Irene Forbes-Mosse
Kathinka Plüsch
Irene Forbes-Mosse

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V.

Der Christkindlmarkt schwamm wie gewöhnlich in Regen- und Schneewasser. Es war kein Geschäft in diesen schweren Zeiten, die Verkäuferinnen saßen blaurot und verdrießlich 66 hinter ihren Auslagen. Auf dem Heimweg von einem ihrer Armenbesuche blieb Frau von Rosendorp vor den kleinen Buden stehen, deren heilig-vergnügliche Waren zurückreichen in Zeiten, als hier noch halbländliche Giebelhäuser standen – wie man's auf alten Stichen sehen konnte –, zwischen dem Pflaster das Gras wuchs und abends der Nachtwächter mit Laterne und Lanze den Menschen die Sorge um Feuer und Licht ans Herz legte. Der Stall Bethlehems war in allen Größen zu haben. Mit Hirten oder mit Königen, je nach Wunsch. Da waren Palmbäume, Hirtenfeuer aus rotem Glas, weiße Wollschäfchen, Krippen mit wächsernen Jesuskindchen in jedem Format; ebenso gab es einzelne Gliedmaßen um defekt gewordene Mitglieder der heiligen Nacht wieder auszuflicken. Frau von Rosendorp handelte gerade mit der Budenbesitzerin Afra Weinzierl um einen schwarzen Balthasar, der im grünen Samtröckchen, mit Turban und Halbmond aus Spiegelglas ihre Kauflust erregt hatte. Neben ihr begehrte eine Frau mit triefendem Regenschirm einen »Ersatzjoseph«. Über diesen Ausdruck mußte Frau von Rosendorp lachen, und da hörte sie hinter sich ein bekanntes, etwas meckerndes Echo und sah sich um.

»Mein Gott, Rütten! Sie?« sagte sie und legte ihre kleine kalte Hand in seine große, ebenfalls kalte, was einen etwas frostigen Händedruck 67 ergab. »Was tun Sie hier? Ich dachte Sie eingeschneit auf dem Lande oder irgendwo in Lugano oder in den Bergen!«

»Ich habe mich,« sagte Rütten etwas verlegen, wobei er ein Tröpfchen, das sich an seiner Nase gebildet hatte, diskret wieder hochzog, »von meinem früheren Chef leider überreden lassen, und tue seit ungefähr vier Wochen in seiner Klinik Dienst.«

»Aber wie schön, liebster Freund, wie herrlich,« sagte Frau von Rosendorp.

»Schön? Nun, ich merke nichts von Schönheit. Ich habe chirurgische Tätigkeit ein für allemal abgelehnt, will nicht zu der Zahl Unberufener gehören, denen man das jetzt doppelt wehrlose Menschenmaterial vorwirft. Ich behandle Zivilpatienten, die an ganz unheroischen Krankheiten leiden. Zuckerkrankheit und Rheumatismus sind zwar auch kein Vergnügen, wenn sie zur Zeit auch weniger Interesse erwecken.«

»Aber gewiß, Rütten, und dadurch, daß Sie eingesprungen sind, hat ein anderer die Hände frei für die armen Soldaten. So dienen Sie ganz ebenso dem Vaterlande,« sagte Frau von Rosendorp, und ihre Augen leuchteten. »Und das muß Sie doch glücklich machen!«

»Kann ich nicht behaupten, Verehrteste. Kranke Leute sind in der Mehrzahl gründlich antipathisch. Sobald ihm was wehtut, zeigt sich der Mensch von der übelsten Seite. Und wenn 68 er Angst um sein edles Leben kriegt, erst recht. Reichlich schamlos. Aber wie ist's, ich habe Sie beim Ankauf dieses Negerfürsten unterbrochen?«

Frau von Rosendorp nickte, und Afra Weinzierl wickelte König Balthasar ein.

