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Erstes Kapitel

Anne Bäbi marschiert auf samt seiner ganzen Haushaltung

Hansli Jowäger war ein braver Mann, und Anne Bäbi, sein Weib, meinte es auch gut, aber uf sy Gattig. Hansli Jowäger hatte noch Speckseitenkutten, Gilet, wo die Säcke Deckel hatten, und wenn er nicht Spitzhosen trug, so waren seine Hosen doch aufgeschlitzt bis zum Knie, und selten war der lange Schlitz zugeknöpft. Sein Hut hatte keinen hohen Gupf; desto breiter war der Schirm, und wenn er an einem Stock zMärit ging, so stellte er gerne das Kinn auf selbigen ab, während er um eine Kuh märtete. Sein Weib Anne Bäbi plagte ihn auch nicht mit der Hoffart. Ihrer Großmutter Hochzeitkittel trug sie an den heiligen Sonntagen, und ihren eigenen Hochzeitkittel sparte sie der Nachkommenschaft auf. Sie hatte noch Schuhe mit währschaften Böden, aber weit ausgeschnitten, daß sie mit den Zehen kaum anhängen konnte, und für Ärgäuer Fürtücher hatte sie noch keinen Kreuzer ausgegeben. Sie schämte sich, sagte sie, ein solches Hüdeli umzuhängen, in welches man nicht einmal herzhaft schneuzen könne, wenn man nicht wolle, daß die Nase am andern Ort zum Vorschein komme. Halbrystigs, das sei das Fundament in einer Haushaltung, sagte sie. Hansli Jowäger hatte sein Anne Bäbi erst geheiratet, als seine Mutter gestorben und beide weit über die Dreißig hinaus waren. Er wolle seinem Muetti keinen Verdruß mit einem Söhniswyb machen, sagte er; man wisse wohl, wie es öppe gehe, wenn zwei an einer Feuerplatte zusammenkämen. Die Frucht dieser Ehe war ein Söhnlein, welches man Jakobli nannte, gar wert hielt als das einzige, späte Sprößlein, und das ein Ausbund von Tugend und Frömmigkeit werden sollte vor Gott und Menschen.

Einmal, als Jakobeli zwei Jahre alt war, saß er auf der Mutter Schoß am Tische, und die andern saßen auch darum und beteten und falteten die Hände wie üblich. Und weil Jakobeli schon mehr als ein Jahr lang auf der Mutter Schoß gesessen war während dem Essen und gesehen hatte, wie man die Hände faltete, so kam es ihm endlich auch in Sinn, und er legte seine Händchen auch zusammen. Da entstand in den Eltern ein großes Erstaunen, daß dem Jakobeli etwas in Sinn gekommen, und noch dazu so etwas Geistliches. Er sei ein bsonderbar Kind, hieß es, seine größte Freude hätte er am Beten; so ein geistlich Kind hätten sie noch nie gesehen; und wenn ein fremder Mensch ins Haus kam, so mußte Jakobeli zeigen, wie man bete, und allemal wurden dabei dem Hansli Jowäger und seinem Anne Bäbi die Augen naß, und alle Abende dankten sie Gott von ganzem Herzen, daß er sie mit einem so frommen Kinde gesegnet, und von da an nahmen sie an als eine heilige Wahrheit, ihr Jakobeli sei ein bsonderbar frommes Kind und bereits geistlicher als mancher Schulmeister. So hatten sie eine göttliche Freude an ihm, und was er machte, schien ihnen geistlich; und wenn etwas auch so weltlich war, daß sie es nicht ableugnen konnten, so sagte Hansli Jowäger, das sei freilich nicht ganz recht; aber man solle nur warten, Jakobeli hätte den Geist, und der werde der Welt schon Meister werden, man solle ihn nur machen lassen.

Hansli Jowäger wohnte zu Gutmütigen, und Gutmütigen lag in einer fruchtbaren Gegend im Bernerlande.

