Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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». . . Die Leute sagen, die Eule sei eines Bäckers Tochter gewesen, lieber Gott, wir wissen kaum, was wir sind, noch weniger was wir gewesen.«

I.

Er verachtete sie wohl, wie gesunde Buben seines Alters Mädchen nun einmal verachten, aber nie hätte er es ertragen, sie unter dem Schutz eines andern zu sehen. So hielt er darauf, daß sie bei kaltem Wetter seine Friesjacke mit den Ankerknöpfen umnahm, und brachte ihr selbstverständlich, als handle es sich um ein kleines Haustier gegen das man Verpflichtungen hat, den größten Teil der guten Sachen, die es daheim zum Nachtisch aus der gedeckelten Delfter Terrine gab.

»Warum kannscht dei Sach net gleich bei Tisch esse,« sagte Frau Maria Reichert, Möbelfabrikantensgattin – wie sie sich auf Reisen ins Gastbuch einschrieb –, wenn sie Apfelsinen, Nüsse und Feigen in seiner Matrosenbluse wie in einem Schiffskörper verschwinden sah. Aber er brummte etwas Unverständliches und war schon an der Tür.

Ob Winter oder Sommer, ihr Treffplatz war der Fabrikhof. Dort lagerten die Bretter, grobe und feine, auch große Berge Sägemehl harrten 8 ihrer Abtransportierung, von den Hausfrauen der Stadt zum Blankpolieren ihres Ziegelestrichs vielbegehrt. Es roch gut und reinlich auf dem Hof. Ein Gemüsegarten, durch hölzernes Gitterwerk abgetrennt, schloß sich an und führte mit flachen Holzstufen, mit Phlox und Johannisbeerbüschen hinab zum raschfließenden Arm des Kanals, der das Anwesen halbinselartig umfing und die große Säge in Betrieb setzte. Das war die alte Rückseite. Vorn aber blickte das rote neuere Backsteinhaus aus Spitzbogenfenstern auf die Straße, die, mit Linden besetzt, den trägen Hauptkanal entlang führte, an einem Ende in sumpfigen Wiesen und einer primitiven Badeanstalt sich verlief, am anderen in städtischen Anlagen mit Bänken und Warnungstafeln ihren Schlußakkord fand.

Käthchen Pelzer schlüpfte zwischen Bohlen und Balken aus und ein, dünn und geschmeidig, ohne auszugleiten oder den geringsten Lärm zu machen; oft auch kauerte sie hoch oben auf einem Stapel Bretter und ließ sich von der Sonne braten. Nach einiger Zeit erschien dann wohl eine hagere, farblose Person am Hoftor und rief nach ihr mit dem kummervollen Ton eines beunruhigten Perlhuhns. Dies war Fräulein Laura Hagedorn, Käthchens Pflegemutter.

