Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

 << zurück weiter >> 

XIV.

Wochen vergingen, aber noch immer war es Bürschel nicht gelungen, Kitty aus dem Bannkreis Schlafesanft-Hempel, symbolisiert durch den Wollplüschtroddeldiwan, zu lösen. Es schien ein unausführbarer Entschluß für sie, eine Wohngewohnheit aufzugeben. Wenn sie noch so sehr über ihre Unterkunft klagte, immer doch fand sie den Weg dahin zurück. Beinahe täglich trafen sie sich um die Mittagszeit, Bürschel bestellte Beefsteak und Huhn und nahrhafte Mehlspeisen, Gerichte die auf dem Speisezettel schon mit drei- und vierstelligen Zahlen ausgezeichnet waren, und Kitty, die sich bisher hauptsächlich von Zichorienbrühe und aufgewärmten Kartoffelresten ernährt hatte, blühte bei dieser Diät sichtlich auf. Gleich nach dem Essen mußte er wieder ins Laboratorium, aber er händigte ihr 211 seinen Drücker ein, und wenn er dann heimkam, fand er sie fast immer eingeschlafen auf seinem Sofa, das zwar keine Troddeln hatte, dafür aber eine zerbrochene Sprungfeder mit entsprechender Mulde, die von Kitty bevorzugt wurde.

Von dem Dienst im Etablissement Pro Bellezza hatte er sie befreit und erwog nun mit Seufzen, was mit seinem Schützling anzustellen sei; denn die Vorstellung, die er als zwölfjähriger Junge gehabt hatte, daß Kitty seinem Clan angehöre und daher auf ihn angewiesen sei, war in ihm neu erwacht. Zu seiner kranken, ach, sterbenden Mutter? Was sollte sie dort? Und in so kleinen Städten war immer ein Bodensatz von Gehässigkeit; laßt ein Kieselsteinchen hineinfallen, gleich wirbelt der ganze Moder in die Höhe. Nun, eine Weile mochte es weitergehen wie bisher; dies reine Nichtstun würde ihr nicht schaden, im Gegenteil. Sie war doch schrecklich schmal in Schultern und Hüften, und so oft heiser, das ewige Hüsteln wollte ihm nicht gefallen. Zum Sommer sollte sie in die Berge, irgendwo in Bayern oder im Schwarzwald, wo es Milch gab. Jetzt in der Winterszeit, heimatlos und aufgescheucht – nein, erst mußte sie wieder zahm und zutraulich werden. Sie schüttelte auch immer still-obstinat den Kopf, wenn er es ihr vorschlug. Wer weiß, bei ihrer merkwürdig federnden Art würde man sie wohl auch so durch den Winter bringen; ein warmes Zimmer, Essen 212 und Trinken zur rechten Zeit und unbeschränktes Faulenzen – das konnte Wunder tun. Daneben hatte er auch im Augenblick keine Zeit übrig, um Kittys Leben von Grund aus neu zu ordnen. Sein Kopf war voll von all dem Neuen, das er im Laboratorium wachsen und werden sah, sein Geist schwebte wie gebannt zwischen Zeichen und Wundern, und wenn er Rosenzweig in Bescheidenheit und fern allem Triumphieren seine Versuche und Erfahrungen schildern hörte, die jeder andere schon als unbezweifelbaren Erfolg hinaustrompetet hätte, da kam es über ihn wie hellseherischer Rausch, und es war im Grunde dasselbe Erschauern, halb Spannung, halb Zuversicht, wie vor Jahren, wenn er mit Sally und einem anderen ein neues, ihrer Technik weit überlegenes, aber ganz unwiderstehliches Trio in Angriff nahm. Wie in alter, perspektivischer Musik war auch in der Wissenschaft dies Locken und Saugen immer dämmriger werdender Tiefen, dem hingegeben er nachgehen mußte, ein Viertel erobernd, drei Viertel behext.

Der März lag in den letzten Zügen, und diese Züge waren lind. Warmer Regen fiel und Frühlingsgeruch war zu spüren. Bürschel zog um, sein Koffer und ein paar Kisten standen halb gepackt da; er zog in die Rosenzweigsche Versuchsklinik. Furchtbar, was man dort zu sehen bekam – ein Höllenbreughel entsetzlich 213 verstümmelter Menschheit. Und doch! Es war Ordnung darin, ein leitender Gedanke, eine deutende Hand, eine Hoffnung; nicht das zwecklose Grauen, das ihn oft im Kriege überfallen hatte, bei jener umgekehrten Auswahl der Tauglichsten, die der Tod vornahm, die ja so unvermeidlich, so folgerichtig und doch so sinnlos, so verheerend war. Hier aber die vernünftige Ameisenarbeit, nach Jahren vielleicht einen Kinderschritt vorwärts – vermischt mit der Abenteuerlust des Goldgräbers, denn es waren Fälle gewesen, wo plötzlich, ganz unerwartet, Adern sich aufgetan hatten die zu ungeahnten Ergebnissen führten . . . Oh, aber diese romantische Art die Arbeit anzupacken holte es aus einem heraus. Er sah auf die Uhr. Seltsam, nun waren es vier Tage, daß Kitty sich nicht mehr blicken ließ. Wenn sie heute nicht kam, wollte er morgen in ihrem wunderlichen Heim nachfragen. Er ließ sich in seinen knarrenden Strohsessel sinken, legte die Arme auf den Tisch und seinen dicken blonden Kopf darauf. Diese Art auszuruhen, sehr verschieden von früherem sybaritischen Mittagschlummer auf Mutters altdeutsch gesticktem Sofakissen, hatte er im Krieg erlernt.

