Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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VIII.

Es regnet – regnet. Nicht der mütterliche Regen, der die letzten, noch eingerollten Knospen löst, lau an den Baumstämmen niederspült und später dann an jedem Grashalm funkelt, jedem frisch gewaschenen Buchenblatt hinuntertropft als Liebkosung, sondern kalt und grämlich und schneekündend, wie es hier noch im Mai zuweilen geschieht.

Toblach, den Marianne erwartete, hatte eine Absage gesandt. Nun saß sie ziemlich verzweifelt vor einem Stoß verurteilter Leintücher und versuchte daraus Frauenhemden zuzuschneiden. Kitty, die bei der Firma Flecklmayr und Hasenbalg das Ausflicken der verschiedenartigsten Pelzarten erlernt hatte, war, was Weißnähen betraf, fast ebenso unbewandert wie ihre Herrin, und die Arbeitsart der beiden zeigte jenes Gemisch von Zaghaftigkeit und Heroismus an welchem Fachleute mit Grauen den Dilettanten erkennen.

»Kitty,« sagte Frau von Rosendorp, als sie zum dritten Male versucht hatte, einen zu engen 124 Ärmel in ein zu weites Armloch zu heften, »ich gebe es auf. Aber ich habe noch einen Rest Bohnenkaffee, und für Kaffee würde ja Frau Hintermaier ihre Seele verkaufen – doch was täte man mit Frau Hintermaiers Seele? Aber sie soll dafür die Hemden richten. Und wenn sie nicht will, bleibt immer noch ein Ausweg: Windeln. So, nun tu nur einstweilen alles weg.«

Kitty war es zufrieden. Sie stopfte das Leinenzeug ziemlich unordentlich in den Korb zurück. Was nun beginnen? Ausgehen lockte nicht bei der Nässe.

Frau von Rosendorp hatte ein Strickzeug zur Hand genommen; ein langer feldgrauer Aal. Sie strickte nur diese Cachenez benannten Gebilde; dabei brauchte man nicht aufzupassen, wie bei Strümpfen und Socken mit dem verzwickten Fersenproblem.

»Erzähl' mir aus deiner Kinderzeit, Kitty,« sagte sie. Ohne ihn je gesehen zu haben – außer in der Photographie – hatte Bürschel ihr Herz gewonnen. Und auch an seine Mutter dachte sie mit Wohlgefallen. Ähnlich der Mutter in den Bilderbüchern von Oskar Pletsch stellte sie sich Maria Reichert vor. Immer fürsorgend und mit guten Ratschlägen versehen wie der Briefkasten in einer Frauenzeitung: Kranke Kanarienvögel, Flecke auf Marmorplatten, vorzeitiges Gären des Himbeersafts – für alles würde sie Abhilfe wissen. 125

Aber Kittys Erzählertalent war nicht groß. Es kam nur stockend und tropfenweise. Als würde es ihr schwer. Sie war nun einmal ein Geschöpf des Augenblicks. Weder um Vergangenheit noch um Zukunft machte sie sich Gedanken.

»Aber Kind, daß du dich so gar nicht erinnerst und bist noch so jung,« sagte Marianne. »Komisch. Ich alte Frau dagegen weiß noch von jedem Bilderbuch, das ich hatte. Auch Spielzeug; vor allem Tiere. Hunde . . . Katzen. Ich meine, ich fühlte sie noch heut, ihren Pelz, ihre netten Pfoten. Wie im Traum. Überhaupt Träume . . . Träumst du niemals, Kitty?«

Kitty blickte sie an mit leeren Augen. »Ich weiß nicht,« sagte sie wie suchend. »Wenn ich aufwache, mein' ich oft, ich erinnerte mich, aber wenn ich dann anfange zu denken, wird's immer dünner und kleiner und dann ist es weg – ganz verzupft.«

»Ach so,« sagte Frau von Rosendorp, »das nennt man Gedankenflucht. Aber dann die wachen Träume? Oh, die spielten bei mir eine große Rolle. Ganze Geschichten dachte ich mir aus, von Menschen und Tieren und Kindern. Ich lebte mit ihnen. Ein kleiner Freund besonders, er hieß Tuck und trug eine Pelzkappe und ging mit Mausefallen hausieren, er kam und sprach mir Mut zu, wenn ich gescholten worden war.« 126

Kitty war aufmerksam geworden. »War das der Herr von Toblach?« sagte sie.