Das war nun wieder echt Rütten, daß er ruhig dabeistand und zusah, wie Marianne mit feuchten Handschuhen umständlich nach Münzen in ihrem Geldtäschchen fischte, die noch an der Summe fehlten. Dann zogen sie miteinander los. Erst nach einer Weile, als er sich überzeugt hatte, daß sie mit Paket, Muff und Schirm nur mühsam vorwärts kam, sagte er: »Wollen Sie mir den Othello nicht lieber anvertrauen, er geht zur Not in meine Tasche.«

»Ach ja, Rütten, gern,« sagte Frau von Rosendorp, eigentlich überrascht, »wie freundlich von Ihnen. Sie sagten immer schon, erinnern Sie sich, ich brauchte ein vereidigtes Känguruh um alle meine Paketchen zu tragen – aber Gott nein, so verwöhnt bin ich gar nicht. Zumal heutzutage. Hilflose Weiber sind jetzt wirklich nicht zeitgemäß.«

Rütten sagte nichts, er hob nur die Augenbrauen ein wenig. Es war doch gerade die Eigentümlichkeit der guten Marianne, daß sie so gar nicht zeitgemäß war. Sie hätte zur Zeit Jung-Stillings leben sollen, wo es noch so gemächlich herging in der Welt, und die Menschen von der »gütigen Natur« redeten, als ob sie ihre alte 69 Tante wäre. Ja, sie hatte die nachtwandlerische Harmlosigkeit jener Leute. Auch in äußeren Dingen. Brachte sie es doch fertig, mitten auf dem verkehrsreichsten Platz stehenzubleiben und den Abendhimmel durch ihre Lorgnette zu bewundern. Immer zerstreut. Pierrette et le pot de lait. Wenn sie zum Beispiel ernste Männer unterbrach, die gerade mit wahrer Engelsgeduld versuchten, ihr philosophische oder psychologische Fragen zu erklären, sie aber in ihrer chronischen Gedankenflucht plötzlich wissen wollte, was wohl der Kompaß tun würde wenn ihn einer auf den Nordpol mitnähme, ob er dort in Stücke ginge vor Vergnügen, endlich angekommen zu sein wohin er immer gedeutet hatte, oder platzen würde aus Verdruß, keinen Lebenszweck mehr zu haben? Und daß sie sich nun wahrhaftig einbildete, kein hilfloses Weib zu sein, war grotesk und erfüllte ihn mit grimmiger Lustigkeit. Wie Rotkäppchen würde sie ja stets jeden Wolf für eine kranke Großmutter halten. Eigentlich hätte sie zeitlebens eine Kinderfrau neben sich haben sollen. Jetzt eben wieder, mit ganz ungenügenden Halbgaloschen in diesem Schneepansch! Und nie war ihr beizubringen, in welche Elektrische sie steigen mußte, und wenn sie sich endlich die Nummer gemerkt hatte, nahm sie gewiß die verkehrte Richtung. Ja, er erinnerte sich – das war in Dresden gewesen –, wie sie ihm gleichmütig sagte, nun, 70 dann fahre ich eben bis zur Endstation, dort setzt mich der Schaffner in den richtigen Wagen. Es war hoffnungslos!

Aber nun nahm sie ihn mit, ganz hausfraulich, und als er oben in ihrem Stockwerk angelangt war, nach all der kalten Nässe in dem warmen Zimmer stand, mußte er doch mitlächeln bei ihrer Freude an der geräumigen Wohnung. Sie gefiel auch ihm, erinnerte ihn an weitläufige Landhäuser seiner Kindheit. Nur fand er, daß es an Teppichen fehle, denn da er selbst an schlechter Blutzirkulation litt, schien ihm dies ein ernster Mangel.

»Ach, Toblach hat mir Tigerfelle versprochen,« sagte Frau von Rosendorp. »Na ja, er verspricht so manches,« sagte Rütten etwas säuerlich. »Einstweilen werden Sie mir gestatten, Ihnen einen alten Teppich zu Füßen zu legen – er schimmelt sowieso beim Spediteur. Es ist ein ziemliches Ungetüm, noch aus dem Nachlaß meiner Mutter, mit Streublumen; aber wenigstens werden Sie etwas Warmes unter den Füßen haben, wenn Sie am Schreibtisch sitzen. Übrigens sehe ich, daß Sie noch immer das kleine, wacklige Monstrum bevorzugen.«

»Ach ja,« sagte Frau von Rosendorp mit seltsamer Logik, »Mama klagte auch ihr Lebenlang darüber; sie nannte ihn den Feind.«

»Und deshalb benutzen Sie ihn nun auch,« sagte er, und dann lachten sie beide. 71

Die Tür öffnete sich. Käthchen brachte das Teebrett und schloß, sich zurückbiegend, die Tür. Dann stellte sie alles schweigend auf den runden Tisch, wobei ihre grünen Augen unter den Lidern blinzelten. Alter Herr mit Brille, stellte sie fest, seufzte leise auf und ging.