Nach einer Weile klingelte es. Aber er hörte nichts, hörte auch nicht den latschenden Schritt seiner von ihm Jezabel benannten Wirtin, die den ganzen Tag in Papilloten und 214 heruntergetretenen Hausschuhen lebte und abends mit rotblondem Lockenkopf und speckiger Atlastaille ihre dunkeln Wege ging, sich als verarmte Gutsbesitzerin aufspielte, die aus Mitleid für die armen Städter ihnen ein bißchen Speck und Butter verschaffte, in Wirklichkeit aber in einem Vorort einer Tanzdiele vorstand und in namenlosen Lokalen Schiebergeschäfte betrieb. Manchmal lagerte der kleine Vorplatz bis in die Besenkammer hinein voll Waren, die allmählich wieder versickerten: Seife und Zigaretten, Schweizerkäse, Schuhcreme und Süßigkeiten aller Art. Einmal war Jezabel mit mehreren Kisten kandierter Walnüsse sitzengeblieben; es war ein Slump in dem Artikel eingetreten, und bald begannen die unverkauften Karamellen ihren einladenden Glanz zu verlieren. Jezabel, deren Sohn Waldemar, ein Knabe mit finnigem Teint, sowie eine fledermausartige Kusine, die auf dem Hängeboden in einer flachen Kiste – wie Sara Bernhardt in ihrem Sarge – schlief, standen ratlos. Und nun, in unverkäuflicher Ware erstickend, sollten sie auch noch Geld für Fleisch und Kartoffeln ausgeben? Wein, entschied Jezabel, dazu waren die Zeiten zu ernst. Und so lebten sie heroisch nur von Karamellnüssen, die ihre Zähne wie im Kinnbackenkrampf verleimten, eine Reihe von Tagen. Bis Waldemars Magenverhältnisse katastrophal wurden. Etagenbettler, Drehorgelmänner und die Kinder eines 215 Flickschneiders im Hinterhaus erhielten den Rest, der nicht mehr schön war.

Jezabel öffnete schlurrend und schniefend die Tür; zwischen ihr und Kitty herrschte eine jener unausgesprochenen, aber desto stärkeren Antipathien, die etwas Tierhaftes haben und vielleicht geheimnisvolle Erbschaften sind aus einer Zeit da eins aufs andere Jagd machte; noch leben sie im Blute weiter.

Kitty schlüpfte herein, blieb aber, die Hand am Herzen, vor dem Tisch stehen, an dem Bürschel halb hingestreckt schlief. Sie atmete leise fauchend, und ihre Pupillen waren groß und dunkel geworden.

Bürschel hob den Kopf. »Kitty, endlich! . . . Aber du bist ja ganz außer Atem . . .« Sie warf die Pelzjacke ab, ihre Brust keuchte, am Halse klopfte die Ader . . . Mechanisch legte er die Hand auf ihren Puls; mein Gott, das war nicht gut. Er sah sie an. »Kitty, du hast Fieber.« Er machte sich mit der Teemaschine zu schaffen. »Nein« – sagte er, als sie die Hand nach der Zigarettenschachtel ausstreckte. »So, Kitty, nun muß erst das Wasser kochen, und unterdessen zieh mal deine Bluse aus, ich muß wissen, was das mit deinem Husten ist . . .«

Sie sah ihn starr an, zwischen ihre Brauen kam die kleine störrische Falte, sie schüttelte den Kopf – nein – nein –, wie ein Kind, wenn man mit der Medizinflasche kommt. 216

Er legte die Hand auf ihre Schulter, sie machte sich klein und schrumpfte zusammen. »Nun, Kitty,« sagte er ärgerlich, »stell dich nicht an, es frißt dich niemand.« Und da war etwas in seinem ungeduldigen Ton, das reichte zurück in die Zeit, wenn er ihr beim Zusammenspiel, den Cellobogen senkend, zurief: »Fis, zum Donnerwetter, Fis mußt du spielen . . .«

Ihre Augen waren wieder ganz hell, wie geistesabwesend geworden. Sie setzte sich auf einen Stuhl, kroch mit schmalen Schultern aus der Bluse hervor, und die Untersuchung begann:

»Atmen . . . tiefer . . . mal husten . . . so . . . nochmal atmen . . .,« sagte Bürschel und setzte das Stethoskop einmal höher, einmal tiefer. Da war eine Stelle, an die kehrte er zwei-, dreimal zurück. Nun den Rücken. Auf dem Hemdchen saß ein Flicken, in seiner Kehle schnürte sich's zusammen – wie war doch alles an ihr so armselig! »Erlaube,« sagte er und knöpfte die Achselbänder auf. Das Hemdchen glitt herunter. Mager war der Rücken, mit beweglichen Schulterblättern, ein leichter Flaum silberte über den feinen, deutlichen Wirbeln; da war nichts zuzusetzen im Kampf gegen Elend und Krankheit.

So, noch einmal die Bronchien. Er legte seine guten, tröstlichen Hände um ihre Oberarme und drehte das ganze Persönchen sich wieder zu. Nun nahm er noch einmal das Stethoskop. Das 217 Brustbein, wenn auch feinknöchig, war deutlich sichtbar, darunter die kleinen Brüste, länglich, etwas welk, wie müde, seidene Beutelchen. Seine eine Braue ging in die Höhe. Elend, Hunger, beginnende Auszehrung, jawohl; aber dies war noch anderes. Verlebt . . . Verlebt . . . Dazwischen hing, und wieder krampfte sich in seiner Kehle etwas zusammen, der flache, grüne Beryll . . .

