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Titelblatt

III. Heft.
Berliner Holzhauer und Beschreibung des Stralower Fischzuges

Mit einem colorirten Titelkupfer.

Sechste durchaus veränderte und vermehrte Auflage.

Leipzig, 1845.

Verlag von Ignaz Jackowitz

Berliner Holzhauer

Berliner Holzhauer

 

Berliner Holzhauer.

Der Hauptcharakterzug dieser Leute ist ein unendliches Phlegma, an welchem die ewig« Gleichheit, oder wie Schiller sagt, die Dasselbigkeit ihres Geschäfts und Lebens schuld ist. Jede andere Arbeit der niederen Volksklasse findet schon in der Oeffentlichkeit ihre Abwechselung, die Holzhauer aber befolgen eine Regelmäßigkeit in ihrem Thun und Treiben, die durch keine äußere Einwirkung unterbrochen wird. Essen, Trinken, Trinken, Schlafen, Vergnügen und Arbeit: Alles hat bei ihnen eine genau bestimmte Zeit, in welcher kaum die verschiedenen Jahreszeiten eine Aenderung hervorbringen.

Sie sind, fast ohne Ausnahme, verheirathet. Ihre Frauen haben aber nicht nur die Wirthschaft zu führen, sondern helfen entweder im Geschäft, indem sie das kleingehauene Holz in die Keller tragen, oder tragen auf andere Weise ihr Scherflein zur häuslichen Kasse bei.

Die Holzhauer gehen früh Morgens, leicht und keineswegs nach dem letzten Modenkupfer gekleidet, aus ihrer kleinen Behausung fort, tragen Säge, Bock und Beil und erwarten am Orte ihrer heutigen Thätigkeit den Wagen vom Holzplatze.

Nachdem sie eine Stunde gearbeitet, kommt die Frau mit dem Morgenkaffee, von dem mehrere Schalen in den – mit Ausnahme eines bereits dankbar entgegengenommenen Schnapses – nüchternen Magen gegossen werden. Gegen zehn Uhr wird zweites Frühstück abgehalten; der Mittag wird genau nach der Sonne genommen und nicht vornehm hinausgeschoben; ihm folgt ein kurzer Schlaf auf dem Hausflure, und dann die eifrigste, nur vom Nachmittagskaffee unterbrochene, schwere Arbeit.

Nach vollbrachtem Tagewerk geht der Holzhauer in den, das Wirthshaus ersetzenden Victualienkeller, wo sich ihm ein außerordentlich starkes Spiel Karten von 32 Blättern oder ein unterhaltendes Gespräch zur Erholung darbietet. Der Sonntag Morgen findet ihn gewöhnlich in der Kirche, der Nachmittag vor dem Thore, wo es so lustig wie möglich zugeht, und das Familienhaupt so lange trinkt, bis es seine Frau und Kinder doppelt sieht: was sein erhitztes Blut plötzlich wieder abkühlt.

Nachdem wir wissen, was die Holzhauer thun, erlauschen wir das, was sie sind, wohl am Besten aus ihren Gesprächen.

 

Eingabe eines Holzhauers, der sich von seiner Frau scheiden wollte.

Untertäniger Stadt Gerüchts Minister!

Allerhöchste Eingabe, Cito.

Meine Frau ist ein Satan, und wann Eier Eckselenz ebensonnen Satan hätten, so würden sie Ihm los sind wollen, wie ich. Ich waage Eier Eckselenz Die bitte daß, sie mal bedengen sollen, wann man als Mann das Seinige dhut, was man noch dhun soll un warum einem die frau schikanisirt? Das kennen sie nich verlangen, Herr Minister, daß Sie mir keilt. Den Mann steht die Keile zu, un wenn sie es dhut, so is es gegen die Grunsätze der Natur, und das ist ein Kriminellfall. Wer kann mir keilen Herr Eckselenz? Ich frage, wer kann mir keilen! Niemand nich! und warum soll ich mir das von meine Ehe gefallllen lassen, die in entgägenjesetzten Fall steht. Wirden sich Denn Eier Eckselenz von meine Frau keilen lassen. Gewiß nich. Na also!

Diese auf meiner Ehre gemachte Vorstellung werden Eier Eckselenz noch Einer aufklärung dedürftich sind, wenn ick noch in't Bette lüge, so stößt Se mir in den Ribben und sacht stehuf, und steht mir nu grade der Kopp nich recht, so genistt Sie zum erschten Frühstück sehr vill Hiebe. – Un dann schreit Sie Luder oder Aasknochen oder was ihr grade in Mund kommt und dann geh ich, dann dann ist es Zeit, sonst wird sie eklich. – Zum Kellerschmeißen bring ich ihr sehr selten, denn bei uns liecht ein Husar in Schlafstelle, un da meint sie, hätte Sie viel zu thun Ehr sie fertig wird, un weil wir 2 Stück Kinder haben so is es wahr deß die Wirthschaft keen Spaß is, un Herr Eckselenz wirden manchmal ooch keen Holz rinschmeißen kennen, wenn sie die beiden Kinder zu besorgen hätten, un der Husar Ihnen ooch noch uff den Halse lege. Also wollt' ich Eier Eckselenz bitten, daß Sie uns auseinander Scheiden lassen, weil Sie mir keilt, und ich dagegen bin. Aber ich muß Eier Eckselenz bitten, daß meine Frau nichts davon erfeert das ich an Ihnen geschrieben weil Sie sonst böse wird. Der ich die Ehre habe

Einen unterthänichsten Stadtjerüchts-Minister
Eckselenz
Dero
Friede Brummkippel
in den Keller gleich hintern
Dhorwech.

 

Der Holzhauer Derber vor Gericht.

Referendarius. Sind Sie der Holzhauer Derber?

Derber. Ja, junger Mensche, dieses schmeichle ich mir zu sind. Dhun Se man nich so, als kennten Sie mir nich. Wer soll ick'n sind, wenn ich nich Derber wäre? Derber bleibt Derber, det is wie zwee mal zwee Viere, dazu brauch' ick nich studirt zu haben. Wozu 'den dieses Fragen nach mein Dasein? Uf mein Dasein können Sie sich verlassen, ick bin!

Referendarius. Sie dürfen nur ganz einfach auf meine Fragen antworten. Sie sind aus Berlin, nich wahr?

Derber. Sehr stark bin ick aus Berlin! Ehr ick jeboren wurde, wohnt ick Chamberjarnie bei meine Mutter; aber dunnemals, wie ick jeboren wurde, war an Ihnen noch nich zu denken. Da hat Ihr Jroßvater kaum dran jedacht, det Sie noch mal en alten Menschen verhören würden. Nachher zog ick aus aus de Chambrejarnie un schrie, weil ick man zwee Beene hatte.

Referendarius. Wollten Sie mehr haben?

Derber. Natürlicherweise! Wenigstens Viere! Mit zwee Beene wird eenen det Kriechen zu sauer, un wer nich Kriechen kann, der kommt zu nischt.

Referendarius (lächelt und nickt mit dem Kopfe).

Derber. Wie ick nu also jeschrieen hatte, det ick man zwee Beene habe, kriegt' ick Zehne.

Referendarius. Zehn?

Derber. Zähne hab' ick jekriegt! Hier sind se ja noch! (er weist ihm die Zähne.) Det is ja eben det Pech, det man Zähne kriegt, un nischt zu beißen hat!

Referendarius. Wie alt sind Sie?

Derber. Wollen Se mir wat zu meinen Jeburtstag schenken? Verjangenen Mittwoch über vierzehn Tage bin ick en Jahr älter als vor'm Jahre um diese Zeit. Det macht jrade 35 nach Adam Riesen. Ick bin 1806 jeboren, wo sich mancher Lausejunge dicke jedhan un en jroß Maul jehabt hat, der nachher sehr stille war.

