Egid von Filek
Verwirrung in Magdalenenbad
Egid von Filek

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Fünftes Kapitel

Es war ein ungeheures Ereignis in Wolfgangs Ferienleben, als der neue Luftballon zum erstenmal aufstieg – – und dieses geschah am dritten September bei herrlichstem Luftschifferwetter, und zwar an historischer Stätte – – im Burghof der Ruine Kronstein.

Onkel Rhode hatte den Platz mit Bedacht gewählt. Die hohen Mauern, die ihn umfriedeten, boten Windschutz; Zuschauer waren ausgeschlossen, nur ein paar weidende Ziegen standen als Publikum da; ihre grünen Augen musterten neugierig das fremde bunte Ding, das lang und schlaff an dünner Stange hin und her pendelte. Ein Böcklein kam heran, frech und schwarzgefleckt, zupfte mit rosiger Schnauze an dem Seidenpapier herum und sprang enttäuscht wieder fort.

Wie still es da droben war! Durch das zerbrochene Maßwerk der schmalen gotischen Fenster leuchtete tiefblau der Himmel. Brennesseln, die Wolfgang bis zur Schulter reichten, kämpften auf dem Turnierhof mit dem übrigen Unkraut um einen Platz an der Sonne. Verblaßte Malerei an den Wänden deutete an, wo 74 einst der Rittersaal war; weit hinaus in die freie Luft sprangen schmale Balkone, wo sich einst Frauenherzen hinausgesehnt hatten in die weite, weite Welt.

Und mitten in all der Trümmerromantik standen Wolfgang und Onkel Rhode und hantierten mit Bindfaden, Blumendraht, Watte und Weingeist.

Wie eifrig hatte Wolfgang im Städtchen unten alle Papierhandlungen nach dem besten Material für das große Werk durchstöbert – – nach dem feinsten und dünnsten Draht, nach dem zartesten und am schönsten gefärbten Seidenpapier! Und Onkel Rhode mußte unterdessen Kleister bereiten und mit einer großen Schere das Papier in lange Streifen schneiden, die man dann sorgfältig und luftdicht an den Rändern zusammenklebte; aber nun strahlte das vollendete Kunstwerk rot und grün, gelb und violett, und an langen Drähten hing die kleine Gondel, in Gestalt eines Schiffleins aus Stanniol, in dem ein mit Spiritus getränktes Stück Watte lag.

»Ich denke, wir können anzünden«, meinte Onkel Rhode.

Wie ein bläulicher Rauch stieg die Spiritusflamme aus dem Silberschiffchen empor; geheimnisvolles Leben regte sich unter der schlaffen Hülle, sie dehnte sich aus, verlor ihre Runzeln und Falten, knisterte und blähte sich.

Noch hing der dünne Faden senkrecht herab, der den Scheitel des Ballons mit der Stange verband; aber 75 ein Zittern durchlief ihn von oben bis unten, und Wolfgangs kleines Naturforscherherz zitterte mit, in namenloser Erregung.

Der Ballon, nun ganz gefüllt mit warmer Luft, erschien prall und rund wie eine riesige Orange; jetzt hob er sich, zerrte an seiner leichten Fessel, strebte aufwärts.

»Er steigt!«

Die Schere klappte, schnitt den Faden durch, und langsam, ruhig wie eine getragene Melodie schwebte der Ballon empor, stieg in das Sonnenlicht, leuchtete in farbiger Buntheit und war bald nur eine kleine Scheibe auf dem blauen Hintergrunde des Himmels.

»Der Wind wird ihn forttragen!« klagte Wolfgang.

»O nein. Es rührt sich ja kein Lüftchen. Er geht wieder auf dem Hof nieder, paß auf!«

Aber der Ballon hatte seinen eigenen Willen. Er hielt eine Zeitlang die gleiche Höhe, dann flog er dem Tal zu, wo die Stadt lag, segelte über den Rathausturm und nahm die Richtung gegen das Kurhaus – – dann besann er sich und trieb in einem großen Bogen auf den Turm zu.

»Jetzt sinkt er!« rief Wolfgang, atemlos vor Aufregung, und drückte die Hand Onkel Rhodes mit heißen Fingern.

