Autorenseite

 << zurück weiter >> 
Titelblatt

XI. Heft.
Strassenbilder

Mit einem Titelkupfer.

Leipzig, 1837.

Verlag von K. A. Rostosky.

Berliner Straßenbilder

Berliner Straßenbilder

 

Warnung!

Eine große Anzahl deutscher Zeitschriften hat es sich zur Pflicht gemacht, ihren Lesern Mittheilungen aus diesen Heften zu liefern. An die Redacteure und Verleger wenden wir uns mit der Bitte: rechtlich zu handeln, und, wenn es durchaus sein muß, nur Einzelnes und mit genauer Angabe der Quelle abdrucken zu lassen. Die Namen derjenigen Redacteure und Verleger aber, welche sich nicht schämten, den vollständigen Inhalt dieser Hefte nachzudrucken, sogar mit Abbildung des Kupfers und ohne Angabe des Originals, werden wir öffentlich bekannt machen, sobald sie dergleichen Betrügereien wiederholen sollten.

Ad. Brennglas.
K. A. Rostosky.

 

Straßenbilder

Berlin ist weniger belebt als andere große Residenzstädte; seine Lage fordert nicht viel zu Spaziergängen auf, das Wetter ist selten recht freundlich, die große Masse der Beamten sitzt im Bureau oder zu Hause am Schreibtische, eben so die pedantischen Gelehrten und die strebenden Jünger der Wissenschaft. Der reichen Cavaliere, welche auf der Straße zu Hause sind, haben wir wenige, und der größte Theil der Kaufleute und Handwerker muß bis spät in den Abend hinein arbeiten, seine kümmerliche Existenz zu fristen. Dazu kommt noch die angeborene Häuslichkeit der Berliner, das Verbot des Rauchens auf der Straße und überhaupt die große polizeiliche Sorgfalt, welche jede Regung eines Sinnes für öffentliches Leben bewacht. Die Kaffeehäuser sind fast sämmtlich in der Belletage, und auch die vielbesuchten Conditorläden ohne alle Correspondenz mit der Straße; eine eigentliche Promenade bieten nur die Linden, welche von der Akademie bis zum Brandenburger Thore drei Alleen bilden: die breite Hauptallee für die Lustwandelnden und zu beiden Seiten dichtbelaubte Passagen für die Reiter. Diesen zur Seite laufen die gewöhnlichen Straßen mit ihren Equipagen und Fußgängern, im buntesten Gewimmel, wenn einmal ein Sonntag seinen Namen rechfertigt, und warme, freundliche Strahlen über den grünen Thiergarten, über das Monument auf dem Kreuzberge, über die triumphirende Victoria wirft, über die geräumigen Kasernen, über das Opernhaus und die hohen Kirchen, über das gewaltige, kräftig-schöne Zeughaus und die Ordens-Commission, Über die Akademie und das Censurbureau, über das imposante Museum und über das Corps de Ballet, über das alte ehrwürdige Schloß und über Eulner's brillanter Niederlage aller Sorten doppelter und einfacher Branntweine. Aber auch an solchen schönen Tagen bemerkt man hier keine öffentliche Lust. Alles huscht ohne Aufmerksamkeit, ohne Coquetterie aneinander vorüber, nur wenige finden ihren Genuß im Sehen und Sichsehen lassen, die meisten wollen erst später genießen, und eilen hinaus nach dem Alpha und Omega unserer Erholungsörter, nach dem grünen, erquicklichen Thiergarten.

Am meisten der öffentlichen Lust hinderlich ist das fremde Gegenüberstehen beider Geschlechter in Berlin, vom höhern Bürgerstande bis zur feinsten Gesellschaft hinauf. In den Restaurationen sowohl wie in Kaffeehäusern und Conditoreien ist eine Dame eine sehr seltene Erscheinung, und muß sich gefallen lassen von allen, bewaffneten und unbewaffneten Augen immerfort begafft zu werden: nur die unterste Volksklasse ist so gescheidt, in den Puppenspielen, Tanztabagieen etc. sich ohne Unterschied des Geschlechtes einzufinden, zu spielen, zu singen und zu jubeln auf jede mögliche Weise.

Am langweiligsten ist Berlin in den Monaten Juli und August, wann der Hof und die reichen Leute in Bädern, auf den Landhäusern oder auf Reisen sind, dann ist seine Physiognomie so indifferent und hypochondrisch, daß das sonst so schöne Brandenburger Thor wie sein Mund erscheint, den es im Gähnen fortwährend geöffnet hält. Zwar tritt Berlin's Ausdruck der Vornehmheit durch diese Stille noch deutlicher hervor, und man sieht sich fast gezwungen, im Thiergarten zu antichambriren, allein diese Vornehmheit ist dann nicht wohlthuend. Der gestrenge Herr bewegt keine Miene, schaut gleichgültig zum Fenster hinaus und erwiedert nur in ganz gewöhnlichen Redeformen, welche Seite seines Geistes oder seines Herzens man auch berühren mag. Keine glänzenden Equipagen, keine Hof-Festlichkeiten, keine Assembleen, keine Bälle und großen Concerte, keine Paraden, keine wissenschaftlichen und patriotischen Versammlungen, keine großen Opern und gar keine Ballets! Der Luxus und die Residenzlichkeit sind erloschen, die bleiche Prosa, die nüchterne Alltäglichkeit treten heraus: Berlin hat nach zehn Monaten üppigen Lebens und geistigen Treibens einen physischen unb moralischen Schnupfen.

