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Prinz Achmed und die Fee Paribanu

In Indien herrschte einmal ein König, der hatte drei Söhne, die hießen Hassan, Aly und Achmed. Weil sein Bruder starb, kam auch dessen Tochter Nurunnifar in das Schloß, und die drei Prinzen gewannen das Mädchen so lieb, daß jeder von ihnen heimlich bei dem Vater um Nurunnifar warb.

Nun hatte der König alle drei Söhne gleich lieb, und weil er keinen vor dem andern zurücksetzen wollte, berief er sie zusammen und sagte: »Es ist unmöglich, daß ihr alle drei Nurunnifar heiraten könnt, darum will ich sie demjenigen geben, der mir von einer Reise die größte Seltenheit mitbringt. Die Reise soll ein Jahr dauern, und keiner soll von dem andern wissen, wohin er sich begeben hat.«

Er versorgte seine Söhne also reichlich mit Geld, und am nächsten Morgen ritt jeder aus einem anderen Tore der Hauptstadt hinaus in die Welt.

Prinz Hassan, der älteste von den drei Brüdern, hatte viel von der Größe, der Macht und dem Reichtum des Königreichs Bisnagar gehört, und wählte sich deshalb dieses als Reiseziel, in der Hoffnung, er werde dort sicherlich eine große Seltenheit finden, mit der ihm die Hand der schönen Nurunnifar zufiele. Nach drei Monaten gelangte er nach Bisnagar. Er stieg in einem Gasthause ab und erkundete, daß hauptsächlich an vier Plätzen der Stadt die Kaufleute sich träfen, bei denen die seltensten und kostbarsten Dinge zu erstehen seien.

Am folgenden Tage begab sich Hassan nach einem dieser Plätze, in dessen Mitte der königliche Palast lag.

Er hatte viel zu staunen über den Reichtum, der in dieser Stadt war, und über die Menge von Gold und Edelsteinen, die bei den Goldschmieden aufgehäuft lagen. Weil er aber noch müde von der langen Reise war, setzte er sich in den Laden eines Kaufmanns, um ein wenig auszuruhen.

Da kam plötzlich ein Ausrufer die Straße entlang, der trug einen zusammengerollten Teppich auf der Schulter und bot ihn um dreißig Beutel Gold aus.

Der Prinz dachte, das müsse ein sehr kostbares Gewebe sein, für das man eine so ungeheure Summe forderte; denn er rechnete sich aus, daß man bei ihm daheim um diesen Preis beinahe ein Königsschloß erstehen könne.

Er winkte also den Ausrufer heran, und da das Gewebe in keiner Weise von dem gewöhnlicher Teppiche sich unterschied, sagte er: »Dieser Teppich ist viel zu teuer, und du bist im Begriff, einen Betrug zu begehen, oder aber – der Stoff hat eine Eigenschaft, die mir unbekannt ist.«

»Jawohl, Herr, das ist auch der Fall,« entgegnete der Ausrufer; »ich bin zwar angewiesen, den Teppich um dreißig Beutel auszurufen, um Neugierige anzulocken, aber verkaufen darf ich ihn nicht unter vierzig Beuteln barem Gelde; denn wenn man sich auf den Teppich stellt, so kann man sich in einem Augenblick überallhin versetzen lassen, wohin man wünscht. Und so schnell die Reise auch vor sich geht, es kann einem kein Unglück geschehen und man kann keinem Hindernis begegnen.«

»Das ist in der Tat eine außerordentlich wunderbare Geschichte,« sagte der Prinz, »und ich könnte keine größere Seltenheit von der Reise heimbringen. Wenn der Teppich also die besagte Eigenschaft besitzt, so will ich die vierzig Beutel nicht nur gern bezahlen, sondern ich will dir auch noch ein Geschenk machen, mit dem du gewiß zufrieden sein sollst.«

»Ei, Herr,« sagte der Ausrufer, »natürlich könnt Ihr den Handel erst eingehen, wenn Ihr eine Probe gemacht habt. Wahrscheinlich werdet Ihr die vierzig Beutel Gold nicht in Eurer Tasche bei Euch führen, deshalb wollen wir in das Hinterzimmer des Ladens treten, uns auf den Wunderteppich setzen und uns zu dem Gasthaus tragen lassen, in dem Ihr wohnt.«

Prinz Hassan ging im Vertrauen auf die Redlichkeit des Ausrufers auf diesen Vorschlag ein. Sie breiteten den Teppich im Hinterzimmer des Ladens aus, setzten sich darauf, und kaum hatte der Prinz den Wunsch ausgesprochen, in das Zimmer seines Wirtshauses getragen zu werden, so befanden sie sich auch schon dort.

