Egid von Filek
Verwirrung in Magdalenenbad
Egid von Filek

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Neuntes Kapitel

Man wird sich wundern, daß sich der Loisl durch jenen Absagebrief, den ihm die kleine braune Anni in schicksalsschwerer Mondnacht in ihrem Mansardenzimmer beim Schein des Küchenlämpchens geschrieben, von der Verfolgung seiner Zukunftspläne so gar nicht ablenken ließ; vielmehr als Schankbursch und Gehilfe des Ochsenwirtes einen Lebenspfad betrat, der ihn über kurz oder lang in die Nähe des geliebten Mädchens bringen mußte.

Aber wer einmal als Bub seine kleine Freundin mit keckem Griff aus dem Wasser gezogen hat, der läßt sie auch später nicht fahren, wenn sie in ein fremdes und feindliches Element zu versinken droht.

Und der Loisl fand, daß jetzt die Zeit zu handeln gekommen sei, und daß er abermals zugreifen mußte, sonst entschlüpfte ihm die kleine Anni in die große Stadt und war dann für ihn ebenso sicher und unrettbar verloren wie auf dem Grunde des braunen Flusses.

Den Siegesbogen einer frohen Zukunft aber hatte der Loisl auf zwei Pfeilern aufgebaut: auf einer 165 ersprießlichen Lernzeit im Weißen Ochsen und auf dem feierlich versprochenen Kapital des Onkels Franz.

Das Ochsenwirtshaus sah nicht gerade reich oder vornehm aus, aber es hatte seine Stammkundschaft und war namentlich bei den Wallfahrern beliebt, die den schönen gotischen Flügelaltar im Dom zu besuchen pflegten, weil die blaugoldene Madonna im Ruf der Wundertätigkeit stand. Durst und Frömmigkeit gehen gerne Hand in Hand, und vom Singen heiliger Lieder wird die Kehle sehr trocken, so daß der Ochsenwirt den Marienfeiertagen immer ein schönes Geschäft verdankte.

Und das Extrazimmer war an jedem Abend voll von Stammgästen; der Loisl schoß hin und her mit rotem Gesicht, drei bis vier Bierkrügel in jeder Hand, auf dem linken Arm balancierte er die gefüllte Kalbsbrust für den Herrn Staatsanwalt und das Hirn mit Ei für den Herrn Landesgerichtsrat, auf dem rechten schwabberte die Kalbssulz, das Leibgericht des Herrn Adjunkten; er versah seinen Dienst gar eifrig und beflissen, wie es sich gehört für einen strebsamen Anfänger, und stand sich nicht schlecht dabei.

Aber ach – wenn der arme Loisl das Zehnfache der Trinkgelder verdient hätte, die dem anstelligen, flinken Burschen von allen Seiten zuflossen, so hätte das noch lange nicht zur Verwirklichung seiner Pläne gereicht; da mußte schon der Onkel Franz einspringen, der zweite Grundpfeiler jenes Triumphbogens, der in 166 das Sonnenland einer freundlichen, zweisamen Zukunft führte.

Es gibt auf der Welt keinen zäheren Geizhals als es so ein alter geiziger Bauer sein kann. Und daß der Onkel Franz, der dem krausgelockten Loisl Reichenberger das Geld zum Ankauf des kleinen Gasthauses »Zum grünen Elefanten« versprochen hatte, noch ein extra zäher Geizhals war, darüber herrschte im ganzen Dorf nur eine Meinung.

Der liebe Gott mußte seinen allerzähesten Lehm genommen haben, als er den Onkel Franz erschuf, der schon als Bub ein gerissener Geschäftsmann und im höheren Alter der erfolgreichste Schweinehändler der ganzen Gegend war.

Und der liebe Gott mußte wissen, warum er just den Onkel Franz so sehr begünstigte – wenn allen Bauern die Schweine an Rotlauf und Schweinepest zugrunde gingen, der Onkel Franz hatte immer Glück bei der Aufzucht und noch mehr beim Verkauf.

