Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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XII.

Das Lustspiel mit seinem Gemisch von Knotigkeit, Unanständigkeit und schmunzelnder Rührung – nichts Fürchterlicheres doch als dieser landläufige sogenannte Humor – war zu Ende. Der letzte Ton der begleitenden Bärentanzweise verklang, und während Leute hinaus und andere wieder hinein drängten, leuchteten die Reklamebilder auf: Schnäpse, Zigaretten, Fettsynthesen aller Art, auch langentbehrte Dinge wie Schokolade und Gummischuhe wurden angepriesen in Bild und Wort. Es war nicht voll, nun begann erst die zweite 173 Nachmittagsvorstellung, und die war ja nie so stark besucht. Bürschel saß in einer Reihe, wo noch ein paar andere Männer in verschabten feldgrauen Röcken saßen, die dumpf in eine Welt blickten der sie nun mehrere Jahre entrückt gewesen. Die Flut der Heimgekehrten sickerte langsam ins heimatliche Erdreich ein, sie paßten sich wo sie's irgend konnten den alten Stellen wieder an oder sanken ein paar Stufen tiefer, suchten sich festzuklammern, verschwanden im besten Fall in ihren Familien, deren Wohnungen sich gummibandartig dehnten und streckten; irgendeine namenlose kleine Stadt oder auch eine sehr große nahm sie auf, und ein paar Wochen lang lieferten sie ihrer Umgebung Gesprächsstoff; Mitleid oder Entrüstung bemächtigte sich ihrer Mitbürger, aber dann – nach einiger Zeit – redete man nicht mehr von ihnen, waren sie verschluckt, aufgesogen; nur noch ein bißchen enger, grauer, muffiger war es geworden, wo sich die armen Überzähligen eingenistet hatten. Das ganze Land hatte etwas Gettomäßiges bekommen, ausgenutzt bis in den letzten Winkel, denn auch die Grenzen waren den Menschen versperrt, teils durch gehässige Abwehr, teils durch die Unmöglichkeit, mit schlechtem Papiergeld draußen satt zu werden. Aus der Ferne, aus allen Richtungen aber kamen immer neue Scharen; Menschen, die einstmals deutsch 174 gewesen und sich nun, gebrandschatzt und verfolgt, der alten Mutter erinnerten, die jammervoll, mit verdorrten Zitzen, zu den eigenen hungernden Kindern auch noch hunderttausend fremde Waisen aufnahm. Vieler der jungen Menschen aber, die draußen so unmenschlich gelitten, bemächtigte sich eine Gier, ein Verlangen, und war der Wein auch verfälscht, die Lust verfratzt –, ihr Blut aufschäumen zu lassen. Die Frauen hatten gewartet, hatten ihre Schönheit welken sehen, ach, immer mit der Hoffnung im Herzen, daß ihr Opfer einst seinen Lohn finden würde, wenn nicht im eigenen, so doch im allgemeinen Glück. Nun waren die Lieder, der Stolz und die Zuversicht verklungen, und sie griffen mit ruhelosen Händen in die Dunkelheit, wenn sie nachts in einsamen Betten erwachten und sich gestanden, daß sie der Stimme folgen würden, der lockenden Hand, und sei's auch in Abgründe, schlafwandelnd fast, der Sättigung entgegen, wenn sie endlich, endlich winkte. Und da waren solche die schön waren, mit den federnden Körpern junger Raubtiere, Jünglinge und Mädchen; ihre Augen aber waren ungut geworden, sie hatten so schrecklich gedarbt, so schrecklich gelitten, nun ging's mit kalter Gier, mit harten, rücksichtlosen Ellbogen zur Quelle, wo das Wasser der Vergessenheit rauscht; nach tiefem Trunk war das Herz gefeit, und nun wollen sie einmal, 175 einmal ihr Jugendrecht, das, was jedem Vogel, jeder Mücke, jedem Ungeziefer einmal im Leben zuteil wird. Andere aber gingen im Halbtraum, in tiefem Staunen, mit der überzarten Haut, den tastenden empfindlichen Fühlern derer, die eben erst aus dunkelm Puppengehäuse kriechen; denn seltsam, bei ihnen war's anders gewesen, die fürchterliche Eintönigkeit des Kriegshandwerks hatte sie in Schlaf gewiegt, und was sie nun erblickten, war so furchtbar freudlos, so verfratzt in seinem Wichtignehmen des eigenen Ichs, wo dort der einzelne so gar nichts gegolten hatte, wo alles in den großen Feuerrachen geworfen worden war, einerlei ob schlechtes Reisig oder edelste Hölzer . . . Und sie mußten lächeln und rissen ab und zu die Augen weit auf wie Leute, die aus der Unterwelt zurückkommen und alles so anders wiederfinden, oder nein – nicht anders, sondern stehengeblieben und darum fremd geworden.