Da er nun von der Zauberkraft des unscheinbaren Gewebes überzeugt war, zahlte er die geforderte Summe mit Freuden und legte für den Ausrufer noch ein Geschenk von zwanzig Goldstücken hinzu; denn er hielt es für ganz unmöglich, daß seine beiden jüngeren Brüder etwas von der Reise mitbringen könnten, das sich mit dem vergleichen ließe, was er hier angetroffen hatte.

Er hätte sich also nun ungesäumt zum Schlosse seiner Väter begeben und um die schöne Prinzessin Nurunnifar werben können, allein – bekommen hätte er sie doch nicht, da erst das Jahr vergehen mußte, welches jedem von ihnen zur Reise vergönnt war. Und am Ende dieses Jahres wollten sich die Brüder an einem bestimmten Orte treffen, um die Heimfahrt in fröhlicher Einmütigkeit anzutreten. Darum hatte Prinz Hassan Zeit genug, sich die Welt anzusehen, und da der wunderbare Teppich seinen Dienst nicht ein einziges Mal versagte, befand sich sein glücklicher Besitzer bald hier und bald dort und sah noch mancherlei Seltenheiten; aber keine schien ihm begehrenswerter als sein Teppich. Zuletzt, wie die Sehnsucht nach der schönen Nurunnifar in ihm wuchs, glitt er durch die Lüfte zu jenem Gasthause, in dem sich die Brüder begegnen wollten, und wartete ihrer mit ungeduldiger Freude.

Inzwischen war der zweite der drei Brüder, der den Namen Aly führte, nach Persien gereist und endlich nach dem Lande Schiras gekommen. Dort hatte er mit einigen Kaufleuten seiner Karawane Wohnung in einem Gasthause genommen. Er besuchte die nahegelegenen Handelsplätze, staunte über die Reichtümer und hörte eines Tages einen Ausrufer, der ein elfenbeinernes Rohr schwang und dieses für dreißig Beutel Gold zum Kauf anbot.

Der Prinz klopfte einem in der Nähe stehenden Mann auf die Schulter und sagte: »Lieber Freund, ist jener Ausrufer, der das kleine elfenbeinerne Rohr zu einem Preise von dreißig Beuteln ausbietet, wohl recht bei Verstande?«

Der Kaufmann sah den Prinzen erstaunt an und sprach: »Wenn er nicht seit gestern seinen Verstand verloren hat, so kann ich Euch nur sagen, daß er der klügste und zuverlässigste aller Ausrufer im Lande ist. Wir wollen warten, bis er zurückkommt, und ihn um das Rohr befragen.«

Nicht lange, so lief der Ausrufer des Weges zurück.

»Heda, guter Freund, seid Ihr bei gutem Verstande, weil Ihr für das Ding da dreißig Beutel Gold fordert?«

»Töricht wäre ich nur dann, wenn ich es wirklich für dreißig Beutel verkaufte. Wer mir nicht vierzig in barer Münze zahlt, wird es niemals erwerben.«

»Ei, ei,« sagte der Prinz, »du machst mich noch neugieriger. Willst du mir nicht sagen, weshalb du es für so wertvoll hältst?«

»Zuerst,« begann der Ausrufer, indem er es dem Prinzen überreichte, »zuerst hat es an jedem Ende ein Glas; wenn man durch eins dieser Gläser schaut, so erblickt man alles, was man zu sehen wünscht.«

Der Prinz blickte hinein, und weil er seinen Vater zu sehen wünschte, erschien dessen Bild augenblicklich – er saß auf seinem Throne, hielt eine Versammlung und befand sich in bester Gesundheit. Sodann wünschte er die Prinzessin Nurunnifar zu schauen, und sogleich erblickte er sie an ihrem Putztisch, umgeben von ihren Kammerfrauen, und sie war in der heitersten Laune.

Es bedurfte keiner Probe weiter, und Prinz Aly erklärte: dieses Rohr sei die größte Seltenheit, die ein Sterblicher finden könne; er bezahlte die geforderte Summe und schloß sich alsbald einer Karawane an, mit der er glücklich zu jenem Gasthause gelangte, in welchem sein Bruder Hassan auf ihn wartete.

Prinz Achmed, der dritte der Brüder, war nach Samarkand gereist, und es war ihm geschehen, daß er dort einen Händler traf, der einen Apfel für fünfunddreißig Beutel Gold ausbot.

