Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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IX.

Um die Zeit, als dies alles vor sich ging, hatte Marianne wieder so manches Mal an ihrem kleinen unbequemen Schreibtisch gesessen und in ein Heft geschrieben, das in ihren Schultagen »Allerleiheft« geheißen hätte, denn es war ein Gemisch von Adressen – meist armer Leute, die zu besuchen ihr Amt war –, von findigen Kochrezepten, wie man sie damals sammelte und austauschte, dazwischen kleine Tageserlebnisse und Reflexionen, auch Verse und Aussprüche die ihr irgendwie Eindruck gemacht hatten. Wie Naturforscher aus tausendjährigem Küstenschutt die Lebensweise verschwundener Menschenrassen rekonstruieren, so hätte man aus diesen Aufzeichnungen die Beschäftigung, den Lesestoff, die Stimmungen Mariannens zusammensetzen, sich ein Bild jenes Lebensabschnitts machen können. Solcher angefangenen Tagebücher besaß sie viele; nur wenige Monate 134 waren, sie fortgesetzt. Auch dieses hatte ein kurzes Leben und endigte plötzlich.


5. März.

»Ein Zentner Kohlen an Frau Bruckmayer. Sohn Max, elf Jahre, gute Schulzeugnisse, hustet, sehr schwächlich; versuchen, ob Milchkarte.

Heute Schneeglöckchen bei der Gemüsefrau. Was man hier Schneeglöckchen nennt – aber es sind Märzbecher. Die allerersten Blumen riechen nur nach Erde, nach Frühling. Es macht einen so sehnsüchtig. Wie doch kleine Dinge an irgend etwas tippen – daß man ganz überwältigt ist. Wie der Titel von Turgeniew: Eaux printanières. Ich weiß nicht mehr, was in dem Buche vor sich geht, aber die zwei Worte können zaubern. Wenn man daläge, ganz lebensmüde, und jemand sagte: Eaux printanières – auf einmal würde das Sterben schwer.

Heut abend, überraschend, ein himmlischer Sonnenuntergang. Man hatte die Sonne vergessen. Es war wie in Bilderbüchern, die Strahlen – große Sonnenbalken – wie ein Fächer. Darunter braunes aufgeweichtes Feld. Aber Gott Vater in der Glorie zeigte sich nicht. Ihm ist wohl selber nicht wohl dabei, daß er all den Wahnsinn zulassen muß. Ich muß an Tante M. denken, wie sie so schrecklich litt vor ihrem 135 Tode und zu der Pflegerin sagte, ach Schwester, lassen Sie das Beten sein, der arme liebe Gott, er würde mir ja gern helfen, aber er kann nicht, es ist indiskret ihn zu quälen.«

6. März.

»Der Frau Lüdike Reisegeld geschickt. Er hat so gräßlich Heimweh. Kann sich hier im Lazarett mit seinem Mecklenburger Platt absolut nicht verständigen. Abends Toblach.«

7. März.

»Empörung bei den Vereinsdamen über das Wühlen der ›Roten‹. Mir scheint, das Übel besteht vielmehr darin, daß sie nicht überall gleichzeitig wühlen. Wenn plötzlich alle Soldaten, Freund und Feind, die Flinte ins Korn würfen, hörte der Hexenkessel auf zu kochen. Es sind so verwirrte Begriffe. Wer sagt uns, wann der Augenblick eintritt, wo Rebellion Freiheitskrieg bedeutet und der Landesaufruhr Befreiung der Menschheit?«

8. März.

»Um Salat ohne Öl anzumachen: man weicht rohe Kartoffeln ein, das Wasser wird abgegossen, aufgekocht, mit einer Messerspitze Mehl eingedickt, dann wie Öl verwandt, ich muß es ausproben. Frau Hintermaier weiß auch eine Menge Wiesenkräuter, aus denen man Spinat 136 machen kann. Epinards à la Nebukadnezar nannte es Toblach, als ich es ihm erzählte.«


