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Titelblatt

II. Heft.
Hökerinnen

Mit einem colorirten Titelkupfer.

Siebente durchaus veränderte und vermehrte Auflage.

Leipzig, 1845.

Verlag von Ignaz Jackowitz

Berliner Hökerinnen

Berliner Hökerinnen

 

Berliner Hökerinnen.

Die Priesterinnen der Ceres muß die Natur in einer Anwandlung böser Laune geschaffen haben; die ganze Tendenz dieser Früchtetragenden Wesen ist: Schimpfen, für welches triviale Wort sie aber den beschönigenden Ausdruck: Aufbieten gewählt haben. Von allen den ärmeren Klassen der Berliner sind sie Diejenigen, welche sich am wenigsten gefallen lassen, bei denen die Gemüthlichkeit am tiefsten sitzt. Jede Hökerin unserer Residenz ist eine personificirte Empfindlichkeit; durch den kleinsten Tadel ihrer Waare wird ihr Gemüth aufgeregt, werden ihre sonst so starken Nerven erschüttert; ihr feuriges Blut steigt nach dem Kopfe, und endlich machen sie ihrem Herzen durch das, sich in's Unendliche verlierende Aufbieten Luft. Man muß dieses Aufbieten aber gar nicht mit dem, in der Kirche executirten, jeder Heirath vorangehenden, verwechseln; denn nach dem Aufbieten der Hökerinnen folgt, sobald sie ihre Galle ausgelassen haben, Friede, – bei den Liebenden fängt aber nach dem Aufbieten oft der Streit erst an.

In diesen Schimpfereien sind die Priesterinnen der Ceres Virtuosinnen, und es gehört wahrlich nicht zu den Seltenheiten, daß kerngesunder, shakspear'scher Witz über ihre schnellbewegliche Lippen schlüpft, und den Uneingeweihten, der, erstaunt über die merkwürdige Combination ihrer Gedanken, aufmerksam lauscht, vielleicht glauben macht, sie hätten sich auf diese öffentlichen Reden vorbereitet. Aber nein! »der Augenblick ist ihrer Schimpfe Gott!« und ihr Zorn allein ist der geschickte Souffleur, der ihnen all' die herrlichen Sentenzen einflößt, welche einen so unauslöschlichen Eindruck auf die Zuhörer machen. Zu leugnen ist freilich nicht, daß sich ihre Phantasie häufig in das weite Gebiet des Niedern und Gemeinen schwingt, und von ihrem Pegasus mit Recht die beiden ersten Sylben zu streichen wären, – aber dem Reinen ist alles rein, und jedes Individuum bewegt sich in der Sphäre am leichtesten, in welcher es geboren ist.

Die Kleidung dieser Beredsamen ist reinlich. Sie betrachten, wie viele Gelehrte, die Welt als eine Redoute und gehen als Bäuerin über den Markt dieses Lebens. Doch liegt hier nicht etwa ein Grundsatz des großen Philosophen Diogenes dahinter: so wenig Bedürfnisse wie möglich zu haben, sondern es geschieht aus einer weniger edlen Absicht: aus pecuniärem Interesse, und dieses ist in der jetzigen Zeit leider eine allgemeine geworden. – Da sie wohl wissen, daß die einkaufenden Bürgerfrauen und deren Mädchen für Alles mehr Vertrauen zu Bäuerinnen als Hökerinnen haben, so ahmen sie denen in Kleidern und Manieren nach, handeln wie sie, und gehen nur dann wieder in ihr eigenes Ich (oder Nichts) zurück, wenn sie beleidigt werden, oder ihre Ehre durch Antastung der zu verkaufenden Früchte, durch ein zu niederes Gebot auf ihre Forderungen, und endlich durch die Bemerkung ihres Schlecht-Messens angegriffen worden ist. Sie tragen einen weiten Rock mit Falten, ein Abbild des über ihm liegenden Herzens, welches im Laufe der Jugend Viele beherbigt hat, die es später auch wie eine Herberge betrachteten, und daraus fortzogen, wenn es ihnen beliebte. Ueber ihrem starken Leib tragen sie als Ironie ein Leibchen, oder, um Deutsch zu sprechen, ein Camisol, und um den Kopf, wieder um ironisch zu sein, haben sie ein Tuch gebunden, wiewohl sie doch nirgends ungebundener sein können, als grade dort.

Wir kommen nun zu den verschiedenen Klassen der Hökerinnen. Man theilt sie ein in gangbare (solche, die von Haus zu Haus ihre Waare feil bieten) und in sitzsame (solche, die an einem bestimmten Orte immer anzutreffen sind). Die letztere, Klasse zerfällt aber wieder in zwei Unterabtheilungen: in budenbesitzende und in budenlose. Die budenbesitzenden Hökerinnen sind die vornehmsten, die gangbaren die niedrigsten. Die Letzteren sind gewöhnlich noch Mädchen, und Mädchen, die oft bei einer Viertelmetze Aepfel 10 bis 15 Sgr. verdienen, – ein Beweis, daß das Früchtetragen etwas einbringt. Ihre Waaren wechseln mit den verschiedenen Jahreszeiten, und alles was diese hervorbringen, bringen die Mädchen uns in's Haus und den Nutzen in den Tanz-Tabagieen durch. Bald sehen wir sie als Schmarotzer, indem sie ihre Bücklinge umhertragen; bald verkaufen sie an einen Lieutenant Aepfel und beweisen dabei häufig, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt; bald bieten sie uns Spandauer Zimmetbrätzeln an, die in Berlin gebacken sind; bald geben sie uns Pflaumen, bald haben sie Nüsse, bald Birnen, und bald bieten sie uns für einen halben Silbergroschen ein Paar-Radies.

