Egid von Filek
Verwirrung in Magdalenenbad
Egid von Filek

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel

Unten im Erdgeschoß des alten Schlößchens, wo an die große Küche mit ihrem blitzblanken Kupfergeschirr ein gemütliches Zimmer mit meterdicken Wänden und kleinen vergitterten Fensterchen angebaut ist, vor denen rote Pelargonien leuchten, dort ist das Reich der drei Hausmädchen von Magdalenenbad: der Anni, der Fanni und der Hanni.

Und es ist dort mindestens ebenso hübsch und behaglich wie droben im Gesellschaftszimmer bei den zwölf pausbackigen Engeln; der fürsorgliche Geist der Hausfrau waltet überall, und sie weiß genau, wie sehr der Ruf ihrer Anstalt von den Leistungen des Personals abhängig und wie wichtig es ist, ihre Hilfskräfte in froher Arbeitslaune zu erhalten.

Da sitzen sie, wenn droben in der Herrschaftsregion abgespeist ist und sie endlich zur Ruhe kommen, mit ihren schwarzweißen Häubchen um den mächtigen alten Eichentisch und zwitschern wie die Schwalben, und ihr frohes Gelächter und ihr dreistimmiges Singen füllt den behaglichen Raum.

Es sind brave Mädchen, anstellige Mädchen, hübsche Mädchen, frisches, saftiges Grünzeug aus des 54 Herrgotts Liebesgarten – – Frau Dorothea hat noch nie, wie die Hausfrauen in der Stadt unten, über Leutenot und schlechte Dienstmädchen geklagt. Sie ist in der Lage, alle ihre Angestellten gut zu bezahlen, und hat darum auch reiche Auswahl; sie kann alles prüfen und das Beste behalten, denn was als Hausgehilfin in der kleinen Stadt allenfalls am Platze sein mag, das kommt für das Sanatorium Magdalenenbad noch lange nicht in Betracht.

Und ihre Verbindungen reichen weit, bis zu den weltverlorenen Walddörfern, wo im Winter das Hochwild den Kleinhäuslern den Kohl aus den Hausgärten frißt, und zu den einsamen Gehöften auf der rauhen Hochebene, drei Stunden hinter Kronstein, wo die braunen Felsen aus den Äckern wachsen und das Getreide so dünn steht wie die Haare auf dem Scheitel des Herrn von Döbrenday.

Von dorther stammt die runde kleine Hanni mit dem schwarzen Haar und dem rotwangigen Apfelgesicht, die immer gut gelaunt ist und voll Schnurren und lustiger Einfälle steckt; die Wiege der Anni stand im Tal eines kleinen Baches und ihre Augen sind klar und braun wie das eilig zwischen großen Steinblöcken dahinschießende Heimatgewässer; und die blonde Fanni, schweigsamer und nachdenklicher als die andern, ist ein Waldhüterkind und zwischen Jagdhunden und Rehwild aufgewachsen.

Professor Scheidemantel, der allzeit galante 55 Schöngeist von Magdalenenbad, hat einmal in einem gereimten Trinkspruch zu Ehren Frau Doras das Sanatorium mit einem glückhaften Schiff verglichen: den stattlichen Chefarzt mit dem gebietenden Kapitän und Frau Dora mit dem Steuermann, der klug und vorsichtig dem Schiffe zwischen Klippen und Untiefen seinen Kurs gibt, und hat Dank und Anerkennung für das hübsche Gleichnis geerntet.

Aber es war ihm nicht eingefallen, derjenigen zu gedenken, die unten im Maschinenraum, wo es eng und schwül und dunkel ist, ihre mühselige und ruhmlose Alltagsarbeit verrichten: der drei Hausmädchen, der Anni, der Fanni und der Hanni.

Denn der Dienst in Magdalenenbad ist nicht leicht. Da heißt es gefällig, anschmiegsam und höflich sein; man muß mit den Gästen umzugehen verstehen, Launen und Verdrießlichkeit ertragen, Kranke und Nervöse geschickt behandeln können; man muß in Küche und Keller Bescheid wissen und jederzeit zu den verschiedensten Arbeiten bereit sein.

