Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

 << zurück 

XV.

Frau von Rosendorp verzog. Sie hatte vier ihrer sechs Räume an Zwangsmieter abgeben müssen, was sich in der Theorie schön und gerecht ausnahm, in der Praxis aber als unerträglich erwies.

Die Familie des Kunstmalers Corell war vielköpfig. Frau von Rosendorp hatte irgendwo 238 gelesen, daß Bevölkerungszunahme und niedrige Kornpreise aufs innigste verquickt sind. Nun war das Brot teuer geworden, ja was man früher Brot nannte, gab es überhaupt nicht mehr. Aber die jungen Corells ließen sich deshalb nicht rückgängig machen. Sie ließen sich auch nicht übersehen. Türenknallen, schrille Unterhaltungen im Treppenhaus waren ihnen nötig wie die Luft, die sie atmeten. Wieviel sympathischer, dachte Frau von Rosendorp, waren doch jene großen, chinesischen Wolfsspitze, die sich Chows nennen, blaue Zungen haben und niemals bellen. Ab und zu zerreißen sie ein Schaf. Aber dazu war hier ja keine Gelegenheit. Wieviel lieber hätte sie zehn solcher Chows beherbergt als die siebenköpfige Familie Corell.

Die Familie Corell war vielseitig begabt. Zwei Gitarren, eine Zither und eine Ziehharmonika bezeugten es. Ebenso ein mißfarbener Bottich auf der oberen Diele, in welchem das Batikverfahren ausgeübt wurde. In bisher heilig gehaltenen Kochtöpfen aber schmorten die Blusen und Kimonos der jungen Damen. »Färbe zu Hause« war bei ihnen zum Delirium geworden, und früh schon, während des Ankleidens, kamen Annemie und Liselotte Corell, die Haarbürste in der Hand, in die Küche gelaufen, um den chemischen Vorgang zu überwachen.

Butterbrot und Kämme; eine fatale Zusammenstellung, dachte Frau von Rosendorp 239 als sie derartige Stilleben auf dem Küchentisch erblickte; und der durchaus unsozial empfundene, aber aus tiefer Menschenkenntnis geschöpfte Vers:

»Was soll mir denn mein Blumengarten,
Wenn andere drin spazieren gehen?«

ging ihr durch den Sinn. Sie sah im Geist die Kunstmalerfamilie, wie sie, allen Widerspruch des Ehepaars Hintermaier für nichts achtend, im Sommer in Hängematten schaukeln, in der Laube Lieder zur Laute singen und venezianische Nächte veranstalten würde, mit Lampions und Feuerwerk. Heinz-Holger Corell aber, der jüngste Sproß und einzige Sohn, der einer Schülerverbindung angehörte, welche Wotan verehrte und die Haustüren israelitischer Mitbürger mit Hakenkreuzen und persönlichen Bemerkungen zu verzieren verpflichtete, würde, sobald es wärmeres Wetter war, mit seinen Freunden Druidenfeste feiern, wobei Opferfeuer auf dem Rasenplatz lodern sollten; sammelte er doch schon Gartenreisig und ausgediente Besen zu diesem Zweck und braute aus Wasser und Kunsthonig sogenannten Meth, alle Türklinken faßten sich seitdem klebrig an. Kreszenz aber, Frau von Rosendorps neues Mädchen, das sich nunmehr Hausbeamtin nannte und kommunistisch gewählt hatte, die 240 praktische Anwendung dieser Lehre aber, in der gemeinsamen Küche verkörpert, einen Saustall nannte – Kreszenz hatte gekündigt. So ihres einzigen Rückhalts beraubt, dem Ansturm preisgegeben, was blieb Marianne übrig, als den Platz zu räumen! Das ockergelbe Haus war nicht mehr, was es gewesen. Darum verzog sie. Wohin? Sie konnte es selbst nicht sagen.