Der Ballon wurde größer, schwankte dahin und dorthin und ließ sich endlich wie mit einem plötzlichen Entschluß auf der Aussichtswarte nieder. 76

Und als man ihn herunterholte, erwies er sich zu Wolfgangs jubelnder Freude als unversehrt – – nur einen ganz kleinen Riß hatte er bei der Landung abbekommen, ein Schaden, der daheim leicht gutzumachen war.

»Wo ist denn heute deine Mutter, Wolfgang?« fragte Onkel Rhode und musterte angelegentlich den Ballon.

»In die Stadt gegangen – – mit diesem Herrn Döbrenday«, erwiderte Wolfgang. Und sein Ton verriet, daß er gar nicht viel von diesem Herrn Döbrenday hielt.

»So.«

»Sie hat gesagt, sie will ihm die Stadt zeigen. Als ob es dort etwas zu sehen gäbe!«

»Und du bist nicht mitgegangen?«

»Nein. Er redet doch nie mit mir. Immer spricht er mit Mutti. Und wenn er einmal paar Worte zu mir sagt, so tut er so, als ob ich ein dummes kleines Kind wäre.«

Onkel Rhode, noch immer mit dem Luftballon beschäftigt, enthielt sich jeder Äußerung über Herrn von Döbrenday. Aber Wolfgang spann seinen Faden weiter, augenscheinlich sehr froh, einmal rückhaltlos seine Meinung sagen zu dürfen.

»Weißt du, ich kann das nicht vertragen, wenn man immer zu mir redet wie zu einem kleinen Kind. Wo ich doch schon zehn Jahre alt bin.« 77

»Du bist ein Grünschnabel, Wolfgang.«

Aber der Bub empfand das Wort, das er sich nicht leicht von jemand anderem hätte sagen lassen als von Onkel Rhode, eher wie eine gesprochene Liebkosung.

»Dieser Herr Döbrenday! Er sagt, er interessiert sich für alte Häuser und für die Domkirche und so. Aber ich glaube das nicht. Er weiß keine Geschichte und versteht überhaupt nichts.«

»So, so!«

Und nun flog über das ernste Gesicht Onkel Rhodes doch ein heimliches Schmunzeln.

»Also wie gesagt, den Riß wollen wir daheim mit Kleister verkleben«, bemerkte er mit großer Sachlichkeit. »Und nun weißt du, wie es gemacht wird, und kannst ihn auch allein steigen lassen. Aber nur bei Windstille, verstehst du?«

Und dann kletterten sie miteinander zwischen den Mauertrümmern umher, störten eine Eidechse bei ihrem Sonnenbad, guckten durch ausgebrochene Fenster in die blaue Tiefe, warfen Steine in das schwarz gähnende Loch des Brunnens, gespannt hinunterhorchend, bis ein dumpfer Schall zu ihnen empordrang wie ersticktes Seufzen; und Onkel Rhode erzählte Geschichten aus seiner Knabenzeit, so aufregend und abenteuerlich, daß Wolfgang der Atem stockte.

»Ja – – hier oben haben wir oft Ritter und Pfeffersäcke gespielt, nach der Geschichtsstunde, wenn uns der Professor von den Raubrittern und ihren 78 Überfällen auf die Kaufleute erzählt hatte. Das mußte doch probiert werden, und wir rüsteten uns – – die Ritter schnallten Schwerter um und setzten sich Helme aus dickem, schwarzem Papier auf, in welches man damals die Zuckerhüte wickelte, und schmückten sie mit langen flatternden Büschen von buntem Seidenpapier, und wer den längsten Helmbusch hatte, war Anführer. Und die andere Hälfte der Klasse, das waren die Pfeffersäcke, und die Bücherranzen kostbares Kaufmannsgut. Da gab's Überfälle mit furchtbarem Schlachtgeschrei und Nahkampf, denn auch die Kaufleute hatten Bewaffnete mit Holzschwertern zur Begleitung, aber fast immer siegten natürlich die Raubritter, und die Kaufleute warfen ihre Warenbündel weg und baten um Gnade, aber der Burgherr sperrte sie trotzdem ins Verlies. Und einmal, als wir eben in der schönsten Rauferei waren, kam auf einem unbewachten Fußpfad unser Geschichtsprofessor daher und sah sich eine ganze Weile lang mit verschränkten Armen die Sache an und schüttelte sich vor Lachen – – aber am nächsten Tag gab's in der Schule eine große Strafpredigt und Nachsitzen für alle Ritter und Kaufleute ohne Ansehen der Person – –«

»Gemeinheit«, knurrte Wolfgang entrüstet.