Aber dafür kommt man in Berührung mit der Welt, lernt allerlei Menschen kennen, die einem früher oder später nützlich werden können; und so ist Magdalenenbad die Hohe Schule, die Leiter zum Aufstieg für so manches Landkind, das so glücklich war, in Frau Dorotheas Dienste zu treten – – und manche ist auf diese Art emporgekommen, wenn auch vielleicht nicht immer auf dem geraden Wege . . . 56

Ja – – und da hatte nun der Lajos mit dem Raubvogelgesicht und den funkelnden Augen den Glanz einer fremden Welt an den Katzentisch der drei Mädel im Erdgeschoß gebracht, genau so wie sein Herr ein Stockwerk höher die Damenwelt in Aufregung setzte. Und sein verschnürter Rock mit den Silberknöpfen wirkte hier genau so imposant wie droben der tadellose Salonanzug des Herrn von Döbrenday, und die mit Bartwichse gedrehten Schnurrbartspitzen, die wie zwei scharfe Bleistifte in die Luft stachen, wetteiferten an Romantik mit der berühmten Gesichtsnarbe seines Herrn, die übrigens weder von einem Duell noch von einem Sturz beim Wettrennen herrührte, sondern von einer Tischkante in der Budapester Theaterbar, mit der Herr von Döbrenday nach reichlichem Weingenuß in fatale Berührung gekommen war.

Und mit jedem Abend, den Lajos in der Küchenregion zubrachte, stieg seine Beliebtheit; die Fanni steckte ihm Blumen an seinen verschnürten Rock, die Anni brachte ihm immer doppelte Portionen – denn Lajos leistete als Esser Hervorragendes – – und die schwarze Hanni erklärte sich bereit, ihn in der deutschen Sprache zu unterrichten.

Das alles ließ sich der Lajos gern gefallen und verzog sein Raubvogelgesicht zu einem behaglichen Grinsen, wenn er die drei lachenden und zwitschernden Mädel ansah, gleich einem Habicht, der ein paar 57 Singvögel beobachtet und noch nicht recht weiß, welchen er sich zur Beute nehmen soll.

Denn Lajos war mit der verrückten Idee seines Herrn, Knall und Fall aus Budapest wegzufahren, durchaus nicht einverstanden gewesen und als echter Ungar aufs tiefste überzeugt, daß es außerhalb der rotweißgrünen Grenzpfähle überhaupt kein menschenwürdiges Dasein gäbe; und wenn er schon hier bleiben mußte, so wollte er wenigstens den erzwungenen Aufenthalt durch ein kleines Liebesspiel mit einer der Töchter dieses Landes würzen – – dieses barbarischen Landes, wo die Menschen Bier statt Wein tranken und es kein Gulasch und keinen Paprika gab.

Und da er, der Vertraute und gelehrige Schüler seines Herrn, in der Behandlung des anderen Geschlechtes eine große und langjährige Erfahrung besaß und wohl wußte, daß man nicht zugleich auf drei Stück Hochwild pirschen kann, so beschloß er, sich's einstweilen weder mit der Fanni, noch mit der Hanni und der Anni zu verderben und ruhig zu warten, bis ihm Zufall und Temperament eine der drei hübschen, jungen Schürzenträgerinnen in die Arme trieb – – denn Lajos war eine durchaus unkomplizierte Natur und die Liebe als solche für ihn eine höchst erfreuliche Einrichtung.

An einem blauseidenen und sonnengesegneten Nachmittag nun – – Professor Scheidemantel war mit den Damen Regenfeld in den Wald auf die Suche 58 nach Steinpilzen gegangen, die rundliche Hanni saß mit dem Lajos in dem Musikpavillon, unterrichtete ihn in der deutschen Sprache und schälte dabei die Kartoffeln für das Nachtmahl, und Wolfgang stiefelte durch das finsterste Dschungelgebiet hinter dem Park, wo es Kröten und Wasserschlangen gab, und die drei Nornen in Safrangelb, Braun und Steingrün saßen unter dem Kastanienbaum und brauten aus unbedachten Worten und Gebärden ihr Tratschgift – – da stand die kleine braune Anni am Fenster des Ganges, der zum Gesellschaftszimmer führte, und hielt einen Brief in der Hand.