Aber je reicher einer ist, desto schmutziger ist er; es hatte schwere Mühe gekostet, den lieben Onkel so weit zu bringen, daß er mit seiner trockenen Knochenhand in den Geldsack griff, und er griff zögernd und unwillig hinein und wollte es nur als Gnade gelten lassen, trotzdem er sich seine Zinsen ganz gehörig berechnete.

Aber am Ende tat er es doch; er wußte ganz gut, daß das liebe Geld, auch wenn es mit großen Summen 167 protzt, ein wertloses und totes Ding ist, solange es nicht ein rühriger und lebensfrischer Kerl in Umschwung setzt und damit arbeitet. Und da er aus seinem Kapital soviel als irgendmöglich herausschinden wollte, so spannte er ihm den Loisl vor, seine Jugend, seinen Fleiß, seine Arbeitskraft und nicht zuletzt seine Liebe zu der braunen Anni.

Mit dem Wirtshaus zum grünen Elefanten aber verhielt es sich so: Es saß eine alte Witib darauf, kniffig und vertrocknet, die an Filzigkeit dem Onkel Franz nichts nachgab und dem Loisl, der mit ihr über den Kaufpreis verhandelte, immer wieder ein neues Wenn und Aber zwischen die Füße warf; und so hatte er im Einverständnis mit dem Onkel beschlossen, zu warten, bis das alte Leder mürbe wurde.

Denn aus dem kleinen Wirtshaus konnte einer, der sich dazu hielt und nicht so faul war wie seine gegenwärtige Besitzerin, etwas machen. Es sah gar hübsch und zierlich aus mit seiner verglasten Veranda und dem hoffnungsgrün lackierten Elefanten, der an einem langen, kunstvoll geschmiedeten Arm in der Luft baumelte; und es lag am Rande der Stadt, wo die Felder- und Wiesenfreiheit lockte, und in seiner nächsten Nähe brüllte jeden Donnerstag hinter weiß gestrichenen Schranken der Viehmarkt.

Wenn es der Wirt verstand, den Schauplatz der stundenlangen Verhandlungen, aus denen bei den Bauern jeder Kälber- und Ochsenkauf hervorwächst, 168 von der Straße draußen ins kühle Schankzimmer zu verlegen und seinen Gästen etwas Besseres vorzusetzen als einen elenden Krätzer, ein abgestandenes Bier und das verdrießliche Gesicht einer alten Vettel, so mußte er auf seine Rechnung kommen.

Und half ihm dabei in Küche, Keller und Wirtsstube ein flinkes und geschicktes Weibchen, hübsch von Angesicht und Gestalt und heiteren Gemütes, das mit den Leuten zu reden wußte – – dann konnte das kleine Gasthaus vielleicht noch eine Goldgrube werden.

An all das dachte der Loisl, während er seinen Dienst beim Ochsenwirt versah, wenngleich dieser Dienst schon dafür sorgte, daß er nicht allzu oft zum Nachdenken kam; aber spät abends, vor dem Einschlafen, wenn er in seinem Dachstübchen auf dem schmalen Bette lag und durch das kleine Fenster zum nachtblauen Himmel emporstarrte, da klang ihm der wiegende, weiche Ländler im Ohr – der Ländler von jenem Kirchweihfest, wo er, die Nelke zwischen den zusammengebissenen Zähnen, bei den Musikanten gestanden hatte, als die Anni an ihm vorübertanzte, die kleine braune Anni, deren biegsame Gestalt in seiner Erinnerung immer mit der Tanzmelodie zusammenfloß.

Aber mit dem Träumen und Sinnieren war nichts getan; es galt, sich der Anni wieder einmal so leibhaftig und greifbar als möglich in Erinnerung zu bringen, und dazu fand sich die beste Gelegenheit am Sonntag im Kino, wo nach Aussage des Ochsenwirts die 169 hübschesten Dirndeln der Gegend zusammenkamen und der Loisl beim Bierfaß stand und fleißig zapfte.