Bürschel hatte in der Ambulanz, wo er lange tätig gewesen, den Professor Ernst Rosenzweig kennengelernt, der dort, wie so viele, Arbeit tat, die ihm eigentlich nicht lag. Aber nicht nur an gutem Werkzeug des Todes und des Lebens, auch an Menschen litt schließlich das reichbevölkerte Land Mangel; und wie man in der Not mit einer Stickschere Draht schneiden oder mit kostbaren Möbeln den Ofen heizen muß, weil der Holzkeller leer ist, so auch hier. Und 176 so stand der kleine berühmte Herr, ein Ausbund an Scharfsinn und Geduld und mit jener Forscherromantik der Seele, die seinem Blick bei aller Aufmerksamkeit etwas Träumerisches verlieh, tagaus, tagein im Operationskittel, blutbespritzt, und tat Arbeit, die er seit dreißig Jahren nicht getan. Denn in normalen Zeiten war er Oberbefehlshaber eines Laboratoriums, wo jene schauerlichsten Feinde, die wie geheimnisvolle Nager den Menschenleib aushöhlen und entwürdigen, bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgt werden. Seine nervösen, schmalfingrigen Hände, die nun die Knochensäge führen mußten, hatten sich sonst mit den phantastischen Instrumenten und jenen neuentdeckten Elementen beschäftigt, die sich damals gerade – wie aus geisterhaften Dimensionen – den Menschen offenbarten. Aber auch hier, auf dem ihm fremdgewordenen Feld, hatte er bald mit seinen klugen, traurigen, etwas nahstehenden Augen, mit seiner langen Nase, die wie ein zarter, empfindlicher Rüssel an der Spitze leise schnupperte und ihm in seiner Klinik den Spitznamen »Ameisenbär« eingetragen hatte, viel Neues erkannt und aufgespürt und zu wohltätigen Vereinfachungen und Linderungen verwertet. Zwischen ihm und Bürschel lag der Abgrund – wenn es wirklich einer ist – der Rasse, des Temperaments, des verschiedenen Alters. Und wenn man sich den schmalen, 177 sensitiven Rosenzweig als bedürfnislosen Araber vorstellen konnte, der eine Handvoll steinharter Datteln aus seinem Mantelzipfel wickelt, eine Stunde rastet und weiterzieht, fast körperlos, seinem Ziel nach, so konnte man sich auch ausmalen wie Bürschel, nach monatelanger eiserner Arbeit und Enthaltsamkeit, ebenso gründlich und ausgiebig ins Gegenteil umschlagen konnte, seinem härter gewordenen, aber immer noch zu Fettansatz neigenden Körper Essen und Trinken sowohl von bester Qualität wie in reichlichen Mengen zuführen und auch in allem übrigen Leib und Lebensgeister nicht kasteien würde. Es war die kindliche Genußfähigkeit, der gesunde Appetit germanischer Götter, was sehr ungöttliche blonde Männer in kurzen Zeitoasen damals empfanden und befriedigten; und Bürschel wäre damit von all den vielen ähnlichen Temperaments und ähnlicher Beschaffenheit nicht abgewichen. Bis auf eins. Jener kleine dunkle Jude mit der beweglichen Nasenspitze und den tiefliegenden traurigen Waschbäraugen und der blonde, breitschultrige, anscheinend phlegmatische Sohn einer Schwäbin und eines Lüneburgers, ein Doppelgermane sozusagen, sie fanden ein brüderliches Echo ineinander. Denn es waren dieselben sensitiven Fingerspitzen an der nervösen, schmächtigen Hand wie an der großen, fleischigen, blondbehaarten; dasselbe 178 Zurückschaudern vor Schmerz und Häßlichkeit, dessen sie allein durch die Weißglut des Eifers, des Forschertriebs Herr wurden; dieselbe wehmütige Skepsis, wenn ihnen ein neuer, noch nicht ausgeprobter Versuch nach tagelangem Ringen geglückt war; bei dem älteren Mann verschärft durch weit zurückreichende Erfahrungen, durch die Erinnerung an Verfehltes, an Irrtümer und Enttäuschungen, sowohl auf menschlichem wie auf wissenschaftlichem Gebiet, Erkenntnisse, die bei dem Jungen erst ahnungsvoll sich meldeten; und was sie in monatelanger Zusammenarbeit, plötzlich aufzuckend, aneinander gespürt hatten, derselbe fast schmerzhafte Zug nach Schönheit, nach Erlesenheit, der Bürschels dicken blonden Kopf verfeinerte, seine ein wenig schwammigen Züge plötzlich meißelte, wenn er zufällig eine Geige, ein Klavier in ausgestorbenen Häusern im Feindesland unter die Hände bekam; derselbe Zug, der Professor Rosenzweig träumend, erdentrückt, auf die weiße, herrlich geformte Brust eines jungen Soldaten starren ließ, dem er durch eine barmherzige Einspritzung geschenkt hatte, sich schmerzlos hinüberzukeuchen in die große Sternenruhe die durch die Fenster hereinschien und von Feindschaft oder Freundschaft nichts wußte. Sie waren beide nicht gläubig und waren doch beide keine Leugner; sie hatten 179 keine Zeit zum einen und zum anderen. Arbeiter, Sucher waren sie, der Ältere bewußter, hartnäckiger, wie eine Spinne das zerrissene Gewebe immer von neuem anknüpfend, der Jüngere triebhafter, ein hilfsbereiter Neufundländer der nicht anders kann. Ein Nebel unausgesprochenen Verstehens einte sie; das, was man gemeinhin Sympathie nennt, welches undeutbar ist oder nach Gesetzen waltet, die wir zu deuten noch nicht imstande sind.