Wie diese Adoption zustande gekommen, war eine jener Geschichten, nüchtern, trübselig wohl in Wirklichkeit, für Lauras an der Lektüre ihrer 9 eigenen schmuddeligen Leihbibliothek erstarkte Phantasie aber von atemraubender Romantik. Als Fräulein Hagedorn, vom Nähverein bei Frau Pastor Nothnagel heimkehrend, sich in der Dämmerung eines Maiabends auf eine Bank der städtischen Anlage niedersetzen wollte, hatte da ein Bündel gelegen, aus welchem leise Tönchen, fast als ob ein blindes Kätzchen klagte, an ihr Ohr gedrungen waren. Der Inhalt entpuppte sich als Käthchen oder vielmehr Katharina Lodoiska Pelzer, denn diese Namen standen auf einem Zettel an das schadhafte Wolltuch geheftet, das die äußerste Hülle des Bündels bildete. Der Verdacht der Aussetzung fiel auf eine mehrköpfige Scherenschleiferfamilie ungewisser Herkunft, die vor mehreren Tagen mit ihrem Wägelchen und einem kleinen bissigen Rattenpinscher die Gegend durchzogen hatte, und mit einiger Ausdauer wären die Leute wohl noch zu ermitteln gewesen. Laura Hagedorn aber gedachte der Oper Preziosa die sie vor Jahren in der Hauptstadt der Provinz gesehen, auch ein von ihren Kunden vielverlangter Marlittscher Roman wurde in ihr lebendig, in welchem ein Taschenspielerkind von einem alten Fräulein betreut wird, und ihr Herz, einer verstaubten Rose von Jericho gleich, die unversehens in warmes Wasser gerät, reckte sich und verlangte das Seine. Nach reichlichen Unterredungen mit den Vätern der Stadt wie auch mit dem 10 unvergeßlichen Nothnagel hatte sie es erreicht, daß Käthchen ihr zugesprochen wurde. Dreizehn Jahre waren seitdem verstrichen, und ihr Ziehkind näherte sich der Altersklasse, die in bürgerlichen Kreisen mit Backfisch bezeichnet wird, in den Schichten aber, in welche Käthchen durch den unerforschlichen Willen der Vorsehung geraten war, nach Absolvierung der Schuljahre und abschließender Konfirmation zunächst als Laufmädchen, Lehrmädchen, Kindermädchen oder »Mädchen neben der Frau« ihre Verwendung findet. Laura Hagedorn hatte ja nun gehofft, daß Käthchen ihr im Geschäft helfen und dasselbe später übernehmen würde. Es bestand dies in einer jener unbegreiflichen Buden, die mit Recht die Bezeichnung Mischwaren tragen und jedem Gesetz nutzbringenden Handels zuwider und allen Konsumvereinen zum Trotz, blühen und gedeihen; wo alles pfennigweis zu haben ist, die Äpfel welk sind, das Sauerkraut muffig, die Butter fast nie von überzeugender Frische, irgendein heimlicher Reiz aber besteht, der die Käuferinnen anlockt wie Ali Babas Wunderhöhle.

Wenn Laura einige Zeit ihren nervenangreifenden Klagelaut hatte ertönen lassen, kam Käthchen von ihrer Bretterburg herabgeklettert, schob die Unterlippe vor, was sie nicht eben verschönte, und trollte mißmutig hinter der Pflegemutter nach Hause. Nun mußte sie 11 den Laden ausfegen, die in Unordnung geratene Seifenpyramide im Schaufenster wieder aufbauen und den unappetitlichen Hering, der tagsüber mit verglastem Blick auf einer Untertasse geruht hatte, kündend daß seinesgleichen im Laden zu haben sei, mit spitzen Fingern zurückbefördern in die Salztonne. Zum Schluß ließ sie brutal und übergangslos das knatterige Rouleau herunterschnurren, auf dessen Wachsleinwand eine tropische Palmengruppe nebst Paradiesvögeln mit kometartigen Schweifen sich in indigoblauem Gewässer spiegelte, und setzte sich maulend in die literarische Ecke des Ladens, wo sich die Leihbibliothek befand wie auch ein Gefach, Schreibhefte, Tintenflaschen und Traumbücher enthaltend; dort machte sie sich mit allen Zeichen der Verdrossenheit an die Bewältigung ihrer Schulaufgaben für den nächsten Tag, während Laura, argwöhnisch nach der Pflegetochter schielend, sich aus einem oberen Regal, hinter Gustav Freytags Ahnen versteckt, den »Sonnenkönig und seine Mätressen« herunterlangte, ein Werk, das Käthchen längst schon in aller Stille verschlungen hatte. Diese schenkte sich die Rechenexempel grundsätzlich, schrieb nur aufs Geratewohl eine Reihe Zahlen hin, um die schmökernde Hagedorn in Sicherheit zu wiegen, denn das würde ihr ja Bürschel morgen früh im Handumdrehen machen, was sollte sie sich erst noch damit plagen! »Lern' du nur ordentlich 12 kochen,« sagte er ihr, »das ist nötig, wenn wir in die Urwälder gehen, und dann übe dein Klavier besser, immer bleibst du an demselben Astloch stecken, und überhaupt das ewige Largo und die Träumerei von Schumann sind mir schon das reine Brechpulver. Mit Sally spiel ich ganz andere Sachen. Mit dem Rechnen, das besorge ich dir, mach' dir auch ein paar Fehler hinein, sonst merkt der Bonze, daß es nicht in deinem Krautgarten gewachsen ist, aber zu was braucht ein Mädel Bauplätze auszurechnen, und wieviel Kubikmeter Wasser aus einem Brunnenrohr fließen – Blödsinn!« Mehr, weil er sie zu seinem Clan zählte und daher keinem anderen Jungen überließ, als weil er sie irgendwie bewunderte, stand es bei ihm fest, daß Käthchen seine Frau werden sollte, sobald sie beide erwachsen waren.