Uebrigens zerfällt Berlin's Physiognomie in zwei Seiten, in eine vornehme und sorgliche; nur die Friedrichsstadt ist vollkommen aristokratisch, die anderen Stadttheile sind weniger durch breite Straßen und prachtvolle Häuser geschmückt, sondern sind lebendiger durch Handel und Wandel und tragen im Ganzen mehr den Ausdruck des Bürgerlichen. Aber characteristische Eigenthümlichkeiten stoßen dem Fremden in jeder Straße auf, überall sieht man die hervorstechende geistige Richtung der Bewohner, und wer nicht an allen Ecken und Enden nur die Schildwachen, Gensd'armen, Theaterzettel und polizeilichen Bekanntmachungen bemerkt, sondern tiefer in das Leben und Treiben der Spreebewohner blickt, der wird trotz Staub und Sand einen Saamen für weltgeschichtlich-große und schöne Thaten erkennen.

Nun aber zeige ich Euch die Stereotyp-Bilder der Straße und lasse ihr Volksleben deutlicher hervortreten. Ich bin Gott, wecke die Sonne in ihrem Rosenbette, und gebiete ihr, den ersten morgendlichen Strahl über das träumende Berlin zu werfen, nach und nach heraufzuziehen an seinem Horizonte, majestätisch zu glänzen und dann wieder langsam hinabzusinken in das purpurne Bette des Westens.

Es ist vier Uhr Morgens: der alte pelzeingehüllte Nachtwächter pfeift die Nacht aus und überläßt den Tag sich selbst und seinen Launen; die Waschfrauen kommen mit ihrm Laternen; die Gasbeamten mit ihren Leitern löschen das künstliche Licht und wundern sich, daß die Sonne gratis brennt. Die Bäckerburschen öffnen das Gewölbe ihres Herrn und bringen den in der Nähe wohnenden Victualienhändlern ihr tägliches Brod, ihre täglichen Semmeln, Milchbrodte, Zwiebäcke, Schrippen und Salzkuchen. Die Bauersfrauen der nächsten Dörfer kommen mit ihren Milchkarren, von Hunden oder Pferden gezogen, und bringen das, zu dem die Kuh in der Welt ist. Leise geht hier und dort eine Hausthür auf, Handlanger und Gesellen gehen an die Arbeit. Die Häuser erwachen nach und nach, schütteln die Träume aus den Dächern und recken die Glieder; die Riegel der Fenster und Läden klirren auseinander. Alles geht an die Pflicht des Tages, ohne die letzte Schaale Kaffee mit dem Gedanken zu verschlucken, daß man nun ein Stück Weltgeschichte machen helfen muß. Die Stiefelputzer eilen mit Wichse und Bürste von Herrn zu Herrn. Der Barbier drüben aus dem Hause schmeißt den weißen Schaum der Seife aus der blechernen Capsel auf die Straße und sich selbst in einen burschikosen Gang, damit ihn Unkundige für einen Studio halten; flinker säuselt noch der langbeinige Friseur, welcher die kohlschwarzen Haare der schönen Sängerin an der Ecke in zierliche Flechten zu bringen hat. Drüben an dem Bau ist Alles geschäftig; man trägt und karrt und kalkt an einer neuen Hütte, in welcher Menschen geboren werden und sterben sollen, um inzwischen Miethabgaben zu geben. Ein kohlschwarzer Leichenwagen rumpelt langsam vorüber, und knarrt mit seinen breiten Rädern das traurige memento mori; sieben Kutschen mit Menschen und Kummer folgen ihm; sie begleiten ein Stückchen Staub aus der Stadt, das sich nicht mehr putzt und keine Pläne mehr macht. »Verdammter Esel!« schreit ein erzürnter Tischlerbursche, der eine Wiege und ein Hochzeitsbett karrt, und von einem drallen Schusterbuben unsanft gestoßen wurde. Der Rentier steckt die lange Pfeife aus dem Fenster, verpafft ein Paar Blätter der amerikanischen Tabackspflanze, ohne dem Christoforo Colombo dafür zu danken, und sieht zu, wie die Menschen leben; eine Schwalbe fliegt schnell über seine Nase. Einige trübe Wolken drängen sich zusammen und scheinen die Sonne verdunkeln zu wollen, von Zeit zu Zeit bläst ein kalter Abend über die sandigen Fluren der Mark Brandenburg: ganz in der Ferne läßt sich ein Gensd'arme sehen. Nun wird es lebendiger und immer lebendiger. Die Eckensteher taumeln schon vor den Schnapsläden; die Brauerknechte jagen mit langen Tonnenbeladenen Wagen durch die Stadt und bringen den Tabagiewirthen und Victualienhändlern das vortreffliche Weißbier; auch die Destillateure, die Priester Bachus II., laden ihre Fässer auf und sorgen für Witz und Rohheit; Militair zieht mit lärmender Musik durch die Sttaßen, zu Fuß und zu Pferde. Die hübschen Tänzerinnen fahren zur Probe, damit sie sich nicht erkälten und Abends ihre Füße nicht heiser werden. Die Zettelankleber, mit kleiner Leiter und Kleisterfaß, benachrichtigen die Berliner durch große Affichen »wat heute los is,« »wat jejeben wird« und »wo se heute den Dollen ausdreiben.«

Musikanten, blinde und lahme, gehen in die Höfe und erspielen oder ersingen sich ein paar Pfenninge, die ihnen bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zufliegen; jener Schneiderbursche, welcher so eben von seiner Meisterin eine Maulschelle empfing und zur Thür hinausgeworfen wurde, hört zu einer alten Harfe von kreischender Stimme das Lied:

Was soll ich in der Fremde thun?
Es ist ja hier so schön!
Sie reichte mir die zarte Hand
Und sprach: nun kannst du gehn!