Hanslis Haus lag nicht mitten im Dorfe, sondern etwas beiseite in einem schönen Baumgarten, an welchem ein lustiger Bach vorüberhüpfte. Vor dem Hause war ein anmutiges Gärtchen mit kleinen Weglein und hohem Kraut, zwischen welchem einige Pfingstnägeli und halbdünne andere Nägeli sichtbar waren; darüber weg sah man die Schneeberge gucken über die Vorberge her ins weite Land hinein. Hinter dem Hause lag der schöne, appetitliche Misthaufen, das eigentliche Herz des Berner Bauernhofes; ihn umfloß die braune Jauche, gleichsam ein Pudding an brauner Sauce, und darüber weg sah man den blauen Berg, das himmelblaue Börtchen, mit welchem der liebe Gott selbst den lützelesten Teil der Schweiz eingefaßt hat.

Das Haus war ein braves Bauernhaus von altem Schlage. Tief herab hing sein Dach, aber reinlich war es drin und drum. Hansli war kein lützeler Bauer; er hatte ein Roß im Stall und drei bis vier Kühe und hätte noch mehr Waare haben können, wenn er nicht gemeint hätte, weil er gerne selbst esse bis genug, so müsse auch sein Vieh fressen bis genug, und es sei im Frühling viel kommoder, wenn Heukäufer einem zum Hause kämen, als wenn man um Heu den Häusern nachlaufen müsse wie die Länder den Erdäpfeln.

Schulden plagten ihn nicht; sein Gut war bezahlt, und er war einer von denen, deren es nicht so viele mehr gibt, die heimlich fett waren, die ein Säcklein Geld hier hatten und ein Hämpfeli dort, im Spycher, im Keller, im Trog und sonst noch wo. Zuweilen, wenn Hansli ein neues Säcklein füllte und irgendwo verstoßen wollte, so sagte Anne Bäbi: «Aber Hansli, es gruset mir, soviel Geld hier und dort; denk auch, wenn es ein Unglück geben sollte, wer könnte an alles sinnen und zu allem kommen im Keller, im Trog, im Spycher? Wärs nicht gut, wir machten es wie andere Leute, täten es an Zins, wir könnten Andern helfen, und es würde uns doch nicht verbrennen?» «Ja, ja, Anne Bäbi, ja freilich, du hast recht, aber an Zins tue ich doch nicht mehr, als die Leute mich dazu zwingen. Können uns die Schriften nicht auch verbrennen, und müssen wir die Leute nicht auch plagen, wenn wir unser Geld wieder wollen oder gar noch Zins?» sagte dann Hansli. «Ich habe es wie David, der lieber in Gottes Hand sein wollte als in der Menschen Hand; so vertraue ich mein Geld lieber Gott an als den Menschen. Und denn, Anne Bäbi, wenn Krieg kommen sollte oder Hungersnot oder eine Feuersbrunst, Gott behüt uns davor, wären wir nicht froh, wenn wir Geld hätten, niemand plagen müßten und der Zeit erwarten dürften? Anne Bäbi, wenn ich einmal den Leuten nachmüßte und um Geld aus, Anne Bäbi, ich stünde es nicht aus, ich hätte keine gesunde Stunde mehr.» «Jo wäger, Hansli, jo wäger», sagte Anne Bäbi, «du hast recht, das wäre schrecklich; und wer weiß, wie es unser Jakobeli entgelten müßte, das arme Bubeli, er müßte es sein Lebtag hören.» Dann ging Hansli mit Anne Bäbi zu Rat, wo man das neue Säcklein verstoßen könnte, sicher und doch kommod, damit es niemand fände und man es doch bei der Hand hätte in der Stunde der Not.

So lebten sie in gutem Frieden und jahrelang fast, als wären sie nicht in der Welt, das heißt fast ohne alle Veränderung, ohne daß ihr Schicksal einen Stoß erlitten, ohne daß Gottes Hand an ihrem Zustande gerüttelt hätte.

