Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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IV.

Aber ehe dies alles vor sich ging, sollten noch manche Wochen ahnungslosen Lebens vergleiten. Und wie Tage Wochen bildeten, wie Mondsicheln sich füllten und wieder leerten, streckte auch Frau von Rosendorp Wurzeln und Saugfäden aus, suchte und fand in der fremden Erde Genügen. Es war hier anders als im Norden. Sie dachte an die scheuen, blonden Dorfkinder daheim, die sich das Ärmchen quer vor die Augen hielten oder den Kopf in Mutters Schürze bohrten, wenn man sie ansprach; Mieneken, Lieseken oder neuerdings auch pompösere Namen, Hulda oder Elfriede, die zu den Flachsschwänzchen schlecht paßten. Hier aber wurden kleine Jungen »Bub« gerufen, sie hießen Xaverl und Tonerl und trugen ein spitzes grünes Hütchen, an dem eine lange, dünne Feder wippte. Die Hündchen aber hießen Tschokerl und Netterl und die zahme Elster Maxl, und kleine braungezöpfte Mädchen sagten, erstaunt ob solcher Unwissenheit, »i bin doch d' Kattei«, wenn man sie nach ihrem Namen fragte.

Im Park blühten nun die Wiesen silbern und rötlich; die Schwäne kamen böse und brausend gezogen. Mit ihren schwarzen zusammengewachsenen Brauen erinnerten sie Marianne an eine französische Lehrerin ihrer Kinderzeit. 53 Geradeso, mit langem Hals und finsteren Brauen hatte sie hinter den Büchern gesessen. Die kleine Marianne paßte schlecht auf (da war eine arme Hummel am Fenster, die wollte gern heraus, sie brummte wie ein Bär), und halb im Traum nur hörte sie Mademoiselles Stimme, die ihr ein Gedicht vorlas, das sie zum nächstenmal »irrévocablement« auswendig wissen sollte.

Die Freunde, die sie in der Stadt zu treffen gemeint hatte, waren einer kranken Tochter halber ganz plötzlich an einen Bergort übergesiedelt, andere noch nicht heimgekehrt aus dem Süden; so hatte sie nur wenige flüchtige Bekannte, die sie nicht sonderlich interessierten, und lebte einsam dahin wie ihr in ihrer Trägheit am liebsten war, hatte in den ersten Wochen auch keine Zeit zu Besuchen gehabt. Denn die Wohnung, die ihre Erschwinglichkeit wohl gerade der Baufälligkeit verdankte, die andere Mieter abgeschreckt hatte, war ja nun, eben dieser Baufälligkeit halber, auch wieder so eindringlich lieb und voll interessanter Möglichkeiten; sie nahm sie ganz gefangen. Anfangs, als sie einzog, in jenen ersten noch halbverpelzten Frühlingstagen, wie war es da reizend und träumerisch, wenn in der Mittagssonne die Vögel braunen Bällchen gleich in den kahlen Büschen saßen, wo noch hier und dort eine Hagebutte, eine Schneebeere hing. Welkes Laub auf Rasen und Pfaden. Denn sie litt nicht, daß 54 die Blätter weggefegt wurden, der braune Teppich sah so tröstlich aus und war doch gewiß von der Natur so gemeint, zum Schutz für die junge Brut die darunter keimte. Noch wehte der Märzwind scharf. Aber wie schön waren dann die Überraschungen darunter hervorgekommen, Schneeglöckchen und Tazetten und feine Muskathyazinthen, und später dann namenlose Stauden, die ihre rötlichbraunen Krällchen emporstreckten und sich vielleicht als Päonien, vielleicht als Marienherzen entpuppen würden. Auch eine freundliche Pumpe mit seufzendem Schwengel gehörte zum Garten, und unter den Sträuchern schlüpften die Amseln aus und ein. Ja am liebsten wäre Frau von Rosendorp mit Käthchen vor dem Hause herumgetanzt. Freilich auch oben in der Wohnung!

Ach, sie meinte ja das alles längst gekannt zu haben. Denn wenn wir etwas lange im Herzen umhertragen und es wird uns endlich in Wirklichkeit zuteil, und sei es zum ersten Male: es ist wie Wiederfinden. Diese Wandschränke, die sie an immer neuen, unerwarteten Stellen entdeckte, mit ihrem Geruch nach Apotheke und Schillers faulen Äpfeln, diese breiten Fenstersimse wo für Bücher und Blumentöpfe Platz war, dieses kniehohe Getäfel an den Wänden, hinter dem die Mäuse, wenn alles still war, auf und nieder fuhren wie die Stimmen einer Fuge; die helle Diele, auf die weiße Türen 55 mit blanken, abgenutzten Messingschlössern mündeten – wie heimlich, wie verwandt war ihr alles!