Die Höker und Hökerinnen rufen ihre Waaren aus, die Männer im tiefsten Basse, die Weiber mit heiser kreischender Stimme; je nachdem die Jahreszeiten wechseln, hört man: »Beeren, Beeren, Beeren!« »Kürsch, Kürsch!« »Eepel, Eepel, Eepel!« Aepfel. Kost Pflaum!« »Radi, Radi, Radi!« Radieschen. »Rüberett, Rüberett!« Rettige. Bücklingeeh!« »Stiint, koof Stiint!« Stinte, kleine Fische. Spandauer Zimmtprätzel, Spandur!« »Flootmeliek!« Schafmilch. »Neun-Ogen!« »Fiisch, Fiisch!« »Karebsa Krebs!« Die fortlaufenden Handelsartikel und Ausrufungen dagegen sind: »Koof Beß, Beß!« Besen. »Sand, weißen Sand!« »Klamir, Klamm!« Klammern. »Koof Stitz, Stitz!« Stützen, zum Aufhängen der Wäsche. Kien, Kien!« »Der Lumpensammler, genannt Plundermatz, karrt seinen Kasten langsam von Haus zu Haus, pfeift und ruft: »Plundern, bring Plun!« Die mit alten zerrissenen Hemden, Tuchflicken und anderen Embryo's der Literatur und der Intelligenz herantretenden Weiber und Kinder erhalten von diesem wichtigen Staatsmanne Stecknadeln, Zwirn, Fingerhüte u.s.w. Der Gypsfigurenhändler trägt auf seinem Kopf ein langes Brett, auf welchem dir Büsten fürstlicher Häupter, Schiller, Göthe, die medicäische Venus, ein großer Hund, mehrere die Köpfe bewegenden Katzen, und andere Figuren stehen, und schreit: Figurika, schöne Figurik kaaf!« Auch der Bürstenbinder trägt seine Waaren durch die Stadt und ruft: »Bürst, Bürst!« Der Nadler »Mausefallen, Brille, Nähnadel, wer kauft,« und der Kesselflicker setzt sich mit seinen rußigen Weibern und Kindern vor einem Hause nieder, schnarrt seinen Spruch: »Ha'n Se nischt zu löthen, Theekessel auszukloopen, Löffel zu gießen, Töpfe zu flechten, Lampen zu löthen?« schnell herunter und klopft und flechtet und löthet dann auf offner Straße mit Hülfe eines Kohlentopfes.

Der Mittag ist herangekommen, die vornehmere Welt promenirt ein wenig, die Garçons und Studenten gehen in die Restaurationen, Gasthäuser und Weinstuben, ihren Hunger und Durst zu stillen; die Kinder spielen, die eigentlichen immerwährenden Straßenjungen haben sich bei den Küstern der Kirchen erkundigt, wo Hochzeiten, Kindtaufen oder Leichenbegängnisse stattfinden, und verdienen sich ein paar Groschen mit dem Oeffnen der Kutschen, springen hinten hinauf und versehen die Geschäfte der Bedienten. Zwei blau equipirte Beamte, von der Regierung Armenwächter, vom Volke Bettelvoigte genannt, schleichen umher, und suchen Das zu verhindern, was die nothwendige Folge der menschlichen Raub- und Herrschsucht ist: ein armer Handwerksbursche der sich ein paar Groschen zur Weiterreise erbetteln wollte, wird gepackt und nach der Stadtvoigtei gebracht, eine fürstliche Equipage fährt mit raschen strotzenden Pferden und goldgezierten Bedienden vorüber. Die Torfweiber tragen aus jenem Schiffe das schwarze Brennmaterial auf die Straße, reißen Zoten, schimpfen und prügeln sich, der Briefträger springt mit tausend Hoffnungen, Plänen und Wünschen Treppe auf, Treppe ab, auf der Brücke aber steht ein Unglücklicher und sieht hinunter in die dunkle Spree, welche vielleicht schon morgen über seinem Leichnam hinwegfluthet. Die Colporteure der Journale werfen ihre letzten Blätter in die Läden, ein magerer Censor schleicht gekrümmt und mit Orden geschmückt an den Häusern vorbei, ein Verbrecher gegen die Menschheit, wahrscheinlich ein Dieb, wird von einem Gensd'armen gefaßt, und ein erzürnter Meister giebt seinem Lehrburschen eine gewichtige Maulschelle und ruft: »Dir wird der Deibel schon holen!«

Es ist Abend geworden; die Theater sind gefüllt oder leer; in den Restaurationen klappern die Billardkugeln, in den Schnapsläden und Weinhäusern klingeln die Gläser, die Wagen rasseln und rollen, die ästhetischen Thee's und die schlichten, fröhlichen Familienfeste rauben den Straßen nach und nach ihr Leben. Die helle Academieuhr unter den Linden zeigt auf Neun; die bedeutungsvollste Stunde für jene alleinwandelnden Damen, die feurige Blicke aus ihren verglimmenden Augen schießen, und auch wohl die Männer ansprechen, wenn keine Polizei in der Nähe. Um zehn Uhr wird es schon still und leer; der Nachtwächter piept und ruft: »Zehn ist die Glock!« schließt die Häuser und legt sich auf die nahe Treppe, um von seinen Pflichten zu träumen. Der blasse Mond schleicht sich durch die trüben Wolken, welche sich über Berlin zusammenziehen, und kaum ist sein spärliches Licht ganz unterdrückt, so stürzt ein prasselnder Regen herunter, der zackige Blitz theilt die schwarzen Himmelswogen, und grollend und murrend rollt der Donner über die schlafende Residenz.

