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XVII

Zur selben Zeit ungefähr, da dieses sich auf Sankt Helena zutrug, schlichen sich in Indien, in der Nähe von Armgabad, in einer mondarmen Nacht schweigende Gestalten durch Schilf und Dschungeln den Ufern des Godaveri entlang zu einer alten halbverfallenen Pagode.

Es war ein Schiwa-Tempel, der seit der Eroberung durch die Engländer verlassen dastand. Die Natur, kühn gemacht durch die ungestörte Einsamkeit, begann ihre Rechte über das Gebild von Menschenhand geltend zu machen. Der Staub, der sich in den Rillen der Skulpturen fing und vom Regen getränkt wurde, bildete eine Art Humus für alle möglichen Pflanzensamen, die der Wind herbeitrug. Steinbrech klammerte sich mit seinen vielen Fasern und Würzelchen an das Gemäuer; wildes Gebüsch hatte seine Wurzelspitzen zwischen die Steine eingezwängt, und die Kraft seines Wachstums spaltete die Wände immer weiter auseinander. Der Wurzelbaum, der die Feuchtigkeit liebt, wölbte ringsum seine dichten Blätterarkaden; das in Indien so üppig wuchernde, buschige Laubwerk begann allmählich den Tempel zu ersticken und die Steinpyramide in einen grünen Waldhügel zu verwandeln.

Im Schatten der Nacht nur undeutlich wahrnehmbar, bot diese Pagode mit ihrem schartigen Profil und dem wilden Haarwuchs von Bäumen und Gestrüpp einen gespenstischen Anblick. Der Tempel des Gottes der Zerstörung, nun selber dem Untergang preisgegeben, führte in tiefem Schweigen eine furchtbar beredte Sprache.

Nach dem durch schwere Eisenpfosten, eingestürzte Bildwerke und unentwirrbares Schlinggewächs wie verrammelten Hauptportal zu schließen, mußte dieses Gebäude von jeder menschlichen Seele verlassen sein. Dennoch tauchte von Zeit zu Zeit an den durch den Einsturz entstandenen Lücken im Gemäuer ein plötzlich vorbeihuschender Lichtschimmer auf, der ein geheimes Treiben im Innern verriet. Auch die Schattengestalten, von denen schon die Rede war, bewegten sich jetzt auf eine bestimmte Stelle des Gebäudes zu, wo sie, am Boden kriechend, plötzlich verschwanden. Ein zur Seite gewalzter riesiger Steinblock öffnete ihnen den Zutritt zu einem in den Felsen eingehauenen schmalen Gang, der in den Mittelraum der Pagode führte.

Im Hintergrund dieser weiten, von untersetzten Säulen getragenen Halle erhob sich in einer von reicher Steinschnitzerei eingerahmten Nische ein sehr frühes, in seiner archaischen Roheit um so schrecklicheres Bildnis des Schiwa. Es war mit zahlreichen, aus Granit gehauenen Armreifen und dreifach gewundenen Perlenketten wie eine Frau behängt und trug anstatt des Hauptes ein aus vier Elefantenköpfen gebildetes Kapitäl. Die verzerrten, tierischen Züge drückten Wut und Rachedurst aus. Zwei von seinen vier Armen schwangen je eine Geißel und einen Dreizack. Eine Kette von Totenschädeln hing an seiner Brust herab. Ihm zur Seite wand Durga, sein scheußliches Gemahl – mit schielenden Augen, fletschenden Nilpferdzähnen und klauenartig verkrampften Händen – den schlangenumgürteten Leib. So zertrat sie das Ungeheuer Mahischasura, das sich in unreiner Verschlingung ihrer zu bemächtigen suchte. In die Wände eingelassen grinste eine Unzahl der fürchterlichsten Fratzen: Symbole des Streites und der Zerstörung. Da sah man Mana-Pralaya mit tierischem Haupt eine ganze Stadt in seinen ungeheuren Rachen schlingen; Arddha-Nari, den ein Rosenkranz aus Menschenschädeln schmückte, schwang ein nacktes Schwert; Maha-Kali hielt in jeder seiner vier Pranken ein abgeschlagenes Haupt. Mahadewa, der Armringe aus Schlangenleibern trägt und aus seiner Hirnschale einen Fluß entspringen läßt, kämpfte gegen den mißgestalteten Tripurasura; und Garuda wetzte mit gespreizten Flügeln seinen Papageienschnabel.