Referendarius. Religion?

Derber. Rölüjüon?

Referendarius. Welcher Religion Sie sind.

Derber. Ach so, ick dachte, ick sollte Ihnen nachsprechen. Evanjelisch mit Lethgrjie, aber keen Muckerbold oder sonst so'n frommer Schuft, der Jot un de Leute bedriegt.

Referendarius. Sind Sie schon ein Mal in Untersuchung gewesen?

Derber. Ne Jott bewahre: zwee Mal! Een Mal, wie ick keene Arbeit hatte, untersucht ick mir, ob ick nich von'n Wind leben könnte, denn uf'n Wind sind noch in China nich so 'ne hohe Steuern, det Millionen über Millionen in de Schatzkammer kommen un det Volk verhungert, un kurz daruf war ick hier in Untersuchung, weil ick mir bei einen reichen Bäcker zwee Dreijroschenbrodte jeborgt hatte, ohne ihm wat davon zu sagen.

Referendarius. So?

Derber. Ja, un da hab' ick blos Acht Wochen jesessen, weiter nischt, und daweile hat meine kranke Frau Allens verkoofen müssen, wat noch an Meubeln und Kleedungsstücke unser war, un denn is mir blos een eenzijet Kind jestorben, weiter jar nischt (Er unterdrückt eine Thräne). Et war zwar mein liebstes, die kleene Lowise, aber da ick noch Drei habe, so schadte det nischt. Sehn Se mal, Herr Refendarjus, ick will Ihnen sagen: an uns arme Leute is jar nischt jelejen. Wenn so'n vornehmer Schuft, der für seine Nebenmenschen ufzutreten hat, man blos en jnädijes Wort erhaschen kann, denn können meinswejen Dausende von uns unterjehen, det kümmert so'nen Hund nich.

Referendarius. Mäßigen Sie sich und beantworten Sie nur meine Fragen.

Derber. Herr Refendarjus, ick bin ein sehr ruhiger Mensch, wenn ick Arbeit habe, aber wenn ick hier stehe, weil ick eenen Jerichtsdiener, der mir det Letzte, wat ick und meine Familie noch hatte, wegnahm und dabei noch jrob war, 'ne Maulschelle jejeben habe, denn kann ick mir, denn will ick mir nich mäßigen! Sehn Se mal, Herr Refendarjus, ick hatte mir bei't Holzhauen mit bet Beil in'n Fuß jeschlagen, un det wurde so schlimm, det ick liejen mußte un nich arbeeten konnte. Na un nu konnt' ick nischt verdienen, det sieht en Ochse in! Na un wat de Armen kriejen, det hält erschtens sehr schwer, un nachher drägt et noch de Katze ufn Schwanz fort. Denn Fromme haben wir jenug, die reich sind, aber det sind blos Heuchler; denn wenn se wat an de Armen jeben sollen, wat doch de Hauptsache is, denn is et so blutwenig, denn machen se sich so ordinär, det ihre Frömmigkeit blamirt is.

Referendarius. Genug, genug!

Derber. Schön! (Er dreht sich um und will gehen.)

Referendarius. Halt! Sie sind noch lange nicht fertig!

Derber. Ach so, ick dachte, Sie hätten jenug an meine Unterhaltung. Wenn et nich is, ooch jut! Denn wer' ick Ihnen noch en paar Jeschichten erzählen. Lieben Sie die jraulichen, denn will ick Ihnen eene vordragen, die mir selbst mit meine Frau un drei Kinder passirt is, wie wir aus't Haus jeschmissen wurden, weil wir nich jleich Sechs Dhaler Miethe bezahlen konnten. Zufällig war aber jrade sehr schönes Wetter, un der Wirth wollte uns blos aus Besorgniß in die frische Luft schicken, weil wir Alle unwohl waren, un zehn Dage hinternander in de Stube bleiben mußten. Diese Jutmüthigkeit von den Schurken den Wirth verfehlte aber ihren Zweck, weil wir wenig Zeug uf den Leibe hatten, un weil et jrimmig kalt war.

Referendarius. Sehr traurig, aber ich darf mir keine Zeit abmüßigen, Ihre Geschichten anzuhören.

Derber. Nich? Is det ooch nich erlaubt, daß man sein Unglück nich klagen derf? Jott hört doch Allens an, warum denn nich die Rejierung, die doch, jejen Jott jehalten, nich Sechs Pfennige werth is. Aber hörn Se mal, Herr Refendarjus, die eene Jeschichte werden Se doch wenigstens aushören derfen? Sehn Se mal, wie wir Alle so in't jrößte Elend mitten in Winter uf't freie Feld rumliefen, so hatten wir doch noch en paar Kostbarkeiten, ick un meine Frau. Nämlich wir Beede liebten uns un waren alle Beede eigensinnig, un hatten immer jehungert un alles Unjlück ausjehalten, ohne unsere Trauringe zu versetzen. Meine Frau sagte immer: so wie die von unsere Fingern sind, so hört unsere Liebe uf un unsere Ehe wird unjlücklich. Na da haben wir immer jehungert un jefroren un uns verachten un verstoßen un wie Hunde behandeln lassen, un nu jrade haben wir unsere Trauringe behalten! Aber den Dag jing det nich mehr: die Kinder konnten sterben! Wir hätten se zwar können villeicht durch Vorsprache un nach langen Loosen un Quälen in 'ne Anstalt anbringen, aber da waren se villeicht schon dodt jewesen, un denn liebten wir ooch unsere Kinder un wollten se nich jerne entbehren un ooch nich verbibeln lassen. Un da sagt' ick zu meine Frau: Hör' mal, Juste, sagt' ick, seh' mal, meine Mutter hat mir immer erzählt, det sie un Vater den preußschen Staat nich blos mit ihre Söhne aus de Patsche haben bringen helfen – denn meine beeden ältsten Brüder sind jeblieben – sondern ooch mit ihre joldne Trauringe. Die haben se nämlich, als se dazu aufjefordert wurden, uf de Rejierung jebracht, un die hat ihnen eiserne Ringe davor jejeben. Na un die eisernen Ringe, die sind uns jeblieben, sagte Mutter immer, die hab' ick noch in'n Kommodenkasten zu liegen. Weeßte nu wat, Juste: ick versetze unsre joldnen Trauringe un koof' uns en Paar eiserne, un die halten so lange unser Ehejlück fest, bis mal der Himmel en Einsehen hat un't uns besser jetzt, un wir die joldnen wieder einlösen können. Un det jeschah, ick versetzte un wir konnten us'ne Zeit lang wieder wohnen. Un denn konnt' ick wieder arbeeten, so lange ick gesund blieb.

Referendarius . Ist denn Ihre Ehe nun trotz der eisernen Ringe glücklich geblieben?

Derber . Ne! Ick will det ooch nich det Versetzen zuschreiben, aber sehn Se mal, Herr Refendarjus, uf de Länge kann 'ne Ehe nich jlücklich bleiben, wo so ville Noth un Elend ist! Sehn Se mal.....

Referendarius ( ihn unterbrechend). Still, lieber Derber! Es thut mir leid, aber ich darf jetzt Nichts mehr anhören, sondern muß Sie vernehmen.

Derber. Ach worummen nich mehr anhören? Sehn Se mal, ob ick eenen Dag früher oder später zum Sitzen komme, darum geht der Staat nich unter. Sitzen muß ick, det is richtig, un det schadt ooch nischt, ick bin doch blos als Mensch jeboren, um et ville schlechter als en Vieh zu haben. Aber wat mir weh dhut: meine Frau un meine Kinder, die werden nu verhungern. Na sehn Se mal, desto eher kommen se in 'n Himmel, un wat ooch noch jut ist, se haben jleich Apptit, wenn se rufkommen. Un wissen Se wat, det ville Reden hilft zu nischt, un jetzt steh' ick hier, un nu machen Se mit mir, wat Se wollen, wenn Se noch eene Sylbe von mir rauskriejen, denn will ick so nobel un so ehrlich werden wie die Leute, die niemals jehungert haben un aus't Haus jeschmissen worden sind!