»Dann war's eine Zeitlang einsam auf der Burg, bis Gras über die Geschichte gewachsen war – – aber von Zeit zu Zeit kamen doch ein paar herauf und probierten allerhand Kletterwagnisse, ließen sich an 79 einem Seil in den Brunnen hinab und stiegen auf den Turm, wo damals noch keine Aussichtswarte war. Aber das Helden- und Meisterstück bestand darin, am Fuß der Turmwand rundherum zu klettern.«

»Ist das so gefährlich?« fragte Wolfgang mit angehaltenem Atem.

»O doch – – an einer Stelle hängt man gerade über dem Abgrund und hat kaum Platz für den Fuß. Ich bin selbst einmal rundum gekrochen und – – na kurz und gut, ich war recht froh, als das Wagestück glücklich vollbracht war.«

Wolfgang blickte von dem Turm auf Onkel Rhode und dann wieder auf den Turm und sein Herz schwoll von Bewunderung . . .

Während solches auf dem Burghof von Kronstein geschah, standen Frau Elfriede und Herr von Döbrenday mitten auf dem Marktplatz des Städtchens und genossen mit schaufrohem Behagen die fröhliche Buntheit dieser roten und gelben Äpfel, Birnen, Nüsse und rotglühenden Paradiesäpfel, die in großen Fässern und Körben zuhauf lagen; Zwiebeln schimmerten wie poliertes Kupfer, silbern glänzten die Knoblauchknollen, sogar Weintrauben lockten schon hie und da, und dazwischen zeigten Astern, Dahlien, Nelken, Reseden, Zinnien ihre Farbenpracht.

Marktweiber mit gebauschten Röcken rollten hin und her wie blaue Kugeln. Mitten aus dem Getriebe stieg die verschnörkelte Dreifaltigkeitssäule auf, vier 80 Heilige in fliegenden Gewändern blickten verzückt gen Himmel, und droben funkelte das goldene Dreieck auf dem Kopfe des bärtigen Gottvaters.

Elfriede kaufte ein paar Stückchen Obst für Wolfgang – – nur diesem bunten, lustigen Marktplatz zuliebe, der da vor ihr lag wie ein Sinnbild kleinstädtischer Behäbigkeit. Und Herr von Döbrenday erstand ein Büschel der schönsten Nelken, rot und weiß, die er mit artiger Verbeugung seiner Dame überreichte.

Sie wanderten durch Gassen und Gäßchen, und Frau Trautmann zeigte ihrem Begleiter alle die hübschen Kleinigkeiten des alten Städtchens, Prunkstückchen vergangener Zeiten: hier ein Wirtshausschild in reicher Schmiedeeisenarbeit, einen goldenen Löwen, der wie ein Pudel aussah, ein schwarzes Rössel, steif und treuherzig wie die Urgroßväterzeit, die es geschaffen hatte; dort ein geschweiftes Portal oder eine bunte Madonna in ihrer Wandnische oder eine Schwedenkugel, in die alte Stadtmauer eingebacken.

Sie war wie ein kleines Mädchen, das dem fremden Gast voll harmloser Fröhlichkeit seine Schätze zeigt, seine Puppen, Kleidchen und Spielsachen; Herr von Döbrenday war auch heiter und fröhlich, aber nicht so harmlos.

»So, nun müssen Sie aber endlich die Domkirche sehen mit dem wunderschönen alten gotischen Flügelaltar!« 81

Herr von Döbrenday verbeugte sich. Er hatte als Budapester Großstadtmensch zwar nicht viel für solche Dinge übrig – – aber wer betrachtet nicht gerne einen alten gotischen Flügelaltar, wenn er ihm in der kühlen Dämmerung einer Kirche von einer hübschen jungen Frau gezeigt wird?

