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Der Sultan von Kairo

Es war einmal ein armer, aber sehr fleißiger und kluger junger Mann, dem spielte der Zufall eines Tages zehn Silberlinge in die Hände. Er beschloß, damit etwas Rechtes anzufangen, und ging zunächst in die Kaufhallen, um sich ein paar Früchte zu erstehen; denn er hatte lange nichts gegessen.

Während er sich in den Basaren umsah, bemerkte er einen Mann, der einen Affen an der Kette führte und ausrief: »Dieser Affe steht für neun Silberlinge zum Verkauf!«

Der junge Mann, der noch ein wenig mehr als die geforderte Summe besaß, erstand den Affen und nahm ihn mit in seine Kammer. Dann begann er zu überlegen, wie er für sich und ihn am billigsten ein ausgiebiges Mahl besorgen sollte.

Während er noch nachdachte, verwandelte sich der Affe in einen schönen jungen Mann und redete seinen Herrn an: »Du überlegst, wovon wir beide leben sollen?«

»Wer bist du?« fragte der Besitzer des Wundertieres erstaunt.

»Frage jetzt nicht nach gleichgültigen Dingen; denn das Glück ist bei dir eingekehrt. Da hast du ein Goldstück, geh zurück zum Basar und kaufe Nahrung für uns beide.«

Ali lief in die Kaufhallen, und nach einigen Minuten stellte er die erstandenen Speisen auf den Tisch in der Kammer. Dann legten sich beide zur Ruhe. Am Morgen aber sprach der junge Mann, der zuvor ein Affe gewesen war: »Dieser Raum paßt nicht für uns; mache dich auf und miete eine größere Wohnung.«

Nachdem sie dorthin umgezogen waren, gab der Fremde dem Ali zehn Silberlinge und ebensoviel Golddinare und befahl ihm, alles zu kaufen, was zur Ausstattung des Raumes nötig wäre.

Bei seiner Rückkehr fand Ali ein Paket von seinem unbekannten Freunde, darin war ein Kleid, das eines Königs würdig gewesen wäre.

Ali nahm ein Bad und tat das kostbare Gewand an; da merkte er, daß es hundert Taschen hatte, und in jeder Tasche befanden sich hundert Goldstücke.

»Träume ich oder bin ich wach?« fragte sich Ali. Aber ohne sich weiter den Kopf über die gute Laune des Schicksals zu zerbrechen, kehrte er zu dem Jüngling zurück. Der betrachtete ihn wohlgefällig und legte ein zweites Paket auf den Tisch. Das war viel größer als das erste, und Ali mußte es zum Sultan befördern und zugleich um die Tochter dieses Sultans anhalten.

Ein Sklave, den der Jüngling für Ali gekauft hatte, schritt hinter ihm drein und trug die Last.

Als die Großen am Hofe den jungen Mann in dem kostbaren Gewande sahen, waren sie sehr freundlich zu ihm und fragten: »Was ist dein Anliegen und was begehrst du?«

»Ich wünsche eine Rücksprache mit dem Könige zu nehmen.«

Da antworteten sie: »Warte eine kleine Weile, bis wir dir die Erlaubnis ausgewirkt haben.«

Nicht lange, und der Sultan erteilte den Befehl, Ali vorzulassen.

Er wünschte bei seinem Eintritt in den Thronsaal dem Sultan Wohlergehen und sprach, indem er das Paket auf die Stufen vor dem goldenen Stuhl legte: »O Herr, dies sei ein Geschenk, das meinem Stand, aber nicht deiner Würde entspricht.«

Der Sultan befahl, das Paket zu öffnen, und fand einen Anzug, so königlich, wie er niemals einen besessen hatte.

Ganz überrascht und geblendet von der Herrlichkeit des Geschenks, sagte er: »Dies Kleid ist so außerordentlich kostbar, daß ich es gern annehme; aber du hast sicherlich ein Anliegen an mich. So rede!«

Und Ali sprach: »O König, es ist mein Wunsch, die Prinzessin, deine Tochter, als Gemahlin zu besitzen und damit in deine Verwandtschaft zu treten.«

Da trat der Wesir aus der Reihe der Großen hervor und sprach: »Mein gnädiger Herr, zeigt diesem Fremdlinge den kostbarsten Stein aus Eurem Kronenschatze – und wenn der Jüngling ein Juwel besitzt, das diesem an Wert gleichkommt, so soll er es der Prinzessin als Morgengabe bieten und Eure Tochter soll ihm ihre Hand reichen.«

»Dein Rat ist gut, mein Wesir,« sprach der König.