 

Bei der Arbeit.

A. (schneidet sich ein Stück Speck ab). Steht schonst wieder in de Zeitung von Auswandern. Weeß doch der Deibel, det die Leite jetzt alle in andere Welttheile wollen, un et steht doch jeschrieben: Bleibe in Lande un nähre Dir röthlich. (Er nimmt einen Schluck Kirsch.)

B. Nu lasse doch! Worum werden sie't dhun? weil se hier nischt zu beißen haben, un weil sie jlooben, da wächst Allens uf de Beeme, un se brauchen man Teller zu sagen, denn haben se Kuchen.

C. Oder se sagen Pulle, denn haben se Schnaps.

B. Ja.

E. Sag' mal, Bolle, da bei Nordamereka, da derf woll en Jeder dhun wat er will, da jjbt et woll keene Schandarmen?

B. Nee, wie soll'n die da rüber kommen? Et misten denn mal welche auswandern, un det dhun se nich, weil da't Tobackroochen keene zwee Dhaler kost, sondern Jeder sich seinen Toback stanzen kann un alleene ufroochen.

A. Ja, et muß recht hübsch da sind in Nordamereka. Det kann ick nich leugnen, ick möchte schonst rüber, wenn mir Eener umsonst mitnehmen dhäte; denn ick jloobe Holzhauersch jibt et da noch nich, un da ließe sich en jutet Jeschäft machen, da macht ick keenen Haufen unter zehn Dhaler, un forderte mir wenigstens zwanzig Silberjroschen Bierjeld. Un ick jlobe, die Nordamerekaner die jeden et ooch, denn die wissen en Deibel wat Bierjeld is, un jloben det jehört dazu.

B. Na höre! wenn De die Nordamerekaner vor dumm verkoofen willst, denn biste uffen Holzwech; die haben de Engländer kluch jemacht.

A. Wiedenn? Wie meensten bet? Die Engländer haben die kluch jemacht, oder haben die de Engländer kluch jemacht?

B. (unwillig). Nimm det wie de willst. So vill is jewiß, Dir hat noch Keener kluch jemacht, und Du wirschst ooch Keenen kluch machen.

A. Sonnen Schaafskopp wie Dir wenichstens nich.

B. Na denn wer ick Dir mal kluch machen! (Er giebt ihm eine Ohrfeige.)

A. (sieht ihn verwundert an). Soll det en Witz sind?

C. Nee, en Witz hat er nich damit machen wollen, aber er muß doch bei den Streit det Recht uf seine Seite haben, denn er hat Dir jeschlagen. –

 

Gespräch wischen einem Bürger und einem Holzhauer.

(Der Holzhauer steht in der Stube des Bürgers an der Thür, und hat die Mütze unter'm Arm.)

H. Na, alleweile sind wir mit den Haufen fertich jeworden; meine Frau feecht noch die Speene zusammen.

B. Gut. Und was bekommt Ihr nun?

H. O, det weren Sie schonst wissen! Det is ja nich det Erschtemal, det wir Ihnen jehauen haben.

B. Ja, aber diesmal war das Holz so glatt und schön, daß Ihr weit weniger Arbeit damit gehabt habt.

H. Meenen Se wirklich? Ne da irren Se sich! Die dicken Knubbels haben Se woll nich jesehen, die mang waren, un wodruf sich mein Cammerate seine Aexsche janz zu Schande jehauen hat?

B. I wer weiß, wie der Mensch d'rauf losgehauen hat.

H. (sieht ihn groß an). Na, det lassen Se man jut sind! Wat Hauen belangt, da wissen wir alle Bescheed, denn Ihr Holz is nich det erschte wat wir hauen; un wird Jott sei Dank ooch nich det letzte sind. Un denn überbem, wir haben schonst Jrafen jehauen un Jeheimeräthe un Barone un Alle, aber von Alle die soll noch Eener jekommen sind, un soll jesacht haben, det wir ihn schlecht jehauen haben!

B. Davon ist ja die Rede auch nicht! Sagt nur, was ich zu bezahlen habe.

H. Det wissen Se ja – een Haufen macht 5 Dhaler Curant.

B. Aber, lieber Mann, da verbient Ihr ja Jeder über einen Thaler.

H. Nu, wat is denn det? Det is woll ooch wat, en Dhaler? Un denn sind wir doch ooch keene Dagelöhner, die sich den janzen Dach vor 10 Sgr. puckeln missen! Unser Jeschaft kann nich Jeder dreiben, un wie lange kann Unsereens denn hauen? Det kommt selten vor bei uns, bet eener sein 50jährijet Jubeleum als Holzhauer feiert, un wenn wir uns nich en Nothpfennich zurückjelegt haben, un sind alt und haben uns de Knochen mürbe jehauen, denn jibt uns keene Seele en Sechser, un denn heeßt et: nu knabbert Euch det Fleesch von Leibe runter, wenn ihr nich verhungern wollt.

B. Nun, hier sind die fünf Thaler.

H. (steckt das Geld ein und bleibt stehen). Na, wie is et denn?

B. Was denn nun noch?

H. Na hör'n Se, ohne Bierjeld wer'n Se uns doch nich ...

B. Auch das noch? Nein, nein, Ihr habt genug! Ich gebe keinen Heller mehr.

H. Nich? So? Na, lassen Se't man jut sind, det hat nischt zu sagen. Darum laß ick mir ooch noch keene jraue Haare wachsen; et jehört zwarsch dazu, aber wenn't nich is, denn is et nich. Na, schlafen Se recht woll, det hat nischt zu sagen. (Er geht und wirft mit aller Kraft die Thür hinter sich zu.)

B. (kommt schnell heraus und schreit mit kupferrothem Gesicht). Was soll denn das heißen? Warum wirft er denn die Thür so?

H. (sieht sich auf der Treppe nach ihm um). Nee, nu lassen Se man sind, nu nehm' ick keen Bierjeld, un wenn Se mir en Dhaler bieten!

B. (wüthend). Untersteh' Er sich solche Dummheiten noch 'mal!

H. Nee, Se können mir bieten, wat Se wollen! Ooch nich en Pfennig nehm' ick.

B. (immer wüthender). Was? Er will mich wohl noch foppen, er dummer Kerl?!

H. Nee, wie jefacht, jeben Se sich keene Mühe! Det war ja man mein Spaß, wie ick mir von Ihnen Bierjeld foderte. Wenn ick wirklich mal Bierjeld nehme, so seh' ick mir meinen Mann an, aber von All und Jeden nehm' ick keen Bierjeld! Nee! Da könnte am Ende Jeder kommen, un wollte mir Bierjeld jeben!

 

Holzhauer verschiedener Farbe.

Schwemmbach. Sag 'mal, Pudrich, Du bist ja en jelehrter Kerrel: wat is det jetzt mit unsre Verfassung, wovon alle Dage in de Zeitungen steht, un uf die die Stände in Königsberg bei de Huldejung anjedragen haben, un die unser König nich jeben will. Ick halte nischt von Verfassung.

Pudrich. Ob Du was von Verfassung hältst oder nischt, det is Wurscht. Die Sache is so: Ick weeß zu urtheilen, denn mir is et nich an de Wieje jesungen, det ick mal Holz hauen sollte. Ick bin erschtens mal weit in de Schule jekommen, un denn hab' ick immerzu Zeitungen un Bücher jelesen, un uf diese Weise...

Wockewitz. Du, det kennen wir schon, det is Deine Bierjrafie, die Du alle Dage erzählst.