 

Einzelne Bilder.


Die Currende.

Mehrere Knaben mit schwarzen, dreieckigen Hüten und Mänteln gehen von Haus zu Haus, gruppiren sich um ihren Führer und singen. Inzwischen springt Einer von ihnen zu den Leuten, welche sich nolens volens ansingen lassen müssen, und bittet um eine kleine Gabe. Die Tenore sind ganz kleine Jungen, und die Baritonisten etwas größere; den Baß besorgt der alte versoffene und krummbeinige Führer allein, und läßt sich nur dann in seinem zarten Gebrüll unterbrechen, wenn der Sängerchor unartig wird oder ein Glied desselben den Verdienst, welcher oft in Materialien besteht, gemüthlich verzehrt.

Führer (den Ton angebend). Ueb' –

Chor und Führer.

»Ueb' immer Treu und Redlichkeit,
»Bis an dein kühles Grab,
»Und weiche keinen –

Führer. (wackelt auf einen Jungen los, reißt ihm einen Salzkuchen aus der Hand und giebt ihm einen Katzenkopf.) Verdammter Bengel, ick schmeiße Dir jleich – (singt wieder im tiefsten Basse:)

Finger breit
»Von Gottes Wegen ab,
«Von Gottes Wegen ab.«

Lof darin, Bengel, bei den Schlächter, un seh' zu, wat de krigst.

»Dann wirst du wie auf grüner Au,
»Durch's Erdenleben gehn;
»Dann –

Ein Tenor. Na, det laßt de sind, dummer Schafskopp!

Ein Bariton. Wenn de stoßt, stech ick dir ne Bremse. (er holt mit der Hand aus.)

Führer. (auf sie losfahrend.) Na wat is hier wieder los! Ruhig, verfluchte Bengels –

»kannst du ohne Furcht und Graun
«Dem Tod in's Auge sehn,
Dem Tod –

(zu dem Sammler.) Infamige Kröte wirst du die Leberwurst nich anknabbern! Jleich giebste her, Jierschlunt!

»Dem Bösewicht wird Alles schwer,
»Er thue, was –

Wat stechst Du da in, Reeseler? Mach mal de Hände uf!

Ein Tenorist. Det sind sechs Dreier, die mir da drinn ein Mann für mir alleene jeschenkt hat.

Führer. Wat, vor dir alleene? Willste gleich rausrücken, du Hallunke, Du? Wovor jloobsten, det ick mir hier mit Euch de Ohren voll singe. (steckt das Geld ein.) Schafskopp!

» was er thu';
»Das Laster treibt ihn hin und her,
»Und läßt ihm keine Ruh,
»Und läßt ihm keine Ruh.«

Sie nehmen sämmtlich die Hüte ab, und stellen sich vor dem nächsten Hause auf. Unterweges spricht der Führer mit zornglühendem Gesicht zum Chor: Jmfamigte Jungens nu sag ick' euch zum letzten Ma!, (er nimmt die Schnapsflasche aus der Tasche und trinkt.) wenn Ihr nu nich Allens an Euren Herrn abliefert und Euch orndlich bedragt, so schlag' ick' Euch Eure dummen Köppe in, dumme Jungens! (einstimmend:) Laßt –

»Laßt uns, Ihr Brüder, Weisheit erhöhn,
»Singet Ihr Lieder, feurig und schön.«


Der Betrunkene.

Sobald sich ein Betrunkener auf der Straße sehen läßt, verfolgt ihn eine Menge jubelnder Kinder, verhöhnt und verspottet ihn. Der Kattundrucker Pietsch turkelt so eben aus der Moewes'schen Niederlage aller Sorten doppelter und einfacher Branntweine; kaum ist er bis zur nächsten Ecke hin- und hergeschwankt, so umgiebt ihn die liebe Jugend.

Pietsch. (mit dem rechten Arm gesticulirend.) Welt, wat willst du von mir, willst du von mir, wat? Ick' befinde mir sehr – sehr wohl, befind ick' mir! Dumme Jungens jeht fort, laßt de Musje's ran' Immer ran, meine Herren un Damen, ick' heeße Pietsch, Pietsch heeß' ick', Kartundrucker bin ick', in de Reezenjasse wohn' ick', un in de Welt, da – ick'! Det dhu ick'!

Ein Junge. Mänicken, Sie haben vor'n Sechser zu ville jedrunken!

Pietsch. Jeheimeraths-Jöre, halt deinen Rachen, sonst stech' ick' dir eine Verwend'te, det deinen Vater der Titel abfällt! Wat hab' ick'? Vor'n Sechser zu ville hab' ick' getrunken? Dummer Junge: vor'n Jroschen hab' ick' zu ville jedrunken! Welt, ick' verachte Dir! (er turkelt weiter und bleibt vor einem Hause stehen.) Wat steht da anjeschrieben? Buchdruckerei steht da? Warum Buchdruckerei? Wie so Buchdruckerei? (wüthend.) Wer druckt hier Bucher, frag' ick'? Wat sind det für Bücher! ABC-Bücher, Donnerwetter! Jesangbücher! Wenn sich Eener untersteht, ein vernünst'jes Buch zu drucken, den verbiet' ick'! Den schlag ick' um de Ohrringe, det ihm de Zehen durch de Stiebeln springen! Hat sich hier wat Bücher zu drucken! Hier!

Ein Junge. Hör'n Se mal, Meester Pietsch, Ihr Hut is an de Erde jefallen. Da haben se ihn wieder!