»Heut war Rütten einmal wieder da. Wie immer entsetzlich pessimistisch. Er tut tiefe Blicke in die Elendstraßen. Dieser Pessimismus wird jetzt wie Hochverrat bekämpft. Er lähmt die Truppen, sagen sie. Hüben und drüben stehen Strafen darauf. Aber wenn er überall ausbräche, wär's doch gut. Aber das tut er eben nicht. Der, der zuerst zur Einsicht kommt, ist verloren. Wir gehen alle im Kreis wie die Verrückten.«

12. März.

»Kitty macht mir Sorgen. Ich bin doch verantwortlich. So ein elternloses Geschöpf. Sie ist zu vertraulich mit den Soldaten bei Schwertgeburt. Muß mit der Oberin reden.«

15. März.

»Max Bruckmayer sehr elend. Habe ihm ein Halbliter Milch täglich erkämpft. Aber es hat schwer gehalten. Und zunächst nur auf vier Wochen.«


»Gestern ganz spät kam Kathinka. Sie brachte eine Maus an, legte sie neben meine Pantoffel. Dann spielte sie mit ihr. Gräßlich. Ich jagte sie weg. Und dann reden die Leute von der gütigen Natur. 137

Oberin hat Kitty ermahnt. Aber es macht wenig Eindruck. Wie so eine kleine Krickente, die die Regentropfen abschüttelt. Und ich kann ihr doch nicht verbieten hinzugehen. Die armen Jungen strahlen ja nur so wenn sie kommt. Und im Park würden sie sich treffen trotz allem dem. Heute Unterhaltung mit Frau Hintermaier. Ein Nibelungenweib. Früher Bavaria bei allen Vereinsfesten. Jetzt nur noch Haß. Möchte alles kurz und klein schlagen. La maternité feroce. Ach so begreiflich.«


»Kitty ein paar Tage häuslich. Heut abend bat sie um Urlaub, den ich ungern gewährte; sie geht zur Gemüsehändlerin, die richtige Zigeunermutter – ich glaube, sie läßt sich die Karten legen.

Später – in der Nacht – hörte ich Kathinka miauen. Am Balkonfenster. Ein kleines, zärtliches Tier. Und immer ganz überraschend. Die Freundschaft von Katzen hat etwas Schmeichelhaftes; denn sie beruht nur auf Sympathie. Bei den Hunden ist's Treue. Sie sind den abscheulichsten Leuten treu, die sie schlagen und treten. Es wird viel Wesens aus der Treue gemacht. Sie ist ein Anstandsgefühl, aber doch eigentlich nichts Verdienstvolles; kann sogar etwas Klebriges haben, das peinigt. ›Zuverlässig‹ – gefällt mir besser als treu.« 138


»Heut abend Toblach; er brachte Kathinka mit, sie hatte vor der Haustür gesessen, ganz naß geregnet. Er hat etwas Liebes mit Tieren. Verführerisch; ich begreife, daß sie ihm gegenüber hilflos sind. Wie er sie einwickelte. Er ist immer so ruhig. Einer von den Männern, zu denen man flüchten würde, wenn etwas Schlimmes passierte, ein Eisenbahnunglück, oder wenn einem ein böser Stier begegnete . . .«


»Man wird so abgestumpft gegen die Zeitungen; es ist wie das Geratter der Eisenbahn; man hört schließlich nicht mehr hin. Aber wenn der Zug plötzlich – wartend – mitten in den Wiesen stehenbleibt und nun der Abendtau hereindringt und die Stille und das kühle Wehen, merkt man, wie schrecklich all der Lärm gewesen ist. Hier ist's der Lärm von all den versorgten, verhetzten Gedanken: O wie scheint mir jetzt oft das Leben so kurz, so grausam all das Weltleid das unser bißchen Zeit uns wegstiehlt. – Ich sagte es Toblach, er sagte, ja Mariandl, alles hat seine Ursachen, wenn das auch weiter kein Trost ist; jetzt eben muß sich die Menschheit mal am Heroismus einen Überdruß fressen wie die Konditorgesellen an Kuchen – nachher rühren sie's nicht mehr an. Noch ein paar Wochen, dann muß er wieder fort. Herrgott, das ist doch das Ärgste. Ein Rind braucht wenigstens nur einmal ins 139 Schlachthaus. ›Nach Sparta taugte Mariandl nicht,‹ sagte er neulich und lachte, als er mir die Hände küßte . . .

