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Belohnte Freundschaft

. Ein armer Fischer namens Abdallah hatte ein Weib und zehn Kinder, konnte aber nicht so viel erarbeiten, daß seine Familie vor dem Hunger geschützt blieb. Zu allem Leide kam noch eine Zeit, von welcher Abdallah meinte, alle Fische seien aus dem Meere geflohen; denn so oft er das Netz auswarf, so oft zog er es leer wieder heraus; und doch arbeitete er, daß ihm die Hände bluteten.

Weil seine Kinder um Brot schrien, lief er in seiner Herzensangst zu einem Bäcker. Er getraute sich aber nicht zu bitten und blieb scheu hinter denen stehen, die Brot kauften.

Endlich bemerkte ihn der Bäcker und sagte: »Komm her, Fischer! Möchtest du auch Brot haben?«

Aber der Arme getraute sich noch nicht, zu reden; denn er hatte nicht einen roten Heller in der Tasche und wußte nicht, wenn er überhaupt wieder einmal Geld haben würde.

»Sprich und schäme dich nicht!« sagte der Bäcker. »Solltest du kein Geld haben, so will ich dir doch Brot geben und will warten, bis es dir wieder gut geht und du es bezahlen kannst.«

Da versetzte der Fischer: »Bei Gott, ich habe kein Geld. Gib mir jedoch so viel Brot, als meine Familie für drei Tage braucht, und behalte dafür mein Netz zum Pfande.«

Darauf reichte ihm der Bäcker eine Reihe Brote und legte zehn halbe Silberlinge daneben, indem er zu ihm sprach: »Nimm diese zehn halben Silberlinge und kauf dir dafür Fleisch; du schuldest mir also zwanzig halbe Silberlinge – den Wert des Brotes eingerechnet – und kannst mir morgen Fische dafür bringen. Wenn du aber wieder nichts fängst, so komm und hol wieder deine Brote und nochmals die zehn halben Silberlinge dazu; ich will mit dir Geduld haben, bis es dir wieder besser geht.«

»Gott soll dir deine Barmherzigkeit lohnen!« rief der Fischer. Hierauf nahm er, was ihm der Bäcker gegeben hatte, kaufte Fleisch und kehrte leichteren Herzens heim in seine arme Hütte.

Am nächsten Morgen eilte er zur Arbeit; allein, so oft er sein Netz warf, immer zog er es leer aus der Flut. In großer Betrübnis ging er nach Hause. Wie ihn der Weg beim Bäcker vorbeiführte, beeilte er sich aus Scham; denn da er ihm seine Schuld nicht zurückzahlen konnte, sollte ihn der Bäcker auch nicht sehen.

Der aber gewahrte ihn doch und rief:

»Fischer, komm her, hol dein Brot und dein Geld, das ich dir versprochen habe, du hast es vergessen.«

Da versetzte der Fischer: »Ach nein, vergessen hab' ich's nicht, ich schämte mich nur vor dir, da ich heute wieder keine Fische gefangen habe. Ich dachte, du könntest glauben, ich hätte nichts gearbeitet.«

»Schäme dich nicht! Sagte ich dir nicht, es hat Zeit, bis dir das Glück wieder begegnet?«

Alsdann gab er ihm Brot und die zehn halben Silberlinge und schickte ihn heim zu seiner Frau.

So ging es nun vierzig Tage lang – die Langmut und Freigebigkeit des Bäckers blieben sich gleich wie das Unglück Abdallahs des Fischers.

Am einundvierzigsten Tage warf der das Netz abermals aus, ohne Hoffnung, etwas zu fangen. Da merkte er plötzlich, daß es schwer war, und als er es an den Strand zog, lag ein Wesen darin, das hätte ein Mensch sein können, wenn es nicht einen Fischschwanz gehabt hätte.