Es waren nur mehr wenige Tage, die sie hier zu verbringen hatte; schon blickte es sie mit Vergangenheitszügen an. Der große Mittelsalon war noch ihr eigen. Mit seinen edeln Maßen, den schön gekehlten Türen, den alten blanken Messingschlössern wirkte er auch jetzt, von allen Möbeln bar, merkwürdig wohltuend. Ein runder Gartentisch, den sie der Familie Corell hinterließ, stand in der Mitte. Es lagen Papiere darauf, Briefschaften, alte Quittungen; heute abend wollte sie ein letztes Autodafé im Ofen veranstalten. Sonst war da nur noch eine gepolsterte Kiste am Fenster, die als Holzkasten gedient hatte. Frau von Rosendorp setzte sich darauf, stützte das Kinn in die Hand und sah hinaus in die Dämmerung.

Sie war oft entwurzelt worden. Da waren liebe, alte Landhäuser gewesen, in denen sie jetzt noch im Traum ein und aus ging – wenn auch nicht mehr so schmerzlich wie anfangs, als das Entbehren noch neu war; später dann, weniger eindringlich, Stadtwohnungen, aber 241 auch da . . . ja sogar in einfachen Stübchen bescheidener Berghotels – wie hieß es doch in dem Chopinschen Lied?

»Allüberall wird Erinnerung dir sagen,
Hier blieb zurück ein Stück von unsern Herzen –«

Zuletzt noch, ihre kleine toskanische Villa, mitten im zitternden Silber der Ölbäume . . . die hatte ihr der Krieg genommen, sie würde sie nie wiedersehen.

Heute nun, wie sie saß und sann, kam es ihr vor, als täte es nicht mehr so weh wie bei früheren Exekutionen. Vielleicht, daß sie sich von Anfang an nicht mehr so festgeklammert hatte gleich einem der, ungläubig geworden durch manches widrige Erlebnis, wenn er ein neues Freundesreich betritt die Tür nur anlehnt, in kaum bewußtem Ahnen: bald muß ich doch den Weg zurück. Aber eines Frostgefühls konnte sie sich nicht erwehren, einer unbestimmten Angst, wie sie da hinausstarrte in den Frühlingsabend, wo die Dunkelheit noch nicht die Oberhand gewann. Und es zogen Gestalten vorüber durch die Luft, Männer und Frauen, Menschen, die sie heiß geliebt, die sie ewig zu lieben gemeint hatte. Herrgott, liebbehalten hatte sie wohl alle, mit der stillen, achtungsvollen Beständigkeit, die sie als Kind schon ihren zerbrochenen Spielsachen erwies, aber zu irgendeinem Zeitpunkt hatte sich etwas verändert, vielleicht war's allmählich gekommen, 242 aber dann schien es doch immer etwas Plötzliches zu sein. Treue? Geduld? Ach ja, Geduld, diese höchste Weisheit der Mütter, man konnte sie sich anerziehen; aber war's nicht doch wie mit Spielmarken spielen, nachdem die schönen schweren Dukaten verspielt sind?

Jene aber, die der Tod ihr genommen, wieviel schneidender riefen sie noch heute: ihr Vater, gütig und heftig, ihr kleiner Bruder, den sie in ihrem Leben wohl am schmerzlichsten geliebt, die Mutter die in ihres Herzens Einsamkeit wie in gläsernem Käfig gefangen, unberührbar gelächelt hatte, durch alles tragische Erleben hindurch! Da waren solche die ihr nur Liebes getan – Onkel Christoph – andere . . . viel Leids; zuletzt noch Toblach. Nun lag er in fremder Erde. Ein rascher, schöner Tod – so war ihr geschrieben worden. Ja, denn mit solchen Worten trösteten sich damals die Menschen.

Aber bei dem Gedanken an Toblach tauchte auch das kleine, unerforschliche Sphinxgesicht auf, das sie in jedem Kätzchen, jedem Stiefmütterchen wiederfand; Kitty mit den schrägen Brauen, die sich im Silberflaum der Schläfen verloren. Deren Erinnerung sie lange weggeschoben hatte, weil sie ihr wehe tat. Aber nun war es vernarbt, gewiß, sie spürte, daß eine Wunde gewesen war, aber die Bänder hatten sich geschlossen. Ach, armer Toblach! Ein Kummer frißt den anderen auf – o lieber Gott, 243 sonst brächen wir ja zusammen. Auch hier. Der Schmerz um seinen Tod hatte den anderen – um seine Verräterei – verschlungen.