Nun aber war Professor Rosenzweig zu seinem verwaisten Laboratorium zurückgekehrt; der Verlust seiner alten Assistenten, von denen einige aus ganz unwiderleglichem Grund ihre Arbeit unter ihm nicht wiederaufzunehmen vermochten, anderseits die angesammelten, noch nicht geordneten Erfahrungen – er hatte alle Hände voll zu tun. Bürschel war ohne einen Augenblick des Besinnens von ihm angestellt worden, mit Bewilligung eines sofortigen mehrmonatigen Urlaubs, den er benötigte um Maria Reicherts verworrenen Geschäftsknäuel abzuwickeln. Auch nach München wollte er fahren, Käthchens Schicksalen nachzuspüren, denn ab und zu trieb ihm eine Blutwelle zu Kopf, wenn er bei Dunkelwerden hübschen, leichtherzigen Geschöpfen, vor den Türen der Bars und Varietés stehend oder schlendernd, begegnete, jung noch, mit jungen Stimmen, aber durch jenes leise Welken 180 der Kelchränder verratend, daß sie durch Menschenhände gegangen waren.

Heute hatte er sich mit einem jungen Kunstgewerbler verabredet, aber er war zu früh gekommen, es war noch eine halbe Stunde Zeit, die er im Kino abzusitzen beschloß. Die Dunkelheit tat ihm wohl, die Reklamebilder mochten dort aufleuchten, er schloß die Augen, wollte ausruhen. Aber unter seinen gesenkten Lidern entstanden andere Bilder: leises, erregendes Trappeln, Pferde und Menschen, nachts, atemlos in unbekannten Straßen; Panik, die die Reihen durchkroch, eine kalte Schlange, dann plötzlich Geschrei wie von bös gewordenen, verängsteten Tieren: war ein Schuß gefallen? Oh, da genügte vielleicht schon eine ins Schloß dröhnende Haustür; Dampf und Aufblitzen – Vergeltung für eigene Qual, für Qual der Kameraden, von denen so mancher im Dunkeln hinterhältig verschwunden war. Oh, und alles in Finsternis, in fürchterlicher Enge, schleimiger Boden und schwarzlauernde Fensterhöhlen. Dann wieder Einöden, wo der Wind Platz hatte, ein totes Pferd am Wege, das da gesattelt und bepackt im kalten Sternenlicht, Symbol der Hilflosigkeit gegen unbegreifliches Schicksal, furchtbar aufgedunsen lag! Nein – nein – er riß die Augen auf, er wollte das alles nicht mehr sehen.

