Egid von Filek
Verwirrung in Magdalenenbad
Egid von Filek

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Drittes Kapitel

Im Schatten der großen Bäume des Kurparkes, an einer Stelle, wo man die Eingangspforte, den Weg nach der Stadt und die Promenade zur Ruine Kronstein zu gleicher Zeit mit den Blicken beherrschen kann, ohne selbst gesehen zu werden, sitzen die drei späten Büromädchen.

Ernst und feierlich sitzen sie da, mit ihren ledernen Gesichtern und scharf beobachtenden Augen, den Nornen vergleichbar, die als Urdur, Werdandi und Skuld – – Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – – in der germanischen Götterwelt eine so wichtige Rolle spielen und durch deren Hände das schimmernde Seil des Weltgeschehens läuft. Nur daß der Baum, unter dem sie thronen, nicht die Weltesche ist, sondern eine breitästige Kastanie; und daß statt des Weisheitsquells, aus dem einst der Gott Wotan getrunken und eines seiner Augen als ewigen Zoll dafür gezahlt hat, die harmlose, aus der Gießhüblerflasche sprudelnde Magdalenenquelle mit ihrem radiumhaltigen Wasser leise murmelnd das Gespräch der Damen begleitet.

Und was sie in ihren mageren Fingern halten, ist 34 kein Schicksalsgespinst, sondern weibliche Handarbeit. Und zwar strickt das Fräulein in Braun, Mitglied eines Missionsvereins, an einem warmen Wollschal von unwahrscheinlicher Buntheit für die armen Heidenkinder im zentralen Afrika; die safrangelbe Schicksalsschwester häkelt eine Tischdecke für ihr Mädchenzimmer, und das Fräulein in Steingrün schmückt das zehnte von zwölf Taschentüchern mit den Anfangsbuchstaben ihres Namens in kunstvoller Schlingtechnik.

Und weil die Arbeit munterer fortfließt, wenn gute Reden sie begleiten, und weil die drei Damen unentwegt die persönlichen Schicksale aller Kurgäste mit jener schönen menschlichen Teilnahme verfolgen, die weiblichen Wesen im reiferen Lebensalter so wohl ansteht, und endlich weil seit gestern am bescheidenen Himmel von Magdalenenbad ein so unerhörtes Meteor aufgeglänzt ist, so fehlt ihnen auch heute nicht das Garn zu einem sehr interessanten Gespräch.

»Wie heißt er?« fragt das Fräulein in Safrangelb und fischt mit der Häkelnadel nach einer gefallenen Masche.

»Istvan von Döbrenday«, beeilt sich das steingrüne Fräulein zu antworten. »Uralter magyarischer Adel. Reicht bis auf die Zeit des Königs Ladislaus Postumus zurück. Er hat große Besitzungen am Plattensee, Weingärten, Meiereien, kolossale Herden von Bakonyerschweinen . . .« 35

»Der König Ladislaus Postumus?« fragt das Fräulein in Braun, dessen historische Kenntnisse auf schwachen Beinen stehen.

»Der Herr Istvan von Döbrenday«, erwidert die steingrüne Norne mit einem unwilligen Blick. »Und ein paar Häuser in der Andrassystraße in Budapest hat er auch.«

»Woher wissen Sie denn das alles?« fragt das gelbe Fräulein mit dem spitzen Unterton des Ärgers, daß man nicht ihr diese bedeutungsvollen Tatsachen mitgeteilt hat.

»Von Doktor Burmester. Er hat es ihm selbst gesagt.«

Dagegen war nichts einzuwenden. Zweifel an der Auskunft waren ausgeschlossen, da sie gewissermaßen vom Anstaltsleiter selbst verbrieft und gestempelt war.

»Aber wie kommt er nach Magdalenenbad?«

Das braune Fräulein, dem der bunte Heidenkinderschal längst auf den Schoß geglitten war, hatte die Schicksalsfrage aufgeworfen, aber es konnte sie so wenig beantworten wie seine beiden Mitschwestern. Wenngleich aber die Gründe, aus welchen Herr von Döbrenday, dem doch sicherlich alle Sommerfrischen und Sanatorien der Welt zur Verfügung standen, just an dieser Stelle des Erdballs erschienen war, in ewiges Dunkel gehüllt schienen: aus der gegebenen Tatsache konnte man doch Schlüsse und Folgerungen ziehen und 36 ein buntes Netz von Möglichkeiten in die Zukunft hinausspinnen.