Der erste Stock nebst Mansarde, die wie ein Extrahäuschen auf dem Dach saß, ihr eigenstes Reich; im Erdgeschoß die Eheleute Hintermayer, denen sie sommers zusehen würde, wenn sie in der Laube ihren selbstgezogenen Salat aßen. Frau Hintermayer war selten daheim; sie ging stöbern, wie hier der Ausdruck lautete, der dem prosaischen norddeutschen »Reinemachen« etwas Interessantes, Trüffelhundmäßiges verlieh. Sie war eine gewaltige Frau, mit der starken rotblonden Mähne über der geraden Stirn einem Löwen ähnlich. Herr Hintermayer daneben klein und dunkel und vermickert; er gehörte zur freiwilligen Feuerwehr, aber der Helm erdrückte ihn. Wie es sonst nur bei Insekten so ausgesprochen der Fall ist, war er seiner Frau durchaus unebenbürtig. Diese hatte es fertiggebracht, mit seiner unerläßlichen Hilfe drei junge Feuerwehrmänner in die Welt zu setzen, die verständigerweise dem mütterlichen breitschultrigen Typ nacharteten. Frau von Rosendorp, die sich mit Windeseile in fremde Lebenslagen versetzte, fand es ja nun ein stolzes, ein beneidenswertes Los, wie es Frau Hintermayer beschieden war – der Alte ging derweil in ein kleines muffiges Café, wo er mit anderen unterdrückten Ehemännern 56 mistkäferartig hockte und Dominosteine hin und her schob –, Sonntags mit drei jungen Feuerwehrmännern spazierenzugehen, die sie alle an der eigenen Löwenbrust gesäugt hatte, jetzt aber großzügig, ohne die Maßkrüge zu zählen, mit Salvator oder Paulaner traktierte; oder aber bei einem Großfeuer voller Hochgefühl zuzusehen, wie Franzl in ein qualmendes Mansardenfenster stieg und mit zwei bewußtlosen Kindern auf dem Arm – es konnte auch eine gelähmte Großmutter sein – die Leiter herabklomm, während Xaverl und Andresl in Flammenglut vom Dach aus die Spritze regierten.

Dazwischen aber stellte Frau von Rosendorp auch Betrachtungen über Käthchen an, die, ein kleiner, leiser Hausgeist, sich bald in alles gewöhnt und eingeschmiegt hatte, behutsam und gefällig, wenn auch ziemlich vergeßlich, ihre Arbeit tat; der sie aber – für sie ein seltener Fall – durchaus nicht näher kam, so daß sie sich fragen mußte, ob da irgendeine Scheu, irgendeine geheimnisvolle Schranke vorläge oder ob es nur Seelenlosigkeit, ja Dummheit war, was auf dem Grund dieser erstaunlich klaren und doch ganz unergründlichen Augen ruhte. Käthchen, von Marianne in Kitty verwandelt – weil das doch sehr viel besser zu ihr paßte –, leistete, wenn auch mit ausgiebigen Ruhepausen, Außerordentliches an Geschäftigkeit. Man sah sie viel mit 57 Wischtuch und Handbesen, und an ihrer Person war sie schon mehr als eigen. Eine weniger nachsichtige Herrin würde es ja wohl gerügt haben, wenn sie, nach Hause kommend, die kleine Person am hellichten Tage auf Sofa oder Sessel zusammengekringelt in süßem Schlummer fand; aber, du lieber Gott, Jugend braucht Schlaf, Wachstum und Schönheit senken ihre Wurzeln in dies nährende Dunkel, und Marianne brachte es nicht übers Herz, der holden Schläferin Vorhaltungen zu machen, wenn diese, ebenso leicht erwachend als sie in Schlummer sank, die großen Pupillen aufschließend, nun wieder fein und federnd vor ihr stand.