»So, Kitty,« sagte Bürschel – seine Hände waren geschickt und freundlich, als er ihr beim Wiederankleiden half – »nun wollen wir Tee trinken und dann einen Feldzugsplan machen für die nächsten Monate.«

Kitty murmelte etwas von »keine Zeit« – aber sie blieb doch; die gute Ofenwärme, der surrende Teekessel schienen sie einzuschläfern. Nun gab er ihr auch die ersehnte Zigarette.»Aber nur eine,« sagte er und lächelte sie sanft an.

Warum war er auf einmal so nett zu ihr! dachte Kitty. Aber sie hatte ja nie gesehen, wie er, in seinem Arztkittel einem freundlichen Schneemann ähnlich, auf der »schweren Kinderstation« von Bett zu Bett ging und die Hampelmänner und Teddybären Unsinn schwatzen ließ.

Kitty hatte das Kinn auf beide Hände gestützt, ihre schrägen Brauen gingen an den Schläfen in silbernen Flaum über. Wenn es graue Pensees gäbe, dachte Bürschel, das wär' ihr Ebenbild. 218

»Kitty,« sagte er und goß ihr ein, sie war nun wieder in ihre bevorzugte Sofaecke geschlüpft – »wo bist du nur all die Tage gewesen, ich hab' immer auf dich gewartet, wenn du heut' wieder nicht kamst, ging ich zu deiner Hempel, um nach dir zu sehen . . . wenn ich auch so viel zu tun habe, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht.«

Sie runzelte die Brauen, als suchte sie sich an irgend etwas zu erinnern.

»Ja, ich weiß nicht,« sagte sie vor sich hin, »ich war wohl draußen; bei Lydia war ich nicht.«

»Aber um's Himmels willen, bei dem Wetter wirst du dich doch nicht auf den Straßen herumtreiben?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein – nicht in den Straßen, ich wollte nur heraus – ich – hatte keine Ruhe. Und auf einmal ging Herr Bonifaz hinter mir her, und ich fürchte mich doch so vor seinen Händen; wenn er anfängt zu streichen, kommen mir Funken aus den Haaren . . . und an den Armen entlang auch – das knistert so, und das weiß er – o wie war er so widerlich; nur wenn die Frau im Zimmer war, blieb ich drin . . .«

»Aber Kitty, warum hast du das nicht gleich gesagt – warum hast du mich nicht antelephoniert, keinen Tag hätt' ich dich bei dem ekelhaften Pomadenfritzen gelassen . . .«

»Ach,« sagte Kitty langsam, es war, als bekäme sie die Zähne schwer auseinander – »er 219 konnte mir ja doch nichts antun – dazu bin ich zu fix. Auch da in der Straße – er sah so verdutzt aus – weg war ich – in ein Haustor hinein und dann über eine Mauer . . .«

Ach ja, Kitty kletterte immer schon wie ein Eichkätzchen.

»Ja und dann?« fragte Bürschel.

»Ja dahinter waren Gärten und Stallungen. Da war eine alte Frau, die nahm mich mit. Ich wohnte im Stall, nachts tobten die Ratten; dann schloß sie alles zu. Aber sie war ganz freundlich, morgens hat sie mir dann Milch gebracht.«

Bürschel sah sie groß an; das klang wie Grimms Märchen. Arme Kitty, Fieberträume und ein bißchen was Wahres darunter gemischt – das war wohl alles . . .

»Na also, Kitty, nur gut, daß du wieder zurückgefunden hast. Nun gehst du mir nicht zu den Schlampinskys zurück; ich muß auf dich aufpassen, und bei Hempel-Krempel darfst du auch nicht mehr wohnen.«

»Ja, aber was soll ich denn tun, Bürschel?« Kitty wand sich wie eine Blindschleiche. »Jetzt muß ich auch gleich fort, Lydia wartet auf mich, heut abend kommt einer zu ihr, dem soll ich vorgestellt werden. Sie wollen so was Indisches stellen, mit Schlangenbändigern, dazu brauchen sie so'ne ganz Dünnen wie mich, und ich werde braun angemalt . . .« 220

»Daraus wird nun schon einmal nichts,« sagte Bürschel ruhig. »Draußen gießt es. Heut' abend bleibst du überhaupt hier. Du kannst in meinem Bett schlafen, und ich geh' zu einem Bekannten. Und morgen such' ich dir ein anderes Quartier. Du hast einen kleinen Schaden an der Lunge, und dein Herz ist ausgeleiert, und Temperatur hast du auch, und jetzt wird Order pariert, Käthchen.«

Sie kauerte sich zusammen, er stopfte ihr ein Kissen in den Rücken. Herrgott, das kam ihm recht in die Quere! Morgen der Umzug, und im Laboratorium eine kniffliche Arbeit und in der Klinik ein Fall, der ganz genau beobachtet sein wollte. Und nun fiel ihm da Kitty vor die Füße, wie eine Katze vom Dach. Und ob sie neun Leben hatte wie eine solche, war ihm doch zweifelhaft. Morgen wollte er sie mal durchleuchten; er erwartete betrübliche Feststellungen. Und dann gleich weg, nach Bayern oder in den Harz . . . da war nicht mehr zu fackeln. Und immer wieder kam so ein nagender Gedanke. Sie war doch sein Spielkamerad gewesen, und wenn er besser gesorgt hätte, säße sie jetzt nicht da, zerrauft und mit Straßenkot bespritzt und mit der kleinen übeln Stelle links oben.