Pudrich. Halt's Maul! Also die Stände in Königsberg, die haben uf die Constution anjetragen, die der vor'je König uns, sein Volk, aus Dankbarkeit versprochen hat, weil wir ihm sein Land jerettet haben.

Schwemmbach. Na un nu?

Pudrich. Na un nu haben wir det Versprechen.

Wockewitz. Na wir haben ja de Landstände.

Pudrich. Ja!

Wockewitz. Na wat haben die vor Rechte?

Pudrich. Die können wat durchlesen un besprechen, un können noch wat von det Unjlück in ihre Provinzen erzählen, un denn können se en Jutachten an's Misterium einschicken. Un nachher können se denn ooch noch Allens jut achten, wat jeschieht un nich jeschieht.

Schwemmbach. Na nu alleweil achten se woll jut, ob et Krieg soll werden oder nich?

Pudrich. Theekessel! Ueber so wat haben se nich mit zu reden! Un denn is ja noch jar keen Krieg möglich mit de Franzosen. Ick wenigstens kann mir keenen denken.

Wockewitz. Woso?

Pudrich. Na wie kann man denn Leute dodtschießen, die eenen jar nischt jedhan haben un die man jar nich haßt? Die Franzosen haben uns nischt jedhan un haßen uns nich, un wir Deutsche haben de Franzosen nischt jedhan un haßen sie nich. Wenn et jejen de Russen jinge, jloob es, hauten wir ehr zu.

Schwemmbach. Ne de Russen lieb' ick un de Franzosen kann ick nich leiden. Det sind Jroßmäuler! Da machen se'n Jeschrei von ihre Constution, un wat is et? Nischt als Skandal un Armuth un hohe Steuern un Allens!

Pudrich. Du bist en Rindvieh! Ick will Dir det erklären.

Wockewitz. Wat'n? Det er'n Rindvieh is, det brauchste nich zu erklären, det wissen wir.

Pudrich. Ne, ick will ihm det polit'sche Verhältniß erklären. Seh' mal, Schwemmbach, denke Dir mal zwee verschiedene Staaten. In eenen Staat is Preßfreiheit un Constution; da wird Allens jedruckt un besprochen, wat im Lande vorjeht, wat vor Niederträchtigkeiten herrschen, wat vor Elend is un so weiter, un da wird Allens übertrieben, damit et bald jeändert wird. In den andern Staat nu, da is keene Preßfreiheit un keene Constution. En Land, det is meine Meinung un die kann ick sagen, en Land, wo keene Freiheit is, Allens zu drucken, da kann der beste König sind, det kann nie jlücklich werden. Denn wo Sicherheit is, det nischt Anstößjes jedruckt werden derf, da können die Schufte alle Schurkenstreiche ausüben; aber ...

Wockewitz. Davor sind ja aber de Jesetze?

Pudrich. Schurkenstreiche sind eben solche, jejen die keen Jesetz wat machen kann, det Andre sind Verbrechen. Aber in en Land, wo Preßfreiheit is, da steht der Schurke morgen früh als Schurke vor de Welt, un da will Jeder, wenn ooch nich besser sind, doch Bessres dhun, weil Allens vor de Oeffentlichkeit, vor det Volk kommt. Wenn z. B. en König weiter nischt will, als sein Volk frei un jlücklich machen, so braucht er ja die Preßfreiheit nich zu fürchten, denn die wird ihn verjöttern.

Wockewitz. Na aber, welche falsche Jerüchte un wat vor Bosheit kann denn jedruckt werden!

Pudrich. Schaafskopp! Kann nich gestohlen, nich bedrogen werden? Un der Spitzbube wird nich mal immer jekriegt, aber der öffentliche Verläumder is jleich da, un denn sind eben so jut wie bei alle Verbrechen Jesetze da, die ihn bestrafen. Un wo Preßfreiheit is, da schadt Verläumdung nischt; da stehen morjen, statt Eenen, der mir schlecht gemacht hat, Hunderte uf, die mir wieder jut machen.

Schwemmbach. Na aber hör' mal, Pudrich, ick habe mir sagen lassen, wir wären noch nich reif vor die Preßfreiheit? Del die Preßfreiheit jut wäre, könnte Keener leugnen, alleene aber, wir waren noch nich reif dazu.

Pudrich. Det is jrade so wie Der, der nich eher in't Wasser jehen wollte, als bis er schwimmen könnte. Für de Freiheit kann man nich anders reif werden als durch de Freiheit! Wenn De in't Wasser schwimmen willst, un nich versaufen, denn mußte doch erscht in't Wasser jehen un Dir inacht nehmen un schwimmen lernen?

Schwemmbach. Ja!

Pudrich. Na siehste!

Wockewitz. Det mit det Schwimmen bejreif' ick; in wofern det aber mit de Preßfreiheit zusammenhängt, da stuckert et in meinen Kopp.

Schwemmbach. Na aber ick bejreife det nich, wo der det Allens herhat, der Pudrich!

Wockewitz. Ick ooch nich.

Pudrich. Janz eenfach: ick habe meinen Natürlichen, un denn les ick un denn sprech' ick mit Leute, un denn denk' ick nach.

Schwemmbach. Na ick habe doch ooch meinen Verstand, aber so wat fällt mir nich in.

Pudrich. Na kannst Du denn lesen?

Schwemmbach. Wui!

Pudrich. Det is schade, sonst hättste villeicht können Directer werden, un denn hätt' et Dir jewiß nich an Jnade jefehlt. Na seh' mal, wenn De lesen kannst, denn mußte lesen, un wenn De denn Deine fünf Sinne zusammennimmst, denn wirschte ooch verstehen wat vorjeht in de Welt.

Wockewitz. Na wenn De doch so klug bist, denn sage mir mal, wie is det mit Hannofer un mit Hessen-Cassel.

Pudrich. Von Hannofer un Hessen-Cassel red' ick nich mehr.

Wockewitz. Und mit Bayern?

Pudrich. Von Bayern red' ick ooch nich mehr.

Schwemmbach. Na wovon redsten?

Pudrich. Von England un Frankreich.

Schwemmbach. Ne von Die wollen wir nischt mehr wissen. – Sag' mal, ampopo, wie is det mit die viele Frömmigkeit, die sich jetzt so breet macht?

Pudrich. Mit die viele Frömmigkeit is et Essig! Ick halte nischt uf die Frommen, die 'n Jeschaft davon machen. Ick habe immer gefunden, deß det die schlechtesten, miserabelsten Kerrels uf Jottes Erdboden sind. Seh' mal, wenn wir fröhlich sind, det is Jott am liebsten. Thue recht un scheue Niemand. De menschliche Natur streit't ja schon jejen solche Jesellschaften, wo jebet't wird, un so jar jeien det, deß man's in de Familie dhut. Frage sich mal jeder Mensch, ob er nich am liebsten stille alleene vor sich bet't, un ob es ihn nich schämt, selbst in Jejenwart von die Personen zu beten, wo er sonst allens Andre abmacht un wo ihn nischt nich genirt, selbst vor de Frau un den Bruder oder den Vater is et ängstlich zu beten. Da sagt also de natürliche Stimme in uns schon: Jott will Dir alleene hören.

Wockewitz. Du, da is ja hier in Berlin sonne popelleere Schrift über die Furcht vor de Pietisten erschienen?

Pudrich. Ja, die hab' ick ooch bei meinen Studenten, der bei mir in't Haus wohnt, jelesen, die is aber sehr dämlich, oder will dämlich sind, wie mein Student sagt. Da stellen se sich drin an, als ob det Volk blos Furcht vor de Pietisten hätte, weil se beten un singen un immer det Maul voll bibelsche Sprüche haben, als ob et Schnaps wäre. Jo nich sehen! Zwar müßten Die schon in jetz'ger Zeit vor Narren jehalten werden, aber im Jrunde wenn Eener en Schafskopp sind will, denn kann er't sind. Det rührt det Volk nich; det Volk is viel zu klug, als det et sich von sonne Esels anstechen lassen sollte. Aber die Sache is man die, wat det Büchelken so dhut, als wüßte't et nich: det Volk wurde dessentwejen unanjenehm, weil et recht jut weeß, det die jrößten Frommen Heuchler sind, un ihre niederträchtjen Witze zu weiter nischt treiben, als um die Dunkelheit, die Dummheit wieder ufzubringen!

