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Abu Nije und Abu Nijetein

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Ein junger Mann namens Abu Nije lebte sein Leben arm, aber sehr ehrbar.

Weil er dachte, aus dem Reisen könne ihm Freude kommen, schnitt er sich einen Wanderstock und schied aus der Stadt, in der er wohnte.

Unterwegs fand sich ein Mann zu ihm, der hieß Abu Nijetein, das heißt, ›der Unaufrichtige‹; und nun wanderten der Aufrichtige und der Unaufrichtige zusammen. Sie legten ihr Geld vereint in einen Beutel und verabredeten, jedem sollte die Hälfte gehören; es waren aber elf Silberlinge. Als Abu Nije einem Bettler einen davon geschenkt hatte, ärgerte sich Abu Nijetein über diese Barmherzigkeit, nahm seinem Wandergesellen alles Geld ab und ging seines Weges.

Da hatte Abu Nije weder ein einziges Kupferstück noch ein wenig Zehrung, kam hungrig vor den Palast eines Sultans und sah einen Sklaven aus dem Tore gehen, der warf die Reste von dem Tische des Reichen vor die Hunde. Abu Nije aber eilte herzu, aß mit den Hunden, und als der Sklave zu seinem Herrn kam, sagte er: »Herr, ich habe ein Wunder gesehen! Ich fand einen Mann, der verschlang die Brotstücke unserer Speisereste und saugte die Knochen aus.«

Da sagte der Sultan: »Sklave, nimm diese zehn Goldstücke und schenke sie jenem Armen.«

Der Sklave tat, wie ihm befohlen, und Abu Nije ging durch die Straßen der Stadt, kaufte mit den zehn Goldstücken und verkaufte, und er gewann bald so viel, daß er einen Laden aufmachen konnte.

Da kam eines Tages Abu Nijetein an der Halle vorüber und sprach Abu Nije um eine Gabe an. Der lud ihn zu sich ein, gab ihm reichlich zu essen und behielt ihn für die Nacht zu Gast.

Am anderen Tage gab er sich ihm zu erkennen und sagte: »Ich bin dein früherer Reisekamerad; ich habe meine Gesinnung gegen dich niemals geändert – die Hälfte von allem, was mir gehört, gehört dir.«

Sie kauften also einen zweiten Laden, machten gute Geschäfte und führten ein fröhliches Leben.

Nach einem Jahre sprach Abu Nijetein: »Wir haben nun lange genug in dieser Stadt gesessen, laß uns daher in eine andere ziehen!«

Und weil er nicht nachließ, zu bitten, willigte Abu Nije ein; sie beluden eine Karawane von Kamelen und Maultieren mit ihren Gütern und zogen aus.

Nachdem sie zwanzig Tage gereist waren, kamen sie gegen Sonnenuntergang an einen Lagerplatz, wo sie übernachteten. Am nächsten Morgen, als sie ihre Kamele tränken wollten, fanden sie einen Brunnen, und einer fragte den andern: »Wer will hinabsteigen und das Wasser heraufholen?«

Da rief Abu Nije: »Ich will es tun!«

Abu Nijeteins Herz aber war voller Neid, und als alle getrunken hatten, schnitt er das Seil ab, reiste mit der Karawane von hinnen und ließ Abu Nije in der Tiefe des Brunnens zurück; denn er sollte dort verschmachten.

Der Arme saß nun in der Nacht des Schachtes, und schon fühlte er den Tod herannahen, als auf einmal zwei böse Geister in den Brunnen herabstiegen; die trafen sich in jeder siebenten Nacht dort, weil sie diesen Platz für sicher hielten und ihre Reden unbeobachtet glaubten.

»Nun, wie ist es dir die Zeit her gegangen?« fragte der eine den anderen.

»O, ich bin sehr zufrieden, und ich will die schöne Prinzessin gar nicht mehr verlassen.«

»Was aber würde dich von ihr vertreiben?«

»Ein wenig Wermutpulver würde mich vertreiben, wenn es an einem Freitag unter die Sohlen ihrer Füße gestreut wird. Wie geht es dir aber?«

»O, ich danke, ausgezeichnet! Ich bin im Besitze eines wundervollen Juwelenschatzes, der liegt außerhalb der Stadt, nahe der blauen Säule vergraben.«

»Und was würde dich von deinem Schatze vertreiben und ihn den Augen der Menschen aussetzen?«

»Hm, das würde durch einen weißen Hahn geschehen, den man im zehnten Monat auf der blauen Säule schlachtete. Dadurch müßte der Schatz den Menschenaugen sichtbar werden.«

Weil der Morgenstern noch allein am Himmel stand, mußten die Geister den Brunnen verlassen.

Nicht lange danach kam eine Karawane des Weges gezogen, die machte halt, und die Reisenden tränkten ihre Tiere.