Er spielte mit dem Teelöffel, sah vor sich hin auf den Tisch, denn er mochte sie nicht ansehen, während er weise Worte reden mußte. Sie sah so erstaunt drein, das brachte ihn aus dem Text. 221

»Ja, Kitty,« fing er wieder an, »nun mach' kein Gesicht, als ob ich ein Menschenfresser wär', aber sieh mal, wir müssen doch vernünftig miteinander reden. Vorpredigen werd' ich dir nichts. Wie käm' ich auch dazu. Hätt' ich mich mehr um dich kümmern können – ach Blödsinn, ich hätt' es ganz gut gekonnt, aber man ließ ja alles gehn wie es wollte in der fürchterlichen Zeit – ja, dann wärst du nicht in der großen fremden Stadt gestrandet.«

(Aber innerlich dachte er, doch, dein Schicksal war's, und alle Fürsorge hätte dir diesen Trieb ins Ungebundene nicht austreiben können.) »Ja, siehst du, die Welt ist grausam. Das fängt schon früh an, wenn Kinder mit Steinen nach streunenden Katzen schmeißen. Und das Streunen hast du nun einmal mitbekommen auf die Welt. Es läßt sich ja auch manches dafür sagen . . .«

Sie hatte sich vorgebeugt, das Kinn auf die kleinen Fäuste gestützt, die Ellbogen auf den hochgezogenen Knien. Sie blinzelte vor sich hin. Wo wollte er hinaus? Gott, mochte er doch weiterreden, das dröhnte ganz angenehm über ihrem Kopf. Wie die große Säge bei ihm zu Haus in der Fabrik. Wenn sie nur nicht darüber einschlief. Denn das war etwas was Männer nicht verzeihen konnten, wenn man einschlief während sie ihre schönen Reden hielten!

»Also Kitty, in den Schlamassel bei deiner Freundin darfst du mir nicht zurück. Das ist 222 nichts für dich, dies Schlafen, mal auf dem Diwan und dann wieder in der eiskalten Küche, keine Ordnung und nichts Warmes, nur immer Schnäpse und Zigaretten in den leeren Magen. Zuerst kommst du jetzt mal eine Zeitlang in ein Sanatorium; ich bekomme das ganz billig, da mach' dir keine Gedanken. Da wirst du zuerst ein paar Wochen ins Bett gesteckt, und alle paar Stunden kommt ein Brettchen mit guten Sachen, und alle acht Tage wirst du gewogen wie Gretel bei der Hexe. Und wenn du dann wieder gesund bist, suchen wir dir eine nette leichte Arbeit. (Herrgott, sprach wieder die Stimme in seinem Innern, sie wird ja nie arbeiten, nie und nimmer.) Sieh mal, Kitty, du sollst in keinen Beruf gedrängt werden, wie es andere, die anders geartet sind, heutzutage ertragen müssen. Aber einen Ruck mußt du dir schon geben, wenn du wieder gesund bist . . . (Wenn, ja wenn – würde sie's denn werden? Wozu dann heute schon das Predigen?) Und, Käthchen, da ist etwas, wenn es auch jetzt zum Übelwerden breitgetreten wird: das heißt Kameradschaft. Das war auch draußen das Beste, glaube mir. Und das bringt alle Menschen zusammen, die's nicht gut haben – und wer hat es denn gut heutzutage in unserem Elend? Nun, siehst du, Kameradschaft, die sollst du von jetzt an immer bei mir finden. Ja, wir suchen dir dann eine nette saubere Arbeit, wo du ruhig in deinem Stübchen 223 sitzen kannst, und jeden Tag ein Bad, und kannst wieder dein Haar pflegen – eine Schande, wie du's zusammenknüllst, Kitty; das Baden habe ich schwer entbehren müssen draußen, und ich dachte oft, das Beste auf Erden ist doch ein leidliches Gewissen und ein ordentliches Wannenbad. Früher warst du doch so ein Waschbär, und wie du deine Haare strähltest, das war den Philistern zu Haus ein Ärgernis . . . Ja, nun lachst du, das ist recht . . .«