Der Ochsenwirt täuschte sich keineswegs, wenn er sich von der Tüchtigkeit seiner neuen Hilfskraft eine Steigerung des Bierkonsums versprach. Alles wollte von dem hübschen krausgelockten Blondkopf bedient sein, der während der Lichtpause sehr gewissenhaft und sachlich, mit einer sauberen weißen Schürze angetan, seines feuchtfröhlichen Amtes waltete, und viele blanke Mädchenaugen guckten wohlgefällig und ermunternd nach dem jungen Kerl.

Aber all das glitt von ihm ab wie Wassertropfen von der Öltonne, bis sich plötzlich aus dem drängenden Gewühl der Durstgequälten ein kleines, schmales, braunes Händchen zögernd nach einem schaumgekrönten Bierglas ausstreckte und der erstaunte Blick des Loisl, die Linie dieses Händchens zum Arm, zur Schulter und noch weiter hinauf verfolgend, an den großen feuchten Rehaugen der kleinen Anni hängenblieb.

Doch bezwang er sich und war ganz Kellner, höflich und dienstbeflissen, nahm mit einem artigen »danke sehr« das Geld in Empfang und schien sich weiter nicht um die Anni zu kümmern.

Aber dann, als die Vorstellung zu Ende war und die filmgesättigte Zuschauermenge ins Freie strömte, tauchte er plötzlich neben ihr auf. Und weil es eben Neumond, die Straße recht finster und die Anni furchtsam war, machte es sich ganz von selbst, daß der 170 Loisl, der an jenem Abend keinen Dienst im Weißen Ochsen hatte, sie den Weg von der Stadt nach Magdalenenbad hinauf begleitete; er sprach ein wenig über seine Zukunftspläne, erzählte von diesem und jenem Bekannten aus dem Heimatdorf, gab der Anni beim Abschied die Hand und wünschte gute Nacht als ein alter Freund und Kamerad.

Und wenn auch ihre freundlich-kühle Haltung keine weiteren Vertraulichkeiten zuließ, so schien der Loisl doch mit dem vorläufigen Ergebnis des Wiedersehens zufrieden; als die Anni ins Haustor geschlüpft war, schweifte er noch längere Zeit durch den nächtlichen Park, wie ein Hund das Haus seines Herrn umkreist, verrenkte sich fast den Hals beim Ausguck nach einem kleinen goldigen Lichtlein hoch droben in der Mansarde und blieb auf seinem Lauerposten, bis es erlosch. Dann stolperte er über Steine und Baumwurzeln den Hang hinab, zurück in die Stadt, und schlief so süß getröstet ein wie der Ritter Toggenburg nach dem Anblick seiner angebeteten Nonne im Rahmen des mondbeglänzten Klosterfensters.

Aber droben in Magdalenenbad schlief man nicht so ruhig. Gewitterstimmung herrschte in den Gemütern, und die Geister künftiger fataler Ereignisse schwebten unsichtbar durch die Räume des Hauses, das dem Frieden der Seele und der Erholung des Körpers geweiht war.

Natürlich handelte es sich um Franz Seibold, den Maler; und wir müssen zu unserem Leidwesen 171 feststellen, daß er nach wie vor ein Fremdkörper in der Sommergemeinde von Magdalenenbad blieb.

Man wußte noch immer nicht, in welches Schubfach man ihn hineintun sollte; kein Titel, keine amtliche oder akademische Würde umstrahlte seinen Namen; kein Automobil, kein eleganter Anzug, keine gefüllte Brieftasche, keine Exotik gaben seiner Persönlichkeit jene Folie, welche die bessere Gesellschaft nun einmal verlangt; er war und blieb vom Strubbelkopf bis zu den Nagelschuhen der Naturbursch, dem jeder Sinn für Pose und Feierlichkeit fehlte, und weil er durchaus nichts aus sich machte, so machten sich die anderen aus ihm eben auch nichts.

Abgesehen von dem Ärgernis, das er durch sein freies Verhältnis zu der rotblonden Aura erregte, gab es zwei Dinge, an denen namentlich die Damenwelt Anstoß nahm: sein Skizzenbuch und seine Pfeife.