Verräterei . . . warum so große Worte? Was war's denn schließlich gewesen? Ein Wohlgefallen an Jugend, an Frohsinn, an Unbeschwertem, an alledem, was den zerquälten Menschen damals so bitter not tat, wie ein frischer, stärkender Trunk. Wie man an einer Heckenrose riecht und dankbar weitergeht. Aber sie hatte das nicht begriffen. »Sie sind noch so rührend jung, liebste Marianne« – wie oft war ihr das gesagt worden. Ihr Alles- oder Nichtsgefühl, sie, die sonst so Nuancierte, die dann auf einmal ganz einseitig wurde, nicht rechts noch links mehr sah . . . ja, das war nicht zeitgemäß gewesen. Oh, sie hatte keine Szene gemacht. Hatte es zu keiner Aussprache kommen lassen: nein, das konnte man doch nicht. Nur zusammengeschlossen hatte sie sich, fest, nichts mehr einlassend, wie die Seeanemone, wenn ein Finger sie berührt. Heute? Lieber, guter Toblach, ach, wärst du noch am Leben! Alle Kittys der Welt würde ich dir herbeiholen, um dein totes Herz wieder schlagen zu machen, deine Hand zu erwärmen, die so gern liebkoste und schenkte und nun . . . irgendwo . . . zu Erde wird.

Ja, nun vergaß sie alles, was der andere ihr schuldig geblieben, erinnerte sich nur der guten 244 Stunden, der kleinen Freudenschauer, die sie ihm verdankte: »Denn es ist nicht wahr, daß die Toten vergessen sind, ward ich doch oft den Lebenden ungerecht, weil ich jenen das Maß allzu reichlich häufte. Nur durch Treue meinte ich ihnen aufwiegen zu können, was ihnen hier alles verloren ist. Kein regenerfrischtes Laub, kein blühendes, stäubendes Kornfeld duftet euch mehr, ihr Entschwundenen! Kein Amsellied quillt euch ins Abendgelb hinein . . . eure Sinne, die zaubernden Vermittler, sind tot. Oh, wie ist das, wie kann das sein? Keinen Pfirsichsaft wie süße Ekstase über die Lippen, die Zunge mehr fließen fühlen, keine Küsse mehr, die sich vermengen mit Tränen des Glücks und die wie das Trinken halb Verdursteter sind, ein Schluck und noch ein Schluck, und wieder und wieder . . .«

So auch hier. Alles fiel ihr ein, was zu seinem Lobe war, alle Vorwürfe verblaßten. Die Zeit war ja so kurz gewesen, die Tage so selten geworden. Wie hätte späte Liebe Wurzel in ihm fassen sollen in den wenigen Wochen! Liebe, die aus Freundschaft, aus Verstehen keimt, zögernd, wo jede Nachricht, die man bespricht, jedes Buch, das man liest, jeder Weg, den man macht, einen winzigen Schritt vorwärts bedeutet; ach, und sie selbst war zaghaft gewesen, war sich arm und wertlos vorgekommen, und diese Zaghaftigkeit war ihr Unglück 245 geworden. Was hatte sie ihm denn zu geben! Ihm, der so Grausiges gesehen und gehört, der gelernt hatte mit Minuten zu rechnen; erkannt hatte, wie es doch wohl die höchste Weisheit sei, den Fuß schon im Steigbügel sich niederzubeugen, den Wein zu trinken, den Mund zu küssen, der sich einem darbot. Und mit einem Seufzer, der halb schon ein Schluchzen war, dachte sie: Wohl dir, Kitty, wenn du ihm Freuden gabst!

Sie stand auf, ging mit raschen Schritten in dem großen, kahlen Raum auf und ab. Am Tisch blieb sie stehen, schob die Papiere hin und her. Alte Briefe . . . auch noch ein paar Zettel dabei von Toblachs Hand; Gott, seine runde, klar fließende Schrift. Kurze Mitteilungen, von Ordonnanzen überbracht; daß er verhindert sei, diese oder jene Verabredung nicht einhalten könne; Enttäuschungen, die sie hingenommen hatte wie die Maifröste eines ungewissen Klimas.