Die sitzsamen Hökerinnen sind, um diesem Epitheton keine Schande zu machen, gewöhnlich schon verheirathet. Und merkwürdig! was sich in den höhern Kreisen der Menschheit nur hier und dort zeigt, ist bei ihnen Conditio sine qua non. Jeder Mann einer Hökerin steht unter ihrem Pantoffel, und zwar so tief und so knechtisch, daß er zittert, wenn sie böse wird. Daß er im Laufe des Tages viel zu zittern hat, ist, nach der obigen Beschreibung des Charakters seiner Ehehälfte, leicht zu ermessen. Hat es nun gar dem männlichen Theile eines solchen Paares beliebt, sich Herrn Bacchus dem zweiten (ich verstehe hierunter den Gott des Branntweins) in die Arme zu werfen, und in einem schwankenden Verhältniß nach Hause zu kommen, so begnügt sich der weibliche Theil selten mit einem zürnenden Blicke, ja nicht einmal mit zahllosen Schimpfwörtern, sondern sie ergreift mit starker Hand den Stock und schwingt ihn mit großer Geläufigkeit so lange über den Rücken ihrer Hälfte, bis dieser der Rausch unter den Schmerzen verloren gegangen ist. Man glaube ja nicht, daß solch ein Ehemann es wagt, auch seine ihm von der Natur verliehenen Kräfte zu gebrauchen, nein! mit einer Seelenruhe ohne Gleichen läßt er sich das Berliner Blau auf seinem Rücken fabriciren, und ist froh, wenn seine Gebieterin die ganze Schale ihres Zornes mit einemmale über ihn ausgegossen hat.

Die lebendigen Zeugen minder bösen Stunden dieser Ehe, die Kinder, sind noch übler daran, und wenn Prügel groß machte, so müßten diese Sprößlinge zu lauter Giganten werden. Mütterliche Liebe wollen wir den Hökerinnen nicht gradezu absprechen, sie mag in ihnen athmen und leben, aber es würde selbst dem scharfsichtigsten Psychologen schwer werden, irgend ein Merkmal dieser größten weiblichen Tugend bei ihnen aufzufinden, und wir möchten darauf wetten, daß der fünfzehnjährige Sohn einer Budenbesitzenden noch nicht weiß, welchen Eindruck das freundliche Gesicht einer Mutter hervorbringt.

Mann und Kinder sind Nebensachen! Aepfel, Birnen, Pflaumen u. s. w., das sind die Hauptsachen; denn diese bringen, nachdem sie von den auf der Spree liegenden Schiffen wohlfeil erhandelt sind, reichen Gewinn, welcher mit phlegmatischer Ruhe in die weite Seitentasche der buntkattunenen Schürze hineingesteckt wird. Es ist wirklich interessant, eine ächte Hökerin eine Stunde lang zu beobachten. Da sitzt sie nun, umgeben von zwanzig Körben mit blankgeputzten Früchten, und schaut mit ihrem rothen und ernsten Gesichte und mit einem stolzen Selbstbewußtsein in die Welt hinaus oder liest den Beobachter an der Spree. Sie mag jetzt in der ruhigsten Stimmung sein, ihr Herz mag an nichts Böses denken, aber der Physiognomist wird dennoch einen ewig lauernden Zorn< in ihren Zügen bemerken, und diese den gelblich-dunkeln Wolken vergleichen, die zwar ernst und ruhig auf uns herabschauen, aus denen aber alle Augenblicke ein Donnerwetter herausplatzen kann.

Und richtig! Da geht ein kleiner Schusterjunge vorüber, sieht sie, indem er sich umdreht, mit seinem schalkhaft lächelnden Gesicht noch einmal an, und spricht ganz trocken, aber doch mit innerem Jauchzen über die präsumirte Folgen: »Wat kosten de Viertelmetze Ananasse, Meester Hökern?« Nun geht's los! Tausend und abermal tausend Schimpfwörter, die in keinem Lexicon zu finden sind, und bei denen man oft die seltene Verbindung der Hauptwörter bewundern muß, fliegen dem Jungen nach, der in einiger Entfernung stehen bleibt und sein schuhmacherliches Gemüth daran ergötzt. Außer einer Purpurröthe, die sich über das Gesicht der Budenbesitzenden ausgegossen hat, ist wenig Veränderung in ihrem Aeußern zu finden, und ohne sich aus ihrer bequemen Stellung heraus zu begeben, bombardirt sie den Zögling des Pfriems so unaufhörlich mit seltenen Benennungen, daß dieser, den Zorn des auf den Branntwein harrenden Meisters fürchtend, mitten in der Lust die Stellung verlassen muß, und – nachdem er der Beleidigten noch einmal sein: »Wat kosten de Viertelmetze Ananasse, Meester Hökern?« zugerufen hat, in einem Viktualienkeller verschwindet. – Wer nun der Meinung ist, daß mit der Entfernung des Beleidigers die Verbal-Ausbrüche der Zornigen aufhören, der irrt sich sehr. Auch ohne ein Object zu haben, tobt das vulkanische Gemüth des aufgeregten Subjectes fort, schleudert noch immer aus dem Krater seines Mundes zahllose Schimpfwörter durch die Luft, und macht den Vorübergehenden staunen der sich ein solches Selbstgespräch der Natur nicht erklären kann.