Wenn ich ihm vom Fenster nachblicke . . . er geht immer den selben Weg an der großen Weide vorbei – mit seinem langen, lässigen Schritt . . .«


2. März.

»Toblach wollte heut ein bißchen mit mir in den Park gehen. Aber wieder kam seine Ordonnanz mit dem bekannten Briefchen. Seine runde, fließende Schrift . . . Dringende Geschäfte . . . im Schreiben hat er oft so abgegriffene Ausdrücke, im Sprechen ist er viel ursprünglicher. Statt seiner kam dann Rütten. Wie gewöhnlich voll Pessimismus. Aber er versteht es dann doch, mich auf andere Gedanken zu bringen. Seine unpersönliche Art hat so was Reinliches. Wie saubere Wäsche, die nur nach frischer Luft riecht. Kritisch. Bitter. Ein Nervenbündel. Kleiner Opfer nicht fähig. Großer? Gewiß. Er erzählte von einem Mord. Ein gemeiner, simpler Mord. Privatmorde sind jetzt eine Luxussache, sagte er. Ein Mann – er soll einer der besten Arbeiter in der M.schen Lokomotivfabrik gewesen sein – hat in der Nacht den Gashahn aufgedreht, weil er das ewig keifende Weib nicht mehr ertragen konnte. Er tat es aus dem einfachen Trieb, sich von etwas 140 Widerwärtigem zu befreien. Heutzutag, wo ein und derselbe Phrasenschleim hüben und drüben für jede Untat herhalten muß, hat so eine ehrliche Rache etwas Reinliches.

Abends spät kam dann noch Toblach. O wie so feine Witterung habe ich bekommen. Er war zerstreut, ironisch. Sprach von all den Ehen, die nun geschlossen werden, die armen, jungen Menschen . . . in jedem Kuß schon der Stachel der Trennung. Er meinte, das sei eigentlich das Ideal. Denn im übrigen . . . ›es fängt an mit Champagner und endigt mit Kamillentee‹. So etwas versteinert. Gott sei Dank, man hat immer noch das Schneckenhaus, das sich Stolz nennt, wenn's auch, bei Tage besehen, recht brüchig ist. Ob er vielleicht meint, ich dächte . . . ich glaubte . . . O grotesk! Wir alten Leute; oder vielmehr ich alte Frau!


»Heut mit Kitty Wäsche geordnet. Ich habe nicht mehr viel. Und das ist gut. Was war das früher für ein Ballast. Amalie Honigmann, des armen Rosendorps Hausdame. ›Die Plattmenage‹ nannte er sie. ›Das erste, was du tun mußt,‹ sagte mir Rosendorps Schwester, ›ist Honigmann an die Luft zu setzen; denn wie eine Wühlmaus wird sie deine Autorität untergraben.‹ Statt dessen – hütete ich die Honigmann wie ein Juwel. So zuverlässig. Eine Pastorentochter. Über ihrem Bett das Bild Philipp 141 Melanchthons. Denn Luther sei doch schrecklich ›fleischlich‹ gewesen, gestand sie mir einmal. Und ihre Kommode! Mit der Muschelsammlung und dem Konfirmationskreuz aus Alabaster, das daraus emporragte wie ein Denkmal für Schiffbrüchige.

Wenn beim Einräumen der Wäsche eine Serviette fehlte, welch ein Leidenszug an ihrem Mund. Wie eine Äbtissin, der eine Nonne entlaufen ist. Und wenn sie sie dann wiederfand, oh, da war mehr Freude über die Verirrte als über die neunundneunzig Gerechten im Schrank. Ich kam mir so leichtfertig vor bei dieser Gewissenhaftigkeit. Denn ich hätte ja an Desdemonas Stelle das unselige Taschentuch schon am Hochzeitstag verschlampt.«


20. März.

»Toblach brachte ein Buch zurück. Ich machte ihm selber die Tür auf. Er sagte, er müsse gleich weiter, aber dann blieb er, wenn auch nur kurz. Sind doch noch Fäden zwischen uns, die ihn immer wieder zu mir führen? Seine guten Augen, seine guten Hände. Lieber Gott, was bin ich ihm! Vielleicht ist's die Vergangenheit, die er in mir sucht, seine eigene abenteuernde Jugend, der Garten, die sorgenlose Zeit? Ach, wenn's auch nur der alte Birnbaum ist, den er bei mir wiederfindet, sollte ich dem 142 Baum nicht dankbar sein? Er versprach mir, morgen zu kommen.«