Aber sie sah nicht auf die eckigen, von klobiger, ungeübter Männerhand geschriebenen Zeilen – – längst schon wußte sie auswendig, was darin und dazwischen stand; die kleine niedrige Stirn zog sich in Falten und der rote Mund schürzte sich wie zu einem Wort des Spottes und der Abwehr.

Denn aus dem toten Stück Papier stiegen Wünsche und Gedanken empor und schwirrten um den hübschen kleinen Kopf, wie Bienen eine reife, köstliche Frucht umschwärmen.

Der Loisl!

Sie sah ihn vor sich mit seinem strohblonden Krauskopf, dem breiten Nacken, den weißen Zähnen, die zwischen trotzig gekräuselten Wulstlippen hervorblickten; mit seinen muskelstrotzenden Armen, die so ein 59 kleines zartes Mädel zerdrücken konnten in Liebe oder Haß.

Sie hörte seine leisen, hastigen, jagenden Worte, die er beim Kirchweihfest in ihre Ohren geflüstert, als er sie im Tanz an sich preßte; sie hatte ihn ausgelacht und stehenlassen – – aber ein wenig leid tat er ihr doch, wie er so allein und trotzig neben den Musikanten stand, eine rote Nelke im Mund, deren Stengel er zerkaute, während sein Blick ihr heimlich nachkroch durch die Staubwolken und das Gewühl junger dampfender Menschenleiber.

Nachbarskinder waren sie, hatten oft miteinander gespielt am Ufer des braunen Baches, der unterhalb des Dorfes zum Wehr für die Mühle gestaut war – – und da hatte sich das Dirnlein einmal zum Wasser hinabgebeugt und mit den Händchen nach einer Forelle gegriffen, die ruhig dastand und mit ihrer rotgepünktelten Haut wie ein rubingeschmücktes Goldschmiedekunstwerk aussah – – aber der Fisch wich zur Seite und die Kleine glitt mit leisem Aufschrei in die fremde Kühle hinein, weit breiteten sich die weißen Röcklein aus, als schwämme eine Seerose auf dem braunen Wasser – – aber der Loisl rannte nicht davon und schrie nicht um Hilfe, er griff keck zu und zog mit seinen kräftigen Armen das Kind aus dem Wasser. Und seither waren sie gute Freunde und Kameraden.

Und die Anni dachte weiter an die erbärmliche, 60 dumpfige Stube ihrer Eltern – – immer roch es dort nach Suppe und angebrannter Milch und feuchten Windeln, war doch jedes Jahr ein Kleines da, und Mutters Augen blickten schon so stumpf und hoffnungslos aus dem fleckigen, gedunsenen Gesicht; die Anni mußte das Essen kochen und die Kinder füttern und herumschleppen den ganzen lieben Tag lang, und dazu den ewigen Jammer der Mutter anhören und die Scheltworte des Vaters, der immer so spät heimkam.

Ja – – und da war nun mitten hinein in das graue Elend wie ein leuchtender Sonnenstrahl der Brief von Frau Dorothea Burmester geflogen, die ein junges flinkes Hausmädchen für das Kurhaus suchte; die Gretl hatte die Sache bei der Frau Doktor eingefädelt, die Nachbarstochter, die schon im Vorjahr in der Anstalt Saisonmädchen gewesen war.

Wie hatte sie aufgejubelt vor Freude, die arme kleine Anni!