Und wer möchte es nach dieser Beschreibung ihrer Charaktere nun wohl glauben, daß die Hökerinnen fromm sind, daß sie nach sechs Tagen der rastlosen Thätigkeit und des fortwährenden Aergers am siebenten das Bedürfniß fühlen: in die Kirche zu gehen. Es ist so. Kaum hat die sonntägliche Aurora die Welt geküßt, und die Sonne sich aus ihrem Rosenbette emporgehoben, so schlägt die Budenbesitzende die Augen auf, hustet ein paarmal, windet sich dann aus den mit bunter Leinwand überzogenen Federn hervor, zankt mit den Kindern, und wirft sie und sich in die Staatskleider; zankt mit dem Ehegespons, das sich noch nicht aus den Armen Morpheus' befreien kann, giebt ihm vielleicht einen nicht unbedeutenden Seitenstoß aus der Fülle ihres Herzens und ihrer Knochen, nimmt dann das Gesangbuch in die Hand und wandert langsamen Schrittes in die Kirche. Vielleicht lenkt ihre Schritte nur die Gewohnheit, vielleicht führt sie auch das Bedürfniß, ihr Herz zu erheben und sich an den Reden des Priesters zu erbauen; wir wollen, ihr zu Liebe, das Letztere glauben. Der vielen Spaziergänger wegen ist der Sonntag grade der größte Geschäftstag für die Hökerinnen; häufig wird die Viertelmetze gefüllt und ihr Inhalt später in die weite Rocktasche der aufgeputzten Lehrlinge u. s. w. hineingeschüttet. Ist aber der hökernde Familienvater, der freilich auf dieser Bühne des Lebens nur eine große Nebenrolle spielt, zufällig einmal im nüchternen Zustande, und ist bereits ein Sprößling der zarten Ehe so weit an Geist und Körper herangewachsen, daß er seinen Vater reguliren kann, so überträgt ihnen die Mutter, das gefürchtete Haupt, für heute die Geschäfte, geht mit einer guten Freundin bis nach den sogenannten Zelten im Thiergarten, setzt sich in eine Gondel und läßt sich für 2 Sgr. unter Begleitung des Leierkastens durch die Wogen der Spree hinübersetzen nach dem gelobten Lande, welches unter dem Namen Moabit bereits einen weltgeschichtlichen Ruf gefunden hat. Der Raum verbietet mir die Festlichkeiten jenes Ortes zu beschreiben; in einem spätern Hefte wird ein treues Gemälde derselben aufgestellt sein. Schauen wir jetzt die Hökerinnen in ihrem gewöhnlichen Leben und Treiben!

 

Gespräche.


Die Kranke.

(Zwei Hökerinnen sitzen auf dem Gensd'armen-Markte mit ihren Waaren neben einander.)

F. Ick weeß jar nich, wie mir heute is. Aeh! Mir is so ... äh! so komisch zu Muthe ... äh!

D. Na beboomöhle Dir man nich!

F. Ne, ick weeß nich – so eklich wie mir ooch heite is. Aeh!

D. Na wo sitzt et Dir denn?

F. I, wo sollt mir sitzen? Iberall sitzt et mir. Ick habe mir jestern so jeärjert über meinen Kerl, – Dürinken! ick sage Dir, mit den Kerl halt ickt nich mehr aus. Ick habe Allens mit ihm ufgestellt, wat in meine Kräfte stund. Ick habe ihm gekeilt, det ick jlobte, er mißte krepiren, aberscht siehste, Dürinken, hilft et denn wat bei den Kerl?

D. (ruft einer vorübergehenden Dame zu) Madamken! Zwee Jroschen de Kirschen!

F. (fährt fort). Jestern schick ick ihm also nach Lewinen in de Briderstraße: er soll mir zwee Ellen Kartun vor de Fridrike zu'ne Schürze holen, un gebe ihm acht Jroschen mit. Wat meenste, Dürinken, wat der infamigte Kerl zu dhun hat? – Immer ran, Madameken! scheene Stachelbeeren! – Er verlooft sich also und jeht uf den Spittelmarcht in den Schnapsladen un versauft mir die janze Schürze. – Nu jeht er – Jott verzeih mir de Sünde, aber hätten man der Deibel jeholt – nu jeht er unter de Spittelbrücke, un bleibt da sitzen, un schläft in.

D. Madamken! Zwee Jroschen de Metze!

Die Dame (besteht die Kirschen). Sind so klein!

D. Kleene? Na hör'n Se (sie lacht spöttisch).

Die Dame (geht zu der andern Hökerin). Was kosten diese Kirschen?

F. Zwee un halben!

D. Na, Schönste? Sind de Fischern ihre jrößer?

F. Na Dürinken, jrößer sind se!

D. Wat? Ihre Kirschen sind jrößer? dhu se mir den Jefallen, Fischern, un pack se ja in. (Die Dame läßt sich Kirschen einmessen.) Verkoof se ihre Kirschen un sei se ruhig, sonst schmeiß ick ihr ne Kirsche jejen den Kopp, det se ne Brüsche kriejen soll, so jroß wie de Dreifaltigkeits-Kirche!

F. Mach se sich doch nich so jemeene, sie willder Schweinebraten mit 'ne lange Sauce drüber!

D. Sie zoddlijer Pudel sie! Blaff' se doch vor meine Dhüre, damit ick ihr en Tritt jeben kann!

F. I kik doch, wat se schreit! Hab se sich doch nich, sie holde Prinzessin mit de niederträchtje Phisjonomie! Laß se sich doch ihren dämlichen Kopp antzweehauen, damit det Stroh billig wird. (Herr Fischer läßt sich sehen.) Na, da biste ja! Wo hasten Dir widder rumjedrieben? Schonst widder bei Moewessens gewesen, he?

Herr Fischer (etwas turkelnd). Allemal derjenigte welcher!

Mad. F. Du verfluchter Saufaus! Du wirscht noch deine janze Familje versaufen. Komm mal her, Du gemeener Lüderjahn, ick will Dir ne Bremse stechen.

Herr Fischer (schwankt näher und hält seinen Kopf hin).

Mad. F. (giebt ihm eine kräftige Ohrfeige).

Herr Fischer (murmelt im Fortgehen). Na, immer un ewig Keile! Det wird ooch wenig helfen.


Große Scene am Spittelmarkt.

(Eine Hökerin sitzt unter verschiedenen Körben mit Früchten.)

Hökerin. Immer rann, Herr Leitnamt, scheene Borschdorfer! Zwee Jroschen de Viertelmetze!

Lieutenant (geht stolz vorüber).

Hökerin (lächelt höhnisch). Is en scheener, stolzer Mensche, der Leitnamt! Schade det ihm de Jroschens fehlen. Een Dejen hätt er, so lang wie'n Kuhschwanz, aber er hätt noch keene Flieje mit beleidigt. Kuck mal eener den schmucken Jingling, wie er de Beene auswärts setzt, als wenn ihm ne Kanone zwischen durch fahren soll. Un jeschnirt is er, Jott bewahre mi, die ganze Figur könnt ick zum Zahnstocher gebrauchen, wenn mir der Schakko nich zwischen de Zähne sitzen bliebe. So, zeig' er sich doch en bisken; laß er doch den Neffschandeller vor ihm präsentiren; leg er doch seine drei Finger an de Mitze, als wenn er sich den Stoob abwischen wollte! – Is en scheener Jingling, so'n Leitnamt – Zwee Jroschen de Viertelmetze, Madamken!