An der erleuchteten Wand wurden gerade paradiesische Betten angepriesen, Betten in 181 jeder Preislage, von der einfachsten bis zur luxuriösesten Art, alle aber streng hygienisch und staubfrei; auch Kinderbetten, Krankenbetten und wieder solche, die bei Tage sich als Sessel präsentierten, durch einen Griff aber zur Enthüllung ihres innersten Wesens gezwungen wurden. Und nun setzte plötzlich die Musik ein, leise tänzelnd, die Gavotte Ludwigs des Dreizehnten, und es erschien ein Bett, ein kostbares, feierliches Bett, unter federnickendem Baldachin; drei Stufen führten hinan wie zu einem Altar, Flügeltüren taten sich auf, herein trippelte eine Mohrin, sie zündete die Kandelaber an, sie warf sich demütig zur Erde nieder, und nun kam die Fürstin geschritten, von lachenden Damen umgeben; im Jagdkleid, das Hifthorn an der Seite. Die Mohrin zog ihr die gespornten Stiefelchen aus, die Damen entfernten den Agraffenhut, den Jagdrock, die Stulphandschuhe. Dann machten sie der Herrin tiefe Knickse, sie wurden ganz klein wie abgestellte Springbrunnen. Die Fürstin blieb allein, sie zog einen Brief aus dem Jabot über der seidenen Weste, sie las ihn mit gerunzelten Brauen, ihre feine Hand machte eine Knabenfaust unter der Spitzenmanschette. Nun setzte sie sich aufs Bett – sie lauschte – kamen Schritte? Nein, es blieb still. Da saß sie, traurig, einsam, nur die kleine Mohrin war geblieben und lehnte den schwarzen krausen Kopf an der Fürstin Knie . . . 182 Der Saal erhellte sich, Bürschel saß vornübergebeugt, war das alles? Nein, wieder wurde es dunkel, die Musik spielte weiter, Molltöne nun, bekannte Rhythmen, Schumann, Chopin, ineinanderfließend, das Triangel setzte Tautröpfchen hier und da auf den Spinnenfaden der Melodie . . . Und wieder erschien ein großes Bett, diesmal in Mullwolken gehüllt; ein zierlicher Toilettentisch in der Ecke, ein kleiner weißer Seidenpudel hielt Wache über zwei Pantöffelchen. Aber in dem großen Bett lag Pierrot, sterbend, ganz schmal, mit schwarzumrandeten, rätselhaften Augen, und unter der kreidigen Schminke ahnte man des Todes Blässe. Pierrots lange schmächtige Hand spielte mit einer Rose, mit der anderen hielt er den Dolch fest, der ihm im Herzen stak . . . Und nun ging die Tür auf, und mit brennenden Kerzen trippelten venezianische Masken herein, in schwarzen Mänteln, mit falschen Nasen, spitzen Mützen, den Degen an der Seite. Es waren Heilkundige, die große Spritze, das Buch, die runden Brillen gaben ihnen ein gelehrtes Ansehen. Sie fühlten Pierrots Puls, er mußte ihnen die Zunge weisen, sie schüttelten den Kopf, hier war ihre Kunst zu Ende. Aber nun flog Kolombine herein wie ein verwehtes Rosenblatt und sank vor dem Bett nieder. Und da mußte wohl etwas nicht stimmen in ihrem Schuldbuch, denn nun stützte Pierrot sich auf, er hielt ihr die Rose hin und seine Gebärde war 183 anmutig und voll Ergebenheit, aber doch die eines Richters . . . Dann sank er zurück, die Masken nahmen ihre Kerzen und verließen, wichtig lächerlich, in feierlichem Gänsemarsch das Gemach. Hinter ihnen her, halb zurückgewandt, halb verhüllt in flatterndem Mäntelchen, die seidene Kapuzinerin, Colombine, der zu spät die Liebe aufgegangen.

Die Musik spielte weiter, nun waren's orientalische Töne, nasales Holzbläsergetön und gedämpftes Prasseln silberner Becken. Auf Pfählen stand ein kleines Haus, ein Vogelkäfig fast, ja, war's nicht aus Papier gebaut? Und das schöne kleine Fräulein Bohnenblüte kauerte auf der Strohmatte, wo ihre Teekanne stand, ihr Saitenspiel, ihre Opiumpfeife lag. Über der Wand hinter ihr flogen drei silberne Reiher. Die hatte der große Maler Shintoku hingemalt, ehe er sie verließ. Aber sie konnte, sie konnte nicht ohne ihn leben, sie konnte keinem anderen den Tee bereiten, die kleine Opiumpille in die Pfeife legen und all die ausgeklügelten Liebesdienste erweisen, die zurückreichten bis zu den entferntesten Ahnen, denn die alten Frauen flüsterten sie ihren Töchtern und Enkelinnen ins Ohr, und sie vererbten sich wie ehrwürdige Rezepte der Teebereitung. Ach, schauderndes Herz, sie war nicht frei, das Häuschen gehörte dem Teehändler, und sie selbst, die Freudenbringerin, gehörte zur Ausstattung des Häuschens wie die 184 Wasserpfeife, wie die Teekanne, wie ihr zierliches Bett aus Bambus und Perlmutter; und wenn sie weglief waren ihre Eltern dem Teehändler haftbar mit all ihrem armseligen Hausrat, denen er sie doch abgekauft hatte als sie vor Schulden nicht aus und ein wußten, und er hatte am Preise nicht gefeilscht und pünktlich bezahlt. Aber wenn sie starb, dafür konnten sie nichts, dafür konnte er sie nicht haftbar machen. Ja, das war der Ausweg, der einzige. Und es würde nicht schlimm sein, schon so manche ihrer leichtherzigen Zunft hatte es getan. Sie ließ sich niedergleiten, sie legte das schön frisierte Köpfchen in die ausgehöhlte Kopfstütze und holte aus ihrem Gewand ein zusammengefaltetes Papier, darin sind Goldblättchen, dünn wie ein Hauch, das atmet man ein – oh, keine Angst – es geht ganz leicht!