Pietsch. Gieb her Junge, den Hut, dummer Junge! (er setzt seinen Hut auf.) Wat brauch ick' hier in'n bloßen Kopp zu jehen! Wo so? Vor Jott genir ick' mir nich, un de Welt veracht ick'! Wenn ein Gensd'armerie kommt un sieht det ick' einen Kopp habe, denn is der Deibel los! (er turkelt weiter.) Weg da Jungens, macht Platz, Pietsch kommt! Der Kartundrucker Pietsch seht jetzt direktement in's Schauspielhaus, da, wo die Heuschrecke oben druf steht! Da jeht er rin, da wird er ein Stelzen Ballet entriren! Vor jeden Sprung drei Thaler! Wenn er sehr hoch is, vier Thaler! Un alle Weihnachten ein Rejardemir von Brillanten vor de Stirne! Pietsch wird ein Ballet entriren, sag' ick' euch, det sich der alte Fritze im Jrabe freuen soll! Macht Platz, dumme Jungens! Jeht mal da hin zu den Buchdrucker, der soll ooch – der soll ooch mit bei de Stelzen sind, (er steht still.) Wat steht da oben an det jroße Haus? Da oben in det Wappen, wat steht da? Des is Französch, Nation, Ludwig Phillipp, bonjour, Nationaljarde! (er buchstabiert.) D-i-e-u: Djeu! e-t: ett, m-o-n: monn, R-o-i; Roih! Det is hübsch, des freut mir! Ein bisken Französch kleedt'n jungen Menschen jut! Sehr jut kleedt es ihm!

Die Jungen lachen; Pietsch turkelt weiter.

Pietsch. Was is hier los? Conditorladen is hier los! Wir brauchen hier keenen Conditorladen, Schwerenoth! Spritzkuchen sollen wir koofen? Ja Kuchen, aberscht nich London! Spritzkuchen, wie so? Wird nischt gespritzkuchent, Spritz löscht mir'n Durscht nich: Kuchen brauchen wir nich, davor is Gewerbefreiheit! Komm mal raus Conditor! Vor wat hälst du mir? Pietsch bin ick'! Heute Pietsch, morjen Pietsch, übermorgen, alle Dage Pietsch, un wenn det Jahr um is: noch Pietsch! Pietsch bleibt Pietsch, und weeß, wat er is: Kartundrucker is er, Reezenjasse wohnt er, zwanzig Silberjroschen bezahlt er Miethe, wenn er sie hat. Kuchen brauch' ick nich! Conditer, ick verachte dir! (er turtelt bis zur Hinterthür des Schauspielhauses.) Nanu, hier wird et losjehen, hier werd – hier werd Pietsch Theater Spielen, wird er hier! Die Ouvertüre kann immer anfangen! (er pocht gegen die Thür.) Schauspielers macht uf, hier kommt eine Jastrolle! Pietsch wird hier Witze machen, wird sich verkleeden, un wird Einen dodtstechen! Trauerspiel muß sind!

Ein Schauspieler. Lieber Mann, gehen Sie hier fort! Da kommt ein Gensd'arme, der nimmt Sie mit!

Pietsch. (wüthend) Wen nimmt er mit? Wie kann er mir mitnehmen! Ick' bin Trauerspiel! Ballet bin ick, mir darf kein Gensd'arme anfassen! Ick' danze eine Kadrillge janz alleene, davor bin ick' Pietsch! (er geht wieder an die Thür.) Ick' will hier eine Oper haben; Musike will ich haben! (wüthend mit der Faust gegen die Thür schlagend.) Wovor is der Sponsini hier, wenn ick' keine Oper zu hören krieje?

Gensd'arme. (führt ihn fort.)

Pietsch. (reißt sich los.) Wat wollen sie von mir! Ick' muß hier ein Trauerspiel machen! Sind Sie auch ein Trauerspiel? Sie sind ein Gensd'arme, des seh' ich an den blauen Kragen: aber worum sind Sie ein Gensd'arme, frag ich? Worum sind Sie kein Kartundrucker jeworden! (wüthend.) Fassen Sie mir nich an, Gensd'arm, ick' kann janz alleine jehen! Ick' bin Pietsch, – Pietsch bin ick'! Heute Pietsch, morgen Pietsch, übermorjen Pietsch, alle Dage Pietsch, un wenn 't Jahr um is, noch Pietsch!

Gensd'arme. (faßt ihn fest und führt ihn fort.) In die Wache mit Ihm!

Pietsch, (steht still.) Ihm? Wer is Ihr Er? Wie können sie mir Eren? Wie können Sie mir per Ihm anreden, wenn Sie eine Jefälligkeit von mir wollen! (er wird fortgezogen.) In de Wache? Jut, Pietsch jeht in de Wache, sein Recht muß ihm werden! Ick habe nischt weiter jewollt, als ein Stelzen Ballet entriren, darum kann mir Keiner ästimiren! Oper will ick', Sponsini soll mir was komponiren! Wenn ick' Einen dodtsteche, bin ick' ein Trauerspiel! Aber ick' will nich stechen, ich will blos ein Ballet? (steht still.) Herr Gensd'arme, Sie sollen mitdanzen! Wenn Sie mir loslassen, versprech' ick' Ihnen, det Sie eine Kadrillge mit mir danzen sollen! So wahr ick' Pietsch bin!

(Der Gensd'arme führt ihn in die Wache.)


Das gefallene Pferd.

Ein Pferd fällt auf die Straße, und will trotz aller Bemühungen des Kutschers nicht wieder aufstehen. Sogleich versammeln sich eine Menge Bürger, Gesellen, Eckensteher und Straßenjungen; mehrere von ihnen helfen dem fluchenden Kutscher, Andere ergehen sich in Scherzen.

