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Eileen Carter.

Cannes, im Mai 19..

 

 

– – Und wollen Sie, lieber Baron, nicht vergessen, daß dies alles im zwanzigsten Jahrhundert geschah und in den U. S. A., dem modernsten Lande der Welt!

Nun, denke ich, bin ich endlich fertig mit dieser Frau. Nie wird etwas sein zwischen ihr und mir, das weiß ich seit vielen Jahren nun. Nur: manchmal vergaß ich es, träumte herum, dachte: einmal wird sie dennoch kommen.

Nie wird sie kommen. Sie, Eileen Carter, aus Woonsocket, Rhode-Island, Phil Carters einzige Tochter, die den ekelhaften Barett S. Rogers zum Manne nahm. Sich von ihm scheiden ließ, später Klaus Steckels aus Chikago heiratete mit all seinen Zuckermillionen. Eileen, die nach Steckels' Tode nicht lange Witwe blieb, sie, die heute Lady Brougham heißt, Marchioness von Atwood. Nie wird sie zu mir kommen – und wenn die Hölle zufriert, Eileen wird nicht kommen.

* * *

Ich spielte Poker gestern nacht und verlor. Warum spielte ich? Seit manchen Jahren habe ich keine Karte angerührt. Warum bin ich überhaupt in Cannes? Cannes ist mir zuwider, wie die ganze Riviera mitsamt ihrem Publikum. Und was das Pokern anbetrifft, so mache ich mir nicht mehr viel draus. Dennoch bin ich in Cannes, dennoch saß ich am Pokertisch gestern nacht.

Das Spiel langweilte mich, ich spielte unaufmerksam und verlor natürlich. Blieb am Tisch nur der Gesellschaft wegen, konnte nicht recht aufbrechen, weil einer fehlte. Dann kam der lange Brockdorff ins Spielzimmer, stellte sich hinter mich.

»Gib deine Karten!« sagte er nach einer Weile. »Du machst doch nur Unsinn heute – die Dame da bringt dir Pech!«

»Welche Dame?« fragte ich, suchte in meinen Karten.

»Da wirst du sie nicht finden!« lachte Brockdorff. »Schau hinüber in den Spiegel – die Dame dort, die dich anstarrt.«

Unser Tisch stand in der Ecke, ich saß mit dem Rücken zum Zimmer; um in den Spiegel zu sehn, mußte ich mich zurückbiegen. Nur ein Tisch im Saal war noch besetzt, da saßen englische Herrschaften beim Bridge. Zwei Herrn und zwei Damen; ein weiteres Paar stand daneben. Während der Herr mit den Spielern plauderte, starrte die Dame ganz offensichtlich zu unserm Tisch herüber.

»Na, kennst du sie?« fragte Brockdorff.

»Ich weiß nicht,« zauderte ich. »Vielleicht –«

Aber die Karte zitterte in meiner Hand. Ich stand auf, rechnete ab, gab meinen Platz an Brockdorff. Während ich mich verabschiedete, ging auch das Paar aus dem Spielsaal, die Dame mit einem letzten langen Blick, der ganz augenscheinlich mir galt.

Ich schritt ihnen nach. Völlig war ich meiner Sache nicht sicher, ob ich gleich drauf gewettet hätte, daß es Eileen war. Die beiden gingen durch die Halle zur Kleiderabgabe; dort erreichte ich sie, konnte sie in nächster Nähe betrachten.

Sie trug ein Stilkleid – mauve mit silber. Rotblond die gelockten Haare und die großen Augen wie Amethysten so blau. Solch irische Augen konnte nur eine haben: Eileen Carter. Ihr Begleiter legte ihr den Chinchillamantel um die Schultern; da wandte sie sich, sah mich voll an.

Ich hob den Arm, ihr die Hand zu geben; meine Lippen formten ihren Namen. Aber ich sprach nichts, und die Rechte fiel wieder zurück. Sie stand vor mir, unbeweglich, hielt meinen Blick, Auge in Auge. Eine halbe Minute wohl, während der Herr Stock und Hut in Empfang nahm und die Kleiderfrau bezahlte. Dann wandte sie sich, nahm seinen Arm, schritt an mir vorbei.

Ich stutzte – hatte ich mich doch geirrt? Ich hörte, wie sie zu ihrem Begleiter sprach: sie wolle doch nicht mehr in den Park gehn; fühle sich müde, wolle in ihr Zimmer. Ihr Englisch hatte ganz ausgesprochen einen amerikanischen, neuengländischen Akzent.

Der Hoteldirektor kam vorbei, begrüßte mich. Ich hielt ihn fest, fragte ihn, wer die Herrschaften seien.

»Die da?« antwortete er. »Earl Brougham ist es, Marquess of Atwood. Seit langen Jahren kommt er her mit seiner Mutter – diesmal hat er auch seine Frau mitgebracht. Kürzlich erst verheiratet. Haben acht Zimmer – Sekretär, Kammerzofen, Chauffeur. Bestes vom Besten!«

»Ist die Lady Amerikanerin?« forschte ich. »Kennen Sie ihren frühern Namen?« Nein, davon wußte er nichts. Aber er würde mir's bald genug sagen können, das sei nicht schwer zu erfahren.

Ich saß lange im Lesezimmer herum, lief dann durch die Gassen. Kam zurück, setzte mich wieder an den Pokertisch. Ich spielte genau so unaufmerksam wie zuvor und gewann doch. Eine erstaunliche Strähne hatte ich: Drei Assen, Fullhands, Straights und Flushes – stundenlang. Rein ausgemistet waren die Ratzen am Tisch.

* * *

Ich frühstückte auf der Terrasse heute morgen, spät genug. Der Direktor kam, brachte mir seine Weisheit: gewiß sei Lady Brougham Amerikanerin. Witwe des steinreichen Klaus Steckels aus Chikago, des Zuckermagnaten, und seine einzige Erbin. Auch die Broughams seien gewiß sehr begütert – aber so viele Dollarmillionen –

Dann tat er geheimnisvoll – irgendwas sei vorgefallen diese Nacht im Hotel. Die Broughams seien heute früh plötzlich abgefahren; Lord, Lady, Dienerschaft, Autos – alles. Nur die Lady-Mutter sei zurückgeblieben mit ihrer Jungfer. Dann auch – und das sei auffallend – die Zofe der jungen Lady.

»Warum auffallend?« fragte ich.

Der Direktor sah mich scharf an, liebenswürdig wie immer, aber sehr beobachtend.

»Sehn Sie,« sagte er mit leichter Betonung, »in meiner Stellung muß man ein wenig Detektiv sein, muß manchmal alle möglichen Dinge argwöhnen, die bisweilen auf den einen oder andern unsrer Gäste ein schiefes Licht werfen könnten. Natürlich kann man sich irren –«

»Sie werden deutlich genug!« unterbrach ich ihn. »Aber da Sie ganz offensichtlich auf mich anspielen, so haben Sie wohl die Güte, sich etwas näher zu erklären.«

Der Mann verbeugte sich, während er an seinem schwarzen Schnurrbärtchen zupfte. Ein unmerkliches Lächeln flog über seine Lippen.

»Sehn Sie, lieber Herr,« fuhr er fort – jeden Satz begann er mit diesem: ›Sehn Sie‹ – »ich sagte Ihnen schon, daß die Broughams seit vielen Jahren zu uns kommen; genau: seit achtzehn Jahren. Sie bleiben sechs bis acht Wochen und sind gute, sehr gute Gäste in jeder Beziehung. Sie glauben gar nicht, wieviel Engländer unser Haus bevorzugen, nur weil die Broughams hier absteigen. Da muß man einige Rücksicht nehmen –«

»Gewiß muß man Rücksicht nehmen«, bestätigte ich.

»Sehn Sie,« begann er wieder, »die Broughams kamen gestern abend aus Paris an, nachdem sie, wie stets, ihre Zimmer wochenlang vorausbestellt hatten. Sie fahren heute morgen ab – Hals über Kopf. Die alte Dame bleibt zurück – sie hat also gewiß nichts auszusetzen. Die jungen Herrschaften lassen sagen, daß sie vermutlich in einer Woche zurück sein würden – vermutlich! Es hinge noch von einem Umstand ab. Und sie lassen die Kammerzofe der jungen Lady zurück – also liegt dieser Umstand nicht an ihnen, sondern an unserm Hause. Es ist eben ein Hindernis im Hause – wenn dieses weggeräumt ist, kehren die Herrschaften zurück. Das soll die Zofe, die wohl das persönliche Vertrauen der Lady hat, beobachten; sie soll Nachricht geben – darum mußte sie zurückbleiben.«

Ich lachte auf. »Sie sind außerordentlich scharfsinnig, Herr Direktor; keine Lücke in Ihrer Logik! Vermutlich haben Sie die Zofe auch schon zur Rede gestellt?«

»Das habe ich getan«, nickte er, sichtlich geschmeichelt. »Sie wollte erst nicht mit der Sprache heraus; aber sie gab bei, als ich ihr den Grund der Abreise ihrer Herrschaft auf den Kopf zusagte und mein Zureden noch mit einem Goldstückchen unterstützte. Übrigens überschätzen Sie meine Kombinationsgabe, lieber Herr; es war wirklich nicht allzu schwer. Die Broughams haben außer mit einigen alten Bekannten gestern abend mit niemand gesprochen. Der einzige Gast, der sich nach ihnen erkundigte, waren Sie – Sie wußten, daß die Lady Amerikanerin sei.

»Ich hörte es an ihrem Akzent«, erklärte ich.

»Gewiß, gewiß«, bestätigte der Direktor. »Aber ich sah, an der Garderobe, wie Sie die Lady anstarrten und die Lady Sie. Natürlich kann ich mich irren – ich betonte das schon. Aber ich muß annehmen, daß Sie und die Lady einander früher gekannt haben. Und daß die Lady diese Bekanntschaft nicht zu erneuern wünscht. Das ist nur so mein Gedanke, und den sagte ich der Kammerjungfer natürlich nicht. Es ist auch gleichgiltig und geht mich garnichts an. Aber, sehn Sie, die Tatsache steht fest, daß Sie es sind, mein Herr, der die Herrschaften zur Abreise nötigte: sie werden zurückkehren, sobald Sie abgereist sind.«

Ich besann mich nicht lange. »Ich werde abreisen, Herr Direktor!«

Der Mann verbeugte sich, ein wenig tiefer als gewöhnlich und sehr befriedigt.

»Danke,« sagte er, »das erspart uns manche Verdrießlichkeiten. Wann gedenken Sie zu reisen?«

»Morgen oder übermorgen«, antwortete ich. »Ich muß den Herrn noch Revanche geben im Poker.«

»O bitte, lieber Herr,« schmunzelte der Direktor, »es hat gar keine Eile. Die Herrschaften sind nach Nizza, werden so nicht vor Montag zurück sein. Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Entgegenkommen und bitte Sie vielmals um Verzeihung. Sie werden uns stets ein sehr lieber und gern gesehner Gast sein; das Haus wird immer für Sie alles tun, was in seinen Kräften steht, wenn –«

»Nun, wenn?« unterbrach ich ihn.

»Wenn die Broughams nicht grade bei uns sind«, schloß er.

* * *

Ich bin also regelrecht hinausgeworfen aus diesem Hotel: sehr liebenswürdig freilich – aber es ist garkeine Frage, daß dieser gerissene Hoteldirektor ganz andre Seiten aufgezogen hätte, wenn ich drauf bestanden hätte, zu bleiben. Nichts liegt an mir; ich bin ein gleichgiltiger Gast, einer von vielen Tausenden, die nur nach Nummern zählen. Aber die Broughams – das ist ganz etwas andres!

Also Eileen Carter heißt Lady Brougham jetzt und ist Marchioness von Atwood. Und sie will mich, so wenig kennen wie damals in Chikago in der Oper.

Das war vor drei Jahren; noch nicht lange war sie mit dem alten Klaus Steckels verheiratet. An dem Abend hatte Mary Garden die ›Louise‹ gesungen; die Vorstellung war aus, und ich wartete unter dem Wetterdach mit ein paar Bekannten auf unser Auto. Plötzlich stand sie mit ihrem Gatten neben mir – sie wartete wie wir.

Wie gestern abend traf mich ihr Blick, wie gestern abend starrte sie mich an. Die englische, die amerikanische Dame grüßt zuerst – aber Eileen grüßte mich nicht. Ich senkte den Kopf ein wenig, machte den Versuch einer Verbeugung – sie grüßte nicht. Starrte mich an und grüßte nicht. Bis ihr Auto kam, bis sie mit dem breiten, stiernackigen Steckels in den Wagen stieg.

Wie dick sein Hals war und wie rot! Der Schlag mußte ihn treffen über kurz oder lang! Tat es auch.

* * *

Und wieder zwei Jahre früher, in Neu-York. Das war, ehe der Zuckerkönig sich in Eileen so hoffnungslos verliebte. Sie war die schönste der Chordamen in ›Ziegfelds Follies‹; Elmer G. Warren hielt sie damals aus, einer der größten Gauner in Wallstreet. Ihr Tanzen war mäßig genug; sie stand in der zweiten Reihe und verschwand hinter den Ponies, nur ihr herrlicher rotlockiger Kopf überragte die kleinen Mädel der vordern Reihe. Aber wenn sie, als letzte, bei der großen Pfauenschau die hohe Treppe herunterkam, dann hielten die Snobs den Atem an. Acht Meter Schleppe rauschten hinter ihr, die die kleinsten Ponypagen trugen; aus der schwarzen Toilette mit Silberpailletten wuchs diese göttliche Brust hervor, diese Schultern, dieser Hals und dieser stolze, hochmütige Kopf. Keine Dame konnte schreiten, wie Eileen schritt, keine Dame und keine Herzogin. Eine Königin war sie.

In ›Ziegfelds Follies‹.

Die Modehäuser trugen ihr die Pariser Modelle ins Haus, die Pelzhändler das herrlichste Rauchwerk. Was Eileen, einmal nur, trug, zwischen den Tischen herum beim Modetee im Ritz oder Plaza, das war das Doppelte wert am selben Abend. Aber sie wedelte nicht, drehte sich nicht wie die andern Mannequins, wiegte nichts und rollte nichts, stellte nichts zur Schau, weder Nacken noch Brüste, die Hüften nicht und nicht den Steiß. Keine kleinste Einzelheit sah man bei ihr, wie bei all den andern – nur das Ganze, nur diese blendende souveräne Erscheinung: Eileen.

Mannequin war sie damals, Showgirl bei Florenz Ziegfeld. War ›Professional‹ dazu, eine, die aus einem Bett in das andre stieg und nun von Elmer G. Warren bezahlt wurde, der sie mit Brillanten behängte.

Heute aber war sie Peeress von England: weit offen standen ihr die Tore am Hofe des Heiligen Jakob, dem ersten der Welt.

Damals hatte Warren grade seinen großen Schwindel mit den Erie-Aktien gemacht, der Dutzende von Millionen aus den Taschen harmloser Narren heraus und in seine Tasche hineingeweht hatte. Sechs große alte Firmen waren dabei zugrunde gegangen, vierzehn Selbstmorde hatte es gegeben, Tausende von Sparern hatten ihren letzten Cent verloren. Die Zeitungen spien ihn an, Manhattan heulte von Bowling-Green bis hinauf zum Bronx. Vierzehn Tage lang durfte er sich in Wallstreet nicht sehn lassen – dann war alles wieder vergessen. Mittlerweile lachte Elmer und gab ein Fest in seinem Haus am Riverside-Drive.

Was er so ein Fest nannte. Zu Beginn gewählte Gesellschaft: kleine Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Chormädel. Das fing an um Mitternacht; nach zwei Stunden war keiner mehr nüchtern. Am Morgen fuhr man hinaus nach Long Beach, trank weiter, kam wieder zurück – was müde war, legte sich zu Bett, aufs Sofa oder lag einfach auf dem Boden in einer Ecke. Manche hatten genug, wankten nach Hause in der zweiten Nacht. Dafür kamen andre Gäste, die man irgendwo aufgetrieben hatte; statt der Herrn der Klubs sah man nun höchst zweifelhafte Gesellen, statt der Theaterdamen: Ladenmädel, Kellnerinnen, Straßendirnen.

Drei Tage und vier Nächte dauerte der Zauber – Elmer G. Warren hielt durch.

In der ersten Nacht war ich da, kam aus dem Klub mit ein paar Bekannten gegen drei Uhr in Elmers Haus. Alles war betrunken, und es gab nur eins von beiden: entweder gleich gehn oder mitrasen, saufen und tüchtig nachholen.

Leb in Rom, wie die Römer leben!

Ich trank also, tanzte und brüllte. Erst nach einer Stunde bemerkte ich Eileen in dem wilden Trubel – sie war wüst wie all die Weiber. Sie kam auf mich zu, faßte meinen Arm. Wollte tanzen, besann sich dann, zog mich zur Bar, ließ sich schreiend eine Flasche Ayala geben, arbeitete an dem Korken, spritzte kreischend den Sekt ein paar Herrn über den Frack. Warf sich in ein Sofa, schenkte die Gläser voll.

»Trink!« lallte sie.

Ich trank ihr zu: »Ihr Wohl, Eileen!«

Sie rührte mit dem Goldquirl in ihrer flachen Schale, schwatzte dazu albernes Zeug, von diesem Mädel und jenem: Theaterklatsch, Dirnengeschwätz.

Dann hob sie ihr Glas, setzte es an die Lippen, mir zuzutrinken. Aber sie trank keinen Tropfen. Langsam sank die Schale zurück auf den Tisch; schlaff fiel ihr der Arm in den Schoß. Sie wollte lachen – aber ihr Lachen starb, ehe es noch geboren war.

Sie hob die Augen zu mir, ihre wundervollen Amethystaugen; sie starrte mich an, wie sie das gestern tat und damals in Chikago in der Oper. Ein Zucken ging durch ihren Körper; sie straffte sich, griff ein Kissen, grub beide Hände hinein. Ich hatte das Empfinden, als ob sie nüchtern würde, mit ungeheurer Willensanstrengung, plötzlich, ohne Übergang. Und das übertrug sich – mein rascher Rausch verflog im Augenblick.

Ich fühlte: sie will etwas von mir. Und: es ist Ernst.

Ich nahm ihre Hand. »Eileen«, begann ich.

Sofort zog sie ihre Hand weg. Wartete eine Weile, starrte mich an, schweigend.

Dann sagte sie, leise, trostlos fast: »Geh!«

Stand auf, wandte sich nicht, schritt aus dem Raum.

* * *

Ich sitze in Cannes in meinem Zimmer – in diesem Hotel, das mir widerlich ist. Ich denke an diese Frau, die – dreimal im Leben – mir deutlich genug zu verstehn gab, daß sie mir nicht mehr begegnen will.

Dreimal – und es war jedesmal auf ein Haar dasselbe. Sie starrte mich an, zog mich hin zu sich, ließ mich dann stehn wie einen Fremden, den sie nie gesehn. Gewiß, in Elmer S. Warrens Hause sprach sie zu mir – doch da war sie trunken. Und als sie nüchtern war, war kein Wort mehr für mich auf ihren Lippen. Nur die eine Silbe: »Geh!«

Still, leidenschaftslos klang dies: »Geh!« – In ihrer Haltung, alle dreimal, lag kein Haß, kein Zorn, keine Verachtung und sicherlich keine Furcht.

Ihr Blick – was sagte ihr Blick?

Eines gewiß – daß sie sich gut erinnerte an das, was geschehn war zwischen uns. All das, was ich tat für sie und mit ihr. Aber konnte diese Erinnerung ihr ein Recht geben – was Recht, nur die leiseste Veranlassung – mich jetzt zu kennen und dennoch nicht zu kennen?

