie die ganze Hand wollen. Und würde er im Kleinsten nachgeben, so könnte das vor dem Recht als eine Einläßlichkeit erscheinen und es ihm gehen wie einem Meitschi, welchem ein Reibstein das Äußerste der Haarschnur ergreife und nacheziehe und nacheziehe, bis der ganze Kopf zerrieben sei. Das Recht sei gar ein kurioses Ding, und weit vom Gschütz gebe es alte Kriegsleut.

Hansli sagte, das sei anderer Bescheid als er erhalten, der gefalle ihm; gruset hätte es ihm, wenn er sich hätte müssen lassen desumeschleipfe, es wüß kei Mönsch wie. Aber eins sei lätz. Am nächsten Sonntag werde kaum verkündet werden können; das Meitli wisse noch nichts davon, und Jakobli wisse nicht einmal, ob es ihn wolle, oder ob es schon einen Andern hätte. «Du mein Gott», sagte die Frau Pfarrerin, «hat der gute Bueb so eine stille Liebe gehabt? Das ist doch schön von ihm, das trifft man selten. Es wäre in der Tat schrecklich gewesen, wenn er die grobe Person hätte nehmen müssen. Ich glaube wirklich, es hätte ihm können am Leben schaden. Dä gut Knab, es cha mi fry vo Herze für ihn freue, wenn er glücklich wird.»

«Ih cha mi nüt druf vrstah», sagte Hansli, «zu myr Zyt ist das nit so gange; mi het öppe gluegt, weli eim aständig syg, u het afa mit ere rede, u hets es nit möge gä, he nu, su het me na ere angere glueget, bis me Eini gha het. Daß deretwege neuer gstorbe syg, han ih nie ghört. Wos dr Ätti duecht het, es wär afe Zyt, daß ih Eini nähmt, hets mi duecht, mi Alti schickti si nit übel i üsers Hus, si ist werchbar gsi, öppe nit vo de Hoffärtigste u nit ab dr Gaß; aber we si mi nit welle hätt, hintersinnet hätti ih mi nit; ih hätt däycht, es gäb no angere, wo öppe o werchber syge u nit die Hoffärtigste. Es git ere geng dGnügi, wo gern Eine hätte u notti doch nit schlechti Mönscher sy. Die, won ihm ds Anne Bäbi gordnet gha het, ist öppe nit alles gsi; aber es het mi duecht, syg dSach eso wyt gange, er sött se näh; es hätt minger Umtriebe gä u Läuf. Es ist mängi, si ist als Meitli nit alles gsi u ist no e rechti Frau worde, u de gwohnet me si a alles; en iederi Spys cha me zletsch esse, we me nüt angers het; warum sött me si de an e Frau nit gwahne, wes eim scho längs Stück duecht, mi sött dra erworge! Ih han e Hung; won ih ne zerst übercho ha, hets mi duecht, wenn ih ne nume nit hätt; die ganzi Nacht het er bulle, ih ha ke Stung chönne schlafe; jetz chann er belle, soviel er will, ih schlafe notti. Aber was will me! Es ist jetz eso, u mi muß si dry schicke; u mira chann er jetz mache, daß er zu dem Mönschli chunnt; es ist mir isowyt recht, wenn ume das Gspräng bald ufhörti, das ist mir afe übel erleidet.»

So lange hatte Hansli lange nicht hintereinander geredet; aber auch dem Tröckenesten wird zuweilen das Herz voll, und dann läuft es ihm über. So viele Jahre waren Hansli die Tage gleichförmig abgelaufen, und apartige Bewegung hatte es in seinem Hause keine gegeben; daher war ihm das gegenwärtige Treiben und Jagen, wo alle Tage etwas Neues aufs Tapet kam, in der Seele zuwider. Er schwebte in beständiger Angst, was Anne Bäbi oder Jakobli ihm noch zumuten werden, wohinaus sie ihn senden möchten; daher war ihm alles recht, wenns nur vorbeiging und der ganze Haushalt in den alten Trapp kam.