Eine Dame. Haben Sie auch Apfelsinen?

Hökerin. O ja, schönste Madame! Fritze jib mal de Appelsinen her! Hier Madamken, sie sind janz saftig, keene eenzije drunter mit ne harte Schaale. Fassen Se mal an, Madamken!

Die Dame. Was sollen diese drei Stück kosten?

Hökerin. Die drei? Fufzehn Silberjroschen!

Die Dame. Du lieber Himmels was fordern Sie auch! (bietend) Sechs Silbergroschen!

Hökerin. Sehn Se mal da oben ruf, Schönste! Sehn Se mal da oben uf't Dach ruf!

Die Dame. Na, was soll denn das?

Hökerin. Sehn Se mal ruf, sag ick Ihnen. Sehn Se mal da oben! Sehn Se da det kleene Jewächs? Det is en Appelsinenboom, Schönste. Nu warten Se man noch so lange, un lassen Se den Boom wachsen, un wenn er jroß is, un de Appelsinen sind reif, denn soll'n Se drei Stück vor sechs Silberjroschen haben!

Die Dame (geht betroffen fort).

Hökerin. Da jeht se hin mit den Pipihut. Jott verzeih mer, wat hat se vor'n jroßen Zobelpelz um; sieht Se nich jrade aus, wie ne Motte, die drinn rum kriecht? Ach un wat hat se vorn kleenen Fuß; mir wundert, det se der Majistrat noch nich als Chosseetreter angestellt hat. Der arme Schuster dhut mir leed, der die ihre Pantoffels machen muß; ick jlobe der arme Mann muß sich en Jerüste bauen, damit er oben nach de Einfassung rufreechen kann. – Na junger Herr, keene Nüsse heute? Kommen Se man her, junger Herre, Nüsse wie de Mandeln! Wie viel woll'n Se'n?

Ein junger Mann. Geben Sie mir eine Viertelmetze. (Die Hökerin mißt, nimmt das Geld in Empfang und schüttelt die Früchte in die Rocktasche des Käufers).

Hökerin. Leben Se wohl, junger Herre! – (ruft einen andern Herrn an) Kommen Se rann, bester Herr, koofen Se mir wat ab.

Der Herr (macht sich einen Scherz mit ihr). Ach! was soll man Ihr denn abkaufen? Sie hat ja nichts Vernünftiges!

Hökerin (kupferroth). Wat sächt er? Wat sächt er dämlicher Katzenbengel? Ick hätte nischt Vernünftijes? (sie dreht sich um) I! kik er doch mal hierher, wat meent er'n dazu, er armseliger Windhund mit den Drei Achtel Leibrock un den verlornen Kragen! Er will woll Leite zum Besten haben, er Ruppsack! Wat meent det spillrige Jerippe? I er Jespenst! Em blase ick ja durch seine durchsichtje Knochen, det er verhungern soll in de Luft, un wenn er sich vor 14 Daje zu Fressen mitnimmt! Schneid' er sich doch seine dritthalb Haare runter, un stech' er se in en Wollsack, damit er zeitlebens zu suchen hat, wenn er seine Liebste ne Locke schenken will. I kik doch mal, er ausjehunjerter Federfuchser, er will Leite schikaniren? He? Leite will er schikaniren? Er hungrijer Federfuchser! dhu er mir doch den Jefallen: knautsch er sich zusammen un geh' er zum Plundermatz, un verkoof er sich vorn viertel Pfund Lumpen, en andrer Mensch jibt ja doch nischt vor em. Nehm er doch de Watte aus de Waden un stop er se sich in de Ohren, damit er nich seine Schande hören muß! I er verhunjerter Sekretär mit den Kommodenkasten, – er will mir hier schikaniren? Leg er sich doch uf de Hundebrücke hin, damit er unter seines Jleichen is; un lass' er sich doch de Sonne in Hals scheinen, damit er endlich mal wat Warmes im Leibe kricht! – Junge Frau, schöne Bärblansch! drei Silberjroschen de Viertelmetze; soll ick messen?

Die Frau (besieht die Birnen). Sechs Dreier!

Hökerin. Wie? Ick habe woll nich recht verstanden? Sechs Dreier, wie?

Die Frau. Na, mehr sind sie doch nicht werth!

Hökerin. Nich? I, is nich möglich? Junge Frau, – sind Se nich de olle Müllern? Wo wohnen Se'n in de Woche, ick möchte Ihnen mal det Sonntag's besuchen? Soll ick Ihnen de Birnen vor Sechs Dreier vielleicht noch in'n Stempelbogen inwickeln un zu Hause schicken? Jeh Se jo, jeh Se!

Ein junger Mann (geht vorüber und lacht). Schimpf' tüchtig!

Hökerin (steht auf). I, is er ooch da? Wo hat em denn der Deibel widder herjeführt, er schwindsichtiger Ellenreiter. Wat meent er, er jrünschnablijer Tietkendreher, ick soll schimpfen? Loof er doch, er Heringsfabrikante: stehl er ooch seinen Herrn Zuckerkannte un stopp er sich en Centner int Maul, damit er sich nich blamirt! Stech' er doch seinen dämlichen Kopp in de Feuertiene, damit er nich blos hinter de Ohren naß is! Halt' er sich doch de Dogen zu, damit er nich vor sich selber erschrickt, er Wanschenvertiljungsmittel!

Ein Schneidergeselle (stoßt sie etwas unzart bei Seite). Na brüll' Se doch nich so, un mach' Se mir en bisken Platz!