An der Wand, dort, wo ihr Schreibtisch gestanden, hing noch das Bild ihres Urahnen, ein kleines Pastell, das sie seiner Gebrechlichkeit halber immer mit sich führte. Ein kleiner gepuderter Herr, im pelzverbrämten Samtröckchen, die Violine aufs Knie gestützt. Von ihm hatte sie wohl den leichten Seufzer der Ergebung mitbekommen, der, wenn der Bogen allzu straff gespannt war, plötzlich abkühlend 246 das schmerzliche Nagen und Bohren unterbrach. Er freilich hatte in solchen Momenten zuerst nach der Tabaksdose gegriffen, dann aber bei der kleinen blanken Kremoneserin Trost gefunden, der Unersetzlichen, die nie enttäuschte, nie verriet. Jetzt eben, wie ihr beim Auseinanderfalten der Zettel manches wieder deutlich wurde, schien das Lächeln des kleinen Herrn vielsagend, sie ward inne der luft- und wasserdichten Abteilungen die in so vielen dennoch ausgezeichneten Naturen bestehen, Entlastungszellen, wo das Allzumenschliche zur Ruhe kommt, auf daß der Geist befreit dem leichtern Äther zustrebe, in den er nun, libellenhaft, das Zickzack der Ideale stoßen kann. Je nun, sagte Urgroßväterchen, der das ja beurteilen konnte, es ist nun einmal so, und die Verantwortung trifft den Schöpfer aller Dinge, der diese komplizierte menschliche Maschine erdacht hat. Deshalb, mein Kind, soll man nie Unmögliches verlangen. Sonst kann die Enttäuschung nicht ausbleiben. Aber gerade das tun alle. Sogar Christus hat es getan: der den Feigenbaum verfluchte, weil er nicht außer der Zeit Früchte trug.

Frau von Rosendorp war an ihren Fensterplatz zurückgekehrt; jetzt sah sie nicht mehr in den dunkeln Park, nein, ins Zimmer hinein, das mit seinen hellen Wänden und weißen Türen eben erst in Dämmerung überging. Dort, 247 neben dem hohen weißen Ofen, war das Teeplätzchen gewesen, dort stand der tiefe Strohsessel, den Toblach bevorzugte. Wenn man so lange Beine hat, sagte er, sollte man sich die Möbel nach Maß anfertigen lassen. Dort hatte er gesessen, gleich am ersten Tag, als Kitty hereinkam in ihrer schlüpfenden Art und vor dem Ofen kauerte. Gleich damals – sie hätte das Zeichen beherzigen sollen – dieser – ja wie sollte sie's beschreiben – katerhafte Blick, mit dem er das junge Geschöpf einhüllte. Und Kitty . . . wie erstarrt. Es mußte etwas Tierhaftes sein, das ihn anzog, denn Geist . . . Seele . . . davon war bei Kitty doch nicht die Rede. Nein, heutzutage, wo alle Welt von Strömungen, von Antennen sprach, hatte sie sich's so erklärt, daß wohl Kitty ganz besondere Wellen ausströmte, die wieder von bestimmten Nervenleitungen aufgefangen wurden, wie sie sich bei Toblach – oh, bei den meisten Männern wohl – vorfanden.

Dann war das merkwürdige Erlebnis gekommen, das sie auch heute noch für einen Traum hielt, eine Halluzination, wie sie sich damals leicht in blutleeren Gehirnen bildeten, das aber symbolisch eine tiefe Wahrheit in sich barg, so wie Träume etwas nahendes Trauriges vorauskünden, auf unerklärliche Art: jener Tag als sie Kitty in Toblachs Arme geschmiegt überraschte . . . nein, nicht Kitty, 248 sondern die kleine graue Kathinka . . . Ja, vorauskündend. Denn ein paar Tage später, an jenem Abend, wo es zwischen ihr und Toblach geweht und gezittert hatte, unfaßbar, aber doch so nahe, nahe Wirklichkeit; wo Freundschaft – scheinbar plötzlich, aber es hatte ja schon wochenlang gedrängt, getrieben – zu etwas anderem, Heißerem werden wollte . . . sie aber, auf einmal scheu, auf leise, unmerkliche Art die Lösung noch einmal hinausgeschoben hatte; an jenem Abend, wie sie, als er gegangen war, am Fenster stand, die Stirn an den Rahmen gelehnt – all das große Leid der Erde vergessend – durchzittert von kommendem Glück . . . und auf einmal, dort unten, Kitty aus dem Dunkel hervorstürzend, eine junge, liebestolle Mänade, und er sie auffangend, mit einem Lachen – oh, ihr beiden da in der Frühlingsnacht! Und mitten in ihrer Versteinerung sie sich sagen mußte: ja, schön seid ihr, schön, wie nur Götter oder Panther es sind in wildem Selbstvergessen.