»Dieser Apfel muß eine außergewöhnliche Eigenschaft haben, da Ihr eine so große Summe Geldes für ihn verlangt!« sagte der Prinz.

»Hat er auch!« entgegnete der Händler. »Ja, er ist eigentlich sogar unschätzbar.«

»So sagt mir auch, warum?«

»Es gibt keinen Kranken, der nicht augenblicklich gesund würde, wenn er an dem Apfel riecht. Ja, wenn er schon im Sterben läge, er erlangt seine Gesundheit so vollkommen wieder, als wäre er niemals leidend gewesen.«

»Das ist in der Tat eine ganz köstliche Kraft, und ich würde den Preis nicht zu hoch finden, wenn Ihr mich überzeugen wolltet, daß sich die Sache in Wahrheit so verhält.«

Während dieses Handels waren mehrere Kaufleute hinzugetreten, und der eine von ihnen sagte, er habe einen Freund, der so gefährlich krank sei, daß man an seinem Aufkommen zweifle; dieser Kranke solle nun an dem Apfel riechen; der Versuch gelang aufs beste, der Prinz bezahlte augenblicklich fünfzig Beutel gediegenen Goldes und wartete voller Ungeduld auf eine Karawane, der er sich auf der Heimreise anschließen könnte. Endlich fand er Gelegenheit und kam wohlbehalten in jenem Gasthause an, in dem seine Brüder auf ihn warteten.

Sie redeten nun lange über ihre Reisen, und schließlich verhehlten sie einander nicht, was jeder von ihnen für die größte Seltenheit gehalten und mitgebracht hatte.

Der älteste hielt seinen Teppich für unübertrefflich und schilderte seine Vorzüge mit beredten Worten.

Der zweite sprach: »Mein kleines Rohr aus Elfenbein ist – deucht mich – zum mindesten eine ebenso große Seltenheit. Du wirst dich durch einen Versuch überzeugen, daß man, sobald man in eins der Gläser schaut, alles erblickt, was man nur wünschen kann. Hier ist das Rohr, und nun prüfe selbst, ob ich die Wahrheit gesprochen.«

Prinz Hassan hob das Rohr an sein Auge und wünschte die Prinzessin Nurunnifar zu sehen, und zu erfahren, wie sie sich befinde. Aly und Achmed gerieten in große Aufregung, als sie sahen, daß ihr Bruder erbleichte und in höchster Bestürzung vor ihnen stand. »Brüder, es ist alles umsonst,« rief er mit zitternder Stimme. »Wir haben unsere Reise vergeblich unternommen; denn die schöne Nurunnifar wird binnen wenigen Augenblicken nicht mehr am Leben sein. Ich sah sie auf ihrem Lager, umgeben von ihren Frauen, die alle in Tranen schwammen, weil sie fürchteten, daß die Prinzessin jeden Augenblick sterben könnte. Da, nehmt und seht selber, und eure Tränen werden sich mit den meinigen vereinigen.«

Prinz Aly ergriff das Rohr und erkannte, was Hassan berichtet hatte. Aus seiner Hand empfing es Prinz Achmed, und nachdem auch er sich überzeugt hatte, sprach er: »Meine Brüder, wenn wir keine Zeit verlieren, so ist dieser Apfel imstande, die Prinzessin dem Tode zu entreißen.«

»Wir können ihr nicht schleuniger zu Hilfe kommen, als wenn wir uns mittels meines Teppichs augenblicklich in das Zimmer der Kranken versetzen lassen,« schlug Hassan vor. Sie traten also auf den Teppich, und ehe jedem von ihnen das Herz dreimal schlug, waren sie an dem gewünschten Orte. Achmed hielt der Sterbenden den Wunderapfel unter die Nase, und einige Augenblicke nachher richtete sich die schöne Nurunnifar auf ihrem Lager auf, war gesund wie eine junge Apfelblüte und verlangte, angekleidet zu werden.

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Danach traten die Brüder vor ihren Vater, den König, und priesen ihm, was sie von der Reise mitgebracht hatten, und wie köstlich alles zum Heile der Prinzessin schon in Kraft getreten war.