Hökerin (die einmal im Zuge ist). I er durch un durch verfädelter Schneiderjeselle, wat koste 'n det halbe Pfund Kalbfleesch von em? Wat hat er da geredt? ick soll em en bisken Platz machen? I dhu er sich doch nich so dicke, er Ziejenbock! Son Kerl wie er is, den laß ick janz durch! Seh mal eener den Flederwisch an, der will Leite stoßen? Schneiderjeselle, Du jammerscht mir! Loof ja, loof det De wech kommst, sonst pack' ick em zwischen zwee Milchbrodte un eß en zum zweeten Frihstück uf, oder ick setz' ihm uf 'ne Flöhe un laaß' ihn nach Petersburg springen! I er besoffner Jüngling mit de umjekippte Vatermörder, ick will em ne Laterne in de Hand jeben, damit er sich untern Rennsteen leichten kann. Jeh er jo, jeh er!

(Es ist zwei Uhr Nachmittags. Der zarte Sprößling ihrer Ehe, Fritze genannt, bringt den Kaffee. Madame setzt sich und beginnt zu trinken.)


Scene auf dem Gensd'armenmarkt.

(Vier Hökerinnen von verschiedenen Geistesfähigkeiten sitzen sich gegenüber. Ihre Unterhaltung besteht in Moquiren über die vorüberwandelnden Personen.)

Frau Pelzich. Habt ihr'n jesehen, den jroßen Weinhändler. Jott bewahre mi, wat der seine Nase hoch drägt!

Frau Isedor. Nu jeht er zu Hause un läßt plumpen!

Piesechen. Isedoren, jloobste wirklich, det se Wasser untern Wein jießen?

Isedor. I, Jott bewahre! drunter nich, da werden se sich hüten, aber rin!

Piesechen (spöttisch). Du jloobst wirklich, sie jiessen Wasser in'n Wein?

Isedor. Ja, det jloob ick!

Piesechen. Na, ick jlob et ooch!

Köbel. Ja, det weeß der Himmel, wat die Weinhändler noch Allens machen, um de Weine billig herzustellen, un de Accise wieder raus zu krijen! Ick jloobe in sonne Flasche Haut Sau-Terne, da sind höchstens drei Fingerhite voll Wein drin, det übrige is Brunnen.

Pelzich. Na ick jloobe, ihre Leiden haben se ooch! Da is nu wieder die Insel Mallaja untergegangen, wie in de Spenersche steht, nu kommen die Jäste un wollen welchen drinken, – wo kriejen se den Wein her?

Piesechen. Soviel bin ick jewiß, der jroße Weinhändler, der macht sich nischt draus, den Keilen in de Spandowerstraße kenn ick, der hat janz jewiß det Recept von den Wein noch!

Isedor (auf einen Mann zeigend). Habt Ihr schonst en Docterken jesehen, der nich Docter is? Seh mal da hin, Pelzichen! Seh mal den schlanken, katholischen Juden an, der wie Judas Ischarioth aussieht, un als Spion anjestellt is, weil sich blos en Schuft zu so en Jewerbe herjiebt!

Köbel. Ach den da, den kenn ick ooch, det is en Königsberger von Jeburt!

Isedor. I, i, wat Du nich Allens weeßt! En Müncheberger is et, denn seine Mutter war aus Frankfurt an de Oder un sein Vater aus hier.

Piesechen. Seht ihr, da is ja der Schauspieler wieder, von den ick euch jestern erzählt habe. Jott! son Schauspieler is doch en herrlicher Mensche! Wie dralle der schlanke Mannsperschon anjezogen is, un wie scheen ihm Allens steht; seht mal, mit jeden Tritt hat er ne andere Stellung, un eene is immer scheener als de andre. Un wat führt son Jingling nich vor Leben! Der lebt wie Jott in Paris! Det Morjens jetzt er int Weinhaus, det Mittags ißt er sich an de Tabeldodt halb dodt, det Nachmittags macht er en Schläfken von drittehalb Stunden, und det Abends jeht er uf de Bretter rum, un redt wat ihm vorgeschrieben is, un zappelt mit Händen un Füßen; heite is et en Hofmann, morjen en Stiebelputzer, übermorjen en Advokate un übermorjen en Spitzbube; en andermal stellt er en Dichter vor und denn wieder en Wasserträjer, un so immer zu! Alle Daje is er wat andersch, un ejentlich is er gar nischt. Jott, wenn ick det det Sonntags wäre, wat der sich in de Wochendage einbildt!

Köbel. Na laßt euch mal erscht von de Dänzer erzählen. Früher, ehe ick den Obsthandel anlegte, war ick bei ne Solodänzern untert Chor Ufwartefrau; ick mußte ihr reene machen un ufschauern, un dabei fiel manches vor mir ab, det will ick nich leuchnen. Aberscht det muß ick sajen: Commersch is in son Haus von früh Morjens bis in de sinkende Nacht. Kaum hatte se sich ufklaviert, so jing de Klinjel. Der Erschte war nu immer son lanjer dünner Freiherr mit schneeweiße Haare un klapprije Knochen. Jott! det Manneken hatte man uf ne Putellje Weißbier propen können, der bloße Schaum hätten in de Höhe fliejen lassen. Und dabei spielte er noch immer den Jingling, det eenen brühheeß uffen janzen Leibe wurde. Der Zweete war en steenreicher Banqjeh von wejen Abraham, der zu Hause Frau un Kinder hatte, aberscht sonne Portion von hebräscher Liebe besaß, det meine Herrschaft ihn uf de Nase rum danzen konnte. Na un det da manchet blanke Stück hat herhalten missen, kennt ihr euch woll denken! Wovor hätten denn ooch die reichen Banqjehs Moses un de Propheten? Erscht müssen se ihr Jold rausrücken, eh se nach't gelobte Land kommen!

Piesechen. Kuckt mal, da jetzt der Materjaliste von drüben! Jott, der Mensch drächt de Nase ooch schon bedeutend niedriger als früher; an de Rosinenstenjels muß ooch nicht mehr ville zu knabbern sind.