Nein, kein Wort, kein Vorwurf. Das ging über die Kraft. Eins nur. Sie war am nächsten Morgen abgereist, in aller Frühe, und fortgeblieben, bis sie wußte, daß Toblachs Urlaub zu Ende war.

Als sie dann zurückkehrte tat Kitty zuerst ein wenig fremd, aber bald war sie wieder wie immer, weich und dienstbereit, hatte scheinbar 249 alles vergessen. Von Reue, von Verlegenheit keine Spur, sie lebte ja im Stand der Unschuld, denn sie hatte kein Gewissen. Wie aber Kitty ihre eigenen Missetaten leicht nahm oder sie vergaß, so hielt sie auch andere jeder Verpflichtung ledig. So hatte sie nie mehr nach Toblach gefragt, ihm bei ihrer Trägheit gewiß auch nie geschrieben. »Treue war nicht ihre Sache,« wie's in dem Liedchen hieß, aber sie verlangte sie auch von niemand. Denn schon ein paar Wochen später waren neue Erlebnisse gewesen – ja . . . und dann erfolgte die Trennung. Das mit Toblach, das ihr so furchtbar weh getan, ach das hätte Marianne ihr verziehen, denn o, sie begriff ja so gut seine Macht, seine Anziehung . . . Aber was dann folgte – so bald, so treulos – und daß Kitty sich durch Toblachs Liebe nicht wie geweiht vorkam, nein, das hatte sie nicht verstanden, das verwand sie nicht. Auf einmal spürte sie ganz stark, ganz deutlich ein feindliches Strömen, das von Kitty ausging, von der sie früher meinte, sie röche wie ein Sandelholzschächtelchen, wenn man es reibt; nun aber war da etwas Raubtierhaftes, etwas, das ihr den Atem benahm, wie der Geruch von Moschus, von Menagerien. Und das eben war es wohl, was die Männer anzog. Daß sie, ja nicht anders ließ es sich beschreiben, diesen katerhaften Ausdruck bekamen. Das Kannibalische, das 250 Marianne anwiderte. Sogar bei dem kühlen, kritischen Rütten hatte sie's gespürt. Sobald Kitty ins Zimmer trat, wenn er ihr auch den Rücken zuwandte, irgendwie veränderte er sich. Und sie – Marianne – merkte es. Merkte es an seiner Stimme, ein bißchen meckernd – was so gar nicht zu ihm paßte, dem alten Freund, dessen kühle, unpersönliche Art ihr so wohlgetan hatte in dieser von Leidenschaft und Entstellung hin und her gezerrten Zeit. Der so sauber war wie ein frisch gebügeltes Taschentuch, das nur nach reiner Luft riecht! Aber es kam noch anderes hinzu. Die Einflüsterungen der Frau Hintermaier, die ihr so widerlich gewesen, hatten sie doch beeinflußt; das war ja gerade das Ekelhafte an solchen offenen oder versteckten Warnungen – auch anonyme Briefe hatte sie bekommen – man war nicht mehr harmlos, man paßte auf, fügte Dinge zusammen in kleinlichem, detektivartigem Spürgeist, und sie fühlte, wie sie selbst dabei ihre Sauberkeit einbüßte. Da hatte sie dann, totenblaß, mit eiskalten Händen, Kitty gekündigt, Schluß gemacht. Gab ihr reichlich Geld, gab ihr ein lobendes Zeugnis, oh, es war nicht gelogen, da war ja vieles, das sich loben ließ, gab ihr für den Notfall die Adresse ihrer Bank, wo sie immer zu ermitteln sei, und trennte sich von ihr, verwundet, verekelt, und doch mit einem Rest unbezwinglicher Zärtlichkeit, welcher genügte, 251 um sie monatelang mit Henkersbewußtsein zu peinigen.