21. März.

»Toblach kam nicht – sagte wieder ab. Nachher saß ich mit Kitty und strickte. Erzählte ihr aus meiner Kindheit. Von der alten Tapete bei Onkel Christoph. Auf einmal war sie weg, es hatte sie wohl gelangweilt, ich weiß ja auch nicht, warum ich's ihr erzählte. Mußte selber Abendbrot einkaufen; es ist alles so umständlich mit den Marken. Als ich heimkam, das merkwürdige Erlebnis. Das doch gar keines war. Aber man hat jetzt oft wie Visionen. Es soll von der Unterernährung im Gehirn kommen. Und dann ist's auch, als hätte sich ein neuer Sinn entwickelt: man denkt an jemand – da kommt er gegangen, oder man bekommt einen Brief, und am Tage, als er geschrieben wurde, dachte man ohne jeden besonderen Grund gerade an den Menschen. Also – ich hatte meinen Drücker mitgenommen, denn mit Kitty weiß man ja nie, wann sie zurückkommt. Im Flur hing ein Mantel. Toblachs Mantel. Es schoß mir heiß durchs Herz. Ich öffnete die Tür, sie war nur angelehnt. Da saß er und hatte Kathinka auf dem Arm, und ihr kleiner Kopf lag an seinem Hals, gerade unter seinem Kinn, wie ein Schlangenköpfchen. Seine Hand streichelte sie, er sah vor sich hin in die Luft – und lächelte. Und ich weiß nicht – mir wurde so furchtbar, als risse man 143 mir das Herz aus dem Leib. Da kam ich leise näher, Toblach konnte mich nicht sehen, aber Kathinka hatte mich gehört, sie sah mich groß an, und mir war als machte sie sich über mich lustig, so wie junge Mädchen ältere Frauen plötzlich ansehen und komisch finden. Ich ließ die Tür nicht fahren, schloß leise zu, wie in Krankenstuben. Dann saß ich da am Tisch im Vorplatz. Kam mir vor wie ein armes Frauchen das einen Bettelbrief abgegeben hat. Aber dann mußte ich doch wieder hinein. Toblach stand am Fenster, Kathinka war wohl an mir vorbeigeschlüpft – er war allein.

›Haben Sie Gespenster gesehen?‹ sagte er und lachte vor sich hin. Es kam kein rechtes Gespräch zustande. Mich fror. Er war zerstreut. Ich wollte Tee haben, klingelte, aber natürlich – keine Kitty. Als er fort war, kam sie dann gleich, war im Garten gewesen, hatte Erde an den Schuhen. Nun wollte sie mir die Schuhe ausziehen, aber sie war mir heut widerwärtig, sie hat auch so was von einer Katze.

Alles Unsinn – ja, aber ich werde ein unheimliches, ein trauriges Gefühl nicht los.«

2. April.

»Lieber Gott, wie die Tage länger werden! Und hat doch wieder geschneit. Aber heut ist Tauwetter. Es taut und tropft an den Dächern herunter, der Fluß drängt dahin, eisgrün, von 144 schmelzenden Gletschern geschwellt. Und die Amseln am Abend haben auch Tauwasser in der Kehle und die Bachweiden sind ganz geschwellt von Saft. Eaux printanières! Und daß derweil so namenlose Qual sein muß, so entsetzliches Sterben. Was nun alles nie, nie mehr zum Blühen kommt.«


»Wie mir heute Kitty die Haare bürstete, mußte ich sie bitten, aufzuhören. Sie hat Zeiten, da riecht sie wie ein Raubtier; ich kann es nicht ertragen. Und doch ist sie meinen Augen ein Labsal; so leicht und geräuschlos. Aber oft habe ich jetzt so schreckliches Heimweh nach Mariette. Einmal hat sie mir geschrieben. Auf allerhand Umwegen. ›Cette guerre imbécile‹ schrieb sie. Aber das ist nun schon ein Jahr her. Sie sagte manchmal so witzige Sachen. Ich weiß noch, wie ich ihr die alten chinesischen Lappen brachte und meinte, sie könne mir gewiß ein wunderschönes Teekleid daraus machen; da lachte sie und sagte: ›Voilà bien, Madame, qui exige l'impossible pour obtenir le nécessaire.‹ Das könnte auch so eine spitzfindige Dudeffand oder Lespinasse gesagt haben, wie sie der selige Rosendorp in seinen Bücherschränken hatte.