Eckensteher Neumann, (hält die rechte Hand über die Augen und betrachtet das Pferd) Hören Se mal, lieber Fuhrmann, des Pferd ts hinjefallen!

Kutscher. (immer mit dem Pferde beschäftigt.) Schade, det et Dir nich uf den Kopp jefallen is, da hätten wir Grütze.

Maurergeselle Pesenecker. Kutscherken, dhun Se mir den Gefallen, un lassen Se dieses Pferd liejen; dieses ist über die ersten Jujendthorheiten hinaus, un will sich ruhen. Ruhe ist die erste Pferdepflicht, wir Menschen müssen wat dhun. Dieser Andalusier wird crepiren.

Ein Straßenjunge. Jott, wat hat det Pferd vor schöne Knochens! Sagen Se mal, Fuhrmann warum haben Sie denn diesen arabischen Schimme heute keen Fleesch anjezogen?

Posamentier Reetzel Sie schmeicheln sich einer Irrung, lieber Junge der Straße. Dieses ist keun arabischer Schimmel, sondern ächtes kyritzer Vollblut, Mutter: Hecktor, Vater: Birchpfeiffer.

Zweiter Straßenjunge. Pfui Deibel, des Thier schlägt aus! Nanu wird et bald Frühling werden. Ach Jott, ne, ick' habe mir versehen: et deklamirt man blos. Er denkt jetzt: leb' wohl, du theures Land, das mir jeboren!

Eckensteher Neumann. (hält die rechte Hand über die Augen, und betrachtet das Pferd.) Hören Se mal, lieber Fuhrmann, des Pferd is hinjefallen! Man sollte es wieder versuchen in de Höhe zu bringen!

Alle. Nanu, nanu, jetzt steht et uf! Ne! da fallt et wieder hin! Nanu! Ne, da liegt et wieder!

Kutscher. Kotz Schock' Schwerenoth! Na Du komm' mir zu Hause! –

Ein Betrunkener. Hörn Se mal, det Beste rs – det beste is! – man bringt det Pferd wieder zum Stehen.

Mehrere Straßenjungen. Na hören Se, Sie können sich verziehen, besoffner Jüngling! Wissen Se wat, jehen Se da nach den Rennsteen, un lejen Se sich in's Bette!

Eckensteher Neumann. Ja, des dhun Sie, Jeistesverwandter! Wenn det Pferd ufjestanden is, werden wir ihnen wecken.

Handlanger Schneeke. (schreit.) Herjees! Platz da! des Pferd jeht durch! (geht ruhig weiter.)

Posamentier Reezel. Hör'n Se mal, Kutscher, dieses Vollblut scheint doch am Ende aus Rußland zu seind, es hat noch keine Façon. Wissen Sie was, verabfoljen Sie ihm die Knute.

Ein Straßenjunge. Ne, ne, det hilft nischt! Kutscherken, ick' wer Ihn'n ne span'sche Flieje holen, denn springen Se blos uf de Deichsel und halte se über det Pferd.

Colporteur Wipp. Ne, det hilft ooch nischt, die Spanier ziehen jetzt nich mehr. Wissen Se wat? Hier haben Se sechs Spenersche Zeitungen; lejen Se die den patriotischen Wallach unter, denn springt er uf. Ick sage Ihnen, Kutscher, dhun Se't! Sie kennen die Politik in de Spenersche nich! Det hält keen Pferd aus!

Alle. Nanu, jetzt, hü, brrr! Da! Da richtig, nanu steht et!

Colporteur Wipp. Sehen Se woll, Kutscher, wat ich ihnen sagte! Des Pferd hat Angst jekricht.

Eckensteher Neumann. (hält die Hand auf.) Na wie is et denn, Fuhrmännicken? Krieg ick' keen Bierjeld?

Kutscher. (ist auf den Wagen gestiegen, treibt die Pferde an, und fährt schnell fort; sich umdrehend). Dämliche Package, Alle zusammen! Witze können Se machen über Allens, aber dhun dhun se nischt!


Die Kinder.

Wilhelm. Sag mal, August, wat hast Du'n ufjekrigt in de Schule?

Aujust. Ach Jott, denke dir, man blos: zehn latei'nsche Vokabeln un zwee Exempel Rejeldetri, un zwee Seiten Geojraphie zu schreiben. Un denn muß ick' ooch noch Geschichte lernen aus Fischer's Atlas. Aber ick weeß woll wat ick' dhue, ick' lerne nischt. Mein jroßer Bruder sagt, denn könnt ick' mal Theaterdirekter werden un in Junst kommen.

Wilhelm. Weste war? wir wollen mal spielen: ick seh' doch wat, wat du nich siehst. Ja?

August. Na ja, ick' wer rathen, Fange du an!

Wilhelm. Ick' seh doch wat, wat du nich siehst!

August. Wat dean vor'ne Kuleure?

Wilhelm. Weiß!

August. Weiß? (er sieht sich überall um und räth.) Die Wolke da oben!

Wilhelm. Ne!

August. Die schräjen Striche zwischen die schwarzen, an det Schilderhaus da!

Wilhelm. Ne!

August. Die Strümpfe von die Frau da?

Wilhelm. Ne!

August. Na, wat is denn, ick' krieg' et nich raus!

Wilhelm. Deine Nase! – Etsch, angeführt!

Karl. (zu den Beiden.) Wollt Ihr mit Pferd spielen, der Theedor hat Strippe!