Als ein Eimer hinuntergelassen wurde, ergriff ihn Abu Nije und gelangte ans Licht des Tages. Die Wanderer gaben ihm zu essen, und er zog mit ihnen, bis er in eine große Stadt kam. Da waren die Straßen voller Menschen, und die Menschen waren in großer Aufregung.

»Was ist vorgefallen?« fragte Abu Nije.

»Der Sultan hat eine schöne Tochter; die ist von einem bösen Geiste besessen, und jeder Arzt, der seine Kunst vergeblich an ihr versucht, wird auf Befehl des Sultans geköpft. Der erste soll ein junger persischer Doktor sein, und heute wird das Urteil vollzogen. Darum die Unruhe im Volk!«

Abu Nije machte sich augenblicklich auf und ging zum Sultan.

»Ich will meine Kunst an der Prinzessin versuchen, aber Ihr müßt mir versprechen, den jungen Arzt vorerst in ein Gefängnis zu werfen. Gelingt mir die Kur, so soll ihm sein Leben geschenkt werden.«

Der Sultan sagte das zu, und Abu Nije sollte die Heilung sofort beginnen. Allein, er erbat sich Frist bis zum nächsten Freitag.

Er kaufte sich inzwischen für einen halben Silberling Wermut, streute dieses Pulver am Freitag unter die Sohlen der Kranken, daß sie gesund ward, und augenblicklich zog wieder die alte Freude in das Schloß ein. Der junge Arzt erhielt seine Freiheit, und der Sultan sprach zu Abu Nije: »Habe Dank, du großer Heilkünstler, und erbitte dir eine Gnade.«

»So erbitte ich mir Eure Tochter zur Gemahlin.«

»Sollst du haben, aber du müßtest in der Lage sein, der Prinzessin eine Brautgabe zu schenken, die den Wert dieses Edelsteins hat; davon kann ich nicht abgehen; denn das ist Hausgesetz.«

Der Sultan wies Abu Nije einen sehr hellen strahlenden Stein, und Abu Nije sagte: »Ich werde Euch zehn Edelsteine bringen, so groß wie Möweneier und heller als der Morgenstern.«

»Schön,« sagte der Sultan. »Ich werde sehen.«

Abu Nije erbat sich ein Kamel und ritt aus der Stadt. Und weil es im zehnten Monat war, schlachtete er einen weißen Hahn auf der blauen Säule. Da spaltete sich die Erde, und ein Juwelenschatz ward sichtbar, der enthielt Diamanten, so groß wie Straußeneier.

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Abu Nije, der zur Vorsicht einige Säcke mitgenommen hatte, füllte diese mit allerlei Kostbarkeiten, belud das Kamel und ritt heim. Unter den Fenstern des Palastes aber rief er: »Herr König, kommt herunter und nehmt die Brautgabe für Eure Tochter in Empfang!«

Als der Sultan das hörte, wandte er sich zu seinem Wesir und sagte: »Ich glaube, mit diesem jungen Manne ist es nicht ganz richtig.«

Er ging aber dennoch hinunter, und nachdem die Säcke geöffnet waren, sah er Juwelen, größer und prächtiger, als sie ihm je im Traum erschienen.

Abu Nije ward noch an diesem Tage der Schwiegersohn des Königs, und weil dieser erkannte, daß er sehr reich war, ließ er ihn in jeder Woche drei Tage regieren.

Wieder war ein Jahr verflossen, da saß Abu Nije im Garten seines Schlosses, als Abu Nijetein an einem Palmenstock vorübergeschritten kam. Er war abermals zum Bettler geworden und fragte Abu Nije voll Haß und Neid: »Sage mir, wie bist du zu deinem Glücke und zu deinem Reichtums gekommen?«

Abu Nije antwortete: »Durch den Brunnen, in den du mich warfst.«

»So will ich auch in jenen Brunnen steigen; denn was dir gegeben ward, soll auch mir gegeben werden.«

Er verließ die Stadt und wanderte fürbaß, bis er die Wüste mit dem Wasserschacht erreicht hatte. Dort stieg er in die Tiefe und saß bis zur Nacht, da kamen die bösen Geister, aber sie glichen Schwächlingen; und der eine sprach zum andern: »Ach, mein Bruder, seit ich aus der Tochter des Sultans ausgetrieben bin, geht es mir miserabel.«

»Mir geht es nicht besser,« sagte der andere, »mein Schatz ist mir genommen, und alle Kraft ist von mir gewichen.«

Und beide wurden sich darüber einig, daß nur der Brunnen schuld an ihrem Unglück sei. »Wir wollen ihn mit Steinen zuwerfen!« beschlossen sie.

Da füllten sie den Schacht mit Steinen und Sand und verschütteten Abu Nijetein.

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