Manchmal kamen Kameraden zum Spielen, und Käthchen hatte den Takt, an solchen Tagen zu verschwinden, als habe die Erde sie verschluckt, denn sie war von Natur außerordentlich scheu, und nur wenn niemand sie beachtete, kam sie von selber geschlichen. Wenn aber der kleine Sally Immerwahr, einziger Sohn des Getreidehändlers Abraham Immerwahr, mit Bürschel musizierte, wurde sie als Hilfskraft herbeigeholt. Dann saß Sally mit schmalem Mäusegesicht, abstehenden, durchsichtigen Ohren und enger Hühnerbrust am Klavier, während der 13 stämmige, zu Fettansatz neigende Bürschel das Violoncell zwischen die wohlgepolsterten Beine nahm, oder Geige oder Flöte bearbeitete, denn der Junge war imstande, in kürzester Zeit das geheime Leben jedes Instruments zu erforschen, wie es ihm auch ein leichtes war, das Klavier auseinanderzunehmen und seiner Mutter den Stimmer zu ersparen. Käthchen mußte bei diesen Duetten die Seiten umwenden, manchmal vergaß sie's und schlief ein, wie ein Marder zusammengeringelt in dem Großvaterstuhl, dem einzigen wirklich behaglichen, aus einer von kunstgewerblichem Ehrgeiz noch unbeschwerten Zeit stammenden Möbelstück in dem Eß-, Wohn- und Musikzimmer der Fabrikantensgattin. Dann langte ihr wohl Bürschel, dem immer beim Musizieren eine blonde Strähne in die Stirne fiel, mit dem Violoncellbogen eins über die dünnen Beine, denn was war das für eine Squaw, die einschlief, anstatt ihre Pflicht zu tun! Sie sperrte große Achataugen weit auf, wandte die Seite um und glitt lautlos in irgendeinen anderen verborgenen Winkel, wozu der kleine Sally ein erschrockenes Rattenmäulchen spitzte.

Das Haus, das sich der Fabrik anschloß, war anfangs der siebziger Jahre in einem Stile umgebaut worden, der irgendwie die triumphierende deutsche Volksseele symbolisieren sollte, mit schweren Fenstersimsen und allerhand 14 Zierat aus Sandstein. Großmutter Reichert freilich wurde in dem burgartigen Neubau nicht heimisch. Sie ließ die zu dieser Umgebung nicht sonderlich passende rote Plüschgarnitur und den farbenfrohen Schmiedeberger zwar regelmäßig bürsten und klopfen – das heißt, sie tat es selbst mit Hilfe eines zwerghaften Wesens, das Lieschen Klimperfuß hieß und aussah wie eine Puppe, der man die Arme verkehrt angenäht hätte –, lebte im übrigen aber ausschließlich in der Küche, wo sie auch mit ihrem lustigen, hemdärmeligen Mann nach wie vor zu Mittag aß, wo auf dem Fenstersims, neben dem Schnittlauchtopf und dem Myrtenbäumchen ihr Kochbuch und ihr Gesangbuch lagen, ihr Nähtisch stand und ihr altes großblumiges Kattunsofa, auf dem die Eheleute ihren Mittagsschlaf hielten, wozu der Kanarienvogel unter verdunkelnder Schürze leise wie eine Wasserpfeife trillerte. Im Rohr aber stand die Kaffeekanne, und um zwei war die Stunde der Erbauung, und drei Tassen waren das wenigste, worauf Großvater Reichert wieder in der Werkstätte verschwand. Ja, so war das, und jede Änderung wäre den beiden eine Qual gewesen, die gute Stube aber blieb unbewohnt und götzenartig.