Unten vor dem Papierhäuschen erlöschen die Laternen auf ihren hohen Stielen – schaukelnde Glockenblumen . . .

Aber nun spielte die Musik einen Tanz, einen der neumodischen Tänze, die die alten wiegenden Walzer verdrängt haben. Stark erst, dann leiser, zuletzt nur wie Erinnern.

Da war ein weißes Jungmädchengemach, oh, entzückend in seiner Weiße, seiner Reinheit. Die junge Ballkönigin kommt heim, mit Blumen beladen, von der schlaftrunkenen Zofe empfangen. Nun geht's an ein Erzählen, während die Zofe 185 das Haar löst und flicht, die vertanzten Schuhe mit Pantöffelchen vertauscht. Und das Fräulein beugt sich vor, und im Überschwang ihres Glücks umarmt sie die Zofe, schenkt ihr einen Brillantring und all ihre Kotillonsträuße. Aber den glatten Ring am Finger küßt sie, als sie allein ist, und küßt auch den kleinen Maiblumenstrauß, den sie gleich anfangs zur Seite gelegt hat. Und nun wurde die Musik leiser, sie spielte Schumanns »Glückes genug«, sie spielte sein »Kind beim Einschlafen«, das schöne Fräulein trat hinter einen Vorhang, man sah ihren Schatten und wie ihre Gewänder niederglitten, wie sie sich nackt und schmächtig ins Schlafgewand hüllte; nun kam sie hervor, sie schlug die Decke des breiten niedrigen Messingbettes zurück, ein schmales Füßchen erhob sich, die Zuschauer machten lange Hälse, aber ach, was war das, es kam ein Nebel über alles, nur ein paar Sekunden, und das Fräulein war nicht mehr da, der kleine Sessel, der seidene Wandschirm – fort, alles fort, nur das Normalbett »Schlafe sanft«, mit Stahlfedern, hygienischer Patentmatratze und echter Daunendecke, dessen Preis freibleibend ist, steht wieder da, und mitten drin liegt eine kleine graue Katze, erhebt sich mit rundem Buckel, streckt sich, gähnt und ringelt sich wieder zusammen . . .

Das Licht im Saal flammt auf, der Reklameteil ist zu Ende. 186

Bürschel saß wie gelähmt. Gleich am Anfang als die fürstliche Jägerin hereintrat, als das schlitzäugige Teemädchen schmal und fröstelnd an der Erde kauerte und Kolombine, beinahe ein Schattenspiel, über die Wand gehuscht war, um dann in ihrem faltenreichen Mäntelchen bei Pierrots Sterbelager zu versinken, hatten ihn die Bewegungen, die Silhouetten der Darstellerin an irgend etwas gemahnt; wie wenn man in der Straße eine Melodie summen hört und ihr doch keinen Namen geben kann. Aber als die junge Ballschöne ihr Haar löste, als sie sich niederbog, um die Schuhe von den Füßen zu streifen und dann, aufstehend, sich dehnte wie ein eben erwachendes Kätzchen – da wußte er, und da war kein Irrtum möglich: es war Käthchen! Käthchen, die ihre schmächtigen Glieder der Firma »Schlafe sanft« verkauft hatte, als Reklame für deren hygienische Patentbetten mit doppelten Stahlböden, die niemals »sackten«, ihren porösen Gesundheitsmatratzen und Decken aus echten schwedischen Eiderdaunen, die jetzt wieder »greifbar« wurden, mit Überzug aus Helvetiaseide oder erstklassigem Wollatlas.

Er ließ den Detektiv Joe Miller an sich vorüberziehen, erduldete zum zweitenmal das fürchterliche Lustspiel, denn ein zweites Mal mußte er Käthchen sehen. Und als sie nun wieder erschien, war ihm, als müsse er sie anrufen, müsse sie bitten, innezuhalten und 187 herauszukommen aus all dem Lug und Trug, zu ihm, der da ganz entgeistert im Dunkeln saß. Und es ging ihm durch den Sinn, was erzählt wurde von der Witwe eines U-Bootführers, die sich wieder und wieder die Bilder seiner letzten Ausreise vorführen ließ; wie ein Matrose zuletzt noch dem jungen Kapitän in die Öltuchjacke half und er lachend all den Zurückbleibenden die Hand zum Abschied schüttelte, mit dem Taschentuch wehte . . . Das war wochenlang über die Leinwand gegangen in allen Städten des Reichs, die Wimpel flogen, die Wellen schäumten an der Mole auf, der junge todeskühne Mensch stand auf Deck, fein und scharf, im Profil dem jungen Konsul Bonaparte ähnlich, und winkte in die Runde seinen letzten Gruß . . . Aber in Wahrheit lag er auf dem Meeresgrund, viele Klafter tief, mit seiner auserlesenen Mannschaft; nie würde er heimkehren zu dem schönen verstörten Geschöpf, das seinen einzigen Brief immer wieder las und zerküßte und an seinen Tod nicht glaubte, weil sie ja nur zweimal vierundzwanzig Stunden lang seine Frau gewesen war.