Was das Skizzenbuch betraf, so hatte er es einmal, zerstreut und nachlässig wie Künstler eben sind, auf dem Klavier im Konversationszimmer liegen lassen; und da war Mama Regenfeld darüber geraten und hatte neugierig darin herumgeblättert, aber die Neugier ward bald zum Befremden und zur Entrüstung, denn es zeigte sich, daß Herr Franz Seibold nicht etwa bloß Landschaften, Häuser, Bäume, Hausvieh und ähnliche zahme Naturgebilde zeichnete, sondern auch männliche und weibliche Hände, Arme, Beine, Rümpfe, zumeist in verwegenen Stellungen und paradiesischer 172 Hüllenlosigkeit, eine ganze Sammlung von Anstößigkeiten. Mama Regenfeld zeigte das Skizzenbuch dem eben eintretenden Professor Scheidemantel, der sofort sein fachmännisches Gutachten darüber abgab und bedauernd von den Irrwegen der modernen Kunst sprach, die sich immer weiter vom Idealen entferne, statt nach dem ewig mustergültigen Vorbilde der alten Meister nur das Schöne darzustellen.

Später kamen noch Frau Niemaier und das Fräulein in Safrangelb dazu und beguckten alles genau, Seite für Seite, und die ganze Gesellschaft plätscherte mit lustgemengter Empörung in dem Sündenpfuhl herum, bis das Erscheinen der kleinen Maus Zurückhaltung gebot; Mama Regenfeld aber ergriff mit zwei Fingern, als fürchte sie sich zu beschmutzen, den Gegenstand so vielseitigen Ärgernisses und wackelte damit hinaus, um ihn Frau Dorothea Burmester zu übergeben, zwecks Rückstellung an den verruchten Besitzer.

Und dann – die Pfeife! Das war der zweite Stein des Anstoßes. In den ungeschriebenen Gesetzen, die das Kunstleben regieren, steht nun einmal, daß alle Maler kurze, stummelhafte, übelriechende Pfeifen haben müssen. Und Herr Seibold war mit seiner Pfeife verwachsen, schier wie das Nashorn mit seinem Gesichtsvorsprung; er hatte einmal sogar das Speisezimmer damit betreten, wo doch aus Gründen der Hygiene und des guten Geschmacks das Tabakrauchen verpönt war! 173 Wie konnte das feine Parfüm, dessen sich die Magdalenenbader Damenwelt bediente, zur richtigen Geltung kommen im Riechbereich der zum Himmel stinkenden Pfeife des Herrn Seibold!

Und es war kein Zufall, daß eben diese Pfeife zum Anlaß der Katastrophe wurde, die ihn aus dem Elysium der Kurgemeinde von Magdalenenbad wieder in den Tartarus seines Bohemelebens hinabstürzte. –

Unter solchen Umständen wirkte es als große Überraschung, als Herr Niemaier, von dem man dergleichen am allerwenigsten erwartet hätte, eines schönen Tages den Künstler bat, für ihn zur Erinnerung ein kleines Bild von Magdalenenbad zu malen.

Was ihn dazu bestimmte, nach der Art der Kunstmäzene Herrn Seibold diesen huldvollen Auftrag zuzuwenden, blieb in Dunkel gehüllt.

Sei es, daß Herr Niemaier sich deshalb zur Malkunst hingezogen fühlte, weil in seinem ehelichen Schlafzimmer über dem Doppelbett ein großer, breitgerahmter Öldruck der unbefleckten Empfängnis hing – oder war es das Mitleid des verdauungsfrohen, gutmütigen Bürgers und Hausbesitzers mit dem armen Teufel aus der Boheme, der kein richtiges Heim, kein dauerhaftes Eheweibchen, keine sorgsam bereiteten Mahlzeiten hat und in seiner Werkstatt wohnen, kochen, essen und schlafen muß – kurz, Herr Niemaier bestellte das Bild; aber als es fertig war und bezahlt werden sollte, erlebte der huldvolle Auftraggeber, der 174 aus Mangel an Verkehr mit Künstlern keine Ahnung von den Preisen hatte, eine sehr peinliche Überraschung; denn Herr Seibold verlangte zweimal soviel als der große Öldruck der unbefleckten Empfängnis kostete, der noch dazu einen so breiten Goldrahmen besaß. Seufzend und verstimmt zog Herr Niemaier die Börse und zahlte, da es ihm als einem Mann von Takt und Geschmack widerstrebte, mit dem Künstler zu handeln; aber er nahm sich vor, künftighin trotz allen Mitleids mit armen Teufeln aus der Bohemewelt bei Bestellung von Kunstwerken vorsichtiger zu sein.