Zwanzig Jahre später konnte man an den Fenstern jener Vorderzimmer der Frau Maria Reichert blondes Holbein-Antlitz erblicken, das sich durch eine ungewöhnlich hohe Stirn und fast 15 unsichtbare Augenbrauen auszeichnete, mit dem lichtroten, lächelnden Mund und den silberflaumigen Wangen aber nicht ohne Reiz war. Ja, wie gut paßte sie auf den erhöhten Fensterplatz, wo sie, auf einem Ledersessel sitzend, der an die Wartburg gemahnte, Kaffeedecken aus altdeutscher Leinwand mit rotem und blauem Kreuzstich benähte, wie es vielleicht auch Katharina von Bora oder Albrecht Dürers Eheliebste getan. Ihr zu Häupten hing ein kunstvoll geschnitzter Vogelbauer, in welchem Großmutter Reicherts nunmehr ausgestopfter Kanarienvogel sein Mumiendasein führte. Maria Reichert aber streute Hanf aufs Fenstersims in den Schnee, sah, ihr Kind auf dem Arm, den Meisen und Buchfinken zu, die dort pickten, und fühlte sich ganz als Luthers Hausfrau, wie sie ihrem Söhnlein Liebe zu Gottes kleinster Kreatur ins Herz pflanzt.

Bei ihrem fahrigen, flackernden Mann hatte sie ein paar Ehejahre eintönigen und doch atemlosen Daseins geführt, und ihre nach männlicher Festigkeit verlangende blonde Holbein-Seele paßte sich gern dem frühzeitig knorrigen und eigenwilligen kleinen Jungen an. Als sie dann nach mancherlei Familienungemach selber die Regentschaft über Haus und Werkstatt antrat, – Eginhart der Jüngere war zur Zeit noch ein Schulbub, der mit Seehundtornister und bunter Kappe zur Schule trottete –, begann für sie ein 16 vollbeschäftigtes und doch geruhsames Leben, denn jede Art von Hast war ihr fremd, und sie entwickelte sich zu einer durchaus reellen, aber gar nicht unschlauen Geschäftsfrau, die gewiß dem Himmel wie auch dem Kaiser das Ihre nicht vorenthielt und durch eine ihr eigene umsichtige Großzügigkeit in Sachen der Fürsorge bei geistlichen und weltlichen Behörden in bestem Ansehen stand, die aber vor allen Dingen das irdische Gut ihres kleinen Eginhart zu mehren bedacht war. Bürschel, ihr Bürschel war nun der Punkt, um den ihre Gedanken kreisten, wenn sie am Jahresende ihr Hauptbuch schloß. Für ihn sorgte und rechnete sie, ihm sah sie träumerisch zu, wenn er sich in der Straße mit Kameraden schneeballte oder bei der Kirschenfrau an der Ecke, dank reichlichem Taschengeld und angeborenem Sinn für Recht und Billigkeit, erst die anderen Buben freihielt und dann sich selber eine ansehnliche Tüte füllen ließ. Ihm galt der gelbe, flaumenleichte Gugelhupf, den sie nach schwäbischem Rezept allsonntäglich für ihn buk, und der sich zum bodenständigen Napfkuchen verhielt wie ein Seiltänzer zu einem Schwerathleten, für ihn bewegten sich ihre großen weißen Hände, wenn sie seine ewig zerrissenen Strümpfe ausbesserte, wozu sie sich eines giftgrünen Holzeies bediente, das schon Großmutter Reichert zum selben Liebesdienst für ihre Mannsleute benutzt hatte. 17

