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Ich kaufe einen Tiger in Johur.

Im Indischen Ozean
an Bord D. S. ›Bülow‹, 30. IX. 1910

 

 

Langsam glitt die ›Bülow‹ an den malaiischen Pfahldörfern vorbei, durch die Malakkastraße, auf Singapur zu. Singapur – das ist die ›Löwenstadt‹: ein wissenschaftlicher Name vermutlich, darum der Insel so gegeben, weil weit und breit und nirgends in ganz Asien ein Löwe herumstreicht, wohl aber viele Tiger das Land hier unsicher genug machen.

Singapur – Löwenstadt? Natürlich kann sich nur ein Deutscher darüber aufregen, und dann nur wieder solch ein Narr wie ich, der allen Dingen durchaus auf den Grund kommen will. Wer hat die Inselstadt so genannt und warum? Und wußten diese Leute, daß schließlich Löwe und Tiger – dasselbe Tier sind? Dasselbe Tier, das sich nur anders anzieht? Freilich, wenn man den Tigerschädel auf den Tisch stellt, steht er fest, und der Löwenschädel wackelt ein ganz klein bißchen – auch nicht einmal immer! Kein Paläontologe der Welt kann, wenn er ein Skelett findet, bestimmen, ob's einem Löwen oder einem Tiger gehörte – alle Skelette sind völlig gleich. Wenn sich die zwei Tiere verheiraten, kriegen sie prächtige Kinder – Hagenbeck hatte so ein paar: Romulus und Remus hießen sie, die sollten das Geschlecht der Löwentiger begründen. Denn dazu muß der Mensch schon ein wenig nachhelfen, weil die Natur keine Gelegenheit schafft: wo's Löwen gibt, fehlt der Tiger, und wo die Tiger hausen, gibt's keine Löwen. Ein unangenehmes Problem ist das, und ich möchte, die Herrn Gelehrten würden sich ein wenig damit beschäftigen. Denn das Fell ist doch wirklich kein Unterschied: kurzhaarig oder langhaarig, braun, weiß oder schwarz: Hund ist Hund! Und ob ich im Tropenanzug oder im Frack rumlaufe – ich bleibe doch ein armseliger Mensch, der nichts weiß.

Nun aber, diese alten Menschen der Malakkahalbinsel, die die Insel Singapur nannten, wußten ja noch viel weniger als ich. Skelette haben sie gewiß nie studiert, und wenn je einmal vor Jahrhunderten einer ihrer Sultane von einem befreundeten Araberscheik von Afrikas Ostküste einen Löwen geschenkt bekam – nun, dann mußte ihnen dies Tier als ein ganz andres erscheinen als ihre Tiger. Hoch trug der Löwe den bemähnten Riesenkopf, gelbbraun war er; ihre Tiger waren alle schwarz-gelb gestreift und hatten gar keine Mähne.

Warum also nannten sie –?

Nein, ich geb's auf! Zu hart ist mir diese Nuß! Paläontologen, Osteologen und Biologen oder auch Geographen und Orientalisten mögen sie knacken!

* * *

Ich lehnte über die Reling, schaute dem Lotsen zu, der das Fallreep hinaufkletterte; neben mir stand der Rauchzimmersteward. Ein blonder Junge, flink, fix, fast elegant in seiner weißen Tropenuniform. Doch lag etwas Weiches, Verträumtes in seinen blauen Augen: er war ein Wiener Kind; und ob er auch seit vierzehn Jahren auf Bremer Schiffen durch die Welt fuhr, war doch etwas da, das ihn weit weghob von all den breitschultrigen Männern der Wasserkante.

»Lauf zum Lotsen!« sagte ich zu ihm. »Laß dir die Reuterdepeschen geben, und bring sie her!«

»Ich darf nicht«, antwortete er. »Erst will sie der Kapitän haben.«

»Nun gut«, sagte ich; »so geh ich zu ihm auf die Brücke.«

Der Kapitän war ein Berliner und war weißgott das grade Gegenteil von seinem Rauchzimmersteward. Untersetzt, stark, großknochig – ein Idealmodell für Rudolf Wilke vom ›Simplicissimus‹. Und doch war da ein Gemeinsames. Formes hieß der Kapitän – seit vier Generationen hat der Name einen guten Klang auf der deutschen Bühne. Wie in den blauen Augen des Stewards die heimliche Liebe zu Wien schlummerte – zu Wien und zum Theater, das ist nicht zu trennen – so rollte auch in den Adern dieses prächtigen rauhen Seemannes, dieses Sohnes, Enkels und Urenkels von Sängern und Schauspielern, mancher Tropfen Theaterblut. Und ich denke mir: es war die stille, geheime, halbvergessene Sehnsucht zu der Welt der Kulissen, die es machte, daß der Herr des Schiffes gelegentlich – oh, nur einmal in Monaten! – im Rauchzimmer still und allein mit seinem Wiener Steward plauderte.

Ich ging auf die Brücke; der starke Kapitän zerquetschte meine Hand und sprach von den Inseln, die da umherlagen, von den Sampans und chinesischen Dschunken und malaiischen Katamarangs, die rings um uns schwammen.