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»Komm her,« bat der Meermann flehentlich, weil er merkte, daß der Fischer fliehen wollte, »komm her und befreie mich! Ich gehöre zu den Kindern des Meeres und wandelte gerade ein wenig umher, als du dein Netz über mich warfst. Wenn du mich in Freiheit setzest, bist du mein Herr geworden, und ich bin dein Sklave. Ich muß dann so oft an diesen Ort kommen, als du selbst mit einem Korb voll Früchten auf mich wartest; denn ihr habt in eurer Erdensonne Pfirsiche, Feigen, Trauben, Granatäpfel, wir aber haben Korallen, Perlen und Smaragde. Und ich will dir den Korb, in dem du die Früchte bringst, mit dem Edelgestein des Meeres füllen. Wie heißest du?«

»Abdallah!«

»Ah,« sagte der im Netz, »ich heiße auch Abdallah, ich bin Abdallah der Seemann und du Abdallah der Landmann, das trifft sich vortrefflich, mein Bruder! So oft du kommst, rufe nur: ›Wo bist du, o Abdallah, o Meermann?‹ Ich werde dann auf der Stelle bei dir sein.«

Der Fischer setzte den Gefangenen in Freiheit. Der grinste ihm freundlich zu und tauchte in die Fluten. Ehe sein bärtiges Haupt aber entschwand, rief er: »Gedulde dich nur ein paar Minuten – ich will gehen und dir ein Geschenk holen.«

Fast bereute der Fischer, ihn so leichten Kaufes entwischen zu lassen; denn er dachte: der kommt doch nicht wieder – da teilten sich die Wogen, und Abdallah der Meermann stieg empor und hatte die Hände voll Perlen, Smaragden und Juwelen aller Art; der Fischer nahm sie ihm ab und kehrte singend in die Stadt zurück. Zuerst ging er zu dem Bäcker und rief: »Mein Freund, das Glück ist zu uns gekommen! Mach deine Rechnung!«

Aber der Bäcker sagte: »Wir haben keine Rechnung nötig; wenn du etwas hast, so gib es mir; hast du aber nichts, so nimm deine Brote und dein Geld und troll dich, bis das Glück wirklich kommt!«

»Es ist schon gekommen!« jauchzte der Fischer. »Ich schulde dir eine große Summe, nimm dies dafür.«

Mit diesen Worten gab er ihm eine Handvoll Perlen und sagte: »Gib mir ein wenig Münze für den heutigen Tag, damit ich Zeit habe, meine Edelsteine in Gold umzuwechseln.«

Da reichte ihm der Bäcker alles Geld, was er im Kasten der Ladentafel hatte, und nun war die Freude in der armen Hütte des Fischers daheim – so lachte sie nicht im Palaste des Königs.

Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang machte sich der Fischer mit einem Korbe voll Früchte auf nach dem Meeresstrande.

»Wo bist du, o Abdallah, o Meermann?«

Und siehe, da erwiderte er auch schon: »Hier bin ich.«

Der Fischer gab ihm nun das Obst; der Meermann verschwand und kam alsbald zurück – er trug den Fruchtkorb ganz mit Edelsteinen gefüllt auf dem Kopfe, und Abdallah der Landmann setzte ihn auf den seinen und ging damit in die Stadt vor den Basar der Juweliere.

»Kauft mir diese Juwelen ab!« sagte er.

Der Juwelier sah sie an und fragte: »Hast du außer diesen noch andere?«

»Ich habe daheim noch einen ganzen Korb voll!«

»Wo ist dein Haus?«

»Im Armenviertel.«

Da nahm ihm der Juwelier die kostbaren Perlen und Steine ab, rief seine Diener und sagte: »Packt ihn! Er ist der Dieb, der der Gemahlin des Sultans die Schmucksachen gestohlen hat!«

So sehr Abdallah seine Unschuld beteuerte, es half ihm nichts. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken, schlugen ihn und führten ihn zur öffentlichen Schande langsam durch die Gassen in den Palast des Königs. Der Juwelier aber sprach zu dem Herrscher: »O König, als das Halsband der Königin gestohlen wurde, verlangtest du von uns die Feststellung des Schuldigen! Da steht er vor dir! Und dies sind die Juwelen, die wir seiner Hand entrissen haben.«

Der König, der ein sehr besonnener Mann war, sah sie an und sagte zu seinem Sklaven: »Nimm diese Steine und Perlen und bring' sie der Königin, damit sie sage, ob es die Schmucksachen sind, die ihr abhanden kamen.«