»Haben Sie gesehen, wie Frau Trautmann rot geworden ist, als sie Herrn von Döbrenday ansah?« fragt die braune Norne der Vergangenheit.

»Die zwei kennen sich vielleicht von früher her«, meint das gelbe Fräulein mit vielsagendem Lächeln.

»Da wird wohl der Ingenieur Rhode künftighin mit dem kleinen Wolfgang allein spazierengehen müssen«, bemerkt die runenschlingende Norne, nicht ohne ein gewisses Mitleid für den Ingenieur.

»Übrigens hat das rote Fräulein Aura auch ganz gehörig mit Herrn von Döbrenday kokettiert.«

»Die? Die kokettiert doch mit jedem!«

»Na, der arme Professor, der wird schöne Hörner aufgesetzt kriegen, wenn er wirklich so dumm ist und sie heiratet«, prophezeit die steingrüne Norne der Zukunft.

»Solche Mädchen heiratet man nicht«, entscheidet das Fräulein in Safrangelb und knipst mit der Schere einen Faden ab – – so scharf und energisch, als sei nunmehr der rotblonden Aura jeder Weg zum bürgerlichen Eheglück für alle Zeiten abgeschnitten.

Aus den Worten der drei Damen züngelt, bei aller Verschiedenheit der Kleiderfarben, dieselbe rote Stichflamme des Hasses; denn je hübscher und jünger ein Weib ist, desto mehr wird es von den Nichthübschen und Nichtjungen gehaßt, und der Gegensatz war in diesem Falle sehr groß. 37

Aber dann kommt die Rede auf die Landschaft am Plattensee, die das braune Fräulein vor Jahren, gelegentlich eines Ausflugs von Budapest aus, wo sie Verwandte hat, besuchte; und sie erzählt von Weingärten mit schwellenden dunkelblauen Trauben, von großen Meierhöfen, auf deren Giebel der Storch in seinem Nest steht und klappert, von Herden schwarzer Schweine, gehütet von halbnackten Hirtenbuben, vom Badevergnügen in dem warmen, wie graue Seide schimmernden Wasser des Balaton, von staubigen Landstraßen, mit Akazien gesäumt, von Zigeunerlagern mit rauchenden Feuern. Aber das alles ist gleichsam nur ein Rahmen um das Bild des Herrn Istvan von Döbrenday.

Und so hat sich das Gespräch der drei Damen zum Ring geschlossen. Von Herrn von Döbrenday war es ausgegangen, zu ihm kehrte es wieder zurück.

Ja aber – – was in aller Welt konnte den interessanten Fremdling bewogen haben, seine gewohnte Umwelt zu verlassen – – seine mollig eingerichtete Junggesellenwohnung in Budapest, den intimen, von geheimnisvollem Dämmerlicht erfüllten Raum mit der goldbraunen Ledertapete, den er in unbewußter Ironie sein Arbeitszimmer nannte? Waffen hingen dort an den Wänden, Pistolen, bosnische Handschars, arabische Vogelflinten, malaische Dolche – – und daneben ein Muskelstrecker zur Ableitung überschäumender Manneskraft. Wenn man eintrat, versank der 38 Fuß knöcheltief in einen Perser; ein Schreibtisch von Ebenholz diente als Postament für ein Dutzend Photographien von jungen Damen in gewagten Toiletten; ein Bibliothekskasten ließ hinter geschliffenen Glastüren die Klassiker der magyarischen Nation sehen, ein Seitenfach barg eine Reihe kleiner Bändchen zumeist stark erotischen Inhalts.

Von diesen nahm Herr von Döbrenday hie und da eines zur Hand und las darin vor dem Schlafengehen – – die anderen Bücher der Bibliothek benützte er dazu, um sie, unter der Bedingung persönlicher Rückgabe, an verschiedene junge Damen zu verleihen, deren nähere Bekanntschaft ihm wünschenswert erschien – – derselben Damen, die später im Lichtbild die breite Ebenholzplatte seines Schreibtisches schmückten.