Als Kitty dann fort war, war's eine seltsame Mischung von Erleichterung und trauriger Öde gewesen. Wie schön leise war Kitty immer gekommen und gegangen, wie leicht war's, ihr eine Freude zu machen, wie reizend ihr Gehen und Stehen, federnd, unbeschwert, in dieser Zeit, da alle Menschen unter einer Last einhergingen, auch die Jüngsten schon freudlos, gedrückt. Und dazu kam, den anderen unterstreichend, ein zweiter Verlust, den sie merkwürdig schmerzlich empfand. Zugleich mit Kitty – oder war's ein paar Tage später? – war auch Kathinka Plüsch verschwunden. Die kleine Kathinka, die immer nur abends kam, wenn Frau von Rosendorp ganz einsam, ganz von Gott verlassen dasaß und wie erfroren ihrer kleinen Reiseuhr lauschte, die so unerbittlich die Zeit wegtickte. Das war Kathinkas Stunde, plötzlich war sie da, grau wie Klematisflöckchen, wie leichte Holzasche, federnd, unbeschwert. Und jedesmal war das warme, schnurrende Tier eine tröstliche Überraschung. Frau von Rosendorp nahm sie auf den Arm, rieb ihr Kinn an dem runden seidigen Köpfchen, fühlte ihr Herz weich werden. So was zum Liebhaben ist wie ein Geschenk. Ja – aber nun hatte sie auch das nicht mehr.

In der Welt aber war es finsterer und finsterer geworden. Es kamen, sich überstürzend, die 252 anderen, die allzu großen Dinge, die so gar nicht mehr in das Format des Lebens paßten; man stand da mit abgestorbenen Füßen, wie bei einer Feuersbrunst, und reichte die Eimer weiter, wissend doch . . . das Haus verbrennt. Frauen verbissen ihre Angst, sie weinten in der Nacht; Kinder vergaßen. All das kleine Zivilleid aber, das sonst doch ausgereicht hätte, um jeden einzelnen recht ausgiebig unglücklich zu machen, verdrängte man, grub man unter – ja man schämte sich seiner. Wie es einem auch fremd und außer der Zeit vorkam, wenn man in der Zeitung las, es sei einer friedlich an irgendeiner Krankheit gestorben, in seinem Bett, wie früher allgemein gebräuchlich; oder wie eine Veruntreuung, wenn jemand beim Schlittschuhlauf oder Bergsport verunglückte.

Unter all dem traurigen Schutt aber der sich auftürmte, war der Schmerz um Toblach lebendig geblieben; da genügte wenig um ihn aufzuwecken. O armer Toblach, nicht jung mehr und nicht ganz gesund, vielleicht mit Todesahnungen, die er weglachte, war er gegangen. Mit seinem langen, lässigen Schritt, den Wolken, den Ebenen, den Tieren verwandt. Bei einer Meldung, einer bloßen Formalität, hatte ihn die Kugel erreicht, ihn, der so lang wie gefeit die tollsten Abenteuer bestanden. Drei, vier Zeilen von einem unbekannten Stabsarzt – weiter wußte sie nichts. Wie vom Sande 253 eingeschluckt. Vorbei. Und nun dies Frieren, wenn sie seiner gedachte. Wie Einschrumpfen war's. Hätte man doch ganz wegschrumpfen können! Aber so viel bleibt doch immer zurück, daß man leidet.

Laut reden die Verstummten in der Stille. Ihrer ist die Macht und – o lasset uns den Glauben – auch die Herrlichkeit.


So saß Marianne Rosendorp, so wollen wir sie verlassen; mit schon gefalteten Zelten, oder zeitgemäßer ausgedrückt, mit schon verpackter beweglicher Habe, die, durch Verkauf nicht unbeträchtlich vermindert, auf dem Speicher der Firma Aschenbrenner und Möbius zeitweilige Unterkunft gefunden hat. So sitzt sie im Dämmerlicht, Haare grau, Augen grau, besondere Merkmale keine – denn daß sie beim Lächeln ein tiefzuckendes Grübchen hat, ist dem Paßbeamten entgangen – und der Abend, der ebenfalls grau ist, gibt dazu einen fast gleichfarbigen Hintergrund.