»Du sagst immer von Toblach, aber er ist bürgerlich. Sein Vater hatte ein Papiergeschäft.«

»Aber,« sagte Kitty, »er hat doch so etwas an sich wie der Graf im Kino neulich, der so furchtbar anständig ist zu dem Mädchen, die das Kind hat.«

»Nun ja, anständig ist er immer gewesen, mit dem Grafen würde er's wohl noch aufnehmen. Aber nein, Tuck war ein kleiner Traumjunge. Herr Toblach hat gewiß nie Mausefallen verkauft.«

»Jetzt war der Herr von Toblach wohl lange fort, gnädige Frau?« fing Kitty wieder an; Tuck interessierte sie nicht weiter.

»Ja, es waren viele Jahre dazwischen,« sagte Marianne. »Er war lange in den Tropen, weißt du, immer in Weiß mit einem Tropenhelm – alles so ein bissel englisch. Er hat die wilden Tiere belauscht und sie photographiert in ihren Schlupfwinkeln. Sehr lebensgefährlich. Und hat auch geholfen, sie zu fangen und heimzubringen in die zoologischen Gärten.«

Kittys Augen waren ganz starr . . . wie tote grüne Oasen. »Haben sie ihn nicht gekratzt und gebissen?« fragte sie.

»Nein, denn es ist ja merkwürdig, er kann alles mit den Tieren anfangen. Die wildesten lassen sich von ihm anfassen, als verzaubere er 127 sie. Da war eine Äffin im Zoo, sie war sehr ungebärdig, weil sie wohl sehr unglücklich war; wollte auch gar nichts fressen. Aber wenn sie ihn nur von weitem sah; wurde sie wie toll vor Freude. Wenn er dabeistand, nahm sie auch wieder Nahrung. Und eine Pantherkatze . . . kein Wärter traute sich zu ihr hinein, aber sie legte sich dicht an die Stäbe, wenn Toblach kam, und er steckte ruhig die Hand hinein und kraute sie.«

»Ja,« sagte Kitty träumend, »das kann ich verstehen.«

Marianne sah sich nach ihr um, Kittys Stimme hatte so seltsam geklungen, sie hätte gern gewußt, was sie meinte; aber es widerstand ihr, zu fragen. Sie ließ ihr Strickzeug zur Erde gleiten, stützte den Ellbogen aufs Knie, das Kinn auf die Hand. Gott, dieser graue, in Schnee übergehende Regen – und Toblach kam nicht. Und sie hatte sich doch – ganz verschwiegen – so namenlos auf ihn gefreut. Wie ein Kind konnte sie sich immer noch auf etwas freuen; aber dann auch – wenn's nicht in Erfüllung ging – oh, der schwarze Abgrund! Und nun vermochte sie nicht mehr sich in erdachte Häuser und Gärten und Freundschaften zu flüchten – wie damals.

»Ich war ein sehr einsames kleines Mädchen, Kitty,« sagte sie; die Hände um ein Knie verschränkt, den Kopf hintenüber gelehnt, sah sie vor sich hin an die Wand, wo ab und zu ein Sonnenfleckchen kam und ging, zwischen zwei 128 Regenschauern. »Wenn du mir von Bürschel erzählt hast und von der langen Zeit die ihr täglich zusammen waret, hab' ich dich beneidet. Denn Toblach, meine Kinderfreundschaft, er kam doch nur selten in den Garten, und überhaupt . . . es war doch immer nur wie der Sonnenfleck dort an der Wand.«

Kitty hatte sich an den Boden gekauert, sie ließ Mariannens Wollknäuel rollen, griff es aber immer wieder zurück, wenn es eben unter dem Sofa verschwinden wollte; wie ein Spiel war's. Gott – Bürschel – an den dachte sie doch fast nicht mehr; sie hörte ja auch nichts mehr von ihm. Daß sie selbst es war, die seine letzten Briefe unbeantwortet gelassen, hatte sie vergessen.