Der Lotse kam, ging ins Steuerhaus, griff das Rad und steuerte das mächtige Schiff durch den weichen, süßen Abend. Ein verträumtes Schweigen wehte in diesen kurzen Minuten der Tropendämmerung.

Da kroch der blonde Steward die Treppe herauf. Er war bleich, fast grün; er bewegte die Lippen, stotterte. Brachte kein Wort heraus.

»Herr Kapitän«, schluchzte er endlich; »Herr Kapitän –«

»Was ist los?« fragte der.

»Herr Kapitän –«, versuchte der Steward. Seine Hand zitterte, zerknitterte die weißen Bogen mit den Reuterdepeschen.

Der Kapitän wurde ungeduldig. »Was gibt's denn, zum Kuckuck?« rief er. »Mann über Bord? So reden Sie doch, Mensch!«

Der Steward faßte sich fest an die Reling. Er nickte; ganz langsam kam es heraus: »Mann – über Bord!« Dann streckte er uns die Depesche entgegen: »Herr Doktor – Herr Kapitän – Kainz ist tot!«

Der Kapitän wiederholte: »Kainz – Kainz ist –?«

Er griff nach den Depeschen, aber er blickte nicht hinein. Die Sonne war herunter im Meer, tiefe Schatten fielen über den Dampfer. Ich konnte seine Züge nicht mehr erkennen: ich weiß nicht, ob da eine Träne war. Ich trat zu ihm, faßte seine Arme. Er schüttelte mich leicht ab; ich fühlte wohl, wie dieser gewaltige Leib erbebte.

»Es ist gut,« sagte er; »ich danke Ihnen.« Er reichte mir die Depeschen, wandte sich dann. »Verzeihn Sie, Doktor, ich muß zum Lotsen.«

Ich ging hinunter, trat ins Rauchzimmer. Da saßen die Herrn, tranken, pokerten, würfelten um ihren Cocktail vor dem Dinner.

»Any news?« fragte ein Australier mit einem Blick auf die Depeschen in meiner Hand.

»Kainz ist tot!« rief ich.

»So–o–o?« sagte gleichgiltig ein deutscher Kaufmann aus Tientsin.

Und der lange Engländer, mit dem er pokerte, fragte: »Who the dickens was he?«

Dann spielten sie weiter. Hinter der Bar stand der blonde Steward, mischte ihnen neue Cocktails.

* * *

Ich ging in meine Kabine, zog mich um zum Abendessen. Kainz war tot, Josef Kainz war tot! Was sollte das allen denen, die ihn nie sahn? Eine Nachricht, kaum wert, den Knobelbecher nur für eine Viertelsekunde aus der Hand zu legen. Und warum war diese selbe Nachricht so atemraubend erschütternd uns, die wir ihn kannten: dem Kapitän auf seiner Brücke, dem Steward hinter seiner Bar und all den andern von Czernowitz bis Straßburg?

Czernowitz – ja, da hatte ich ihn zum letzten Male gesehn, den Josef Kainz! Und grade in Czernowitz – seltsam! – hatte ich genau dasselbe erlebt, wie heute. Anders, ganz anders in allem Äußern – und dennoch genau dasselbe im Grunde.

Ich setzte mich auf mein Bett – wie war es doch damals?

Ich war im Theater eines Mittags, hatte irgendwas mit dem Direktor zu sprechen. Ich kam aus dem Hause, stand vor dem Bühneneingang, plauderte mit den Schauspielern, die eine Pause bei ihrer Probe hatten. Da kam ein erbärmlich Männchen heran, eine Zeitung in der Hand: der Souffleur war's, gehänselt, getreten, geduckt, eine Zielscheibe für den Witz des ganzen Theaters. So ein verfehlter Komödiant, der durch Jahrzehnte lang alles versucht hatte, mit großer Liebe und gar keinem Talent, der sich durchgehungert hatte von einer Schmiere zur andern, der schließlich resigniert hatte, dennoch nicht lassen konnte vom Theater und nun als Souffleur sein kümmerliches Brot verdiente. Wie ein geschlagener Köter schlich er daher, viel kleiner noch als sonst, trostloser und armseliger.

Der Operettentenor bemerkte ihn zuerst. Ein schlanker, bildhübscher, lustiger Bursch, mit großen Gesten und prächtiger Stimme – saublöd war er daneben.

»Na, was hast' denn, du Vogelscheuchen?« lachte er.

Der Souffleur blieb vor ihm stehn, sah zu ihm hinauf. Eine kleine Weile schwieg er; dann plötzlich brach es los aus ihm.

»Wos i hob, du Jochtolm, du ausg'suchter?« brüllte er. »Wos i hob? Der Mitterwurzer ist tot – und du – lebst!!

Er holte aus und klebte dem Operettentenor die schönste Watschen ins Gesicht, die ich je im Leben gesehn hab!

* * *

An seinem Kai in Tandjong Pagar lag die ›Bülow‹ am andern Morgen. Ich gab mein Gepäck dem ›Mandur‹ des Raffles-Hotels, nahm ein Gharrie und fuhr in die Stadt.