Als er wieder zum Schmied kam, fragte ihn dieser: «Gäll, er wird di angers brichtet ha?» «Es ist no kurios», sagte Hansli, «wien e Mönsch cha Vrstang ha von ere Sach, u i dr angere ist er sozsäge ume e Lappi. Vo wege myr Sach het er mr grate ume mit kurze Worte, aber hauptändisch; es hätts ke Aflikat besser chönne, wenn er scho bigehrt hätt, öppe z'säge, wies wär, u mit der Wahrhit umzgah. Aber zerst het er mr übrs Doktere gstürmt, emel e halb Stung lang, ih ha nit dr zechnist Teil drvo vrstange. Ih bi ume e Dumme, aber gmerkt han ih doch, daß er ke Bigriff drvo het, minger no as üsereim. Es het mi no vrwungeret; de Aflikate gönnt er dr Vrdienst nit, aber de Doktere möcht er dFisch i dBähre sprenge u meint, mi sött se da la is Hus cho, wo nüt abtreyt, wenn eine öppis cha, u wo me doch drfür aparti zahle sött, es weiß ke Hung wieviel. Aber ih has scho gmerket, es ma e Herr so gut sy als er will, so meint er doch, dr Bur syg ume da, für z'zahle u dHang im Sack z'ha, u we er ne es Tags zwure cha schräpfe, so lat ers nit bi einist gut sy.»

Schöne Seelen müssen über Hansli nicht böse werden, ihn undankbar schelten; er redete vollkommen naturgemäß. Wenn Einer einen Plätz ab hat an der Hand, und der tut ihm weh, und ich komme ihm an diesen Plätz, so schreit er: «Ui, Ui! Du bist doch dr wüstist Hung, wos git!» und so oft ich ihm darankomme, so oft schreit er immer ärger. An die Hand aber, an der er keinen Plätz abhat, kann ich ihm kommen, so oft ich will, er sieht nicht nebe ume, läßt keinen Gux aus. Wessen Geldsäckel nun den Plätz abhat, der empfindlichste Teil seines Wesens ist, der schreit allemal, sooft ihm jemand darankömmt, geradaus, und wer es auch ist, der ihm darankömmt, der muß e uverschante, e unerchante Hung sein, dr wüstist, wos gä cha; und wenn er nicht muß, so längt er selbst so wenig als möglich daran, wie auch er selbst die verletzte Hand ebenfalls schont, so wenig als möglich sie braucht. Je niedriger der geistige Standpunkt eines Menschen ist, desto höher steht ihm die Materie, und den Solidesten steht unter den materiellen Dingen das Geld am höchsten; je höher Einer steht, um so mehr verliert das Geld seinen Selbstzweck und wird nur Mittel zur Hebung des Lebens, zur Wahrung des Leibes, zur Ausbildung der Seele.

Nun will ich gar nicht sagen, daß der Bauer immer auf niedrigem Standpunkte stehe, Herren und Pfarrer aber auf dem höhern. Du mein Gott, es gibt sie dick genug, die an ihrem Geldsäckel nichts ertragen mögen und die Gesichter machen wie ertaubete Löwen, wenn man nur von weitem Miene macht, sie um einen Batzen zu bringen; ja die, wie man Bündengschücher auf frisch angesäeten Plätzen aufstecket, um die Vögel zu vertreiben, solche Bündengschüchgesichter Tag um Tag machen, damit kein Vogel nicht einmal Miene mache, nach ihrem Geldsäckel zu recken.

Indessen ist das natürliche Verhältnis jedenfalls so, daß wenigstens der Pfarrer geistig höher stehen, der Vertreter eines edlern Lebens sein sollte. Ist dieses Verhältnis so, so muß er öfters in den Fall kommen, ringsum an Geldsäckel zu hoschen, und sollte es eben nur sein, daß er mahnt, zu Wahrung ihres eigenen Leibes einige Batzen nicht zu scheuen. Da muß er allemal der wüste Hung sein u dr uvrständigst, muß hören: «Ja, we mr ds Geld so ring chäm wie dem, ih wett o. Üsereim muß gar gnue tue, bis mes het; drum, we mes einist het, su het me de o Sorg drzu.» Dies muß niemand verwundern, es ist naturgemäß; dies muß niemand übel nehmen, denn es muß so sein. Drum, schöne Seelen, laßt mir meinen Hansli in Ruh; er ist besser als tausend Andere, er urteilte von seinem Standpunkte aus, und wenn er jemand eine Hülfe leisten konnte, welche in seinem Gesichtskreis lag, so war mein Hansli in seinen Guttaten nicht der letzte; das heißt, wenn Einer gekommen wäre und hätte gesagt, er möchte studieren und Hansli solle ihm etwas daran geben, so hätte Hansli gesagt: «Öppis Dumms eso! Gang mr vom Hus eweg, gang ga werche! Was manglist du z'studiere? Es git dere Schlingle gnue.» Und wäre neben dem Einer gestanden und hätte ihn um eine Tanne gebeten, weil er ein neues Haus wolle bauen lassen, so hätte Hansli gesagt: «Warum nit? Du mußt eini ha, öppe nit die größt; mi het se nimme; es geyht afe gar starch mit Heusche.»


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