Det war et, warum det Volk eeklich wurde! (Er steht auf.) Un jetzt adje; ick muß jehen. (Kehrt wieder um.) Ne etwas muß ick Euch noch miltheilen. Wißt Ihr schon, deß hier jetzt ein Juwelier Duchnateln verkooft, 'wo ne bloße Fassung is un in der Mitte der Brillant fehlt?

Wockewitz. Det is'n juter Witz; so'nen kann ick nich machen.

Pudrich (indem er fortgeht). Davor biste Wockewitz. Du hast den Witz hintenanjesetzt, un det is der eenzije, den De hast.

 

Sterbelitjky in den Septembertagen Berlins 1830.

»Höre, Putferkel, von wejen der Rebelljons-Feierlichkeit, wie et mir arreviren dhat an de Stechbahn. Die Köchen Karline bei mir in't Haus, die hatte ihre Herrschaft jefragt, ob se en bisken nach de Revelution gehen könnte, un nu bat se mir, ob ick mitjehen wollte, un ick sage zu ihr: wünschen Sie bejlitten zu sind, Karline, Sterbelitzky hat wat Jalantes an sich un dhut et. – So heeßt et erscht: et könnte heute keene Revelution stattfinden, der Pollezeipräsedent wäre unwohl un hat absagen lassen. Aber alleene wenn ooch natürlicherweise, ick blieb stehen. Kommt Dir da so'n dicket Unjethüm von eenen Pollzeicumzarjum un sagt zu mir: »Machen Se hier keenen Haufen!«

»Wat,« sage ick un werfe mir in de Brust, »ick soll hier keinen Haufen machen? Ick bin der Holzhauer Sterbelitzky un verbitte mich alle Finessen uf meine Stellung!«

»Wat,« sagt er, »er will sich noch, verdeffendiren,« sagt er, »jejen de Pollezei?« sagt er.

»Na na!« sag' ick, »stille man, stille man!« sag' ick. »Wir sind hier in de Dämmerung; ick brauche hier Keenen nich zu erkennen, brauch' ick nich!« sag' ick.

»Wat!« sagt er, »er will mir nich erkennen? Ick bin der Viertelcommzarjum!«

»Na na!« sag' ick und seh' mir det dicke Jebäude an, »wenn Sie man der Viertelcommzarjum sind, denn möcht' ick mal erscht den Janzen sehen!«

Kaum hab' ick Dir det jesagt, wutsch! zieht det Viertel seinen Dejen aus det Jehänge, un haut mir mit de Plempe über de Viessgnonomie. Na nu aber hättste mir sehen sollen! Na nu jing et los! Denn Du kennst mir: ick bin so lange ruhig, bis ick wild werde, aber uf Wen et denn losjeht, den stört et. Also wat dhu ick? Da an de Ecke steht so'n Prellfahl un ick würgle den raus un kuller'n ihm vor de Beene, det heeßt so, det er ihm unterwejens noch wo anders berührte. Na wie det mein selijer College Beesocker sieht, det ick endlich zulange, so schreit er: »Sterbelitzky!« schreit er, nanu laaß' nich locker! Nanu Rebellion, hurrje!« schreit er, »hotz Donnerwetter, heute is Freitag vor Alle, die keene Keile kriegen!« Na nu hättste sehen sollen, Putferkel, wie wir Commzarjumßens in de Mitte jenommen haben, ohne: ick sei jewährt mir die Bitte! Ick sage Dir, Putferkel, eene fünf Minuten Kloppe, un det war man noch en Achtelcomzarjum! Un natürlich, denn wo zwee solche Kerrels wie ick un Beesocker selijer zusammenkommen, da hält sich en Achtel nich lange. Un ick sage Dir: wenn nich anbefohlen jewesen wäre, det blos flach jehauen werden soll, der Mann mit'n rothen Kragen wäre alle jewesen, der hätte ufjehört. Aber nu laaß' Dir erzählen. Wie wir mitten in de Arbeit sind, kommt ein artijer Jensd'armerie, zieht seinen Säbel, haut meinen Collejen Beesocker mittendurch un sagt: jehen Se gefälligst ausenander!« Kotz Schock Schwerenoth, nu wurd' ick wild! Det verfluchte Flachhauen, davon hab' ick nie wat jehalten! Ick also, ick streefle mir de Aermel uf, und will mir den juten Jungen, den Jensd'armerie besehen, so haut er mir det eene Ohr hier ratzenkahl runter un sagt: »wer nich hören will, der muß fühlen! Un so wie ick mir über den Schlag, der mir jetroffen hat, wundern will, so wer' ich nach Nummer Sicher abgeführt, wo ick mir en Vierteljahr ufjehalten habe.«

 

Anecdoten.


Zweierlei.

»Na wie jeht et Dir denn?« fragte ein Holzhauer seinen Freund, dem er auf der Straße begegnete.

»Mir? Schlecht jeht et mir!«

»Dir jeht et schlecht? Wat drückt Dir denn?« »Wat mir drückt? Zweierlei: erschtens sorg' ick Nahrung, un zweetens hab' ick'n paar neue Stiebeln an.«


Präsumtion.

Während der kalten und regnigten Hundstage sagte ein Holzhauer, indem er langsam den Pfropfen von seiner Flasche zog und sich schüttelte, zu seinem Kameraden: »Ne wahhaftig! Wer bei die Hundstage verrückt wird, der muß doll in'n Kopp sind!«


Das Schicksal.

Heberieth hatte die Gewohnheit, fast allen seinen Reden das Wort: wenn Du willst! anzuhängen. Einst erzürnte er sich mit seinem Freunde Müller und sagte: »Du bist en Schafskopp, wenn Du willst!«

Dieser antwortete: »Un Du bist en Schafskopp, wenn Du ooch nich willst!«


Der gewinnsüchtige Arzt.

»Ne hör' mal, Lehmann, det is aber doch unverschämt von meinem Dokter,« expectorirte sich ein Holzhauer; »nach jeden Besuch, den er mir jemacht hat, hat er mir de Rechnung geschickt. Was sagste dazu?«

»Ja!« antwortete Lehmann, »Den kenn' ick, der is nich anders, der schenkt sich selbst nischt. Wenn Der krank is un verschreibt sich en Recept, denn langt er aus de eene Tasche zwölf Jroschen un steckt se in de andre.«


Ewigkeit geschwornen Eiden.

»Aber Kerl!« sagte ein Holzhauer zum andern, »Du drinkst zu ville Schnaps! Ick lasse mir wahhaftig wat gefallen, aber Du drinkst zu ville! Wenn Dir mal der Schwur abjenommen wird, uf Erden keenen Schnapps mehr zu drinken, denn kletterste uf'n Boom un saufst so lange, bis De dodt runterpurzelst!«


Popularität des Rheinliedes.

In einer Destillations-Anstalt ließ sich ein Bürger ein Glas Branntewein einschenken. »Is des mein Schnaps?« fragte er das Ladenmädchen und wollte zugreifen, als diese bejahte. Ein Holzhauer nahm ihm aber geschwind das Glas fort und ließ den Schnaps mit den Worten: »Sie sollen ihn nich haben!« in seine Gurgel gleiten.


Lied der Holzhauer.