Übrigens besaß der Flügelaltar für Frau Elfriede Trautmann noch eine ganz besondere Bedeutung.

Dort hatte sie vor zwölf Jahren das kleine Wort gesprochen, das Mann und Weib für ein ganzes Leben zusammenschmieden soll nach der Satzung der Gesellschaft. Viele, viele Lichter hatten gebrannt und ihren warmen Glanz auf das krause Geschnörkel mit seinen Kriechblumen und vergoldeten Ranken geworfen, viele Menschen waren dagewesen, alte und junge, teilnahmsvolle und gleichgültige, neidische und herzensgute, die ihr Glück wünschten oder kühl die Zeremonie betrachteten wie ein buntes Schauspiel. Und sie stand da, ein junges blühendes Weib, in weißer Seide, umflossen von dem schimmernden Brautschleier, und freute sich, daß ihr Weg nun hinausging ins Licht eines reichen Frauenlebens an der Seite des Mannes, von dem sich ihr Mädchentraum die Erfüllung aller ihrer hochfliegenden Wünsche versprach.

Und abseits, tief im Kirchendunkel, zwischen grauen Bündelpfeilern stand einer und sah mit heißen Augen herüber, und rang seinem Herzen die Kraft ab, die es brauchte, um eine Weile später im Schwarm von 82 neugierigen und gleichgültigen Menschen eine artige Glückwunschformel herzusagen.

Sie schritten über den weiten, grasbewachsenen Domplatz.

Der schlanke Turm stieg empor, ein riesiger versteinerter Springbrunnen. Ringsum, scheu zurückweichend, hielten sich die kleinen zierlichen Biedermeierhäuschen, mit Erkern, Wandmalereien und bunten Blumenfenstern geschmückt, wie ein Reigen von Kindern an den Händen, und mitten unter ihnen ragte, ein greller Mißklang, das Warenhaus Ticho und wollte Großstadt markieren – – es war ein Versuch mit völlig unzureichenden Mitteln.

Die Turmuhr schlug die Stunde. Dröhnend hallten die ehernen Schläge über den stillen Platz; Herr von Döbrenday schickte seine Augen zur Spitze des Turmes – – und siehe da, just in diesem Augenblick schwebte Wolfgangs Luftballon darüber hin und zog auch die Blicke der Frau auf sich.

Was hast du, Frau Elfriede? Warum starrst du dieses Stückchen leuchtende Buntheit an, das da droben in seliger Höhe vorübergleitet, eine glänzende Seifenblase am blauseidenen Herbsthimmel, farbenschillernd wie die Illusionen deiner Mädchenjahre, zart und traurig wie ein halbvergessenes Lied aus alten Tagen?

Oder – – denkst du an den, der eben jetzt mit deinem Kind plaudert wie ein alter Freund, und vergleichst ihn mit dem Mann an deiner Seite, der jung ist und 83 geschmeidig und rücksichtslos in der Wahl seiner Mittel, Frauen an sich zu reißen?

Hüte dich, Frau Elfriede! Hüte dich – – vor dir selbst! Du bist jung und schön – – aber doch nicht mehr jung genug, um nichts anderes sein zu dürfen als Weib – – nur Weib!

»Es ist hübsch von dem Herrn Ingenieur, daß er sich so viel mit dem kleinen Wolfgang abgibt«, meinte Herr von Döbrenday mit leiser Zweideutigkeit – – und auf dem Grunde der höflichen Worte lag ein Unterton von Ironie.

Sie erwiderte mit halber Entschuldigung:

»Nun ja – – er hat das Kind sehr gern.«

Das kühle Dunkel des Domes schlug über den beiden zusammen. Sie genossen die stumme Musik dieser Rippen, Strebepfeiler, Maßwerkfenster und farbenglühenden Glasmalereien, geschaffen von der Glaubenssehnsucht vergangener Geschlechter, steingewordene inbrünstige Gebete, von den Menschen von heute und gestern nicht mehr verstanden – – diese Traumwelt, die sogar den immer unruhigen und zerstreuten Blick Herrn von Döbrendays für kurze Zeit zu fesseln vermochte.