Kitty hatte sich ein wenig seitwärts gedreht, sie rieb ihre Schläfe an Bürschels Schulter. Nett rauhhaarig war der Stoff von seinem neuen behaglichen Rock; und roch so gut und sauber. Und seine dunkle Stimme ging ihr so angenehm durch den Kopf. Was er da erzählte von Kameradschaft war ganz hübsch; er meinte es sicher gut, und sie wollte ihn gewiß nicht mit den andern vergleichen . . . aber von Kameradschaft hatten auch die immer zuerst geredet; und dann kamen sie nachher doch mit ihren ekligen Tatzen. Gott, wie hatte sie sich wehren müssen, gebissen und gekratzt hatte sie. Da waren solche, die sie gleich von vornherein in Wut versetzten, als streichelten sie sie gegen den Strich; und keine Lukrezia hätte ihre Tugend besser verteidigen können als Kitty, wenn sie nun einmal nicht wollte. Dann war nichts zu machen mit ihr, und auch das schönste Essen und Wein und all das Glitzerzeug, dem die anderen Mädchen 224 nachliefen wie die Elstern, ließ sie kalt. Andere Male freilich! Woran lag das nur? Ja, es hatte etwas mit der Stimme zu tun und mit dem Geruch . . . oh, was rochen die meisten Menschen so widerlich, und auch solche, die gewiß alle Tage badeten . . . Ja, aber am meisten kam's darauf an, wie eine Hand zu streicheln und zu greifen verstand. Ruhige Menschen mußten es sein, die sich nicht groß um sie kümmerten, aber irgend etwas an sich hatten, was sie anlockte. Und plötzlich hatten sie dann Gewalt über sie, auf einmal spürte sie's, leicht und warm und unentrinnbar. Und dann gab sie sich gefangen. Nahm auch alles an ohne Aufhebens, ganz gleich ob's ein armer Mensch war, der ihr nur eine Tasse Tee bieten konnte und als höchste Gastfreundschaft seine Zigarettenschachtel vor sie hinstellte . . . oder einer, der sie in ungeahnte Herrlichkeit einführte; kleine verschwiegene Soupers in abgetrennten Kabüschen, mit väterlichen Oberkellnern, die ihr dieses oder jenes Gericht anpriesen, als wollten sie sagen, »nütze die Zeit, kleine Kitty,« bis er, der Veranstalter des Märchens, dann mit wenigen leisen, bestimmten Worten die ganze schreckliche Anstrengung der Wahl von ihr nahm. Kerzen leuchteten unter rosenroten Schirmchen, im Hintergrund tönte Musik, leise, dringende Geigen, wie ganz süßes Zahnweh, und der Teppich war so dick, daß sie vor lauter Wohlbehagen aus ihren Schuhen 225 schlüpfte und mit seidenbestrumpften Füßchen in dem dichten Smyrna auf und nieder trat, oder man saß in kleinen, matterleuchteten Theaterlogen, der Theaterdiener nahm die Pelze ab, brachte Zettel, und aus den anderen Logen richteten sich Operngläser auf sie hin; oh, sie wußte es wohl, daß sie weich und schön verschmolz in das Dämmerrot des Samtvorhangs. Aber neben ihr auf der Logenbrüstung ruhte die Hand die sie beherrschte; und so am Anfang war das seltsam gruselig und genußreich. Dann, zum Schluß, die Fahrt unter weicher Pelzdecke, Veilchen- und Zigarettenduft, und die leichte, starke Hand, die sie stützte beim Hinausheben . . . Ja, so war's gewesen, einmal – zweimal, hatte aber nicht lange gewährt, zur Freude der neidischen Freundinnen, die ihr das »feine Verhältnis« nicht gönnten. Denn immer, nach ein paar Tagen schon, überkam sie Verzweiflung, Haß auf geschlossene Türen, Abscheu vor dem Geräusch des Drückers, der da so brutal und oh, so selbstverständlich klirrte, als sei er der Herr . . . ja, war er's denn nicht auch? Sie raste in den Zimmern umher, kroch hinter Vorhänge, und dann kam's wie Nebel über sie, sie wußte nicht wie. Irgendeine Ritze – das Fenster vielleicht – ja, da mußte ein Ausweg gewesen sein, denn plötzlich fand sie sich wieder, sei's in erleuchteten Straßen mit Rasseln und Rollen und Tuten, mit plötzlich aufleuchtenden Namen und Worten 226 am Nachthimmel und fremden, fahlen Angesichtern, die über ihr hinschwebten, maskenhaft – sei's in abgelegenen Stadtteilen, wo noch Gärten waren aus früherer Zeit, die sich nun in Bauplätze verwandelten, wo Schutt und Bretter sich türmten, derweil eine kleine übriggebliebene Laube, zierlich aus verrostetem Eisendraht, von Jahren erzählte, als alte, handarbeitende Damen und junge Mädchen mit kleinen Geschwistern . . . hier saßen und gingen. Aber schließlich, mühsam, doch ohne zu irren, war's nach Stunden, war's nach Tagen? fand sie den Weg zurück zu Lydia Hempels Troddeldiwan, und schlief und schlief, mit seltsam lebendigem Träumen von irgendwo geschauten Hausböden, wo Holz geschichtet lag und es nach Kien und Moos roch, und alte Frauen in Seelenwärmern Papierdüten brachten, in denen Fischgräten waren; und man vom Dachfenster aus die Sperlinge in der Rinne baden sah und am Rückgrat entlang ein seltsam gieriges Rieseln fühlte.

Je nun, ewig bummeln war auch nicht möglich, denn Hunger meldete sich. So mußte sie eben wieder eine Zeitlang auf Arbeit gehen, und es wurde ihr leicht, ihre armen Leidensschwestern zu unterbieten, brauchte sie doch so winzig wenig zum Leben. Einmal retuschierte sie bei einem Photographen, dann wies sie Plätze an beim Film, schließlich polierte sie die Nägel ihrer Mitmenschen bei Bonifaz. Und eine Zeitlang 227 tanzte sie als Simili-Zigeunerin im russischen Café. Das war während der Davidoff-Episode. So ging die Zeit hin, und sie fand – vielleicht, weil sie zu den verschiedensten Dingen anstellig war, vielleicht, weil die Männer auch jetzt, wo sie anfing ein kleines Gerippe zu werden, ihr nur schwer nein sagen konnten – immer wieder ihr bißchen Nahrung und Unterkunft und das ihrer Natur notwendige zärtliche Vibrieren.