Und der König sprach: »Alle drei Stücke sind von unschätzbarem Werte, und eins ist gleich dem andern. Dir, o Achmed, verdankt die Prinzessin ihre Heilung, ja ihr Leben. Aber würde dein Apfel das Wunder getan haben, wenn dich nicht Alys Rohr von der Gefahr unterrichtet hätte, in der die Jungfrau schwebte? Doch mußt du, o Aly, zugeben, daß dir deine Kenntnis gar nichts genützt hätte, wenn nicht der Teppich und der Apfel gewesen wären. Da nun also weder der Teppich, noch das Rohr, noch der Apfel irgend einem von euch einen Vorzug vor dem anderen geben, so kann ich Nurunnifar keinem zusprechen. Darum sollt ihr noch folgendes tun: Nehmt jeder einen Bogen und einen Pfeil, begebt euch aus der Stadt auf die große Ebene, zu der ich selber auch hinausreiten will, und dann will ich Nurunnifar dem die Hand reichen lassen, welcher am weitesten schießt.«

Dagegen konnten die Brüder nichts einwenden.

Jeder besorgte sich einen Bogen und einen Pfeil, sie ritten hinaus auf die Ebene, und der König ließ nicht lange auf sich warten.

Zuerst schoß Prinz Hassan. Dann schnellte Aly seinen Pfeil von der Sehne, und man sah ihn viel weiter fliegen als den seines Bruders. Prinz Achmed schoß zuletzt; aber man verlor seinen Pfeil aus dem Gesicht, und niemand sah ihn niederfallen.

Obwohl nun jeder der Ansicht war, Achmed habe am weitesten geschossen, so mußte zur Sicherheit doch der Pfeil aufgefunden werden. Und da dies unmöglich schien, sprach der König dem Prinzen Aly die schöne Prinzessin zu. Die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden auch sogleich getroffen, und wenige Tage darauf ward die Vermählung mit vielem Glanze gefeiert.

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Hassan, der Älteste, war so ärgerlich über den Ausgang der Sache, daß er auf die Thronfolge verzichtete, nicht zur Hochzeit kam und in die Wüste zog, um daselbst fortan als Einsiedler zu leben.

Prinz Achmed beehrte die Hochzeit zwar auch nicht mit seiner Teilnahme, doch entsagte er nicht der Welt wie sein älterer Bruder, sondern hatte es noch nicht aufgegeben, den verschwundenen Pfeil zu finden. Er ging also immer in der Richtung, in der er den Pfeil hatte fliegen sehen, und kam schließlich in eine Schlucht, in der er eine eiserne Tür im Felsen fand, die weder Schloß noch Riegel hatte. Vor der Türe fand er zu seinem großen Erstaunen den Pfeil. Da er aber einsah, daß keine Menschenkraft hinreichte, einen Pfeil so weit zu schnellen, dachte er, es müsse hier ein merkwürdiges Schicksal im Spiele sein, welches ihm wohlwollte. Und weil das Geschoß wie ein Wegweiser in den Felsen zeigte, stieß er die einsame Tür auf und schritt auf einem sanft abfallenden Wege vorwärts.

Es blieb immer hell um ihn, das kam von einem fremden, schönen Lichte; und er war noch nicht lange gewandert, so stand er vor einem prachtvollen Palaste.

Aus diesem trat eine Frau von überirdischer Schönheit und sprach: »Prinz Achmed, tritt näher; du bist hier willkommen.«

Der Prinz wunderte sich sehr, seinen Namen in dieser unbekannten Gegend nennen zu hören. Aber die schöne Frau schritt ihm schon voran und führte ihn in einen Saal voll köstlicher bunter Lichter.

»Ich bin die Fee Paribanu, und ich bin es gewesen, die die drei Ausrufer mit dem Teppich, dem Rohr und dem Apfel gesandt hat. Weil ich aber wußte, daß du ein besseres Los verdienst, als die Prinzessin Nurunnifar zu besitzen, lieber Prinz, so habe ich auch den Pfeil gelenkt, den du soeben gefunden hast. Es wird nun bloß von dir abhängen, die Gelegenheit zu benützen und noch glücklicher zu werden.«

»Und worin soll dies Glück bestehen?«

»Wenn du Lust hast, mein Gemahl zu werden, so wirst du dies Glück finden.«

Der Prinz hatte die große Schönheit der herrlichen Frau gesehen, war von ihren Reichtümern geblendet worden, und er sagte sich, ein Weib, das so schöne und gute Worte reden könne, müsse gut sein wie die beste der Erdenfrauen. Darum besann er sich nicht lange und willigte ein. Die Hochzeit wurde am gleichen Tage mit jenem Glanze gefeiert, mit dem sich nur eine Fee umgeben kann, das Mahl war reich, die Pracht der Gewänder wirkte wie schimmernde Märchen, und die Herrlichkeit der Gemächer übertraf alles, was der Prinz bis zu diesem Tage gesehen hatte. Zu allem kam, daß er seine Liebe zu der schönen Frau mit jeder Stunde wachsen sah.