War schon diese ganze Angelegenheit nicht dazu angetan, Herrn Seibold in Magdalenenbad beliebter zu machen, so schlug die Geschichte mit der Pfeifenasche dem Fasse vollends den Boden aus.

Diese Geschichte trug sich folgendermaßen zu.

Das safrangelbe Fräulein, seit der Entdeckung jenes anstößigen Skizzenbuches auf dem Klavierdeckel beständig von der Sucht nach neuen Sensationen im ganzen Hause umhergetrieben, fand frühmorgens eine größere Menge Pfeifenasche auf einem Teller, umgeben von einem halben Dutzend Zigarettenstummeln mit Goldmundstück, wie sie Fräulein Aura zu rauchen pflegte.

Das wäre nun ganz in der Ordnung gewesen, denn die Verunreinigung des Zimmers durch Asche war streng verboten und das Stilleben in Gold, Grau und 175 Weiß nahm sich auf dem dunkelblauen Grunde des Tellers sogar sehr hübsch aus; aber: dieser Aschenteller stand in Fräulein Auras Mansardenzimmer, das zum Beobachtungsrayon des safrangelben Fräuleins gehörte und an jenem Morgen leer war, weil seine Bewohnerin mit Herrn Seibold einen Spaziergang unternommen hatte; mitten auf dem Tische stand er, der Aschenteller nämlich, und da man mit Bestimmtheit wußte, daß Aura niemals Pfeife rauchte, so blieb nur eine Deutung der Sache übrig, die ein sehr schiefes Licht auf die Tugend des rotblonden Fräuleins warf.

Und weil die safrangelbe Norne ihren Augen nicht traute, so holte sie zur Bestätigung die Kollegin in Braun; diese zog die dritte in Steingrün herbei, und alle umstanden still und augurenhaft lächelnd das bunte Stilleben auf dem Aschenteller.

Und so geschah es, daß die Sommergäste von Magdalenenbad unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit erfuhren, daß Herr Franz Seibold das Fräulein Aura nächtlicherweile auf ihrem Zimmer besuche – und das hatte just noch zu allem anderen gefehlt.

Die beleidigte Moral machte sich in einer spontanen Entrüstungskundgebung Luft.

Es hatte beim Mittagessen, zur großen Befriedigung und Freude der Kurgäste und der Jahreszeit zu Ehren, Zwetschenknödel gegeben, eine linde, köstliche Speise, harmonische Verbindung der süßen Herbstfrüchte mit der Sommergabe des kräftigen Mehles, 176 mit geschmolzener Butter goldgelb übergossen wie eine Herbstlandschaft vom milden Sonnenlicht. Aber als das letzte dieser wohlschmeckenden Rundgebilde von den Tellern verschwunden war, erhob sich die ganze Gesellschaft wie ein Mann von den Stühlen und verließ das Speisezimmer – die drei Nornen im Gänsemarsch voran, dann Mama Regenfeld am Arme Professors Scheidemantel; die Maus trippelte nebenher, das Ehepaar Niemaier schob rückwärts an, so daß die beiden Verfemten im Handumdrehen ganz allein in einem leeren Zimmer saßen.

Sie sahen sich an und wurden ein wenig blaß, und in ihren Gesichtern malte sich mancherlei – Erstaunen, Spott, Verachtung und der aufkeimende Entschluß, diese wegwerfende Behandlung in gleicher Münze zurückzuzahlen.

Und so kam jener böse Tag für die Magdalenenbader Kurgemeinde, jener Unglückstag, jener dies nefastus, wie Professor Scheidemantel später mit umflorter Stimme zu den drei Nornen bemerkte, wobei er trotz seiner Betrübnis nicht unterließ zu erklären, daß die alten Römer solche Trauertage in ihrem Kalender mit einem schwarzen Steine zu bezeichnen pflegten.