Eine feine weiße Schürze würde sie bekommen und ein schmuckes Häubchen, so schrieb die Frau Doktor, und ein wunderschönes Kino gab's im Städtchen unten, und jeden Sonntag freien Ausgang. Gewiß, es war ein großes Glück für sie, und alle Bekannten im Dorf beneideten sie, nur einer ging mit gesenktem Kopf herum und wich ihr aus: der Loisl.

Aber beim Abschied, als sie mit frohem Herzen und leichten Füßen den Weg nach Magdalenenbad antrat, war er plötzlich da und bot sich an, ihren kleinen 61 Koffer zu tragen – – drei Stunden dauerte der Weg, auch wenn man tüchtig ausgriff.

Es wurde eine schweigsame Wanderung; der Loisl war keiner von denen, die überflüssige Worte machen, und manchmal guckte er sie von der Seite an mit seinen Hundeaugen, daß es ihr warm übers Herz lief – – mein Gott ja, sie konnte ihm nicht böse sein und es war nett von ihm, daß er sich mit ihrem Koffer schleppte – – aber was wußte der Loisl, was wußten die andern von der namenlosen Sehnsucht, mit der neunzehn unverbrauchte, frische Mädchenjahre der leuchtenden Buntheit der Welt entgegenfliegen!

Und am Ausgang des Waldes, dort wo zur Rechten die Ruine Kronstein aus toten Fensteraugen ins Leere blickt, während links das gelbe Magdalenenschlößchen seine gastfreundliche Gitterpforte auftut, dort waren sie stehengeblieben, und der Loisl sagte: »Leb wohl, Annerl«, – – sonst nichts. Aber auf seiner Stirne standen zwei große Kummerfalten und er starrte das schwarze schmiedeeiserne Gitterwerk mit seinen Schnörkeln, Ranken und Blättern mit einem Blick an, als sei es das Tor zu einem dunklen Jenseits, aus dem es für sie, die nun hier eintrat, kein Zurück mehr gab in alle Ewigkeit.

Die kleine Anni seufzte. Die Hand mit dem Brief wurde schwerer und schwerer, als läge etwas darin, das zur Erde hinabzog, zum Unbewußten, zur triebhaften Dumpfheit des Blutes . . . 62

Sie trat an das offene Gangfenster und blickte hinab auf die bunten Häuschen der kleinen Stadt. In allen Fensterscheiben hatte die untergehende Sonne rotes Licht entzündet. Deutlich erkannten die scharfen Augen der Anni das Warenhaus des Kaufmanns Ticho; dort lag im Erdgeschoß der schimmernde Juwelenladen mit den langen Goldketten, dem breiten Perlenhalsband, der wunderschönen, mit Brillanten besetzten Armbanduhr.

Die kleine Anni seufzte wieder. Die Armbanduhr – – die hätte sie so gern, ach so seelengern gehabt. Jeden Sonntag abend, wenn sie mit heißen Wangen und schmerzenden Augen aus dem Kino kam, das kleine dumme Herz noch voll von den schönen Flimmergeschichten, in denen die armen braven Mädchen einen Grafen oder Baron zum Mann bekamen zur Belohnung ihrer Unschuld, ging sie am Warenhaus Ticho vorüber und drückte ihr Näschen platt an den kalten Scheiben; in ihre Träume warfen die herrlichen geschliffenen Steine bunten Strahlenglanz, köstliche Symbole der Fülle und des Reichtums, und das schmale Schaufenster wurde zur fremden, abenteuerlichen Welt mitten in dem braven Hausbedarf bürgerlichen Lebens an Schuhen, Strümpfen und Wäsche, zart und duftig hinter den Spiegelscheiben der Nachbarläden hingebreitet.

Einst hatte noch eine zweite Armbanduhr auf dem mattgelben Samtkissen gelegen. ebenso schön und 63 verführerisch wie die erste. Aber die hatte die Gretl mitgenommen, die Gretl mit dem seidenweichen Haar und den goldbraunen Augen, die vor der Anni dagewesen war – – es war ein Geschenk des reichen Herrn, den sie hier gesund gepflegt, und mit dem sie dann in die große Weltstadt gegangen war. Dort hatte er das junge, bildungshungrige Geschöpf ein paar Schulen machen lassen, ihm einen anständigen Posten verschafft, Schmuck und Kleider gekauft und nichts dafür verlangt, als daß sie das trüb dahinfließende Leben eines alternden Mannes ein wenig erhellen sollte mit dem Glanz ihrer waldfrischen Jugend.