Wenn aber die Dämmerung kam und mit ihr das Halbstündchen, da sie auf das Anzünden der Laterne vor dem Haus wartete, um ihre eigne Lampe anzustecken, saß Frau Maria, eine Socke über die linke Hand gezogen, sinnend am Fenster und ließ ihre Gedanken andere Wege gehen. Die kurze, aufregende Glückszeit tauchte auf, winkend und lockend, die sie als Maria Holl in München verlebt hatte, damals, als sie sich dem Musikstudium widmen wollte. Selige Zeit! Zeit der Freundschaften, der Schwärmereien, der Begeisterung, als man um Richard Wagner litt und stritt und die Klassiker alte Nachtmützen nannte. Zeit der getäfelten Dürer-Zimmer, der Makart-Sträuße, der Renaissancesofas, auf deren geschnitztem Überbau gedeckelte Zinnkrüge klapperten; traumhafte Zeit der Künstlerfeste, wenn man in rote Samtkleider gesteckt wurde, einen aufgekrempten Federhut aufgesetzt bekam und von herrlichen Männern mit Baretten und Spitzbärten ritterlich geführt wurde. So etwas hieß dann »Empfang bei Rubens« oder »Velasquez und seine Modelle«, wochenlang war von nichts anderem die Rede, und wären auch derweil Reiche versunken und neue Welten aus dem Meer getaucht. Im geheimen aber zitterten die Auserlesenen, ob Er, der Große, der Unvergleichliche, sie bemerken, sie vielleicht gar anreden würde. Denn vor seiner Kunst wurden sie alle gleich, wie vor Gott in den großen 18 Prozessionen. Da gab es schöne Generalstöchter und ebenso schöne Kuchenbäckerstöchter, eine Gräfin und eine Juweliersgattin trugen miteinander das Samtkissen, auf welchem Karls des Fünften Kroninsignien gleißten, und niemand konnte entscheiden, ob die Nachtdunkle oder die Tizianblonde edlerer Abkunft sei . . . die Freude, die Schönheit machten sie alle zu Schwestern.

Maria aber hatte vor den scharfbebrillten Augen des berühmten Mannes bestanden, und sie bewahrte die zwei Worte, die er im Vorübergehen hatte fallen lassen, wie Edelsteine: ein Schatz, der dunkelste Höhle durchschimmert. Denn mit dem raschen, unbeirrbaren Blick, wie ihn bildende Künstler über Frauenleiber gleiten lassen, hatte er ihr den Platz in seiner Liste angewiesen, aus der er sie, wenn erst der Umzug in seinen Einzelheiten festgelegt war, an die geeignete Stelle setzen würde. »Naumburger Königin« hatte er gesagt. Und sie kaufte sich Photographien und studierte ihre Vorbilder, war sich aber nicht klar, welche er gemeint hatte, die Lachende oder die Ernste, die mit dem Mantel oder die mit dem Buch?

Ja, schöne Zeit! Da waren die Wagner-Opern. Es wurde immer noch um ihn gestritten, und es gab ernste Musikprofessoren, die sich über die Unsittlichkeit gewisser Akkorde und Tonfolgen ereiferten wie mittelalterliche Hexenrichter über inkriminierende Leberflecke und Feuermale; die 19 den großen Zauberer zum Jugendverderber stempeln wollten, worauf natürlich die Jugend mit fliegenden Fahnen in dessen Lager überging. Mit ihrer bescheidenen Zulage konnten sie und ihre Freundinnen es sich nicht oft gönnen, die heißumstrittenen Opern zu besuchen, und auch dann nur im höchsten Olymp. Aber herrlich war's auch dort, bei den »Göttern«, herunterzuschauen auf die wirklichen Götter, die da mit Heldenwaden umhergingen und so urgermanisch aus Büffelhörnern tranken, wenn sie diese nicht außerdem noch als Helmschmuck trugen, wie der unselige Hunding, den sie eigentlich, schon weil er brünett war, interessanter und zum Verlieben geeigneter fand als den feisten, rosigen Sigmund, dem man die Mühsal und Verfolgung nicht ansah, weil er, wie so oft Heldentenöre, in den Cochon-de-lait-Typ hinüberspielte, und als hellste Blondine schwärmte sie natürlich für finstere, dunkelhaarige Tyrannen.