Er begann wie alle anderen Tage: mit leichtem Nebel bei Sonnenaufgang, mit frischem Morgenwind und Laubfall, so stark, daß die kleine runde Hanni unmöglich mit dem Zusammenrechen der 177 Blätter fertig geworden wäre, hätte nicht Lajos dabei tatkräftig mitgeholfen; woraus zu ersehen, daß er ihr wegen des Spottgedichtchens nicht sehr böse war, vielmehr sich die beiden trotz Verschiedenheit der Muttersprache und Nationalität schon sehr gut verstanden, was vor allem dem gründlichen Sprachunterricht der schwarzen Hanni zuzuschreiben war. Was für einen Lohn sich aber Lajos, der ja grundsätzlich nie etwas umsonst tat, für seine Mithilfe ausbedungen hatte, läßt sich leichter erraten als erzählen.

Und dann brachte der Tag auf seinen Schwingen den Morgenkaffee, das Sonnenbad, das Gabelfrühstück, den Vormittagsspaziergang und die anderen angenehmen Dinge des Sommerfrischenlebens – aber merkwürdigerweise fehlten zwei von den Hauptpersonen, das rotblonde Fräulein Aura und der Maler Franz Seibold. Und als die beiden nicht einmal beim Mittagessen erschienen, steigerte sich das Fragen zum Verwundern, das Verwundern zur Besorgnis, die Besorgnis zur Angst; Doktor Burmester fürchtete einen Unglücksfall und wollte telephonisch die Gendarmerie aus der Stadt herbeirufen, damit sie die Wälder der Umgebung durchstreife; Mama Regenfeld flatterte aufgeregt hin und her, die kleine Maus hatte verweinte Augen, Professor Scheidemantel erklärte, sich an der Streife beteiligen zu wollen, und die drei Nornen bebten teils vor Sorge, teils vor Entrüstung. Nur das Ehepaar Niemaier bewahrte jene Fassung 178 und Ruhe, die in Unglückszeiten die erste Bürgerpflicht ist.

Aber die Nachmittagspost brachte einen Brief von Aura für Frau Regenfeld und eine Geldsendung von Herrn Seibold für Doktor Burmester. Und da ward es klar, daß das flotte Paar davongeflogen war – ganz einfach davongeflogen, ohne jede Rücksicht auf die Zurückbleibenden, mit souveräner Verachtung jener ungeschriebenen Gesetze der Sitte und Moral, die eine solche zweisame Freizügigkeit, trotzdem sie jedem Staatsbürger grundsätzlich gewährleistet ist, in den Augen der guten Gesellschaft mit Acht und Bann belegen.

Und so stand auch die Abendtafel im Zeichen dumpfer Schwüle; Mama Regenfeld und die Maus blieben auf ihrem Zimmer, Professor Scheidemantel, blaß und einsilbig, zog sich bald zurück, so daß die drei Nornen nicht einmal Gelegenheit zu ein paar tröstlichen Bemerkungen finden konnten, die ihnen schon lange auf der Zunge brannten.

Und früher als sonst erloschen alle Lichter und das Haus lag so dunkel und freudlos da wie ein einsames Menschenherz ohne Liebe.

Aber auch draußen im Park herrschte Finsternis und Schwüle; es war eine mondlose Nacht, nur ein paar Sterne schimmerten mit müdem Glanz hinter einem dichten Wolkenvorhang; ein halbwüchsiges Birkenbäumchen, schlank und zierlich wie ein junges Mädel, 179 stieg im hellen Schein seiner herbstgelben Blätter zwischen den beiden finsteren Douglastannen empor – und neben ihm stand leibhaftig die kleine braune Anni und legte die Hand um den silberweißen Stamm.