Daß aber Kitty abends so gern in die Straßen und den angrenzenden waldartigen Park witschte, konnte Frau von Rosendorp nicht gutheißen; all dies Frühlingstreiben, dieser Faulbaumduft, diese Liebespaare, flüsternd auf Bänken im Gebüsch, erfüllten sie mit Unruhe. Aber dann wieder fragte sie sich zweifelnd, ob es nur Verantwortung für ein junges, ihr anvertrautes Geschöpf sei, was sie bewegte, oder hermelinartige Widerstände, aus eigener, säuberlicher Jugend stammend; oder am Ende gar, wenn auch unbewußt, eine der schwindenden Jugend eigentümliche Mißgunst?

Nun waren Gardinen aufgesteckt, die Möbel standen, etwas dürftig wirkend, in den großen hellen Räumen, von Möbeltischler 58 Schlotterbeck bestens aufpoliert und nach Schellack duftend; einige Bilder sahen wieder von den Wänden nieder, von Marianne nicht gerade bewundert, aber als Kindheitserinnerungen freundlich wertgehalten: ein Kupferstich nach der Murilloschen Immakulata, die Jungfrau über dem Halbmond schwebend, von Amoretten umflogen wie von Lämmerwölkchen – und ein anderer nach Landseer, einen edeln Neufundländer darstellend, der soeben ein kleines Mädchen, das unnatürlich trocken und ordentlich aussah, aus dem Wasser gezogen hat. Im dreifenstrigen Saal aber gab es Sepialandschaften, ein kleines Pastell des Urahnen, sowie ein ausgestopftes Wiesel in einem Glaskasten. Marianne hing an dieser ziemlich mottenfräßigen Reliquie, denn es war ein unvergeßliches, ein lebendiges Wiesel gewesen, das ihr der Förster auf Onkel Christophs Gut geschenkt hatte. Einige Zeit lebte es verborgen in einem alten Muff, dann wieder saß es in ihrem Arbeitskorb, zwischen Wollknäueln geringelt; als es starb, hatte Onkel Christoph es ausstopfen lassen. Kitty aber ging in einem Gemisch von Anziehung und Feindseligkeit um das Präparat herum, wobei sich ihre Haare knisternd sträubten.

Ja, dachte Marianne, es war wohl alles ein bißchen kahl in den hohen, geräumigen Stuben, was freilich zu dem ganzen Biedermeierzuschnitt paßte; wenn der Winter wiederkehrte, 59 würde es frostig und unwohnlich bei ihr aussehen. Manchmal stand sie, von leiser Begehrlichkeit durchschauert, vor den Schaufenstern, wo alte, zartverblaßte Teppiche, bunte und dennoch milde Seidenstoffe und allerhand Erzeugnisse des hier so hochentwickelten Kunstgewerbes ausgestellt waren, wohltuend in der nun wieder herrschenden Schlichtheit der Linien. Aber diese Versuchungen dauerten nicht lange. Denn ihre Zinsen und eine kleine Witwenrente reichten nur eben hin für die Wohnung, für Resi und für Käthchen, welch letztere ja eigentlich ein sträflicher Luxus war. Aber Marianne hatte sich von jeher zu dem Grundsatz bekannt: »que les roses sont plus utiles que les choux«, und wenn es nötig würde, wollte sie sich lieber noch von Resi trennen, deren Talente (in Mehlspeisen firm und der feinen Wiener Küche mächtig) sowieso in ihrem kleinen Haushalt betrüblich brach lagen. Frau von Rosendorp lachte; eine gewisse, heiter-ironische Art, finanziellen Veränderungen und Kontrasten gegenüber, war in ihrer Familie üblich. Dabei dachte sie an Onkel Christoph, dessen Landhaus, wenn auch in anderem Format, derselben strenglinigen Stilperiode angehörte wie das ockergelbe Haus, in dem sie nun wohnte. Sie sah ihn wieder in der langen, sonnigen Zimmerflucht auf knisterndem Parkett auf und nieder gehen, wie er, wenn Fräulein Tempeltey, die Hausdame, 60 irgendeiner notwendigen Reparatur oder Neuanschaffung halber eine zaghafte Attacke wagte, das Rockfutter aus seinen Taschen rechts und links zog und schüttelte, mit den Worten: »Nichts zu machen, beste Tempeltey, gänzlich Clamm-Gallas, im allerhöchsten Grad Clamm-Gallas!« Denn der Name dieses edeln und berühmten Geschlechts hatte in seiner Klangfarbe irgend etwas Undefinierbares, weswegen er ihn als Kennwort abgeschabter, wenn auch bei Gott nicht schäbiger, sondern eher wie Erlesenheit wirkender Armut anzuwenden liebte.