Soviel ließ sich beim Schein der vor Schiwas Statue brennenden Lampe erkennen. Außerhalb dieses matten Lichtkreises gewahrte das Auge in den rötlich dämmernden Schatten der tieferen Tempelhalle nur ein undeutliches, scheußliches Gewimmel verschlungener Glieder, Körper, Arme, Beine und Drachenköpfe von Ungetümen jeder Art.

Innerhalb des Lichtkreises hockten auf Gazellen- und Tigerfellen phantastische Gestalten aus Fleisch und Blut. Weiße Augenbrauen und Bärte ließen ihre dunkle Hautfarbe stärker hervortreten. Eine Schnur an ihrem Halse zeigte an, daß sie der brahmanischen Kaste angehörten. Die Erlauchtesten unter ihnen trugen statt der Schnur eine Schlangenhaut. Alle zeichneten sich durch asketische Magerkeit aus. Zwischen den Falten ihrer weißen Gewänder konnte man eine völlig entfleischte Brust und skelettartige Hüftknochen erblicken. Sie murmelten regungslos ihre Gebete und schienen mit indischem Gleichmut einer wichtigeren Person zu harren, die noch auf sich warten ließ. Hinter ihnen drängte sich eine dichte, kupferfarbene Menge, von der nur die vordersten Gestalten im rötlichen Schimmer der Lampe erkennbar waren. Den Rest verschlangen die Schatten. Aber immerwährend gesellten sich neue Ankömmlinge zu den übrigen.

Plötzlich entstand eine Bewegung. Die Menge öffnete eine Gasse, und es erschienen drei Personen, die, von der Versammlung mit einem Raunen der Genugtuung begrüßt, sich unmittelbar unter der hängenden Lampe aufstellten.

Der eine von den Dreien war ein uralter, gelber, mumienhafter Brahmane in weißem, langschleppendem Gewand, verzückter Miene und flammensprühenden Augen.

Die zweite war ein junges Mädchen, schön wie Sakuntala oder Vasantasena. Ein durchsichtiger Schleier war über ihr reiches, von Edelsteinen und Metallen funkelndes Kleid gebreitet. Die Ringe, die sie um Hand- und Fußknöchel trug, klingelten silbern bei jedem ihrer Schritte.

Der dritte endlich war ein schöner junger Mann. Seine Gesichtsfarbe war heller als die aller übrigen, und seine Augen zeigten merkwürdigerweise ein dunkles Blau.

Er trug die Kleidung eines Mahratta-Kriegers, nur in besonders reicher und glänzender Ausführung. Ein Schuppenpanzer bedeckte seine Brust und reichte bis zum Saum einer gelben, hemdartigen Jacke. Weite, rote, an den Waden zusammengeschnürte Hosen und ein Turban aus weißem Musselin, der sich um einen Eisenhelm wand, vervollständigten seine Gewandung.

An seinen Handgelenken schimmerten goldene Reifen. In samtener, von Gold und Edelsteinen gezierter Scheide hing ihm ein Krummsäbel zur Seite. Am linken Arm trug er einen aus Nilpferdhaut gegerbten und mit Metallkugeln beschlagenen Schild. Die Rechte hielt eine lange, mit Elfenbein, Perlmutter und Silber eingelegte Muskete.

Der alte Brahmane war, wie wir schon erraten haben, kein anderer als Dakscha, dessen Bekanntschaft wir in London gemacht haben. Das junge Mädchen sah Prijamwada zum Verwechseln ähnlich, und was den Mahratta-Krieger betrifft, so haben ihn die helle Hautfarbe und das blaue Auge trotz seiner Verkleidung als den Grafen Volmerange verraten, der in Europa nicht mehr als irgendein Mitglied verschiedener feudaler Klubs zu bedeuten hatte, in Indien dagegen als letzter Sproß des Herrscherhauses von der Monddynastie figurierte.

Jetzt näherte sich Dakscha mit ein paar Schritten den drei magersten und dürrsten unter den Brahmanen; Volmeranges Hand ergreifend und ihn unter die hängende Ampel führend, die eine Lichtgloriole um sein Haupt verbreitete, stellte er ihn diesen drei vornehmsten Vertretern der Versammlung vor.