Sie konnte nicht schlafen da droben in dem engen Stübchen, wo ihr das schiefe Dach beinahe auf den Kopf fiel und die hölzernen Wände sich rechts und links an das kleine Bettlein drängten; in den Strümpfen war sie hinabgehuscht, lautlos wie eine Katze, eine Treppe nach der anderen, und nun stand sie tiefatmend im schwarzen Schatten des Parkes, die linke Hand an das klopfende Herz gepreßt, mit der Rechten das Birkenstämmchen umklammernd, das sich so kühl und glatt und seidig anfühlte wie ein Mädchenarm.

Wenn der Mensch nimmer aus und ein weiß, dann sucht er Hilfe bei der unbewußten, träumenden Natur und greift nach Zufallszeichen und Orakeln.

Das war der Fall der kleinen Anni.

Denn heute war von der Betriebsleitung ein Brief an den Ingenieur Rhode gekommen, des Inhalts, daß man im Manipulationsraum eine geschickte weibliche Hilfskraft für einfache Arbeiten benötige – und er hatte der Anni das Schreiben gezeigt und ihr, in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache, noch drei Tage Frist gegeben zu letzter reiflicher Überlegung; und da war sie in Zweifel und Verzagtheit in den nächtlichen Garten hinabgelaufen, um das Baumorakel zu fragen, den alterprobten Trost und Halt für schwankende 180 Herzen; denn im Grunde war, seit der erneuten ernsthaften Annäherung des Loisl, die ganze Sache für sie ja doch eine Herzensangelegenheit.

Wer aber das Baumorakel fragen will, der hat folgendes zu tun. Er muß sich unter einen Zwetschenbaum stellen, ihn tüchtig schütteln und dabei die Zauberformel sprechen:

»Zwetschenbaum, ich schüttel dich,
heiliger Thomas, ich bitt' dich,
laß mir ein Hunderl bellen,
wo sich mein Liebster tut melden.«

Solches aber muß in der Thomasnacht geschehen, vom einundzwanzigsten auf den zweiundzwanzigsten Dezember. Und das war das erste Bedenken der kleinen Anni, daß es im ganzen Kurpark von Magdalenenbad keinen Zwetschenbaum gab und sie mit einem Birkenbäumchen vorliebnehmen mußte; ferner, daß an jenem Tage zwar Thomas im Kalender stand, aber das war ein anderer heiliger Thomas, deren es im Kirchenjahr im ganzen drei gibt; aber wer konnte der Anni zumuten, bis zum einundzwanzigsten Dezember mit der Schicksalsfrage zu warten! Vielleicht half ihr der andere heilige Thomas ebenso gerne aus ihren Zweifeln. Man mußte es eben versuchen.

Zitternd vor Aufregung sagte sie ihr Sprüchlein und schüttelte den Baum. Es war ein Märchenbild, das schlanke Mädel neben dem schimmernden Stamm, 181 umflattert von goldenen und silbernen Blättern. Und dann horchte sie angestrengt in die Nacht hinaus. Nirgends Hundegebell – – nur von der Stadt herüber, die im rötlichen Dämmerlicht dalag, der dumpfe, eintönige Hornruf des Nachtwächters.

Was hatte das zu bedeuten? War es ein Zeichen, daß sie noch zu jung war zur Liebe? Oder versagte die Kraft des Orakels, weil es eben doch kein Zwetschenbaum war, unter dem sie stand, und war vielleicht der heilige Thomas böse und verweigerte ihr die Fürsprache in einer Sache, die ihn eigentlich nichts anging? Oder blühte ihr Glück in weiter Ferne, so daß sein leiser Ruf nicht zu ihren Ohren drang?

Und noch einmal schüttelte sie das Bäumchen, und wieder klang ihr Stimmlein durch das Dunkel, leise und klagend:

»Zwetschenbaum, ich schüttel dich,
heiliger Thomas, ich bitt' dich,
laß mir ein Hunderl bellen,
wo sich mein Liebster tut melden.«

Da – was war das? Ein Hund gab Laut – von unten, aus der Stadt kam der Ton. Und dort – ja dort war doch jetzt der Freund ihrer Kindheit, der Loisl, und das kleine Wirtshaus zum grünen Elefanten, um das sich soviel sonnige Zukunftspläne rankten wie der wilde Wein um seine Türen und Fenster.