Ich begehrte diese Frau, träumte von ihr. Vom Augenblick an, als ich zuerst sie sah – und durch zehn lange Jahre bis heute. Gewiß nicht immer und gewiß nicht glühend und heiß – nie wurde mein Wunsch so stark, daß ich je auch nur den kleinsten Versuch machte, mich ihr wieder zu nähern. Aber ich vergaß sie nie; durch wache Träume leuchteten immer wieder ihre irischen Augen. Und ich dachte: einmal wird sie kommen; einmal muß sie kommen, Eileen Carter.

Mein Geheimnis war das; niemand wußte davon und am allerwenigsten sie. Mit keinem Wort, mit keiner kleinsten Bewegung hatte ich ihr jemals gezeigt, wie ich mich sehnte nach ihr.

Das also war es nicht, daß sie mich abwies, wie einen Liebhaber, der ihr lästig war.

Was also wollte sie?

Ich hatte ihr einen großen Dienst erwiesen, Ich bilde mir nichts drauf ein; ich kenne Dutzende, die ihr genau so geholfen hätten, und es gibt gewiß viele Tausende. Aber nicht zu viele drüben in Amerika und niemand in ihrem Heimatstaat, Rhode-Island. Damals konnte sie keinen finden – keinen als mich, der närrisch genug war, diese abscheuliche Arbeit für sie zu tun.

* * *

So war es:

Ich kam nach Woonsocket, Rhode-Island, im Auftrag der Central-Trust-Company. Es handelte sich um eine große Anleihe der Vereinigten Baumwollwerke, über die schon seit Monaten verhandelt wurde. Die Werke waren ungeduldig, und die Leute der Central-Trust wußten, daß Woonsocket unter der Hand auch mit einer großen Bank in Philadelphia verhandelte. Doch waren noch einige Punkte aufzuklären, die mit dem Zusammenbruch des Hauses Carter zusammenhingen; die Central-Trust wollte nicht eher abschließen, inzwischen aber alles vermeiden, was einem Bruch ähnlich sah. So kam Parker, der Seniorpartner der Central-Trust, nicht selbst, wie er versprochen hatte; man schickte vielmehr mich – allerdings mit schriftlicher Generalvollmacht, alles fertig machen zu können. Insgeheim hatte ich den Auftrag, die Verhandlungen auf alle nur mögliche Weise in die Länge zu ziehn, so jedoch, daß die Woonsocketleute dies nicht merkten; unter garkeinen Umständen sollte ich abschließen, wenigstens um drei Tage noch die Sache verschleppen.

Meine Aufgabe schien nicht leicht, als ich von Neu-York abfuhr. Die Krisis in Woonsocket war brennend seit einem Jahre; schon waren mehrere Firmen unter Geschäftsaufsicht, darunter die Wollfabriken des alten Phil Carter, der noch vor wenigen Jahren als der große Boss von ganz Rhode-Island gegolten hatte. Die Baumwolleute drängten also zum Abschluß; sie brauchten das Geld ohne jeden Verzug und konnten sofort mit Philadelphia abschließen, wenn die von der Central-Trust längst über Gebühr verzögerten Verhandlungen scheitern sollten.

Als ich in den Zug stieg, kaufte ich die Zeitungen – alle trugen auf der ersten Seite große Kasten: »Selbstmord Phil Carters« und »Der Wollmagnat von Rhode-Island schneidet sich die Gurgel durch«. Ich wünschte, Parker wäre allein gefahren und hätte mich nicht geschickt.

Aber grade dieser Selbstmord war es, der mir meine Arbeit außerordentlich erleichterte. Niemand war am Bahnhof, mich abzuholen; im Hotel fand ich Nachricht vor, daß heute unmöglich eine Sitzung stattfinden könne – die Herrn würden am andern Morgen um zehn Uhr zu mir kommen.

Der Selbstmord des alten Fabrikanten hatte wie eine Bombe in Woonsocket eingeschlagen; es schien mir, als ob jeder Mensch in der kleinen Stadt außer Rand und Band sei. Kein Mensch sprach von etwas anderm – um mich bekümmerten sich kaum die Hotelangestellten. Und doch hätte ich an dem Tage das wichtige Ereignis sein sollen; denn ich brachte – wenigstens nach der Meinung Woonsockets – endlich, endlich den sehnlichst erhofften Geldbeutel.

Um zehn Uhr am andern Tage erschien niemand; erst gegen zwölf Uhr kamen ein paar der Herrn, die mir mitteilten, daß unsere Sitzung erst gegen sechs Uhr beginnen könne. Ich tat sehr erstaunt, erkannte jedoch schließlich ihre Gründe an – sie wollten nicht ohne ihren Anwalt Rogers verhandeln, der die rechtliche Seite behandelt hatte und die ganze Materie von Grund aus kannte.

Nachmittags kam dann Rogers ins Hotel, um auch diese Abendsitzung abzusagen. Der Mann war in außerordentlicher Aufregung, völlig überhetzt dazu; er war asthmatisch und japste nach Luft. Er warf sich in einen Sessel und trank gierig den Highball, den ich ihm mischte.

Ich muß sagen, daß selten jemand einen so widerlichen Eindruck auf mich machte, wie Barett S. Rogers. Er war ein Sechziger, klein und sehr dünn. Nicht ein Haar hatte er mehr auf dem Kopfe; dafür aber war an der rechten Seite des Schädels eine mächtige Balggeschwulst, die blau angelaufen war. Große, rote, abstehende Ohren, schwarze, verfaulte Zähne, die seit Jahren keinen Zahnarzt gesehn hatten. Er kaute Tabak, spuckte viel und traf doch nie in den großen Messingnapf; immer daneben, immer daneben!

Aber klug war er. Er blieb nur fünf Minuten; doch erzählte er mir in dieser Zeit alles, was ich wissen mußte. Er überredete mich, nicht weiter zu drängen, sondern ruhig abzuwarten. Nichts paßte mir ja besser in meinen Kram – aber ich muß gestehn, daß ich mich von ihm hätte überzeugen lassen, auch wenn ich noch so eilig gewesen wäre, die Anleihe der Central-Trust abzuschließen.

Das also war's: Rogers war der Anwalt und langjährige Freund Phil Carters. Er hatte nach dem plötzlichen Selbstmord alle Hände voll zu tun, besonders da er auch den Behörden gegenüber, die vorderhand die Leiche beschlagnahmt hatten, die Tochter und einzige Erbin vertrat: Eileen Carter. Die war Studentin in Vassar; auf Rogers' Depesche hin war sie sofort zurückgekommen.

Es schien, als ob da etwas nicht ganz in Ordnung war. Rogers ließ sich darüber nicht aus, und der Oberkellner, den ich fragte, wußte selbst kaum recht Bescheid. Eins nur war sicher: daß sich die Behörden bisher geweigert hatten, die Leiche freizugeben, und daß darum Rogers einen erbitterten Kampf kämpfte. Ich konnte da nicht klar sehn und hütete mich wohl, ihn auszufragen – je mehr und je länger der Anwalt anderweitig beschäftigt war, um so leichter wurde mein Spiel. Eines nur war mir bei dem ganzen überaus aufgeregten Benehmen Rogers' völlig klar: dieser Mann war an der Geschichte nicht nur als Anwalt, sondern auch höchst persönlich interessiert.

Die Herrn kamen, vollzählig diesmal, am nächsten Morgen ins Hotel; nur Barett S. Rogers fehlte. Man wußte, daß er am Abend zuvor mit Miß Carter im Auto fortgefahren war – aber man wußte nicht, wohin. Und die beiden waren noch nicht zurück. Wir saßen von neun Uhr an und warteten auf ihn; er kam nicht. Es wurde elf Uhr, ein Uhr – erst gegen halb drei erschien er. Wenn er gestern aufgeregt war, so war er's heute noch viel mehr; sein schmales Vogelgesicht zuckte unaufhörlich, seine Hände zitterten nicht, sie flogen auf und nieder. Seine Kiefer kauten ohne Unterlaß, seine häßlichen Lippen spien aus nach rechts und links. Man sah dem Manne an, daß er von einem sehr schweren Kampfe kam und zu einem noch schwerern gehn würde.

Er eröffnete sofort die Sitzung; ich legte meine Generalvollmacht vor, die mich ermächtigte, alles endgiltig abzuschließen. Sie wurde geprüft und in Ordnung befunden. Nun lag es an mir, meine Tüchtigkeit zu zeigen. Bisher war mir das Glück hold gewesen; jetzt mußte ich mit allen Künsten die Sitzung hinausschleppen, und wenn sie die ganze Nacht über dauern sollte.

Aber es kam nicht dazu. Wir saßen kaum zehn Minuten, als ein Sheriff erschien, der Rogers ein Schreiben brachte. Er öffnete es und las. Einen Augenblick sank er in sich zusammen, während alle schwiegen und auf ihn blickten. Nur seine Glatze sah man, mit der blauen Balggeschwulst. Dann erhob er sich, viel ruhiger als zuvor.

»Meine Herrn,« sagte er, »die Gerichtsitzung ist um fünf Uhr anberaumt. Ich weiß nicht, wie lange sie dauern wird; zwei Stunden wenigstens. Ich bitte, unsre Sitzung jetzt zu unterbrechen – das andre ist ja viel wichtiger.«

Es schien, als ob alle Anwesenden diese Ansicht teilten. Das war seltsam genug: diese Industriellen brauchten das Geld der Central-Trust, und brauchten es sofort; jeder Tag war für sie lebenswichtig. Und doch setzten sie das, ohne sich zu besinnen, zurück hinter die Sitzung, die über das Schicksal des toten Phil Carter entscheiden sollte.

Die Männer drängten sich um den Anwalt, schüttelten ihm die Hand. »Viel Glück!« sagte einer. Und der alte Lippincott klopfte ihm auf die Schulter: »Wir stehn bei dir, Rogers!«

Der Anwalt ging, mit ihm Lippincott und Snyders, die zu den Geschworenen gehörten. Man verabredete, daß man um acht Uhr wieder zusammenkommen wollte.

* * *

Ich war den ganzen Tag nicht vor die Tür gekommen und die letzten Tage ebensowenig. Es war ein abscheuliches Wetter; diese kalten Märzregen hörten nicht auf. Ich zog den Mantel an, steckte die Nase vor die Tür, ging drauflos bis zum nächsten Zeitungsstande. Dann hatte ich völlig genug; nach fünf Minuten war ich wieder zurück in der Hotelhalle. Was sollte man ansehn, was sollte man kaufen in diesem gottverlassenen Woonsocket?

Die Baumwollherrn saßen da herum, rauchten, tranken Whisky. Und sie sprachen von dem, wovon jedermann hier sprach in diesen Tagen: von Phil Carters Ende und von der Tragödie, die sich – mit ihm – nach seinem Tode abspielte. Vielleicht war's auch nur eine lächerliche Farce; doch nahm man sie blutig ernst in Woonsocket.

Aus dem, was die Herrn sagten, hörte ich alle Tatsachen, aber nur wenig Zusammenhänge – die ahnten die Leute selber kaum. Ich begriff die Sachlage erst, als die großen Neu-Yorker Zeitungen sich mit dem Fall beschäftigten und in spaltenlangen Aufsätzen die ersten Juristen des Landes dazu Stellung nahmen.

Alles geschah streng nach dem Gesetz. Dem Gesetz des Staates Rhode-Island.

Damals erschien mir das alles unglaublich, vollkommen unmöglich und wahnsinnig. Aber geschahen nicht, nach uraltem englischen Recht, immer wieder die undenkbarsten Dinge in diesem Lande?

Vor wenigen Monaten erst der Fall im Staate Vermont. In dem Staat besteht noch heute das Gesetz, daß am Sonntagmorgen zur Kirchenzeit kein Mensch sich auf den Straßen zeigen darf; wer aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche ist, muß sich innerhalb seines Hauses aufhalten. Nun strich in einem kleinen Fischerdorf Vermonts an einem schönen Sommersonntagmorgen der Polizist des Ortes durch die Gassen. Da sah er, zu seinem Entsetzen, einen fünfzehnjährigen Jungen. Der Junge war nicht etwa auf der Gasse, er saß auf der Veranda seines elterlichen Hauses; zwischen diesem und der Straße lag der Garten. Der Junge war krank, er lag im Schaukelstuhl und sonnte sich, während die Eltern in der Kirche waren.

Aber er war – nicht im Hause.

Der Polizist kannte seine Pflicht; er fuhr den Jungen an, sich sofort ins Haus zu scheren. Der Junge lachte. Der Vertreter des Gesetzes wiederholte seine Aufforderung, dreimal, viermal und immer wieder – der Junge, der ihn natürlich genau kannte und gar keine Hochachtung vor ihm hatte, lachte und höhnte und rührte sich nicht aus seinem Schaukelstuhl. Er hätte nicht einmal behaupten können, daß er das Gesetz nicht kannte; der Schutzmann sagte es ihm, schrie ihn an, daß man zu dieser Zeit nirgend anders sich aufhalten dürfe als in der Kirche oder im Hause. Der dumme Bengel begriff das wohl nicht recht.

Schließlich verlor der Polizist die Geduld; seine Autorität stand auf dem Spiel und mit ihr die des Staates und des Gesetzes. Er erklärte, daß er schießen würde, wenn der Junge nicht endlich gehorche. Der Bengel rief, das solle er nur mal tun.

Da schoß der Polizist. Er sagte später aus, daß er absichtlich tief geschossen habe, nur den Boden habe treffen wollen, um dem Jungen einen Schrecken einzujagen; das war ihm wohl zu glauben. Denn schließlich – sie gehörten zur selben Familie, er und der Junge, trugen denselben Namen und hatten nie den kleinsten Krach miteinander gehabt. Im Gegenteil, die Untersuchung ergab, daß er dem Buben stets wohl wollte, ihm häufig Spielzeug geschenkt und Pfeifen geschnitzt hatte.

Aber er traf unglücklich. Traf ihn in den Kopf. Sofort tot war der Junge.

Große Untersuchung, großes Geschrei im ganzen Lande. Doch verlief die Sache im Sande – der Polizist wurde nicht einmal vor Gericht gezogen. Durfte nicht: es wurde ganz einwandfrei festgestellt, daß er nur seine Pflicht erfüllt, nur gehandelt hatte, wie das Gesetz es befahl. Nicht einmal seine Stelle verlor er, tut noch heute Dienst in seinem Dorfe in Vermont.

Jeder Staat macht seine eignen Gesetze in diesem Lande. Der Staat Neu-York bestraft den Selbstmord nicht; jeder mag sich da umbringen nach Herzenslust. Aber – niemand darf einen verunglückten Versuch dazu machen: ganz oder garnicht, heißt es in Neu-York. Wer ins Wasser springt und dann herausgefischt wird, wer Gift nimmt und mittels Magenauspumpung wieder entgiftet wird, wer sich aufhängt und rechtzeitig abgeschnitten wird – der wird ins Gefängnis gesteckt. Wenigstens – wenn es herauskommt.

So kennt auch, neben ein paar andern Staaten, Rhode-Island noch das alte englische Selbstmordgesetz: nicht nur der Versuch, auch die vollendete Handlung ist hier strafbar. Nun ist es richtig, daß dieses Gesetz in unsern Tagen kaum noch angewandt wird. Es hat nämlich ein hübsches Hinterpförtchen: Geisteskrankheit – und dieses Pförtchen macht man stets weit auf. Wenn der Selbstmord in Geisteszerrüttung vorgenommen wurde, ist er nicht strafbar, und so geben der Coroner und seine Jury, die Leichenschaukommission, wieder und wieder ihr Urteil ab, daß der arme Selbstmörder plötzlich seinen Verstand verloren habe. Das ist bequem und jedem Menschen recht; die Herrn Geistlichen aller Bekenntnisse sind damit aller Gewissensskrupeln und Schwierigkeiten enthoben.

Nun ist Rhode-Island, der kleinste Staat des Landes, von jeher ein besondres Gebilde gewesen. Roger Williams und Ann Hutchinson gründeten ihn um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Sie waren durch die Unduldsamkeit der Puritaner aus Neuengland ausgetrieben; aber sie und ihre Anhänger waren nicht weniger unduldsam. Der Bibelbuchstabe allein entschied – und der Bruch geschah nur, weil Ann und Roger irgendein I-Tüpfelchen anders auslegten. Auch nach dem Unabhängigkeitskrieg war Rhode-Island mit der neuen Verfassung wenig einverstanden, schloß sich erst als letzter dem Bunde der dreizehn Staaten an und behielt bis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seine alte Kolonialverfassung. Man mag nicht viel wissen von neuen Ideen in Rhode-Island.

Dennoch hatte man, wie überall im Lande, seit Menschengedenken in Selbstmordfällen stets das Hintertürchen aufgemacht: plötzliche Geistesverwirrung.

Doch kam etwas andres hinzu. In diesem Jahre der schlimmen Krise, die zum Teil auch auf wilde Streiks zurückzuführen war, hatte der große Evangelist und Prophet Billy Sunday sein Tabernakel in Providence, der Hauptstadt des Staates, aufgeschlagen. War von dort aus auf die Dörfer gezogen, nach Lincoln und Warwick, nach Partucket und Woonsocket. Gewaltig war des Erweckers Erfolg überall im Lande, aber nirgends so groß wie in Rhode-Island. Hier kam ihm alles entgegen: die altererbte puritanische Gesinnung wie der schwere wirtschaftliche Druck. Hunderttausende hatten Bill Sundays Versammlungen besucht, wo der frühere Baseballspieler wie ein Besessener auf dem Podium herumtobte und mit Armen und Beinen den Teufel bekämpfte – nicht zum wenigsten auch mit seinem ungeheuren Maul. Viele Tausende hatten vor ihm im Staub gekniet, öffentlich ihre Sünden bekannt und von Stund an ihre Seele Gott dem Herrn zugeschworen. Eine Woge religiöser Wiedererweckung war durch Rhode-Island gezogen; eine geistige Wiedergeburt nannten es die Herrn Pastoren, die die Arbeit ihres Schrittmachers, des großen Propheten, sehr anerkannten und nach bester Möglichkeit zu befestigen trachteten.

Wie überall hatte Bill Sunday die Augenblickstatsachen gründlich ausgenutzt. Das aber waren eben die trostlose Lage der Woll- und Baumwollindustrie, die dadurch hervorgerufenen Arbeiterentlassungen, Lohnherabsetzungen und Streiks. Dann auch, was einem Manne vom Schlage Bill Sundays viel handgreiflicher war: die Menge der Selbstmorde, in deren langer Kette der Tod Phil Carters nur das letzte Glied war. Für die zappelnde Logik des Propheten waren die Selbstmorde ja nicht die Folge der wirtschaftlichen Not, für ihn war umgekehrt diese nur die Strafe des Himmels dafür, daß die Menschen dieses Staates Gottes heilige Gebote verletzten und daß insbesondere eine Anzahl frecher Gottesverächter sich das Recht anmaßte, über den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu bestimmen, anstatt dies dem zu überlassen, dem es einzig zustand: Gott dem Herrn. Bill Sunday tobte darüber; immer wieder hatte er gepredigt, welch Verbrechen es sei, daß bei allen Selbstmorden die Leichenschaukommission auf plötzliche Geistesstörung erkenne und auf diese Weise fluchwürdigen Übeltätern ein christliches Begräbnis ermögliche. Nicht um ein Haar besser sei der Selbstmörder als der Raubmörder und Lustmörder, brüllte der Prophet – es sei endlich an der Zeit, dem Gesetze Geltung zu verschaffen und ein Beispiel zu statuieren!

Darum ging es nun. Der Coroner und seine Leichenschaukommission bekamen Gewissensängste; sie hatten einstweilen die Freigabe der Leiche verweigert und die Entscheidung der Grand-Jury überlassen. Diese Geschworenenbank, die in besonders wichtigen Fällen eine Art Vorinstanz bildet und festzustellen hat, ob ein Mord, ein Unfall vorliegt oder nicht, um dann zur weitern Verfolgung die Sache dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter zu übergeben, hatte sich nun mit der Angelegenheit zu befassen. Von der Grand-Jury sollte heute die Entscheidung fallen; vor ihr stritt heute Barett S. Rogers für die letzten Ehren des Verstorbenen.