Und Ali entgegnete: »Und wenn ich ein Juwel bringe, wie Ihr es wünscht – wollt Ihr mir dann die Prinzessin geben?«

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»Ja, gewiß.«

Er ließ sich das Kleinod geben, von dem der Wesir gesprochen hatte, verabschiedete sich aus dem Palaste und trat vor den Jüngling: »Heil!« rief er, »unsere Sache steht nicht schlecht. Hast du ein Juwel, das an Wert und Glanz diesem gleichkommt, so soll es die Brautgabe für die Prinzessin werden. Wenn alle ihr Wort brächen – ein König muß es halten!«

Der Jüngling zog die Achseln: »Heute kann ich nichts in dieser Sache tun. Aber morgen will ich dir gleich zehn Juwelen bringen, deren jedes kostbarer ist als das des Sultans.«

Als der Morgen gekommen war, verließ der Jüngling das Haus eine Weile, dann kehrte er mit zehn Juwelen zurück, die waren so groß wie die Äpfel und leuchteten wie der hellste Stern am Nachthimmel.

Angesichts dieser Kleinodien wunderte sich der Sultan über die Maßen, und alle Großen des Hofes staunten mit ihm.

»Du verlangtest von ihm nur ein Juwel,« sagten sie, »er aber hat dir zehn Kleinodien von unschätzbarem Werte gebracht; es ist daher nur recht und billig, ihm deine Tochter zu geben.«

Infolgedessen berief der König den Richter, bestellte den Ehevertrag, und die Hochzeit ward unter dem Jubel des ganzen Landes mit großer Pracht gefeiert.

Am Abende, als Ali mit der Prinzessin allein in dem Lustschloß war, das der König dem jungen Paar angewiesen hatte, sprach Ali: »Nun gib mir das Amulettenarmband von deiner rechten Achsel; denn daran will ich erkennen, daß du mich auch liebhast und mich nicht nur wegen meiner wertvollen Edelsteins nahmst.«

Also verfuhr er aber auf den Befehl des Jünglings, in dessen Auftrag er all die Zeit gehandelt hatte.

Die Prinzessin besann sich keinen Augenblick, löste das Band von ihrer rechten Achsel und reichte es ihm – aber kaum berührte es seine Hand, so erfolgte ein Donnerschlag und Ali befand sich in seiner Kammer und lag der Länge nach auf seinem Bette.

»Bin ich wach oder träume ich?« fragte er sich wieder einmal; und weil er sein armes Kleid auf dem Stuhle und sein zerrissenes Hemd auf dem Fußschemel liegen sah, überzeugte er sich, daß er wach sei. Aber von seinem prächtigen Anzuge konnte er keine Spur entdecken.

Da zog er enttäuscht seine vorigen Kleider wieder auf den Leib und wanderte durch Städte und Länder, ohne in seiner Verstocktheit recht zu wissen, was er tat.

Wieder einmal, wie er sich nicht klar war, ob er sich in einer großen Stadt, durch die er gerade reiste, rechts oder links wenden sollte, sah er auf einem Platz einen Schreiber sitzen. Der war zugleich ein Wahrsager und ließ ein Päckchen Kartenblätter surrend durch seine braunen Finger gleiten.

Ali, der nicht übel Lust hatte, sich sein Schicksal verkündigen zu lassen, trat näher; da starrte ihm der Magier lange in die Augen; dann rief er:

»O Fremdling, bist du es, dem der Verruchte die errungene Braut entrissen hat?«

»Ich bin es!« entgegnete Ali.

»So gedulde dich kurze Zeit!« Er blätterte und las ein wenig in einem Buche, dann fuhr er fort: »Freund, der Affe, den du für neun Silberlinge kauftest und der sich in einen jungen Mann verwandelte, ist kein menschlich Wesen. Er war ein Geist, der die Prinzessin liebte; aber er durfte sich wegen des Amulettenarmbandes an ihrer rechten Achsel ihr nicht nähern, wendete die List mit dir an und gewann das Armband – jetzt aber trägt er es selbst. Doch, nun will ich ihn in kurzer Zeit vernichten; denn er ist verruchter als eine Giftschlange und tückischer als ein Skorpion; Menschen und Geister sollen fortan Ruhe vor ihm haben.«

Nach diesen Worten nahm der Wahrsager ein Blatt, schrieb einige Worte darauf, setzte sein Siegel darunter und barg es in einem Umschlag.