Kamm'raten, frisch haut zu,
Un jönnt euch keene Ruh.
Schmeckt euch de Arbeet ooch nich süß,
Am Abend holen wir det Kies,
Det klimpert in de Taschen,
Un füllt uns unsre Flaschen;
Drum jönnt euch keene Ruh'
Un haut man frisch druf zu

Laßt alle Sorjen sind,
Un drinkt mal hier jeschwind.
So lang die Äxsch' ick heben kann,
Jeht mir de janze Welt nischt an;
Mit det, wat mir beschieden,
Is Unsereens zufrieden;
Drum laßt de Sorjen sind
Un drinkt mal hier geschwind.

Der Haufen is jemacht,
Det Dagewerk vollbracht;
Nu laßt uns jleich zu Hause jehn,
Da woll'n wir in de Schüssel sehn,
Un bei det Kartenmischen
Mit Weisbier uns erfrischen.
Kamm'raten, dollt und lacht,
Der Haufen is jemacht!

 

Der Stralower Fischzug.
Launiges Gemälde.

»Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?«

Kein Tag ist den Berlinern merkwürdiger, kein Tag wird heißer ersehnt, als der vier und zwanzigste August. Schon früh Morgens sind die Straßen belebt; Groß und Klein, Jung und Alt, Reich und Arm, Vornehm und Gering – Jeder hat noch etwas für den Nachmittag zu besorgen. Verkäufer und Verkäuferinnen eilen dem Stralower Thore zu, um ihre Waaren bei Zeiten auszustellen; Elegants laufen in die Pfandleihen, versetzen Uhren und Ringe, um heute das lustige Volksfest mitmachen zu können; Fuhrleute stellen ihre Rippenbrecher in den Straßen auf; Schiffer schmücken ihre Kähne und Gondeln; Hausfrauen eilen in die Läden, um die trockenen und nassen Bedürfnisse des Magens zu besorgen – ja selbst die Droschken bewegen sich heute schneller als je.

So vergeht der Vormittag. Liebedurstende Herzen und vergnügungssüchtige Sinne haben die Minuten gezählt, freudig ergreifen sie jetzt den besten Rock und die schönste Pfeife, die bunteste Weste und die größte Kümmelflasche, denn – der Mittag ist herangenaht, und der große Moment ist da, wo der Verdienst einer ganzen Woche in den Tabagieen Stralow's und Treptow's verschwinden soll.

Eben hat es zwei geschlagen,
Brr! da hält auch schon ein Wagen
Vor des Töpfermeisters Thür.
Und das Kinderheer, nach Sitte,
Nimmt die Hintersitze ein.
In die stuckerfreie Mitte
Setzt das Eh'paar sich hinein.
Endlich auf den vordern Sitz,
Kommt das Mädchen und – der Spitz.
Für der vollen Körbe Heer
Blieb die Unterwelt noch leer.

Fort mit Nadel, Zwirn und Elle!
Ruft der Schneiderkunst Geselle,
Fröhlich und im raschen Lauf
Sucht er die Geliebte auf,
Reißt sie fort von Heerd und Tiegel,
Und als hätt' er Amors Flügel,
Steht er bald im engen Bunde,
In der Brüder frohen Runde.

Weg die Flinte setzt der Jäger,
Und den Hammer nun der Schmied,
Und es nehmen Schornsteinfeger
Heut den Besen auch nicht mit.
Der Friseur verläßt den Puder,
Jeder Zimmermann das Beil,
Wen'ge Schiffer doch das Ruder,
Und der Springer springt vom Seil.
Jeder Krämer läßt die Elle,
Jeder Dichter seinen Reim,
Jeder Maurer seine Kelle,
Jeder Tischler seinen Leim.
Jeder Tapezier den Sessel,
Jeder Brauer Faß und Bier,
Jeder Kupferschmied den Kessel,
Seif und Becken der Barbier.
Jeder Weber seine Wolle,
Jeder Lehrer läßt den Stock,
Jede Köchin die Kass'rolle,
Jeder Kutscher springt vom Bock.
Aus der Mühle geht der Müller,
Jeder Schütze läßt das Schrot,
Es verhallt des Sängers Triller,
Und kein Bäcker backt noch Brod.
Jeder Offiziant legt heute
Seine Akten still bei Seite;
Feder, Bücher, die Studenten,
Der Soldat verläßts Gewehr,
Alle Doctor die Patienten,
Jeder Schleifer heut die Scheer'.
Jeder Koch läßt heut' den Braten,
Alle Wechsler die Ducaten
Den Prozeß die Advokaten.

Kurz, was Beine zum Gehen hat, oder »Jroschen zum Fahren,« zieht hinaus durch die Mühlenstraße zum Thore. Immer dichter und dichter drängen sich die Massen zusammen. Schaarenweise, Arm in Arm, gehen die Subaltern-Mitglieder der edlen Pechkunst, und pfeifen und singen; schon vernimmt man von Zeit zu Zeit einige aus den tiefsten Tiefen der Seele gepreßte Interjektionen, als: »Grober Flegel!« »Lümmel!« ja! es befreit sich sogar ein »Ochse« aus dem zarten Munde einer aufgedonnerten Köchin, deren Arm von einem vorüberfliegenden Barbiere unsanft touchirt wurde. Aber das perpetuum mobile laßt diese Schmeichelei unbeachtet, ohne sich umzusehen drängt er sich durch die Zahl der Gäste, die wallend strömen zu dem Völkerfeste, denn seine Dörthe, seine innig geliebte Dörthe hatte die Zeit nicht erwarten können, bis er den letzten Strich mit dem Rasirmesser vollendet hatte; wild rollen seine Augen im Kopfe, sie, die Angebetete begehrend, aber so viel er auch spähet und blicket, und die Stimme, die rufende schicket – keine Dörthe, soweit das Auge reicht! Da wird er eine andere, ohne einen zärtlichen Begleiter Dahineilende gewahr. Die allumfassende Liebe eines Bartvertilgers in der Brust, vergißt er Dörthen, und ergreift schnell diese andere Jungfrau, wes Namens sie auch sei, und mit einem tiefempfundenen Händedruck sind zwei Seelen vereint, die sich im Laufe des vier und zwanzigsten August's nie wieder trennen werden.

Unter Toben und Schreien, unter Lärmen und Singen, Jubeln und Springen, erreicht man endlich das Stralower Thor, und schnell verändert sich die Scene.

Für das Auge ist Genuß,
Hier fürwahr im Ueberfluß,
Denn so weit es auch nur schaut,
Find't man Buden aufgebaut.
Voll von Hering und Salaten,
Schweinezungen, Hammelbraten,
Pfefferkuchen, Kälbernieren,
Hiesigen und fremden Bieren,
Butter, Käse, Pfeffer, Salz,
Saure Gurken, Gänseschmalz,
Schinken, rohen und gekochten,
Branntewein in allen Sorten,
Rüben, gelbe so wie rothe,
Alle Sorten Würste, Brodte;
Ganz besonders für den Gaumen
Sind in Mengen: Hundepflaumen,
Und verkaufend her um Birnen,
Sitzen Männer, Frauen, Dirnen.

Jetzt heißt's »Holla Bruder! hier werden die Flaschen wieder gefüllt.« Schon oft hatte der Durstige auf der Straße die Flasche aus dem finstern Chaos der Tasche hervorgezogen, und mancher edle Zug war über die ewig trockene Chaussee des Gaumens hinübergeglitten, jetzt aber war der geistvolle Quell versiegt, und nur ein Paar kleine Tropfen zeugten von dem früheren Dasein. Aber der Gott der Spirituosa, der die Eckensteher in den heißen Julitagen nicht verschmachten läßt, er hatte auch hier einige bescheidene Tonnen aufpflanzen lassen, die den Verzweifelnden mit neuer Hoffnung erfüllten. Schon sieht man Manchen, der das Sprichwort: »Der grade Weg ist der beste,« zu hassen beginnt, schon schwankt Mancher zwischen Sein und Nichtsein (betrunken), aber noch wälzt sich Keiner im Grase – dies Vergnügen ist für spatere Zeiten aufbewahrt!