»Ja« – fuhr Frau von Rosendorp fort – »ich war sehr allein, und die kleinen Mädchen, die Sonntags kamen, waren mir langweilig; da habe ich mir eben Geschichten ausgedacht. Besonders den einen Sommer, da war ich zum erstenmal bei Onkel Christoph. Dort hatte ich auch zum erstenmal ein großes Bett ohne Gitter, daß man direkt auf den Teppich kullern konnte. Das allerschönste aber war die Tapete, weißt du, Kitty, eine Landschaftstapete, wie man sie in alter Zeit hatte, da ging alles mögliche vor, da waren Alleen, wo am Ende alles blau und nebelig wurde. Ja, und die bevölkerte ich nun mit der Familie Frobenius, die sehr viele Kinder hatte 129 – aber auf der Tapete waren sie nicht alle mit drauf. Nur ein Herr und eine Dame die über ein Brückchen gingen, und ein paar Knaben an einer Schaukel, sie hatten Locken und Gürtelblusen, und dann noch eine junge Dame in Rosa die den Schwan fütterte, die war am schönsten.«

Während sie sprach, war's, als sähe Marianne alles wieder vor sich; jene Landschaft, wie sie, durch Türen und Fenster teilweise überschnitten, auf den Wänden des Zimmers sich mehrfach wiederholte: an einer Stelle waren die Streifen beim Ankleben verschoben, so daß der Schnabel des Schwans mit dem Schuh der jungen Dame in eins verschmolz, diese aber nicht am Ufer sondern wie ein Wundertäter mitten auf dem Wasser wandelte. Aber das hatte Marianne nicht gestört. Schönste Stunden waren es, wenn sie, bei frühen, ländlichen Geräuschen erwachend, als erstes die Tapete erblickte und halb noch im Schlaf die Schicksale der Familie Frobenius weiterspann. Denn Frobenius hießen sie, das stand fest. War doch Vater Frobenius der vielwissende Mann, der sich auf Mineralwasserflaschen mit so unbestechlicher Sachlichkeit über die Eigenschaften der betreffenden Brunnen äußerte. Wie genau wußte er die Bestandteile zu berechnen, wie beruhigend garantierte er die Unschädlichkeit etwaiger brauner Flöckchen! Die kleine Marianne sah ihn wandeln, hager, mit großen Schritten, mit grauem 130 Schopf, ohne Hut, denn das war hygienisch, den klaren Blick des Naturforschers ins Blaue gerichtet. In der Hand hielt er ein Vergrößerungsglas.

»Ja,« fuhr Marianne fort, »und was hatte er für schöne Kinder, er trieb Botanik und Steinkunde mit ihnen, wie hingen sie an seinen Lippen! Kurze Kittel hatten sie an, ganz abgehärtet, mit sonnenbraunen Hälsen und Beinen. Daheim führte ich ein gehemmtes Dasein mit Galoschen und Halstüchern, hier war alles frei und luftig, und all die Kinder und Reiz und Aufregung. Ja, mehrere Jahre lebte ich nur mit dieser Familie, Kitty, ganze Romane erlebte ich.«