Phil Carters war aus genau demselben Holze wie die andern alten Rhode-Isländer. Sein Ahne war mit den Pilgervätern auf der ›Mayflower‹ nach Neuengland gekommen, dessen Sohn mit Ann Hutchinson nach Rhode-Island. Puritanisch waren seine Anschauungen und sehr unamerikanisch für unsre Zeit. Er war ein eifriges Mitglied der Gemeinde, das nie in der Kirche fehlte, weder am Tage des Herrn noch an den Abendandachten in der Woche. Seit vielen Jahren hielt er selbst Sonntagsschule ab, bei allen Wohltätigkeiten der Gemeinde stand er immer an der Spitze. Streng puritanisch hatte er auch beim Zusammenbruch seiner Fabriken gehandelt: als er sah, daß nichts mehr zu retten war, hatte er selbst Geschäftsaufsicht beantragt und seither monatelang darauf hingearbeitet, daß alle Gläubiger restlos befriedigt würden. Als alles erledigt und bezahlt war, schnitt er sich die Gurgel durch – keinen Tag früher.

Zwischen ihm und seiner einzigen Tochter hatte nie ein näheres Verhältnis bestanden. Eileens Mutter stammte aus Philadelphia, sie war Irländerin und alles eher als bigott. Man erzählte sich in Woonsocket Geschichten von ihr; Tatsache ist, daß sie früh ihren Mann verließ, der sich dann von ihr scheiden ließ. Als sie starb, war Eileen noch ein Kind; der Vater schickte sie auf eine Schule nach Providence, später nach Vassar aufs College. Das war so Mode bei den guten Familien Rhode-Islands. Achtzehn Jahre war sie alt, als sie zurückkam.

Ich glaube nicht, daß viel von ihres Vaters puritanischem Blut in ihr floß, doch genug, um alles zu tun für seine letzten Ehren. Dafür kämpfte sie, dafür kämpfte Rogers, ihr Anwalt, und mit ihnen alles, was ihrer Sippe war in Woonsocket. Nur: in der Grand-Jury saßen Männer der ganzen Grafschaft, saßen auch Arbeiter und Farmer und Ladner neben den Fabrikanten.

Das alles erfuhr ich an diesem Abend in der Lobby des kleinen Hotels. Die Herrn rauchten und tranken einen Highball nach dem andern. Keinem war wohl dabei: die Ehre ihrer Stadt stand heut auf dem Spiel. Aber sie vertrauten auf Rogers – der würde es durchbeißen.

Gegen acht Uhr stürmte, völlig durchnäßt, ein junger Mann in die Halle. Ich erkannte ihn gleich; es war Ned Lippincott, der Sohn des alten Lippincott. Hier hatte ich ihn noch nicht gesehn, aber oft genug in Neu-York – er war ein gutgewachsener, lieber und hübscher Bengel mit blanken Zähnen und blauen Augen, so einer, der jeden Tag eine Rolle im Film hätte bekommen können. Er war überall mit dabei, wo etwas los war, und genoß sein Leben; allzu gescheit war er nicht grade, aber gutmütig und anständig, dabei reichlich sentimental. Irgendwie zeigte er eine große Verehrung für mich, kam oft zu mir, fragte mich stets um Rat, wenn er in Schwierigkeiten war, und befolgte aufs Wort das, was ich sagte. Da ich vor dem Kamin saß, ihm den Rücken zudrehte, sah er mich zunächst nicht.

Er warf dem Kellner den nassen Hut und Rock zu, während die Herrn aufsprangen und ihn umdrängten.

»Rogers hat –«, rief er in äußerster Aufregung, »Rogers hat –«

Er stotterte, stockte.

»Was hat er denn?« fragte einer der Herrn. »Kommst du von der Grand-Jury? Wie haben sie entschieden?«

Ned Lippincott warf sich auf einen Sessel.

»Sie haben noch nichts entschieden«, rief er. »Sie haben sich eben zur Beratung zurückgezogen – ich muß gleich wieder hin. Gebt mir einen Highball!«

Einer gab ihm ein Glas, goß Whisky hinein und Sodawasser; Ned leerte es in einem Zuge. Sprang wieder auf, atmete schwer.

»Barett Rogers hat Eileen Carter geheiratet!« schrie er.

Das schlug ein. So verblüfft waren alle durch diese plötzliche Mitteilung, daß sie alles Fragen vergaßen, sprachlos dastanden und ihn anglotzten.

»Unsinn!« rief endlich der kleine Raleigh.

»Kein Unsinn!« schrie Ned Lippincott. »Gottverdammt kein Unsinn! Gestern abend ist sie mit ihm nach Warwick gefahren. Reverend Chagnon hat sie getraut. Sie sind beide zur Nacht dort im Hotel geblieben – und in demselben Zimmer alle beide! Eileen Carter ist Mrs. Barett S. Rogers, rundherum und in jeder Beziehung! Der Teufel soll's holen!«

Wieder ließ er sich in seinen Stuhl fallen, als ob die Wut und der Schmerz ihn umwürfen. Ein Blinder hätte sehn können, wie verliebt der arme Junge in Phil Carters Tochter war.

Raleigh trat zu ihm, gab ihm sein Glas.

»Trink, Ned«, beschwichtigte er. »Und sag doch: woher weißt du's?«

Ned Lippincott schluchzte und schluckte, kämpfte die Tränen herunter. »Woher ich's weiß? Eileen hat mir's selber gesagt! Sie sind erst heute mittag zurückgekommen; Eileen hat zu mir geschickt, sie zur Grand-Jury abzuholen. Ich war mit ihr dort; saß neben ihr die ganze Zeit über – da hat sie's mir gesagt. Jetzt, in der Pause, spricht sie mit Rogers, spricht mit ihrem – Mann! Da konnte ich's nicht mehr ertragen, bin hergelaufen!«

Er ließ den Kopf in die Hände fallen, stöhnte. Rechts und links klopften ihm die Herrn auf den Rücken, von allen Seiten hielten sie ihm Whiskygläser hin.

»Trink, Ned! – Trink, mein Junge!«

Er trank, riß sich zusammen, rief nach Mantel und Hut. »Ich muß zurück«, sagte er; »ich hab's Eileen versprochen.« Und ganz leise fügte er hinzu: »Sie hat gesagt – sie hätte mich genommen, wenn ich ihr hätte helfen können. Aber keiner konnte ihr dabei helfen, sagte sie, nur er, Rogers! Und darum nahm sie ihn.«

Ich ging zu ihm hin, streckte ihm die Hand hin. »Du?« rief er. »Du hier? Ich dachte, Parker käme von der Central-Trust. Kein Wort hat mir mein Alter gesagt, daß du hier seist. Nun – ich habe ihn ja kaum gesprochen in diesen Tagen – hatte den Kopf so voll mit Eileen. Entschuldige jetzt – ich muß zurück – werde dich später sehn!«

Und er stürmte hinaus.

* * *

Das begriff keiner, warum Eileen Carter den Rogers nahm. Alle schätzten ihn als besten Anwalt des Staates; alle erkannten rückhaltlos seine geistige Überlegenheit. Aber ihn heiraten? Dies alte, widerliche Ekel, das Tabak kaute und spie und auf drei Schritt weit aus dem Munde roch? Diesen Kerl, der nie im Leben eine Frau hatte bekommen können, der um Dirnenfleisch nach Neu-York fuhr und die höchsten Summen für schlechteste Ware zahlen mußte?

Den, den nahm Eileen Carter?

Eileen, frisch von Vassar, achtzehn Jahre alt, voll erblüht in süßer Mädchenschönheit. Sie, Miß Carter, aus bester und ältester Familie des Staates und Neuenglands – ah, des ganzen Landes! Sie, die einzige Tochter Phil Carters, des reichen Wollmagnaten, des großen Bosses Rhode-Islands, des ehrlichsten Mannes in Amerika. Wie sie sein Lob sangen!

Sie vergaßen ganz, daß Phil Carter tot war, sich die Kehle durchgeschnitten hatte. Daß sein Vermögen beim Geier war, daß kein Backstein seiner Fabriken mehr –

»Vielleicht,« versuchte einer der Herrn, »vielleicht –«

»Nun was, vielleicht?« fragte Raleigh.

»Gott, Rogers hat Geld!« sagte der Mann. »Schulden sind ja wohl nicht da, dafür hat Carter sicher gesorgt. Aber erben wird Eileen verdammt wenig!«

Da fuhr ihn Raleigh an:

»Und darum sollte sie sich mit Rogers zu Bett legen? Blödsinn! Ned Lippincott ist über die Ohren verliebt in sie, hätte sie jeden Tag genommen. Sein Vater ist viel, viel reicher als Rogers. Und Ned ist ein hübscher Junge, nach dem sich alle Mädel die Finger lecken! Warum nahm sie ihn nicht?«

»Ned ist nicht der einzige!« rief ein alter Herr. »Ich war zu Neujahr zum Gouverneursball in Providence – wie die Fliegen schwirrten die Burschen um das Zuckerbröckchen Eileen Carter. Dutzende hätte sie haben können, jeden einzelnen besser als Rogers. Nur zu winken hätte sie brauchen!«

Das war nicht zu lösen, warum Eileen Carter den häßlichen, alten Rogers nahm.

Ein Kellner kam, holte mich ans Telephon. Parker von der Central-Trust rief mich aus Neu-York an. Ich erstattete ihm kurz Bericht, sagte ihm, daß bisher die Verhandlungen kaum begonnen hätten. Er teilte mir mit, daß die Befürchtungen, soweit sie Carter angingen, völlig behoben seien: sein Haus sei ohne jeden Abzug allen Verpflichtungen nachgekommen, die Baumwollfabrikanten würden da auch nicht einen Heller verlieren. Dennoch sei noch ein weiteres Hinschleppen nötig – vielleicht nur um einen Tag noch! Wir sprachen hin und her, verabredeten dann, daß ich mit dem ersten Zuge morgen früh nach Neu-York kommen solle.

Ich lachte. Darum also priesen die Herrn den alten Carter in den Himmel – weil sie nichts an ihm verloren hatten!

Ich ging in den Speisesaal, nachtmahlte mit Raleigh. Wir waren kaum fertig, als der Kellner uns zurief, daß eben Rogers komme; wir gingen also zurück in die Halle.

Der Anwalt schien völlig niedergebrochen; er stützte sich mühsam auf den Arm des alten Lippincott. Alles drängte und fragte; aber Rogers gab keine Antwort.

»Was ist los, zum Teufel?« brüllte Raleigh.

Lippincott zuckte die Achseln. »Er hat verspielt!« antwortete er. Aber es dauerte Minuten, bis man klare Auskunft von ihm bekommen konnte.

Die Grand-Jury hatte also gesprochen, und sie hatte – zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten im Lande – das Hintertürchen nicht aufgemacht! Man hatte eine Menge Zeugen geladen; der Staatsanwalt auf der einen und Rogers auf der andern Seite hatten regelrechte Kreuzverhöre mit ihnen angestellt, wie bei einem Kapitalverbrechen vor den Geschworenen. Gewiß hatte eine Reihe von Freunden außerordentlich günstig für den Toten ausgesagt, hatte bezeugt, welch frommer Mann Phil Carter zeitlebens gewesen sei, ein Mann, bei dem es vollständig ausgeschlossen sei, daß er bei klarem Verstand einer solchen Handlung fähig gewesen wäre. Ja, einer, ein langjähriger Angestellter und treuester Mitarbeiter, ging soweit, zu behaupten, er habe schon in den letzten Monaten Anfälle von Geisteszerrüttung bei Carter wahrgenommen. Gefragt, worauf er diese Vermutung stütze, erklärte er, daß Carters einziges Bestreben, seitdem die Fabriken unter Geschäftsaufsicht standen, nur das gewesen sei, restlos alle Gläubiger zu befriedigen. Seine puritanische Gesinnung in allen Ehren – aber so gegen sich selbst und seine einzige Tochter wüten könne nur jemand, der geistig nicht mehr ganz auf der Höhe sei. Der Vorsitzende der Geschäftsaufsicht bestätigte das und fügte hinzu, daß er im Laufe der Jahre viele Dutzende von Geschäftsaufsichten geführt habe, daß ihm aber noch niemals ein derartiger Fall übertriebener Redlichkeit vorgekommen sei. Jeder denke zuerst an sich und seine Familie – jeder versuche aus dem Zusammenbruch herauszuholen, was noch herauszuholen sei – und selbstverständlich auf Kosten der Gläubiger. Das sei natürlich, das sei menschlich, das sei gesund – jeder Amerikaner würde so handeln! Nur ein Verrückter könne so vorgehn, wie es Phil Carter tat.

Aber die Aussagen der andern Zeugen sprachen dem scharf entgegen, brachten dazu nur nackte Tatsachen und keine vagen Vermutungen. Freilich sagte ein Dienstmädchen aus, daß ihr Herr in der letzten Zeit ein merkwürdiges Wesen zur Schau getragen habe. Er habe schon vor dem Frühstück das Grammophon angedreht und dazu getanzt, habe aus Zeitungen Papiermützen gemacht und sich aufgesetzt, habe in seinen Tee statt Zucker Salz getan. Das alles klang so absurd und lächerlich, kam so unbeholfen und eingelernt heraus, daß es dem Staatsanwalt nicht schwerfiel, diese Zeugin gründlich zu erschüttern. Schon nach einigen scharfen Fragen brach sie völlig zusammen und gestand, daß nichts von alledem wahr sei. Ganz augenscheinlich war sie von beteiligter Seite zu ihren kindischen Aussagen bestimmt worden; der Vorsitzende drang jedoch nicht weiter in sie, da er jeden Skandal nach Möglichkeit vermeiden wollte. Er vereidigte sie nicht und entließ sie im Einverständnis mit dem Staatsanwalt, dem sich Rogers wohl oder übel anschloß.

Alle andern Zeugen bestätigten die volle Geistesfrische Carters bis zur letzten Stunde. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht war er tätig, leistete eine ungeheure Arbeit und traf seine Anordnungen mit völliger Klarheit und Sicherheit. Am Mittag des letzten Tages ging er durch alle Büros und Maschinenräume, verabschiedete sich persönlich von den Angestellten und Ingenieuren, auch von manchen seiner alten Arbeiter. Jedermann gewann den Eindruck, daß er sich von den Geschäften zurückziehn wolle, und daß die Betriebe nun in andre Hände übergehn würden. Dann ging er ruhig nach Hause, bestellte ein Bad und ließ sich alles vorbereiten, was nötig ist zum Rasieren. Er kam nicht zum Luncheon – als man die Tür aufbrach, fand man ihn mit durchschnittener Kehle und völlig verblutet in der Badewanne. Nicht ein Tröpfchen Blut hatte auch nur den Boden des Zimmers beschmutzt.

Der Staatsanwalt sprach nur kurz, stellte den Antrag, daß die Grand-Jury als Todesursache auf Selbstmord bei vollem Verstand erkennen möge. Dann redete Rogers, sehr eindringlich, ruhig und klar – noch nie habe er ihn so gut sprechen hören, sagte Lippincott.

»Aber er sprach für eine verlorne Sache!« fügte er hinzu.

»Wieso verloren?« fragte Raleigh. »Konntet ihr nicht die Mehrheit bestimmen, auf geistige Umnachtung zu erkennen?«

Zögernd antwortete Lippincott – man sah ihm an, wie peinlich ihm diese Eröffnung war –: »Der Spruch der Jury war einstimmig. Einstimmig auf klaren Verstand!«

»Das ist unmöglich!« rief Raleigh. »Sie und Snyders und Dawson von der Woonsocket-Bank haben doch sicher dagegen gestimmt?«

Der alte Lippincott schüttelte den Kopf. »Keiner! Grade Dawson war es, der uns umstimmte – er führte den Vorsitz bei der Beratung. Er zeigte, worauf es ankam – und was nicht einmal der Staatsanwalt begriffen hatte. Entweder war Carter bei klarem Verstande – dann besteht alles zu Recht, was er angeordnet hat. Oder er war geistesgestört, und das vielleicht schon seit Monaten, dann ist jede seiner Handlungen anzufechten. Die Woonsocket-Bank allein müßte dann mit einem möglichen Verlust von über einer Million rechnen. Und, meine Herrn, was jeder von Ihnen verlieren könnte, das werden Sie ja selbst wissen! Diese Verantwortung konnten wir nicht auf uns laden!«

Barett S. Rogers richtete sich in seinem Stuhl auf; seine Augen funkelten. »Das also war's!« heulte er. »Die Farmer und Arbeiter gaben ihr Urteil ab, weil sie an den Unsinn glaubten, den ihnen der verdammte Narr Bill Sunday vorschwatzte – das war blöd, aber doch ein idealer Gesichtspunkt! Ihr aber seid Judasse, ihr habt Carters Leiche um eine Handvoll Gold verkauft!« Wütend spie er seine Tabakslauge aus, schob einen neuen Priem hinter die Kiefer.

Snyders, von den Nazareth-Mills, lachte auf. »Das wäre wenigstens ein stichhaltiger Grund! Und dann, Rogers, hast du nicht auch um Dollars gekämpft? Jedermann weiß jetzt, daß du dich gestern mit Eileen Carter trauen ließest. Begnüg dich mit dem leckern Bissen – so ein hübsches Kind braucht nicht Geld noch obendrein. Wir kennen dich, Rogers: du wärst der erste gewesen, der alle Anordnungen Phil Carters angefochten hätte, wenn die Grand-Jury heute auf Geistesstörung erkannt hätte! Im Namen seiner Tochter und Erbin – deiner Frau! Und nach dem, was der Vorsitzende der Geschäftsaufsicht heute vor den Geschworenen berichtete, hättest du sicher deine Sache durchgefochten. Dann säßen wir da – du würdest unser Geld in deiner Tasche haben und uns alle noch dazu auslachen!«

»Wir hätten uns einigen können«, wehrte sich Rogers. »Warum habt ihr mir nicht vorher etwas davon gesagt?«

»Wir haben's ja nicht gewußt, Rogers«, meinte Lippincott. »Auch Dawson nicht – erst während der Verhandlung kam ihm der Gedanke.«

Und Snyders fügte hinzu: »Doch du, Rogers, du hast es sicher gewußt! Warum hast du uns nichts vorher gesagt, was? Aber du alter Fuchs wolltest erst deine Hühnchen hübsch im Schlage haben, um sie dann in aller Ruhe zu rupfen! Nicht, daß ich dir's übelnehme, Rogers: werde dich immer als meinen Anwalt behalten! Aber diesmal bist du reingefallen!«

Rogers schnaubte vor Wut. »Das also ist euer Dank für Phil Carters Ehrlichkeit! Darum, daß all eure Forderungen auf Heller und Pfennig bezahlt werden – darum sorgt ihr jetzt dafür, daß ihm an geweihter Stätte ein christliches Begräbnis verweigert wird!«

Snyders zuckte die Achseln. »Wir haben's uns überlegt«, sagte er. »Was wird man ihm denn tun können? Irgendwo wird man ihn schon beerdigen müssen, und für Geld wird man schließlich auch einen Prediger finden. Brauchst keine Angst zu haben, Rogers; wir werden alles reichlich zahlen – Phil Carters Gedächtnis ist bei uns so gut aufgehoben wie bei dir!«

Der Anwalt wollte antworten. Da kam der junge Lippincott in die Halle. Grade auf Rogers zu.

»Miß Carter ist draußen«, sagte er; »Mrs. Rogers meine ich. Sie will Sie sprechen – sofort. Wo soll ich sie hinführen?«

Der Anwalt sprang auf; seine Beine zitterten.