Freilich kam in dem einen Jahr der Rost in den Flachs, ein andermal die Erdflöh dahinter, in einem Jahr waren die Käfer im Gras, in einem andern die Graswürmer im Kabis, und bald galt der Anken nur drei Batzen statt vier, und Eier mußte man gar dreizehn um zwei Batzen geben, und gaben doch die Kühe in diesem Jahre weniger Milch als sonst. Aber solche kleinen Abwechslungen machen selbst einen Teil der Unveränderlichkeit aus, weil sie in einer gewissen Art von Regelmäßigkeit wiederkehren. Hingegen hatte Hansli Jowäger seit Jahren den gleichen Knecht und Anne Bäbi die gleiche Magd. Der Schneider hatte schon Hanslis Vater geschneidert, und als ihr Schuhmacher starb, nahmen sie dessen Jungen, der schon lange Jahre mit seinem Vater gekommen war. Beide waren kerngesund, und wenn Hansli sich verletzte, wirsete, so strich er Wagensalbe darauf, und wenn es Anne Bäbi fehlte, wenn es mucht ward oder schwere Glieder kriegte oder Kopfweh, so aß es entweder ein Stück guten Käs, oder es trank Melissentee, und alsobald ward es wieder gesund. Lange entstund die größte Veränderung, welche die meiste Unruhe schafft, wenn eine neue Kuh in den Stall mußte. Bis Hansli eine hatte, bis er wußte, ob sie schlug und ob sie trug, bis Anne Bäbi wußte, wieviel Milch sie gab und ob blaue oder gelbe, ging wohl nicht manche Nacht vorüber, in der Hansli seine Anne Bäbi oder Anne Bäbi seinen Hansli mit schweren Seufzern nicht geweckt, Rat gepflogen, Trost gesucht hätte. Als aber einmal Jakobli da war, verloren die Kühe an Gewicht, und je größer er ward, um so mehr; er war es nun, der die größte Aufregung, das meiste Neue in ihr Leben brachte.

Nicht nur war er geistlich, sondern er ward auch bsunderbar listig und bsunderbar groß für sein Alter und bsunderbar hübsch und alle Tage hübscher und alle Tage listiger, und kein Kind war noch so gewesen, und kein Kind wird es mehr so geben; und dieser Meinung waren nicht nur Hansli und Anne Bäbi, sondern auch Knecht und Magd, nicht nur Schneider und Schuhmacher, sondern auch alle Weiber, welche abgenommene Milch holten dr Gottswillen, und auch das Maurer Vreni, welches Seife und Kaffee herumtrug alle Freitage und weit umher kam und also wissen mußte, wie an andern Orten die Kinder waren, und doch nirgend eins kannte, welches dem Jakobeli die Schuhriemen auflöste.

Als er drei Jahre alt war, konnte er schon sagen «Das walt Gott», im vierten Jahre betete er «Speis Gott», im fünften konnte er bereits das halbe Unservater und im sechsten das ganze ABC.

Wenn der Vater die Sonntagskutte anzog, brachte ihm Jakobli den Stecken. Als er einmal den Pfarrer sah, sagte er: «Lue dert dä schwarz Ma!» Wenn er eine Kuh sah, so rief er Milch, und wenn ein Schaf vorüberlief, so machte er bä. Und als einmal Mädi, die Magd, einen ganzen Tag bschüttet hatte und am Abend den Jakobli auf die Arme nehmen wollte, wehrte er sich und rief: «Müetti, Müetti, hilf, hilf, Mädi stinkt!» Selbe Nacht schliefen Hansli und Bäbeli wenig und redeten viel von Jakobeli, und was das für ein Kind sei. Und von dem Tage an mußte Jakobeli jedem, der ins Haus trat, wiederholen: «Müetti, Müetti, hilf, Mädi stinkt!» und wenn das vorüber war, mußte er sagen, was der Pfarrer für ein Mann sei, und wie das Schaf mache. Dann liefen Hansli und Anne Bäbi die Freudentränen dBacken ab, sie tröhlten sich in seligen Hoffnungen, und wie ihre Augen glänzten in elterlicher Wonne, glänzt kein Stern am Himmel.