Ich glaube, Kathinka ist beleidigt. Ich sehe sie nur manchmal von weitem. Sie fehlt mir doch, nun ich viel einsam bin. Wenn sie gestreichelt sein wollte, gab sie immer so kleine 145 Stöße mit der Nase, um mich zu mahnen. O du kleine Ungetreue!«


»Furchtbar, diese unterernährten Kinder. Und die Mütter! Die es immer noch fertigbringen, von ihrer winzigen Ration den Kindern abzugeben. Diese Blockade ist schon das furchtbarste Kampfmittel von allen; denn es sind die ganz Wehrlosen über die es hergeht, und es gäbe nur ein noch furchtbareres – wenn es Maschinen gäbe, um einem Land allmählich die Luft wegzusaugen. Es ist eben doch, wie die Jesuiten sagen: Der Zweck heiligt die Mittel. Nie ist dieser Satz mit so fürchterlicher Konsequenz angewandt worden wie in dieser Zeit.

Wenn man zu den Armen geht und sie Vertrauen haben und sich aussprechen – aber auch sonst, an plötzlich ausbrechendem Unmut und Hohn merkt man so vieles, hört den Holzwurm nagen. Ich glaube, er hat nicht mehr viel zu tun, es ist alles schon hohl, mit tausend Bohrkanälen, nur die Fassade scheint unversehrt. Wenn sich der Riese einmal aufreckt, der das alles auf dem Rücken trägt!«

7. April.

»Maxl Bruckmair hat nicht viel Milchkarten mehr gebraucht. Ich brachte Blumen hin, aber er war schon fortgebracht nach der Leichenhalle. Das ist hier so grausam, innerhalb zwölf Stunden holen sie die Toten. 146

Die Damen auf dem Wohlfahrtsamt sehen ganz verhungert aus. Wenn sie die Extrarationen abstempeln zieht sich ihnen der Mund zusammen, und dann schlucken sie den Speichel herunter wie Kinder, wenn die Mutter Kuchen schneidet. Die arme Fräulein von Schaumann hat oft Halluzinationen. Sie sagt, sie wache in der Nacht auf – da hat sie wohl geträumt –, sie bildet sich fest ein, in der Speisekammer hinge dies und das, sie ist schon einmal aufgestanden, so fest glaubte sie daran, und doch hatte sie nur geträumt. Es ist schrecklich um uns Menschen, daß der Magen eine so laute Stimme hat. Ich glaube, der Magen wird den Krieg entscheiden. Hungernde Kinder. Daran scheitert ja auch jeder Streik.«

15. April.

»Toblach war wieder da. Ach, dieser Vorfrühling – es ist zum Weinen schön.«

25. April.

»Wie leben sie alle – wie können sie's ertragen? Wenig Hoffnung, viel Kummer und die schweren täglichen Mühen. Aber ich . . . wehre mich nicht mehr – höre auf andere Töne. Hoffen? Denken? Ich denke gar nichts. Es ist wie Lähmung. Halte ihn auch nie zurück, wenn er gehen will . . .

Als ich jung war, dachte ich, Liebe käme wie Fanfaren über die schlafende Stadt – man 147 wache auf und sei schon überwältigt. Aber sie kann auch leise kommen, spinnt uns ein, ganz sacht, und dann eines Tages ist das Gespinst fertig und Mariandl kann keine Hand mehr rühren, guckt nur noch mit der Nasenspitze heraus. Aber Mariandl hat graues Haar.«

