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Die neidischen Schwestern

. In alten Zeiten lebte ein König, der war wegen seiner Gerechtigkeit und Güte berühmt. Damit er mit seinen eigenen Augen sehe, wie es um sein Volk stand, zog er in jeder Woche einmal das Kleid eines Kaufmanns an und wanderte darin unerkannt durch die Straßen seiner Hauptstadt.

Eines Abends befand er sich wieder auf einem solchen Gange durch die Gassen, da hörte er drei klingende Mädchenstimmen. Er lauschte, wovon man sich da wohl so laut unterhielt, und vernahm: in einer Stube, deren Fenster geöffnet waren, saßen drei Schwestern und erzählten sich von ihren Wünschen.

»Wißt ihr,« rief die älteste, »es wäre mir am liebsten, ich heiratete den Hofmundbäcker des Königs.«

»Das ist ein seltsamer Wunsch.«

»Ei warum? Hätte ich dann nicht stets das weißeste und feinste Brot zu essen?«

Die zweite sagte: »Lieber wäre mir schon der Hofkoch; dann könnte ich alle Tage von den Leckerbissen haben, die dem König auf die Tafel gesetzt werden; und bekanntlich läßt sich kein Mahl an Geschmack und Duft mit dem seinen vergleichen.«

Nun war noch die dritte und jüngste der Schwestern übrig; die war sehr schön und klug, dachte eine Weile nach und sagte:

»Liebe Schwestern, mein Ehrgeiz reicht weiter als der eurige. Mir läge nichts an dem feinen Brot des Bäckers und nichts an den Leckerbissen, die der Koch bereitet. Ich wünsche nichts Geringeres, als mit dem König vermählt zu werden. Aber nicht genug damit!

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Wäre ich des Königs Gemahlin, so müßte ich auch noch einen Sohn haben, der ein starker und ritterlicher Prinz würde; sein Haar müßte auf der einen Seite golden, auf der andern silbern sein; wenn er als Kind weinte, sollte er Perlen statt Tränen vergießen, und wenn er lachte, müßten seine Lippen blühen wie junge Rosen.«

Der König, der draußen im Mondschein unter dem Fenster stand, erstaunte über die Maßen, trat in die Stube zu den drei Schwestern und sagte: »Die Wünsche, die ihr soeben ausgesprochen habt, sollen erfüllt werden. Du heiratest den Koch des Königs, du den Bäcker, und du, schöne Jüngste, wirst morgen die Gemahlin des Königs.«

»Wer seid Ihr, der Ihr so merkwürdig redet?« fragten die Schwestern erstaunt.

»Ich bin der König.«

Da schlugen die Mädchen die Hände vor die Gesichter und wurden blutrot; denn sie schämten sich.

Der König aber ließ einen Wagen holen und führte die Mädchen zur selbigen Nacht in sein Schloß. Dort ließ er sich von jeder der Schwestern den geäußerten Wunsch wiederholen, und am nächsten Tage fand die dreifache Hochzeit statt: die älteste bekam den Bäcker, die zweite den Koch, und die dritte nahm sich der König selber.

Man könnte nun denken, daß alle folgenden Tage eitel Glück und Zufriedenheit gebracht hätten – allein, dem war nicht so. Kaum sahen die älteren Schwestern die Pracht und Hoheit, davon die jüngste umgeben war, so wurden ihre Herzen voll von Haß, Neid und Eifersucht, und sie beschlossen, die Königin ins Verderben zu stürzen.

Lange rieten sie hin und her, wie sie das am besten erreichen könnten. Da bekam die Königin einen Sohn; und während sie schlief, schlichen die neidischen Schwestern in ihre Kammer, wickelten das neugeborene Kind in eine Decke, legten es in einen Korb und setzten diesen in den Fluß, der am Schlosse vorüberzog. Darauf nahmen sie einen toten jungen Hund und legten ihn in die Wiege an Stelle des Kindes und sprengten im Land aus: »Seht, welch' eine üble Königin über euch herrscht? Hätte Gott ihr ein so mißgestaltetes Kind geschenkt, wenn sie nicht eine große Sünderin wäre? Das ist nun ihre Strafe!«

Der König, als er vernahm, was geschehen war, geriet außer sich vor Zorn, aber seine Weisheit behütete ihn, in der Wut eine Torheit zu begehen; und so ward die Königin vor einem grausamen Tode gerettet, den ihre Schwestern gewollt hatten.