Allerdings stand Herr von Döbrenday so sehr inmitten eines abenteuerlichen Junggesellenlebens, daß er es kaum nötig hatte, seine Phantasie durch Lektüre anzuregen. Das kleine Schlafzimmer hätte mancherlei davon erzählen können – – dieses mollig weiche teppichgepolsterte Nestchen, matt erhellt vom sündhaft roten Schein einer kleinen Ampel, erfüllt von dem aufreizenden Duft der Mädchen und Frauen, die ihm so bereitwillig über einsame Stunden seines Junggesellendaseins hinweggeholfen hatten.

Kurzum: eine der fröhlichsten Drohnen im großen Bienenstock der guten Gesellschaft, ein Mann, dessen 39 Beruf es war, reich, schön und unwiderstehlich zu sein: das war Herr Istvan von Döbrenday.

Es muß solche Leute geben. Sie bringen Geld unter die arbeitende Menschheit und zeigen den Mühsamen und Gedrückten durch ihr lebendiges Beispiel, wie leicht und froh sich's leben läßt. Und wie es keine bessere Kraft gibt als die Daseinsfreude und keinen edleren Stoff als des Leibes Fleisch und Blut.

Nun war Herr von Döbrenday kürzlich von einer kleinen Nordlandreise nach Budapest zurückgekehrt und saß eben in einem der Luxuskaffeehäuser auf der Margareteninsel, wo alle feinen Leute und alle Fremden verkehren; natürlich in Damengesellschaft – – die kleine Erzci mit den Goldaugen, das biegsamste, lustigste und auspruchsvollste Soubrettchen des Budapester Stadttheaters, saß neben ihm und löffelte eine Portion Schlagsahne, so groß wie ein Gletscher.

Und da hatte ihn, wie öfters im Laufe der letzten Zeit, wieder einmal jenes seltsam nervöse Gefühl von Unrast, Leere und Übersättigung angepackt, das alle diese gierigen Lebenstrinker um die Wende der dreißiger Jahre so wohl kennen. Aus den gurgelnden Wellen der breit hinströmenden Donau, aus dem Schattenriß der langsam in Abenddämmerung sinkenden Riesenstadt mit ihren Giebeln und Türmen stieg es auf wie graue Melancholie; die Zigeunerweisen klangen heute so unendlich traurig vom Musikpavillon herüber und auch die Hunderte von Lichtern, die sich nun in 40 allen Farben unter den kleinen Seidenschirmchen auf den Tischen entzündeten, bannten seine Verstimmung nicht.

Er betrachtete die kleine Erzci, die ahnungslos wie immer ihre zweite Portion Schlagsahne vornahm, und fand, daß er im Grunde mit ihr fertig war – – was konnte sie ihm, nach dem gestrigen Abend in seinem Liebesnest, noch geben? Überhaupt die Weiber! Es ist immer dasselbe – – zuerst will man und sie wollen nicht, dann wollen sie und man hat sie schon satt, und endlich möchten sie gar geheiratet sein.

Während die kleine Erzci, in Erwartung der dritten Portion Schlagsahne, gedankenlos in den bunt illustrierten Zeitschriften und Bildermappen blätterte, die auf kleinen Marmortischchen und Korbstühlen zuhauf lagen, nahm Herr von Döbrenday ein dickes Buch zur Hand, ein Verzeichnis aller Sommerfrischen und Erholungsorte von ganz Mitteleuropa, verlockend zusammengestellt und geschmückt mit reizenden Bildern; seine müden Züge belebten sich, und mit plötzlichem Entschluß lud er die kleine Freundin ein, ihren Finger an beliebiger Zufallsstelle zwischen die Blätter des Buches zu versenken – – einen sehr hübschen, spitz zulaufenden, mit einem glänzend polierten, rosigen Nagel gezierten Finger, aus dessen Gestalt man wohl auf die Gliederung des ganzen gepflegten Körperchens schließen durfte; Herr von Döbrenday warf einen Blick auf die so gefundene Stelle des Buches, küßte die rosige 41 Fingerspitze und war für den Rest des Abends ganz aufgeräumt und in heiterer Stimmung.

Am nächsten Morgen aber, der bei der kleinen Erzci so um elf Uhr vormittags herum begann, brachte ihr das Mädchen mit der Schokolade ein Paketchen und einen Brief zum Bett.