An den Mauern, an den Litfaßsäulen wurden zur Zeit mannigfache Genüsse für Auge und Ohr verkündet. Aber auch ihnen blieb Marianne fern. Es war ein Gemisch von Sparsamkeit und wählerischer Scheu, das ihr solche Expeditionen erschwerte. Denn sie, deren Mitleid ohne Zaudern die weitesten und mühsamsten Wege zu Elend und Krankheit fand, litt, wenn es sich um festliche Dinge handelte, an Hemmungen, die zu überwinden ihr den Spaß verleidete. Oft spürte sie Verlangen nach Musik, ja es war wie Durstgefühl, an dem sie litt. Wenn sie dann aber in Gummischuhen an windiger Straßenecke stand und auf die überfüllte Elektrische wartete, die sie zu Beethovens Sinfonien, zum böhmischen Quartett oder zum Don Juan bringen sollte, schrumpfte sie innerlich zusammen. Ach, und die Aussicht auf das entsetzliche Wüten bei den 61 Garderoben, das, ehe noch der letzte strahlende Akkord wie langsames Schließen goldener Torflügel verhallt war, mit brutaler Plötzlichkeit einsetzte, raubte ihr die Andacht. Hier erst hatte sie einen ihr früher unbekannten Typ der Männlichkeit kennengelernt. Mäntelbeladen, Regenschirme schwingend, tauchten die Mastodonten aus dem Handgemenge, eilten den geschützten Winkeln zu, wo ihr Weibervolk gehorsam wartete; sie aber erhielt ihre Hüllen nur ganz zuletzt nach langem Stehen und Bitten, und wenn sie dann endlich todmüde zu Hause anlangte, war das Festliche in ihr verklungen. Kitty erschien, freundlich, aber gähnend, und brachte ihr lauwarmen oder allzu bitteren Tee; und es war ihr anzumerken, daß sie lieber im Bett geblieben wäre. Dann konnte Marianne eine fast schmerzhafte Sehnsucht nach der alten Mariette überkommen. Denn die war älter gewesen als sie, hatte sie gehütet und gehätschelt; ach, meine Freunde, es gibt Zeiten – wenn es auch nicht Höhepunkte des Lebens sind –, da wir nicht so sehr lieben möchten als uns lieben lassen, unheroisch, passiv, ohne jede Anstrengung unsererseits.

Ja, so war dies erste Vierteljahr vergangen, der Sommer kam und seine große goldene Erntesonne; die Halme fielen und die jungen Menschenleben auch. Denn nun war Erntezeit, aber nun war auch Krieg. Durch die Straßen zogen Truppen, viele zur Ausbildung, den 62 Exerzierplätzen, den Kasernen zu; viele zum Bahnhof, schwer und klirrend bepackt, mit Sträußen an den Helmen, an den Waffen. Marianne flüchtete, wenn sie die Stimmen hörte, die Lieder sangen vom Vöglein im Walde, vom Wiedersehen. Sie ging mit Zentnerlast auf dem Herzen.

Später, als wieder scharfe Herbstwinde bliesen und der Krieg grau und schlurrend einherschritt, trat sie einem Verein bei, der ihr die Pflicht auferlegte, Kriegerfamilien regelmäßig zu besuchen, ihre Klagen und Ansprüche zu prüfen und weiterzuleiten. Der Überfluß der ersten Monate war verbraucht. Wie bei anhaltender Dürre erst die flachgewurzelten Büsche verdursten, allmählich aber auch die tiefgründigen Wurzeln großer Bäume schmachten, bis die Wipfel absterben, so drang der Mangel nun auch in Häuser, die an solche Möglichkeit nie gedacht hatten. Oh, es war noch nicht die bitterböse Zeit, da Kinder nur bis zum zweiten Jahre ein wenig verwässerte Milch erhielten, da Neugeborene in Zeitungen gewickelt wurden, weil es für sie keine Tücher mehr gab, da den hungernden Müttern die Brüste versiegten und die Kleinen sich matt in den Tod weinten . . . aber es war schon Mangel an allem. Unendlich quälend fand Marianne ihre Tätigkeit; denn weniges ist qualvoller als angesichts bitterer Not nicht selber helfen zu können, sondern erst langsame, nüchtern-rechnende Behörden angehen zu müssen. Wie in schrecklichen 63 Angstträumen ist's; verzweifelnd steht man da auf schmaler Brücke, und unter einem treiben Ertrinkende vorbei.