Am Ausgang stand ein ziemlich säuerliches Fräulein, das, eine elektrische Taschenlampe in der Hand, den Boden ableuchtete wie das Weib im Gleichnis den verlorenen Groschen sucht. Sie versicherte Bürschel, es ginge geradeaus und es seien da weder Stufen noch Fallstricke; er aber 188 drückte ihr rasch mehrere Scheine in die Hand und begann sie nach den Reklamebildern auszuforschen.

»Ja, det is keene vom Film,« sagte sie, »det is die Kitty Pelsanzki, eine Zeitlang hat se hier ooch de Plätze anjewiesen, damals saß ich an de Kasse. Ach Jott, man so'n flurrijes Dink. Sie hätt sich scheen verdienen kennen, aber se war zu sündhaft faul, nie kam se pünktlich, und da missen se doch uffmaschirn wie de Soldaten. Ja, nu hab ich se schon lang nich mehr jesehn, aber der Klavierspieler, mit den war se sehr dicke, eben kommt er – ooch so'n östlicher, man weiß doch heitzutaare nie, is et en Bolschewikker oder en Jroßfürst in de Verborjenheit.«

Der Klavierspieler verließ gerade auf einige Atemzüge seine luftlose Höhle; er hatte rotränderige, zwinkernde Augen und fragwürdige Wäsche; sein Adamsapfel rollte auf und nieder, er sprach mit slawischer Intonation ein müdes, wehmutvolles Deutsch. Bürschel hatte, aus Zeiten stammend, da er das Russentum nur aus Turgenjew, Gorki und dem »roten Sarafan« kannte, ein russisches Fach in seinem Vorstellungsmagazin mit einer Liste der hineingehörenden Gegenstände, ähnlich wie in den Korridoren der durchgehenden Züge die Polster, die Schlafdecken, die Spucknäpfe und Löschapparate verzeichnet sind. Und wenn er das Russentum seitdem auch in anderer Form kennengelernt hatte, so tat sich 189 beim Anblick des Klavierspielers doch wieder jenes Erinnerungsfach auf: Nachtasyl, Samowar, sehr viel Mitleid und unendliche Zigaretten. »Herr Davidoff«, sagte das Fräulein mit der Lampe. Bürschel verbeugte sich und brachte sein Anliegen um Auskunft, Käthchen betreffend, vor.

Herr Davidoff lächelte. Dabei zeigte er sein ganzes Zahnfleisch und richtete einen Seherblick nach oben, was ihm den Ausdruck eines Verhungernden gab, dem eine Fata Morgana Leckerbissen vorspiegelt. »Frailain Pelsanzki,« sagte er – die Worte glitten ihm wie aus Seidenplüsch über die Lippen – »oh, ich waiß, vor zwei Monatt, sie tanzte in russische Kabarrä, abärr schwachä Brust, nicht mähr tanzen kann.«

»Können Sie mir nicht sagen, wo sie jetzt zu finden ist?« fragte Bürschel und hätte gern Herrn Davidoff gegenüber den Rubel rollen lassen, aber eine gewisse königliche Losgelöstheit im Ausdruck des Klavierspielers hinderte ihn daran; »Fräulein Pelzer, die Sie Pelsanzki nennen, ist eine Kindheitsfreundin, sie verkehrte im Haus meiner Mutter, und auch in deren Auftrag frage ich. Ich möchte gern alles Nötige für sie tun, im Fall sie Schwierigkeiten hat wie jetzt so viele; ich bin Arzt . . .«

Herr Davidoff winkte müde mit der mageren, starkgeäderten Hand. »Ich glaube Innen,« sagte er, »es wird mich uhnendlich fraien, wenn 190 Frailain Pelsanzki von rietterlichen Manne geholfen wird. Frailain Pelsanzki« – er hielt an der Polonisierung fest, die ihm Käthchen näherrückte –, »sie arbeitet Maniküre in Etablissement Bonifaz in Schiellstraße, abärr ist schon geschlossen heit. Miessen kommen in russische Kabarrä, Frailain Pelsanzki oft dahin kommt um nain, Mokka und Papyros – ist nicht gut vielle rauchän fir schwachä Brust.«

Bürschel mußte diesen Grundsätzen durchaus zustimmen, wenn Herr Davidoff sie auch selber nicht zu befolgen schien, denn seine Nägel waren gelb vom Rauchen, und er hüstelte nach jedem Satz. Sie verabschiedeten sich, denn der Russe mußte zurück in sein Gehenna. Bürschel hatte seinen Freund, den jungen Kunstgewerbler, in der ersten Pause telephonisch abbestellt, nun tat es ihm leid, denn was sollte er mit der freien Zeit, bis er mit Kitty reden konnte? Langsam ging er am Kanalufer entlang.