Das Paketchen enthielt die kleine zierliche Brosche in Brillanten, einen stilisierten Schmetterling darstellend, die ihr beim letzten Spaziergang mit ihrem Freunde auf der Andrassystraße so gut gefallen hatte – – und in dem Briefe stand, daß Herr Istvan von Döbrenday zu seinem schmerzlichen Bedauern genötigt sei, auf unbestimmte Zeit in geschäftlichen Angelegenheiten zu verreisen.

Die kleine Erzci weinte daraufhin ein bißchen, aber nur mit dem einen ihrer Goldaugen – – das andere glänzte in feuchter Seligkeit, denn die Steine waren wirklich sehr schön.

Nun stand aber an jener Stelle des Reisebuches, die der ahnungslose Finger des kleinen Soubrettchens aufgeblättert hatte, nichts anderes als eine Notiz über Doktor Burmesters Sanatorium; und Herr von Döbrenday, der gerne den Zufall über seine Unternehmungen entscheiden ließ, fuhr zur selben Zeit, da die Erzci sich an dem sinnigen Abschiedsgeschenk freute, auf seinem prächtigen Daimler mit Geschwindigkeit zwei gegen Westen, im Vollbesitz seiner fröhlichen Laune und als ein freier Mann, dem die ganze Welt 42 offen steht und dem es Freude macht, einmal recht spurlos aus dem Gesichtskreis seiner Freunde und Bekannten zu verschwinden.

Daß der Einzug Herrn von Döbrendays in Magdalenenbad unter allseitiger Billigung der Damenwelt geschah, haben wir bereits gesehen.

Bei den Herren fand das Ereignis geteilte Aufnahme. Herr Niemaier, der sich nicht leicht durch irgend etwas aus seiner der Kurvorschrift und seinem Temperament entsprechenden Gemütsruhe bringen ließ, schenkte dem neuen Gast keine sonderliche Beachtung; Ingenieur Rhode hatte eine höflich zuwartende Haltung angenommen, und Doktor Burmesters Verhalten war durch die Tatsache gegeben, daß ein vornehmer Fremder unter so vielen Heilstätten just Magdalenenbad zum Kurgebrauch ausgesucht hatte, was doch nur dem vortrefflichen Ruf der Anstalt und ihres Leiters zu danken war.

Bereitwilliges, taktvolles Entgegenkommen, Höflichkeit und jene zarte Rücksicht, zu der sich der Deutsche dem Ausländer gegenüber stets verpflichtet fühlt, das alles aber ein wenig gedämpft durch ärztliche Würde: auf diesen Grundton stimmte sich der Verkehr gleichsam von selbst.

Dagegen war für Professor Scheidemantel die Frage, wie er sich dem neuen Gast gegenüber zu verhalten habe, nicht ganz einfach zu beantworten.

Rein gefühlsmäßig hatte er schon in dem 43 Augenblick, als Herr von Döbrenday unter dem atemlosen Schweigen sämtlicher Kurgäste zum erstenmal den Speisesaal betrat, in ihm etwas wie einen Rivalen gewittert.

Um diese Empfindung richtig zu würdigen, muß man bedenken, daß Professor Scheidemantels gesellschaftliche Stellung in der Magdalenenbader Sommergemeinde durchaus nicht die eines gewöhnlichen Kurgastes war; man muß die achtungsvolle Stille gehört haben, mit der jedes einzelne Glied dieser Gemeinde seiner klugen, mitunter etwas humoristisch gefärbten Rede lauschte, wenn auch nicht jedem Zuhörer gegeben war, die feine Ironie zu fassen. Denn hinter den freundlich belehrenden Worten stand nicht nur seine liebenswürdige Persönlichkeit, sondern sozusagen auch die Autorität des Staates, der ihm Würde, Amt und Titel gegeben und doch wissen mußte warum.

Und so fand er sich bald auf der sonnigen Höhe allgemeiner Beliebtheit; gerne und freigebig spendete er aus den Quellen seines vielseitigen Wissens, da er das widerspruchslose Belehren anderer von Berufs wegen gewohnt war; er saß des Abends, in die nachdenklichen Wolken seiner Zigarre gehüllt, zwischen den beiden stattlichen Bürgerbäuchen des schweigsamen Ehepaars Niemaier, half den drei Bürofräuleins auf der Bank neben der Magdalenenquelle den aufsteigenden Mond abwarten – – einen müden Altjungfernmond mit scharfem, kühl beobachtendem Gesicht und 44 schadenfrohem Lächeln; er war der getreue Kavalier der Damen Regenfeld und erfreute abends die ganze Gesellschaft durch seine ebenso frisch als gefühlvoll gesungenen Lieder.