Diesen überreichte er Ali und zeigte ihm den Weg nach einem bestimmten Platz. »Dahin gehe,« sagte er, »und so du einen Mann mit einem Gefolge von vierzig Sklaven ankommen siehst, übergib ihm diesen Brief. Jener Mann ist es, der dich zu einem herrlichen Ziele führen wird.«

Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges: Ali sah den Platz ganz nahe vor sich, aber er wanderte und wanderte, ohne ihn zu erreichen. Er ward hungrig und müde; es ward Nacht und ward wieder Tag – und endlich, als die Sonne im Mittag hing, befand er sich an der Stelle.

Dann setzte er sich und wartete, bis das Dunkel kam.

Der Mann mit dem großen Gefolge blieb aus.

Das erste Viertel der Nacht verstrich.

Plötzlich erschien ein Glanz von vielen Lichtern in der Ferne, und als der Schein näher kam, unterschied Ali Lampen, die wurden von Dienern getragen. Inmitten des Zuges schritt der König.

Ali faßte sich ein Herz, überreichte ihm den Brief, und der Sultan hielt im Gehen an und las laut: »Es sei dir kundgetan, Erhabener, daß der Überbringer dieses Briefes ein Anliegen an dich hat, das du ihm durch Vernichtung seines Feindes erfüllen mußt. So du aber den Wunsch nicht erfüllest, sollst du selber vor mir Rettung suchen.

Dieser König war kein anderer als der jenes Heeres von Geistern, dem der Jüngling angehörte, der Ali die Braut geraubt hatte.

Sofort befahl er einem seiner Hauptleute, denjenigen vorzuführen, der sich durch Zaubereien der Tochter des Sultans von Kairo bemächtigt hatte.

Der Hauptmann gehorchte, und nach einer Stunde war er zurück, neben ihm aber schritt in einer Fessel der Jüngling, den Ali als Affe kennen gelernt hatte.

»Verruchter,« rief ihn der König an, »weshalb hast du diesem Menschen so übel mitgespielt?«

»O Herr, das kam von meiner Liebe zur Prinzessin; die trug einen Zauber im Armring, und deshalb bediente ich mich dieses Mannes, mein Vorhaben auszuführen. Das ist mein Vergehen.«

Als der König diese Worte vernahm, sprach er: »Dein Fall kann nur auf zwei Wegen erledigt werden; entweder du gibst den Armring zurück, und dieser Mann wird wieder mit seiner Gattin vereint, oder du widersetzest dich; dann werde ich meinem Scharfrichter befehlen, dir wegen Ungehorsams gegen den König das Haupt abzuschlagen.«

Als der Jüngling das hörte, weigerte er sich, den Befehl auszuführen und rebellierte gegen seinen König.

Da stürzten sich die aus dem Gefolge auf den Trotzigen, raubten ihm das Armband und schleppten ihn zum Richtplatz. Der Befehl des Königs ward alsbald vollzogen, und das Armband wurde dem sehr verwunderten Ali wieder zurückgegeben.

Danach begab der sich ungesäumt in die Stadt Kairo, und als er in den Palast gelangte, kamen alle Großen, Wachen und Sklaven herzugeeilt und riefen: »Das ist der echte Schwiegersohn unseres Königs! Heil! Heil! Er ist wieder gefunden, der schon verloren war!«

Der Sultan aber drückte ihn an sein Herz, und als sie in die Kammer der Prinzessin traten, lag die von den Aufregungen der letzten Tage schwer krank auf ihrem Stuhl und hatte Fieberträume.

Da legte ihr Ali leise, ganz leise den Armring an, und alle Krankheit fiel von ihr ab.

Sie aber breitete die Arme aus, erkannte ihren Gatten und weinte an seiner Brust helle Tränen der Freude.

Von da an lebten sie aufs neue glücklich zusammen, bis der Sultan starb. Und da er keinen Sohn hinterließ, wurde Ali zu seinem Nachfolger ernannt, und er fand sich in sein neues Amt, als hätte er das Regieren von Jugend an gelernt.

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