»Mußt g'scheit sein, Annerl«, hatte die Gretl neulich aus der Stadt geschrieben, »mußt schaun, daß du unter feine Leut kommst und was aus dir wird. Auch ein armes Mädel wie unsereins kann sein Glück machen auf der Welt!«

Und Frau Dorothea Burmester, die mütterliche Freundin, der die kleine Anni den Brief zeigte, streichelte ihr den braunen Kopf und sprach von klugen und törichten Frauenherzen und davon, daß jeder seines eigenen Glückes Schmied sein müsse.

Ja – – aber wo war für die Anni das Glück? In den ungestümen zwanzigjährigen Armen, die so heiß nach ihr verlangten, oder dort drüben, wo die rotgoldenen Wolken wie ein offenes Tor in die Zukunft leuchteten, wo weit, weit hinter den duftblauen Bergen die große Stadt lag mit ihren tausend unbekannten 64 Herrlichkeiten, erfüllt von Lichterprunk und brausendem Leben, nach dem sich alle die unberührten Naturkinder so sehr sehnen?

Sie legte die Hand über die schmale Stirn. Der Brief, der schwere Schicksalsbrief, war so leicht geworden, so unwirklich, daß sie ihn gar nicht mehr spürte. Groß und versonnen blickten die Augen in ihr Sehnsuchtsland . . .

Ach, sie hätte einen gewußt, der ihr das rotgoldene Tor aufschließen, sie hineinführen konnte in jene Welt – – den stillen verhaltenen Mann mit dem strengen Mund und den milden Augen, zu dem sie aufsah in der rückhaltlosen Verehrung, die alle Jungen und Bildsamen der abgeklärten Persönlichkeit entgegentragen.

Sie dachte des Tages, der ihn gebracht – – eines glühheißen Sommertages mit bleiernem Himmel und schwüler Luft. So müde war er, zerfahren, zermürbt von harter Arbeit in einem schweren Beruf. So elend hatte er den vorgebeugten Körper an einem Stock über die gelben Kieswege des Parkes geschleppt, daß Doktor Burmester, trotz feierlichen Lobgesanges auf seine Magdalenenquelle, doch mit innerlichem Kopfschütteln ein Konsilium mit Doktor Grädener erwog.

Frau Dorothea aber riet, noch ein wenig mit einer für die ärztliche Autorität des Gatten so gefährlichen Sache zu warten. Sie wußte Besseres: sie verordnete dem neuen Gast die kleine Anni als Pflegemädchen . . . 65

Und da war es nun wunderbar gewesen, wie der erste Blick in das blasse Gesicht mit den tiefliegenden Augen jenes große, heilige Mitleid in ihr aufgerufen hatte, das zutiefst in jedem weiblichen Herzen schlummert.

Wie stand sie pünktlich jeden Morgen um sechs Uhr vor seiner Zimmertüre, ihn zur Quelle zu begleiten – – wie sorglich breitete sie die Decke über seine Knie, wenn er abends auf der Bank am Waldrand saß, legte behutsam den Mantel um seine Schultern zum Schutz vor der feuchten Kühle der Nacht!

Und dann brachte sie ihm das Abendbrot auf sein Zimmer und stand mit großen, aufmerksamen Augen da, ihn bedienend mit dem ruhigen Ernst eines gut erzogenen Kindes.

Er lebte auf unter ihren Händen; es war als ob von dem jungen blühenden Menschenwesen neue Lebenskräfte in den ermatteten Körper einströmten. Mit klugem, schweigsamem Frauenlächeln beobachtete Frau Dora den Erfolg ihrer Therapie, und der Gatte sprach indessen sehr hübsch und gelehrt vor den Kurgästen über die Heilwirkung des Radiums . . .