Und nun kam dieser Fremde aus dem Osten, geschmückt mit einem exotischen Namen und einer geheimnisvollen Narbe auf der Schläfe, an der sich sofort alle Frauenaugen festgesogen hatten – – umwittert vom Reiz des Fernen, vom Glanz des Adels, vergoldet von Reichtum und Besitz – – alles Dinge, die Professor Scheidemantel um seine ehrlich erworbene Beliebtheit bange machten. Er war entschlossen, für seine Stellung zu kämpfen, mit den Waffen, die ihm, dem Vertreter einer höheren Geistigkeit, geziemten; er fühlte eine Flamme stummen Grolls aus seinem Herzen aufschlagen, und die erregte Phantasie zeigte ihm gewaltige Bilder im heroischen Lichte vergangener Zeiten. Hatte nicht der große Feldhauptmann Wallenstein, in einem Berichte an des Kaisers Ferdinandus Majestät, über den Generalissimus Tilly die soldatisch derbe Bemerkung gemacht, daß sich zwo Hahnen auf einem Misthaufen nicht vertrügen?

Aber es kam noch ein anderes Bedenken viel zarterer Natur dazu – – und nun finden wir endlich Gelegenheit, von dem Verhältnis Professor Scheidemantels zu dem älteren, rotblonden Fräulein Regenfeld zu sprechen, das Aurelie hieß, ohne daß man sie so nennen durfte. 45

Schon vor zwei Monaten. als die Familie Regenfeld unter allgemeiner Spannung der übrigen Kurgäste von Frau Doktor Burmester als frisch angekommen zu dem allseits sichtbaren Ehrenplatz geleitet wurde – – so ähnlich wie sie als gute Hausfrau ein neues Teeservice zunächst schonlich in den Glaskasten einschloß, um es erst nach und nach in Verkehr zu setzen – – schon damals hatte sie mit dem untrüglichen Scharfblick aller Frauen in Liebesdingen die mächtige Anziehungskraft bemerkt, die Fräulein Aurelie auf den Professor ausübte.

Allerdings – – sie hatte ihren guten Tag und überdies ihr wirkungsvollstes Kleid – – ein scharfes Grün mit Schwarz geputzt, das gab einen wunderbaren Gegensatz zu den rotblonden Haaren, und Professor Scheidemantel guckte in den Pausen zwischen den Gängen der Abendmahlzeit immer wieder bald auf diesen schimmernden Kopf, bald auf andere nicht minder hübsche Dinge, und man mußte zugeben, daß das Fräulein alle ihre Reize zur vollsten Geltung zu bringen verstand.

Frau Dora Burmester indessen, eingedenk des legendären Ruhmes von Magdalenenbad als Verlobungsnest, spann sofort ein ganzes Netz von Plänen um die beiden ahnungslosen Häupter.

Nun – – was Professor Scheidemantel anging, hätte es des Spinnens gar nicht bedurft; in ihm zitterte schon lange die geheime Sehnsucht nach einem 46 warmen, wohlanständigen und zukunftsfrohen Liebesspiel mit der Aussicht auf dauerhaftes Familienglück, dieses anheimelnde Gefühl, bekannt einem jeden, der als deutscher Professor auf die Welt gekommen ist.

Ach – – wenn nur die Liebe Professor Scheidemantels zu der rotblonden Aura nicht bis zur Stunde so hoffnungslos gewesen wäre – – so vollkommen hoffnungslos!

Zum Leidwesen aller zwölf Liebesgötter im Konversationsraum, zu noch größerem Leidwesen der guten Frau Dorothea!

Und sie hatte sich doch so viel Mühe gegeben mit der Veranstaltung gefühlvoller gemeinsamer Mondscheinspaziergänge, heiterer Musikabende, fröhlicher Ausflüge in die schöne Umgebung!

Es liegt nun einmal im Wesen der Frauen, daß sie Schicksal spielen müssen, und auch Mama Regenfeld stand dem Projekt einer Verbindung Auras mit Professor Scheidemantel durchaus wohlwollend gegenüber – sie hatte sich sogar in diesem Sinne mehrfach zu Frau Dora geäußert.