Geradeaus sieht sie, auf die fahle Wand gegenüber, wo hellere Stellen zurückblieben, viereckig und oval, Umrisse entschwundener Landschaften und Porträts, die ihr und ihren Vorgängern gehörten. Und wenn nun eben Kathinka oder sonst ein Kätzchen – grau, mit Chrysoprasaugen – am Spalier hochgeklettert wäre und draußen vor den Scheiben säße, Marianne 254 würde es nicht sehen, und wenn es auch mit der kleinen Plüschpfote ans Fensterglas klopfte, sie würde es nicht merken, denn eben sind ihre Ohren taub, ihr Herz hört anderes.

In Frühlingsnächten aber sind Menschen und Tiere unterwegs; so wird auch das Kätzchen nicht mit der Ausdauer eines Toggenburg sitzenbleiben und warten, sondern wieder hinunterklettern und dem Ruf der Jahreszeit gehorsam seiner Wege gehen. Wohl aber ist es denkbar, daß es am nächsten Abend, und am nachnächsten und vielleicht noch einmal vor geschlossenen Läden sein Glück probiert; denn seine Art hängt weniger an Menschen als an altgewohnten Winkeln und findet immer wieder den Weg zurück.

Freilich, ebenso möglich wär's, daß Kathinka oder wie sonst das Kätzchen heißen mag, aus ganz unwiderleglichen Gründen nicht wiederkäme; Gründe, die in den eben verflossenen Jahren auch so entsetzlich vielen Menschen das Wiederkommen unmöglich gemacht haben. Pelztiere aber, sogar solche minderwertiger Art, sind neuerdings, vor allem wenn ihr Fell in dem vielbegehrten Chinchillagrau schillert, ein gutbezahlter Artikel geworden. Außerdem gibt es Kinder, die auch ohnedies mit dem Zerstörungstrieb ihres Alters hinter solchem Wild herjagen, es mit Steinen bewerfen, besonders wenn es von langem Umherirren erschöpft oder mit 255 Husten geplagt, nicht mehr so rasch schützende Zäune überklettern kann. Und wenn sie's erjagt haben, ist der reißende Bach mit seinem eisgrünen Gletschwasser nicht mehr weit.

So könnte man diese unwahre und lehrreiche Geschichte noch weiter ausspinnen; denn es wäre ja dankbar, daß Herr von Rütten, der Mann der Gewohnheit (eine Eigenschaft die das Geschwisterkind der Treue ist und oft mit derselben verwechselt wird), wie ein Rehbock oder eine Wildsau ihren abendlichen Wechsel haben, so auch heute seinen gewohnten Weg durch diese halbländlichen Straßen nähme; von dem kleinen Anwesen zurückkommend, wohin er wie allwöchentlich dem Eselchen die Schalen seiner Lederrenetten gebracht hat. Wie er nun so am Rand des eisgrünen Wildbachs geht, in seiner gewohnten Stimmung, die aus Niedergeschlagenheit und Ironie gemischt ist, würde ein Knäuel schreiender Knaben ihm entgegenkommen, und aufmerkend würde er einer kleinen, grauen Katze gewahr, die, von einem Stein getroffen, sich bemüht, einen Zaun in seiner Nähe zu erklettern.

Nun war Herr von Rütten – und das eben hatte ihn früher veranlaßt, seine ärztliche Praxis aufzugeben – mit einer Dünnhäutigkeit der Nerven begabt, die geeignet ist, manche subtilen Genüsse, mehr noch aber qualvolle Empfindungen zu vermitteln . . . Man nennt diese 256 Eigenschaft Mitleid; sie kann viele Freuden des Lebens vergällen.

Es gab kein Handgemenge. Sein Dazwischentreten, der fremdartige Ton seiner norddeutschen Stimme, das Aufblitzen seiner Brillengläser hatten genügt um die johlenden Buben zurückzudrängen. Er näherte sich dem Kätzchen, das mit irrem Blick am Zaune hing. Dabei öffnete es ein blutiges Mäulchen, als ob es miauen wollte, doch ging der Ton in ein schwaches Husten über.