»Er sieht aus wie Pradjati«, flüsterte die Menge, entzückt von der Schönheit dieses einen unter den zehn ersten Geschöpfen, die unmittelbar aus Brahmas Hand hervorgegangen waren. In der Tat war Volmerange in seiner malerisch-fremdartigen Kleidung von ungewöhnlicher Schönheit.

»Saragarawa, Sarudata und du, Kanua!« sagte der greise Brahmane, »ich bringe ihn, von dem ich euch schon gesprochen habe. Er ist der Nachkomme der Duchmantas und Barathas. Er allein – so haben mir die Götter, durch meine lange Buße bewegt, zu wissen getan – er allein vermag unserem Lande seine frühere Pracht und Herrlichkeit zurückzugeben. Er wird die Engländer vertreiben, die die heiligen Gewässer des Ganges verunreinigen, die zu den Parias sprechen und die Witwen hindern, sich nach den heiligen Bräuchen zu verbrennen; die ihren Bauch zum Grabe des Lebendigen machen, indem sie es wagen – o furchtbarer Frevel! – sich von dem geheiligten Fleische der Kuh und des Ochsen zu nähren.«

Bei diesen letzten Worten ging ein Beben der Entrüstung durch die Menge. Die Brahmanen verdrehten ihre Augen himmelwärts, und ein dumpfes Murmeln von Verwünschungen grollte aus den dunklen Gründen der Pagode. Im trüben Lichtschimmer schienen die Götzen die Stirnen zu runzeln und sich auf ihren Sockeln zu bewegen.

»Ist alles zum Aufstand gerüstet?« fuhr Dakscha fort. »Sind Waffen, Pferde und Elefanten bereit?«

»Die unterirdischen Räume der Pagode, die niemand kennt, der nicht zu unserer heiligen Gemeinschaft gehört, sind mit Gewehren, Lanzen und Pfeilen angefüllt. Die Mahratta-Häuptlinge, die – wie sich die europäischen Barbaren schmeicheln – so trefflich gezähmt wurden, haben uns die Pferde geliefert. In einem für jeden Uneingeweihten unauffindbaren Walde harren fünfzig mit Türmen gesattelte Kriegselefanten mit ihren Führern deines Winkes. Die ganze Provinz wird sich wie ein Mann erheben«, schloß Saragarawa.

»O verehrungswürdige Dreiheit Wischnu, Brahma und Schiwa! Sei gepriesen, daß du mich, alt und zermürbt, wie ich bin, doch mein Leben fristen ließest, um diesen Tag zu schauen!« sagte Dakscha, und seine greisen Hände zitterten. »Es wird uns gelingen, ich fühle es. Die himmlischen Gewalten stehen uns bei. Brahma läßt mich in die Zukunft sehen: der Gott des Krieges hat in seiner letzten Verwandlung menschliche Gestalt angenommen. Vom Abendlande her erscheint er, reitend auf dem göttlichen Adler, der noch viel größer und stärker ist als der Vogel Garuda, der den Blitz in seinen Krallen hält und mit seinem starken Schnabel die Heere zerhackt, die sein Flügelschlag zu Boden warf. Sieben Pfeile wird der Gott auf die Engländer entsenden, sie werden in bleichem Schrecken entweichen, und unser wird die Herrschaft sein über die sieben Dunpas, aus denen die Welt besteht, wie es in Puranas heiligem Buche geschrieben steht.«

Diese seltsame und mit dem Ausdruck innerster Überzeugung hervorgebrachte Rede übte auf die Versammlung den stärksten Einfluß aus. Prijamwada besonders war in Verzückung und glaubte den wunderbaren Vogel schon zu sehen, der den göttlichen Helden auf seinen Fittichen trug.

»Baratha, du wirst den Thron deiner Ahnen neu besteigen«, sagte jetzt Sarudata. »Schwöre, bis zum letzten Seufzer mit uns zu kämpfen, und wenn wir siegen, den Mord an den heiligen Tieren zu verbieten.«

»Ich schwöre«, antwortete Volmerange in hindostanischer Sprache.