»Neue Erwerbung?« fragte Herr von Rütten, der ihre pantherartigen Windungen genossen hatte: er blähte ein wenig die Nüstern.

Frau von Rosendorps linke Braue ging kaum merklich in die Höhe. Dann erzählte sie Käthchens Werdegang, soweit ihr dieser bekannt war; auch ihre Tätigkeit im Pelzgeschäft Flecklmayer und Hasenbalg erwähnte sie.

»So – in einer Kürschnerei? Da paßte sie auch hin,« sagte Rütten, indem er seine Brillengläser putzte. »Sie hat Bewegungen wie ein Iltis.«

»Ja, nur daß ihr Haar mehr ins Silbrige spielt. Chinchilla wäre mehr ihre Note,« meinte Marianne.

Dann aber redeten sie von alten Zeiten, denn sie kannten einander seit Jahren. Oft lagen lange Zeitabschnitte zwischen ihren Begegnungen, aber der Faden knüpfte sich immer wieder mühelos an, als hätten sie einander kaum aus den Augen verloren. Ihre Eigenart war einander wohlbekannt, und trotz mannigfacher Schicksalswendungen war etwas Unabänderliches in ihrem wie in seinem 72 Temperament; sie boten einander keine Überraschungen mehr, ein seelischer Zustand der der Liebe verhängnisvoll, der Freundschaft aber zuträglich ist. Es war jedesmal ein halb wehmütiges, halb belustigtes Erkennen, wie man eine wohlbekannte Stube betritt und die Schwelle wiederfindet über die man als Kind schon stolperte, den Wandschrank in den man sich so manches Mal verkroch. Wenn auch Marianne redete was ihr gerade durch den Kopf kam und dadurch neuen Bekanntschaften unerwartet, ja barock vorkommen mochte, er kannte diese ihre Art, an die ehrwürdigsten Einrichtungen, die erhabensten Probleme ganz harmlos heranzutreten, was viele respektlos nannten; es ließ ihn ebenso ruhig wie die Gemeinplätze in denen, besonders jetzt, die meisten ihr Heil suchten; denn in Zeiten der Not, der Ungewißheit suchen die Menschen nach dem Rückhalt der Allgemeinheit, des Chorgesangs; und der Gemeinplatz ist natürlich der Text dazu. Ja, ihre kleinen Paradoxa ließen ihn viel ruhiger, denn sie reizten ihn weniger zum Widerspruch als das immer noch optimistische Geplätscher seiner Bekannten. Und sie wieder verstand, ob sie ihr selbst auch fremd war, seine kühlnüchterne Art, die Dinge anzusehen und aufzunehmen, und ahnte darin mit der ihr eigenen feinen Witterung die selbsterhaltende Abwehr einer allzu dünnhäutigen Natur. Und irrte sich nicht. Denn das große Elend, 73 das er täglich sah, das er pflichttreu aber mit unendlichem Widerwillen erlebte und bekämpfte, hatte die Hornhaut, die ein jeder der am Leben nicht zugrunde gehen will sich wachsen lassen muß, noch verdickt; dazu kam physisches Ermatten und eine fast schildkrötenhafte Verwachsung mit den eigenen, schützenden vier Wänden – my house is my castle, und wenn's auch nur eine kleine möblierte Wohnung war –, und so war für ihn doch wohl eigentlich das beste, das er sich antun konnte, ja die einzige Belohnung für das ihm zuwidere Tageswerk, am Abend, die Füße im Fußsack, eine raffiniert gute Tasse Tee in greifbarer Nahe, vor Schlafengehen noch einige Seiten eines spitzfindigen psychologischen Werks zu lesen, die er mit Rot- und Blaustift stellenweise unterstrich und – so wie einer eine interessante Landschaft als Maler, aber ebenso als Landwirt beurteilen kann – sowohl als Naturforscher und Philosoph als auch als Kenner eines guten, geschliffenen Stils langsam kostend zu sich nahm.