Isedor. Na da sei ruhig, Piesechen. So'n Pfefferprinz, der weeß, wo Bartel Mostrich holt, un haut de Leute übert Ohr, det se möchten Ach und Weh schrein. Seh mal, woher könnte denn son Syropje de Lorbeerblätter so billig lassen, wenn er nich hiesige Blätter drunter nehmen dhäte. Na, un wie jetzt et mit det Inwickeln zu, um det Jewicht rauszukriejen? Is et nich ne Schande mit det blaue Papier um den Kochzucker? Nehmen se't etwa nich so dicke, det man damit die jranitne Suppenterrine in Lustjarten einwickeln könnte?

Pelzich. Na, det will ick nich mal sajen. Aberscht mit den Koffee treiben se't doch wirklich zu doll. Jott verzeih mir de Sünde: Steene sind drin, Steene, so jros det man en Ochsen mit dotschmeißen könnte.

Köbel. Na, Pelzichen: det is ufgeschnitten!

Piesechen (nach der Seite blickend). Na, woll'n se nich näher kommen, Herr Brauer? – Ne, er jeht vorbei. – I, bewahre mi der Himmel, wat is der Mensch dicke jeworden, wat hat der Mensch vorn ne Tonne vor'n Leib! Je dünnert Bier wird, je dicker werden de Brauer.

Isedor. Det is richtig. Wenn ick bei de Jumfernbrücke vorbeijehe, wo die alljemeine Brauer-Plumpe steht, denn denk ick immer, se zappen mal de janze Spree ab, un det wär doch en Unjlück, denn liegt Berlin blos an Schafjraben.

Pelzich (zeigt nach der rechten Seite). Seht ihr, da jeht der Commerzenrath, der neulich die reiche Parthie jemacht hat, wo ick de Peterzillje zu de Hochzeit jeliefert habe. Det is der Comerzenrath!

Isedor. Wat hat denn eejentlich son Comerzenrath zu dhun?

Pelzich. Wat er zu dhun hat? Nischt!

Isedor. Besorgt er det alleene?

Pelzich. Ne, Du hörst ja, det er sich verheirath hat.

Köbel. Is denn det nich der nehmlichte, der den jroßen Erz-Kurfürschten uf de lanje Brücke koofen wollte, weil er an de Zehen so jolden wird? Is et nich der, der jejloobt hat, der janze Kurfürscht un alle de Schklavens drum rum würden sich nach un nach verjolden?

Pelzich. Det is der nehmlichte! un det hätte ihn ooch jefallen sollen. Vor Erz bezahlt er ihn nach't Jewichte, un denn hat er nach en paar Jahren den jroßen Kurfürschten von Jold!

Isedor. Worum hat ern denn aber nich jekricht?

Pelzich. I, der Majistrat hat jemeent, der Kurfürscht wäre da nich zum Verkoof ufgestellt, – wenn er eenen haben wollte, möcht' er sich alleene en Kurfürschten machen.

(Mehrere Käufer nahen sich, das Gespräch ist zu Ende.)

 

Politischer Schimpf.

Ein sehr feingebildeter, vornehmer Herr stieß gegen den Korb einer Hökerin und sagte in seinem Unmuthe darüber: »Nun, kann das Mensch nicht aus dem Wege gehen?«

Diese beleidigende Aeußerung empörte die Hökerin dermaaßen, daß sie sich in folgenden Invektiven entladete: »Wat sägt Er? Mensch sagt det Vieh zu mir? I Er hochjestellter Eselskopp, wenn Er det noch mal sagt, denn schlag' ick Em seine Orden um'n Kopp, det Er vor Angst seine Verdienste verlieren soll! Er jehört woll zu det Kroppzeug, wat die hohen Abjaben macht, un det Volk an de Hungerpoten knabbern läßt? Er macht woll ooch, det det Brodt un Bier un Fleesch so dheuer is, Er Pappstoffel, he? Er setzt woll ooch de Ochsen so hoch an, damit Er wat werth werd? Er hebt woll ooch de rußsche Sperre nich uf, weil der Cavjarr jroßkörnig is? Er jehört woll ooch zu die frommen Rackers, die uns wieder dumm machen wollen? He? Schreit Er etwa ooch in de Zeitung, wie jlücklich wir sind, wat? Jeh' Er mal raus nach't Voigtland, Er hofmännischer Entenwackel; ob noch so'n Elend in de janze Welt is? Wat jloobt Er denn, worum Er vornehmer Rindskopp anständige Leute schimpfen kann? Jloobt Er um seine Ordens? Nanu wird's Dag! Jloobt Er um seinen Titelken? (höhnisch lachend) Aachherrje! Ne, juter Junge, det zieht heut zu Dag nich mehr, det sind Füselmatenten! Die klugen Leute jagen se aus'n Lande, un de Fuchsschwänzler un de Schafsköppe heben se in de Höchde! Er bleibt hier, Er Ochse!«

 

Anekdoten.


Der Irrthum.

Eine Hökerin wollte sich von ihrem Manne scheiden lassen. Der Prediger stellte ihnen vor, wie Unrecht es wäre, sich von dem Wesen trennen zu wollen, mit dem man eigentlich nur Eins ausmachen sollte. »Ach, Herr Paster!« rief die weibliche Ehehälfte verwundert, »wir Beede man Eens? Ne, da irren Se sich, Herr Paster. Ick bin überzeugt, wenn Se dann un wann wären vor unsere Wohnung vorbeijejanjen: Sie hätten jejlobt, wir sind zusammen unsere Zwanzig!«


Das Stehlen.

Mehrere Hökerinnen saßen auf einem Platze und unterhielten sich. Während des Gesprächs zog die Eine aus Scherz der Andern das Schnupftuch aus der Seitentasche. Diese bemerkte es erst, als die Andern lachten, und sagte, indem sie das Tuch wiedernahm: »Det muß ick sajen, det Stehlen verstehste meisterhaft!« – »Na hör mal!« antwortete die Andere und sah sie ein wenig von der Seite an: » Dein Lob könnte mir wirklich stolz machen!«


Die Stinte.

Eine Hökerin, welche Stinte zum Kauf umher trug, ließ auf dem Hofe eines Hauses ihre Stentorstimme erschallen. Der Wirth dieses Hauses steckte seinen Kopf aus dem Fenster und schrie: »Na, dummes Weib, geh' sie doch auf die Straße, un schreie sie hier nicht ihre Stinte aus!« – »I,« antwortete die Hökerin, »seh er doch mal! Worum soll ick denn nich schreien? Wenn meine Stinte son jroßet Maul hätten wie er, denn könnten se sich freilich alleene ausrufen!«


Die Sterbende.