Nach sechs Monaten fühlte Achmed aber ein großes Verlangen, seinen Vater zu sehen.

Er berichtete der Fee von dieser Sehnsucht; Paribanu aber erschrak; denn sie dachte, es sei nur ein Vorwand, von ihr fortzukommen. Und weil sie bat, gab Achmed seinen Plan auf.

Der König war seit dem Hochzeitstage Alys tief betrübt; denn er konnte es nicht verschmerzen, daß er an diesem Tage zwei seiner Söhne verloren hatte. Vor allem wendete er alle Sorgfalt an, etwas von Achmed zu erfahren, der ihm der liebste gewesen war; er hieß Eilboten in alle Reiche der Erde reiten – vergeblich. Und so wuchs sein Kummer mit jedem Tage.

Nun kannte der Minister des Königs eine Zauberin, von der es hieß, sie wisse alle Dinge der Erde; diese Zauberin ließ der König rufen. »Kannst du mir sagen, was aus meinem Sohn Achmed geworden ist?« fragte er. »Ist er noch am Leben? Was treibt er? Darf ich Hoffnung haben, ihn jemals wiederzusehen?«

Die Zauberin schlug in ihren Büchern nach und sagte: »Es ist ganz gewiß, daß der Prinz nicht tot ist. Den Ort aber, an dem er sich aufhält, habe ich nicht entdecken können.«

Währenddem hatte Paribanu noch oft mit ihrem Gatten von der Sorge des Königs geredet, und weil sie inzwischen von der Liebe und Treue ihres Gemahls überzeugt worden war, sprach sie eines Tages: »Ich kann dir nun die Erlaubnis gewähren, mein Gemahl, um welche du mich batest. Du darfst für kurze Zeit in die Welt deiner Väter zurückkehren, wenn du mir versprichst, daß dein Aufenthalt daselbst nicht länger als drei Tage dauert. Du kannst abreisen, wenn du willst; aber du darfst keinem Menschen erzählen, was sich zugetragen hat, seit du aus dem Schlosse des Königs geschieden bist.«

Achmed versprach seiner Gemahlin, was sie forderte; sie gab ihm zwanzig wohlgerüstete und stattliche Reiter mit, er winkte Paribanu ein letztes Lebewohl, und der Zug sprengte von dannen.

Als er in die Hauptstadt kam, trennte er sich von seinen Begleitern. Das Volk jubelte ihm zu und der alte König drückte ihn in der Freude des Wiedersehens an sein Herz. Weil er nun aber wissen wollte, wo Achmed während der langen Zeit sich aufgehalten habe, erinnerte sich dieser seines Versprechens und sagte: »Ich muß darüber schweigen, nehmt dieses Schweigen jedoch nicht ungnädig auf, mein Vater. Dagegen versichere ich Euch, daß ich glücklich bin wie kein Sterblicher. Und ich will von Zeit zu Zeit wiederkehren, um Euch meine Ehrerbietung zu bezeigen und zu sehen, ob es Euch wohlgeht.«

Dabei mußte sich der König schweren Herzens bescheiden, und am dritten Tage ritt Achmed zur großen Betrübnis seiner Freunde wieder von dannen. Paribanu freute sich seiner Rückkehr über die Maßen und bat ihn nach Verlauf einiger Monate von selbst, doch einmal wieder in die Hauptstadt zu reiten und nach dem Befinden des Königs zu fragen.

Dies geschah, und der Prinz wurde gerade so fröhlich empfangen wie vorher.

Aber die Minister und Großen am Hofe pflanzten dem Könige Mißtrauen ins Herz und sagten: »Es scheint, als käme dieser Achmed nur an den Hof, um zu zeigen, daß er auch ohne ein Jahrgehalt leben kann. Vielleicht will er gar das Volk aufwiegeln, das ihn so sehr liebt, und am Ende wird er den König frevelhafterweise vom Throne stürzen.«

Des Königs Liebe zu Achmed war aber so groß, daß die Höflinge kein Glück hatten; nur das eine vermochten sie: der König ließ die Zauberin holen und befahl ihr, sie solle sich an den Weg setzen, den Achmed reiten werde, und genau beobachten, wohin er zöge.

Die Zauberin wandte nun alle List an, das Versteck des Prinzen ausfindig zu machen; sie verfolgte ihn mit ihren Augen bis an die Schlucht und trat in diese hinein; aber sie konnte die eiserne Tür trotz aller Sorgfalt nicht erkennen, und zwar darum, weil diese Tür nur für Männer sichtbar war, und nur für solche Männer, die der Fee Paribanu angenehm waren.