»Führ sie ins Lesezimmer, Ned«, sagte Raleigh; »es ist sicher leer um diese Zeit.«

Ned nickte, rannte zurück zur Tür und kam gleich darauf mit der Dame zurück. Sie war völlig versteckt in schwarzen Trauerschleiern; nichts konnte man von ihr sehn. Keiner sprach; alle traten zur Seite, sie durchgehn zu lassen, verbeugten sich stumm.

Nur Snyders sagte halblaut: »Guten Abend, Mrs. Rogers.«

Da blieb sie vor ihm stehn, sah ihn an. Dann kam ein rasches, ganz kurzes Lachen aus den Schleiern. Nur eine Silbe war es – doch klang sie hell und scharf durch die Halle. Sie griff Neds Arm, ging mit ihm zwischen den Männern durch die Glastür ins Lesezimmer.

Rogers stand immer noch unbeweglich. »So geh doch!« rief Raleigh. »Laß deine Frau nicht warten!«

Da ging er – aber es war mehr ein Fallen, ein Hinken und Stolpern. Er verschwand im Lesezimmer – ließ die Tür halb offen stehn.

Keiner der Herrn dachte daran, sie zu schließen. Jeder lauschte, irgendein Wort aufzuschnappen von dem, was da drinnen gesprochen wurde. Offen genug – hier gab es keine Diskretion mehr. Dies war Woonsockets Sache.

Man hörte, daß Ned Lippincott sprach; aber man verstand nicht, was er sagte.

Dann, ganz hell, Eileen Carters Stimme: »Nein, du bleibst, Ned! Ich will, daß du bleibst!«

Augenscheinlich standen die drei mitten in dem großen Leseraum. Keiner der Herrn wagte es, näher heranzugehn an die halb offene Glastür; keiner sprach, alle blieben da stehn, wo sie standen. Außer mir setzte sich nur Raleigh wieder hin.

Der junge Lippincott sprach gewiß kein Wort, und von dem, was Rogers sprach, verstand man nichts. Nur Eileens Stimme hörte man zuweilen, aufgeregt und schnell, sehr hoch und manchmal sich überschlagend – dann wieder beherrscht und ruhig. Es war klar, daß sie den Anwalt überschüttete mit Vorwürfen.

»Sie haben Ihr Wort gebrochen, Rogers!« rief sie. »Sie haben auf die Bibel geschworen, daß ich meinen Vater beerdigen könne – und Sie haben Ihren Schwur nicht gehalten!«

Rogers redete; man hörte die Namen Dawson und Lippincott. Jeder begriff, daß er die Schuld seines Versagens ablehnte, alles auf das niederträchtige Umfallen der Fabrikanten schob.

Doch die Tochter Phil Carters ließ ihn nicht ausreden. »Das alles geht mich nichts an!« rief sie. »Sie haben Ihren Preis genannt, Rogers – und ich hab ihn bezahlt: hab Sie geheiratet!«

Sie schwieg einen Augenblick – wieder hörte man dieses helle, harte, einsilbige Lachen.

»Sie haben mich betrogen, Rogers!« fuhr sie fort, »God damn you!«

Die Herrn in der Halle fuhren auf – was hatte sie da gesagt? Sie, Eileen Carter aus Woonsocket, Rhode-Island, erzogen auf der strengen Ann-Hutchinson-Schule in Providence, Collegegirl von Vassar, sie, die Tochter des frommen Puritaners Phil Carter – sie sagte: ›God damn you‹!

Und wie sie es sagte! Schneidend, scharf – ein Peitschenhieb in Rogers Gesicht!

Lippincott flüsterte: »Wenn er das hörte, würde sich ihr Vater im Grabe herum –«

Doch der feiste Raleigh grinste. »Er ist noch nicht im Grab – und wer weiß, ob er jemals hineinkommt.«

Ein alter Herr aber fand den versöhnenden Gedanken, der alle beruhigte. »Es zeigt nur ihre höchste Entrüstung über den Schuft Rogers«, sagte er sanft und faltete die Hände über den Bauch. »Gott wird ihr vergeben!«

»Amen!« fauchte Raleigh.

Aber alle andern schlugen die Augen nieder, senkten die Köpfe.

Und lauschten weiter.

Wieder klang Eileens Stimme. Nicht mehr beherrscht jetzt – schluchzend vielmehr und stöhnend in ohnmächtiger Wut.

»Ich bin fertig mit Ihnen, Rogers! Nie mehr will ich Sie sehn, Rogers!«

Man hörte sie mit dem Fuß aufstampfen. Dann einen Schrei: »Gehn Sie doch, gehn Sie doch! Hören Sie denn nicht, daß Sie gehn sollen!«

Endlich Neds Stimme: »Wirklich, Herr Rogers, es ist besser, daß Sie jetzt gehn!«

Dann Rogers wankende Tritte. Aber schon in der Tür richtete er sich auf. Er bemerkte sofort, daß die offen stand.

»Oh – ihr habt zugehört?« zischte er. »Damn you!«

Das wirkte fast befreiend auf die Herrn. Dasselbe Wort, das ihnen wie eine Gotteslästerung klang von den Lippen der jungen Frau – das klang, ob es gleich ebenso ernst gemeint war, ihnen nur selbstverständlich, lustig fast, aus eines Mannes Munde.

»So ist's recht, alter Junge!« lachte Raleigh. »Schimpf nur tüchtig – da wirst du bald wieder in guter Laune sein! Und vergiß nicht, daß wir dich brauchen morgen für die Sitzung. Schlaf dich tüchtig aus – kannst ja allein schlafen heute. Aber dafür hast du gestern dein Schätzchen im Arm gehabt, alter Schlemmer du!«

Alle lachten; Rogers spie aus – gab keine Antwort. Griff seinen Hut, ging zur Haustür, rief nach seinem Auto.

Ich ging ins Lesezimmer – schluchzend lag die junge Frau auf einem Sessel; bei ihr stand Ned Lippincott. Er klopfte sie auf die Schulter, redete auf sie ein, sie zu beruhigen – was ihm so grade einfiel.

Ich trat auf die beiden zu.

»Verzeih, Ned«, begann ich. »Es wird besser sein, wenn du die Dame nicht durch die Halle zurückführst – darum kam ich her.«

»Du hast recht«, nickte Ned, »ich danke dir.«

»Komm hier durch«, fuhr ich fort, »da könnt ihr ungesehn hinaus.«

Ich führte die beiden durch das Speisezimmer und durch einen langen Korridor, dann durch eine Hintertür auf die Straße.

»Wo steht dein Auto, Ned?« fragte ich.

»Vorn«, rief er. »Ich werde es holen.«

Ich stand allein mit der verschleierten Frau. Sie wankte, hielt sich mit der Hand an der Wand fest; da faßte ich ihren Arm, stützte sie.

Gleich darauf kam Ned zurück mit dem Wagen. Ich half ihr hinein; dann sprang Ned nach.

»Danke sehr!« sagte sie tonlos.

* * *

Ich blickte dem Auto nach, das schnell um die Ecke bog. Der Regen hatte ein wenig aufgehört – ich überlegte, ob ich noch einen kleinen Spaziergang machen sollte. Es war elf Uhr vorbei – die frische Luft würde mir guttun vor dem Schlafen. Dazu wollte ich es vermeiden, die Herrn jetzt noch zu sehn, um nicht zum andern Morgen eine Verabredung treffen zu müssen. Ich eilte also auf mein Zimmer, nahm Hut und Mantel und ging denselben Weg wieder zurück auf die Straße.

Ich bummelte durch die Gassen aufs Geratewohl. Ein letztes Kino schloß seine Pforten, nur wenige Menschen kamen heraus. Ein offener Leiterwagen klapperte über das Pflaster, von zwei trabenden Gäulen gezogen – ein halbes Dutzend Männer saßen da auf einer großen Kiste. Hin und wieder jagte ein Auto vorbei; sehr selten nur kam ein Fußgänger. Kein Hund in Woonsocket – aber manche Katzen strichen vorbei, und ich hörte noch mehr hinter den Zäunen schrein.

Die Luft war erfrischend, ich sog sie mit vollen Zügen ein. Drei Tage lang in dem Hotel – Schwatzen und Rauchen und Whiskytrinken. Ich schritt rüstig aus; es war eine Lust, so durch die Nacht zu laufen.

Ich kam durch einen Villenvorort; nur selten sah ich noch Licht hinter Scheiben. Bald war ich draußen, kam auf einen kleinen Hügel, von dem ich Woonsockets spärliche Lichter überblicken konnte. Es fing wieder an zu tropfen – so war es Zeit, umzukehren.

Ich ging auf einem andern Weg zurück, der mir näher schien. Aber der bog bald um, führte sichtlich fort von der Stadt. So lief ich über einen schmalen Feldweg, dicht an einer kleinen Farm vorbei; bald war ich auf einer baumbestandenen Landstraße – wenn man das schon Straße nennen wollte. Sie wurde augensichtlich kaum benutzt und war seit Jahren nicht gepflegt; so watete ich in einem schlammigen Morast. Jetzt fing es stärker an zu regnen, und bald goß es wieder in Strömen. In fünf Minuten war ich bis auf die Haut durchnäßt, war in der Dunkelheit nicht einmal sicher, ob ich diesmal wirklich den richtigen Weg zur Stadt hatte.

Da sah ich, einige fünfzig Schritte vor mir, ein paar Laternen auf der Straße stehn. Ich beschleunigte meine Schritte, stand im nächsten Augenblick vor ein paar Männern.

»Geht's hier nach Woonsocket?« rief ich sie an.

»Ganz richtig!« antwortete der eine. »Was wollen Sie hier?«

»Nach Woonsocket will ich!« wiederholte ich. »Was geht's Sie an?«

»Das will ich Ihnen sagen, Herr, was es mich angeht!« rief er. Er brannte sein Feuerzeug an, griff in die Tasche, hielt mir eine Messingmarke unter die Nase. »Ich bin Sheriff!«

»Also gut, Sheriff,« fragte ich, »was wollen Sie von mir?«

Nun kam der andre Mann heran. »Wir dürfen ihn nicht abweisen, Pat«, sagte er. »Der Befehl lautet, daß wir jede Ansammlung verhindern, jeden Störenfried festnehmen sollen. Der Mann da ist doch keine Ansammlung! Zusehn darf er, wenn er will – alles soll in vollster Öffentlichkeit geschehn.«

»Schöne Öffentlichkeit!« brummte der Sheriff. »Bei dem Sauwetter um Mitternacht!« Er wandte sich wieder zu mir: »Also gut, wenn Sie durchaus die Öffentlichkeit vorstellen wollen, bleiben Sie. Geben Sie mir Ihr Wort, nicht zu stören.«

»Nach Woonsocket will ich, zum Teufel!« rief ich. »Es scheint, daß ich nicht über die Straße kann, ohne zu sehn, was ihr da macht – also will ich in Gottes Namen zusehn.«

»Gott hat damit wenig zu tun«, lachte der Sheriff. »Haben Sie eine Zigarette?«

Ich schenkte den beiden meine Zigaretten, gleich die ganze Schachtel, da einzelne doch sofort durchnäßt worden wären. Ich gab ihnen die Hand drauf, keinerlei Störung zu verursachen – sie klopften mich von oben bis unten nach Waffen ab, schienen zufrieden, daß ich nicht einmal einen Schirm bei mir hatte. Dann erst ließen sie mich passieren.

Ich ging also weiter, auf die Laternen zu – ein breiter Weg kreuzte hier die Landstraße. Da hielt der Leiterwagen mit den zwei Pferden, den ich vorher durch die Stadt hatte fahren sehn. Die lange Kiste stand auf der Erde. Daneben schaufelten, hart am Wegrande, vier kräftige Kerle eine tiefe Grube – ein alter Weißbärtiger schaute zu.

Eine der Laternen hing an einem Baume, die andre an der Seite des Karrens; sie beleuchtete ein rotes Schild, das in weißen Lettern Namen und Gewerbe des Besitzers zeigte – ah, der Wagen gehörte dem Wasenmeister Woonsockets!

Im Augenblick war mir klar, was da vor sich ging: hier am Kreuzweg sollte, mitten in der Nacht, die Leiche des unglücklichen Phil Carter in aller Stille verscharrt werden. Wie ein gefallenes Vieh, wie ein räudiger Hund, vom Schinder und seinen Gehilfen! Und das im Auftrag der Behörden – das bewies die Anwesenheit des Sheriffs.

So verlangte es das alte Gesetz in Rhode-Island.

Ich stand wie gebannt, vergaß den strömenden Regen. Die Leute blickten auf von ihrer Arbeit; als sie mich sahen, ließen sie die Spaten ruhen.

»Was wollen Sie hier?« rief mich der Weißbärtige an.

Aber der Sheriff kam hinzu, beruhigte sie. »Der Mann ist die Öffentlichkeit«, lachte er. »Habt ihr keinen Schnaps mehr?«

Der Alte zog eine Flasche aus der Tasche, schüttelte sie. »Keinen Tropfen mehr, Pat«, sagte er. »Kannst sie dir voll Regenwasser laufen lassen, wenn du willst!«

»So eilt euch doch!« drängte der Sheriff. »Es ist Zeit, daß wir heim kommen – das Loch ist tief genug!«

Der alte Wasenmeister warf einen sachverständigen Blick in die Grube. »Nein«, widersprach er, »wenigstens noch zwei Fuß tiefer.«

Ich dachte an Eileen Carter – die Tochter des Mannes, der dort in der Kiste lag. Ich kannte sie nicht, wußte nichts von ihr, hatte sie nur in den schweren schwarzen Schleiern gesehn. Sicherlich hatte sie keine Kenntnis von dem, was hier vorging – noch nicht. Aber sie würde es erfahren, morgen am Tage.

Ihr Vater liebte sie nicht, haßte sie vielleicht; hatte sie nicht einmal erwähnt bei seinen letzten Anordnungen. Gleichgiltig war ihm, was aus ihr werden würde. Gewiß konnte auch sie keinerlei Gefühle für ihn haben.

Dennoch hatte sie für diesen Vater alles hingegeben, was sie besaß. Hatte ihr Mädchentum diesem gierigen, schmutzigen Rogers geschenkt – um das zu verhindern, was hier geschah.

Umsonst dazu – zwecklos und nutzlos! Ich fühlte, daß sich mir das Herz zusammenkrampfte, wie ich daran dachte; ich begriff die ohnmächtige Wut Ned Lippincotts, der sie liebte.

Ich wandte mich zum Gehn – da war nicht mehr viel zu sehn. Die Schinderknechte würden die Kiste in die Grube werfen und diese wieder zuscharren. Dann fiel mir ein, daß ich mit ihnen fahren könnte; das würde mich eine halbe Stunde früher zum Hotel bringen.

»Wollt ihr mich mitnehmen zur Stadt?« fragte ich den Alten.

Der Abdecker zögerte. »Sind schon genug auf dem Wagen«, sagte er, »und die Gäule sind abgetrieben. Haben den ganzen Tag gearbeitet. Viel zu tun jetzt: Maul- und Klauenseuche auf dem Lande. Muß alles abgeholt werden, muß alles eingescharrt werden. Aber wenn Ihr fünf Dollar zahlen wollt?«

»Dummes Zeug!« rief der Sheriff dazwischen. »Platz genug in deiner Kadaverkarre – bleibt ja so einer hier zurück, der vorhin mit herausfuhr! Und Geld willst du auch noch herauspressen – bist du ein Christ? Bekommt ihr nicht hoch genug bezahlt für euer schmutziges Geschäft?«

»Zehn Dollar gebe ich euch, Alter«, rief ich, »und zwei dazu für jeden der Leute! Einverstanden?«

Der Wasenmeister nickte.

»Dein Weizen blüht heute«, sagte der Sheriff. »Aber du wirst mir die Hälfte abgeben, Alter, so wahr ich Patrick heiße! Ich hab den Herrn hierhergebracht!«

Ich zog das Geld aus der Tasche, das der Sheriff an sich nahm und auf der Stelle verteilte.

»Nun zugefaßt, Kinder«, drängte er; »der Herr will nachhause und wir auch!«

Sie griffen die Kiste – aber sie warfen sie nicht in die Grube. Brachen vielmehr den Deckel auf, hoben die Leiche hinaus, legten sie auf die Landstraße nieder.

Unbekleidet war sie, nur in Lappen schmutziger Sackleinwand gewickelt.

»Was tut ihr?« rief ich.

Der Sheriff faßte sofort meinen Arm. »Herr,« mahnte er, »Sie haben versprochen, nicht zu stören. Hier geschieht nur, was das Gesetz verlangt.«

Ich nahm mich zusammen; jeder Versuch, einzuschreiten, wäre vollkommen zwecklos gewesen. Sie waren zu sieben – und der Sheriff hatte sicher seinen Sechstöter bei sich. Und sie waren im Rechte, waren von der Behörde bezahlt für das, was sie taten.

Sie schlugen den Deckel wieder zu, hoben die leere Kiste hinauf auf den Wagen. Dann griffen zwei die Leiche auf, an den Schultern faßte der eine und an den Kniekehlen der andre. Packten sie, warfen sie im Schwunge in das Loch, in dem das Wasser schon fußhoch stand.

Es klatschte und plantschte.

»Aus der Badewanne – in die Badewanne!« sagte der witzige Sheriff.

»Herrgott!« stöhnte ich. Unwillkürlich faltete ich die Hände.

Aber der Sheriff achtete auf jede kleinste meiner Bewegungen. »Ich bitte um Verzeihung, Herr«, sagte er; »Sie dürfen nicht beten! Ausdrückliche Anordnung: kein Gebet darf gesprochen werden! Dies darf kein christliches Begräbnis sein – wenn man es schon ein Begräbnis nennen will.«

»So macht doch zu, zum Henker!« rief ich. »Füllt die Grube auf, daß ihr endlich fertig werdet mit eurer widerlichen Arbeit!«

Aber sie waren noch nicht zu Ende. Einer der Knechte nahm einen Pfahl von dem Karren, dessen unteres Ende zugespitzt war. Armdick war die Stange, über zwei Meter lang, so ein Richtpfahl, wie man ihn beim Anpflanzen junger Bäume gebraucht. Was sollte das? Wollten sie einen Schandpfahl errichten am Kreuzweg?

Der Mann ging zu der Grube, stellte den Pfahl mitten hinein – etwa vier Fuß hoch ragte er nach oben heraus.

»Leuchte!« rief der Wasenmeister.

Da nahm ein andrer die Laterne, leuchtete in die Grube. Und ich sah in dem Lichtschein, daß er den Pfahl mitten auf die Leiche gestellt hatte.

Ich war außer mir. »Das werdet ihr nicht tun!« schrie ich. »Das nicht!« Ich sprang nach vorn, riß dem Manne die Stange aus der Hand, warf sie auf die Straße.

Im selben Augenblick faßte mich der Sheriff von hinten, riß mich zurück. Zwei andre der Leute packten zu, wie im Schraubstock stak ich in ihren Griffen.

»Ruhig Blut, Herr«, sagte der Sheriff. »Dachte ich mir's doch, daß es nicht gut abgehn würde. Gebt den Strick her, der um die Kiste war.«

Der alte Abdecker holte den Strick, während einer seiner Leute den Pfahl wieder aufnahm und wie zuvor aufgerichtet auf die Leiche stellte.

»Nun, lieber Herr, rühren Sie sich nicht«, warnte der Sheriff. »Sonst muß ich Sie binden lassen. Glauben Sie denn, daß mir die Geschichte angenehm ist? Aber ich muß hier Ordnung halten, sonst verliere ich morgen meine Stellung. Und ich darf sie nicht verlieren, Herr, eine Frau hab ich und fünf kleine Kinder.«

Ich ahnte gut, was nun geschehn sollte. Dennoch flüsterte ich die Frage: »Was wollt ihr tun?«

Der Sheriff, der mich noch immer von hinten mit seinen kräftigen Armen umspannt hielt, antwortete: »Durch das Herz des Selbstmörders. So ist das Gesetz in Rhode-Island. Begreifen Sie doch, lieber Herr: wir müssen dem Gesetz gehorchen!«

Sie warfen nun Erde in die Grube. Klatsch, klatsch, schlug der Schlamm in das schmutzige Wasser. Ich hatte das Empfinden, als ob mich jemand von oben auf den Kopf schlage, wieder und wieder und noch einmal. Ich wußte, daß niemand daran dachte, mich zu schlagen, daß es nur das Geräusch der Erdmassen war, die die Schaufeln in das Wasserloch warfen. Immer mehr, immer neue auf die Leiche Phil Carters. Dennoch dröhnte und klatschte es auf mein Hirn.