Der graue Frühlingsabend war von mildem November nicht zu unterscheiden, nur daß es länger Tag blieb; und der Klang der Stimmen auf den verankerten Schleppkähnen war anders, voller, feuchter geworden. Sie brachten Gerüche mit von aufgelockertem Ackerfeld, von überschwemmten Wiesen, wo nun schon die Kiebitze anfingen, auf kleinen, aus dem Wasser ragenden Erdhügeln ihre flachen Brutstätten zu bereiten; 191 dort überall waren die Kähne vorbeigezogen. Bürschel hatte die Mütze abgenommen und ließ die Abendluft seinen Kopf kühlen, die Musikantensträhne hing feucht über seine Stirn, und er spürte den nahenden Schnupfen; lymphatische Veranlagung, von Maria Reichert auf ihn vererbt. Das Problem Kitty – ach ja, Kitty paßte besser zu ihr als das treuherzige Käthchen – ging ihm durch den Sinn. Er hatte in all den Jahren so oft gesehen und erlebt, wie Gut und Schlecht im selben Menschen fast unentwirrbar ineinander geflochten, wie das eine dem anderen eingeboren ist, so wie Untertöne oder Farben einander geheimnisvoll verwandt sind – und seine Tätigkeit war ja auch geeignet, den Sinn für Ursache und Wirkung zu schärfen –, so konnte er über Kittys sehr wahrscheinlichen Abstieg nur ein von Selbstvorwurf nicht freies Gefühl mitleidiger Sorge aufbringen. Es gab nun einmal chemische Bedingungen, die zu ganz gewissen Ergebnissen führen mußten. Kitty, mit ihrer Veranlagung in diese Umgebung versetzt . . . nein, man durfte nichts Naturwidriges von einem so triebhaften Geschöpf verlangen. Wie die Grille hatte sie den Sommer durch gesungen, nun kam der Winter, und ihre Scheuer war leer. In solchen Fällen lag das Gleichnis der weisen und der törichten Jungfrauen nahe. Aber diese letzteren waren im Grunde doch sympathischer als jene, die so ängstlich ihre kargen Lampen hüteten und nicht um 192 alles ein Tröpfchen Öl für die anderen übrig hatten. Freilich, wenn er sie nun sah, durfte er sich solche Ansicht nicht merken lassen, mußte versuchen, wenn nötig mit Strenge, sie auf den Weg der Tugend und der Gesundheit zurückzuführen. Armes kleines Tier, dumme Motte, wie so viele die hier über dem fahlen Asphalt, im grellen Licht der Lampen vor den Schaufenstern hin und her taumelten, mit begehrlichem Saugrüssel nach den Herrlichkeiten hinter den großen Glaswänden tastend, und dann – so bald – im Kehricht . . . zerfetzt. Irgendwo hatte er noch eine Photographie von ihr, im schwarzen Konfirmandenkleid, das wie ein allzu weites, vererbtes Stück um ihre schmächtigen Glieder hing; die etwas schräg stehenden Augen gesenkt, aber ein seltsames Lächeln am Mund, wie eine sehr junge Sphinx die irgendeine kleine Nichtswürdigkeit ersinnt. Damals – vielleicht – wenn man sie damals genommen und verpflanzt hätte, wie's in dem Gedicht heißt: »Ich grub's mit allen den Würzlein aus« . . . aber Gott weiß, Ketten waren nicht für sie gemacht und das Blut fahrender Leute ließ sich vielleicht auch dann nicht meistern . . .

Auf den Bänken saßen müde, zerlumpte Menschen, hungerig oder schnapsbetäubt, mit dem Rücken gegen den Kanal, der schwarz und ölig floß. Die Brücke, ganz in der Nähe, war ein bevorzugtes Sprungbrett für Lebensmüde. Diese 193 plötzlichen Abschlüsse würden jetzt häufiger und häufiger werden, denn nun begann die vernünftige, die naturgemäße Auslese: nun konnten allein die Tüchtigen, die Harten bestehen, die gerade, die sich im Krieg an die gefährdeten Stellen gedrängt hatten, dem Tod entgegen – während die seelischen und körperlichen Krüppel, die Schwachen und die Feigen in ihrer Angst und schleimigen Anpassung Ritzen und Vertiefungen fanden, wo sie in Sicherheit die Gefahr überlebten. Aber nun war es umgekehrt, es würde ein Aussterben der Untüchtigen beginnen, und nur die zugleich Starken und Geduldigen, aber auch die Borgia-Naturen, die großen Egoisten, würden durchhalten, und das würde ein hornhäutiges Geschlecht werden, nun auch die Frauen in die Arena mußten, Raubtiermütter, die ihre Jungen nicht nur säugen, sondern auch für sie jagen. Freilich, die Kätzchennaturen, die weichen, die sich dem Mann anschmiegen, von ihm Dienste verlangen, mit dem naiven Egoismus, in dem gerade ihr Reiz besteht, die ihm als Kontrast zu den zielbewußten Kameradinnen wie verbotene Kostbarkeiten erscheinen würden, herübergerettet aus einer versunkenen Zeit . .  auch sie blieben bestehen. Denn der Mann würde sie sich zu erhalten wissen: laue Sümpfe in denen dem Mammut wohl wird.