Die Zauberin gab ihre Sache aber nicht verloren; und weil Prinz Achmed gesagt hatte, daß er in einem Monat wiederkommen wollte, so setzte sie sich um diese Zeit an die Stelle der Schlucht, an der ihr der Prinz mit seinen Leuten damals entschwunden war, und dort wartete sie, ihren Plan auszuführen.

Schon am folgenden Tage ritt der Prinz mit seinen Begleitern aus der eisernen Tür und kam dicht an der Zauberin vorüber. Er erkannte sie aber nicht als das, was sie war; denn sie hatte den Kopf an den Felsen gelehnt und lag da und jammerte, als habe sie ein großes Leid.

Darum fragte er mitleidig, was ihr wäre.

Da log die Alte und sagte: »Ach, ich bin von daheim weggegangen, um Kräuter zu suchen, und nun hat mich ein heftiges Fieber befallen; alle Kräfte sind mir geschwunden, und ich werde elend umkommen müssen in dieser unwirtlichen Gegend.«

»Gute Frau, du bist nicht so weit von der Hilfe entfernt, als du meinst,« sagte der Prinz. Dann gebot er einem Reiter, daß er die Alte zu sich aufs Pferd nähme, und sprengte mit seiner Schar alsbald zu der eisernen Tür zurück und hinein in den unterirdischen Gang.

Die Fee Paribanu, als sie das Hufgetrappel hörte, eilte sehr erstaunt hinzu und sagte: »Ich halte dies Weib zwar für eine arge Heuchlerin, aber aus Liebe zu dir, mein Gemahl, will ich ihr doch alle Milde und Barmherzigkeit erweisen.«

Danach ritt der Prinz wieder von dannen.

Nach zwei Tagen meinte die Alte, sie wäre nun wieder gesund, sie wolle aber nicht eher aus dem Palaste gehen, bis sie der Herrin zum Danke die Hand geküßt habe.

Paribanu saß in ihrem Thronsaal auf einem goldenen Stuhle und war von einer Menge schöner Feen umstanden, als die Zauberin hereingeführt wurde. Der Glanz der Wände und der Decke blendete schier ihre Augen, und sie sprach den heuchlerischen Wunsch aus, immer an diesem herrlichen Orte leben zu dürfen. Allein, Paribanu ließ sie durch die eiserne Tür hinausgeleiten, und als die Zauberin sich umblickte, um sich den Eingang in den Felsen genau zu merken, war die Pforte ihren Augen schon entschwunden.

Enttäuscht kehrte die Zauberin in das Schloß des Königs zurück. Dort waren die Höflinge gerade dabei, den König gegen seinen Sohn Achmed zu stimmen, und rieten, er solle ihn gefangensetzen; denn eines Tages werde er doch mit Heeresmacht heranziehen und das Reich für sich erobern.

Die Zauberin erzählte nun alles, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte, und schilderte die Pracht des Feenreichs als eine Herrlichkeit, die über alle Herrlichkeiten dieser Welt wäre. Von den Vorschlägen der Höflinge, den Prinzen gefangenzusetzen oder gar hinrichten zu lassen, wollte sie aber nichts wissen. »Wenn Ihr Euch vor ihm und seiner schönen Gemahlin fürchtet, so könnt Ihr Euch ja etwas von Eurem Sohne wünschen; kann er Euch dies nicht erfüllen, so wird er sich so armselig erscheinen, daß er nicht daran denkt, jemals zurückzukommen und Euer Reich in Gefahr zu bringen.«

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»Hm,« sagte der König, »was sollte ich mir denn dann wünschen?« »Nun,« sprach die Zauberin, »Ihr seid oft in der Lage, Krieg zu führen. Und Kriegführen kostet sehr viel Geld, weil Ihr allerlei Zelte und Lager beschaffen müßt, in denen Roß und Reiter und Euer zahlreiches Fußvolk unterkommen kann. So wünscht Euch von Achmed eine Halle, die so groß ist, daß sie in einer Hand Platz hat, und die doch all Eure Heere, Wagen und Waffen aufnehmen kann.«

Diesen Wunsch fanden der König und der ganze Hofstaat sehr klug, und als Prinz Achmed wieder einmal im Schlosse sich befand, trug ihn der König seinem Sohne vor. »Die Schwierigkeit der Sache wird deiner Gemahlin gewiß nichts ausmachen,« sagte der König, »denn es ist ja bekannt, welche Macht die Feen haben, eine Macht, die noch weit außerordentlichere Dinge bewerkstelligen kann.«