Aus den Schattenwinkeln des grauen Gemäuers glitten Erinnerungen an Elfriedes Mädchenzeit. Dort auf der Kanzel hatte der junge hübsche Geistliche gepredigt, in dessen blasses Gesicht mit den Schwärmeraugen die ganze Mädchenschule verliebt war. Der 84 Beichtstuhl mit dem violetten Vorhang erzählte von flüsternd und stockend einbekannten Kleinmädchensünden, und dort in der Nische unter dem Orgelchor hatte man das erste Stelldichein mit dem blonden Studentlein, zaghaft gespendete Belohnung für ein schwärmerisches Gedicht von acht Verszeilen, eine überschwenglicher als die andere, deren Anfangsbuchstaben den Namen »Elfriede« ergaben.

Da schimmerte der goldbunte Flügelaltar.

Die Madonna in roten und blauen Gewändern neigte ein Köpfchen von unendlichem Liebreiz über das Kind, das mit weitgebreiteten Armen zu ihren Füßen lag. Petrus und Paulus standen daneben unter vergoldeten Spitzbogenbaldachinen, auf blauem Hintergrunde glänzten goldene Sterne, harte Männerfäuste umklammerten Schwert und Schlüssel.

So ganz allein waren sie in dem weiten Raum, so leise legte sich ein kaum merklicher Duft von Weihrauch auf ihre Brust, so hingegeben an die Stimmung des Ortes und der Stunde schien die hübsche Frau, daß Herr von Döbrenday, erfahrener Kenner der weiblichen Seele, seine Zeit für gekommen hielt.

»Wie die Madonna Ihnen ähnlich sieht«, hauchte er und schob sich nahe, ganz nahe an Elfriede heran.

Sie neigte den Kopf mit dem reichen Haar, vollgesogen vom Kirchendunkel – – sie fühlte das Begehren, das unsichtbare Arme nach ihr ausstreckte, stand regungslos, wartete ab, was nun kommen werde. 85

War es Neugier – – war es ein Empfinden aus tieferen Regionen des Gemüts, das sie den Atem hemmen und sich ganz stillhalten ließ?

Sie wußte es selbst nicht. Wo ist im Frauenherzen die Grenze zwischen Neugier und Liebe?

Seltsamer Duft umfing sie, ließ sie halb die Augen schließen, hüllte sie in verträumte Willenlosigkeit.

Aber es war nicht der Duft des Weihrauchs, der die Sinne und Gedanken der Frommen umnebelt – – nein, er kam aus den Kleidern des Herrn von Döbrenday.

Und wie sie, halb wider Willen, mit zitternden Nasenflügeln dieses aufreizende Parfüm einsog, da stand mit einemmal das Bild ihrer ersten Begegnung mit ihm vor ihrer Seele.

Vor Jahren war's gewesen – – auf der großen landwirtschaftlichen Ausstellung in der Rotunde in Wien, dem fröhlichen, leichtsinnigen, lebens- und liebestollen Wien, wohin Herr von Döbrenday aus dem noch viel leichtsinnigeren Budapest gekommen war, um wieder ein paar kleine Reiseabenteuer zu erleben und so nebenbei persönlich den Ehrenpreis für die Riesenkürbisse eigener Zucht in Empfang zu nehmen, die er von seinen Gütern am Plattensee auf die Ausstellung geschickt; da nun Herr Richard Trautmann auch einen Preis für Edelobst von hervorragender Schönheit erhalten hatte, lernten die Herren zwischen ihren Äpfeln, 86 Birnen und Kürbissen einander auch persönlich kennen, und obwohl sich das Trautmannsche Gütchen an Ausdehnung zu Herrn von Döbrendays Landbesitz ähnlich verhielt wie seine rosigen Spalieräpfel zu den ungarischen Mammutkürbissen, so tat er dennoch gar kollegial, weil ihm Frau Elfriede sehr gut gefiel.