Denn da waren junge Frobeniusse gewesen die in ferne Länder gingen um Gürteltiere zu züchten oder eine Federhalterfabrik zu gründen; die vielen Stachelschweine die im Wald umherliefen warfen im Frühling ihre Stacheln ab, wie in Deutschland die Hirsche ihr Geweih, »das Material liegt wörtlich auf der Straße« – sagte man ja wohl. Ach und noch so manches andere war da was ihr diese interessanten Menschen ganz lebendig und leibhaftig machte: daß sie bei plötzlichen Anfechtungen, wenn zum Beispiel das Dessert auf dem Tisch stand und sie allein auf ihre Eltern wartete, oder auch in Fällen wo es nicht ganz leicht war sich zur Wahrheit zu bekennen, meinte, die weltentrückten Augen des Professors Frobenius über sich aufleuchten zu 131 sehen, der sie vor bösem Tun bewahrte oder aber ihr Mut zusprach, ohne Ausflüchte das nun einmal Begangene zu gestehen. Ja, lange nachdem die alte Tapete schon mit einer anderen überklebt war, träumte sie sich zurück in jene Alleen, jene immer blauer werdenden Perspektiven, den Spuren der unvergeßlichen, aber flüchtigen Familie nachgehend wie ein Jagdhund einer Fährte . . .

Frau von Rosendorp sah sich um; hatte sie gesprochen oder nur geträumt! Es war so merkwürdig still im Zimmer. Kitty hatte sich gewiß gelangweilt bei all den Kindheitserinnerungen und sich auf leisen Sohlen aus dem Staube gemacht. Auf dem Sofa lag Kathinka Plüsch, die Unberechenbare. Sie hatte das Wollknäuel und, daran hängend, Mariannes Strickzeug heraufgezerrt, alles in greulichen Wirrwarr gebracht und sich recht eindringlich hineingekuschelt; nun schlief sie mit dem Ausdruck heuchlerischer Unschuld der schlummernden Katzen eigen ist. Marianne mochte sie nicht wecken; denn es ist jungen, schlafenden Tieren ebenso wie Kindern und jungen Menschen etwas eigen, das uns entwaffnet. Aber wie sie dastand und Kathinka und Kitty in ihrer Vorstellung gleichsam zusammenflossen, kam ihr, die sich einst gelesener Bücher deutlich entsann, die Erinnerung an jene Stelle in Wilhelm Meister, wo er, der von seiner Kindheit, seinem Puppentheater mit einer gewissen 132 pedantischen Innigkeit erzählt hat, plötzlich die lautlose Stille empfindet und, sich umblickend, die Geliebte schlafend sieht. Worauf er, nicht ohne ein Gefühl der Kränkung, sich leise entfernt. Aber in jenem Buch war's die Schläferin, die Marianne hieß . . .


Als dann Frau von Rosendorp durchnäßt und ziemlich niedergeschlagen – Kitty war gewiß wieder zu den Soldaten gerannt, und nun hatte sie selber in die Stadt gehen und etwas für den Abend besorgen müssen – nach einiger Zeit in ihre Wohnung zurückkehrte, sah sie im Vorraum Toblachs Mantel hängen. So war er doch noch gekommen. Auf einmal wurde ihr das Herz so groß. Sie legte ihre Päckchen hin, ging zur Tür und fand sie angelehnt. Gleich darauf trat sie leise, ein wenig taumelnd, in den Vorraum zurück. Wie in einem grotesken Traum war ihr zumute, der ganz sinnlos, doch etwas Trauriges, irgendein Verhängnis bedeutet. Und was war es eigentlich gewesen? Toblach saß in seinen Lieblingssessel gelehnt, auf seinem Arm, das Köpfchen an seine Schulter gepreßt, mit halbgeschlossenen Augen – Kathinka Plüsch. Er hatte das Öffnen der Tür nicht gemerkt, hatte Marianne garnicht gesehen, denn er träumte vor sich hin, ganz verloren, und seine Hand glitt auf und ab über das seidige Fell. Aber Kathinka hatte die leeren grünen Augen groß aufgetan und sie angestarrt, etwa 133 wie eine Prinzessin eine störende Bittstellerin anblicken würde. Warum fühlte sich Frau von Rosendorp wie eine Zudringliche, warum wurde ihr plötzlich so elend ums Herz? Es war ja kindisch. Sie sammelte ihre Paketchen, trat fest auf; diesmal drückte sie die Türklinke geräuschvoll nieder.

 


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