Beim Tiffion traf ich Major Pelham, den ich seit Jahren nicht gesehn hatte – Pelham von den zweiten Lanzenreitern; jeder Mensch kannte ihn im Osten, von Suez bis Shanghai. Er hatte Gesellschaft – so begrüßten wir uns nur kurz und verabredeten uns zum Abend in den deutschen Klub – dort wollten wir plaudern. Ich möge ihn entschuldigen, bat er, wenn es ein bißchen spät würde. Ich lachte: was heißt spät in Singapur?

Was kann man tun in dieser Inselstadt? Man geht beim Postamt über die Brücke in den südlichen Stadtteil, läuft durch die Gassen und spielt mit sich selber ein Spiel: wieviel Menschenrassen sieht man in einer Stunde? Man bekommt Übung darin, schärft den Blick. Schlägt seinen eigenen Rekord in der nächsten und wieder in der übernächsten Stunde. Denn schließlich: welche Rasse sieht man nicht in Singapur?

Längst ist die Stadt chinesisch geworden – aber ist sie nicht dennoch europäisch? Englisch dazu – wenn auch Bürger aller europäischen Nationen im weißen Tropenanzug durch die Straßen ziehn. Feinste Unterschiede erkennt man; man sieht am Bau des Tropenhelms genau: der ist ein Deutscher aus Colombo, der ein Engländer aus Madras, der ein Franzose aus Pondichéry. Holländer trifft man, Australier, Amerikaner; dann – von den Schiffen – Skandinavier oder Italiener. Und die Leute, die sich durchaus auch für Europäer halten, denen aber sonst hier kein Mensch diesen Gefallen tut – Griechen und Armenier, Levantiner und Portugiesen. Überall Chinesen, von den Mandschus bis zu Leuten der Tschanstaaten; wenige Mongolen, hie und da ein Japaner. Laskaren in allen Gassen, Klings und arabische Händler; Malaien, Sundanesen, Javaner und Tagalen von den Inseln. Singalesen, Tamilen und Burghers von Ceylon; Siamesen auch und Anamiten; Menschen aus Tongking, Birma und Kambodscha. Afghanische Wucherer, mit spitzen Hüten, persische Kaufleute und die feisten Chetties, die südindischen Geldwechsler. Bantunigger aus Südafrika, helle, schöne Männer aus Radschputana, Parsen, auch Sikhs und Ghurkas. Immer wieder andre Laute: alle Sprachen der Welt: Babel!

Nur wenige Frauen – hier leben viermal soviel Männer wie Weiber. Manchmal, im Rikscha oder im Auto, eine europäische Dame; dann Malaienmädel, chinesische Frauen und bunte japanische Dirnen in reichen Kostümen: Exportware für diesen Männerstaat.

Man läuft durch die Gassen und schaut die Menschen an. So vergeht die Zeit: was soll man sonst machen in Singapur?

* * *

Ich saß allein auf der Terrasse im Teutoniaklub, wartete in der Vollmondnacht auf Major Pelham. Wartete lange genug; über die Tangli-Road her drang die Musik der Regimentskapelle, die im Botanischen Garten spielte. Sicher war er dort, konnte sich nicht losmachen von seinen Freunden, Damen und Herren der Regierung. Wenig Frauen in dieser Stadt – doch um Major Pelham von den 2. Lancers schwirrte gewiß ein Dutzend herum. Er war der große ›Shikari‹ – in Indien und Birma und Siam, vom Himalaja herunter bis zur Malakkastraße gab's keinen bessern Tigerjäger!

Dann kam er doch: ich hörte, wie man ihn drinnen begrüßte – es war schon eine Ehre für jeden Klub, wenn Major Pelham sich einstellte. Drei Herrn brachten ihn auf die Terrasse.

Aber der Engländer setzte sich nicht. Er kam gleich auf mich zu, goß den Whisky herunter, den ich ihm einschenkte, entschuldigte sich überstürzt bei den Herrn, daß er nicht bleiben könne. Er war sehr bleich, sichtlich in großer Aufregung; mühsam hielt sich seine hohe, hagere und sehnige Gestalt aufrecht.

Etwas war geschehn. Genau so benahm sich gestern der Wiener Steward auf der Brücke. »Eine schlechte Nachricht, Major?« fragte ich.

»Nein, nein!« murmelte er. Er leerte ein zweites Whiskyglas, griff dann meinen Arm. »Bitte, kommen Sie mit,« bat er.

Wir fuhren zum Hotel. Ich fragte nicht, und er sprach kein Wort. Wir gingen zur Bar, tranken noch ein paar Whiskys. Ich wartete, fühlte, daß er mir etwas zu sagen habe. Aber er fand das Wort nicht.

Schließlich fragte er: »Wann fahren Sie ab?«

»Übermorgen«, sagte ich.