Welches Zeichen galt nun, das erste oder das 182 zweite? Sollte sie bleiben – sollte sie fortziehen? Ach, was nützen Orakelsprüche, wenn man sie nicht deuten kann?

Die kleine Anni schloß die Augen, trotzdem es um sie und in ihr wirklich dunkel genug war. Ihr war zumut wie jemandem, der im Boot sitzt und dem die Wellen das Ruder weggerissen haben, so daß er sich hilflos von der reißenden Strömung treiben lassen muß.

Nun müßte etwas kommen und sie forttragen, etwas Starkes und Wildes, dem sie sich zu eigen geben konnte ohne Frage, ohne Gedanken, willenlos, wie ein Grashalm sich dem Wind hingibt.

Und es kam – urplötzlich und unerwartet, wie alles Entscheidende in unser Leben tritt.

Ein Arm tauchte aus dem Dunkel und schlang sich um ihre Schulter; eine warme Hand lag sekundenlang auf dem zuckenden Mund, der schreien wollte und keinen Laut hervorbrachte vor jähem Schreck.

Der Loisl!

Mitten in der Nacht war er heraufgestiegen, getrieben von Liebesnot und heimlicher Ahnung, von jenen dunklen Naturmächten, die in unserem Blut leben und stärker sind als alle Vernunft.

»Loisl, um Gottes willen, wenn uns jemand sieht«, stammelt die kleine Anni voll Angst.

»Es sieht uns schon niemand«, erwidert er trotzig und umschlingt sie noch fester. 183

»So sag doch nur, was willst du eigentlich hier?« fragt das Mädel in steigender Erregung.

»Dich!«

Das ist Bitte und Drohung zugleich.

Sie versucht sich loszureißen: »Laß mich heim, Loisl. Schau, ich bin in Strümpfen, und die Beine tun mir so weh . . .«

Aber statt der Antwort hebt der Loisl die Anni empor wie ein Kind und trägt sie mit federnden Armen über die Kieswege, aber keineswegs dem Hause zu, sondern erst recht tief ins Dunkel des nächtlichen Parkes hinein; und die Anni ist so erschrocken über seine Kühnheit, daß sie jeden Widerstand aufgibt, der übrigens ganz unnütz wäre, weil seine Muskeln ihren Leib wie Stricke umspannen.

Es steht da eine Bank im tiefen Baumschatten, tagsüber in Dämmerung und nachts in samtschwarze Finsternis gehüllt; Lehne, Sitzbrett und Seitenwände sind über und über bedeckt mit phantastischem Schnitzwerk: Herzen, die sich um krause Buchstabenpärchen schlingen, umrankt von gotischem, barockem und modernem Geschnörkel, ein ganzes verliebtes Alphabet, und manche Buchstaben sind geradezu verdreht und verbogen vor lauter Sehnsucht und Liebe.

Zu dieser Bank trägt der Loisl seine blühende Last und läßt sie dort niedergleiten, langsam, mit behutsamer Zärtlichkeit.

Die kleine Anni wehrt sich nicht mehr. Denn nun 184 ist es klar, daß das Liebesorakel den Loisl gemeint hat und keinen andern.

Ein Vogel rührt sich im Gebüsch, stößt einen leisen Ruf aus, schlummert wieder ein. Denn er weiß, die beiden da tun ihm nichts zuleide.

Der Loisl aber weiß, daß er dieses Mädel, das ihm sein Glück und seine Zukunft bedeutet, an sich ketten muß, jetzt, in dieser Nacht noch, sonst ist sie ihm verloren.

Und er schmiedet sich sein Glück, mit wenigen starken Meisterschlägen, trotz Birke und Zwetschenbaum und Sankt Thomas.

Seufzer ertrinken in einer Flut von heißen, wilden Küssen. Die Buchstaben auf dem Bänkchen tanzen einen tollen Liebesreigen. Leises melodisches Rauschen der Bäume steigt und fällt, wie der Atem eines schlafenden Riesen. Droben funkeln die Sterne. Stille Nacht, selige Nacht. 185

 


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