In jener Stadt breitspuriger Fröhlichkeit hatte sich ihr Schicksal entschieden. Dort lernte sie den jungen Reichert kennen, der zur Förderung und Erweiterung der väterlichen Bautischlerei nun auch das Möbelfach an der Quelle zu studieren gekommen war, all diese wunderbaren Ulmer und Nürnberger Schränke und Truhen nebst ihren Adaptierungen, diese Büfetts mit Butzenscheiben und wasserspeienden Zinndelphinen, diese Hochzeitstruhen wie aus dem 20 Märchen vom Machandelboom, diese schier unbeweglichen Tische und die sie mild überstrahlenden Lüsterweibchen. Mit dem Umweg über das Kunstgewerbe war er bald in einen Kreis fröhlicher Akademieschüler geraten und hatte sich beim Rubensfest in die silberblonde Maria vergafft, deren allzu hohe Stirn der Federhut verdeckte. Mit dem leisen Flaum der Wangenlinie, den schlanken Händen, dem überaus reinen, schönen Mund hatte sie es ihm angetan wie ein stilles Gewässer dem Wildbach. Wenn er nun auch kein finster-prächtiger Hagen oder Hunding war, sondern blond, wenn auch nicht so blond wie sie, und mit blauflackernden Augen – ach, allzu flackernd, doch Maria kannte die Zeichen nicht –, so war doch etwas in seiner unbesorgt erobernden Art, das ihrer Romantik entgegenkam, und sie hatte nach kurzem Zaudern eingewilligt und war mit ihm in das Spitzbogenhaus neben der Fabrik gezogen.


Wie nun die Jahre vergingen, war auch die Ähnlichkeit mit den schmächtigen Frauen des Naumburger Doms geschwunden, und auch der vielgeplagten Katharina von Bora sah Frau Maria Reichert weniger ähnlich als einer behäbigen Fuggerin, die es sich leisten konnte, kaiserliche Schuldscheine mit Kaneelrinde anzuzünden. Die gleitende Zeit, die ja wohl Runzeln gräbt, aber auch Falten glättet, hatte das Ihrige 21 getan, und der Friede des Unabänderlichen überwog in ihrer Seele dessen Wehmut. Auch in der kleinen Stadt war vieles anders geworden. Vor allem die Fabrik, die sich in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte. Denn es zeigte sich, daß Bürschels Neigungen neue Wege gingen, und so hatte Maria Reichert die Mühsal und Sorge, die mit der Leitung des Geschäfts verbunden war, gern in andere Hände gelegt, nun sie den Platz nicht mehr für ihren dicken Jungen warmzuhalten brauchte.