*

Viele Tage stand nun nichts mehr in dem Buch. Marianne konnte nicht schreiben über das was ruhelos auf und ab ging in ihrem Blut, nun plötzlich sein Recht begehrte. Dazwischen dämpfend, verweisend, die große Scheu. »Lieber guter Toblach,« dachte sie, »es ist ja ganz undenkbar. Ich mit meinen Jahren. Und du meinst es ja auch selber nicht. Es sind ja nur deine Augen, die reden. Gegen deinen Willen vielleicht. Du mußt eine junge Frau haben, zwanzig Jahre jünger als du darf sie sein, braungebrannt und stählern wie du, die mit dir reist, mit dir reitet, immer guten Muts, immer gesund, ohne Gepäck, weder des Leibes noch der Seele. Vor Jahren sah ich solche Frauen in der Ausstellung Wildwest. Sie wohnten in Zelten, es war ganz hübsch darin, mit kleinen Kochherden und bunten Indianergeweben; da saßen sie, hager, mit schmalen Adlerprofilen und nähten auf der Maschine oder kochten allerhand aus Konservenbüchsen. Eine, der das Losreißen nicht weh täte. Die dir ein Söhnchen 148 geben könnte, das du auf indianische Art großzögest, braun und furchtlos, vor dir im Sattel. Ja, aber wenn du krank wärst oder verstimmt, ach guter Toblach, du hast ja auch schon brüchige Stellen, würde sie's begreifen, Geduld haben? Die aber hätte ich . . . o gewiß.

Als ich eben verheiratet war, wurde ein Lied viel gesungen, ich sang es selber auch, darin hieß es: »gib mir die Jahre, die Jahre zurück.« Gott, ich sang es so hin, was bedeutete es mir, ich war ja erst neunzehn. Nun aber verstehe ich die Worte. Ich bin heute so mutlos, ich stand vor dem Spiegel, sah mich an, wie man einen anderen Menschen ansieht: Fremde Frau, ich will dir etwas sagen: »Sie hatte das Alter erreicht, wenn man geliebt sein muß, um hübsch zu bleiben.« Das las ich neulich, weiß nicht mehr wo. Ach, wo immer ich jetzt ein Buch öffne, steht irgend etwas wie dieses, das mich sticht, fein – glühend.«


Ganz wenig nur war noch eingeschrieben:

»Heute, es war ganz nah. Ich fühlte es zittern in der Luft. Aber ich lenkte wieder ab. Mit einem Scherzwort. Trugschluß nennt man das in der Musik. Ach, er sollte mich überrumpeln, mir keine Zeit lassen, mich zwingen. So – noch halb vernünftig – setzt sich etwas in mir zur Wehr. Als Toblach dann aufstand, sagte er, »Mariandl, wenn ich's nicht besser 149 wüßte, ich hielte Sie für eine ganz raffinierte Kokette. Aber nun glaube ich, Sie haben sich irgendwo das Herz erfroren. Nun – wie Sie wollen.« Ich stand da, eiskalt, aber meine Augen brannten. Hätte er mich in den Arm genommen, es wäre alles gut gewesen. Aber er biß sich auf die Lippen und ging. O Menschen, wie wenig habt ihr Witterung. Wie so gar nicht spürt ihr, was sich nach euch hinstreckt, ob es euch auch zehnmal abgewehrt hätte.«

Dann kamen leere Seiten.

Wenn aber Frau von Rosendorp weiter hätte schreiben wollen, so würde ein anderer Ortsname darüber gestanden haben. Denn sie war geflohen, wund, halbzertreten war sie in den Schlupfwinkel gekrochen, den ihr die mitleidige Oberin angeboten hatte; eine kleine Zweigniederlassung des Ordens, tief drinnen im Land. Dort versuchte sie ihre Gedanken zu sammeln, ihre Erinnerungen aufzureihen zu schmerzender Kette; immer wieder stand das eine Bild vor ihr auf, das sie, nach anfänglicher Verzweiflung und Aufbegehren, jetzt nur noch traurig staunend, ja schon mit beginnender Einsicht betrachtete.