Jeweilen hatten sie auch Tagelöhner, und einer derselben mochte Veränderung lieben. Der gab Jakobeli an, wenn Mädi ihn nehmen wolle, so solle er nicht mehr schreien: «Hilf, Müetti, hilf, ds Mädi stinkt», sondern er solle rufen: «Laß mich sein und hänge mir nicht deine Flöhe an; lue doch, wie sie auf dir umegumpen!» Jakobeli sagte das richtig, als abends nach dem Feierabend die Leute sich einen Genuß verschaffen wollten und der Jakobeli an den Tanz mußte. Da gafften die Leute Maul und Nase offen. «Wie sagst du, wie sagst du?» tönte es hier, tönte es da. «Aber Jakobeli, was sagst du?» sagte Anne Bäbi. «Nein, aber loset mir doch!» sagte Hansli. «Wer gibt dir solches an?» fragte Mädi. «Der Res hat es mir gesagt», sagte Jakobeli. Aber das glaubte ihm niemand; man wußte, was dem Kleinen schon in Sinn kam, mehr als manchem Großen, und von dem an galt er als Genie, und man erwartete Wunder.

Um so ärgerlicher war es den beiden Eltern, daß Jakobeli in der Schule nicht der Oberste war, ja sich nicht einmal auszeichnete. Anne Bäbi hatte ihn selbst in die Schule gebracht, als er zum erstenmal sie besuchte, und nachdem sie und Hansli schon mehr als ein halbes dutzendmal den Schulmeister auf die Erscheinung ihres Sohnes vorbereitet, ihn zweimal eingeladen hatten, damit sie sich aneinander gewöhnten. Anne Bäbi hatte ihm die Haare schön glatt gestrählt, den Hemdekragen schön grad aufgezogen, das Halstuch herzhaft zugebunden, ihm das schöne Namenbuch in den einen Hosensack, ein Nastuch in den andern getan, ihn darauf an der Hand genommen, und Hansli hatte gesagt: «Geht in Gottsnamen!»

Jakobeli war ganz still an der Mutter Hand in die Schule gepfoselt, hatte folgsam dem Schulmeister die Hand gegeben, und als die Mutter ihm sagte: «Säg ‹Gott grüß Ech Schulmeister› und ‹Gott grüß ech mitenangere›!» hatte er gesagt: «Gott grüß Ech, Schulmeister, Gott grüß ech mitenangere!» Daraufgab der Schulmeister dem Jakobeli einen schönen Batzen, damit er ihn liebgewinne, und die Mutter sagte: «Halte dich schön stille und folg dem Schulmeister, er ist gar ein Lieber. Behüt dich Gott und komme gleich heim, wenn die Schule aus ist!» Darauf übersah sie die Kinder, dachte: «Gottlob, so ein schönes und ein witziges wie unser Jakobeli ist keines da», drehte sich um, sagte dem Schulmeister: «Kömit und losit neuis!» Draußen steckte sie ihm noch Nüsse und Äpfel zu, damit, wenn Jakobeli Langeweile kriege, der Schulmeister ihn bsänftigen könne, ihm die Schule nicht verleide. Und richtig, als der Schulmeister wieder hineinkam, weinte Jakobeli dem Müetti nach; mit Äpfel und Nüssen jedoch ließ er sich besänftigen und verbrachte die Zeit mit Betrachtungen und Schließen von Bekanntschaften.