Inzwischen war der Korb mit dem kleinen Prinzen von einem Gärtner entdeckt worden; der zog ihn mit einem langen Stock ans Land und zeigte ihn dem Aufseher. Da sahen sie mit höchstem Erstaunen das Kind, und es war von wunderbarer Schönheit.

Entzückt nahm der Aufseher, der keine Kinder hatte, das Knäblein seinem Weibe mit, und es ward mit aller Sorgfalt und Zärtlichkeit gepflegt.

Als ein Jahr vergangen war, bekam die Königin einen zweiten Knaben. Wieder schlichen die neidischen Schwestern herzu, stahlen das Kind und legten eine tote Katze in die Wiege. Den Korb mit dem Prinzen aber setzten sie in den Strom. Durch einen Zufall gelangte auch dieser in den Besitz des Aufsehers der königlichen Gärten, und der zweite Findling wurde mit der gleichen Freude von ihm und seiner Frau aufgenommen.

Der König aber war kaum zu besänftigen; zum Glücke hatte er einen sehr klugen Minister, der für die Königin bat, und so ward ihr auch diesmal das Leben geschenkt.

Abermals nach einem Jahre schenkte Gott der Gemahlin des Herrschers eine Tochter – die bösen Schwestern stahlen auch dieses Kind, legten eine Ratte in die Wiege und setzten die Prinzessin im Korbe in den Strom. Der Aufseher fand ihn und nahm das kleine Mädchen in seine Hut, als wär' es sein eigenes Kind.

Der König befahl in seinem Zorn, die Königin hinzurichten, aber der Minister redete lange mit ihm und brachte es endlich dahin, daß ihr das Leben geschenkt wurde. Aber er konnte nicht verhindern, daß sie in einen hölzernen Käfig mit eisernen Stäben gesperrt wurde.

Die unglückliche Frau trug ihre Leiden mit Geduld und Standhaftigkeit und betete täglich um ihre Rettung.

Mittlerweile erzog der Aufseher die beiden Prinzen und die Prinzessin mit großer Sorgfalt; der älteste Knabe hieß Bahman, der jüngere Parwis, und das Mädchen, weil es so schön war, Perisade, das bedeutet Feenkind. Die Kleinen erhielten, als sie heranwuchsen, die besten Lehrmeister des Landes, und alle sagten, so brave, fleißige und kluge Kinder gäbe es im ganzen Lande nicht mehr.

Darüber freute sich keiner mehr, als der Aufseher, und weil sein Haus nur klein war, baute er sich vor der Stadt ein größeres und stattete es mit aller Pracht aus. Danach erbat er die Entlassung aus seinem Dienste, und da der König ihm wohlwollte, kam er in sein neues Haus, besah es und sagte: »Lieber Aufseher, du hast mir viele Jahre mit großer Treue gedient, dafür möchte ich dich jetzt besonders belohnen, – wünsche dir also etwas, und ich will es dir erfüllen, wenn es in meiner Macht steht.«

Der Aufseher dankte seinem Herrn für die Gnade, wußte aber nicht, was er sich wünschen sollte, und lebte danach einige Zeit in ungetrübtem Glücke mit seinen drei Kindern; denn seine Frau war vor einigen Monaten gestorben. Da fühlte er, daß auch die Frist seines Lebens gemessen sei, und als er den Tod nicht mehr ferne wähnte, rief er die drei Kinder an sein Lager und erzählte ihnen die seltsame Geschichte ihrer Auffindung. Dann ermahnte er sie zu gegenseitiger Liebe und Achtung, und am Morgen erwachte er nicht mehr aus dem Schlummer.