Sie hatten »genachtmahlt«. »Aus 'm Papirl,« wie Kitty, die sich bisweilen wienerische Allüren zu geben liebte, es nannte, und Bürschel hatte ihr ein paar Gläser Rotwein eingepumpt, daß sich ihre Wangen röteten und die ziemlich trostlose Stimmung des Anfangs schwand. Nun ging er ins Nebenzimmer, aber die Tür blieb offen, und sie sah wie er mit raschen Handgriffen sein Bett neu überzog. Dann füllte er den Wasserkrug und füllte auch noch einen kleineren Topf mit heißem Wasser aus der Maschine; den stellte er ins Ofenloch.

»So Kitty, nun gehe ich,« sagte er. »Nun mach dir's bequem – morgen früh um sieben bin ich wieder da, gleich mit den frischen Semmeln.«

Aber sie hielt sich an seinem Ärmel fest. »Ach geh nicht, Bürschel, bleib doch da«, sagte sie kläglich.

Er überlegte. Jezabel war ihm selber nicht geheuer. Es kamen spät abends oft fragwürdige 228 Gestalten zu ihr auf Besuch; wenn die ahnten, daß da ein junges Ding unbeschützt nächtigte, wer weiß, wie sie sie erschrecken und vielleicht dazu bringen würden, die Tür zu öffnen. Und einschließen mochte er sie auch nicht auf so lange Zeit.

»Nun gut, Kitty,« sagte er, »ich leg' mich hier aufs Sofa . . . Nun zieh dich aber aus und mummle dich gut ein, im Ofen ist noch Glut, da wirst du nicht frieren.«

Sie stand neben ihm, rieb die Schläfe an seiner Schulter, dann sah sie zu ihm auf mit ihrem kleinen, traurigen Sphinxgesicht . . .

»Ja, also gute Nacht, Kitty,« sagte er und beugte sich ein wenig nieder, sein Mund berührte ganz leicht ihr Haar; wie Asche sah es aus in diesem halbdämmerigen Licht. Da schlug sie plötzlich die Arme um seinen Hals – Gott, wie so dünn . . . aber es war doch erstaunliche Kraft in ihnen. »Kitty, Mäderl, sei doch stad,« sagte er, ab und zu kamen ihm noch die Münchner Ausdrücke. Aber sie klammerte sich nur noch fester. Überraschend, wie ein Tier, das bisher scheu, sich plötzlich hilfesuchend an uns schmiegt. Sie suchte nicht nach seinen Lippen, es war vielmehr, als wollte sie sich klein machen, sich in ihn hineinwinden, aufgehen in ihm. Er fuhr ihr langsam beschwichtigend über Kopf und Nacken. Da ging ein Rieseln ihr am Rückgrat entlang, und nun stieß sie kleine gurrende Töne aus. 229 Ihm wurde heiß. Das kleine, sinnliche Geschöpf, unaufhaltsam, wenn auch wählerisch in seiner Triebhaftigkeit, und er, ein junger, gesunder Kerl, hier im Zimmer, allein zusammen in der Nacht . .  Er hatte nun lange hart gearbeitet, alle Sinnenfreude von sich geschoben und ganz seiner geistigen Beschäftigung gelebt, Kitty nur als Pflicht und Sorge empfunden, wenn er auch ab und zu über sie lachen mußte und dumpf ihren weichen, schmeichelnden Reiz empfand. Aber der Ekel, den ihm das Treiben in diesem Hexenkessel verursachte, das wunde, nagende Weh, wenn er die Heimat sah, wie einen armen, der Seuche verfallenen Leib, den die Ärzte verlassen und die Wärter ausplündern, hatte ihn stumpf gemacht, so war er träumend und schwerblütig durch die Zeit gegangen, immer der nächsten Pflicht lebend, und wie früher die Musik, hatte nun die Wissenschaft wie eine zauberische Glocke unsichtbar über ihm geklungen. Aber nun hielt er den jungen, begehrenden Körper in den Armen, der bei ihm Erlösung suchte, und wie elektrische Funken fühlte er's von ihm übergehen in seine Adern. Kleine Kitty, deren Füße schon so viel schmutzige Wege gegangen waren; an der – das sagten ihm so manche Zeichen – schon viel verdorben war. Ach Leben, Leben! Wer konnte verlangen, daß ein triebhaftes Geschöpf wie sie inmitten genießerischer und dennoch harter Menschen 230 sich rein bewahrte, zwischen Pfützen mit wählerischen Pfötchen wandelte? Und wie wollte er sie von sich weisen, wenn sie nun, ohne Arg, ohne Zurückhaltung, um Zärtlichkeit bat und Zärtlichkeit anbot, jenen Blumen ähnlich, die in den Straßen feilgeboten wurden, zerdrückt und gebräunt von der Reise, nicht makellos mehr, wie die in Treibhäusern erblühten, aber, du lieber Gott, süß doch und jung . . .!