»Lassen Sie los!« stöhnte ich. »Ich mag das nicht mitansehn! Lassen Sie mich!«

»Wollen Sie ruhig fortgehn, wenn ich Sie führe?« fragte hinter mir der Sheriff. Ich fühlte seinen warmen Atem an meinem Ohr.

»Ja, ja!« rief ich. »Nur lassen Sie mich!«

Einer ließ los; die zwei andern hoben mich auf, trugen mich eine kurze Strecke. Willenlos ließ ich sie machen. Dann stellten sie mich nieder auf den Boden; einer lief zurück, während der Sheriff mich mit sich fortzog.

Als wir fünfzig Schritte entfernt waren, gab er mich frei. »Gehn Sie nun, Herr!« sagte er. »Gehn Sie langsam vor und warten Sie auf unsern Wagen. In wenigen Minuten werden wir Sie einholen. Und verzeihn Sie, bitte, wenn ich zu hart anfaßte – ich mußte es tun. Fünf liebe Kinder hab ich und hungrig sind sie alle, wie –«

In diesem Augenblick fiel ein heller Schlag – Holz auf Holz. Ein zweiter dann, ein dritter – immer mehr und ganz regelmäßig. Ah – mit dem Holzhammer trieben sie den Pfahl ein, hinten im Schlammloch – durch das Herz des Toten!

Ich schrie auf, rannte über die Landstraße der Stadt zu – es war, als ob diese Schläge hinter mir herliefen. Dann stolperte ich, fiel der Länge lang in den Schmutz, sprang wieder auf, rannte weiter. Lief, lief durch die Dunkelheit, kam ab vom Wege, suchte mich wieder zurecht. Stolperte gegen einen Baum, fiel ein zweites Mal –

Dann hörte ich das Knarren der Räder. Ich wandte mich – sah die Laterne, die hinten näherkam. Den Karren mit den Henkersknechten – den Abdeckern!

Eine wahnsinnige Angst ergriff mich; ich zitterte, die Zähne klappten aufeinander. Jetzt holen sie dich, dachte ich. Holen dich, schleppen dich zurück, werfen dich in die Wassergrube, hinein zu Phil Carter. Nehmen den Pfahl – nageln dich lebend auf die Leiche –

Ich warf mich zu Boden, kroch auf allen Vieren zum Straßenrande, duckte mich hinter einen Baum. Der Schinderkarren kam heran, ratterte vorbei – Gott sei gedankt, sie hatten mich nicht gesehn!

Mühsam stand ich auf, blieb stehn auf dem Fleck, minutenlang. Konnte mich nicht regen, kein Glied bewegen. Wie erstorben war mein Leib, nichts fühlte ich von der Kälte und Nässe.

Langsam erholte ich mich, schämte mich meiner sinnlosen Furcht, meiner schwachen Nerven. Ich schritt zu, langsam erst, dann schneller und schneller, tappte knöcheltief durch den Morast der Landstraße. Wie kindisch war meine Angst vor diesen Leuten! Abdecker – Schinder? Nun ja – war es nicht ein Beruf wie jeder andre? Ein schmutziges Gewerbe – aber eins, das durchaus nötig war für jede menschliche Gemeinschaft. Brave Leute waren sie, die schwer genug für ihr Geld arbeiteten. Hatten Frauen und Kinder, die sie liebten – wie der Sheriff. Freuten sich, wenn sie ein paar Dollar nebenher verdienten; würden sicherlich das Geld, das ich ihnen gab getreulich Muttern abliefern – nur ein paar Cent für einen Schnaps zurückbehalten.

Allmählich wurde ich ruhiger. Was ging mich das alles an im Grunde? Ich war nicht aus Woonsocket, nicht aus Rhode-Island: mochten die Narren in diesem Land ihre Schmutzsuppen selber kochen und auslöffeln, wie sie ihnen schmeckten!

Schließlich gab's nur zwei Menschen, die noch tragende Rollen spielten in dieser Tragödie – und der eine war tot. Blieb allein seine Tochter: Eileen Carter.

Ich versuchte mich hineinzuquälen in ihr Hirn, auszufinden, was sie dachte in dieser Nacht.

Aber ich gab es auf; zwang mich, nicht an sie zu denken. Von allen Zuschauern in diesem wahnsinnigen Narrentheater ging's mich am wenigsten an.

Ich kam in die Stadt, lief durch die leeren Gassen, fand mich endlich zurecht zum Hotel. Schellte und klopfte; eine halbe Stunde mußte ich warten, bis sich die Tür endlich auftat. Der verschlafene Nachtpförtner erkannte mich nicht, wollte mich abweisen in meinen völlig verdreckten Kleidern. Ich nahm ihn mit hinauf, ließ mir ein Bad bereiten.

* * *

Pünktlich wurde ich geweckt; ich hatte sehr fest und traumlos geschlafen. Ich schrieb schnell ein paar Zeilen an den alten Lippincott, den Vorsitzenden des Baumwolltrustes, daß ich dringend nach Neu-York gerufen sei, aber am nächsten Tage zurückkäme; ich würde ihn von Neu-York aus anrufen. Schon vor sieben Uhr saß ich im Zuge, froh genug, diesem Albdruck entflohn zu sein.

Ich traf Parker am Nachmittag in der Central-Trust; kaum war ich bei ihm, als Woonsocket anrief. Raleigh war am Telephon; ich erwartete Vorwürfe über meine plötzliche Abreise und hatte mir schon die schönsten Ausreden zurechtgelegt. Jedenfalls wollte ich damit anfangen, den Spieß umzudrehn und ihm Vorhaltungen zu machen, daß ich wirklich nicht Zeit hätte, in alle Ewigkeiten in Woonsocket herumzusitzen. Drei Tage hätte ich nun schon verloren und –

Aber Raleigh begann selbst mit Entschuldigungen. Es sei gut, daß ich weggefahren sei; es hätte heute doch nicht verhandelt werden können, da Rogers bestimmt nicht zur Sitzung erschienen wäre. Ob er morgen könne, sei zweifelhaft; er läge im Bett, und der Arzt hätte ihm streng das Aufstehn verboten. Nein, es sei gar nichts Gefährliches; eine natürliche Folge seiner Überanstrengungen in den letzten Tagen. Er habe sich eben zuviel zugemutet, seine Nerven in dem Kampf für Carter zu sehr überspannt. Die Niederlage vor der Grand-Jury habe ihn umgeworfen – aber der Arzt garantiere, daß er nach achtundvierzig Stunden völliger Bettruhe wieder ganz auf dem Posten sein würde.

Ich hörte Raleighs heiseres Lachen durchs Telephon. Gott, Rogers mit seinen fünfundsechzig Jahren sei auch nicht mehr der Jüngste! Die Freuden seiner Brautnacht, so mitten drin in all den Aufregungen, hätten wohl auch das ihrige beigetragen! Ganz recht geschähe ihm!

Jetzt nahm Parker das Hörrohr. Also heute nicht und morgen auch nicht? Was die Baumwollherrn in Woonsocket sich denn eigentlich einbildeten?! Als ob die Central-Trust nur zu ihrer Verfügung stehe und sonst nichts zu tun habe! Übermorgen – das sei ausgeschlossen, da habe er andre Sachen vor, die nicht weniger wichtig seien. Also am Samstag erst und nicht früher – auch das einzurichten, fiele ihm sehr schwer. Raleigh redete und redete – aber Parker blieb hart. Nicht vor Samstag; und wenn dann, mit oder ohne Rogers, die Sache nicht fertig würde, würde sich die Central-Trust zurückziehn.

So hatte Parker wieder drei Tage Zeit gewonnen, und diese mußten genügen, um der Schwierigkeiten, die übrigens diesmal in der Central-Trust selber lagen, Herr zu werden. Parker hatte jeden Tag bis spät in die Nacht hinein mit seinen Partnern Sitzungen, mit denen ich glücklicherweise nicht belästigt wurde. Er wollte diesmal selber fahren, bestand aber darauf, daß ich mitkäme, da ich ja inzwischen alle die Baumwolleute kennengelernt hatte. Als ich am Samstagmorgen zur Bank kam, ihn abzuholen, waren die Herrn immer noch nicht fertig; einigten sich erst nach Stunden, so daß wir mit knapper Mühe zum Nachmittagzuge zurechtkamen. So trafen wir erst in tiefer Nacht in Woonsocket an.

Raleigh und Snyders erwarteten uns auf dem Bahnhof und fuhren uns zum Hotel; das Wetter in Woonsocket war noch genau so trostlos wie zuvor: es goß in Strömen. Wir standen am Sonntagmorgen spät genug auf; kein Gedanke daran, vor die Tür zu gehn, wenn auch gewiß die Baumwollherrn vollzählig in ihren Kirchen waren. Nach dem Luncheon begann unsere Sitzung; Rogers war zugegen, wieder völlig auf der Höhe. Er führte den Vorsitz, kaute dazu und spie, immer neben den Spucknapf, den man ihm hingeschoben hatte. Aber er beherrschte die Materie bis in die letzte Einzelheit, führte fast allein das Wort für Woonsocket, verhandelte mit erstaunlicher Klugheit und Zähigkeit – ich begriff jetzt, warum die Fabrikanten nicht auf ihn verzichten wollten. Einen Punkt nach dem andern setzte er durch für den Baumwolltrust. Er war mir sichtlich überlegen; ich hatte alle Mühe, ihm nur einigermaßen entgegenzutreten. Übrigens war Parker sehr großzügig, gab wieder und immer wieder nach zur großen Freude der Baumwolleute. Die Bank verdiente ja sowieso genug an diesem Geschäft; außerdem hatte sich Parker zu sehr in den letzten Tagen mit seinen Partnern herumgeärgert, um seinen Ehrgeiz dareinzusetzen, für die Central-Trust noch alle möglichen Kleinigkeiten durchzudrücken. So kamen wir sehr schnell weiter; schon um sechs Uhr waren die Verträge fix und fertig.

Aber nun entstand eine neue Schwierigkeit: der alte Lippincott erklärte, daß man die Unterschriften erst morgen geben könne. Unterhandeln könne man ja schließlich auch am Sonntag, obgleich das schon schlimm genug sei – aber unterschreiben? Niemals! Die Verträge müßten das morgige Datum tragen und dürften morgen erst unterschrieben werden. Parker, der noch den Nachtzug nach Neu-York benutzen wollte, war außer sich; schimpfte und fluchte. Raleigh lachte, Rogers spie aus; aber nirgends fand Parker auch nur die kleinste Hilfe. Snyders rief, daß man lieber überhaupt keinen Vertrag wolle als einen, der an einem Sonntag gefertigt sei.

Da kam mir ein Gedanke. Ich nahm die Verträge an mich und erklärte, daß wir über Nacht bleiben würden. Ich führte Parker, der immer noch fluchte, auf sein Zimmer, drückte ihm die Füllfeder in die Hand.

»Unterschreiben Sie rasch«, rief ich; »ich werde morgen früh sagen, daß Sie mit dem Frühzug gefahren seien und erst am Montag gezeichnet hätten!«

Während er seine Handtasche packte, rief ich Ned Lippincott auf, bat ihn, sofort mit seinem Auto zur Post zu kommen, dort auf Parker zu warten und ihn zur Bahn zu bringen. Dann führte ich Parker aus der Hintertür zum Hotel hinaus. Er drückte mir die Hand; ich glaube, daß er zum erstenmal im Leben mit meinen Leistungen zufrieden war.

»Verdammtes Dreckloch!« rief er. »Ich bin froh, daß ich hier rauskomme.«

Ich ging in die Lobby zu den Herrn. Sie fragten nach Parker; ich erklärte, daß er immer noch wütend sei, auf seinem Zimmer speise und nicht mehr zum Vorschein kommen würde. Dann kam Rogers die Treppe hinab und verabschiedete sich; jeder einzelne drückte ihm dankbar die Hand. Es war klar, daß sein Ansehn in ihren Augen in keiner Weise gelitten hatte; die heutige Verhandlung hatte reichlich seine Niederlage vor der Grand-Jury wieder wettgemacht.

Kaum aber war Rogers aus dem Hause, als sich alle mir zuwandten: ich möge erzählen! Ich verstand zunächst nicht, was sie von mir wollten; aber sie ließen mich nicht lange im Zweifel. Jedermann in Woonsocket wußte heute, was mit Phil Carters Leiche geschehn war – jeder wußte auch, daß ich dabei gewesen war. Der Nachtpförtner hatte erzählt, in welchem Zustand ich ins Hotel gekommen war; der Sheriff hatte genauen Bericht erstattet und die Anwesenheit des fremden Zeugen natürlich nicht vergessen. Da war es nicht schwer, zusammenzureimen, wer das gewesen sei.

Es blieb mir nichts andres übrig: ich mußte berichten und alle ihre Fragen beantworten; ich tat es so knapp wie möglich. Dann hörte ich von ihnen, was inzwischen in Woonsocket geschehn war: Eileen Carter würde sich von Rogers scheiden lassen. Sie hatte noch in der Nacht nach der Grand-Jury-Sitzung Ned Lippincott zu ihm hingeschickt, der den Anwalt gezwungen hatte, einzuwilligen. Zunächst hatte der sich gewehrt; dann aber, als er sah, daß seine Frau, geschieden oder nicht, doch nie zu ihm kommen würde, hatte er sogleich alles getan, um diese Scheidung für beide Teile so bequem wie möglich zu machen. Man würde nicht die Gerichte in Rhode-Island anrufen: das würde zu lange dauern und zuviel Staub aufwirbeln. Man würde sich in Reno scheiden lassen; nirgends könne man leichter auseinanderkommen als dort im Staate Nevada.

* * *

Am nächsten Tage war alles in bester Ordnung. Ich weiß nicht, ob die Herrn von Parkers Abreise mit dem Nachtzug wußten – höchstwahrscheinlich, denn in diesem Woonsocket wußte jedermann am andern Tage, was jeder tags zuvor getan hatte. Aber jedenfalls taten sie so, als ob sie mir meine Geschichte glaubten, daß er erst am Morgen unterzeichnet und dann mit dem ersten Zug gefahren sei, bedauerten sehr, ihn nicht zum Luncheon dazuhaben. Alle unterschrieben und ich auch, die Anleihe war endlich unter Dach und Fach. Auch das Geld war aus Neu-York bereits angewiesen; Dawson von der Woonsocket-Bank konnte schon am Nachmittag für die Central-Trust die ersten Auszahlungen machen. So hätte ich am Abend wieder zurückfahren können, wenn nicht plötzlich Ned Lippincott im Hotel erschienen wäre.

Ich hatte ihn diesmal überhaupt nicht gesehn, nur am Telephon gesprochen, als ich ihn bat, Parker heimlich zur Bahn zu bringen. Und ich muß sagen, daß ich ganz erschrocken über sein Aussehn war. Dieser junge, hübsche Bursch, der immer lachte, immer guter Dinge war und zu jedem Streich jederzeit aufgelegt, schien um Jahre gealtert.

»Was gibt's denn, Ned,« fragte ich, »und wie geht's?«

»Ich denke, daß ich darauf antworten müßte: glänzend!«, erwiderte er. »Jedenfalls hat mir das Schicksal das Schönste geschenkt, das ich vom Leben erwarten kann!«

Das klang verblüffend genug; dazu aber ließ er einen Seufzer los, der schon mehr ein tiefes Stöhnen war.

»Na, verzeih, Ned,« rief ich, »so siehst du nicht grade aus!«

»Und doch ist's wahr!« sagte er. »Seit ich dich nicht sah – nun also diese Tage –«

Er begann einen Satz nach dem andern, unterbrach ihn sofort. »Im Himmel war ich«, flüsterte er.

»Auch vielleicht – in der Hölle?« lachte ich.

»Vielleicht – vielleicht!« nickte er. »Ich werde dir alles später erzählen. Jetzt nur das Wichtigste – da ich gleich wieder zurück muß. Also: meine Braut will dich sprechen.«

»Deine Braut?« rief ich. »Meine herzlichsten Glückwünsche!«

»Danke, danke!« wehrte er ab. »Aber ganz so weit ist's wohl noch nicht. Und ich fürchte –«

Wieder unterbrach er sich. »Also willst du sie sprechen?«

»Wer ist es denn?« fragte ich.

»Eileen Carter – jetzt noch Mrs. Barett S. Rogers«, sagte er leise.

Manche Fragen brannten mir auf der Zunge – ich schluckte sie hinunter. Ned hatte ersichtlich genug Sorgen; ich wollte ihn nicht unnötig quälen.

»Was will sie von mir«, fragte ich.

»Sie wird es dir selber sagen«, antwortete er. »Wenn es dir recht ist, komme ich nach dem Abendessen, dich abzuholen.«

Er wartete meine Antwort nicht ab, lief aus dem Zimmer. Kam zurück um neun Uhr; fragte mich, ob ich bereit sei. Ich nickte und folgte ihm zu seinem Auto.

»Fahren wir zu dir?« fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, zu Carters Haus.«

Kein Wort sprachen wir weiter.

Draußen im Villenvorort, wo die Fabrikanten hausten. Eine Villa im Garten, wie all die andern, hier und in allen Städten des Landes. Ned führte mich ins Haus – behaglicher Wohlstand, nichts allzu Geschmackloses.

Wir legten ab; Ned führte mich in ein Zimmer. Dann entschuldigte er sich: »Einen Augenblick nur, sie wird gleich kommen.«

Kaum eine Minute wartete ich, dann ging die Tür: Eileen Carter stand vor mir.

Schwarz natürlich, mit langen Ärmeln und hochgeschlossenem Kleid, eine lange Kette billiger schwarzer Jettperlen hing von ihrem Halse. Bleich war sie; dennoch war Farbe in ihrem Gesicht. Rotblond war ihr volles Haar, blau, veilchenblau ihre Augen. Nein, man konnte das nicht mehr blau nennen; tief violett waren sie, strahlend leuchtende Amethysten. Nie sah ich so große Augen – nie so lange, dunkle, tiefschattende Wimpern.

Sie trat auf mich zu, blieb dicht vor mir stehn.

»Ned sprach mir von Ihnen«, begann sie. »Sie waren dabei?!«

Ich nickte – wollte sie, daß ich ihr meine Erlebnisse berichten sollte?

Sie verstand meinen Gedanken, schüttelte den Kopf.

»Nein, Sie brauchen nicht zu erzählen. Jetzt nicht – vielleicht später einmal. Der Sheriff hat mir genauen Bericht erstattet – er und einer der –«

Sie stockte, aber nur eine Sekunde lang. Ihre Stimme zitterte nicht, als sie fortfuhr: »– einer der – Schinderknechte!«

Sie stützte sich leicht auf den Tisch, atmete schnell. Ich sah ihre Brüste unter der schwarzen Seide.

Dann begann sie wieder: »Ned sagte, daß Sie es tun könnten.«

»Was soll ich tun?« fragte ich. Aber ich wußte im selben Augenblick, daß es nichts gab, was ich nicht tun würde für diese Frau.

»Das – was er nicht tun will,« sagte sie. »Nicht tun – kann. Ned wird Ihnen das erzählen. Wollen Sie es für mich tun?«

Ich starrte sie an – nicht weil ich mich besann, wie ich mich entschließen sollte. Ich vergaß fast, was sie fragte, vergaß, wo ich war, trank nur den blauen Trank dieser Augen.