Wie es bei methodischen Geistern der Fall ist, wurde, was der schlampig genießende Mensch eine liebe Gewohnheit nennt, bei ihm zum Bestandteil planvoller Zeiteinteilung. Wenn seine zweite Runde durch den Krankensaal vorüber und er auch sonst dienstfrei war, konnte man ihn nun oft mit geräumigen Galoschen an den Füßen 74 und einem weißen Seidentuch um den Hals, nach dem gelben Biedermeierhaus wandern sehen, wo Marianne Rosendorp, gleichfalls müde und entmutigt nach ihren Samariterwegen, das Teestündchen vorbereitete. Ach, ihre kleinen Leimruten, mit ihrem letzten chinesischen Tee, mit Kressebrötchen und derlei unschuldigen Lockspeisen zubereitet, die sie da für ihn aufgestellt hatte – sie dachte sich weiter nichts dabei. Sie war allein im Leben – und er auch. So schwebten ihr allerhand zart geistige Beziehungen vor, wie sie von Frauen des achtzehnten Jahrhunderts, denen der Puder das graue Haar unkenntlich machte, in so unglaublichen Mengen und verschiedensten Schattierungen kultiviert wurden. Mit leise gleitenden Gesprächen beim Kaminfeuer, dessen huschende Lichter und Schatten zum Sinnbild wurden eines innerlichen Aufflackerns und Sichbescheidens; wo man gemeinsame Erinnerungen auftauchen ließ, auch Zweifel und wehmütige Erkenntnisse – aber stets maß- und taktvoll, ohne unerfreuliche Offenbarungen, wie es Menschen wohlansteht, die, innerlich verwundet, eine fast physische Qual empfinden wenn die Allzugründlichen ihnen nahen. Die mit der Zeit dann sich loslösen und die Enttäuschungen die ihnen geworden beinahe wie perspektivische Ausblicke – man möchte sagen landschaftlich – beurteilen. 75

Rütten aber war, nachdem ein paar Wochen regelmäßigen Teebesuchs vergangen, unter dem Vorwand gesteigerter ärztlicher Arbeit seltener gekommen. Man hätte ihn einen Sybariten der Askese nennen können. Seine positiven Bedürfnisse waren gering, seine negativen desto größer. Und all die zarten Dinge, das Aufmerken, das Grenzgefühl, die ein solches Geplänkel reizvoll machen, ihm das leichte Aufschäumen verleihen, ohne das der Trank doch nur matt wäre, waren seiner Bequemlichkeit auf die Länge ein zu teurer Preis. Jedoch – wenn auch seltener als anfangs –, wenn sie ihm ein Zettelchen geschickt hatte, ihn um ein Buch, einen Rat, eine Aufklärung bittend, kam er gleich. Der Teppich mit den Streublumen erwärmte nun den rissigen Parkettboden, auch hatte sich Marianne durch einen diplomatischen Freund des neutralen Auslands wieder ein Pfund chinesischen Tees – indischer war Herrn von Rütten ein Greuel – verschafft, nun, da alle ihre Bekannten und sie selber auch, nur noch Aufguß aus Lindenblüten oder Himbeerblättern tranken. Auch die von Rütten so hochgeschätzte Kresse wurde in achttägigen Zwischenräumen in Blumentöpfen kultiviert. Wenn er dann dasaß, fand er es ganz gemütlich. Denn Frau von Rosendorp hatte eigenhändig die Türen mit Wattestreifen versehen, die das Eindringen der kalten Luft aus dem Vorplatz verhinderten, 76 zwischen den Doppelfenstern lagen Kissen, und der Kachelofen tat seine Schuldigkeit. Das alles förderte die Unterhaltung.