Die Prinzen und die Prinzessin bestatteten ihn mit allen Ehren, und als die Tage der Trauer vorüber waren, ritten die Prinzen einmal auf die Jagd und ließen ihre Schwester Perisade allein zu Hause. Da pochte eine alte Frau an die Türe und bat, sie möchte das schöne Haus sehen und bewundern. Dann setzte sie sich zu den Füßen Perisadens und sagte: »Du bewohnst das schönste und vollkommenste Gebäude der Erde, aber es würde noch herrlicher sein, wenn nicht drei Dinge fehlten.«

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Die Prinzessin ward neugierig und fragte: »Und welche drei Dinge wären denn das?«

»Das erste ist der sprechende Vogel Bulbul. Er ist sehr selten und schwer zu finden; aber wenn er seinen über die Maßen lieblichen Gesang ertönen läßt, so scheucht er alles Leid aus den Herzen der Menschen, die ihn hören. Das zweite ist der singende Baum; wenn der Wind durch seine Blätter streift, ertönt ein Klingen, davon werden alle Krankheiten derer geheilt, die das Glück haben, in seiner Nähe zu weilen. Das dritte aber ist das goldene Wasser. Nimmt man davon einen einzigen Tropfen und läßt ihn im Garten in ein Becken fallen, so füllt er das Becken bis zum Rande und springt in Strahlen empor. Und wer das Rauschen des goldenen Wassers gehört hat, dem wird nimmermehr ein Leid geschehen.«

»Und wo sind diese drei seltenen Dinge zu finden?« fragte Perisade.

»Zwanzig Tagereisen von hier, auf dem Wege, der gen Sonnenaufgang führt, an den Grenzen Indiens und der benachbarten Reiche. Ein Einsiedler, der hinter der zwanzigsten Stadt in der Wüste wohnt, weiß den Ort anzugeben, an dem die drei Wunderdinge gefunden werden.«

Danach ging die alte Frau von dannen; die Prinzessin aber hörte nicht auf, sich mit ihren Worten zu beschäftigen.

Als die Brüder von der Jagd heimkehrten, erforschten sie den Grund der Unruhe Perisadens, und sie beschlossen: Prinz Parwis, der zweite, sollte daheim bleiben und die Schwester behüten; Prinz Bahman aber sollte ausziehen, sein Heil zu versuchen und sehen, ob er die drei seltenen Dinge in seinen Besitz brächte.

Bevor er sich in den Sattel schwang, zog er aus seinem Gurt ein kleines Jagdmesser und gab es seiner Schwester, indem er sprach: »Dies Messer trage stets bei dir; ist der Stahl blank, so wisse, daß ich wohl und gesund bin. Findest du jedoch Blutflecken auf der Klinge, dann bin ich tot, du aber bete für mich.«

Danach ritt der Prinz aus und traf am zwanzigsten Tage einen Greis von furchtbarem Aussehen, der saß unter einer Palme neben seiner Strohhütte. Sein Haar und Bart waren weiß wie Schnee, und seine Oberlippe war so lang und dick, daß sie seinen Mund bedeckte. An seinen Händen und Füßen hatte er Nägel, die waren siebzig Jahre lang nicht geschnitten; auf dem Kopfe hatte er einen Hut aus Palmblättern, und seine Kleidung bestand aus geflochtenem Bast.

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Der Prinz, der keine Furcht hatte, nahm einen Spiegel aus seinem Reisesack, ließ den Alten hineinsehen und sagte: »So, nun will ich dich erst einmal richtig frisieren!«

Er nahm eine Schere, stutzte ihm Nägel, Bart und Haar, kämmte ihn hinlänglich und sah zu seinem Erstaunen, daß aus dem alten Wüstenbär ein hübscher junger Mann wurde.