Eine Budenbesitzende lag auf dem Todbette, und schied sehr ungern von dieser Welt, wo sie so viele Früchte an den Mann gebracht hatte. – Ihr Ehegespons stand etwas in Nebel gehüllt vor ihr, und tröstete sie mit den Worten: »Jräme Dir nich darüber, det de sterben mußt; det findt sich Allens, un et wird schon jehen! Seh' mal, eenmal missen wir alle in unsern Leben sterben!« – »Schafskopp!« lispelte die Kraftlose und richtete sich mit Mühe ein wenig empor, »det is et ja eben! I, wenn man zehn oder zwölf Mal sterben müßte, denn würd ick mir aus det eenemal nischt machen!«


Der gute Rath.

Eine Hökerin, die wie alle sehr sparsam war, ging in einen Bäckerladen und forderte sich ein Dreigroschenbrodt. Es wurde ihr ein solches gereicht. Erstaunt über die geringe Peripherie, wog sie es prüfend in den Händen; als sie sich aber auch hier in ihren Erwartungen getäuscht sah, fragte sie: »Is denn det wirklich en Dreijroschenbrodt?« – »Na, ja, wenn es Ihnen nicht recht ist, lassen Sie's liegen!« sagte ärgerlich der Bäcker.

»I er verknet'ter Deechaffe!« schrie die Beleidigte: »Bejies er doch seine Knirpsbrodte mit Wasser, damit se wachsen, oder lass er seinen Schafskopp mit rinbacken, damit se Jewicht kriejen!«


Präsumtion.

Pipern. Dumm, meenste, wär de Jirlinken?

Wölze. Ob se dumm is! Da kann man noch so wat Klujes sajen, sie versteht keene Sylbe davon!

Pipern. Na höre, Wölze, Du hast se doch woll noch nich uf de Probe jestellt!


Erklärung.

(Zwei Hökerinnen sitzen auf dem Markte, ein buckliger Edelmann geht vorüber.)

Schirz. Seh mal, Willichen, den Pucklichen, der da hin looft. Is det nich der adlije Herr?

Willich. Ja, det is en Ast von seinen Stammboom.


Da hat er doch recht.

(Zwei Mädchen gehen mit ihren Körben auf der Straße.)

L. Hanne! Kennste nich den Kerl da drüben mit den dicken Bauch?

H. Den? den kenn' ick wie'n Silberjroschen!

L. Der kann ooch lüjen wie jedruckt.

H. Wie sodenn?

L. I, neilich war er bei'n Brauer Dünne, wo ick immer de Kleenen Zimmpräzels hin brinje, – da kam der Kerl ooch, un bat Herrn Dünnen um ne Unterstützung, un meente, er mißte vor Hunger sterben. Wat meensten dazu? Solchen Bauch, un vor Hunjer sterben!

– H. Da hat er janz Recht jehatt, Lowise; denn der Bauch jehört ihn nich, det is den Resterateer seiner, wo er schonst en Jahr uf Pump frißt, un noch keenen rothen Heller bezahlt hat.


Jede hat ihre Ansicht.

Hempel. Lorenzen, wat meenste, worum hat denn det Freilein da drüben so'n kurzet Kleed an?

Lorenz. Nu, weil et bei die hinreichend Zeit zum Wachsen hat, eh' se sich en neuer anschafft! –

Hempel. Ne, da irrste Dir, Lorenzen. Sie hat blos Angst vor't Stolpern: weil se früher in det lange Kleed so ofte zu Falle jekommen is.


Suum cuique!

Ein großer, äußerst magerer Herr wollte neulich bei einer Hökerin, welche der Flasche etwas stark zugesprochen hatte, Obst kaufen. »Was soll ich für diese Birnen geben?« fragte er. »Jeld!« war die Antwort. –

»Liebe Frau, sie scheint mir zu viel getrunken zu haben!«

»Un er zu wenig jejessen!« antwortete die Hökerin sarkastisch.


Rangstreit.

Ein Käsehändler und eine Butterhändlerin waren in der Kirche und beide im Begriff, einen der vordersten Plätze einzunehmen. Der Erstere war der Glückliche und wollte sich eben niedersetzen, die Butterhändlerin schob ihn aber zurück und nahm mit den Worten Platz: »Erscht kommt de Butter, un denn der Käse!«


Kein Wunder.

In einer Straße bei dem Neuen-Markte hielt ein Leichenwagen, der einen Doctor, welcher nie viel Praxis gehabt halte, zu jenem Orte führen sollte, wo er mehrere seiner Patienten wiederfinden mußte. – Endlich wurde der Sarg heruntergebracht und der Wagen setzte sich in Bewegung.

»Köhlern!« rief eine Hökerin der andern, gegenübersitzenden zu, »wie jeht et woll zu, det den Docter fast jar Keener von seine Bekannten folcht?«

»Weil se alle schon voranjejanjen sind!« war die Antwort.


Gar keine Zeit.

Ein Herr fragte neulich zur Mittagszeit eine Hökerin, was die Glocke wäre. »Nischt!« war die Antwort.

»Wie so?«

»Nu, et is noch nich mal Eens


Verdienst.

Ein Kaufmann ging bei zwei Hökerinnen vorüber. »Wat meensten?« hob die Eine an, »der Armee-Lieferante hat neulich en Titel jekricht!« – »Den hett er verdient!« antwortete die Andere.

»Na, det möcht' ick wissen! Wie sodenn!«

»Weil er sich in Krieje jut jenommen hat!« war die witzige Antwort.

   

 

Lied der Hökerinnen.

Mir kümmert jar nischt in de Welt,
Ick dhue mir nich jrämen;
Wen meine Waare nich jefällt,
Der kann sich andre nehmen.
Man immer rann, Herr Muschketir!
Recht saft'je Perjemotten hier!
Was sächt er? Sind nich scheene?
Mach' er sich nich jemeene!