»Ich hätte wohl gewünscht, daß Ihr niemals mit einem solchen Verlangen an mich herangetreten wäret, Herr Vater,« sagte Achmed traurig. »Wenn mir meine Gemahlin ihre Hilfe zur Erfüllung jedoch versagt, so schließt das daraus, daß ich hinfort aufhören werde, an Eurem Hofe zu erscheinen; und Ihr mögt mir mein Ausbleiben verzeihen; denn Ihr selbst habt mich in diese Lage versetzt.«

Sehr niedergeschlagen kehrte Achmed diesmal in das Reich Paribanus zurück; und die Fee drang in ihn, ihr die Ursache seines großen Schmerzes zu verraten. Dann lächelte Paribanu und sagte: »Die Alte, die du unserer Barmherzigkeit empfahlst, hat dich verraten. Aber du sollst wegen der kleinen Bitte deines Vaters nicht traurig sein; denn ich weiß, du hast sie mir nicht ausgesprochen, um meine Liebe zu dir auf die Probe zu stellen. Ich werde mir stets ein großes Vergnügen daraus machen, dir alles zu erfüllen, was du so selbstlos von mir forderst.« Dann winkte Paribanu ihrer Schatzmeisterin: »Nurdischan,« sagte sie, »bringe mir den größten Pavillon, der in meinen Schätzen sich befindet.«

Nurdischan kam binnen weniger Augenblicke wieder und brachte einen Pavillon, der nicht nur in einer Hand Platz hatte, sondern den man sogar in der Hand fest umschließen konnte.

Paribanu nahm ihn und überreichte ihn ihrem Gatten. Weil der aber die Größe der Halle in seiner Hand nicht ermessen konnte, sagte Paribanu zu Nurdischan: »Geh und spanne den Pavillon aus, damit der Prinz sehen kann, ob der König ihn so groß finden wird, wie er verlangt hat.«

Da fand es sich, daß zwei Heere in der Halle Platz hatten, und wenn sie noch größer gewesen wären als die des Königs von Indien.

Nurdischan legte den Pavillon wieder zusammen und gab ihn in die Hand des Prinzen.

Und schon am folgenden Tage setzte Achmed sich zu Pferde und eilte in Begleitung seines Gefolges von dannen, um das Geschenk dem Könige zu überreichen. Der geriet in eine maßlose Überraschung und erkannte zum Überflusse, daß der Pavillon die Eigentümlichkeit besaß, sich immer so weit auszudehnen, als es gewünscht und gebraucht wurde, daß er sich also der Größe eines Heeres in jedem Falle anpaßte.

Allein, die Wirkung auf den König war noch eine andere, und die argwöhnischen Höflinge hatten nun erst recht Grund zum Glauben, daß ihr Weizen blühte. »Wenn diese Fee so mächtig ist,« sagten sie, »so wird sie Euch und Euer ganzes Reich vernichten.«

Sie fragten die böse Zauberin, und diese riet, man solle den Prinzen auffordern, Wasser aus der Löwenquelle zu bringen – ein Wunsch, der den Prinzen sicherlich unschädlich machen würde, meinten die Feigen am Königshofe.

Traurig wie das letztemal schied Achmed vom Hofe des Vaters, aber Paribanu erforschte die Ursache seiner Trübsal auch diesmal, und sie sagte: »In dem Wunsche des Königs liegt etwas sehr Boshaftes. Die Löwenquelle befindet sich nämlich im Hofe eines Schlosses, dessen Eingang von vier ungeheuren Löwen bewacht wird. Ich werde dir aber ein Mittel geben, damit du ohne Gefahr zwischen ihnen hindurchgehen kannst. Zuerst, mein Gemahl, nimm dieses Knäuel; dann laß dir zwei Pferde rüsten; das eine besteigst du, das andere laß an der Hand neben dir hertraben; auf seinen Rücken lege einen gevierteilten, frischgeschlachteten Hammel. Und schließlich nimm ein Gefäß mit, damit du morgen aus der Quelle schöpfen kannst. Das Knäuel aber wirf zur Erde, sobald du aus der eisernen Tür reitest; es wird vor den Hufen deines Hengstes herrollen und dir den Weg zur Löwenquelle zeigen. Wenn es stillsteht, wird sich ein Tor öffnen, und du wirst die vier Löwen erblicken, die die Quelle bewachen. Wirf jedem ein Viertel des Hammels vor, jage zur Quelle, schöpfe aus dem Sattel und reite in gestrecktem Galopp zurück.«

So sprach die treue Paribanu, und es geschah alles, wie sie gesagt hatte.