Käthchen brachte den Tee, von Herrn von Rütten halb väterlich, halb neckend begrüßt. Ihre Gestalt zu beobachten, deren äußerste Schlankheit dennoch Kraft und Überschuß verriet, war ihm ein ästhetischer Genuß. In seinem Beruf kam ihm so viel Krankes, Vermickertes, Unschönes vor Augen, daß ihm diese Essenz von Jugend und federnder Anmut allein schon anatomisch ein Labsal war. Und dann . . . er befand sich in dem Alter, wo der Mann – er braucht noch kein greiser David zu sein – nach dem belebenden Dunst der jungen Abisag verlangt. Die erotischen Intermezzi, die er sich von Zeit zu Zeit gönnte, hatten stets eine jugendliche Partnerin. Flüchtige Begegnungen, von Mitleid leise durchzuckt: arme kleine Tiere, dachte er, freute sich dankbar, wenn sie noch spontan und unraffiniert waren, freute sich aber auch humoristisch, wenn sie in allerhand Farben spielten, kleine Finten gebrauchten und ihren Vorteil kannten. Sie waren jung, drum sah er's ihnen nach. Jugend überhaupt! Er konnte bei dem Wort melancholisch-genießerisch erschauern; konnte ja auch hingerissen, fast gerührt dem Spiel junger Hunde oder Kätzchen zusehen, und ein junges wolliges Eselchen, das er in diesem noch halbländlichen 77 Stadtteil in der Stallung eines Milchhändlers entdeckt hatte, erhielt nun jeden Sonntag die Äpfelschalen, die er während der Woche sammelte, denn aus hygienischen Gründen nahm er allabendlich zwei Lederrenetten zu sich, da Gravensteiner hierzulande leider nicht aufzutreiben waren.

Käthchen hielt sich anfangs fern; seine blitzenden Brillengläser wirkten ähnlich auf sie wie das ausgestopfte Wiesel; ihre Neugierde war mit Widerstreben gemischt. So zog sie sich immer gleich zurück, nachdem sie Tassen und Brötchen aufgetragen hatte. Den kostbaren Tee bereitete Frau von Rosendorp selbst. Freilich, so gut wie das Getränk, das Herr von Rütten sich selber in seinen vier Wänden braute, war er nicht, denn zu ihres Freundes Mißbehagen vergaß Marianne fast immer, Kanne und Tassen vorher heiß zu durchspülen.

Bisweilen dann, wenn sie einige Zeit gesessen und geplaudert hatten, ertönte ein leises Miau, sei's von der Tür, sei's vom Balkon, dessen Schlinggewächse das Klettern begünstigten; Herr von Rütten stand mit einem kleinen Seufzer beinahe ehemännlicher Resignation auf und ließ Kathinka Plüsch herein, die sofort begann, die Kissen des Sofas mit fächerartig gespreizten Vorderpfoten zu kneten, wozu sie schwelgerisch die Augen schloß. Anfangs ließ sie sich von ihm nicht fangen, mit der Zeit aber hatte er sie 78 durch langsames, mechanisches Streicheln so weit gezähmt, daß sie ein Weilchen auf seinen Knien sitzen blieb mit weit offenen Augen, ausdrucklos und grün wie zwei verlassene Oasen.

Manchmal erzählte er dann von seinen Erlebnissen im Krankenhaus, ungern zwar und nur widerwillig auf Mariannes Fragen eingehend; lieber und ausgiebiger sprach er über Bücher, die er las oder gelesen hatte, ziemlich abstruse Sachen, bei denen Frau von Rosendorp sich nicht viel denken konnte, denn sie waren ihr zu allgemein und krankten am Mangel an Beispielen. Heute nun hatte er mit seiner leisen Stakkatostimme von einem Buch erzählt, dem es zum Teil jedenfalls an Anschaulichkeit nicht zu mangeln schien. Ein bitteres, mehr denn offenherziges Buch, das die Frauen – denen es eigentlich die Daseinberechtigung absprach – in fürchterliche Rubriken einteilte; es gab da allerhand schwierig zu erörternde, aber untrügliche Merkmale – beinahe wie bei der Graphologie –, wonach man erkennen konnte, in welches Ställchen man selber gehörte, ob man zu den dumpfbrütenden Muttertieren oder zu den schamlos girrenden Weibchen zu rechnen sei. Doch erzählte er das alles auf die ihm eigene losgelöste Art, daß Marianne sich schämte, in seiner Gegenwart über irgend etwas zu erröten; denn dem Reinen ist alles rein, wie nun erst dem Manne der Wissenschaft! Ein paarmal jedoch 79 zuckten ihre Gedanken zu des seligen Herrn von Rosendorps geliebten Enzyklopädisten hinüber, und bei all diesen Einblicken und Zergliederungen gedachte sie, wie wohl im Salon der Dudeffand oder der Madame D'Epinay deren Freunde – Diderot und D'Alembert und der Abbé Galiani – mit entzückendem Witz über all diese genierlichen Dinge hinübervoltigiert wären, eine amüsante, geistig-sinnliche Erregung wie prickelnde Feuerfunken hinterlassend.