Herr von Rütten reckte sich empor, streichelte das graue, ruppige Fell. Plötzlich mußte er – die Nachbarschaft veranlaßte wohl die Gedankenverbindung – an Kathinka denken, der er so oft – nicht immer gern – die Tür auf- und zugemacht hatte. Aber dieses Tier schien ihm dunkler, knochiger als jener kleine kapriziöse Abendgast der guten Marianne. Und es war jämmerlich, wie die Katze durch Nachgeben des Rückgrats und kleine stoßende Bewegungen des schäbigen Köpfchens die unerwartete Liebkosung erwiderte. Doch der rote Schaum der aus ihrem Mäulchen geflossen, war das Todeszeichen gewesen, denn auf einmal ließen die klammernden Pfoten nach, der Hals, der ganze kleine Körper streckte sich, wurde lang, ausgemergelt, alt; und ohne einen Schrei glitt sie an den Planken nieder.

Nun drängten die Verfolger wieder vor. »Laßt sie, sie ist tot,« sagte Herr von Rütten 257 und seine Brillengläser blitzten; die Buben trollten mißvergnügt und etwas beschämt davon.

Unter den Sträuchern hatte sich Laub angesammelt. Herr von Rütten schob mit dem Fuß die Katze sanft und allmählich dorthin. Dabei pendelte ihr Kopf hin und her. Wie alt, wie durchaus tot und abgetan sah sie schon aus; beinahe höhnisch mit der hochgezogenen Oberlippe. Nun schob er dürre Blätter über sie hin; einen ganzen Haufen. So am Wege sollte sie nicht liegenbleiben. Dann wandte er sich abbiegend seinem Heimweg zu; es war seltsam, wie sehr das kleine Erlebnis seine Depression vermehrt hatte.

Wäre er weiter geradeaus gegangen, so hätte sein Weg den eines ihm Unbekannten gekreuzt, der den Park durchquerend dem Hause zuschritt in dem er Frau von Rosendorp zu finden wähnte. Es war Bürschel, dessen erfolglose Nachforschungen, Kitty betreffend, ihn nunmehr nach der Stadt geführt hatten, wo die Unstete am längsten verweilt war, seitdem sie ihre Kinderheimat verließ. Unwissend, daß Marianne vor zwei Tagen abgereist war, wollte er sie aufsuchen um mit ihr zu beraten wie die verlorene Spur zu finden sei.

Etwas unlustig würde er gehen, ohne Zuversicht auf Erfolg, von Unbehagen gequält bei dem Gedanken, was aus dem unseligen 258 Geschöpf geworden ist, dessen erfreuender Reiz ein flüchtiger, ganz an die Gegenwart gebundener war, dessen Erinnerung aber es vermochte, etwas Nagendes, Unstillbares zurückzulassen, wie es versäumten Dingen eigen ist.

In der Abendluft, die nach gärendem Frühling duftet, hat er den Hut abgenommen, weil seine Stirn, seine Musikersträhne vor der Wanderung feucht sind. Eben biegt er um die Ecke, wo er das ockergelbe, ihm von Kitty beschriebene Haus durch Bäume schimmern sieht. Noch einige Schritte trennen ihn davon; an einem Bretterzaun muß er vorbei, an knospendem Gebüsch, das aus welken Laubhügeln emporsprießt. Ein leises Prickeln seiner empfindlichen Schleimhäute kündet den beginnenden Katarrh. Der Abendwind erhebt sich, und er muß niesen. Zugleich überkommt ihn tiefe Mutlosigkeit. Kittys Bild ist plötzlich vor ihm aufgetaucht, wie sie damals zerzaust, im schäbigen Pelzjäckchen in seiner Stube saß und sich wärmte.

Wie er dann vor Mariannes ehemaliger Tür steht, an der Klingel zieht und das blecherne Scheppern des Glöckchens im Vorraum hört, weiß er – als sei es ihm eben gesagt worden – daß es für ihn ein leeres Haus sein, daß er Kitty auch hier nicht mehr finden wird.

 


 


 << zurück