Daheim harrten Hansli und seine Anne Bäbi in großen Erwartungen ihres Söhnleins; es nahm sie sehr wunder, wieviel er gelernt hatte im halben Tag, und was der Schulmeister über seine Talente sagen werde. Als man ihn von ferneher kommen sah, ging Anne Bäbi ihm entgegen, trug ihn heim, setzte ihn auf den Ofen, zog das Buch ihm aus der Tasche, und sagen sollte er, wie weit er gekommen, wenigstens zwei, drei Seiten weit, meinten sie. Allein er war am gleichen Orte geblieben, hatte gar nicht aufsagen müssen; da schüttelten beide den Kopfüber die Verschlimmerung der Welt. Zu ihren Zeiten hätten die Schulmeister sich anders gmühen mögen, sagten beide; allein heutzutage seien alle gleich, und niemand mache mehr als er müsse. Der Schulmeister hatte gemeint, das Kind zu schonen, gemeint, wenn es aufsagen müßte, so könnte ihm die Schule erleiden, und dem Kinde hatte er es getroffen, aber leider gegen die Eltern sich übel verfehlet; er erfuhr es, wie schwer es ist, allen es zu treffen. Anne Bäbi hatte ein schönes Hammli zweg, welches Jakobeli nach seinen ersten Heldentaten dem Schulmeister bringen sollte; allein es tat dasselbe wieder in den Spycher. Sie erwartete alle Tage den Schulmeister, um von ihm zu hören, warum Jakobeli nicht besser würde, und jeden Tag, an welchem der Schulmeister nicht kam, scharrte sie einen größern Haufen Spreuer über das Hammli und sagte dazu: «Nei wäger, dich bekommt unser Schulmeister nicht!» Und doch kriegte er es, als er nach dem siebenten Tag kam, dem Jakobli ein Buchzeichen brachte und ihn rühmte, wie er schön stillesitzen könne, und sie tröstete, daß sie mit dem Lernen nur nicht Kummer haben sollten, er müsse ihn erst auf dem Bank erwarmen lassen; dann aber wolle er mit ihm fahren wie gehexet.

So kam der Schulmeister für den Augenblick wieder in Sattel, nicht so aber der Vikari. Jakobli sagte eines Tages, der Vikari sei in der Schule gewesen, und er hätte ihm aufsagen müssen, und derselbe hätte ein ganz bsonderbar Gesicht gemacht und etwas gesagt, aber er habe es nicht verstanden. Hansli und Anne Bäbi waren überzeugt, daß er ob ihrem Jakobli in Erstaunen geraten und die nächsten Tage kommen werde, ihnen das Wunderbubli zu rühmen und es noch näher zu besehen. Aber der Vikari kam nicht, kam Tag um Tag nicht; ja, als einmal Hansli den Vikari antraf und ihm die Zeit wünschte, tat der nicht einmal, als ob er ihn kennte, als ob er wüßte, daß er Hansli Jowäger und Jakoblis Vater wäre. Von da an hatte es der Vikari verspielt in diesem Hause; sie sagten eben nicht viel über ihn; aber wenn man von ihm redete, so schüttelten sie die Köpfe und taten bedenkliche Seufzer. Hier und da entrann Anne Bäbi bloß das Wort, der alte Herr hätte am kleinen Finger mehr Verstand als der Junge an der ganzen Hand.

Jakobeli war ein gutes Bubeli, allein Anlagen zu einem Hexenmeister hatte er nicht; mit dem Lernen rückte es daher nicht besonders, wie sehr sie sich daheim auch gmühten und Fleiß hatten. Sie klagten oft, es sei gar nicht mehr wie allbets, und auf die heutige Lehr könnten sie sich nicht verstehen. Wenn zu ihrer Zeit einer sich nur halb gmüht hätte und angewendet wie ihr Jakobeli, er hätte längst alle Bücher hintenaus gelernt. Jakobeli war ein hübsches Bubli; er hatte schöne blaue Augen, schön weißes Haar und es Gringli, man konnte nicht genug daran luegen, wenn ihn die Mutter frisch gewaschen hatte, so schön rot und weiß ist es gewesen, gerade wie Milch und Blut. Nur schade ist es gewesen, daß er zuweilen etwas Böses daran hatte, bald böse Augen, bald eine böse Nase, bald böse Ohren, kurz, mit etwas Bösem kam er selten aus. Anne Bäbi sagte, Jakobli sein ein bsonderbar gesundes Kind, und die seien alle wohl flüssig, und es hätte immer gehört, das gebe die chächsten Leute, wo in der Jugend viel ausgebrochen gewesen seien; das Ungsunge hätte sich voruse gelassen, und was drinne bleibe, das sei dann lauter gesunde Rustig. Anne Bäbi brauchte die Milch nicht zu sparen, und die beste kriegte Jakobeli, und selten fand sie Anne Bäbi für das Bübchen noch gut genug, wie sie von der Kuh kam, sondern meist mußte in sein Kacheli noch Nidle geschüttet sein, und so halb Nidle, halb gute Milch ist ein Trank, mit welchem man einen Zaunstecken flüssig machen könnte. Und wenn Anne Bäbi ein Schnäfeli Fleisch im Kuchischäftli hatte, grünes oder gesalzenes, von einer Kuh oder von einer Sau, so hatte seine Seele keine Ruhe, bis Jakobli es im Leibe hatte. Ein Schnäfeli Fleisch täte einem Kinde bsonderbar wohl, sagte Anne Bäbi; es mache nichts so chäches Fleisch als Fleisch, bsonderbar wenn es es Wyltschi im Kämi gewesen sei.