Aber dann gingen seine Gedanken zu der einen, ganz erlesenen, die er in jener einzigen 194 kurzen Stunde seines Lebens erlebt und im Geiste umfangen hatte, wie die Wolke den Mondstrahl umfängt, im Vorübergleiten, und kann keiner sagen, welcher von beiden sich vom anderen löst.

Gleich einer Birke im Dämmergrau hatte sie dagestanden, sanft geneigt, wie sie mit einer Dienerin immer wieder Wassereimer anschleppte, wie sie sich niederbeugte, eifrig-freundlich, und den herbeihumpelnden Soldaten anbot, ihre Füße zu waschen, ihnen neue Strümpfe und Fußlappen hinlegte und dann zurücklief zum Feuer am Waldrand und die Mädchen anspornte mit dem Einschenken von Tee und Kaffee. Damals hatten sie noch an ein gutes Ende geglaubt, und es war wie ein Rausch, wie ein plötzliches Heimatgefühl, so im feindlichen Land, dies klingende baltische Deutsch, diese hellen Augen . . . Und sie stand da wie gefeit und tat demütige Dienste. Nur die armen schmutzigen, entzündeten Füße sah sie, ja, es war, als könne sie sich nicht satt sehen an ihrer Häßlichkeit, wie sie sich so im warmen Wasser dehnten und wohlfühlten, und nachher, mit Essig und Spiritus eingerieben, mit Mehl bestreut, wohlig in die weichen sauberen Strümpfe krochen. Ja, und dann der Kaffee. Sie stand und goß ein und sah, wie sie schluckten, und biß sich auf die Lippen, denn aufschluchzen wollte sie nicht, aber aus ihren Augen, wie nasser blauer Schiefer, rollten 195 die Tränen ruhig und ungehemmt auf ihr Kleid. Man hatte sie gerufen: Benita! Wie schön klang das Wort durch die dunkeln Bäume . . . Der Chefarzt wollte ihr vorgestellt sein, ihr danken, und sie sagte: »Ja, gleich!« Aber sie ging nicht, sie blieb bei ihren Eimern stehen, sie strich einem jungen Soldaten über das Haar, über die Wangen; nu, nu, sagte sie, wird alles wieder gut . . . Das junge Ding, auf einmal war's eine Mutter, die nachts zu ihrem kleinen Jungen spricht, wenn er aufwacht aus schreckhaften Träumen. Ja, dachte Bürschel, der wie verzaubert stand, sie ist das Bild des Erbarmens, das höher ist als alle Vernunft, das nicht frägt nach Freund oder Feind, nur von Herzeleid weiß und es stillen möchte.

Ach, wie im Grunde ratlos waren sie alle, alle die nachzudenken wagten, ob sie auch wie feindliche Meere gegeneinander prasselten, zu Wut gepeitscht und doch im Grunde damals ohne Haß.

Eine Stunde, dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Er erfuhr nicht, wie ihr Vatername war, nicht wie die Stelle hieß, die sie dort im Halbdunkel gekreuzt hatten. Zuviel war zu bedenken mit seinen Kranken und Maroden. Die Dunkelheit nahm sie auf, aus den Gräben am Weg roch es moorig, bekannte Sternbilder blickten nieder, wo alles sonst fremd war. Benita . . . wie eine Birke . . . 196

Forschen? Das wäre später schwierig gewesen, sie wurden alle auseinandergerissen und zerstreut; und wenn's auch vielleicht gelang, welchen Zweck hatte es! Namen – Namen – man war einander doch verloren. Und war's vielleicht nicht besser, er forschte nicht? Wer weiß, Benita, in welchem finstern, grauenhaften Hof voll Blutgestank, von bösen Tieraugen umstellt, du hilflos nach einem Winkel, einem Ausweg spähtest, o du Barmherzige unter Erbarmungslosen, ehe der letzte Kolbenschlag dich traf!

Uh–h, Bürschel schauderte. Er sah auf seine Uhr, ja, nun wollte er sich langsam aufmachen nach dem russischen Kabarett, das Herr Davidoff ihm genannt hatte.

 


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