Er seufzte erleichtert auf. »Dann sind Sie morgen noch hier?« begann er wieder. »Morgen den ganzen Tag? Ich werde Sie um einen Gefallen bitten müssen.«

»Ganz zu Diensten, Pelham«, sagte ich; »das wissen Sie ja! Also was ist's?«

Er wehrte ab. »Nein, nein! Ich weiß noch nicht, wie ich's machen werde. Ich will's überdenken heute nacht.« Er streckte mir die Hand hin. »Ich danke Ihnen, Doktor – auf morgen früh!«

* * *

Um sieben schon klopfte er an meiner Tür. Er sah völlig übernächtigt aus, hatte gewiß kein Auge geschlossen. Und er war kein bißchen ruhiger; jeden letzten Rest von Selbstbeherrschung benötigte er, um nur ein wenig seine Nerven in Gewalt zu halten – er, der ›Shikari‹ Pelham, dessen Eisennerven von London bis Hongkong ein jeder kannte, der einmal seine Nase in den Osten steckte.

»Also was steht zu Diensten, Major?« empfing ich ihn.

»Fahren Sie rüber nach Johur«, sagte er. »Kaufen Sie einen Tiger für mich – den besten, den Sie bekommen können.«

Ich war sehr erstaunt. »Ist das Ihr Ernst, Pelham?« rief ich. »Ich soll einen Tiger kaufen – und ausgerechnet für Sie

Er nickte, suchte nach Worten. Ich sah wohl, daß es ihm bitter ernst war; drang nicht weiter in ihn.

»Was darf er kosten, der Tiger?« fragte ich.

»Einerlei – zahlen Sie, was die Leute verlangen«, sagte er. »Nur schaffen Sie mir den Tiger her – heute noch!« Er zögerte einen Augenblick, fuhr dann fort: »Ich werde Ihnen alles erklären heute abend.«

* * *

Also gut, ich kleidete mich an, machte mich auf den Weg. Fuhr zum Woodlands-Bahnhof, dann mit der Dampffähre hinüber zum Festland in das Land Johur. Unterwegs überlegte ich: warum schickte er grade mich? Warum fuhr er nicht selbst, wenn er durchaus vom Sultan einen Tiger kaufen wollte? Und wenn er schon einen Grund dazu hatte – warum bat er nicht einen seiner englischen Freunde? Gewiß, ich kannte ihn gut genug, war öfters mit ihm in Hotels zusammengetroffen, einmal in Gall-Face in Colombo, dann wieder im Wagons-Lits-Hotel in Peking. Ich war auch einmal den Mandalay mit ihm hinaufgefahren und ein andermal –

Ja, ja – dennoch gab es, grade hier in Singapur, Dutzende seiner Landsleute, die ihm viel näher standen. Ich begriff, daß er einen besonderen Grund hatte, grade mich auszuwählen; aber ich fand diesen Grund nicht. –

Johur, das ist so einer von den hunderten kleinen Staaten, die die Engländer leben lassen, weil's zurzeit noch keinen Zweck hat, sie aufzufressen. Der malaiische Sultan herrscht über ein paar hunderttausend Menschen, die aber meist Chinesen sind; er hat eine Stadt, ein Hotel, eine Moschee und ein Zeughaus, in dem man die Kronjuwelen und viele sehr schöne Waffen begucken kann. Auch ein Postamt hat er, da kann man Johur-Freimarken kaufen und auf Ansichtskarten kleben – zur besondern Bequemlichkeit und Sicherheit sind die Briefkasten hier nicht an die Mauern geklebt, sondern wandern in den Straßen umher: man braucht nur zu pfeifen, schon kommt ein Briefkastenträger gelaufen. So lockt der schlaue Sultan die durchreisenden Fremden aus Singapur herüber in sein Land. Doch die Chinesen und Malaien und all den andern Menschenmischmasch lockt er mit Spielhöllen herüber. Die sind verboten in Singapur – in Johur aber kann man nach Herzenslust bis zum letzten Straits-Dollar sein Geld loswerden. Dann hat der Sultan noch seinen Palast, die ›Istana‹, mit den prächtigen Istana-Gärten und ein wenig weiter seinen Tierpark. Der Sultan ist eben auch ein großer Shikari und braucht wahrlich nicht weit zu laufen, um diesen Beruf auszuüben: in seinem Lande auf der äußersten Spitze der Malakkahalbinsel gibt's mehr Tiger als irgendwo sonst in der Welt.

Ich ging durch die Istana-Gärten mit dem Manager des Johur-Bahru-Hotels, einem Schweizer. Wir schwatzten natürlich über Tiger – man redet immer von Tigern auf diesem Fleck der Erde. Er erzählte mir all die Geschichten, die ich längst kannte: daß vor hundert Jahren, als Sir Stanford Raffles Singapur gründete, die Insel völlig frei gewesen sei von den großen Katzen. Daß dann aber, je mehr die Stadt emporblühte, die Tiger gleich rudelweise vom Festlande hinübergeschwommen seien, und allmonatlich schwere Opfer an Mensch und Vieh gekostet hätten. Eine wahre Landplage wurden sie; die britische Regierung setzte hohe Schußprämien aus. Na, heute geht's ja; dennoch schwimmt alle paar Jahre so eine schwarzgelb gestreifte Bestie hinüber, macht der Stadt einen Besuch und holt sich einen leckern Bissen.