Neben ihr auf dem Sofa aber lag Kathinka mit geschlossenen Augen, die sie nur ab und zu verwundert auftat, und vielleicht dachte sie, wozu das Gerede, wir Katzen sind gottlob nicht so kompliziert; wir haben unsere Liebesstunden, wie's uns bekömmlich ist, nachher kommen folgerichtig die Jungen und müssen gesäugt werden, und das ist auch gut und bekömmlich, wenn auch nicht eitel Freude; denn wir müssen sie im Maul herumtragen und in Sicherheit bringen vor allerlei Feindschaft. Wenn sie uns dann nicht mehr nötig haben, lieben wir aufs neue, und infolgedessen sind unsere Nerven immer in gutem Stand, von ihnen spricht man nicht. Bis schließlich der Tod kommt, den wir ohne viel Umstände mit Anstand in Einsamkeit erleiden.

Nach einiger Zeit aber sprang Kathinka auf, streckte sich, machte einen krummen Buckel und ließ wieder ihr leise klagendes Miau ertönen, und Herr von Rütten öffnete ihr, 80 abermals mit einem kleinen Seufzer der Ergebung, die Tür zum Vorplatz. Bei dieser Gelegenheit warf er einen Blick auf die alte Standuhr zwischen den Flurfenstern, von der Marianne behauptete, es sei die aus dem Märchen von den sieben jungen Geißlein, in die sich das jüngste vor dem Wolf verkroch; dabei sei Ziegenhaar ins Werk geraten, und darum ginge sie so schlecht.