Die Königin aber wunderte sich sehr und ließ ihrem Gemahl sagen: »Ich habe mein Halsband in einem Winkel meines Schlafzimmers gefunden; diese Sachen gehören nicht mir – sie sind aber viel wertvoller als die meinen; darum tut jenem Manne ja nichts zuleide.«

Da gingen die Kläger von Furcht erfüllt hinaus; der König aber redete mit Abdallah dem Fischer. »Dir soll nichts Übles geschehen; sag' mir jedoch die Wahrheit: woher hast du diese über die Maßen kostbaren Steine? Ich bin König, und doch findet sich nichts ähnlich Wertvolles in meinem Besitz.«

Der Fischer erzählte ihm von seiner Freundschaft mit Abdallah dem Meermann, und der König sprach voll Staunen: »Es ist meine königliche Pflicht, daß ich dich vor den Gewalttätigkeiten der Leute schütze. Du hast ein sehr wunderliches Schicksal, und das Gut, das dir zu eigen ist, fordert auch Ehrung deiner Person. Aus deinem Reden und Handeln habe ich mich von deiner Weisheit überzeugt, darum will ich dich zu meinem Staatsminister ernennen.«

Da führten ihn die Sklaven in ein Bad, taten ihm königliche Kleider an, setzten sein Weib und seine Kinder in Sänften und trugen sie in den Palast des Königs.

In seinem Glücke vergaß Abdallah aber seines Freundes, des Bäckers, nicht; sehr oft ging er hinaus zum Strande und redete mit dem Meermann, der ihm stets den Korb voll Juwelen brachte; und immer auf dem Rückwege schritt der Staatsminister an dem Laden des Bäckers vorüber. Aber so oft er danach trachtete, diesem seine Schuld abtragen zu können – nicht ein einziges Mal fand er den Laden offen.

»Das ist ein wundersames Ding! Wo mag der Bäcker hingekommen sein?« dachte er. Er fragte einen Schuster, der nebenan wohnte; und der Schuhflicker antwortete: »Nein, Herr, siehe, er ist krank und geht nicht aus.«

Da fragte Abdallah: »Wo ist sein Haus?«

»In dem und dem Viertel.«

Und Abdallah machte sich unverzüglich auf, ihn zu suchen. Als er an die Türe klopfte, schaute der Bäcker zum Fenster heraus und kam sogleich herunter, ihm zu öffnen. Abdallah warf sich an seine Brust und rief: »Wie geht's dir, mein Freund? Ich ging alle Tage an deiner Bäckerei vorüber, um dir meine Schuld zu bezahlen, aber ich fand dich nicht. Nun hörte ich, du seiest krank.«

»Ich bin nicht krank!« versetzte der Bäcker, »sondern ich hörte, der König hätte dich gefangengesetzt, weil dich einige Leute bei ihm verleumdet und dich für einen Dieb erklärt hätten. Ich fürchtete mich deshalb; denn jene Argen – hörte ich sagen – haben behauptet, ich hätte von deinem Diebstahle gewußt. Und ich versteckte mich ...«

»Ich war eingesperrt, nun hat mich der Sultan aber zu seinem Wesir ernannt. – Nimm, was in diesem Korbe ist, als deinen Teil, und sei hinfort ohne Furcht.«

Danach kam Abdallah zu dem Könige und erzählte ihm von der Treue des Bäckers; der war einst ein sehr armer Mann gewesen, durch seine Tüchtigkeit, Güte und Gerechtigkeit aber hatte er sich emporgearbeitet und erfreute sich eines vortrefflichen Rufes.

»Herr König,« sagte Abdallah, »das Amt Eures Großschatzmeisters ist zu besetzen – ich wüßte keinen ehrlicheren und unbestechlicheren Mann als ihn.«

Da wurde der König sehr froh, endlich einen gefunden zu haben, der sich an den Schätzen des Sultans nicht seine eigene Tasche füllen würde. Und noch am gleichen Tage erfolgte die Ernennung des Bäckers zum königlichen Großschatzmeister.

Wenn der Sultan von nun an zu einer Staatshandlung auf dem Throne saß, saß sein Minister zu seiner Rechten, sein Großschatzmeister zu seiner Linken; sie berieten ihren König weise, und sein Land gedieh fortan und wurde unter ihrer Herrschaft zum reichsten und glücklichsten der Erde.

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