»Sie ziehn die Weißen vor«, sagte der Hoteldirektor, »aber am allerliebsten ist ihnen Singhalesenfleisch. Malaien nehmen sie nur bei großem Hunger, und vor Chinesenbraten haben sie gradezu einen Abscheu!«

Ich nickte voller Verständnis; in jedem Klub hört man diese Geschichten. Nur bezüglich des Geschmacks der Tiger wechseln die Berichte; augenscheinlich sind sich hier die Sachverständigen noch nicht recht einig.

Ich erfuhr, daß der Sultan selbst verreist sei; doch meinte der Manager, daß ich notwendig mit seinem Adjutanten sprechen müsse, wenn ich einen Tiger haben wollte. Wir schickten also nach dieser wichtigen Persönlichkeit, und ich betrachtete inzwischen des Sultans Tiergarten. Es waren wirklich herrliche Tiere in seinen Käfigen: Leoparden, schwarze Panther und ausgesucht schöne Tiger von erstaunlicher Größe.

Der Adjutant kam; es fiel mir sogleich auf, daß er mich sehr mißtrauisch betrachtete. Ich trug ihm mein Anliegen vor, zeigte ihm die Bestie, die ich ausgewählt hatte, und erkundigte mich nach dem Preis. Statt mir den zu nennen, fragte er, was ich mit dem Tier wolle.

Ich merkte sofort, daß er mit dieser Frage etwas bezwecke. So sagte ich, möglichst unbefangen, daß ich den Tiger dem Zoologischen Garten meiner Heimatstadt mitbringen wolle. Diese Antwort schien ihm zu gefallen, aber er war noch nicht zufrieden.

»Sind Sie ein Engländer?« fragte er. »Wie heißt Ihre Heimatstadt? Und wann fahren Sie ab und mit welchem Schiff?«

Ich sagte ihm, daß ich ein Deutscher sei und aus Düsseldorf stamme. Daß ich morgen abfahren wolle, und zwar mit der ›Bülow‹ des Bremer Lloyd.

Der Adjutant erklärte, daß ich den Tiger haben könne, falls meine Angaben stimmten. Daß ich ein Deutscher sei, konnte ich ihm gleich mit ein paar Briefen beweisen, die ich zufällig in der Tasche hatte: deutsche Marken waren darauf, und der Poststempel lautete: Düsseldorf.

Er nickte, meinte, daß er sich über das andre selbst erkundigen würde, ich möge ihn im Hotel erwarten. Schließlich bat er noch um meinen Namen.

»Was ist denn los?« fragte ich den Hoteldirektor, als er fort war. »Warum macht er denn solche Schwierigkeiten mit seinen Tigern?«

Der Schweizer lachte, erklärte mir, daß sich der Sultan mit der Leitung des Botanischen Gartens in Singapur verkracht habe und für dessen Tierpark keine Tiere mehr liefern wolle. Darum sei seit einem Jahre schon strengste Kontrolle bei Tierkäufen eingeführt.

Wir saßen eben beim Tiffin, als der Adjutant wieder auftauchte. Er erklärte mir sofort, daß ich den Tiger haben könne. Er habe durch telephonische Anfrage festgestellt, daß ich wirklich auf der ›Bülow‹ als Passagier gebucht sei; außerdem habe sich auch meine Angabe bezüglich Düsseldorfs als richtig erwiesen: dort befinde sich in der Tat ein Zoologischer Garten! Dabei zog er eine Liste heraus, in der hübsch alphabetisch sämtliche Tiergärten der Welt aufgezählt waren.

»Wo haben Sie denn das her?« fragte ich erstaunt.

»Wir haben uns die Liste von Hagenbeck kommen lassen«, erklärte er tiefernst. »Wir benötigen sie dringend zur Kontrolle.«

Ich fragte wieder, was der Tiger kosten solle. Er machte mir einen sehr niedern Preis, fügte hinzu, daß das Tier, in einen starken Transportkäfig verpackt, schon auf der Dampffähre auf mich warte.

* * *

So hatte ich also meinen Tiger; fuhr zurück mit der Fähre nach Singapur. Am Woodlands-Bahnhof erwartete mich Phil Donovan, der irische Diener Major Pelhams, mit ein paar bengalischen Kulis. Ich übergab ihnen den verhängten Käfig, den sie auf einen bereitstehenden Ochsenkarren luden. Ich selbst fuhr zum Hotel, ging gleich auf das Zimmer des Majors.

»Haben Sie ihn, haben Sie ihn?« rief er mir entgegen.

Ich sah, daß seine Aufregung nicht um ein Quentchen geringer geworden war. Neben ihm standen eine Flasche ›Scotch‹ und ein halbes Dutzend leerer Seltersflaschen; er hatte augenscheinlich seit Stunden da gesessen und getrunken.