Stumm verbeugte ich mich.

Sie hielt meinen Blick – bewegte die Lippen.

Dann, plötzlich, zuckte es um ihren Mund. Schnell, von oben herunter: ein Nerv nur versagte den Dienst für ein kleine Sekunde. Aber sofort gewann sie wieder ihre Fassung.

»Ich zahle Ihnen meinen Preis, Herr!« sagte sie.

Sie schien eine Antwort zu erwarten. Was sollte ich sagen? Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wollte; begriff nur, daß es etwas sehr Besondres war. Sonst hätte es ja Ned tun können – ihr Jugendfreund und Verlobter, der sie anbetete. Und welchen Preis wollte sie mir zahlen? Mir fiel ein, daß sie nichts mehr besaß, daß dieses Haus, in dem sie mich empfing, die Möbel in diesem Zimmer, alles nun Fremden gehörte. Oder sollte Ned mich vielleicht bezahlen? Lächerlich war es.

Sie sah mich an, und meine Gedanken schliefen ein. Ich fühlte nur: diese Augen wünschen deinen Dienst, und du wirst tun, was sie verlangen.

Ein dummes, stotterndes »Ja–a!« kam von meinen Lippen. Wieder verbeugte ich mich.

Noch einmal ihr Blick, dann ging sie zur Tür. Wie im Traume hörte ich die Worte: »Ned wird gleich kommen.«

Das alles hatte kaum drei Minuten gedauert. Sie hatte mich nicht begrüßt, beim Kommen nicht und nicht beim Gehn; nicht einmal ›Danke‹ hatte sie gesagt. Ich dachte: das wird eine verdammt ernste Geschichte.

Dann kam Ned. »Du wirst es tun?« fragte er.

Ich nickte. »Wenn ich nur wüßte, was!« sagte ich.

Er nahm meinen Arm. »Wenn es dir recht ist, wollen wir zurück ins Hotel in dein Zimmer. Dort will ich dir alles erklären.«

* * *

Einen Highball nach dem andern goß Ned herunter, ehe er begann. Ich drängte ihn nicht, ließ ihn ruhig machen, bis er sprechen würde.

»Es ist eine scheußliche Zumutung an dich«, sagte er endlich. »Aber wer sonst würde es tun?«

»Was denn nur?« fragte ich. »Und warum tust du's nicht selbst?«

»Ich würde es tun«, rief er; »beim Himmel, ich würde es tun! Wenn es nur irgendwo anders wäre, als grade hier in Woonsocket! Es kann nicht verborgen bleiben – jeder würde wissen, daß ich es war. Mein Vater würde mir's nie vergeben – er ist genau so hart, so borniert streng, wie es der alte Carter war. Er würde mich rauswerfen – Eileen hat nichts, ich hätte nichts – was soll werden?«

»So kommen wir nie weiter, Ned«, sagte ich. »Willst du mir nicht erst erklären, was eigentlich geschehn soll?«

»Verzeih,« antwortete er, »ich glaubte, daß du es längst erraten hättest. Nichts spukt ihr im Kopf als die Geschichte mit ihrem Vater. Noch immer liegt er am Kreuzweg – zwei Posten stehn Tag und Nacht da herum, ihn zu bewachen. Man hat eben ein Beispiel gegeben in Rhode-Island, eine Warnung für alle künftigen Selbstmörder im Staate! Eileen war draußen, ich begleitete sie natürlich – nicht auf zehn Schritt haben sie uns herangelassen.«

Er leerte sein Whiskyglas, warf seine Zigarette in den Kamin.

»Hör zu!« begann er wieder. »Ich will dir erzählen, wie alles gekommen ist. Ich fuhr sie nachhause an dem Abend, als sie, unten im Lesezimmer, sich von Rogers lossagte. Sie schickte mich zu ihm noch in der Nacht – du weißt wohl schon, daß er in die Scheidung einwilligte. Als ich ihr am andern Morgen diese Nachricht brachte, wußte sie bereits, wie ganz Woonsocket, was in derselben Nacht mit ihrem Vater geschehn war. Ich mußte ihr den Sheriff bringen und Mike O'Shea, den ersten Gehilfen des Abdeckers – sie verhörte die beiden, ließ sich alle Einzelheiten berichten, wenn ich auch glaube, daß sie manches verschluckten und alles so sanft wie möglich darstellten. Ich kann's ihnen nicht übelnehmen, hätt's selbst nicht anders gemacht. Der irländische Sheriff versuchte sie gar zu trösten, meinte, daß ihr Vater es gewiß nicht gefühlt hätte – ihm selbst sei es jedenfalls ganz gleichgiltig, ob ihm jemand einen Pfahl durch den Leib stoße, wenn er doch schon tot sei. Und vielleicht sei es ganz gut so: besser, daß der alte Carter seine Sünde rasch und schmerzlos noch hier auf Erden abgebüßt habe, als daß er Tausende von Jahren im Fegefeuer oder gar in der Hölle dafür braten müsse. Auch würden er und seine Frau und seine Kinder für das Seelenheil des Verstorbenen beten; wenn auch bei der Einscharrung – bei dem Begräbnis, meine er – ein christliches Gebet verboten gewesen sei, so könne man doch zuhause nach Herzenslust für ihn beten. – Übrigens muß ich sagen,« fuhr Ned fort, »daß diese Schilderung mir mehr auf die Nerven ging als Eileen; äußerlich wenigstens blieb sie ganz ruhig.«

»Und dann verlobtest du dich mit ihr?« fragte ich.

Er zog die Schultern hoch. »Wenn man's so nennen will – ja!« erwiderte er. »Wir beide sind nicht so puritanisch wie unsere Väter – ich nicht und Eileen schon gar nicht. Wir lachen über diese alten moralischen Vorurteile. Sie war los von Rogers; wenn die Scheidung auch noch nicht ausgesprochen ist, so fühlte sich Eileen doch völlig frei, zu tun, was sie wolle. Sie hatte Rogers ja nur genommen, weil sie glaubte, dadurch ihres Vaters letzte Ehren zu retten. Und dieser Gedanke wuchs, denke ich, nicht einmal in ihrem Hirn. Eileen hat mir das nicht so gradezu gesagt; aber ich bin überzeugt, daß es so ist. Er überredete sie, überzeugte sie, daß kein andrer ihr helfen könne – da willigte sie ein, seine Frau zu werden, nachdem er ihr einen Eid geleistet hatte. Nur um sicher zu sein!«

»Hast du auch geschworen, Ned?« warf ich dazwischen.

»Nein,« antwortete er, »das hab ich nicht getan. Sie brachte die Bibel – aber es war mir, als ob mir die Finger brannten, als ich sie drauflegte. Rogers hat geschworen, und er konnte seinen Eid nicht halten – nicht, weil er nicht wollte, sondern weil die Esel der Grand-Jury ihm nicht folgten. Wenn mir's nun ähnlich gehn würde, wenn ich auch meinen Eid nicht halten könnte? Denn schließlich, bei aller Vorurteilslosigkeit, bin ich doch kein so ausgemachter, gehängter Schurke wie Rogers.«

»Das bist du gewiß nicht«, bestätigte ich. »Du hast dich also glatt geweigert, zu schwören?«

»Das gerade nicht«, sagte er stockend. »Ich sagte ihr, daß ein Eid auf die Bibel ganz unangebracht sei. Zu altmodisch und zu feierlich für heute. Ich bot ihr dafür mein Ehrenwort als Gentleman.«

Ich lachte auf. » Das ist allerdings etwas ganz andres! Das konntest du natürlich ruhig tun!«

Aber Ned Lippincott begriff gar nicht, was Ironie war, und wird das nie im Leben begreifen.

»Ich bin froh, daß du das auch meinst«, sagte er. »Es schien mir schon, als ob ich mich da ein wenig herumgedrückt hätte. Ein Eid schließlich. – Und dann weiß ich nicht einmal, ob ich halten kann, was ich versprach. Das heißt, ich weiß das wohl – alles wird in beste Ordnung kommen, nachdem du zugesagt hast. Es wird geschehn, was Eileen will – so ist mein Gewissen beruhigt. Nur: ich fürchte, daß sie es nicht so auffaßt. Sie meint, ich hätte es tun müssen –«

»Gut, Ned«, unterbrach ich ihn, »aber nun meine ich, daß es endlich an der Zeit ist, mir zu sagen, was du hättest tun sollen – und was ich nun tun soll!«

»Das ist doch ganz klar«, rief er; »verstehst du denn nicht? Ihres Vaters Leiche dort wegzuholen, wo sie jetzt liegt, und ihm ein ehrliches, christliches Begräbnis zu geben.«

Ich atmete auf; ich hatte, ich weiß nicht, warum, etwas ganz Wildes, Phantastisches erwartet. Dies aber erschien mir, im ersten Augenblick wenigstens, nichts so gar Schwieriges und Absonderliches zu sein.

»Also gut«, sagte ich; »das versprachst du ihr. Und zum Dank dafür verlobte sie sich mit dir?«

Ned wiegte den Kopf hin und her. »Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll«, sagte er. »Es ist eigentlich keine richtige Verlobung. Natürlich sagte ich ihr, daß ich sie heiraten möchte, und ich will es auch, sowie sie geschieden ist. Gott, auch mein Vater ist damit einverstanden – trotz der Rogersgeschichte! Nur: Eileen hat kein Wort davon gesprochen – ist mir immer ausgewichen, meinte, daß das noch genug Zeit habe, und daß sich das schon noch finden würde. Da ich alles für Eileen erledige, da ich immer bei ihr im Hause bin, so muß ich doch sagen, daß wir verlobt seien. Schon der Leute wegen!«

»Ich verstehe – der Leute wegen!« nickte ich. »Und nun liegt die Sache so, daß du fürchtest, daß sie ihr Versprechen, dich zu nehmen, nicht halten wird, falls letzten Endes nicht du, sondern ich die Sache ausführe!? Sie ist böse hereingefallen mit Rogers und will bei dir wenigstens sicher gehn! Ist es so?«

»Nein, nein, nein«, jammerte er; »ganz und gar nicht! Du kennst sie nicht, Eileen Carter! Sie ist darin wie ihr Vater: was sie einmal zugesagt hat, das hält sie, sie zahlt ihre Schulden, wie er es tat. Außerdem –«

»Nun, was – außerdem?« drängte ich.

»Ich will dir die Wahrheit sagen«, sprach er, »die volle Wahrheit: wenn man das, was mir Eileen zusagte, eine Schuld nennen will, so – hat sie die schon bezahlt. Herrgott, ich bin jung – und ich habe Eileen seit sechs Jahren geliebt, seit ich achtzehn war und sie zwölf! Die Scheidung – selbst in Nevada – wird manche Monate dauern, und dann kann man auch noch nicht gleich heiraten. Muß wieder Monate warten: über ein Jahr hätt's gedauert. Und ich liebte sie, liebe sie. Konnte es nicht erwarten, sie in meine Arme zu schließen! Ihre Eltern waren tot, alle beide. Auf wen sollten wir Rücksicht nehmen? Auf Rogers vielleicht, diesen widerlichen Hund, den wir beide hassen? Und endlich – sie war ja keine – war eine verheiratete Frau –«

»Das alles sagtest du ihr, Ned?« fragte ich.

»Nein,« zögerte er, »das letzte nicht – das war nur ein Gedanke von mir, der mir dabei kam. Aber sonst alles.«

Etwas ballte sich in meiner Kehle, das ich mühsam herunterschluckte. »Also, Ned,« begann ich, »du schwatztest und drängtest und gabst ihr keine Ruhe, bis sie einwilligte?«

Er ließ den Kopf hängen, sagte stammelnd: »Ja, so war es wohl. Ich will sie heiraten; ich liebe sie ja, mehr als ich je getan.«

»Sag einmal, Ned,« fragte ich, »liebt sie dich auch?«

Er sprang auf, lief im Zimmer herum. »Gesagt – gradezu gesagt hat sie das wohl nicht! Aber sie muß doch – sonst hätte sie nicht getan, was sie tat, hätte nicht eingewilligt –«

»Unsinn!« fuhr ich ihn an. »Bei Rogers hat sie auch – eingewilligt! Und den hat sie ganz gewiß nicht geliebt.«

Ned starrte mich an, mit weit aufgerissenen, wasserblauen Augen, hilflos und schuldbewußt. Er hatte ein dumpfes Gefühl, daß er etwas getan, das wenig fair war, daß er eine Lage ausgenutzt hatte, die er seinen eignen Anschauungen nach nie hätte ausnutzen dürfen, aber er war sich darüber keineswegs klar, begriff nicht, was er eigentlich verbrochen haben sollte – fühlte sich schuldig und doch völlig schuldlos zu gleicher Zeit. Er liebte sie, wünschte nichts sehnlicher, als sie baldmöglichst zu seiner Frau zu machen.

»Hilf mir doch!« stammelte er.

Ich mochte Ned wirklich gut leiden, hatte ihm dutzendmal aus Schwierigkeiten geholfen und es immer gern getan. Auch jetzt tat er mir leid; dennoch fühlte ich den Wunsch, ihn zu kränken, zu demütigen. Damals verstand ich das nicht – heute weiß ich recht gut, daß es nichts andres war als unbewußte Eifersucht.

»Du bist ein Schwein, Ned«, fuhr ich ihn hart an »genau solch ein Schwein, wie Barett Rogers ist! Sie will ihren unglücklichen Vater ehrlich begraben – und er stellt die Bedingung, daß sie ihn heirate, und das auf der Stelle! Du fluchst über Rogers und machst es doch genau so, verlangst deine Hochzeitsnacht zuvor und weißt dabei sowenig wie er, ob du überhaupt dein Versprechen auslösen kannst! – Habe ich etwas von ihr verlangt?« Im Augenblick kam ich mir ganz großartig vor und hoch erhaben über Ned Lippincott.

»Du liebst sie ja nicht!« wandte er ein.

»Nein, nein, gewiß nicht!« sagte ich schnell. Aber ich dachte, warum denn sonst versprach ich ihr meine selbstlose Hilfe? Nur so als Gentleman, als hochherziger Ritter der bedrängten Dame? Ich mußte mir sagen, daß es gar nicht so war, daß nur der Glanz ihrer Amethystaugen dies ›Ja‹ mir entlockt hatte.

»Höre, Ned,« begann ich wieder, »ich bin überzeugt, daß es besser für dich ist, wenn du es tust und nicht ich. Sie verlangte es von dir; ist auf mich nur gekommen, weil du ebenso wie Rogers versagtest. Tust du es – wird sie dich gewiß heiraten; all deine Wünsche werden erfüllt werden. Tust du's nicht, läßt du mich handeln, wie du vorschlägst, so –«

»Das ist's grade,« unterbrach er mich; »ich hab dich gar nicht vorgeschlagen. Als sie sah, daß ich doch Bedenken trug, kam sie von selber auf dich. Sie fragte mich nach dir, als du uns aus dem Hotel brachtest – da erzählte ich von dir. Dann hörte sie durch den Sheriff, daß du in der Nacht dabei warst, als man ihren Vater draußen einscharrte – da kam ihr der Gedanke.«

»Um so schlimmer für dich!« antwortete ich. »Dann wird sie niemals meine Arbeit für deine nehmen. Wird dich verabschieden, wie Rogers. Darum ist's besser, wenn du es tust! Herrgott, Ned, dein Alter wird schließlich Vernunft annehmen.«

Die hellen Tränen brachen ihm aus den Augen. »Das wird er nicht tun – du kennst ihn nicht! Wenn er's auch täte – ich kann's nicht.«

»Aber, Junge,« rief ich, »hast du mir nicht eben selber gesagt, daß du nur deines Vaters wegen Bedenken trügest? Daß du sonst unter allen Umständen selbst –«

»Ja, ja, das hab ich gesagt«, winselte er. »Und ich red mir auch ein, immer wieder, daß es wahr wäre. Aber es ist nicht wahr. Ich hab mir vorgestellt, wie ich hinausfahren würde in der Nacht, wie ich den alten Carter ausgraben würde, wie – in allen Einzelheiten hab ich mir's klargemacht. Ich fühle, daß es nicht gehn würde, daß ich versagen würde, weglaufen im letzten Augenblick. Du weißt, daß ich nicht feige bin, du warst dabei, als –«

Er warf sich aufs Sofa, weinte bitterlich. »Ich fühle, daß ich's nicht kann!« stöhnte er.

Ich ergriff seine Hand. »Also gut, Ned, ich werde es tun. Für dich! Sag ihr, daß ich's für dich tue!«

»Für mich«, wiederholte er leise, »für mich! Ich werd's ihr sagen. Wenn sie's nur glaubt!«

* * *

Der nächste Tag verging mit Vorbereitungen, die Ned traf. Ich saß im Hotel, ging nicht vor die Tür bei dem jämmerlichen Regenwetter. Alle paar Stunden kam er an und berichtete. Er war fieberhaft tätig; ich muß anerkennen, daß er sich beste Mühe gab, mir die Arbeit zu erleichtern. Abends war er fertig, sprach noch einmal alles mit mir durch.

Die Nachtwachen zogen am Kreuzweg gegen zehn Uhr auf, lösten dann die frühern Wächter ab und mußten bis zum Morgen bleiben. Ned hatte nun den Gedanken, diese Leute so trunken zu machen, daß sie nicht zur Ablösung kommen konnten. Die andern Wachen, die schon viele Stunden in dem Schmutz und Regen da herumstanden, würden eine Stunde, zwei Stunden vielleicht warten, dann würden sie die Geduld verlieren und nachhause gehn. Ned hatte ein Auto für mich bereit, nicht sein eignes, sondern einen alten Klapperkasten der Fabrik. Drei völlig zuverlässige Leute hatte er ausgewählt; die sollten mit mir kommen, die Leiche ausgraben, in eine Kiste packen und auf das Auto laden. Wir sollten dann nach Warwick fahren, dort den Frühzug abwarten, mit dem er und Eileen von Woonsocket kommen würden. Die inzwischen sorgfältig verpackte Kiste sollte aufgegeben werden; Ned würde den Zug verlassen, ich sollte mit Eileen nach Neu-York fahren. Dort hatte er sich bereits mit einem Pfarrer in Verbindung gesetzt, der uns helfen würde – noch an demselben Tage würde Phil Carter endlich christlich bestattet in geweihter Erde seine Ruhe finden.

Das klang alles sehr leicht und einfach; es tat mir fast leid, daß ich nicht mehr für Eileen Carter tun sollte. Aber – es ging alles schief.

Ich fand das Auto an der bestimmten Stelle, nicht weit von Carters Villa. Es war ein sehr großer Wagen, aber offen, nur von einem durchlöcherten Leinenplan gedeckt. Die lange Kiste stand darunter, dabei lagen, fest zusammengebunden, Spaten, Schaufeln und Hacken. Doch waren nur zwei Leute da, der dritte fehlte.

Ich fragte nach ihm – erhielt die Antwort, daß Dick nicht kommen würde. Er hatte fest zugesagt, dann doch Gewissensbisse bekommen. Bei jeder Versammlung in Billy Sundays Tabernakel war er dabei gewesen, hatte die Weisheit des Propheten in vollen Zügen eingesogen, war schließlich selbst niedergekniet auf der Sünderbank.