Und dann kamen ein paar Ausflüge zu dritt in Herrn von Döbrendays Auto, auf den Semmering, nach Baden, in die einsame Waldherrlichkeit des Wiener Waldes, und Theaterbesuch und Kabarett und Bar und Varieté – – wer durfte es Frau Elfriede verargen, daß sie sich, jung und lebensdurstig wie sie damals war, aus der Eintönigkeit des Landlebens nach ein paar tiefen, herzerquickenden Zügen aus dem Becher der Großstadtfreuden sehnte?

Und über all den kleinen Erlebnissen lag jenes aufreizende Lebemannsparfüm, das in ihrer Erinnerung mit der Gestalt des genußfrohen, leichtsinnigen Kavaliers zusammenfloß.

Später waren noch ein paar Briefe und Ansichtskarten hin und her geflogen zwischen Ost und West, bei Richard Trautmanns Tode hatte Herr von Döbrenday sogar herzliches Beileid gesandt, aber zu einem Wiedersehen war es erst in diesem Herbst gekommen.

Wunderlich, wie jetzt das Vergangene mit einem Schlage vor ihr stand – – was hatte sie nicht alles erlebt seit damals, was mochte Herr von Döbrenday erlebt haben – – wie viele Frauen und Mädchen 87 hatten sich unterdessen an seine Brust gelehnt und den gleichen schwülen Duft eingesogen wie süßes Gift – – und nun – – ja nun war eben sie an der Reihe, Frau Elfriede Trautmann – –

Da kam jähes Erwachen über sie; ihr Frauenstolz flammte auf, plötzlich war Raum zwischen ihm und ihr, sie fühlte, daß sie sich wieder fest in der Hand hatte, sie sah, wie er die Stirne kraus zog – – einen Augenblick nur, dann nahm er wieder das Wort zu einer höflichen Belanglosigkeit.

Dann fand Frau Elfriede, die Situation sei reif für einen Nachmittagskaffee.

»Ich weiß hier eine reizende kleine Konditorei, Herr von Döbrenday. Dort können Sie Süßigkeiten naschen soviel Sie wollen. Und ich glaube, Sie naschen gern, nicht wahr?«

Das war sehr lieb und harmlos gesprochen und entbehrte doch nicht einer gewissen Bosheit; aber Herr von Döbrenday schwieg, betrachtete lächelnd seine gepflegten Fingernägel und dachte an das Sprichwort »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«. Er dachte es zwar auf ungarisch, aber die Sprichwörter sind im Ungarischen genau so richtig wie im Deutschen – – oder genau so falsch.

Und dann saßen sie in der Konditorei – – es war ein wunderbar heimeliger Raum im Unterstock eines alten Patrizierhauses, zu dem man auf zwölf Stufen 88 hinabsteigen mußte, mit mächtig dicken Wänden, hochgewölbter Decke und höchst behaglichen Polstermöbeln, in die man hineinsank wie in einen wollüstigen Traum. Rote Astern standen in schlanken Vasen auf runden schwarzen Marmortischchen, und aus kleinen Fenstern sah man zwischen geblümten Vorhängen den großen Neptun mit seinem vergoldeten Dreizack und die ganze bunte Biedermeierei von Häuschen auf der anderen Seite des Platzes.

Was half das alles – – die Stimmung war nun einmal verflogen, und Herr von Döbrenday hatte sich diesen Nachmittag ganz anders gedacht.

Ein Mädchen kam, rotwangig, verschlafen, ein richtiges Zuckerbäckermädchen, appetitlich wie eine geputzte Torte, mit einem weißen, gefältelten Tändelschürzchen, und fragte die Herrschaften nach ihren Wünschen.

Natürlich nahmen sie Schlagobers, und natürlich dachte Herr von Döbrenday dabei an die kleine Erzci, wie sie damals auf der Margareteninsel mit ihren spitzen Fingerchen und rosigen Krallen Schlagobers gegessen – – nein, nicht gegessen: geschlürft, geschleckt, sich eingeflößt hatte mit selig verschwimmenden Augen, rückhaltlos hingegeben an den unsagbaren Genuß. Frau Elfriede behandelte den Fall anders; sie aß ruhig, bedachtsam, mit Verständnis und kleinen Pausen und der sachlichen Feststellung, daß das Schlagobers nicht ganz frisch sei.