»Ja, Herr«, sagte ich; »ich hab ihn! Einen Prachtkerl – einen größern werden selbst Sie noch nicht geschossen haben!«

»Um so besser!« rief er. Sprang sogleich auf, nahm seinen Tropenhelm. Ergriff meine Hand, drückte sie rasch. »Wollen Sie mit mir nachtmahlen? Im Cricketklub – ich erwarte Sie da. Dann –

Er sprach nicht zu Ende, lief aus dem Zimmer. Ich trat ans Fenster, sah, wie er aus dem Hotel stürzte, in sein Auto sprang und schnell fortfuhr. So allmählich war ich nun doch neugierig, was Major Pelham mit dem Tiger wollte!

Wir speisten im Cricketklub – Pelham aß sehr wenig, trank um so mehr. Dabei blieb er durchaus nüchtern – das war um so auffälliger, als er keineswegs ein Gewohnheitstrinker war, vielmehr im allgemeinen nur sehr selten einen Whiskysoda nahm. Es schien fast, als ob der Alkohol das einzige Mittel sei, seine maßlose innere Erregung, die nicht weichen wollte, wenigstens etwas zu beruhigen. Endlich erzählte er – wenn man dies ruckweise Herausstoßen abgerissener Satzteile ein Erzählen nennen wollte. Es ist unmöglich, dieses zerquälte Gestotter wiederzugeben – hier ist kurz der Inhalt dessen, was er mir mitteilte.

Während ich gestern nacht im Teutoniaklub auf ihn wartete, war Major Pelham, wie ich vermutete, mit Bekannten beim Regimentskonzert im Botanischen Garten gewesen – übrigens hatte er diesen ganzen Tag keinen Tropfen getrunken. Er machte sich endlich los, um mich aufzusuchen. Statt aber die Tanglinstraße zu erreichen, verirrte er sich in den überschatteten Wegen des großen Gartens, dessen Bäume das Mondlicht kaum durchließen. Er merkte, daß er sich verlaufen hatte, schlug eine andre Richtung ein, suchte so umher.

Dann plötzlich, von einer Sekunde zur andern, sah er in der Dunkelheit – dicht vor sich und in der Höhe seiner eignen Augen – ein paar unheimlich brennende, stechende Lichter.

Major Pelham kannte diese Lichter nur allzu gut – Tigeraugen, die gefährlichsten Lichter der Welt. Nicht drei Handbreit brannten sie vor ihm, kalt wie Höllenfeuer –

Pelham wußte genug von Tigern in Singapur. Vor wenig Jahren erst war eine solche Bestie vom Festlande herübergesetzt, hatte drei Ochsen gerissen und, dicht bei der Eingeborenenstadt, einen Malaien getötet. Die ganze Stadt war im Jagdfieber; aber Pelham, der damals wie heute seinen Onkel, den Gouverneur, besuchte – er, Major Pelham, der große Shikari, hatte den Tiger erlegt.

Im Augenblick war ihm klar: wieder schwamm einer herüber, kam unbemerkt in die großen Gärten, stand nun vor ihm – dem Wehrlosen!

Und da geschah es: eine entsetzliche Furcht ergriff ihn. Das Blut wich aus seinem Hirn, die Muskeln versagten den Dienst. Keine Hand, nicht einmal einen Finger vermochte er zu rühren; seine Knie wankten, schlotternd vor Angst vermochte er kaum Atem zu holen. Und nur einen einzigen, armseligen Gedanken konnte er fassen: Rache des Tigers! Rache des Tigergeschlechtes an dem berühmten Shikari, der Hunderte von Tigern zur Strecke gebracht hatte!

Die merkwürdige Tatsache, daß die Augen der Bestie grade in Augenhöhe dicht vor ihm brannten, machte ihn nicht stutzig. Wenn auch Pelham sicher die größten Tiger geschossen hatte, mit einem ostsibirischen Tiger gar den Rekord geschlagen hatte über alles, was man bisher gesehn – einen solchen Tiger gab es doch nicht, der, auf allen Vieren stehend, die sechs Fuß des Engländers erreicht hätte. Und aufgerichtet pflegt nun einmal auch der gefährlichste Tiger nicht zu wandeln! Aber in seiner Angst kam dem Major dieser Widersinn nicht zum Bewußtsein.

Wohl aber kam etwas andres hinzu, das seine Todesangst noch verschärfte, wenn das möglich war: er roch den Tiger, roch ihn zum ersten Male.

Dutzendmal hatte er das bei Tieren beobachtet. Pferde, Kamele und Hunde zittern vor Angst, wenn ihnen der Wind den Geruch eines Tigers zuträgt; nur der Yakstier des Himalaja fürchtet ihn nicht, senkt den Kopf, starrt hinaus in die Dunkelheit und erwartet mit schnaubenden Nüstern die Bestie, um sie auf seine Hörner zu nehmen.

Major Pelham roch den Tiger. Nicht wie der mutige Yak, nicht wie ein Pferd, das seine Halfter zerreißt und in wahnsinniger Hatz davonstürmt – nein unbeweglich, bebend, schlotternd, zusammenbrechend.

All das mochte Minuten gedauert haben, vielleicht auch eine Viertelstunde lang oder nur eine Sekunde – der Major konnte sich keine Rechenschaft darüber geben. Dann erst fiel ihm auf: etwas war zwischen ihm und dem Tiger.