»Wohlan,« sagte jetzt der Brahmane Saragarawa, »höre mich, mein Volk. Dieser da ist Baratha, der Nachkomme Duchmantas, des glorreichen und sehr berühmten Königs, des Herrschers und Bezwingers, der mit Aditi und Kasyapa vertrauten Umgang pflog. Unterwerfet euch ihm! Folget und gehorchet ihm bis in den Tod! Fallet ihr in seinem Dienst, so ist euch die süße Heimkehr ins Pantschatuam gewiß. Schmerzlos werden die Teile, aus denen ihr besteht, in die Elemente eingehen, und wenn eure Seelen in vollendeteren Leibern gereinigt und von Mukdi als würdig befunden sind, so werden sie in der Göttlichkeit selber aufgehen. Jetzt zerstreut euch und findet euch heute an dem bewußten Orte wieder ein.«

Wie auf einen Zauberschlag entfernte sich die Menge. Die Brahmanen verschwanden auf geheimen Wegen in die Mauern, und es blieben nur noch Dakscha, Prijamwada und Volmerange in der Halle zurück.

»Wollt Ihr den Rest der Nacht hier verbringen?« wandte sich der greise Brahmane an Volmerange, »oder zieht Ihr es vor, Euch in das Kriegslager auf dem Waldberge zu begeben?«

»Gehen wir!« sagte Volmerange, »dieser alte Keller mit seinen fratzenhaften Bewohnern ist wenig einladend. Leihe mir deine Hand, Prijamwada; denn der Teufel soll mich holen, wenn ich nur einen einzigen Schritt auf diesen schwarzen Schleichwegen tun kann, ohne zu straucheln.«

Nachdem man sich durch verschiedene Gänge dieses Labyrinths, das Dakscha und Prijamwada von alters her vertraut zu sein schien, getastet hatte, gelangte man zu einem Ausgang, und Volmerange atmete nicht ohne heimliche Erleichterung die wiedergewonnene freie Luft ein.

Die für alle übrigen feierliche Szene hatte ihn gelangweilt. Es wurde ihm schwer, sich ernsthaft als den Kronprinzen der Monddynastie zu betrachten, und ohne Prijamwada, seine schöne Freundin, hätte er mit Vergnügen auf diesen fabulosen Thron verzichtet.

Der Elefant, der unsere drei Freunde hierher gebracht hatte, wartete mit seinem Kornaken geduldig. Sein Rüssel rupfte ein paar Blätter ab, die er gemächlich dem Maule zuführte, mehr zum Zeitvertreib als aus Hunger. Beim Nahen seines Herrn, den er mit dem feinen Instinkt seiner Rasse witterte, bog er von selber die säulenstarken Beine und ließ sich, wie zur freundlichen Aufforderung, in die Knie fallen. In gewohnter Behendigkeit erklommen Dakscha und Prijamwada das kolossale Reittier. Volmerange zog sich weniger geschickt aus der Sache, und die junge Inderin mußte ihm helfend die Hand entgegenstrecken. Bei seiner sonst tadellosen Erziehung zum Sportsmann hatte unser Held dieses Kapitel der Reitkunst vernachlässigt. Der Führer, der auf dem Riesenschädel des Elefanten Platz genommen hatte, berührte das Tier mit seinem Eisenstab, das alsbald in jenen rhythmischen Trott verfiel, dessen wohlausbalancierte Schwere selbst die leichtfüßige Schnelle des Pferdes überdauert.

Von Zeit zu Zeit entfernte er mit seinem Rüssel ein Schlinggewächs oder Gezweig, das sich in seinen Weg legte, oder, wenn der Pfad zu eng wurde, drückte er mit seinen starken Schultern einen Baumstamm, der ihn hemmte, zur Seite. Seine mächtigen Sohlen legten sich auf das Bambusrohr, das mit einem trockenen Knacken wie Gras zerdrückt wurde.

In dem Palankin, auf dem Rücken des Elefanten, ruhte Prijamwada schlummernd an Volmeranges breiter Brust, wie eine jener kleinen zierlichen Göttinnen, die den großen Götterstatuen in die Arme gelegt werden. So lag sie, wie Parawati im Schoße Mahadewas, wie Lakshmi in Wischnus Armen, wie Sarawasti am Herzen Brahmas. Volmerange rührte sich nicht, aus Furcht, das schöne Kind zu wecken. Nur seine Augen wanderten über die eigentümliche Landschaft, die im Dunkel der Nacht die seltsamsten Formen annahm. Die Johannisbrot-, Feigen-, Bananen-, Affenbrotbäume und Palmen flochten ihre Zweige ineinander; zwischen ihrer dunkeln Wölbung hindurch schimmerten manchmal große Sterne und Streifen des tropischen Himmels.