Der langsam Genesende wurde gesprächig. Erzählte vom Leben der großen Stadt, von Theatern, Warenhäusern, Vergnügungsstätten und was sonst noch die kleine ländliche Neugier interessieren mochte – – und aus seinen leisen Worten bauten sich breite, menschenwimmelnde Straßen, schimmernde Paläste, 66 Musik rauschte auf, Ströme von Licht flossen des Abends aus strahlenden Schaufenstern, Autos fuhren mit taghell erleuchteten Straßenbahnzügen um die Wette; mit begehrlicher Eindringlichkeit fragte die kleine Anni nach tausend Einzelheiten, und immer zwangloser und heiterer ging das Gespräch hin und her zwischen den beiden, die Kluft der Jahre und alle gesellschaftlichen Schranken überspringend.

Von seinem Betrieb sprach er, von dem gewaltigen Gebäude am Rande der großen Ebene im Osten der Stadt, dröhnend vom Lärm der Arbeit – – ein Riesenkörper aus Betonfleisch und Eisenknochen, gekrönt von dem blitzenden Glasdach, mit Lichtanlagen, Krafthaus, Gießerei und Reparaturwerkstätte und großen hellen Zimmern hoch droben, wo Zirkel und Meßgerät aus Nickelstahl blitzten, Reißfedern über ungeheure weiße Blätter rauschten, Menschenhirne sich zermarterten im Dienste der Technik und des Fortschritts.

Und einmal – – da sprach er zu ihr, in der er Weib und Kind zugleich sah, von seiner Jugend.

Aber vielleicht sprach er gar nicht zu ihr, sondern zu den schwarzen schweigenden Zackenwipfeln des Waldes, zu den flimmernden Sternen am Nachthimmel, zu den Nebelfrauen, die mit feuchten ziehenden Gewändern aus den Wiesen aufstiegen wie Gespenster von Frauen, die wir einstens geliebt.

Vom frühen Tode seiner Eltern, von gleichgültigen Verwandten in der kleinen Stadt, wo er gewohnt hatte 67 – – ein stilles, grüblerisch veranlagtes Kind, das sich niemals wohlfühlte bei den Gerngeselligen, immer seine eigenen Wege ging und nur manchmal halb gezwungen mittat bei Räuberspielen und Kletterwagnissen auf der Ruine Kronstein.

Und wie er dann später, als er auf der Hochschule war, einen Freund gefunden – – einen älteren, wunderlichen, schrulligen Mann, der ein paar Stunden weit von Magdalenenbad ein kleines Gut bewirtschaftete – – oder eigentlich verfallen und verkommen ließ.

In einem Zimmer des Herrenhauses, das er sich als physikalisches Laboratorium eingerichtet, hauste er mit seinen Apparaten, Büchern und mechanischen Werkzeugen, halb Bauer, halb Gelehrter – – keines ganz, und darum mit allen seinen tiefen Kenntnissen jeder Betrügerei gewissenloser Bediensteter ausgeliefert.

Und Rhode erzählte, wie sie ganze Sommernächte lang beisammen gesessen hatten im Laboratorium oder in dem kleinen verwahrlosten Park mit dem leeren Brunnenbassin, aus dem eine Nixe abgebrochene Arme zum Sternenhimmel emporstreckte, und wie ihn der Alte in seine phantastischen Gedanken eingeweiht und ihm die großen Gesetze der Ruhe und Bewegung gezeigt hatte und den lebendigen Geist, der in der toten Maschine steckt.

Und wie sie das Leben später auseinandergerissen und die Tochter des Sonderlings, die mit ihrer sonnigen, rotwangigen Lebensfreude immer ein Fremdling 68 gewesen war in dieser wunderlichen Geisteswelt, einen benachbarten Gutsbesitzer geheiratet hatte; wie der kleine Besitz unter den Hammer kam und man ein paar Jahre danach den Alten hinaustrug auf den Friedhof.