Madamken, keene Aeppel heit?
Sechs Jroschen man de Metze.
Ick jlobe sie is nich jescheidt;
Wat hör ick da? wat red't se?
Drei Silberjroschen biet' se mir?
Na, Schönste, pack se sich von hier
Mit ihren Hut un Freese,
Ick wünsch ihr jute Reese!

   

Was steht ihr denn un kuckt hier zu?
Wech von de Äeppels, Jeeren!
Hier, bester Herr, nach ihren Ju,
Janz reife Stachelbeeren.
Na jeh' er man, er hat keen Jeld,
Ick hört, wie em der Magen bellt;
Er macht sich ja jemeene,
Freß' er doch Kieselsteene!

Wie ist, Herr Kriegsrath? Komm'n Se her
Un rühr'n Se mal den Daumen!
Wat wünschen Sie'n, Herr Sekerteer?
Recht scheene blaue Pflaumen!
Na, soll ick messen, bester Mann?
Man immer rann, man immer rann!
Na womit kann ick dienen?
Recht saft'je Appelsinen!

   

So handl' ick un verdiene Jeld,
Un dhue mir nich jrämcn;
Wen meine Waare nich jefällt,
Der kann sich andre nehmen.
Am Dage ruf' ick Käufer rann.
Det Abend's keil' ick meinen Mann,
Un Sonntach's heeßt et: schnüren,
Nach Moabit kutschiren!


Verschiedene Meinungen.

»Et jeht doch nischt über ein jutes Jlas Schnaps!« sagte ein Sonnenbrater zu seinem Kameraden, indem er eins hinunterstürzt«. »'Ne Putelje is mir doch noch lieber!« antwortete dieser.


Die Betrübnisz.

Ein Eckensteher, der wie alle die Bequemlichkeit und Ruhe über Alles liebte, lag in der Sonne und schlief. Man weckte ihn und sagte ihm, daß sein bester Freund so eben gestorben sei. Er hörte die Nachricht gelassen an, drückte die Augen wieder zu und sagte: »Na, da werd' ick ochsig betrübt sind, wenn ick nachher wieder ufwache.«


Der ungehorsame Hund.

Ein Sonnenbrater hatte einen großen Hund, der einen vorübergehenden Stutzer, welcher mit seiner Reitgerte hin und her focht, anbellte und am Rocke festhielt. Dieser schritt, nachdem er sich von dem Wüthenden losgemacht hatte, zu dem Eckensteher und fuhr ihn zornig an: »Wie kann er sich solchen Hund halten? das werd' ich der Polizei melden. Das Thier hat mich angepackt – und das darf nicht statt finden!« – »Verdammte Thöle!« rief der Eckensteher, und gab seinem Hunde einen Tritt, »ick habe Dir schon so oft jesagt, Du sollst Dir nich mit All un Jeden inlassen!« Der Stutzer ging ruhig weiter.


Er will nicht.

A. Hör mal, Lude, wollen wir einen Schnaps zu uns nehmen?

B. Nee!

A. Na worum denn nich?

B. Nee, ick will nich!

A. Na aber worum denn nich?

B. Weil ick immer zwee trinke!


Eben darum!

Ein betrunkener Eckensteher kam zu einem Prediger und sagte: »Herr Paster! ick will mir scheiden lassen!« – »Warum denn?« – »Ja, meine Frau drinkt zu ville Schnaps.« – »Zuviel Schnaps?« fragte verwundert der Prediger »und darüber beklagst Du Dich, der Du täglich betrunken bist?« » Eben dadrum!« antwortete der Eckensteher, eener muß doch in de Familir sind, der nüchtern is!«


Die billigste Art.

Ein Herr, der auszog, hatte eine Kommode vor die Hausthür bringen lassen und holte sich einen Eckensteher, der dieselbe forttragen sollte. »Was wollen Sie dafür haben?« fragte der Herr. »Zehne!« war die Antwort. »Ach! nicht wahr? Mehr als fünf Silbergroschen geb' ich nicht!« »Det haben Se ooch nich nöthig,« antwortete der Eckensteher, »lassen Sie se man da stehen un warten Se bis et Nacht is, da drägt se Ihnen eener umsonst wech!«


Die Anfrage.

An vielen Eckhäusern in Berlin findet man Schilder angeschlagen, auf welchen die Worte stehen: Dieser Ort darf nicht verunreinigt werden. Ein Eckensteher handelte aber in der Dämmerung grade unter dem Schilde gegen dies Verbot, und schrieb dann die Worte darunter: » Worum nich?«


Komisch.

Zwei Eckensteher standen vor dem Bilderladen des Herrn Sachs in der Jägerstraße und lasen eben die Worte: »In Stahl gestochen von Weiß.« – »Du!« sagte der Eine, »det is doch ooch komisch, det se jetzt die Kupperstiche in Stahl stechen!«


Wortspiel.

Ein Eckensteher forderte sich in einer Destillations-Anstalt ein Glas Korn und stürzte es hinunter. Gleich darauf ließ er sich einen Offizier So nennen sie eine Mischung mehrerer Sorten Branntwein. D.B. einschenken. »Wat willsten nu damit?« fragte ihn einer seiner Collegen, »worum forderste Dir denn mit eenmal en Off'zier?« »Den will ich uf's Korn nehmen!« antwortete jener, und ließ den flüssigen Militair hinabgleiten.


Der Gutmüthige.

Ein Bürger ließ sich einen Sonnenbrater holen, der ihn, weil es grade Ostern war, beim Ausziehen aus seiner Wohnung einige Meubel tragen sollte. Sie konnten aber nicht einig werden; der Erstere wollte zu wenig geben, und der Letztere zu viel haben. Da nun der Bürger, trotz aller Erklärungen, nicht zulegen wollte, so ging der Eckensteher fort, machte aber die Stubenthür nicht zu. »Warum läßt Er denn die Thür auf?« rief ihm der Bürger erzürnt nach. »Damit Ihnen det Ziehen nischt kost!« war die Antwort.


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