Bürschel schwankte zwischen Arzt und Musiker. »Warum nicht beides,« meinte die Mutter, die es nicht für unmöglich gehalten hätte, daß ihr Wunderkind außerdem noch Generalsuperintendent und Oberstkommandierender geworden wäre. So reiste er mit seinem Violoncellkasten und einem Koffer voller Noten nach München, wo es berühmte Mediziner und vorbildliche Krankenhäuser, aber auch berühmte Künstler und Konservatorien gab. Maria Reichert hätte ja nun auch nach dem Ort ihrer Sehnsucht ziehen können; aber nun es in ihrer Macht lag, scheute sie davor zurück. Vielleicht in unbewußter Weisheit; denn die Sehnsucht kann uns den Besitz vorgaukeln, der Besitz aber nicht die Sehnsucht wiedergeben; und nach allem, was sie aus Büchern und Zeitungen las, hatte sich dort vieles geändert. Die Stadt war groß und laut geworden, die Freunde wie auch 22 die bewunderten Heroen, die damals jedes Kind in den Straßen kannte, sie waren tot. Was sollte sie noch dort mit ihrem graublonden, dünngewordenen Scheitel, ihrem Fuggerbäuchlein? Ja, sie war eine schwerfällige, umständliche Matrone geworden; ihre Tageseinteilung, sowohl der Arbeit wie des Ruhens, war pedantisch, fast unabänderlich, auch litt sie an den Augen und an plötzlichen, qualvollen Wallungen. Da war ihr stilles, dunkeltapeziertes Zimmer oder, wenn sie arbeiten wollte, die hellere Halbinsel innerhalb der Balustrade am Fenster am besten für sie. Mit geschlossenen Augen konnte sie sich darin zurechtfinden, und dann hing ja an jedem Möbel, in jeder Ecke etwas von Bürschels Kinderdasein. Spiel, Schulaufgaben, Musik, hastig verschlungenes Frühstück, schon mit dem Schulranzen auf dem kleinen stämmigen Rücken, oder gemütliches Schlampampen beim Vesperkaffee . . . oh, sie brauchte nur ein wenig vor sich hinzuträumen, und alles stand vor ihr. Wie er dann älter wurde und sie ihn abends auswärts wußte, auf seinen Primanerkneipen, deren er bei seiner gesunden Natur mühelos, wenn auch ohne Enthusiasmus, Herr wurde, hatte sie, allein zu Haus, manches Mal den Wandschrank aufgeschlossen und unter dem Vorwand des Abstaubens sich Bürschels kindliche Besitztümer durch die Hände gehen lassen. Nun da er fort war tat sie es wieder. Nur viel gründlicher. Alles wurde 23 auf den Wartburgtisch vor dem Sofa aufgestapelt, dann putzte sie erst einmal die goldene Brille, die sie seit einem halben Jahre trug, und dann ging es ans Aufbauen. Bürschels Schiefertafel – sie hatte einen Sprung –, seine mit vielen Profilbildern der Lehrer geschmückten Schulbücher (seltsam, diesen Männern der Wissenschaft wuchs immer der Arm vorn aus der Brust heraus, wie ein Brunnenrohr), seine Hefte mit Landschaften, nach Vorlagen gezeichnet, Tannen und Schweizerhäuser zumeist, die aus ihren Schornsteinen Rauchwölkchen gen Himmel pafften; auch ein Glaskasten mit aufgespießten, vertrockneten Käfern, deren Beine zu Staub geworden, aber auch seine Kreisel, seine Murmeln und allerhand kindliche Musikinstrumente, die nun geisterhaft klimperten. Zuletzt kam die Arche Noah; sie setzte die Tiere paarweise zur Polonäse auf, die Elefanten, die Giraffen, die Bären, die Gänse, Igel und Mäuse. Familie Noah machte den Beschluß; Vater Noah in Mantel und Schäferstab, die Damen prallbusig, mit engen Taillen und runden, blanklackierten Hütchen, mit roten Bäckchen und starrem Blick. Wenn sie dann eine Weile unter dem Licht des nunmehr elektrisch montierten Lüsterweibchens gestanden hatten, nahm Maria Reichert die Figürchen mit sanften Fingern auf, bettete sie in die Holzwolle der Arche und klappte deren Dach mit einem Seufzer zu; dann 24 stellte sie alles nach gründlicher Reinigung mittels Staubtuch und Flederwisch in den Wandschrank an seinen Platz zurück.