Danach ließ er ihn wieder in den Spiegel schauen, und der Mann der Wildnis freute sich so über den Dienst, der ihm geleistet worden war, daß er sagte: »Wenn ich dir irgendwie gefällig sein kann, so laß es mich wissen.«

»Ach,« sagte der Prinz, »vielleicht könntest du mir den Ort zeigen, an dem ich den sprechenden Vogel, den singenden Baum und das goldene Wasser finde. Das wäre sehr nett von dir, und ich würde dir gern meinen Kamm und meinen Spiegel dafür schenken.«

Als der Einsiedler diese Worte hörte, war er sehr bekümmert und sprach: »Dahin führt ein Weg voll Schrecken und Gefahren. Wenn dir dein Leben lieb ist, so ziehe nicht weiter. Tausende haben dort ihren Tod gefunden.«

»Ich will mich aber doch nicht abschrecken lassen,« sagte der Prinz; »denn mir ist an Mut und Kraft keiner gewachsen.«

»Wenn das so ist,« antwortete der Einsiedler, – »aber ich fürchte dennoch, du gehst deinen letzten Gang. So nimm diesen Ball, steig auf dein Pferd und harre der Dinge, die kommen werden.«

Er gab ihm noch einige Worte der Weisheit mit auf den Weg, und der Prinz ritt von dannen.

Nicht lange, so rollte der Ball aus seiner Hand, – der Prinz auf dem Roß sprengte hinterdrein und kam an einen sehr hohen Berg. Da lag der Ball still, und der Reiter stieg aus dem Sattel.

Er ließ das Pferd an einem Baume stehen und schritt den steilen Pfad bergan; der war ganz mit schwarzen Felsstücken bestreut.

Nicht lange, so erhob sich ein wüster Lärm und ein grausiges Durcheinander von Stimmen; und doch war niemand zu sehen; und die Rufe wurden immer lauter: »Wer ist dieser närrische Mensch? Haltet ihn an! Laßt ihn nicht vorüber! Dieb! Totschläger! Mörder!« Immer wilder wurde das Geschrei; aber der Prinz fürchtete sich nicht und zog seines Weges, ohne einmal rechts und links zu schauen. Das Brausen der Stimmen wuchs wie das eines gewaltigen Sturmes; in die Felsblöcke schien Leben zu kommen, die Knie wankten dem Wanderer – er vergaß die Ratschläge des Einsiedlers, schaute sich ein einziges Mal um – und im selben Augenblicke ward er zu einem schwarzen Felsstück verwandelt und lag nun am Wege wie die andern alle, die vor ihm das gefährliche Wagstück unternommen hatten.

Um diese Zeit zog Perisade ihr Messer aus dem Gurt und sah Blut daran.

Da erstarrte ihr das Herz, sie rief ihren Bruder, und beide erkannten, daß Prinz Bahman nicht mehr unter den Lebenden sei.

Die Prinzessin ließ sich nun ganz von ihrem Kummer hinreißen, und es war keiner, der sie trösten konnte; denn sie sagte: sie wäre an dem Unglücke schuld, das über ihren Bruder hereingebrochen war.

Nach einiger Zeit beschloß der zweite Prinz, dem ersten nachzureisen. Er gab Perisade eine Perlenschnur und sagte: »Solange die Perlen an dem Faden gleiten, bin ich froh und gesund; wenn sie aber aneinanderhängen, ist mir ein Leid geschehen und du magst mich beweinen.«

Es ging dem Prinzen nun genau wie seinem Bruder – er ward am Anfang des Weges mit den schwarzen Felsstücken samt seinem Rosse zu Stein verwandelt.

Perisade aber ersah an der Kette, was sich zugetragen, ward sehr traurig und rief: »O weh, ich habe meine Brüder ums Leben gebracht! Wie könnte ich diese Sünde anders sühnen, als daß ich ausziehe und mich nach ihrem Schicksal erkundige? Vielleicht vermag ich sie zu retten! Wenn nicht, so will ich meine Schuld mit dem Tode büßen.«

Am folgenden Morgen legte sie Männerkleider an, bestieg ihr Roß und gelangte am zwanzigsten Tage zur Hütte des Einsiedlers in der Wüste. Sie ließ sich von ihm über die Gefahren der ferneren Reise belehren, und er erzählte ihr, wie ihre Brüder zu Tode gekommen seien. »Zuerst,« hub er an, »haben sie den schrecklichen Stimmen und Verwünschungen mit mutigem Herzen widerstanden; dann aber verzagten sie oder schäumten in Wut über die lästerlichen Worte, die man ihnen zurief, so daß sie sich umwandten und rückwärts blickten – und in diesem Augenblick erreichte sie das Verderben.«

Die Prinzessin verabschiedete sich mit dem festen Vorsatze, standhaft zu bleiben, und der Ball wies ihr den Weg.