Aber das rotblonde Fräulein setzte allen Bemühungen, eine nähere Beziehung zwischen ihr und Professor Scheidemantel herzustellen, einen ganz unerklärlichen Widerstand entgegen. Und die Sache war um so auffallender, als die beiden Menschen so prächtig zueinander paßten – – beide groß und schlank, musikalisch und auch sonst vielseitig gebildet; denn auch Fräulein 47 Aura hatte einen Intelligenzberuf: sie war Lehrerin an einer Mädchenschule.

Man konnte nicht sagen, daß diese immerhin außerhalb des bürgerlichen Lebenskreises gelegene Tätigkeit ihrer Tochter den Wünschen Mama Regenfelds entsprach, die von etwas altfränkischer Geistesart war; aber auch Professor Scheidemantel war im Grunde seines Herzens nicht damit einverstanden. Für den Lebensunterhalt des Weibes, das er liebte, ganz allein zu sorgen, schien ihm Recht und Pflicht zugleich; und außerdem fürchtete er nicht mit Unrecht, daß eine Frau, die selbst Geld verdient, leicht auf den unbequemen Gedanken kommen kann, sich ihre Lebensweise nach ihrem Sinne und vielleicht anders einzurichten, als es den Wünschen des Gatten entspricht.

Allerdings – – Professor Scheidemantel war klug genug, solche Gedanken nur im Gespräch mit Mama Regenfeld zu äußern – – in Auras Gegenwart mußte er vorsichtig sein.

Die hätte ihn sehr erstaunt und mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen und noch kühler behandelt als sonst – –

Aber man muß von den Frauen grundsätzlich immer das verlangen, was sie behaupten niemals geben zu können. Und Professor Scheidemantel, stets nach Grundsätzen handelnd, ging auch in dem Falle Aura Regenfeld so vor – – er war keineswegs der Mann, der sich von einem anfänglichen Mißerfolg abschrecken 48 ließ, o nein! Geduld und wieder Geduld – – war das nicht die wertvollste Berufseigenschaft eines tüchtigen Pädagogen?

Ach, und er empfand es mit steigender Macht, wie rettungslos er dem Zauber dieser aufreizenden Weiblichkeit verfallen war. Das giftgrüne Kleid, der rötliche Glanz des Haares, der müde und seltsam lockende Schimmer, der von dem silbernen Reifen ausging – – das alles erschien ihm als tiefgeheimnisvolles Symbol dieses Frauenwesens, widerspruchsvoll und dennoch zur höheren Einheit zusammenklingend. Ja, eben die Widersprüche in ihrer Natur waren es, die ihn anzogen: gewagte spöttische Ausfälle, zur Schau getragene Mißachtung seiner Lebensideale, die ihrem Wesen nach wohl aus der ewig mustergültigen Vergangenheit stammten, aber doch, nach seiner pädagogischen Überzeugung, den großen Umwälzungen der neuen Zeit Rechnung tragen sollten.

Und dann hatte sie wieder weiche Stimmungen, die verrieten, daß sie sich heimlich doch nach dem großen und einzigen Frauenschicksal sehnte: sich hingeben zu dürfen an die größere Macht der männlichen Natur. Und er träumte davon, wie schön es sein müßte, den ewig verneinenden Weibsteufel zu den hohen Gedanken seiner eigenen überlegenen Männlichkeit zu bekehren, Stab und Halt zu sein für die süße, hingebende Schwachheit.

Und man meinte es doch so ehrlich und hatte auch 49 mächtige Helfer und Bundesgenossen bei seinem Bestreben – – vor allem, nächst Frau Dora mit ihren zielbewußten Mondscheinspaziergängen, Mama Regenfeld selbst, die bei jedem Blick auf den Kalender seufzend feststellte, daß Aura in diesem Winter ihr achtundzwanzigstes Jahr vollendete – – Mama Regenfeld, die, allen modernen Anschauungen zum Trotz, die Berufsarbeit der Mädchen doch nur als Mittel ansah, um sich die Zeit bis zur heißersehnten Heirat zu vertreiben; Mama Regenfeld, eine aus der ungezählten Schar von Hausmüttern, die aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart ragen, die ihre Kinder nur bejammern, aber nicht verstehen können; Mama Regenfeld, deren tägliches Gebet war: lieber Gott, erlöse mich von meinem Rheumatismus und gib meiner Tochter eine gute Partie!