So meinte Anne Bäbi, und wenn ein Engel vom Himmel gekommen wäre und gesagt hätte: «Hör, Anne Bäbi, der liebe Gott läßt dich grüßen und dir sagen, die Nidle für dein Bübli sei zu mastig, das Fleisch für dein Bübli zu scharf, daher kämen seine bösen Ohren und Augen, Milch ist lange gut genug, und wenn du auch noch Wasser darein tätest, so würde es nichts schaden, und ein Schnäfeli grünes Fleisch könnte er wohl brauchen, aber kein anderes», so hätte Anne Bäbi mit Nidle und Speck fortgefahren und bei sich selbst gedacht, auf das verstehe sich der liebe Gott nicht; was Nidle und Speck könnten, wüßte man ja im Himmel nicht, und was me nit verstang, dary söll me si in Gottes Namen nit mischle. Zudem sah Anne Bäbi nicht, daß wegen einer bösen Nase Jakobeli weniger hübsch sei; er dünkte ihns gleich schön, und wenn es mit ihm zKilche gehen konnte, vormittags oder nachmittags, so war dies seine größte Seligkeit; und wenn ihm die Leute sein Bübli rühmten, wie es afe ein hübsches und ein großes sei, sie hätten fry noch keins so gesehen, so konnte es dabei die schönste Predigt überhören. Ja, es dünkte Anne Bäbi manchmal, es täte es dem Vikari sauft, den Jakobli einmal anzuziehen in der Predigt; aber wenn man den Verstand nicht hätte, so sei es halt bös, zu kaufen fände man keinen.

Anne Bäbi wendete aber auch an, wenn es mit dem Jakobeli zKilche ging. Seine Schuhe waren schön gesalbet, schön glatt war das Haar gestrählt, das Halstuch scharf gebunden, und ein großer Lätsch stand bolzgrad use. Der Hemdekragen war schön hoch über den Kopf hinaus gezogen, und in einer mächtigen Tellerkappe stach der Kopf, die Ohren darunter wohl geborgen, und an der Kappe stach ein Meyen. Diese Tellerkappe hatte fast Hausstreit entzündet, und Hansli Jowäger hatte seinem Anne Bäbi das härteste Wort gesagt, welches während ihrer Ehe ihm zum Munde herauskam; er hatte ihm gesagt: «He nu so de, wenn ds zwänge witt, so zwängs!» Dieses Wort konnte ihm Anne Bäbi lange nicht vergessen, und es dünkte ihns, wenn er es ihm noch einmal sagte, so hätte es Mut, fortzulaufen. Die Sache war nämlich die:

Sie waren einmal zMärit gegangen alle drei, und Jakobli hatte eine schöne weiße Kappe an, tief über die Ohren gezogen, und das Zötteli bolzgrad auf. Aber auf dem Märit hatten alle Buben Tellerkappen, und es dünkte Anne Bäbi, wenn Jakobli auch eine hätte, so würde ihm kein anderer Bub nur an die Zechen recken, und wohin es sah, sah es einen Kappenmann, und es dünkte ihns, einer hätte eine schönere als der andere, und unwillkürlich blieb Anne Bäbi vor einem Kappenstande stehen und Hansli auch, aber daß sein Anne Bäbi an eine Kappe dachte, kam ihm nicht von ferne in Sinn. Da rief Jakobli aus: «Eh Mütti, lue doch, lue, e wettigi Kappe!» Es war eine grüne mit einem goldenen Troddel und einem roten Bord, und das Bord war noch gelb eingefasset. Da dünkte es Anne Bäbi, man schreiße es an allen Haaren; es mußte die Kappe in die Finger nehmen, und noch immer merkte Hansli nichts, von wegen er sah zu, wie ein Metzger Kälber auf einen Wagen lud, und bei jedem dachte er, ob das wohl überhauptsyche verkauft worden sei oder bei der Gewicht.

Da hörte er plötzlich Anne Bäbi fragen: «Was sollte so eine kosten?» Das duechte ihn von Anne Bäbi bsunderbar gwunderig und uverschant, so nach etwas zu fragen, das ihns nichts anginge, und es duechte ihn, er müßte sich schämen, und es wäre nützer, sie gingen. Als er, um dies ins Werk zu setzen, sich von den Kälbern losriß und zu Weib und Kindern drehte, sah er, wie Anne Bäbi die Kappe auf Jakoblis Kopf drückte; das, duechte ihn nun, hätte afe kei Gattig. Daher sagte er, es dueche ihn, sie wollten gehen. Aber Anne Bäbi hörte nicht auf ihn, sondern sagte, sie sei wohl groß und falle dem Bub über die Augen herab, aber dr Gring wachse alle Tag, und wenn man sie hingerache stoße, so bessere es vorfer, und wenn er es billig mache, so könnte es einen Handel geben. «Oder was meinst, Hansli?» sagte Anne Bäbi, da es sah, wie Hansli ein Gesicht machte gegen ihns. «He, man kann öppe luegen, es ist von heute über neun Wochen wieder Märit.» «He, man wäre jetzt gleich hier», sagte Anne Bäbi, «und der Jakobli hanget grusam daran.» «Komm du afe!» sagte Hansli, «man kann dann noch immer sehen; es duecht mi, so eine Tellerkappe trage nicht viel ab.» «He, es gibt alleweil was Neues», sagte Anne Bäbi, «und ds Bubi daurete mich, wenn es nicht auch haben sollte, was die andern. Willst du sie zahlen, oder soll ich es machen?» Da sprach Hansli das verhängnisvolle Wort: «He, nu so de, wenn dus zwänge witt, so zwängs!» und das sagte er noch dazu vor andern Leuten.

Es hat Anne Bäbi duecht, man gebe ihm nicht nur einen Klapf, sondern eine ganze Hutte voll Kläpfe. Es hat sich natürlich nicht dafür gehalten, daß es die Kappe nicht gekauft hätte; aber selben Tages duechte ihns kein Wein gut und kein Fleisch; es hat immer daran denken müssen: «Wenn du es zwängen willst, so zwängs!», und es hets duecht, wenn Hansli so werden wolle, so möchte es lieber nicht lange mehr dabeisein.

Ähnliche Streitigkeiten wegen der Kleidung des Söhnchens wiederholten sich noch hier und da. Doch nicht mehr so arg, daß es Anne Bäbi duechte, es möchte nicht mehr dabeisein. Am meisten Stoff zur Rede gaben die Hosen. Hansli meinte, sein Bübchen müsse entweder Spitzhosen tragen oder doch Hosen mit Schlitzen bis an die Knie und Knöpfe dran zum Zumachen. Die seien bsonderbar kommod, sagte er, wenn einem eine Floh plage oder das Strumpfband losgehe, wie man es doch machen wollte, wenn man nicht Schlitze in den Hosen hätte. He, es duechs, sagte Anne Bäbi, das sollte öppe sonst auch zu machen sein. «He», sagte Hansli, «e Kittel und Hose sind zwei.» Da legte sich der Schneider drein und half Anne Bäbi und sagte, von wegen den Flöhen und den Strumpfbändern solle er nicht im Kummer sein; es hätten freilich alle Leute beider Gattig; aber man mache die Hosen nicht so eng, daß man sie nicht über das Bein hinaufstoßen könne, so daß man die Flöhe wehren könne, wie man nur wolle. Er sehe wohl, ds Weibervolk und dSchneider seien immer unter einer Decke und zögen am gleichen Seil, sagte Hansli. Es duech ne, son e Schneider müsse einen arige Kopf haben, daß er immer so neuen Moden nachfahren möge; einmal er möchte das nicht.