Und dieses Etwas war ein starkes Eisengitter. In einem Käfig stak der Tiger – in einem der Käfige des Tierparks!

Als Major Pelham sich dessen bewußt geworden war, auch dann vermochte er sich nicht zu regen. Selbst jetzt noch hielt ihn die jämmerliche Angst angewurzelt am Platze; unbeweglich stand er, wie der Tiger da vor ihm.

Dann endlich schloß er die Augen, drehte sich ein wenig mit mühseliger Anstrengung, wankte davon. Sah irgendwo einen hellen Fleck – rettete sich in das Mondlicht.

Major Pelham schwieg, mischte seinen Whisky, trank. Seine Hand zitterte, als er das Glas hob. Mein Gott, wenn das mir geschehn wäre oder Donovan etwa, seinem Diener – wir hätten vermutlich genau solche Angst gehabt wie der Major, hätten genau so gebebt und geschlottert wie er. Eins aber ist sicher: eine Viertelstunde später hätten wir uns ganz anders benommen, hätten alle beide gelacht über unsre Blödheit – so verlangten es sein irisches und mein rheinisches Temperament! Hätten uns lustig gemacht über uns selbst und mit erstaunlichen Übertreibungen dem nächsten Bekannten die Geschichte weitererzählt.

Aber Pelham war ein Stockengländer: nie im Leben würde er das Komische dabei begreifen. Das lächerlich Groteske: er, der mutigste und erfahrenste Tigerjäger seiner Zeit, stirbt fast vor Todesangst vor einem armen im Käfig eingesperrten Tiere!

So arbeitete das Hirn des Majors ganz anders; er empfand seine Furcht als die tiefste Beleidigung und Demütigung. Niemand hatte es gesehn; kein Mensch wußte, was ihm in dieser Nacht geschehn war – dennoch war sein Stolz aufs tiefste verletzt, dennoch fühlte er einen widerlichen Fleck auf seiner Ehre. Fühlte, daß er als Gentleman nicht weiterleben könne, wenn er diesen Fleck nicht abzuwaschen imstande sei.

Darum: der Tiger mußte sterben. Sir Stanford Raffles, der Mann, der Singapur schuf, war sein Urgroßvater – in seiner Stadt am wenigsten durfte er, Major Pelham, sich ungestraft beleidigen lassen: wer es tat, mußte dafür büßen, einerlei, ob Mensch oder Tier. Nicht einen Augenblick konnte ihm der Gedanke kommen, wie lächerlich auch das wieder sei.

Pelham wußte, daß er sicher den Tiger von der Verwaltung des Botanischen Gartens bekommen konnte; aber er wußte auch, daß man ihn grade jetzt, wo der Sultan mit den Tierlieferungen streikte, selbst ihm nur recht ungern abgeben und gewiß unbequeme Fragen stellen würde. Das würde vermieden, wenn er als Ersatz einen stärkeren und schöneren Tiger anbieten konnte; mit Vergnügen würde man dann auf den Tausch eingehn. Deshalb also sandte er mich hinüber zum Festlande: meine Person gab ihm ziemliche Gewißheit, daß er wirklich einen Tiger aus den Istana-Gärten erhalten werde. Alles war nun in bester Ordnung. Mein Johurtiger war bereits zum Botanischen Garten gebracht; der andre, der ihm gestern nacht so zugesetzt hatte, gehörte ihm und harrte auf die Vollstreckung des Todesurteils.

* * *

Sehr spät in der Nacht fuhren wir hinaus zum Tierpark; sein Diener Donovan erwartete uns, als wir aus dem Auto stiegen. Er schlug die Rücksitze hoch, nahm zwei Flinten heraus, trug sie hinter uns her – wie zur Jagdpartie ging es. Der ziemlich kleine Käfig des Tigers war von seinem Platz im Freien weggenommen worden, stand nun in einem weiten, vorn offenen Schuppen, der zum Abstellen von Karren und allen möglichen Gerätschaften benutzt wurde. Elektrisches Licht brannte, ziemlich hell war der Raum erleuchtet.

Stattlich genug war der Tiger, doch schlecht im Fell und nicht entfernt mit der Bestie zu vergleichen, die ich von Johur mitgebracht hatte. Die Nase war am Gitter aufgewetzt, auch hatte er eine häßliche eiternde Augenkrankheit, die sein linkes Auge entstellte. Es war ein Tiger aus Siam – so erzählte der Wärter – den Leute von Hagenbeck mitbrachten, dann in Singapur zurückließen und dem Tierpark schenkten, weil er kaum den Transport nach Europa lohnte – zweifellos hatte der Garten heute einen ausgezeichneten Tausch gemacht.

Und Major Pelham hatte glänzend sein Gesicht gewahrt: das Tier sei krank, hatte er erklärt, und darum wolle er es erschießen.

Der Irländer nahm die Büchsen aus den Futteralen, lud sie, reichte eine seinem Herrn. Langsam schritt der Tiger in seinem engen Käfig – hin und zurück, hin und zurück.