August. Ne, mit dir spiel ick' nich mehr Pferd, du willst immer in de Kutsche sitzen, wenn wir rumrennen!

Theodor. Na, denn woll'n wer Soldaten spielen, ick' bin General!

Alle. (durcheinander.) Ne ick' bin General! Ne ick'

Ein Herr. (im Vorübergehen.) So recht, lieben Kinder! Jeder von Euch muß General sein wollen! Keiner muß Gemeiner bleiben, sondern weiter streben.

Die Knaben. (lachen den Herrn aus.) Ach, herjes, haben Se sich nich! Alleene Jemeener! Wer is denn schon sein Kind, alleene een Kind! (weiter laufend.) Hurrah, det is'n Witz! Det is'n Witz! Den haben wer jefoppt!


Die Bettelvoigte.

Sie stehen an einer Ecke still und betrachten einen alten Mann, der in jenes Haus gegangen, um zu betteln. Als er heraustritt, eilt Einer von ihnen pflichtgemäß auf den Uebertreter der Gesetze los und will ihn ergreifen,

Schuhmachergeselle. (hält den Bettelvoigt fest.) Ach, hören Se mal, lieber Herr Beamter, Ihnen such' ick' schon lange. Ihnen hab' ick' janz wat Wichtiges zu sagen. –

Bettelvoigt. Lassen Sie mir los, oder!

Schumachergeselle. Ne, hören Se mal, wirklich! Sie wissen doch, der Zinnjießer Rindvieh, Ihr Onkel, in de vierte Scheuenjasse Nummer Null, hintenraus, der sich vor vierzehn Dage mit einer Mistjabel verlobt hat, det der nich mehr schlucken kann, weil ihm der jroße Zehen wah dhut? Det wissen Se doch?

Der andere Bettelvoigt ist ebenfalls von irgend einem Menschen aufgehalten worden, und zwar so lange, bis der Bettler entflohen ist. Daß dergleichen sich gegen die Verordnungen der Obrigkeit auflehnende Subjecte Strafe verdienen und sie erhalten – wenn man ihrer habhaft wird – ist richtig, indessen sollte wohl eigentlich kein Gesetz gegen ein schönes menschliches Gefühl, gegen das Mitleid wirken, wenn es sich nur für Unglückliche, nicht für Verbrecher bethätigt, sondern dem Betteln lieber auf andere Weise abgeholfen werden.– – –


Auflauf.

Wenn in Berlin zehn Menschen auf der Straße zusammen stehen, so strömt Alles neugierig zu ihnen, was sich in der Nähe befindet, und der Haufe wächst von Minute zu Minute. Dies passiert zwar in allen Städten, aber nicht so oft und in so großem Maaße.

Handwerker. Wat is' den hier los?

Antwort. (von verschiedenen Seiten.) Wat nich anjebunden is.

Mehrere Jungen. Herjees, seht mal, da is'n Ufloof, kommt jeschwinde rüber!

Hausfrau. (zum Dienstmädchen.) Karline, jib mal det Kind her, un loof mal da rüber, wat da los is, hörste?

Eine Stimme. (aus der Mitte des Haufens.) Wo war denn aber eijentlich wat los!

Eine andere Stimme. Hier oben in de Luft?

Mehrere Stimmen. Da oben in de Luft?

Eine Stimme. I vor'ne Stunde hat da'n Habicht eene Daube nachjesetzt! Er hat ihr aber nich jekriegt.


Der Höker.

»Maulbeeren! Maulbeeren!« Hört man schreien: »so jroß wie die Hühnereier!« (Er kommt vor einem Gymnasium vorüber; einige Schüler liegen aus den Fenstern und lachen über sein Geschrei.)

»Maulbeeren! Maulbeeren! So jroß wie die Maulaffen da oben!«


Am Abend.

Bürstenbinder. (trägt seine Bürsten und Besen, ist aber so betrunken, daß er seine Handelsartikel vergessen hat.) Neunoogen! Neunoogen! Immer ran, wer Geld hat!

Erster Schusterjunge. Hör'n Se, Herr Schrubber, wer von die Neunoogen en Paar ist, der bekehrt sich. (er verläßt den Betrunkenen und schreit, indem er auf der Straße hin- und herrennt.) Herjees, nanu is et noch hübscher! Keen Mensch darf nich mehr aus't Fenster roochen!

Mehrere Leute. Wat meenst du'n damit? Ist des wahr? Darf man nich mehr aus't Fenster roochen? Det wär' denn doch zu arch!

Erster Schusterjunge. (fortrennend.) Ne! Man muß aus de Pfeife roochen! – Etsch, etsch!

Eckensteher Brisich. (vor dem Museum.) Det Haus freut mir, des Haus macht mir Spaß!

Eckensteher Lange. Wie so macht dir det Haus Spaß?

Brisich. (ein wenig turkelnd.) Wie so es mir Spaß macht? Na wegen die Adlersch da oben druf?

L. Na wie so machen dir denn die Adlersch Spaß?

Brisich. Weil des königliche Adlersch sind und doch Ecke stehen müssen! Denk' dir, wenn ick' so'n königlicher Adler wäre, un da oben uf't Museum Ecke stehen müßte als Verzierung! Det wüßt' ick' woll: wenn mir durchterte, verziert ick' ne Weile nich, sondern zöge meine Pulle raus, jenösse Eenen und schrie runter uf de Leute: »Nehmen Se det jefälligst des Munseum nich übel! Ein königlicher Adler erholt sich!«

Ein Knabe. Ede (Eduard), komm' mit mir nach'n Materialladen: ick' muß vor'n Jroschen Syropp holen! Du derfst ooch een Mal mit instippen un ablutschen!