Dakscha, der neben dem Kornaken Platz genommen hatte, murmelte ununterbrochene Gebete für den glücklichen Ausgang dieses Unternehmens.

Nach zweistündigem Ritt zeigte sich zwischen den Baumsäulen ein rötlicher Lichtschein, und als man näher an das Feldlager gelangt war, wo sich die ersten Rebellentruppen schon eingefunden hatten, stieß man auf Wachtposten, die bei dem Geräusch von Blättern und knackenden Zweigen herbeigeeilt waren. Aber als sie die Trias Volmerange, Dakscha und Prijamwada erkannten, führten sie den Elefanten in die Mitte des Lagers.

Der Anblick, der sich hier bot, erinnerte an die Kriegszüge des Darius und Alexanders. Ein riesiges Strohfeuer verbreitete in dem Blättergewölbe des Waldes ein phantasmagorisches Licht.

Rings um das Feuer herum und von unten grotesk beleuchtet, standen fünfzig Elefanten in unerschütterlicher, feierlicher Ruhe und tiefsinnig wie Ganesa, der Gott der Weisheit. Sie zuckten kaum mit den riesengroßen Ohrlappen, und wenn sie von Zeit zu Zeit einen in der Nähe umherschleichenden Tiger oder einen Fremden, der sich dem Lager näherte, mit hocherhobenem Rüssel witterten, glichen sie ihren eigenen Bildnissen aus Granit, wie man sie in der Nähe der Pagoden findet. Auf dem Rücken trugen sie geräumige Türmchen, die zum Schutz gegen feindlichen Anprall mit Eisenreifen und Stacheln bewehrt waren. Weiter zurück hielten sich die Mahrattas bei ihren Pferden mit den übrigen Indern, die ihre Waffen in die umstehenden Bäume gehängt hatten.

Noch waren Volmerange und seine beiden Gefährten nicht von ihrem hohen Sitz herabgestiegen, als plötzlich ein klagender Schrei ertönte, dem sogleich tausendstimmiger Lärm folgte. Sämtliche Elefanten ließen sich im Nu auf die Knie nieder, um ihre Gebieter aufsteigen zu lassen. Die Mahrattas schwangen sich auf ihre Pferde; die übrige Menge stürzte zu den Waffen und ergriff im Getümmel, was sich gerade bot: der eine Muskete, jener eine Lanze, der dritte einen Bogen. Schon platzten Geschosse von allen Seiten herein. Die erschrockenen Vorposten wichen gegen die Hauptmacht zurück, und einzelne von roten Soldaten unterstützte Spahis sah man hinter Baumstämmen versteckt, von wo aus sie wohlgezielte Schüsse auf die Menge abgaben.

Die von den Kornaken angespornten, nach allen Richtungen ausbrechenden Elefanten knickten Bäume und zerquetschten jeden Feind, der ihnen über den Weg lief, unter ihren schweren Sohlen. Ein Verräter mußte den Engländern – denn sie waren es – Dakschas Verschwörung und den Sammelplatz entdeckt haben; denn sie stürzten in großer Anzahl von allen Seiten herbei, und bald war das ganze Lager eingeschlossen.

Das heftigste Kampfgewühl tobte in der Nähe des großen Feuers, wo sich Volmerange, Dakscha und Prijamwada von ihrem Elefanten herab verteidigten. Aus der leidenschaftlichen Wut, mit der die Eingeborenen diesen Punkt zu halten suchten, schlossen die Angreifer, daß sich hier die Hauptpersonen des Aufstandes befinden mußten. An die zehn Mahrattas waren an Volmeranges Elefanten emporgeklettert und gaben von dort ein wütendes Gewehrfeuer ab. Volmerange selber, dem Prijamwada fortgesetzt die Muskete lud, streckte mit jedem Schuß einen Engländer nieder. Auch sein kühnes Reittier nahm auf seine Weise an dem Kampfe teil. Mit fürchterlichem Gebrüll packte es bald einen Menschen und bald ein Pferd in seinen gewaltigen Rüssel und schleuderte sie in die Luft, oder es zerdrückte mit einem einzigen Beugen seines mächtigen Körpers ein ganzes Bündel Feinde an einem Felsen. Die Kugeln prasselten wie Hagelkörner auf seine Lederhaut; aber sie erreichten nicht mehr, als daß das riesige Ohr hin- und herschlug, wie zur Abwehr einer lästigen Fliege.