Der Zeiger stand auf halb neun; bis Herr von Rütten zu Fuß nach Hause kam, würde es neun oder auch mehr; also höchste Zeit, sich zu verabschieden. Er nahm mit kühlem, gleitendem Händedruck von Marianne Abschied, trat mit selbstverständlicher Gewißheit in seine bereitstehenden Galoschen und sah sich um. Manchmal mußte er sich selber mit mehreren Zündhölzchen die Treppe hinableuchten, manchmal aber kam Käthchen mit dem Licht. So auch heute. Die Flamme schien rot durch ihre feinen, schützenden Finger und der Schein breitete sich aufwärts über ihren lächelnden Mund, ihr kleines, seltsames Sphinxgesicht. Herr von Rütten bat sie voranzugehen; er labte sich gern an ihrem federnden Gang, ihrer elastischen Rückenlinie. An der Haustür verursachte das altmodische Schloß einen kleinen Aufenthalt. Dort, in nächster Nähe Käthchens stehend, die Wärme ihres Körpers spürend, überkam ihn eine jener Wallungen, die ihn weiter nicht in 81 Erstaunen setzten, sondern die er wie alte Bekannte begrüßte. Da war irgendein Fluidum das von Käthchen ausging, das ihn erregte – ein leises Prickeln der Haut, bis in die Haarwurzeln ausstrahlend, tat es ihm kund. Nun ging wohl alles wie es gehen mußte. Hinter ihr stehend, legte er den Arm um den warmen schlanken Leib – ein Hauch wie von warmgeriebenem Sandelholz kam ihm entgegen – und fühlte, wie sich dieser plötzlich unter seiner Hand zusammenzog. Käthchen stand ganz still; nun gab sie wieder nach, und es war da ein wellenartiges Rieseln am Rückgrat entlang, das er durch den Stoff ihres Kleides fühlte. Ja und nun – war es Täuschung? –, er meinte einen weichen, dunkeln Ton zu hören, so wie Wildtauben rufen, lockend, warnend – eigentümlich ansprechend. Da näherte er sein bebrilltes Antlitz dem schmalen Hinterkopf, der sich über das Türschloß neigte, sein Atem berührte den silbrigen Flaum im Genick. Aber plötzlich fuhr Käthchen herum, ihre Augen waren schwarz geworden, ihr Mund öffnete sich als fauche sie, sie war ganz häßlich; im selben Augenblick fühlte Herr von Rütten einen reißenden, zackigen Schmerz, als sei er einem Dornbusch zu nahe gekommen. Er griff ins Gesicht, da war etwas Feuchtes, Blut – wenn auch der Schmerz, bis auf ein leises Brennen, schon im Vergehen war. Das Licht war 82 umgefallen, er stand im Dunkeln, aber die Tür hatte sich geöffnet und der Rasenplatz draußen leuchtete fahl. Käthchen war nicht mehr zu sehen. Er drückte das Taschentuch an die Wange. Was war gewesen? Über den Schnee, an der Pumpe vorbei, huschte etwas Graues. Kathinka? Aber auch sie hatte Krallen, das kleine Mistvieh, und war ihm in diesem Augenblick gänzlich zuwider. Und Käthchen! kleine raffinierte Kröte, dachte er und mußte etwas säuerlich lachen. Erst diese Wellenlinien, dieser gurrende Ton, und dann plötzlich – noli me tangere, die keusche Lukrezia! Jedenfalls wollte er nun geraume Zeit vergehen lassen ehe er das ockerfarbene Haus wieder betrat. Es war ja sehr nett von der guten Marianne, und sie wollte es ihm gewiß so gut es ging ein bißchen heimatlich machen. Aber für seinen Geschmack war sie während der letzten vier, fünf Jahre reichlich literarisch geworden, zerpflückte ihre und anderer Leute Seelen mit Wenn und Aber und allerhand Qualitätszitaten – wo hatte sie die nur her? – und nannte das Psychologie. Statt etwas Vernünftiges zu lesen, oder auch Patience zu spielen. Von eigentlicher Denkarbeit natürlich keine Ahnung, und auch die geläufige wissenschaftliche Ausdrucksweise war ihr völlig fremd, und wenn man sich redlich bemühte, ihr etwas zu erklären, merkte man's ihr an den Augen an, wie ihre Gedanken 83 abschweiften. War's Zerstreutheit, war's Pose. Wenn ihr zum Beispiel nicht auszureden war, Kuxe seien ein Feuerungsmaterial. Ja, sicherlich war's Pose. Und dann, Frauen waren eben doch furchtbar bequem, sie wollten die Wissenschaft einnehmen wie magenkranke Säuglinge jene leicht assimilierbaren Präparate, die sozusagen vorverdaut sind. Ach nein, nun ging er nach Haus, und er freute sich darauf. In warmen Schuhen und gesteppter Seidenjacke, die weiche Kamelhaardecke über den Beinen, mit wirklich gutschließenden Türen und Fenstern und dem tadellos arbeitenden Füllofen war es bei der herrschenden Kälte so gut sein wie in dieser mangelhaften Welt überhaupt möglich. Nun ja, man hatte sich mal wiedergesehen und so – alle paar Jahre einmal – die alten Zeiten durchzureden, es war ja so manches Gemeinsame gewesen . . . Aber es gab jetzt andere Dinge, die furchtbar an den Nerven zupften, ob er sich's auch nicht merken ließ; seine pessimistische Veranlagung setzte ihm eben wieder die allzu scharfe Brille auf. Man wird bald all den persönlichen Krimskrams leichter nehmen; oder vielmehr, das Allgemeine wird aufs schmerzhafteste, aufs deutlichste mehr und mehr zum Persönlichen werden.

Inzwischen war immer noch die beste Ablenkung, seinen Verstand an scharfen, abstrusen Dingen zu wetzen, das gab eine eigene und sehr 84 viel lohnendere Erregung und man behielt keinen Katzenjammer davon, auch nicht die Abzeichen von fünf kleinen, absonderlich spitzen Krallen, die er nun ein paar Tage lang, wie in seiner fernen Göttinger Zeit, als Merkmal einer gutsitzenden Abfuhr mit sich umhertragen würde.

 


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