»Warum so schweigsam, lieber Freund?« fragte 89 Frau Elfriede, »ist es hier nicht ebenso hübsch wie in der Domkirche?«

Herr von Döbrenday wurde rot, weil er sich ein wenig ärgerte, und dann ärgerte er sich wieder, weil er rot geworden war. Aber dann unterhielt er seine Dame mit der Schilderung verschiedener, hierorts unbekannter Budapester Delikatessen und erwies sich dabei als ein wirklicher Kenner.

Zwischen Rathaus und Neptunbrunnen begann jetzt die Appetitspromenade der bürgerlichen Welt, und die beiden Kunstwanderer traten den Aufstieg nach Magdalenenbad an – – Elfriede eifrig plaudernd, mit der ironischen Koketterie des Weibes, das im Geplänkel der Liebe einen Sieg über den Mann davongetragen hat, Herr von Döbrenday etwas schweigsam, aber immerhin sehr artig.

Bei der Magdalenenkapelle, wo der Weg zur Ruine von der Serpentinenstraße nach der Stadt abzweigt, kam ihnen Onkel Rhode mit Wolfgang entgegen, der seinen zerknitterten Luftballon auf den Händen trug wie einen heiligen Gral; und da sich Wolfgang, ohne Herrn von Döbrenday eines Blickes zu würdigen, sofort auf die Mutter stürzte und in froher Aufregung vom ersten Aufstieg des neuen Ballons erzählte, so blieb für den Onkel nur Herr von Döbrenday übrig.

Der erinnerte sich, daß er ein gebildeter Mann war, und sprach von der gotischen Domkirche und von 90 einem Flügelaltar aus der Zeit des Ladislaus Postumus, der im Budapester Museum stand und über den er kürzlich im Pester Lloyd eine kleine Notiz gelesen hatte. Er sprach mit der Gewandtheit des Weltmenschen, der alles weiß, ohne es gelernt zu haben, und am hübschesten über die Dinge plaudert, von denen er nichts versteht.

Und dann kamen die Damen Regenfeld mit ihrem Trabanten, Professor Scheidemantel, und Mama Regenfeld klagte wieder einmal sehr über rheumatische Schmerzen und empfahl sich bald von der Gesellschaft, um in Begleitung der Maus die vor Zugluft geschützten Innenräume des Kurhauses aufzusuchen. Professor Scheidemantel aber beteiligte sich als Sachverständiger an dem Gespräch über den Flügelaltar des Ladislaus Postumus – – und dabei horchte er gierig auf jedes Wort, das Herr von Döbrenday mit der blonden Aura sprach – – in jenem seltsam gespannten Nervenzustand, der es uns ermöglicht, eine gleichgültige Unterhaltung zu führen und dabei geistig ganz woanders auf Beobachtungsposten zu sein.

Und die Geschichte des Ladislaus Postumus – – du lieber Gott, die kannte er von seinen Schulvorträgen her auswendig und hätte sie im Schlafe erzählen können.

Aber er hatte so mancherlei gehört von den drei Nornen in Gelb, Braun und Steingrün, wenn er auf der Abendbank neben ihnen saß und ihnen den Mond 91 abwarten half – – halbe Worte und dunkle Andeutungen, wie sie Nornen eben von sich zu geben pflegen, daß die blonde Aura eine merkliche Schwäche für den glänzenden Fremdling gezeigt und ihm in der Augensprache, die sie so vorzüglich verstand, allerlei Dinge gesagt hätte, zu deren Mitteilung es schließlich keiner Worte bedarf.