Ja – – und da fuhr nun, mitten hinein in seine Bemühungen, seine Zweifel, seine ganz leise aufkeimende Hoffnung, dieser braune Zigeuner und sah just so aus wie einer, auf dessen Weg zerrissene Jungfernkränzlein und zersprungene Eheringe liegen. Oh, man kennt sie, diese Paschanaturen mit dem brutalen Siegerlächeln – – ach, und man kennt auch das ewig wankelmütige Herz, das heiß und unruhvoll allem Fremdartigen entgegenschlägt!

Wird man nun imstande sein, sich in die Stimmung Professor Scheidemantels zu versetzen, als er am Morgen nach der Ankunft Herrn von Döbrendays, 50 so schlecht ausgeschlafen wie noch nie, im Musikzimmer, an der Stätte seiner gesanglichen Triumphe, saß und die neu angekommenen Zeitschriften überflog, ohne zu wissen, was er überhaupt las?

Wird man nachfühlen können, was er empfand, als der Fremde, tadellos gekleidet, eine weiße Aster aus dem Kurpark im Knopfloch, mit höflichem Gruße eintrat und nach dem Pester Lloyd griff, während der sechste Amor, von der Türe gezählt, just auf sein Herz zielte?

Aber einstweilen galt es zu beobachten; die neueste Nummer einer illustrierten Zeitung bot genügende Deckung und vielfache Gelegenheit, darüber oder darunter hinauszusehen.

Die Illustrierte entsprach zwar durchaus nicht den geistigen Ansprüchen Professor Scheidemantels – – aber wozu wird die Presse nicht benützt!

Und er beobachtete mit eifersuchtgeschärften Sinnen und mußte widerwillig zugeben, daß Herr von Döbrenday wirklich ein interessantes Profil besaß, trotz unverkennbarer Zeichen minderwertiger Mongolenrasse.

Schritte klangen draußen auf dem Korridor – – kurze, rasche Frauenschritte, und wieder stach ihn das Dörnlein der Eifersucht. Sollte wirklich Aura . . .

Nein. Frau Elfriede Trautmann war es. Sie nahm Platz an der Schmalseite des Tisches, im Schußbereich des Amors Nummer sieben – – da blickte Herr von Döbrenday auf, legte seinen Pester 51 Lloyd hin, hob sich zum Staunen Professor Scheidemantels vom Stuhl und vollführte vor Frau Elfriede eine so tadellose Verbeugung, wie sie nur ein richtiger ungarischer Kavalier zustande bringt.

Und sie – – sie streckte ihm die Hand hin und lächelte, und ein eifriges Gespräch begann, leider so leise geführt, daß man es mehr mit der Phantasie als mit den Ohren vernahm und die Illustrierte vor verhaltener Neugier zitterte.

Soviel war klar: so konnten nur zwei Menschen sprechen, die irgendeine hübsche Erinnerung, vielleicht sogar ein kleines Geheimnis miteinander verband; und mit einemmal fiel es Professor Scheidemantel wie Schuppen von den Augen – – natürlich, der fremde Gast war ein Verehrer Frau Elfriedes, war ihretwegen hierhergekommen, wohl um ein Abenteuer zu Ende zu führen, das er früher angesponnen hatte!

Sohin waren Eifersucht und Sorge um Aura wenigstens bis auf weiteres grundlos; man konnte die kaum bezogene Kampfstellung wieder verlassen, und das tat Professor Scheidemantel, der im Grunde ja doch eine friedliebende Natur war, in seiner vom Humanismus veredelten Seele sehr wohl.

Und Herr von Döbrenday erzählte weiter, mit dem selbstgefälligen Eifer des Männchens, das sich in Szene setzt, und ließ dabei seine schönen Raubtierzähne blitzen und rieb zwei wohlgepflegte Hände aneinander. 52 Frau Elfriede hörte freundlich zu, die Liebesgötter lächelten dickbackig von der Wand herab und hinter der Illustrierten vernahm man das tief befreiende Atmen eines Mannes, dem ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist. 53

 


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