Er hüllte sie ganz in seine Arme, zog sie nieder auf seinen Schoß, suchte ihren Mund mit seinen Lippen, zum Kuß, der sie ihm erschließen sollte. Aber eigensinnig bohrte sie die Stirn fester an seinen Hals, ihre Arme waren wie Schrauben, und plötzlich merkte er an einem leisen Schüttern, daß Kitty weinte. Das Blut schoß ihm zu Herzen, totenblaß sah er über ihren Kopf weg vor sich hin, und ein Lufthauch, der seine feuchte Stirn berührte, war wie Eis. Kamerädchen, dachte er, kleiner Spielgefährte! So, gerade so, konnte sie als Kind in sich hineinwimmern, wortlos, ohne sich eigentlich zu beklagen, wenn sie an einem Nagel, einer Latte, sich wundgerissen, oder wenn sie Schelte bekommen hatte in der Schule. Dann auch hatte sie sich so zu ihm geflüchtet, wortlos, mit schütternden Schultern, bis ihr Kummer – meist ganz plötzlich – vorüber war, vergessen, wie ausgelöscht. Und wieder, ganz mechanisch, begann er, sie zu streicheln, ja er setzte sie bequemer auf seinem 231 Knie zurecht, schob seine linke Schulter vor, so daß sie nun wie in einer Muschel ruhte, während seine Hände den schmalen Körper sanft umfaßten, gleitend, träumend, seinem Umriß folgten, was sie fast augenblicklich zu beruhigen schien. Ach, arme kleine Knochen, wie deutlich waren sie zu spüren; und unter der schauernden Haut, unter dem zierlichen Gerippe erkannte er die bösen Folgen von Elend und Hunger und anderer üblerer Verwahrlosung. Ein bißchen Husten und Heiserkeit erst, was sich so Katarrh nennt und mit schadhaften Schuhen in der Nässe oder Warten an windigen Straßenecken allzu wohl erklären läßt; es bleibt ein kleiner Rest zurück (denn drei Tage Bettruhe reichen nicht, es müßten mindestens vierzehn sein), und darum kommt es auch wieder, die Stimme wird rauh, was nicht hübsch ist bei einem so jungen Wesen, und die Hände sind heiß und trocken, bis auf eine kleine, feuchte Stelle, mitten im Handteller. Abends wenn andere Leute zu Bett gehen, ist man nicht müde, bewahre, da fängt das Leben erst an, es wäre eine Verschwendung, die schöne Zeit zu verschlafen; nun, schließlich schläft man doch ein, um nach ein paar Stunden aufzuwachen, schweißgebadet, mit angeklebtem Haar, das Hemd naß und durchsichtig zwischen den Schulterblättern, wo es aufliegt . . . Ach, schrecklich in der Kälte an die Wasserleitung gehen zu müssen, aber der 232 Durst . . . Ja, und dann geht der Husten los, das Bellen, der unerträgliche Kitzel im Hals, und danach neuer Schweißausbruch von der Anstrengung. Schließlich kommt wieder der Schlaf, ja, da möchte man auch am liebsten sagen, komm Herr Jesu, sei unser Gast! Und am nächsten Morgen mag man, kann man nicht aufstehen, und muß doch, denn Troddeldiwan gehört ihr ja nur über Nacht, und wenn Lydia auch gutmütig ist, das Zimmer muß in Ordnung sein, wenn die Kollegen kommen zu Besprechungen und Schnäpsen . . .

Ja, alles das konnte Bürschel nicht so genau zusammendenken, denn die Einzelheiten wußte er ja nicht, aber vieles erriet er und machte sich eine ziemlich wahrheitsgetreue Vorstellung; erstens als Arzt, und dann, weil Mitleid eine feine Witterung hat; und wie er so ruhig saß und seinem einstigen Spielkameraden an seiner Schulter Ruhe gewährte, hatte er die Liebe in einer Tonart erlebt, die in ihrer Wehmut vielleicht doch eindringlicher war, als da ihn die Lust ankam, die kleine Arabeske Kitty in seinen Armen glühen und zerschmelzen zu fühlen.

Nun stieß sie einen Seufzer aus und reckte sich. Da machte er sie sanft von sich los und stellte sie wie ein Kind auf ihre Füße und hielt nur noch die Hände zu beiden Seiten ausgespreizt, denn sie schwankte hin und her. 233

»So, meine kleine Kitty, nun geh wirklich zu Bett,« sagte er. »Ich bin ja hier, und wenn du was brauchst, so klopf' an die Wand.«

Kitty fuhr sich mit dem Handrücken über Mund und Augen – die sahen ihn groß und hell an – als dächten sie gar nichts mehr . . .

Aber dann war's doch wieder, als wollte sie sich auf irgend etwas besinnen, wie sie sich zögernd nach dem anderen Zimmer wandte. Worte bewegten sich auf ihren Lippen – einmal öffnete sich ihr Mund wie zu einem unhörbaren Schrei – dann ging sie.

Als Bürschel allein war, goß er sich Wasser ein, trank und riß das Fenster auf. Es regnete nur noch schwach, und er sah im Hof die Pfützen, wie sie sich im einzelnen Tropfenfall bewegten. Die verkümmerte Akazie wehte leise – es war Frühlingsgeruch in der Luft. Er ließ das Fenster angelehnt, zog eine bequeme Hausjacke an und legte sich mit einem Buch auf das alte, eingesessene Sofa, seine Reisedecke hielt ihn warm genug für die Nacht. Er las mit einiger Mühe, denn es war englisch, ein eben erschienenes Werk über die Erblichkeitstheorie, das der Chef ihm mitgegeben hatte. Mit einem Bleistift machte er sich ab und zu Notizen, aber seine Hand war nicht ruhig, und hinter allem Denken war ein Wogen und Flimmern, der unterbrochene Sturm der Sinne, der nur mühsam abgrollte . . . Ab und zu horchte er nach dem Nebenzimmer hin, wo 234 leichte Schritte gingen. Ein Stuhl wurde leise gerückt, Wasser ein- und ausgegossen, dann war alles still. Ja, so ein kleines, schmales Ding schlüpfte wohl ins Bett wie ein Marder. Und er sah sie wieder, im Film, wie da ihr Schatten am Wandschirm erschien, schlank und nackt, schmalhüftig wie ein Hindumädchen, und wie sie dann herauskam, im Hemdchen, den schmalen Fuß auf dem Bettrand – und dann wurde es dunkel und wieder hell, und eine kleine Katze mit einem Gesicht wie ein graues Stiefmütterchen lag allein, mitten im Bett, dehnte sich, und ein unhörbares Miau kam aus flehendem Mäulchen.