Sie verstand nicht alles, was da an ihre kleinen Ohren schlug, die braune Anni. Aber eines fühlte sie: das war ein einsamer Mann, der sich unter seinen kalten Maschinen nach einem warmen Menschenherzen sehnte und ihr Vertrauen entgegentrug, wenn sie auch nur ein armes Mädel aus einem kleinen Dorf war.

Und so dauerte die seltsame Kameradschaft, von den übrigen Kurgästen heimlich belächelt, auch dann noch fort, als er längst keiner Pflege mehr bedurfte; und es konnte geschehen, daß er ihr die Wange klopfte oder sogar mit flüchtigem Finger über das weiche, mattglänzende Wellenhaar strich, ohne daß sie dabei etwas anderes empfand als ein frohes Gefühl von Geborgenheit.

Und wenn es anders gewesen wäre: wem hätte man daraus einen Vorwurf schmieden können?

Dem Alternden, dem das Schicksal hier vielleicht ein letztes scheues Liebesglück aufsparte – – oder der kleinen Anni mit den großen lebensdurstigen Augen – – oder gar Frau Dorothea Burmester, die der Anni gewiß eine ebenso glückliche und erfolgreiche Laufbahn gönnte wie der Gretl, ihrer Vorgängerin?

Denn es war schon des öfteren die Rede gewesen von einem artigen kleinen Plätzchen für die Anni in dem gewaltigen Betrieb, wo der Ingenieur Rhode als eines 69 der großen Schwungräder seinen Dienst tat und doch auch gar manche kleine, unscheinbare Schraube zum Nutzen des Ganzen notwendig war; schon hatte Rhode versprochen, Erkundigungen an geeigneter Stelle einzuziehen, schon hatte Frau Dora die kleine Anni beglückwünscht – – da war Frau Elfriede Trautmann in Magdalenenbad erschienen, die schöne, kluge Frau, die er schon so lange kannte – – viel länger und besser als die kleine Anni.

Und es geschah ihr, was so oft geschieht und was keiner Frau erspart bleibt – – sie mußte erleben, wie ihr gütiger Herr, ihr väterlicher Freund und Berater sich leise, ganz leise von ihr zu lösen begann, als gleite er hinüber in jene andere Welt, wo die schöne, vornehme Frau daheim war.

Ach, sie begehrte ja nichts von den Gütern dieser fremden Welt, keine Gunst und keine Gnade – – nur hinaus wollte sie, Neues sehen und lernen, die junge Kraft erproben, arbeiten, den ganzen Tag lang, wenn es sein mußte, nur mitschwimmen in dem großen, leuchtenden Strom des Lebens!

Und zum drittenmal seufzte die kleine Anni, dann gab sie sich einen Ruck, warf den Kopf in den Nacken, preßte die Lippen aufeinander und ging mit kleinen festen Schritten entschlossen auf die Glastür zu; sie mußte ihn um Rat fragen, mußte ihm den Brief zeigen, den sie heute erhalten, ihre Zukunftspläne mit ihm besprechen, diesmal wirklich ernsthaft und entscheidend. 70

Aber kaum hatte sie nach der weißen Klinke gegriffen, da sank die ausgestreckte Hand nieder und ihr Fuß zog sich scheu zurück – – sie sah durch die Glastüre, wie sie drinnen beim Schach saßen, Frau Elfriede und der Freund, mit gespannten Gesichtern auf das hölzerne Schlachtfeld blickend, und daneben stand Herr von Döbrenday mit Kennermiene und einer weißen Aster im Knopfloch und sah nicht auf das Schachbrett, sondern auf den leicht gebogenen Nacken der schönen Frau. Und nun schob Frau Elfriede eine Figur, Rhode zog die Brauen zusammen und nickte langsam mit dem Kopf, dann verbeugte er sich gegen die Siegerin; Herr von Döbrenday wusch sich die Hände in der Luft und lächelte dabei, und ein eifriges Gespräch begann – – die kleine Anni konnte nicht hören, was gesprochen wurde, aber sie sah das Gesellschaftslächeln auf den Gesichtern, an dem sich diese Menschen erkannten wie an einem geheimen Zeichen – – die Menschen aus der fernen, fremden Welt jenseits der Glastür.