Dakscha zerrieb zwischen den Fingern ein Büschel der heiligen Pflanze Kusa und murmelte endlos das unfehlbare Zauberwort: Om.

Das Getümmel wurde unbeschreiblich. Geschütze knarrten; Pfeile schwirrten; Pferde wieherten; Elefanten brüllten auf; Verwundete stöhnten; und über der ganzen tobenden Horde lagerte sich eine schwere, vom Blätterwerk der Bäume niedergehaltene Rauchwolke. Ein mächtiger, besonders tapferer Engländer versuchte hartnäckig an Volmeranges Elefant emporzuklettern. Aber das kluge Tier drückte sich an einen riesigen Johannisbrotbaum und gebrauchte seinen Rüssel wie eine Peitsche, mit der es so furchtbare Hiebe austeilte, daß die Angreifer halbtot zu Boden stürzten, und was übrigblieb, wurde von den Kugeln Volmeranges oder der Mahrattas erledigt.

Zeichnung Karl M. Schultheiss

Ein solcher Kampf konnte nicht lange dauern. Prijamwada wurde als erste in die Brust getroffen, als sie eben Volmeranges Muskete neu lud. Sie gab keinen Laut von sich; aber ein mattrosa Schaum stieg auf ihre Lippen und färbte den letzten Kuß auf Volmeranges Hand, die sie nach ihrer letzten tapferen Dienstleistung erfaßt und an den Mund gedrückt hatte. Mit diesem letzten Schuß streckte Volmerange den Engländer, der die arme Prijamwada tödlich getroffen hatte, zu Boden.

Drei von den fünf Mahrattas, die sich um den Enkel König Duchmantas geschart hatten, fielen zu Tode verletzt von der lebendigen Festung herunter.

Volmerange, dem das Pulver ausgegangen war, hieb mit bloßem Säbel auf die Köpfe der Engländer und Spahis, die sich an die Ohren der Elefanten oder an die Eisenzähne der Schutzwehr klammerten und zu dem Turm emporzuklettern versuchten.

Da gelang es einem Spahi, sich unter den Bauch des Elefanten zu schleichen und ihm mit einem damaszenerscharfen Säbel die Kniesehnen zu durchschneiden. Der Elefant knickte mit furchtbarem Brüllen auf die Hinterbeine zusammen, wobei er dem Spahi die Rippen zerquetschte. Mit einem letzten, vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, fiel er auf die Seite.

Zeichnung Karl M. Schultheiss

Der Körper Prijamwadas wurde in weitem Bogen auf einen Berg von Leichen geschleudert; desgleichen Dakscha, der wunderbarerweise unverletzt geblieben war. Volmerange erfaßte im Stürzen den Ast eines Baumes, hinter den er sich hatte gleiten lassen.

Im selben Augenblick jagte ein herrenloses Pferd vorüber. Er schwang sich darauf und galoppierte mit angelegten Sporen ins Weite. Das Pferd war aus der Rasse der Nedje und flog wie ein Pfeil davon.

Dakscha hielt noch immer seinen Kusa-Büschel in den Händen. Jetzt richtete er sich zu seiner vollen Höhe auf und sagte:

»Unsere Sache ist fehlgeschlagen, weil ich zu sehr im Fleische gelebt habe. Ich hätte statt nur drei Eisenspitzen fünf in meinen Rücken stechen müssen. Fünf ist die mächtigere Zahl.«

Der sterbende Elefant tastete mit seinem Rüssel nach dem Körper seiner jungen Herrin und legte ihn behutsam auf die Samtschabracke nieder. Im selben Augenblick spaltete der Säbel eines Soldaten seinen Schädel, und er verschied.


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