Ja, nun fielen schon wieder Schneeflocken, in den Straßen wurden sie zu schwarzem Brei, in den Gärten blieben sie liegen; über verschneite Beete und Pfade liefen Spuren von Katzenpfötchen. Als nun Frau von Rosendorp mit schiefgerutschtem Hut und nassen Gummischuhen in der Dämmerung heimkehrte – nicht einmal das Geld für die Elektrische hatte sie zurückbehalten –, kam da etwas Leichtes, Graues, wählerisch Schreitendes aus dem entlaubten Gesträuch auf sie zu, blickte sie an mit starren, geheimnisvollen Augen; silbergrau, seidig, nur mit einer Ahnung Tigerstreif, gleitend, Liebkosung heischend und dennoch ausweichend; feminissima: Kathinka Plüsch! Denn das war der Name, den Marianne fast augenblicklich dem kleinen Findling gab, der nunmehr, ein ganz unberechenbarer Gast, bisweilen bei ihr auftauchte, plötzlich, und ebenso plötzlich verschwand; woher? wohin? niemand wußte es. Hinter dem Haus waren Gärten, Schuppen, Heuböden, teilweise an kleine Leute vermietet; da gab es Ziegenställe und aufgestapeltes Holz – dort mochte sie zu Hause sein. An diesem ersten Abend aber lockte Marianne sie die flachstufige Treppe hinauf, vorsichtig an der Hintermayerschen Wohnung vorbei, wo der Dachshund Tschoki grämlich 64 schnaufte; oben angelangt, rief sie nach Käthchen, die sich aber nicht blicken ließ, suchte und fand in der Küche ein Restchen Reisbrei und setzte es der unhörbar miauenden Kathinka vor. Diese ging gleichgültig an dem Überbleibsel vorbei, sprang auf das Sofa, dessen weiche Kissen sie mit fächerartig gespreizten Pfoten alsbald zu massieren begann und blickte verträumt schnurrend vor sich hin. Marianne setzte sich zu ihr und streichelte sie genießerisch: erst dies elastische Nachgeben des Rückgrats unter der gleitenden Hand, dann Übergang zu vollkommener Erstarrung bis ins äußerste Schwanzspitzchen, das Ende der Liebkosung, irgendeinen Höhepunkt der Wonne erwartend. Wie aber Marianne, gleichfalls in Träume versinkend, innehielt, hatte Kathinka eine besonders ansprechende Art ihre zarte Spiegelsamtnase an ihrem Arm zu reiben, ihm kleine mahnende Stöße zu versetzen. Dazu sabberte sie ein wenig am Mäulchen, was auf dem Ärmel eine silberne Schneckenspur hinterließ. Ihrer Bitte nachgebend, kraute Marianne sie zwischen den Ohren weiter, bis sie selber, müde von weiten Wegen, die nassen Galoschen noch an den Füßen, neben dem Kätzchen einschlief. Als sie fröstelnd erwachte, hatte Kitty derweil den Teetisch gedeckt: Kathinka Plüsch aber war verschwunden, geräuschlos, wie sie gekommen war. 65


Doch ab und zu begegnete ihr Frau von Rosendorp wieder im Garten, auch brachte es Kathinka fertig, an dem Rankwerk des Balkons emporzuklimmen und unhörbar miauend und mit der Pfote pochend Einlaß zu begehren. Wer war glücklicher als Marianne in ihrer Einsamkeit! Gerade ihre Unberechenbarkeit war Kathinkas größter Reiz. Denn die Zuneigung einer Katze ist schmeichelhafter als die unentwegte Anhänglichkeit eines Hundes; beruht sie doch auf Geschmack, nicht auf Treue. Ja, es war etwas Festliches in diesen Kathinkaschen Impromptus, und Frau von Rosendorp die nach mehrjähriger Pause wieder angefangen hatte eins ihrer nie vollendeten Tagebücher zu schreiben, verfehlte nicht zu bemerken: Heute Kathinka. Dämmerstündchen mit Kathinka. Oder auch: Kathinka acht Tage fort. Kathinka Schnupfen. Kathinka leider eine Amsel. Und dergleichen mehr. Ähnlich einer jungen Mutter die das erste Schühchen, die ersten Schritte, den ersten Milchzahn ihres Erstgeborenen verzeichnet.

 


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