Jakobli war bei diesen Streitigkeiten natürlich auf der Mutter Seite, doch hatte er auch den Vater recht lieb; er war überhaupt gar kein böses Bübchen, wie er eins hätte werden können bei all der Meisterlosigkeit, welche man ihm nachließ. Er aß freilich kein Kraut, und von der Mehlsuppe sagte er, er möge neue nit; daran war er aber nicht schuld, er hörte von Jugend auf immer: «Jakobli, wenn d nicht magst, so laß es nur sein; es ist nicht gesagt, daß du von dem essen mußt; brauch du, was dich gut dünkt!» In diesem Stück waren Hansli Jowäger und seine Frau vollkommen einig; sie sagten beide, einmal sie würden kein Kind zwingen, dieses oder jenes zu essen; wenn er sterben sollte, so müßten sie sich ja ein Gewissen machen und denken, er sei an der Sache gestorben; denn wenn Gott hätte wollen, daß es dieses oder jenes brauche, so hätte er auch gemacht, daß es ihns gut dünke, und es stehe nirgends in der Bibel, daß ein Mensch von allem brauchen solle; und wenn ein Kind zum Verstand komme, so werde es dann schon von dem brauchen, von dem es glaube, es mache ihm wohl.

Nur in Beziehung auf die Arbeit waren sie nicht immer von vornenherein gleicher Meinung. Es duechte Hansli, Jakobli sollte nach und nach zur Arbeit genommen werden; wo er so alt gewesen sei wie er, so hätte er schon vieles machen müssen; er lerne es nie jünger, hätte allbets sein Vater gesagt, sagte Hansli. Wenn aber Anne Bäbi sagte, er solle doch nicht ein Hung sein an seinem eigenen Kinde, ein sövli witziges Kind, wie Jakobli sei, werde selbst am besten wissen, wenn es Zeit sei, daß es mit dem Arbeiten anfange, und es sehe ja, Jakobli sei nie müßig, und wenn er nicht lerne, so grüble er im Herd oder schnefle er an einem Stecken, und alles, was er vornehme, stehe ihm bsonderbar wohl an, sie hätte noch kein Kind so gesehen, so stimmte Hansli völlig bei und plagte Jakobli mit der Arbeit nicht mehr.

So wuchs Jakobli auf. Er war vierzehn Jahre alt geworden und konnte den Flegel noch nicht stellen, hatte noch nie eine Bähreten Gras gemäht; zudem konnte er nicht zybern, und vor dem Stöcklen hatte er einen eigentlichen Grausen, denn die Mutter hatte ihm gesagt, hinter dem Stock stehe der Teufel und gränne einen an. Da begannen die anderen Buben ihn auszulachen, hielten ihm vor, er müsse daheim Kuder spinnen und dem Muetti strählen und Fürfüße plätzen, und Jakobli mußte darüber gar bitterlich weinen, denn er hatte ihnen nichts zuleid getan, und Anne Bäbi sagte: «Schweig nur, schweig! Das sind böse Buben; du mußt dich ihrer nicht achten!» Aber Jakobli achtete sich ihrer doch, lernte dreschen und mähen, und Hansli sagte, er hätte doch gedacht, es sei am besten, man lasse die Kinder machen; wenn dann der Verstand komme, so ginge es von selbst.


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