Und dieses Lächeln tat ihr weh. Nie hatte er so gelächelt, wenn er mit ihr allein war – – nie!

Da ward ihr klar, daß sie jetzt nicht stören durfte – – vielleicht würde sie später mit ihm sprechen können, wenn er in sein Zimmer hinaufging, oder morgen früh, wenn er seinen Spaziergang in den Wald machte, während Frau Elfriede noch schlief – – die fremde Frau, die der armen Anni den Freund genommen.

Die Augen des kleinen Dings wurden dunkel und 71 böse. Wie schön das war, als Gesunde neben dem Gesunden zu sitzen in gelassener Heiterkeit und Lebensfreude – – ob sie wohl auch die geduldige Treue aufgebracht hätte, ihn zu pflegen und zu umsorgen in jenen trüben Tagen, wo er nichts war als ein müdes, armseliges Stückchen Mensch?

Da wandte sich die Anni um, denn sie fühlte das bißchen Mut, das sie hierher getrieben, plötzlich zerschmelzen wie Schnee vor dem Feuer – – sie ging den Weg zurück, den sie gekommen, über den roten Laufteppich, die Treppe hinab, hinaus in den Park, wo frische Luft war und der scharfe Ruch der sich zersetzenden Blätter und das matte Gold der Kastanienbäume.

Und die Dunkelheit brach herein, eine warme, milde Dunkelheit; droben entzündeten sich die Sterne, einer nach dem andern, unten im Tal lag die kleine Stadt mit ihren funkelnden Lichtern, wie ein Brillantschmuck, auf weichem, schwarzem Samt gelagert – – Abendglocken sangen von den Türmen und aus den Schornsteinen stieg friedlich der Rauch der Nachtmahlfeuer.

Und Professor Scheidemantel kam mit seinen Damen aus dem Walde – – von ferne schon hörte man seinen Bariton, denn er sang sehr gern im Walde und konnte sich diese Unart durchaus nicht abgewöhnen, obwohl Fräulein Aura schon mehrmals spöttisch bemerkt hatte, daß die Eichkatzen, Rehe, Füchse und anderes Waldgetier durchaus kein Verständnis für den menschlichen Kunstgesang haben. Und Wolfgang kam aus 72 den tiefsten Tiefen des Dschungels, die Beine bis hoch über die Knie mit Kot und Schlamm bespritzt, und in seiner Botanisierbüchse rumorte eine Blindschleiche, empört über die unerhörte Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit.

Und die drei Nornen unter dem Kastanienbaum packten ihre Handarbeiten zusammen und wackelten kurhauswärts, ein Herz, eine Seele und eine üble Nachrede; und die dicke Hanni war längst mit dem Kartoffelschälen fertig und verlegte sich nunmehr ganz auf den Unterricht in der deutschen Sprache, und der Lajos nickte dazu mit dem Strubbelkopf und sagte manchmal »igen, igen«. Und Peter, der Kurhauskater, saß vor dem Eingang, leckte sich die Pfoten und erwog die Aussichten eines nächtlichen Jagdausflugs.

Die kleine braune Anni stand in tiefen Gedanken und sah und hörte von alledem nichts.

Der Brief aber, der Schicksalsbrief, den sie noch immer in der Hand hielt, lautete so:

»Liebe Anna,

jetzt ist es endlich so gekommen wie ich es immer gewunschen und der Onkel Franz gibt das Geld, damit ich das Gasthaus zum grünen Elefanten kaufen kann. Überleg es Dir, bevor Du nein sagst. Wo Du doch gut weißt daß ich es ehrlich meine mit Dir. Es grüßt Dich vom Herzen Dein

Alois Reichenberger.« 73

 


 << zurück weiter >>