Drei, vier Tage nach jener Abwehr – ihrer letzten Einzeichnung – war Toblach noch einmal gekommen. Ruhig hatte er vom Ende seines Urlaubs gesprochen, daß er nun in wenigen Tagen zurück müsse in seinen, übrigens 150 ganz ungefährlichen Dienst. Kaum hatte sie bei seinem veränderten Stimmklang die Tränen zurückgehalten, oh, gern hätte sie seinen Ärmel gestreichelt, empfand sie doch Zärtlichkeit sogar für seinen Rock. Aber sagen . . . was sollte sie sagen? Er sprach ja so kühl, so gleichgültig, wenn sie auch ahnte, daß er beleidigt war. Als Kind sagt man verzeih, ich will's nicht wiedertun – es ist so einfach. Aber sie . . . mit ihrem grauen Haar, die sich nach schlaflosen Nächten nun doppelt verbraucht und reizlos vorkam. Ein Vers von Heine verfolgte sie:

»Aber das Weib, die Plaudertasche,
Rührte noch lang in der kalten Asche« –

Fein, nur das nicht. Stumm sein, sich verschließen, ganz fest. Aber noch waren's acht Tage bis er ging. Acht Tage, da konnte noch einmal alles gut werden. Acht Tage sind jetzt eine lange Zeit, da kann viel geschehen, dachte sie, wie viele sterben jetzt in acht Tagen! Ja, aber wie viele auch kehren in die Heimat zurück! Ach, in acht Tagen konnte ja auch Friede sein. Und da hatte sie an sich gehalten, um nicht aufzuschreien, als er ging.

Sie hörte wie er draußen seinen Mantel anzog, sie hörte wie er die Treppe hinunterging – geliebter Schritt! Und dann ging sie ans Fenster und wartete. Und dann . . . o das! das! Und 151 das Allerfürchterlichste war, daß er einmal hinaufgesehen hatte, um sich geblickt, ob sich auch nichts bewegte, schuldbewußt; und das fand sie erbärmlich. Aber nichts regte sich, sie stand hinter dem Vorhang wie erfroren. Und starrte hinunter auf die beiden, die da unten . . . ineinander verkrampft . . . Ja, und das Mädchen war doch wohl die leidenschaftlichere und darum auch die Unschuldigere. Und in all ihrem Zorn, ihrer Verzweiflung sagte sie sich: Ja, aber schön seid ihr. Schön wie Raubtiere. Und darum – vielleicht im Recht.

Herr du mein Gott, nur fort, dachte sie. Wie brachte sie es nur fertig, dann noch abends mit Kitty zu reden! Ganz in der Frühe fuhr sie davon, hinterließ keine Adresse, mochten die zwei nun denken, was sie wollten. Und war bei den freundlichen Nonnen gelandet und bat die Oberschwester um Schlafmittel, und die hatte ein Einsehen und gab sie ihr. Schlafen, nur schlafen. Dazwischen hörte sie die kleinen Waisenmädchen im Hof spielen, hörte ihr Getrippel in den hallenden Gängen. Und dann am Nachmittag der Rosenkranz; drunten im Schwesterngärtchen, das tönte herauf wie Bienengesumm. Sie hatte nichts zu lesen mitgenommen, und hier gab es nur Lebensbeschreibungen von Heiligen. Die las sie nun. Gott, was hatten die nicht alles erduldet. Aber sie litten für einen Zweck; ein Licht ging vor ihnen 152 her. Sie aber litt ganz zwecklos. Was konnte ihr der Glauben, die Resignation anderer nützen? Der Schmerz war da, unaufhaltsam wie bei einer Geburt; und wie das Wasser den Durst, der Schlaf die Übermüdung, hätte allein das Glück ihn stillen können.

Aber die Zeit hat eine gute Heilhand, sagt Schwester Maria Placida, der sie die Oberin besonders anempfohlen hat. Ja, denkt Marianne, das ist wahr, auch den Kummer um Mama, an dem ich erst zu sterben meinte, jetzt fühle ich ihn doch nur noch selten. Aber ist es dann besser, wenn man vergessen hat? Das ist doch wie Altwerden, wie stumpf und gleichmütig werden; das Schlimme vergißt man, aber das Schöne, das Süße auch!

Aber ewig konnte sie hier auch nicht bleiben. Sie mußte zurück; in ihr ödes Haus. Toblach war ja nun schon abgereist. Er würde nicht mehr kommen. Nicht – mehr – kommen. Wie das aussah, wenn man es hinschrieb – wie das tönte!

 


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