Und Major Pelham nahm seinen Stand.

Ich weiß nicht – etwas gefiel mir dabei nicht. Ich sagte kein Wort, doch lachte ich kurz auf, unwillkürlich.

Pelham blickte mich an. »Well?« fragte er.

»Well – well –« dehnte ich. »Es gefällt mir nicht. Ich würd's nicht tun – ich nicht!«

Ich merkte, wie der Major unsicher wurde. »Reden Sie doch!« rief er. »Was gefällt Ihnen nicht?«

»Nun, Pelham,« sagte ich, »Sie mögen's drehn, wie Sie wollen, und Sie mögen tausendmal recht haben von Ihrem Standpunkt aus. Aber ich würd's nicht tun, nie und nimmer! In seinem Käfig das Tier abzuknallen? – Sie sind ein Gentleman und – das ist nicht fair!«

Der Engländer ließ seine Büchse sinken. Langsam sagte er: »Sie haben recht, Doktor; gottverdammt, Sie haben recht!«

Er setzte sich auf einen Karren und überlegte eine Weile.

»Lassen Sie den Tiger leben, Major!« drängte ich. »Sie können sich hundertmal rächen an seinen Brüdern draußen im Dschungel!«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein!« sprach er. »Ich muß ihn töten. Aber ich will ihm eine Chance geben.«

Er bat uns, hinauszugehn aus dem Schuppen: er wolle den Tiger freilassen, dann mit ihm abrechnen. Wenn er dabei unterliegen solle, wenn der Tiger dann hinaustreten sollte in die Gärten, sollten wir ihn erlegen. Er gab mir die eine Büchse, die andre seinem Diener, während er selbst seinen sechsläufigen Colt herausnahm und entsicherte.

Wir gingen also hinaus, stellten uns einige zwanzig Schritte entfernt in die Büsche. Vor dem Schuppen war ein freier Platz, hell vom Vollmond beschienen – wenn wirklich dem Major etwas geschehn, wenn der Tiger als Sieger aus diesem Zweikampf hervorgehn sollte, so war er doch unsere sichere Beute und würde weiter kein Unheil anrichten.

Wir warteten. Eine Weile hörten wir nichts; augenscheinlich überlegte Pelham. Dann ein Geräusch, das nicht mißzuverstehn war: er riß die sichernden Pflöcke aus den Ringen, so daß die Seitenwand des Käfigs lautkrachend herunterfiel. Dann wieder nichts – vermutlich hatte der Tiger noch keine Lust, sein Gefängnis zu verlassen.

Das dauerte fünf Minuten und mehr, wir wurden ungeduldig; ich sah wie Donovan, der ein paar Schritte neben mir stand, die Büchse, die er gleich angeschlagen hatte, wieder herunternahm. Ich begriff, welchen Vorteil diese fünf Minuten für den Major bedeuteten: jetzt, dem freien Tiger gegenüber, gewann er sicher seine alte Kaltblütigkeit zurück.

Endlich ein Schuß. Eine Pause – noch ein Schuß. Wieder eine Pause – dann rasch hintereinander drei Schüsse.

Stille dann.

Wir gingen zum Schuppen. Der Major kam uns in der Tür entgegen – kaum vier Schritte entfernt lag der Tiger. Ich bemerkte sofort, daß sein Rock, von der Hüfte an, sowie daran anschließend das rechte Hosenbein bis zum Knie in Fetzen herabhingen. Ich gab meine Büchse dem Diener, beugte mich nieder und untersuchte den Major – nicht ein Tröpfchen Blut, nicht eine kleinste Wunde! Fast ein Wunder schien es – nur mit der äußersten Spitze der Kralle einer Pranke mußte die Bestie ihn erwischt haben.

Pelhams Aufregung war wie weggeblasen. »Na, nun wird mir eine Pfeife schmecken«, meinte er; »seit vierundzwanzig Stunden hab ich nicht geraucht.« Er zog eine Shagpfeife heraus, stopfte sie und bat mich um Feuer.

»Sie haben ihm eine ehrliche Chance gegeben«, rief ich.

Der Engländer nickte. »Das tat ich«, sagte er, fest und ruhig, aber kein bißchen selbstgefällig. »Ich wartete, bis er glücklich aus dem Käfig herauskam. Schoß dann, um ihn ein wenig auf mich aufmerksam zu machen, absichtlich tief; die Kugel schlug drei Fuß vor ihm in den Boden. Nun nahm er mich an, machte sich sprungbereit. Ich schoß wieder – dennoch sprang er. Dann drei Schüsse, mein Leben zu retten – ich weiß nicht, wo und wie sie trafen.«

Er winkte den Wärter heran, gab ihm Geld. »Häuten Sie das Tier«, befahl er. »Schicken Sie mir das Fell zum Hotel!«

»Das Fell ist schlecht, Herr«, meinte der Mann.

»Ich will es haben«, bestand der Major. »Auch die Fangzähne!« Er brannte seine Pfeife an, wandte sich zu mir: »Es ist der einzige Tiger, vor dem Robert Raffles Pelham gezittert hat!«


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