Schade um sie, schade – dachte er. Und das kann man ja von vielen sagen.

Das Buch glitt ihm aus der Hand. Er zog seine Uhr auf, legte sie auf den Tisch. Herrgott, schon zwölf, und morgen ein beinahe minutenweis besetzter Tag, das reine Zeitmosaik. Dann drehte er die Lampe aus. »Nun wird geschlafen,« sagte er.


O Columbine, o in den Tod verliebte Japanerin, aber auch Graukätzchen auf der Daunendecke, so ähnlich jener Kathinka, die durch verschneite Gärten lief, dem Hause zu, das damals Kittys Wohnung war . . . wie gingt ihr weich und schnell und ohne Lärmen eure Wege. Denn die fliehenden Bilder an der Lichtwand zeigen wohl wehende Bäume, aber ihr Rauschen 235 bringen sie nicht; und rasende, laufende Menschen, doch was sie schreien, wer kann es verstehen! Und also auch eurer Schritte Spuren im Schnee oder im Gras, aber kein Rascheln, keinen Laut. So auch, fein und leise, schlüpft Kitty durch den Spalt der Zimmertür: weich, unhörbar geht sie über die Dielen. Sie bleibt bei Bürschels Lager stehen, sieht ihn im Dunkeln liegen und atmen, sieht ihn deutlich mit ihren schwarzen, groß gewordenen Pupillen.

O Bürschel, denkt sie, soll ich mich auf deine Brust legen, mich von ihr in Schlaf wiegen lassen, auf und nieder, auf und nieder? Soll ich deinen frischen Atem austrinken, o du Kälbchen? Denn das täte meiner Lunge besser als frische Milch, besser als dein regelmäßiges Leben in einem Sanatorium mit sauertöpfischen Schwestern, die mir alle was am Pelz flicken würden. Ach, Bürschel, damit verjagst du mich! Nur das nicht, nicht eingeschlossen sein unter Menschen, wenn's zu Ende geht . . . Nein, viel besser zusammengeknäult, irgendwo im Stroh oder auf dem Dachboden, hinter einem Schornstein . . . Bürschel, du Dummes, was sind die Menschen doch so sonderbar! Worauf alles bilden sie sich etwas ein! Und ist doch nur Unvermögen. Wenn sie anders könnten, würden sie so nicht reden. All das beschwerliche Drum und Dran, wozu nur? Was haben sie davon, wenn dann der Tod kommt, der so gar keine 236 Umstände macht1? Und du, gutes, dickes Bürschel mit deiner Musikantensträhne, tief im Innern hast selbst du den Bodensatz, das Schliefige, wie an den schrecklichen Napfkuchen deiner Heimatstadt, dahin dringt Chopin nicht und nicht Tartinis Teufelstriller . . . denn da lauert in dir der brave, deutsche Ehemann, der mit den Jahren bequem wird und sich vor Zugluft fürchtet, und eine Tugend draus macht, wenn er nicht anders kann. Und nur manchmal, wenn du deine Geige handhabst, wird dich's dann überkommen, das Heimlichste, Beste, Sternennacht über den Dächern und Wege in der Finsternis, und Gefahr mit grünen Funkelaugen aus jedem Strauch! Oder auch, o du Bürschel, Sonne und Trägheit; Trägheit, die Himmelsgabe der Starken, der Abenteuernden, die sich gedankenlos wärmen mit ruhenden Sehnen und knisterndem Fell!

Kitty stützt sich mit beiden Händen auf, sie beugt sich über den Tisch, eigentlich ist's verlockend, o sie spränge am liebsten zu ihm auf sein Lager. Wie an seinem weißen Hals das Äderchen klopft! So ein Äderchen küssen, lecken, es aufbeißen vielleicht, o süßes, warmes Blut, das wär nicht übel; aber dann könnte er aufwachen und sie einsperren.

Nein, solche Frühlingsnacht, das ist die Zeit der Wanderschaft. Wo wir freibleiben müssen. Überall schwillt und wispert es; ganz heimlich. 237 Am Himmel wandern Wolken, Katzen schreien in den Höfen der Hinterhäuser, sie steigen über Mauern und Gitter, rufen einander zu. Kitty geht ans Fenster, es ist nur angelehnt, sie klemmt ihre kleine Hand dazwischen, macht den Spalt ein wenig weiter. Wieder schreien die Katzen, und die Akazie im Hof streckt sich mit kahlen Ästen zu ihr hin: Kitty komm, scheint sie zu sagen. Ja, wer jetzt ein Kätzchen wär', könnte vom Fenstersims in den Baum hineinspringen ohne Mühe und wäre gleich im Freien. Kitty lehnt sich hinaus, ihre Pupillen werden schmal, wie sie in den Mond blickt, nun sind ihre Augen ganz hell, helle grüne Oasen, grün wie der Beryll an ihrem Halse. Sie duckt sich, kauert sich zusammen, alles an ihr spannt sich . . . spannt sich . . . ihre Schulterblätter heben sich, sie macht sich klein; da . . . eine Wolke zieht über den Mond.

 


 << zurück weiter >>