Doch werfen wir einen Blick auf die Chaussee – und dann einen auf die Spree:

Durch der Straße lange Zeile,
Fahren hier in größter Eile,
Kremser wie Charlottenburger.
Sehen kann man auch nicht weiter:
Gute, so wie schlechte Reiter,
Wagen, eigen und bedungen,
Töpfer, Maurer, Cigarr'njungen.
Ganze Haufen Musikanten,
Hautboisten wie Sergeanten,
Stellenweise Offizianten.
Seifensieder, Sänger, Küster,
Fleischer, Sattler und Magister,
Bürstenbinder, Balgentreter,
Der Soldaten lust'ger Schwarm,
Tambour, Pfeifer und Trompeter,
Die Geliebte in dem Arm,
Wandern jetzt in Stralow ein,
Sich des Festes zu erfreu'n.

Auf der Sprea azurblauen Wogen ziehen die leichten Kähne und die buntbeflaggten Gondeln dahin. In jedem Schiffe sitzt ein Virtuose auf dem Leierkasten, und ein Barde, dessen tiefgefühlten Töne die Herzen der Schlosser, Drechsler und Handschuhmacher ergreifen, und unwillkührlich zum disharmonischen Mitgesang fortreißen.

Aber die Disharmonie hat sich nicht blos über die Wellen verbreitet; auch zwischen die friedlichen Staubwolken des Landes ist sie eingekehrt, denn die Zeit der Prügel ist gekommen! Wo wäre für den Sohn der Pfrieme ein Vergnügen zu finden, wenn er sich nicht prügeln könnte; wie könnte die Freude in das Herz eines Grobschmied's einkehren, wenn er seine Fäuste nicht in die Wangen seiner Collegen abdrücken könnte; und wie könnte ein Korbmacher glücklich sein, dem Natur und Kunst eine Beule vor dem Kopfe versagt hatte? – Seht, wie sich dort zwei Hausknechte mit zärtlicher Wuth umschlungen halten, und alle erdenkliche Mühe geben, sich gegenseitig ein Paar Real-Injurien beizubringen.

In den Haaren liegen sich Beide,
Und weinen vor Schmerz und vor Freude!

Da tritt endlich die gute Polizei dazwischen; der rothe Kragen und der klappernde Säbel sprechen deutlich die Worte: »Friede sei unter Euch!« und beide Kämpfer verstehen sich, sehen sich noch einmal fragend an, greifen sich noch einmal unter den Arm und – trinken zusammen einen Anis.

Doch wir rücken in Stralow ein. Rechts und links sind die Gasthäuser mit Menschen besäet.

Mitten hier in dem Gewühle
Stehen Bänke, Tisch' und Stühle,
Kannen, Tassen sieht man blinken,

Matte von des Tages Schwüle
Kommen hierher um zu trinken,
Daß des Kaffeegeist's Gebräue
Ihnen Munterkeit verleihe.

Welche Feder malt diesen Wirrwarr; die meinige ist zu schwach. Hier sitzt ein begeisterter Kammermusikus neben seiner Angebeteten, und sucht vergebens einen für ihn gestimmten Ton in der Tastatur ihres Herzens; hier rennt ein Weinhändler mit einem Wasserträger zusammen; dort kokettirt ein bevatermörderter Ladenschwengel mit einer Stickermamsell, und scheint nur in der Liebe nicht Maaß zu halten; hier klimpern einige Hof-Musikanten die Cavatine: »Komm, o holde Dame!« und dort zankt sich eine Höckerin mit ihrem Gemahl, der sich zwischen den Birnen wälzt. Hier geht ein junger Journalist einem Mädchen nach und spricht von Preßfreiheit, dort eilt ein Censor, der gleichfalls etwas auf dem Strich hat; hier geht ein Menageriebesitzer und scheint etwas verloren zu haben, dort spaziert ein modischer Affe, und sieht sich in seinem Spiegel, den er aus der Tasche zieht; hier sitzt ein dicker Rezensent und trinkt ein Glas Punsch; dort kommt ein Scharfrichter und reicht ihm die Hand. Hier watschelt mit hochmüthiger Geberde ein vorsichtiger Arzt, dort fängt ein rußiger Bauer einen Sperling, dort zankt sich ein grober Direktor mit einer Unbekannten; hier steht ein Krüger, und lobt sein gutes Essen; dort weicht ein junger Schriftsteller einem Ochsen aus; hier läßt sich eine Sängerin unter einer Linde den Hof machen, und dort angelt ein kleiner Uebersetzer. Hier spielen ein Paar lustige Schneider Versteckens; dort tanzen ein Paar rothwangige Köchinnen im Grase herum. Hier hört man die liebliche Stimme einiger soliden Damen, dort das Gequäke der Frösche, hier die ohrenzerreißende Musik der Straßenvirtuosen, dort das Schmerzgeschrei eines auf den Fuß Getretenen; hier das Geschnatter mehrerer klatschsüchtigen alten Jungfern, und dort das Wiehern der Pferde.

»Hanne! Rieke!« hört man schrei'n,
»Cigaro!« erschallet's drein,
»Saure Gurken!meine Herr'n!«
Höret man von nah und fern.
Schiffer schrei'n in größter Eile:
»Alleweile! Alleweile!«

Aber dort an jener Bude, in der Fortuna gar wunderlich mit den Menschen spielt, bemerken wir wieder unsern Barbier, mit seiner neuen Liebe. Hier, wo die Würfel des Schicksals geworfen werden, hier, wo man oft für zehn Augen nur ein Neunauge gewinnt; hier wo so eben eine zahnlose Frau eine Zahnbürste; ein junges Mädchen von fünf Jahren eine Schachtel Schneeberger Augentabak, ein alter Podagrist eine kleine Reitpeitsche, eine Nonne den allergrößten Reiter von Pfefferkuchen, ein Liberaler eine Schachtel Soldaten, ein Aristokrat eine Schuhbürste und ein Constitutioneller ein Spiel Karten gewonnen hat – hier will auch er mit seiner Begleiterin den Becher ergreifen, und der hohen Glücksgöttin überlassen, ob sie ihn vielleicht den höchsten Preis, jene mit silbernen Troddeln umwundene Pfeife, oder nur eine unbedeutendere Pieçe gewinnen läßt. Aber der Mensch denkt, Gott lenkt. Hier, wo er gemüthlich den Becher ergreift, hier in den noch nicht umgestürzten Würfeln lag das ganze Schicksal seines Lebens, Freude und Kummer, Schmerz und Lust. Wie das duftende, in lieblichen Farbenschmelz getauchte Veilchen anspruchslos im grünen Moose versteckt, mit kosenden Zephyren spielt, und nicht ahnt, daß es im nächsten Augenblicke der reizenden Schwester, einem anmuthigen Mädchen, am Busen prangen wird, so ahnte auch unser Barbier nicht, daß der nächste Augenblick der entscheidendste seines Lebens sein würde. Er setzt seine Sechsdreier – er wirft – und eilf Augen sind es, die er geworfen. »Elfe!« ruft die budenbesitzende Priesterin Fortuna's, »Elfe jewinnt eine jroße Prätzel!«