Käthchen Pelzer aber wohnte nicht mehr in der stillen Stadt der verstohlen gleitenden Kanäle, der zugestutzten Lindenbäume, der unverhältnismäßig großen Domkirche mit all den Korb- und Seiler- und Eisendrahtbüdchen, angeklebt und eingeklemmt zwischen ihren Strebepfeilern. Durch unverbesserliches Streunen, durch Trägheit und Mäkelei beim Essen wie auch durch stundenlanges eitles Bürsten und Strählen ihres Haupthaares hatte sie sowohl die elegische Hagedorn wie auch die sie sonst noch betreuenden Autoritäten der Schule und des Stadtrates derart gegen sich aufgebracht, daß es ernstbärtigen Männern geraten schien, sie zur Warnung dienen zu lassen. So wurde denn Lehrer Griepsch beauftragt, ihr am Vorabend der Konfirmation zu verkünden, daß eine Stellung bei streng christlichen Leuten gefunden sei, wo sie bis zu ihrem achtzehnten Jahre zu bleiben habe, da sich ihre Pflegemutter außerstande sehe, ihrer Faulheit und Lust am Vagabundieren zu steuern. Laura Hagedorn wohnte, in einen kummervollen Regenmantel eingeknöpft und unter dem Stahlstich »Jesus wandelt auf dem Wasser« sitzend, mit rinnenden Tränen diesem Pronunziamento bei, während 25 Käthchen den Lehrer Griepsch mit großen Achataugen ohne zu blinzeln anstarrte oder vielmehr die lichtblaue Quaste seines Jägerhemds verfolgte, die, von den Wogen sittlichen Zorns geschaukelt, auf seiner Mannesbrust hin und her pendelte, was Lehrer Griepsch beinahe aus dem Text gebracht hätte und die Bitterkeit seiner Vorwürfe steigerte. Als dann Käthchen, mit Ach und Krach der nötigsten Glaubensformeln mächtig, in einem von Maria Reichert gestifteten, auf Zuwachs berechneten schwarzen Tibetkleid zum Altar trat, gab ihr Pastor Feuerhake, des unvergeßlichen Nothnagel Nachfolger, gewissermaßen als letzte Warnung den Einsegnungsspruch Petr. I. V. 3–4, der die Worte enthält »Welcher Schmuck soll nicht auswendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen«, auf den Lebensweg mit. Wobei wiederum ihre Achataugen seelenlos-geheimnisvoll, ohne zu blinzeln, zu dem strengen Mann emporsahen.

Da die Konfirmanden, um jede mögliche Kränkung zu vermeiden, streng alphabetisch zum Altar schritten und der Buchstabe Q wie so oft im Leben auch hier nicht vertreten war, kam Luise Roßtäuscher, die Zweitälteste aus dem »Reichsadler«, gleich hinter Käthchen zu stehen. Dieses in den Beinen etwas kurz geratene Mädchen hätte den Spruch Petri auch auf sich beziehen können. Denn nicht nur daß Luise 26 Roßtäuscher ihr spärliches Haar durch nächtliche Papilloten zu unnatürlicher Kräuselung gezwungen hatte, auch die Ohren waren ihr am Tag vorher von Uhrmacher Diebitsch durchbohrt und mit Korallenbommelchen behängt worden. Nun standen ihre Ohrläppchen blaurot, geschwollen und schmerzhaft vom Kopf ab, sie schwamm während der heiligen Handlung in Tränen und schniefte vernehmbar. Käthchen, die den Grund dieser Tränen und dieses Schniefens erriet, lächelte bitter, da ihr das plumpe Ungefähr menschlicher Gerechtigkeit deutlich wurde. Sie hatte sich keine Locken gebrannt, denn die aschblonden Wellchen und Ringelchen an Schläfen und Genick bedurften keiner Nachhilfe, und was nun das Goldumhängen betraf, so besaß sie überhaupt nichts dergleichen, es sei denn eine alte Emaillebrosche, mit »Souvenir de Teplitz«, die ihr Laura Hagedorn einst gegeben, um ihr Wolltuch zusammenzustecken, die sie jedoch bald verloren hatte. Nein, nie hatte sie sich mit Schmuck behangen, es sei denn mit selbstangefertigten, wenig dauerhaften Ketten aus den roten Beeren des Ebereschenbaums. Als sie sich aber daheim zu Kaffee und Napfkuchen – der einen breiten, lieblosen Klietschstreifen aufwies – niedersetzte, lag da auf dem Tisch ein duftendes Etwas, in Seidenpapier gehüllt; ein Strauß, der mit seinen Maiglöckchen, weißen Azalien und Myrtenzweigen 27 durchaus bräutlich wirkte. Angebunden daran war eine kleine weiße Samtschachtel, aus der ein Chrysopras, wie ein Bruder zu Käthchens Augen sie anstrahlte. Und dabei lag noch ein kleiner Zettel, darauf stand: »Zähle auf mich, ich warte auf Dich, Bürschel.«

 


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