Und da Professor Scheidemantel, wie alle eitlen Männer, ebenso empfindsam wie leichtgläubig war, so beobachtete er die beiden mit eifersuchtgeschärftem Mißtrauen; aber er kam zu der Überzeugung, daß die Nornen sich dennoch getäuscht haben mußten, denn die rotblonde Aura sprach mit Herrn von Döbrenday in ganz derselben freien, leicht burschikosen Art, die sie vom ersten Tage ihres Hierseins an allen Herren gegenüber gezeigt hatte und mit der auch alle einverstanden gewesen waren, nur eben Professor Scheidemantel nicht. Und obwohl diese Erkenntnis doch gar nicht dazu angetan war, ihn in der Gunst der Angebeteten auch nur einen Schritt weiterzubringen, so empfand er doch eine gewisse Befriedigung darüber – – so etwa wie ein Kind, das vergeblich um ein Stück Kuchen bettelt, aber sich gern zufrieden gibt, wenn nur das liebe Brüderchen auch nichts bekommt.

Aber in den Strahlen dieser Erkenntnis reifte in der Seele Professor Scheidemantels ein großer Entschluß. So konnte es nicht mehr weitergehen. Er mußte endlich einmal eine Aussprache mit Aura suchen, 92 mußte ihr sagen, wie es um ihn stand, auch auf die Gefahr hin, zurückgewiesen zu werden – – dieser Zustand war unhaltbar, würdelos beinahe, und seine Männlichkeit ertrug ihn einfach nicht länger.

Und bald mußte geschehen, was doch unvermeidlich war – – die Ferien gingen zu Ende, das neue Schuljahr stellte große Anforderungen an seine Arbeitskraft, eine Klasse sollte er zur Reifeprüfung führen, da mußte doch zuerst in den Angelegenheiten des Herzens reiner Tisch gemacht werden. Ach, und er war doch schon über zweiunddreißig und hatte sich so sehr auf ein seliges Ende seines Junggesellenlebens gefreut!

Der Speisesaal strahlte schon im Glanze seiner Lichter und seines weißen Tischzeugs, aber im Musikzimmer war's finster und einsam; die Schachpartie auf dem Spieltischchen stand noch so, wie sie die beiden letzten Spieler verlassen – – der weiße König schwer bedrängt, gestützt auf zwei getreue Bauern, den Tod erwartend; Feinde ringsum, Türme, in brutalem Draufgängertum alles vor sich niederreißend, geschwinde Läufer, hinterlistige Rössel mit verzwickten Sprüngen – – und siegreich stand vor der männlichen Hilflosigkeit die feindliche Königin, das ganze Schlachtfeld beherrschend, ewiges Symbol der Frauenmacht, die immer wieder von neuem siegt im Schachspiel des Lebens.

Feine, zittrige Töne, leise und traurig wie Kinderweinen, stiegen aus der dunklen Ecke, wo das Klavier 93 stand. Ein Köpfchen, schwer von kastanienbraunem Haar, senkte sich über die Tasten, ein Finger tippte schwerfällig und langsam eine Melodie.

Die Maus.

Ach Gott, sie war ja so ein armes, kleines, dummes Mädel, die Maus. Sie konnte nicht singen, nicht Klavier spielen, nicht Konversation machen; sie verstand nicht zu flirten und nicht zu locken mit den Reizen ihres jungen Körpers. Immer stand sie im Schatten, horchte heimlich hinter angelehnten Türen, wenn andere sich im hellen Saal laut und lärmend ihres Lebens freuten.

»Immer leiser wird mein Schlummer,
immer schwerer liegt mein Kummer
lastend über mir . . .«

Das Lied, das sie am liebsten hatte – – das Lied, das er am schönsten sang – – und das ihr am tiefsten ins Herz griff.

»Ach, ich werde sterben müssen,
eine andre wirst du küssen,
wenn ich tot und kalt . . .«

Oh, sie hätte sie hassen können, die freie, stolze, glänzende Schwester – – wenn – – ja, wenn ein großer Haß nur Platz gefunden hätte hinter dieser schmalen kleinen Mädchenstirn. Und so blieb ihr nichts als müdes, hoffnungsloses Weinen. 94

Eine Türspalte öffnete sich, ein Lichtstrahl fiel in Dunkel und Herzeleid, die sanfte Stimme Frau Dora Burmesters fragte:

»Fräulein Helene, kommen Sie nicht zum Abendessen?« 95

 


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