»Ludwig!« ruft eine weibliche Stimme hinter unserm Helden. Erschrocken dreht er sich um, und Dörthe, seine zum Fischzuge vorangeeilte Dörthe ist eS, die mit zusammengeballter Faust auf ihn zueilt. »Ludwig! Was? Du bist mit eener Andern hier? Du bist mit Jeheim-Sekertärsch Rieke hier? O Du schlechter Mensch, Deine Dorthe verschmähst Du und treibst Dir mit solchen Rieken-Racker rum?« »Wat?« fangt hier mit gerechtem Zorne die von Geheim-Sekretairs für Alles Gemiethete an: »Wat, ich bin een Racker? Son Karnickel will mir Meinen abspenstig machen? Warte!« Mit diesen Worten fährt sie der ihr muthig entgegenkommenden Kollegin in die Haare, und mit einem Griff liegt der Babylonische Thurm der Wiener Seiden-Locken zertrümmert auf der Erde. Diese aber wehrt sich, ein zweiter Marius auf den Ruinen Carthago's, und streicht ihr so zärtlich über die purpurrothen Wangen, daß man beinahe der Meinung wurde, sie hätte die Finger darauf liegen lassen. So kämpfen Beide, Liebe und Verzweiflung in der Brust; schon hängen die Haare wirr vom Kopfe herab, schon sinken ermattet die Glieder, da fährt plötzlich ein großer Gedanke durch den Kopf des Bartvertilgers. Er, der bis dahin ruhig den Kriegerinnen zugeschaut hatte, er tritt jetzt mit hochgehobener Brätzel zwischen sie, und mit Würde und Ernst spricht er folgende Worte: »Dörthe und Rieke! Ihr streitet Euch um meinen Besitz; diese Prätzel hat mir das Schicksal zugesendet, um Euren Zwist zu enden. Ihr seht mich staunend an, Ihr fragt, wie des möglich is? so hört: Diejenigte von Euch, die das größte Stück von dieser Prätzel reißt, soll die Meinigte werden. Hier faß Du an, Dörthe, und hier Sie, Mamsell Rieke, und jetzt: eins, zwei und – – –drei!

Es war geschehen.

Mamsell Rieke hatte den größten Theil gezogen, und Dörthe stand da, betrübt und niedergeschlagen, das kleine Stückchen Kuchen in der Hand, das eine Thräne aus ihrem schwarzen Auge benetzte. »O Ludewig!« lispelte sie, »hab' ich des um Dir verdient?« und noch eine Thräne entrollte ihrem Auge. Da tritt heiter und anspruchslos ein Bäckergeselle aus den Reihen, drückt die Tochter des Feuerheerdes stürmisch an sein Herz und spricht: »Mamsell! auch in meinen Busen wohnt eine warme und frische Liebe – nehmen Sie mir!« Dörthe sieht ihn flehend stehen, ihr feuriger Sinn durchfliegt noch einmal die Begebnisse des heutigen Tages, noch einmal besieht sie die dividirte Brätzel, drückt sie an ihr Herz, steckt sie – in den Mund und ißt sie auf. Dann nimmt sie den Arm des Brodtgebenden, und verliert sich mit ihm unter die Menge. Auch wir wollen uns jetzt durch die dichten Massen arbeiten, um ein seltenes Schauspiel, nämlich: Freude auf dem Kirchhofe zu sehen.

Es ist zwar nichts Seltenes, daß in dem Herzen einer Frau Freude wohnt, wenn sie ihren Mann zur Ruhe bestattet, aus dem einfachen Grunde, weil er von den Qualen dieses Lebens befreit, und in jene bessere Welt einzieht; aber dieses ist nur eine geheime Freude, keine Freude, wie die heutige, die sich in Tanzen und Springen, Jubeln und Singen offenbart.

An den Bäumen und im Grase
Ist gelagert Jung und Alt,
Fröhlich bei dem vollen Glase
Rings herum der Jubel schallt,
Was in Körben hergetragen,
Giebt in Stralow einen Schmaus,
Daß gestärkt der leere Magen,
Packt es jetzt die Hausfrau aus,
Denn die Vesper hat geschlagen!

Unstreitig ist auch hier auf dem Kirchhofe für jeden Natur-, Volks- und Kinderfreund die schönste Aussicht. Hier stehen wir am grünen Ufer der Spree, auf der sich reich besetzte Schiffe kreuzen, hinüber sehen wir nach dem jenseitigen Ufer, nach Treptow, das heute die zweite Auflage von Stralow ist, tausend und abermal tausend Menschen hinter uns, tausend und abermal tausend vor uns: die ganze Bevölkerung Berlin's scheint herausgezogen zu seyn, um, jeden lästigen Zwang und jede Etiquette vergessend, sich einzig dem Vergnügen und der allgemeinen Lust hinzugeben. – Aber was wälzt sich hier mit Jubelgeschrei Alles nach dem grünen Platze an der Kirche? In stattliche Tracht gekleidet, springt ein Affe auf einem Kameele herum, und unten tanzt mit schwerfälligem Fuße ein schwarzer Bär. Nicht weit davon steht ein Guckkastenmann, und ruft mit heiserer Stimme sich Zuschauer heran, während seine Frau den Hineinschauenden die herrlichen Bilder erklärt, und ihre vielseitigen Kenntnisse bekundet. »Hier werden Se schauen,« fängt sie an, »den jroßen Jroßsultan, umjeben von allen seinen Dardanellen, – der da rechts mit die rothe Hose ist sein Leibdardanelle – hinten scheint die Sonne!« Letzteres ist der Refrain bei jeder Erklärung eines Bildes, höchstens variirt sie mit einem »hinten bricht der Mond durch die Wolken!«

So naht der Abend heran. In dem blauen Ocean des Aethers badet sich die keusche Sonne, und als der Mond still hervorschleichend sie belauscht, färben sich in jungfräulicher Schaam purpurroth ihre Wangen, und leise entzieht sie sich seinen Blicken. Der Schwüle des Tages folgt eine milde und heitere Abendluft, und belebt von Neuem die Gemüther.

Jetzt bemerkt man Schüssel bringen,
Teller klirren, Gläser klingen,
Mägde auf und niedergehen,
Alle Sorten Fisch und Braten,
Gurken wie Sell'rie-Salaten,
Manches Gläschen Branntewein,

Und Kartoffeln dampfend stehen
Auf den Tischen hier im Frei'n.
Jetzt wird Spiel und Tanz vergessen,
Alles strömt herbei zu essen,
Daß die frische Abendspeise
Kräfte leihe zu der Reise,
Denn so eben giebt die Thurmuhr Kunde,
Daß zur Heimkehr nun die Stunde.

   

Mit geschäftiger Industrie rufen die hundert und abermal hundert Fiaker die nach Hause Wollenden an, und mit starker Fracht versehen, eilt Wagen an Wagen durch die dichten Reihen der Fußgänger nach der Residenz zurück. Von fröhlichem Gesange ertönt die Luft; jauchzend Arm in Arm ziehen die Mitglieder verschiedener Zünfte dahin; schwankend geht der Familienvater mit dem jüngsten Kinde auf dem Arme, während die Hausfrau die leeren Körbe heimträgt; selig im Rausche des Branntweins und der Liebe führt der Jüngling sein Mädchen, hinter Busch und Hecken werden Küsse gestohlen, und die Bestohlenen fordern gerechter Weise Satisfaction. Doch wir treten wieder in die verwaist gewesene Stadt. Tobendes Lärmen und fröhliche Musik schallen aus allen Tabagieen, denn Jeder, dem noch Plutus einige Münzen in der Börse gelassen hat, legt sie freudig auf den Altar des Schenktisches nieder. Im raschen Walzer drehen sich die glücklichen Paare; brennende Pfeifen hüllen sie wie die Götter in lichte Wolken; Billardkugeln rollen auf der grünen Flur dahin; schäumendes Weißbier gleitet in die glatten Kehlen, und um einige liebliche Erinnerungen zurückzulassen, erhebt die Prügel noch einmal ihr riesiges Haupt. So endet unter frohen Genüssen aller Art das Berliner Volksfest, der weit und breit berühmte Stralower Fischzug; so hat heut der Einwohner Berlins seine Sorgen in Lust verwandelt, und wenn die Letzten heimkehren, bricht die Aurora des neuen Tages durch die grauen Morgenwolken.


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