»Jesus!« rief ich. »Warum hat Ned Lippincott denn grade ihn ausgesucht?«

Der Bursche, der am Steuer saß, antwortete: »Dick ist vom alten Carter aufgezogen worden; er ist Vorarbeiter in seiner Fabrik. Sein Vater starb früh, ließ die Frau und sieben Kinder zurück. Phil Carter hat für alle gesorgt, viele Jahre lang, bis sie selbst ihr Brot verdienen konnten. Wir waren zusammen in der Sonntagsschule, wo uns der Alte Gesangbuchverse abhörte – Ned Lippincott, Dick und wir beiden. Haben manchen Streich zusammen ausgefressen. Dick würde allerhand für Ned tun, wie für den alten Carter – auch das Geld gern verdienen, das uns Lippincott versprach. Aber, verdammt noch mal, die Sünde will er nicht auf sich laden – er meint, daß er sicher dafür in die Hölle käme!«

»Na, und ihr zwei?« fragte ich. »Kann ich mich auf euch verlassen? Oder habt ihr auch Angst vor Höllenstrafen?«

»Ich hab keine Angst«, antwortete der Bursch. Aber es kam langsam und zögernd heraus. »Ned Lippincott hat mir das Leben gerettet, hat mich aus dem Fluß gezogen, als ich schon dreiviertel versoffen war. Und er hat mir immer geholfen dies letzte Jahr, als wir keine Arbeit hatten. Ich muß ihm auch helfen.«

»Gern tust du's nicht, Jimmie, sag's doch!« rief der andre. »Warst auch bei Bill Sunday oft genug.«

»Wer tät's gern?« sagte Jimmie. »Wenns nicht für Lippincott wäre, ließ ich gewiß die Finger davon!«

Es schien mir gut, den Eifer der beiden ein wenig anzustacheln. »Ich weiß nicht, wieviel Ned Lippincott euch versprochen hat; aber ich geb euch dasselbe noch dazu, wenn ihr brav schafft! Einverstanden, Jimmie? Und du auch – wie heißt du denn?«

»Burton heiß ich«, sagte der Bursch. »Ich bin nicht aus Woonsocket – meine Mutter kam aus Philadelphia, als ich schon zehn Jahre alt war. Sie ist Köchin in Carters Haus, heute noch. Als wir Jungen waren, Lippincott und ich, prügelten wir uns. Ich haute ihn, und er haute mich. Aber er teilte mit mir seine Sonntagsgroschen, und ich tat für ihn, was er wollte, nahm manches auf mich, das er ausgefressen hatte. Für's Geld tu ich's – auch heute – und alles andre soll der Teufel holen!«

Den wenigstens konnte ich gebrauchen.

Wir fuhren los, im Bogen herum um Woonsocket. Scheußlich war das Wetter, die Straßen so aufgeweicht, daß wir ein übers andre Mal im Morast steckenblieben. Es klatschte und triefte durch den schlechten Überzug; wir wurden naß, noch ehe wir ankamen. Wir hielten ein paar Kilometer vor dem Kreuzweg, auf der Richtung nach Warwick zu. Ganz fern konnten wir eine Laterne sehn; dort standen die Posten.

Wir warteten, endlos lange. Schließlich kam Ned mit seinem Auto. Er berichtete, daß die zwei Männer, die zur Ablösung kommen sollten, immer noch mit seinen Leuten in der Kneipe säßen und wohl da kleben bleiben würden, daß aber die Wachen ihren Posten noch nicht verlassen hätten, obwohl sie nun schon seit über einer Stunde vergeblich warteten. Er fuhr wieder ab, versprach zurückzukommen, sowie die Luft rein sei.

Es dauerte noch eine Stunde, bis er wiederkam. »Verdammt!« fluchte er; »verdammt!«

»Was ist nun los?« fragte ich.

Es stellte sich heraus, daß die Leute der Ablösung trotz ihres Mordsrausches sich auf den Weg gemacht hatten, glücklich angekommen waren und ihren Posten am Kreuzweg eingenommen hatten. »Wir müssen es auf morgen verschieben«, sagte Ned. »Dann sind andre Leute da – da wird's vielleicht besser gehn.«

»Hol's der Henker«, rief ich, »nichts werden wir verschieben! Fahr zu, Ned; ich habe jetzt lang genug gewartet. Wir treffen uns am Zug in Warwick!«

Er versuchte Einwendungen; ich ließ mich auf nichts ein, schickte ihn fort.

Ich suchte in der Westentasche nach Zigaretten – da griffen meine Finger eine Messingmarke. Im Augenblick wußte ich, wie ich's anstellen würde.

Ich war auch Sheriff, so gut wie jeder andre im Lande! Das war damals so Sitte in allen großen Städten und in Neu-York besonders; jeder vierte Mann, der irgendwas mit Wallstreet zu tun hatte, war Sheriff. Das kostete wenig – ein paar Runden Whisky gelegentlich. Und es brachte manche Vorteile: man durfte stets eine Waffe bei sich tragen. Man war im Besitz einer Polizeipfeife, hatte damit jederzeit einen Schutzmann zur Hand, wenn man ihn brauchte. War natürlich dick Freund mit allen Polizisten – wenn man zu schnell fuhr mit dem Auto oder sonst eine Dummheit machte, so genügten die Messingmarke und ein Dollar – alles war in Ordnung. Dazu brauchte man als Sheriff weder Schöffe noch Geschworener zu werden, konnte jedes unbequeme Ehrenamt ablehnen. Der Polizeipräsident hatte natürlich auch seine Vorteile von diesen freiwilligen Beamten: bei Unruhen hatte er sofort einige Tausend kräftiger, junger Leute zusammen, die schon ihren Mann standen.

Ich prüfte meine Sheriffmarke: sie war vom Staate Neu-York, aber sie sah der von Rhode-Island ähnlich genug in der Dunkelheit.

Ich stieg aus, befahl den beiden Burschen, mir in einiger Entfernung zu folgen. Ich ging grade auf die Wachen zu, die mir entgegenwankten; man sah ihnen an, daß sie eine tüchtige Schlagseite hatten.

»Sheriff!« rief ich ihnen zu. »Ihr sollt sogleich machen, daß ihr nachhause kommt. Betrunken seid ihr, habt die halbe Nacht durchgesoffen!«

Einer kam näher, augenscheinlich, um zu sehn, welcher Sheriff es sei. Ich hatte den Kragen hochgeschlagen, die Mütze tief in die Stirn gezogen.

»Sind Sie's, Williams?« rülpste er.

»Was, kennst du mich nicht?« brüllte ich. »Du besoffenes Schwein! Willst du vielleicht meine Marke sehn?«

Ich hielt ihm die Messingmarke grad unter die Nase.

»Schon gut, Herr,« sagte er, »schon gut! – Werden Sie uns melden, Herr?«

»Wenn ihr euch sofort trollt, will ich nichts melden!« rief ich. »Aber nur unter der Bedingung, daß ihr euch gleich heim schert und keine Kneipe mehr aufsucht.«

»Danke, Herr!« sagte der Kerl. Sie faßten sich unter den Arm, froh genug, so davongekommen zu sein; schaukelten die Landstraße hinunter auf Woonsocket zu.

Ich wandte mich um. »So, und nun bringt das Auto her!«

Aber ich sah nur einen meiner Leute. »Wo ist Jimmie?« fragte ich.

Burton lachte auf. »Ausgerückt! Hat sich gleich gedrückt, als Sie ausstiegen, Herr! Querfeldein – und wie er rannte!«

Da war nichts zu machen, wir konnten ihm nicht nachlaufen. So fuhr ich denn das Auto selbst heran, lud mit Burtons Hilfe die Kiste aus. Dann nahmen wir Schaufeln und Spaten.

Die Stelle war nicht zu verfehlen, die Stange stak hoch heraus. Außerdem hatten die Wächter Ziegelsteine in den Schlamm getreten, die sie vom Wegrand aufgelesen hatten.

»Also ran, Burton!« rief ich. »Je eher wir fertig sind, um so besser.«

Wir griffen jeder einen Spaten, schaufelten los. Aber es zeigte sich, daß die Steine dort fester getreten waren, als wir vermuteten; vielleicht lagen auch ein paar Lagen übereinander.

»Nimm die Hacke!« befahl ich. »Wir müssen erst die Steine wegheben.«

Mein Mantel hinderte mich, ich zog ihn aus und warf ihn in den Wagen. Burton schwang schon die Hacke, löste einen Stein nach dem andern ab. Da wir nur eine Hacke hatten, machte ich mich, um nicht müßig zu stehn, an die Kiste, löste die Stricke, hob den Deckel ab.

»Gottsverdammt!« schrie Burton plötzlich.

Ich wandte mich nach ihm um, sah, wie er kopfüber hinstürzte. Ich sprang gleich hin, ihm zu helfen.

»Was ist los, Mann?« fragte ich.

»Gottsverdammt, gottsverdammt!« fluchte er. Kein andres Wort war aus ihm herauszubringen.

Ich nahm die Laterne und leuchtete, sah gleich, was geschehn war. Er war ausgeglitten auf den glitschigen Steinen, grade als er die Hacke niederschlug. Hatte im Fallen sich das spitze Eisen ins Schienbein geschlagen.

Das Hosenbein war in Fetzen, ich riß es herunter – abscheulich sah die Wunde aus. Ich hob ihn hoch, schleppte ihn an den Schultern zum Auto, setzte ihn dort auf das Trittbrett. Kniete nieder, die Wunde zu untersuchen. Sie blutete wenig, aber ganz augenscheinlich war der Knochen angeschlagen. Ich zog die große Whiskyflasche unter dem Sitz hervor, die ich für die Leute mitgebracht hatte, entkorkte sie, wusch mit dem Taschentuch die arg verdreckte Wunde.

Burton stöhnte vor Schmerz. Dann sagte er: »Verbraucht nicht alles auswendig, Herr – drinnen tut's auch gut! Laßt mir noch 'nen Tropfen!«

Ich gab ihm die Flasche, die er sofort an die Lippen setzte.

»Jetzt geht's schon besser«, seufzte er. »Aber mit der Arbeit ist's aus, Herr; stehn kann ich nicht. Nun haben Sie auch den letzten verloren, Herr!«

»Macht nichts, Burton«, rief ich; »werd schon allein fertig werden. Wenn du's nur so lange aushalten kannst, so sollst du das Geld für alle drei bekommen und noch Schmerzensgeld obendrein!«

»Bekümmern Sie sich nicht um mich, Herr«, antwortete er. »Ich werd's aushalten. Haben Sie nichts da, ums Bein zu wickeln?«

Ich besann mich – was sollte ich ihm geben? Schnell zog ich Rock und Weste aus, riß das Hemd herunter.

»Ist verdammt nett von Ihnen, Herr«, sagte Burton. »Kann ich's zerreißen?«

Ich nickte. »Ich werd so schwitzen bei der Arbeit! Dann hab ich nachher wenigstens trocknes Zeug.«

Burton schob Rock und Weste unter die Sitze, machte sich daran, sein Bein zu verbinden. Ich nahm die Hacke auf, löste die Ziegelsteine, die besonders dicht um den Pfahl staken.

Es war mühselig genug; jeden einzelnen mußte ich erst lockern, dann mit den Händen herausnehmen. Ich griff den Spaten, begann die Erde auszuwerfen. Nie im Leben hatte ich so ein Ding in der Hand gehabt, benahm mich ungeschickt genug.

»Tiefer fassen, Herr!« rief mir Burton zu.

Wie ein Strafgefangener im Steinbruch arbeitete ich, neben dem der Aufseher mit dem Polizeiknüppel steht. Der Schweiß rann mir vom nackten Leibe, der kalte Regen wusch ihn herunter. Bis ins Gesicht spritzte mir der Schlamm.

Das Schlimmste war, daß in dem Loch, nachdem ich die Steine entfernt hatte, mehr Wasser als Erde war. Eine Viertelstunde verrann nach der andern; ich merkte kaum, daß ich weiterkam.

»Nehmen Sie die Schöpfkelle!« rief Burton. »Jimmie hat eine mitgebracht; neben dem Führersitz liegt sie.«

Ich schöpfte nun Wasser und Schlamm. Aber es kam mir vor, als ob ich stets nur eine Handvoll heraushob. Und der Regen goß, goß immer neue Wassermassen in die Grube. Ich hatte ein Empfinden, als ob die Leiche Phil Carters bis zur Mitte der Erde gesunken sei.

Dann griff ich wieder zur Schaufel, grub wie ein Besessener. Dicke Blasen bekam ich in den Händen; ich achtete es nicht. Dann sprangen die Blasen – und das rohe Fleisch kam heraus. Wie Feuer brannten die Handflächen.

Ich riß an dem Pfahl, aber ich konnte ihn nicht lockern. Noch mehr Steine holte ich aus dem Loche – dann wieder Wasser und Schlamm. Glühheiß war ich im Augenblick und im nächsten wieder eisigkalt.

Ab und zu stöhnte hinter mir Burton auf.

»Wie geht's?« fragte ich.

»Ganz gut!« brummte er. »Lassen Sie mich nur! Kommen Sie, nehmen Sie einen Schluck Whisky!«

Ich lehnte ab. Erst mußte diese elende Arbeit getan sein.

Ein Stich um den andern; immer höher häufte sich die Erde am Rande. Manchmal war ich so müde, daß ich glaubte, ich würde umsinken, in die Grube fallen.

Aber vor mir leuchteten im Dunkel die Amethystaugen Eileen Carters. Rogers hatte versagt, Ned hatte versagt – nun vertraute sie mir. Ich mußte es tun. Und von neuem ergriff ich mit blutwunden Händen die Schaufel. Bis an die Knie stand ich in der Grube.

Endlich – endlich etwas Festes. Ich fürchtete, die Leiche zu verletzen, warf den Spaten hinaus. Arbeitete weiter mit den Händen. Der nasse Schlamm kühlte das rohe, brennende Fleisch.

Etwas stak da hervor. Ich faßte es, zog daran – das schmutzige Sackleinen, in das Carter gehüllt war. Aber ich mußte es wieder fahren lassen, zu fest klebte es unter der Leiche. Mit der kleinen Schöpfkelle grub ich; dann wieder mit den Händen. Unendlich langsam legte ich den Körper bloß – ein Bein und dann das andre.

Ich ergriff einen Fuß, zog daran. Schrak auf – ich hatte das Empfinden, als würde ich dem Toten ein Bein ausreißen. Stärker dann zog ich, faßte beide Beine, riß sie hoch mit all meinen Kräften; glitschte aus, fiel der Länge nach über die Leiche. Schlug mit dem Kopf auf die Schöpfkelle, riß mir eine blutige Wunde an der Stirn. Nun hatte ich den Leichnam losgelöst aus dem Morast. Ich zog die Beine hoch an den Rand der Grube, kletterte hinaus, griff wieder die Füße, zog, zog und zog.

Neben dem Loch lag Phil Carters Leiche. Ich ließ die Beine fallen, verschnaufte einen Augenblick, völlig erschöpft.

»Herr!« jammerte Burton, »Herr!«

»Was gibt's?« fragte ich. Trat zu ihm hin. Er zeigte stumm auf sein Bein. Ich rückte die Laterne heran, kniete nieder, löste den Verband: zu einem unförmigen Klumpen war sein Bein aufgeschwollen.

»Hast du ein Messer, Burton?« fragte ich ihn. Er griff in die Tasche, suchte sein Messer, gab es mir. Mit unsäglicher Mühe zerschnitt ich das Leder, zog ihm schließlich den Stiefel vom Fuß. Verband ihm noch einmal den Unterschenkel.

Er sah meine Hände. »Schlimm«, brummte er, »schlimm. Geben Sie mir etwas Schlamm von dem Haufen!«

Ich tat es; er schmierte mir sorgfältig die feuchte Erde über die wunden Handflächen. »Eine Sauarbeit«, fluchte er, »verdammt noch mal! Die Nacht werde ich nie vergessen – mich kann sie das Bein kosten und Sie beide Hände!«

»Dummes Zeug, Burton!« rief ich. »Klapp mir jetzt nur nicht zusammen; die Hauptsache ist getan.«

Ich griff wieder die Füße der Leiche, zog sie an die Kiste heran. Ich sah, wie der Kopf, halbgelöst vom Rumpfe, hinten nachschleppte.

»Der Pfahl!« rief Burton. »Sie müssen den Pfahl herausziehn! Sonst kriegen Sie ihn nicht in die Kiste.«

Die Stange war zur Seite gefallen, schleppte nebenher auf dem Boden. Ich machte mich sofort daran, sie herauszuziehn. Es ging nicht, sie saß fest, als ob sie in Eisen stäke.

Ich leuchtete, sah, daß sie ganz durch die Leiche getrieben war.

»Heben Sie die Stange herüber, zu mir her!« rief Burton.

Ich tat, wie er geheißen. Er stemmte den linken Fuß auf den Boden, faßte die Stange, während ich auf der andern Seite kniete und die Leiche festhielt. Wir zerrten und rissen, zehn Minuten arbeiteten wir und mehr – es war, als ob der Tote seinen Schandpfahl nicht hergeben wollte. Jeden Zoll hielt er fest.

Die Stange war heraus; Burton riß sie ins Auto. Nun konnte ich die Leiche zur Kiste schleppen. Ich faßte sie an den Schultern, hob sie hoch, warf sie hinein. Zog dann die Kiste heran, schob sie ans Auto.

Nun aber ging es nicht weiter. Es war unmöglich, daß ich allein die schwere Kiste aufs Auto heben konnte.

Ratlos stand ich da in der ersten Dämmerung. Zerbiß mir die Lippen in ohnmächtiger Wut. Wenn Ned Lippincott jetzt gekommen wäre, ich hätte ihn ins Gesicht geschlagen.

»Herausnehmen!« bestimmte Burton, »Nehmen Sie die Leiche heraus!«

Ich tat es, hob sie dann mit seiner Hilfe auf das Auto. Ich wickelte meinen Mantel herum, auch Rock und Weste, band alles fest mit den Stricken. Dann zog ich Burton hinauf.

Die Kiste ließ ich stehn, wo ich stand, auch die Laterne neben dem offenen Loch. Bis einer sich hinfand an diese verlorne Stelle, konnte ich längst hinaus sein über die Grenze des kleinen Staates Rhode-Island. Und drüben galt ein andres Gesetz.

Ich sprang auf den Fahrersitz. »Wo hinaus, Burton? Weißt du den Weg nach Warwick?«

Er beschrieb ihn mir, so gut es ging. Ich fuhr los, um Woonsocket herum in weitem Bogen – dann nach Westen zu.

Keinen Menschen trafen wir auf der Landstraße. Dämmrig war es, aber es mochte nicht heller werden; es schien, als ob es nie Tag werden wollte in diesem trostlosen Märzregen.

Viermal blieb ich stecken. Hinaus aus dem Kasten, und den Spaten. Fußhoch Dreck wegschaufeln, ankurbeln und weiter.

Die Straße gabelte sich. »Wo hinaus, Burton?« rief ich zurück. Aber ich erhielt keine Antwort.

Ich fuhr aufs Geratewohl – nur die Richtung hatte ich: Westen. Wenn ich auch nicht nach Warwick kam, so mußte ich doch einmal herauskommen aus Rhode-Island.

Ich hatte Glück. Ich kam wirklich nach Warwick. Ratterte durch die Stadt, hielt draußen vor dem Bahnhof.

* * *

Und diesmal wenigstens klappte es. Fünf Leute, die Ned Lippincott bestellt hatte, Angestellte seines Vaters, erwarteten mich, kamen gleich heran an das Auto. Ich fragte nach der Zeit – über eine Stunde hatte ich noch bis zur Abfahrt des Zuges.

Jetzt erst ließ ich das Steuer los – wollte es loslassen. Doch das ging nicht: meine Hände waren festgeklebt mit Schmutz und Blut. Ich mußte sie losreißen – scheußlich sahn sie aus.

Aber ich hatte keine Zeit für meine schmerzenden Hände. Ich sprang ab, hielt mich mühsam aufrecht; einer der Männer hing mir seinen Mantel über den nackten Leib. Dann ließ ich das Auto öffnen – da lag Burton, vom Sitz herabgefallen, völlig bewußtlos.