Eine Dirne. (zu zwei Herren, die sie verfolgen und sich über sie lustig machen.) Na was soll den Des? Machen Se doch hier solche Jeschichte nich uf de Straße! Wat jlooben sie denn! Jlooben Sie denn, ick' bin so Eene! Un wenn Se det ooch jlooben, so müssen Se doch hier uf de Straße nich solches Aufsehen machen, des is jemeene. Na, laaßen Sie mir jehen, oder ick' mach' Ihn'n hier en Ufjebot, det Sie blau anloofen sollen, Sie jrüne Jungens!

Zweiter Schusterjunge. (mit ganz heiserer Stimme zu der Dirne) Ach, hören Se mal, liebet Fräulein, da drüben uf de andere Seite jeht mein Bruder; sind Se woll so jut un rufen mir Den? Ick bin so krank, det ick kaum uf de Beene stehen kann. Er heeßt Jottlieb!

Die Dirne. Weil de so artig bist, will ick't dhun. (sie ruft) Jottlieb, Jottlieb!

Schusterjunge. Er hört nich! Sehn Se woll, er jeht ruhig weiter. (mit lauter Stimme) Sie haben einen schlechten Ruf, Mamsellken!

Ein lustiger Kerle. (zu einem Andern, im Gehen) Ne, wat det Berlin vor'n Lausenest is, des jeht in's Weite! Ne, solch Lausenest is mir noch nicht vorjekommen! Denke Dir: neulich will ick mir zwee Dukaten wechseln, – hab' ick keene!

Schusterjunge. (sucht Etwas auf der Straße) Ach Jott, ach Jott! Ach, ick unjlücklicher Junge! Die Keile! Ach du lieber, blauer Himmel!

Mehrere Leute (sich zu ihm drängend und mitsuchend). Na, was is denn, was hast du denn verloren? Wat is denn los?

Ein Herr. Was hast du denn verloren, Kleiner?

Schusterjunge. Ach, Herrje, ick hab det Bierjroschenstück verloren, wovor ick Abendbrot holen sollte! Er schlägt mir dodt, er schlägt mir dodt!

Eckensteher Bremse (in sehr mitleidigem Tone) Wer schlägt dir denn dodt, Kleener?

Schusterjunge (sieht ihn betroffen an). Mein Meester!

Der Herr. Da hast du vier Groschen, tröste (der Schusterjunge nimmt das Geld) Wer bist du denn eigentlich, Kleiner?

Schusterjunge. Wat ick bin? (schnell) Na det merken Se doch, det ich Friseur studiere! Ick habe Ihnen ja eben einen Zopp jemacht! (rennt fort; die Andern lachen.)

Eckensteher Bremse (zu dem Herrn). So was stört sehr! (geht ruhig weiter.) Der Junge hat Anlage zu einen jescheidten Menschen. Schade, deß er nich Eckensteher lernt!

Bauer (zu seinem Buben). Seh' moal do hin, Fritze! Gehste wull da de villen Jungens mit de jraue Habiter? Deet sind de Weesenjungens. Die Jungens wachsen ooch nich! Vor fufzehn Joahren hoabe ick se jesehn, doa woaren se schonst ebben soa jroß wie olleweile! Nanu kumm rasch, et werd een Jewidder jebben.

Straßenjunge. Na nu wird et schon finster, aber ick jeh doch noch nich zu Hause. Et is noch früh am Dage, de Balbierbecken sind noch nich ufjefloogen. – Herjees, da stechen se schon de Jaslaternen an; komm' mal rüber, Juljus! (sie laufen und stellen sich unter einer Gaslaterne, die eben anjesteckt werden soll.) Männiken, hör'n Se mal! Soll ick Ihn'n villeicht vor'n Jroschen Prowanser-Oel holen? Det brennt sonst nich! Det Jas is manchmal tücksch, wenn Mondschein im Kalender steht! Oder villeicht liecht et an die Flöten unter de Erde! Villeicht hat sich Eene en bisken verstoppt! Wissen Se wat, loofen Se jeschwinde vor't Hall'sche Thor un pusten Se'n bisken! Blasen Se mir jleich en Stücksken, zum Beispiel: Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen jlüht!

Gasanstecker. (steigt geschwinde von der Leiter runter, faßt den Jungen und prügelt ihn durch.) Warte, Kanallje, Dir wer' ick lernen Witze machen!

Schustergeselle (stößt ihn). Na wat wird'n det hier? Wie so schlägst'n den Jungen, Du – Du langer Kohlenstoffel! Du engelscher Ablejer, Du dämlicher, unterirdischer Röhrenbeleuchtungsjeselle! (er gibt ihm eine Ohrfeige.) Nimm Dir 'n Acht, det ick Dir nich ne Maulschelle steche! (Sie prügeln sich und finden gegenseitig Unterstützung. – Von der nahen Wache her ertönt der Zapfenstreich.)

Gensd'arme. Auseinander! Was ist das hier! Machen Se mich hier keinen Lärm, oder! (Der Haufe trennt sich; es regnet.)

Schusterjunge (läuft mit einem Collegen fort). Siehste, Fritze, da rejent et! Det haste davon, warum warste heute so schwül. Herjees, det jiebt 'n Unjlück: die neuen Flüsse in de neue Anlagen werden naß werden! (Es donnert.) Nanu donnert et ooch noch! Komm' rasch, Fritze, et schwebt ein Jewitter über Berlin!

Nachtwächter (pfeift). Zehn ist die Glock'! –


 << zurück weiter >>