Achmed kehrte mit dem gefüllten Gefäß zu dem Könige zurück und sprach: »Herr Vater, hier ist das heilsame Wasser! Ich wünsche Euch überdies eine so vollkommene Gesundheit, daß Ihr nie in die Lage kommen möchtet, es anzuwenden.«

Inzwischen hatte die Zauberin bereits auf eine neue List gesonnen, Achmed zu verderben. Sie teilte diese dem Könige mit, und der sprach: »Mein Sohn, nun habe ich noch eine einzige Bitte an dich, nach Erfüllung dieser will ich nichts mehr von deinem Gehorsam verlangen. Diese Bitte besteht darin, daß du mir einen Mann herbeischaffst, der nicht über eineinhalb Fuß hoch ist, einen Bart von dreißig Fuß Länge hat und auf den Schultern eine fünfhundert Pfund schwere Eisenstange trägt, die ihm als Stab dient und reden kann.«

»Hm,« entgegnete der Prinz auf diesen sonderbaren Wunsch, »ich kann mir nicht denken, daß es solch einen Mann gibt, aber ich will Euch zuliebe noch dies letzte Mal meine Gemahlin bitten. Sollte ich Euch nicht wiedersehen, so schließt daraus, daß Euer Wunsch zu töricht war, als daß er erfüllbar wäre.«

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Als er Paribanu das seltsame Verlangen seines Vaters kundgab, lachte die Fee und sprach: »Dieser Mann ist mein Bruder Schaïbar; er ist von sehr heftiger Gemütsart, wenn man ihn reizt, und von unbegrenzter Kraft. Im übrigen ist er der beste Mensch von der Welt. Ich werde ihn gleich einmal kommen lassen.«

Der Prinz hob die Augen auf, da kam Schaïbar auch schon gewandelt; er war eineinhalb Fuß hoch, trug die Eisenstange auf der Schulter und schleppte seinen langen Bart hinter sich her. Sein Kopf war ungeheuer dick und mit einer nach oben spitz zulaufenden Mütze bedeckt. Außerdem war er vorn und hinten bucklig.

»Der König von Indien ist neugierig, dich zu sehen,« sprach Paribanu; »ich bitte dich also um die Gefälligkeit, dich von meinem Gatten hinführen zu lassen.«

»Er soll nur vorangehen!« antwortete Schaïbar, »ich bin bereit, ihm zu folgen.«

Sobald Schaïbar vor dem Tore der Königsstadt sich zeigte, wurden alle von Entsetzen ergriffen, die ihn sahen. Sie flohen in Buden und Häuser, flohen in Keller und auf Böden, eilten in Wälder und Höhlen, und je näher Schaïbar und der Prinz dem Schlosse kamen, desto verödeter wurden die Straßen.

Endlich traten die beiden in den Saal des Königs.

»Du hast mich zu sehen gewünscht,« sagte Schaïbar, »hier bin ich!«

Aber der König hielt sich die Hände vor die Augen; denn er entsetzte sich.

Schaïbar aber ward über diesen Empfang sehr unruhig, er erhob seine Eisenstange und bedrohte die Feinde Achmeds. Den König erfaßte darüber ein so tiefes Grauen, daß er starb.

Als die Höflinge erkannten, daß ihr Beschützer tot sei, liefen sie eilig aus dem Saale und machten sich auf den schnellsten Pferden so weit aus dem Staube, als sie konnten. Dann bestieg Schaïbar den Schloßturm und ließ alle Glocken läuten; davon wurden die Menschen wieder aus ihren Verstecken gelockt, und Schaïbar rief hinab: »Der König ist gestorben; wer unter euch ist, der den Prinzen Achmed nicht als Nachfolger auf dem Throne dieses Reiches sehen möchte?«

Da war keiner, der sich meldete, und alle riefen: »Es lebe König Achmed und seine herrliche Königin!«

Dem Prinzen Aly und der Prinzessin Nurunnifar ließ der neue König ein bedeutendes Jahrgehalt aussetzen; sie blieben in der Hauptstadt wohnen und waren glücklich miteinander. Hassan aber, der Älteste, war nicht zu bewegen, seine Einsiedelei aufzugeben. Er wünschte dem jüngsten Bruder Glück und Sieg – und beides hat er in reichstem Maße gehabt; alle seine Kriege führte er erfolgreich; denn Schaïbar der Kleine war sein Feldhauptmann. Den König aber nannten sie Achmed den Großen.

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