Kaum war sie aus dem Sattel gestiegen, als schon der Lärm losbrach; der Lärm wuchs zum Toben, aber sie hörte nicht darauf. »Mögen sie nur kreischen,« sagte sie, »was schert mich ihr Spott und Hohn, und was gehen mich ihre häßlichen Schmähworte an?«

Je näher sie ihrem Ziele kam, desto stärker wurde die Gefahr, und es hätte keinen Menschen gegeben, den nicht schon die Furcht vor dem Höllenspektakel getötet hätte.

Die Prinzessin eilte jedoch vorwärts, immer nur vorwärts – da erreichte sie den Gipfel des Berges, und ein Käfig stand dort in einem Gebüsch, daraus hörte sie ein wundersames Singen. Kaum hatte der Vogel sie erblickt, so wandelte sich sein Gesang in eine Stimme, die wie rollende Wetter um den Berg dröhnte, und er schrie: »Kehr' um, o Narr! Scher' dich fort! Wehe, wenn du dich näher wagst!«

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Perisade aber kümmerte sich nicht um seinen drohenden Ruf, sie erfaßte den Käfig und rief: »Hab' ich dich endlich? Gib dir keine Mühe; denn keine Macht dieses Berges soll dich mir entreißen!«

Und sofort löste sich das wilde Gebrüll des Vogels in ein sanftes, melodisches Sprechen, und Perisade hörte, wie er sagte: »O tapfere und edle Herrin, sei gutes Muts, kein Schade soll dir geschehen! Ich will dir aus Dankbarkeit dienen – was befiehlst du mir? Sprich, und ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.«

Das erste, woran die Prinzessin dachte, waren ihre verlorenen Brüder – und weil sie vom Einsiedler erfahren hatte, daß sie nur mit dem goldenen Wasser die Prinzen erlösen könne, so sagte sie: »Wo ist es – dies goldene Wasser?«

In einem Augenblicke stand sie an der Quelle, füllte ein silbernes Fläschchen daraus bis zum Rande und sprach: »Zeig' mir den singenden Baum, mein Vogel!«

»Hinter dir in dem Wacholderbusche rauscht der singende Baum!« antwortete er.

»Wie soll ich ihn aus diesem Felsgestein lösen?«

»Brich nur ein Zweiglein und pflanz' es in deinen Garten. Es wird Wurzel schlagen, und in sieben Tagen wird ein Baum daraus sprießen.«

Da tat Perisade, wie ihr geheißen ward, und sagte: »Nun aber möcht' ich meine Brüder erlösen, die hier am Wege liegen, zu schwarzen Steinen verwandelt.«

»Die Sache ist leicht,« sagte der Vogel, »sprenge nur ein wenig goldenes Wasser darüber.«

Sie träufelte also auf jeden der Steine ein wenig aus ihrem Fläschchen – da bewegten sich die schwarzen Blöcke und wandelten sich zu Menschen und Rossen. Auch ihre Brüder waren unter den Erlösten, und die Freude des Wiedersehens wollte kein Ende nehmen.

Während sich die Geschwister noch in den Armen lagen, erhob sich rings ein helles Jubelgeschrei.

»Heil unserer Herrin!« riefen die aus dem Zauberschlaf erstandenen Ritter, »Heil der schönen und tapferen Prinzessin Perisade! Wir wollen alle deine Sklaven sein und dir unser Leben lang dienen.«

»Das ist sehr schön und dankbar von euch,« lachte Perisade, »ich kann euer Anerbieten aber nicht annehmen; denn ich bin nur gekommen, meine Brüder zu erlösen; ihr anderen ziehet darum vergnügt heim!«

Sie setzte sich alsbald an die Spitze des Zuges, und als ein jeder zu der Straße gelangte, die nach seiner Heimat führte, verabschiedete er sich von der Prinzessin und zog seines Weges, bis alle davongeritten waren und Perisade mit ihren Brüdern allein übrigblieb.

Nach zwanzig Tagen erreichten sie ihr Haus; da hängte Perisade den Käfig mit dem Wundervogel ans Fenster, und als er sang, kamen tausend Vögel und lauschten seinem Liede, und es kamen tausend Leidtragende, denen sang er ihren Schmerz aus dem Herzen.

Ebenso pflanzte sie das Reis, das sie von dem singenden Baume mitgebracht hatte; das trieb einen Stamm, Äste und Blätter, und die Blätter erklangen in zauberischen Liedern; da kamen Menschen, die ihr Lebtag krank gewesen waren, und wurden gesund wie der Frühlingsmorgen vor den lieblichen Klängen.

Zuletzt ließ sie ein Becken aus weißem Marmor meißeln, goß das goldene Wasser hinein, und es sprang ein Strahl aus dem Becken, der gab einen tröstlichen Klang, und wer ihn hörte, der war von allem Elend beschützt, solang er lebte.

Es konnte nicht fehlen, daß der König in wenigen Tagen vernahm, welche Wunderdinge das Haus vor der Stadt barg. Er kam, alles zu besehen, und wunderte sich sehr, und als er noch durch den Garten spazierte, rief der sprechende Vogel Perisade heran und sagte: »Lad' den König zu Tische! Ich werde inzwischen ein Mahl richten, wie es selbst ein König noch nie gesehen hat. In einer Viertelstunde ist alles bereit.«

Und als sie nach dieser Zeit in den Speisesaal traten, siehe, da war eine köstliche Tafel mit den auserlesensten Speisen gedeckt. Für den König aber stand ein goldener Stuhl zuoberst, über den war ein Purpurmantel gebreitet. Da setzten sie sich mit allen Gästen zu Tisch; und vor dem König stand ein Teller mit grünen Gurken, die waren mit Perlen gefüllt.

Der König erstaunte darüber sehr und sagte fast unmutig: »Was ist das für ein Gericht? Es kann unmöglich als Speise gemeint sein, – weshalb ist es mir also vorgesetzt, wenn ich es nicht essen soll?«

Da erhob der Vogel seine Stimme und sprach: »O König, erachtest du es für sonderbar, ein Gericht Gurken zu sehen, die mit Perlen gefüllt sind? Siehe, du staunst – und hast doch nicht gestaunt, als man dir vor Jahren einst vorlog, Gott hätte deiner schönen, schuldlosen Gattin statt Kindern einen Hund, eine Katze und eine Ratte geschenkt? Siehe, o König, so bist du betrogen! Diese beiden tapferen Prinzen, deren Weisheit du bewunderst, und diese holdselige Prinzessin, sind deine rechtmäßigen Kinder!«

Damit schwieg der Vogel aber nicht, sondern er erzählte mit schönen, klingenden Worten den ganzen Sachverhalt.

Der König erbleichte, als er diese Rede hörte. Er erhob sich von seinem Sitze und sprach: »Ich gehe, die Wahrheit zu suchen! Und wenn ich sie gefunden habe, will ich Recht sprechen und meinen Fehler tausendmal gutmachen.«

Damit nahm er zärtlichen Abschied von seinen Kindern, kam in das Schloß und ließ die Schwestern der Königin unverzüglich vor den hohen Rat fordern, den er hatte einberufen lassen.

In jener Stunde gestanden die bösen Frauen alles, was sie gesündigt hatten; da wurde das Urteil gegen sie gefällt: in Ketten wurden sie ins Gefängnis gelegt und am andern Tage an den Galgen gehängt.

Der König aber ließ seine Gattin holen, ließ ihr herrliche Kleider reichen, und sie mußte in goldenen Schuhen über seidene Teppiche schreiten. Dann ritten sie auf weißen Pferden zu dem Hause vor der Stadt – der König brachte den Kindern ihre Mutter wieder!

Alle Glocken läuteten von den Türmen, tausend Kanonen riefen das Glück in die Welt, alle Armut ward an diesem Tage gespeist, und wer gefangen saß, dem öffneten sich die Türen des Kerkers ... Es war ein Jubel, es war ein Jubel!

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