Ich gab sofort meine Befehle. Ließ Burton in Neds Auto hinüberschaffen. Es war nicht leicht, den schweren Mann aufzunehmen, sie nahmen den Pfahl zu Hilfe, der unter ihm lag – Phil Carters Pfahl. Setzten ihn darauf, trugen ihn hinüber – ganz gut ging es. Mir fiel ein, daß das bequem genug sei, ihn auch ins Krankenhaus zu tragen; so ließ ich die Stange in Neds Auto stellen. Zwei der Männer schickte ich aus, eine Kiste zu kaufen; einer sollte mir nach bester Möglichkeit neue Kleider besorgen. Den vierten ließ ich als Wache auf meinem Auto bei Carters Leiche; den letzten nahm ich als Fahrer auf Neds Wagen. Wir flößten Burton Whisky ein – er kam wieder zu sich, aber nur auf Augenblicke. Ich setzte mich neben ihn, hielt ihn fest auf seinem Sitz, während wir zum Hospital fuhren.

Warwick hat ein gutes Krankenhaus; gottseidank war es nicht weit entfernt. Burton kam wieder zum Bewußtsein; wir konnten ihn herausnehmen, ohne ihm allzusehr zu schmerzen. Er stand aufrecht, stützte sich auf die Stange, bis die Tragbare kam. Ich hinterlegte Geld für ihn – dann ging's zurück zum Bahnhof. Mein Mann stand schon da mit einem Packen Kleider; er führte mich zu der Badegelegenheit des Bahnhofs. Drei Minuten später stand ich unter einer warmen Brause: nie im Leben hab ich ein Bad so genossen. Der Mann bürstete mir den Schmutz vom Leib; es war unmöglich, daß ich selbst etwas anfassen konnte mit meinen Händen. Die freilich konnte er kaum reinmachen; er schmierte mir Zinksalbe darauf, die er eingekauft hatte, umwickelte sie mir notdürftig mit Verbandsmull. Dann zog er mich an; komisch genug sah ich in den Kleidern aus, die mir viel zu eng waren. Aber ich war zufrieden, überhaupt etwas zu haben, und der Raglan wenigstens deckte mich von Kopf zu Füßen. Ich ging hinaus auf den Bahnsteig – da standen die andern mit der Kiste. Prächtig sah sie aus, fest in wasserdichtes Wachstuch eingenäht.

Dann brauste der Zug herein, Ned Lippincott sprang aus einer Tür. Und daneben aus dem Fenster lehnte, tief verschleiert, Eileen Carter.

»Hast du – hast du –?« fragte Ned.

Ich wies nach hinten zum Gepäckwagen; eben schoben seine Leute die schwarze Kiste hinein.

Ned ergriff meine Hand – ich schrie auf vor Schmerzen.

»Laß los, zum Teufel!« heulte ich.

»Verzeihung,« sagte er; »was hast du denn an den Händen?«

»Fertig!« rief der Schaffner.

»Hilf mir, Ned!« sagte ich. Er schob mich von hinten in den Wagen.

Dann lief er zum Fenster. »Du weißt, Eileen, ich will dich heiraten«, hörte ich ihn sagen. »Nur ein Wort brauchst du zu sagen! Immer! Wann du willst!«

Sie schüttelte den Kopf: »Nein, nein! – Leb wohl, Ned!«

Die Lokomotive zog an, wir fuhren. Auf dem Bahnhof stand Ned – blickte uns nach – jämmerlich sah er aus, der arme Junge.

Eileen kam auf mich zu. »Was ist's mit Ihren Händen?« fragte sie.

»Oh, nichts Besondres«, log ich. »Die Haut ein wenig zerplatzt von der ungewohnten Arbeit.«

Ned hatte für mich einen Platz im Pullmanwagen belegen lassen. Eileen Carter hatte ein kleines Abteil für sich; sie zog sich sofort dahin zurück, kam nicht mehr zum Vorschein, bis wir in Neu-York einliefen. Ich saß in meinem Sessel, starrte in die Regenlandschaft: wie Feuer brannten meine Hände. Nicht einmal ›Danke‹ sagte sie, dachte ich.

* * *

War in Warwick alles am Schnürchen gegangen, so versagten Neds Vorbereitungen in Neu-York wieder vollständig. Ein Pfarrer sollte uns abholen, unser seltsames Gepäck sollte in Empfang genommen und sogleich besorgt werden. Aber niemand war am Bahnhof, außer meinem Diener, dem ich telegraphiert hatte. So blieb mir nichts andres übrig, als ihm den Gepäckschein zu geben und unsere Kiste einstweilen bei der Aufbewahrungsstelle abzugeben. Ich gab Mrs. Rogers meine Adresse und Telephonnummer und versprach ihr, daß ich abends in ihrem Hotel, das nicht weit von meiner Wohnung lag, anrufen würde. Dann verabschiedete ich mich.

Ich fuhr zu einem befreundeten Arzt, der mit einer Krankenschwester fast zwei Stunden lang an meinen Händen herumdokterte. Es war kein Vergnügen; ich schwor, daß ich nie im Leben wieder einen Spaten anrühren würde. Übrigens nahm es vier Wochen, bis ich wenigstens von der linken Hand den Verband abnehmen konnte; bei der rechten dauerte es noch viel länger. Die Andenken freilich trage ich heute noch – immer wieder fragen mich die Leute: »Was haben Sie denn eigentlich mit Ihren Handflächen gemacht?« Ich antworte dann so von obenhin: »Ach, so ein bißchen Gartenarbeit!«

Am späten Nachmittag kam der Pfarrer zu mir, an den Ned Lippincott geschrieben hatte. Er war sehr freundlich und liebenswürdig; aber er erklärte rundheraus, daß er, so sehr er auch mit Ned und besonders mit dessen Vater befreundet wäre, doch unter keinen Umständen seinen Wunsch erfüllen könne. Er müsse auf seine strenggläubige Gemeinde Rücksicht nehmen, und es sei sicher, daß er die Bedenken, die einem solchen Begräbnis entgegenständen, bei seinen Gemeindeältesten nicht würde überwinden können. Er gab mir die Adressen einiger andrer Geistlichen, die mir vielleicht helfen könnten.

Früh am andern Morgen machte ich mich an die Arbeit. Aber ich fand bald heraus, daß ich mich sehr geirrt hatte, wenn ich glaubte, daß in dieser Beziehung die Weltstadt Neu-York freigesinnter wäre als das Provinznest Woonsocket. Ich sprach mit einem Pfarrer nach dem andern, lief auf immer neue Friedhöfe, um einen Platz zu bekommen. Tagelang dauerte das; manchmal bekam ich halbe Zusagen, zuweilen glaubte ich schon am Ziele zu sein – jedoch zerschlug sich alles letzten Endes. Ich erstattete stets Eileen Carter Bericht, telephonierte fünfmal am Tage mit ihr, sah sie oft genug in der Halle ihres Hotels. Immer nur tief verschleiert, wie im Zuge.

Aus Woonsocket kamen keine neuen Schwierigkeiten; die Behörden hatten die Spuren meines Leichenraubes sofort beseitigen lassen, die Kiste fortschaffen, die Grube zuschütten lassen. Jedenfalls waren sie froh, allen Weiterungen enthoben zu sein.

Durch Parker kam ich dann mit dem Direktor des Krematoriums, der ihm befreundet war, zusammen. Ich klagte ihm mein Leid und fand Verständnis – er versprach, die Leiche verbrennen zu lassen, sobald ich ihm die Kiste herbeischaffe. Er wies mich an den Geistlichen einer freireligiösen Gemeinde, der mir zusagte, bei der Aufstellung der Aschenurne einige Worte zu sprechen. Freudestrahlend rief ich Eileen an, um ihr die gute Nachricht mitzuteilen; doch bekam ich vom Hotel die Nachricht, daß sie früh nach Rhode-Island gefahren sei und erst am nächsten Tage zurückkommen würde. So froh war ich, ihr endlich gute Nachricht bringen zu können, daß ich zum Zuge ging, sie abzuholen. Sie traf pünktlich ein; kam gleich auf mich zu, als sie mich sah, schwarz verschleiert, wie immer.

»Wie geht's Ihren Händen?« fragte sie. Und ich glaubte zu hören, daß ihre Stimme zitterte.

»Recht gut!« sagte ich leichthin. »Es ist gar nichts von Bedeutung.«

»Ich weiß, was es ist«, erwiderte sie. »Ich war in Warwick, habe Burton im Krankenhaus besucht.«

»Burton?« fragte ich. »Wie geht's ihm?«

»Es geht ihm besser«, erwiderte sie. »Er wird sein Bein nicht verlieren, aber sicher noch zwei Monate liegen müssen.« Sie schwieg; dann, nach einer Weile, fuhr sie fort: »Burton hat mir alles erzählt.« Diesmal war ich ganz sicher: ihre Stimme zitterte.

»Alles?« fragte ich – nur um etwas zu sagen.

»Alles!« betonte sie. »Jede kleinste Einzelheit. Ned hätte es nie tun können – und ich weiß nicht, wer's getan hätte für mich.«

Auch jetzt kein kleinstes Wörtchen des Dankes.

Wir kamen durch die Sperre; ich brachte sie zu meinem Auto, um sie nach ihrem Hotel zu fahren. Unterwegs erzählte ich, was ich gestern ausgerichtet hatte.

Aber sie lehnte es sofort ab. »Nein,« sagte sie fest, »das kann nicht sein. Mein Vater hätte sich nie verbrennen lassen, hätte auch nie einen freireligiösen Prediger geduldet.«

»Was soll ich denn machen?« entfuhr es mir.

»Sie müssen einen christlichen Geistlichen finden und einen christlichen Friedhof«, erklärte sie mir. »Sie haben Schwierigeres für mich getan, und Sie müssen auch dies tun! Sie müssen Ihr Werk zu Ende führen.«

Sie rückte ihren Schleier zurecht – eine kleine Sekunde lang traf mich ihr tiefblauer Blick.

»Ich werde es tun«, sagte ich.

Als ich mich am Hotel von ihr verabschiedete, rief sie mich zurück.

»Oh – ich vergaß!« sagte sie, gab mir einen Gepäckschein. »Wollen Sie das besorgen für mich? Und gleich herbringen?«

Ich fuhr also zurück zum Bahnhof, ließ mir das Gepäck herausgeben. Eine Golftasche war es – nichts sonst. Ich ärgerte mich: damit hätte sie weißgott einen Hoteljungen beauftragen können.

Sie saß in der Halle, wartete auf mich. Ich gab ihr die Tasche – jetzt erst fiel mir auf, daß keine Golfstöcke oben herausstaken.

Sie nestelte die Schnur auf. »Burton gab mir das«, sagte sie.

»Burton?« fragte ich. Was konnte der Mann ihr schenken?

Sie öffnete die Golftasche, griff hinein. Da war, in drei Teile zersägt, die Stange!

»Mein – Erbteil!« sagte sie. »Ich will es aufbewahren. Burton meinte, daß es für mich Interesse habe und für niemand sonst in der Welt.«

Sie ging zum Fahrstuhl, still und ruhig, nahm die Tasche mit. Diese Tasche, die ihr einziges Erbe hielt: den Pfahl aus ihres Vaters Herzen!

Welch eine Frau!

* * *

Noch an demselben Tage machte ich mich von neuem an die Arbeit. Ich glaube, daß es keinen Menschen in Neu-York gibt, der so viel ›Ehrwürdige Herrn‹ kennengelernt hat wie ich – und so viel über sie geflucht hat. Endlich fand ich doch einen, der mir half.

Es war der Pastor des Deutschen Seemannsheimes; von einem Kellner bei Lüchows hörte ich seinen Namen. Er kannte wie all die andern den Fall natürlich aus den Zeitungen; ich setzte ihm auseinander, daß ich schon beim vierten Dutzend angelegt sei, aber von jedem der Herrn Pfarrer nur Absagen bekommen hätte. Er lächelte, nahm aber seine Amtsbrüder in Schutz – sie müßten eben Rücksicht auf ihre Gemeinden und namentlich auf die geldgebenden Ältesten nehmen. Bei ihm sei das nicht so schlimm – seine Seeleute würden es nicht so genau nehmen.

Diesmal nahm ich mich in acht, hütete mich wohl, Eileen Carter zu sagen, daß der Mann ein Deutscher war. Ein Deutscher – vielleicht würde sie erklären, daß ein Deutscher kaum ein Christ zu nennen sei, würde mich von neuem auf die Pastorenjagd schicken. Man kann nie wissen bei diesen Menschen aus Rhode-Island!

Ein kleiner Friedhof, ärmlich genug. Aber es war ein richtiger Sarg da, in dem nun Phil Carter lag, und ein richtiges Grab und ein richtiger Geistlicher, der christlich sprach und christlich betete. Nur Eileen Carter war dabei und ich mit ihr; wir warfen Blumen auf den Sarg, als er hinabgelassen wurde.

Sie kniete nieder am Grabe und betete; ich wußte nicht recht, was ich machen sollte, kniete schließlich neben ihr hin. Dann stand sie auf, schüttelte dem braven Geistlichen die Hand und bedankte sich. Es war ihr ernst damit, ihr Herz quoll über – der bescheidene Pfarrer wußte kaum, was er antworten sollte.

Für mich noch immer kein Wort des Dankes. Mir gab sie nicht die Hand – noch nicht einmal hatte sie mir die Hand gegeben.

Sie stieg in ihr Auto, fuhr allein nach Hause.

* * *

Zwei Wochen lang hörte ich nichts von ihr. Dann rief sie mich an, fragte, ob sie mich besuchen dürfe. Ich bat sie, zum Tee zu kommen.

Ich benahm mich an diesem Nachmittag wie ein junger Tolpatsch, der zum erstenmal seine Angebetete bei sich erwartet. Ich kaufte Blumen, stellte sie hierhin und dorthin, nahm sie wieder fort und gab ihnen andre Plätze. Ich rückte an den Möbeln umher, hängte die Bilder grade – obwohl mir das alles mit den verbundenen, ständig schmerzenden Händen schwer genug fiel. Ich schickte den Diener weg, stand am Fenster, blickte auf die Straße – lauerte auf jedes Auto.

Sie kam, und ich öffnete ihr. Ich bat sie, abzulegen, half ihr den Pelz abnehmen, Schleier und Hut. Beim Aufhängen machte ich eine ungeschickte Bewegung, die rechte Hand tat so weh, daß ich den Pelz fallen ließ und leise aufschrie. Sie bemerkte es sofort, nahm den Pelz auf.

»Noch nicht besser mit den Händen?« fragte sie.

»O doch, doch!« rief ich. »Das ist fast ganz in Ordnung!«

Ich führte sie ins Wohnzimmer, sie gab nun acht, daß ich nichts anrührte mit den Händen. Sie schloß die Tür, sie schob sich selbst den Sessel zurecht. Duldete nicht, daß ich die Teekanne nahm, füllte selbst die Tassen, gab Zucker hinein. Tat das alles so natürlich, so selbstverständlich, als ob sie seit Jahren daheim wäre in diesen Räumen.

Nichts sprach ich, nur ihre Augen starrte ich an. Oh – das ganze Zimmer füllte dieser amethystene Glanz!

Sie lehnte sich zurück in ihren Sessel, trommelte mit der Hand auf der Lehne. Bog sich dann leicht vor, mir entgegen – voll sah sie mich an.

»Ich bin gekommen, meine Schuld zu bezahlen«, sagte sie still.

Ich begriff nicht, was das sollte. Den Pfarrer, den Begräbnisplatz hatte sie selbst bezahlt. Wollte sie mir die kleinen Auslagen zurückerstatten, sollte ich ihr aufschreiben, was ich für Autos und Trinkgelder ausgegeben hatte?

Aber sie ließ mich nicht im Zweifel. »Ich will meinen Preis bezahlen«, wiederholte sie. »Mein Vater hat bezahlt, was er schuldig war – im Leben und noch im Tode. Ich bin wie er: ich will nichts umsonst. Will keine – Wohltätigkeit. Ich habe Rogers bezahlt und Ned Lippincott –«

Sie schwieg. Nur eine kleine Bewegung machte sie, die aber war bezeichnend genug – sie nahm ihre Halskette ab, diese armen schwarzen Jettperlen, legte sie vor sich auf den Tisch.

»Ned hat mich betrogen,« fuhr sie fort, »wie Rogers mich betrog. Sie haben mich nicht im Stich gelassen – Sie nicht. Und also – darum kam ich her.«

Ich begehrte diese Frau, wie nie eine andre, nie zuvor und nie später. Ich sog den Trank ihrer Augen in mich hinein, wie die Lenzerde den Mairegen trinkt. Meine Fingerspitzen sehnten sich, ihre Haut zu berühren, leise über ihre roten Locken zu streicheln. Meine Blicke streiften das Kleid von ihr ab, dieses schlechte Trauerkleid einer kleinen Schneiderin aus Woonsocket; ich sah ihre jungen vollen Brüste, ihre schlanken Hüften –

Ein kleines Wort nur sollte ich sagen.

Und ich sagte das andre Wort. Sprach ein ›Nein‹ und kein ›Ja‹. Still und tonlos, unhörbar fast: »Nein!«

Ganz unbewußt war das; nicht ein bißchen verstand ich in jenem Augenblick, warum ich das sagte. Es quälte mich maßlos – und sicher verstand sie, wie ich litt.

Sie sah mich an – ein schnelles Lächeln, so als ob sie plötzlich begreife, was in mir vorgehe. Und, ganz langsam, sagte sie: »Die Hände, Herr? Ihre armen Hände! Ich will warten, bis sie gesund sind. Rufen Sie mich, Herr – wann immer Sie bereit sind.«

Sie stand auf, nahm ihre Kette, gab sie wieder um den Hals – es war, als ob sie, die Nackte, nun sich wieder ankleide von Kopf bis zu den Füßen.

Meine Hände, meingott, meine Hände! Ich hatte so wenig an sie gedacht wie an die große Schaukel von Coney-Island! Hatte so völlig meine Wunden vergessen, daß ich Eileen hochgerissen hätte, fest gefaßt, aufgehoben und getragen dorthin zur Lagerstätte – auf meinen Händen.

Und diese Frau glaubte, daß ich darum das ablehne, was sie mir brachte! Daß ich diese Stunde verschieben wolle – um eine Woche, einen Monat vielleicht! Daß ich meinen Preis ganz verlangte und ohne Abzug, den vollen Genuß ihres Leibes und nicht den halben!

Blut drang mir heiß ins Hirn. Ich sprang auf.

»Madame«, sagte ich, »Sie haben mich mißverstanden. Ich warte nicht darauf, daß die Hände heil sind. Ich pflege –«

Das wollte ich sagen: ›Ich pflege meine Frauen nicht zu kaufen! Für Geld nicht – und für nichts andres!‹ Ich sagte es nicht, stand stumm in dem Glanz ihrer Augen.

Nach einer Weile sprach sie: »Dann – dann soll ich gehn?«

Ich dachte flehend: ›Bleib, bitte, bitte, bleib! Fühlst du denn nicht, wie sehr ich mich nach dir sehne? Bleib, bleib – heute und immer!‹

Kein armes Wörtchen sprach ich. Sie mußte das Wort finden – sie allein, Eileen.

Sie wiederholte: »Dann also muß ich gehn –«

Und sie ging, Eileen Carter. Ging aus dem Zimmer, ließ die Tür weit auf.

Ich fühlte – du sollst ihr nachkommen, sollst sie zurückholen.

Aber ich blieb stehn, rührte mich nicht. Hörte ihre Schritte auf dem Flur, hörte, wie sie Hut nahm und Pelz. Hörte, wie sie die Flurtür aufmachte, hinter sich schloß.

Dann, dann erst schluchzte ich auf: »Eileen –!«

* * *

Hundertmal hab ich mir das durchgedacht, alles hingewendet und her. Heute weiß ich genau, was ich hätte sagen sollen – damals.

Weiß auch, daß ich's nie hätte sagen können, damals nicht noch heute.

Ich begreife ja alles recht gut. Verstehe sie, verstehe mich – was soll das nun nützen?

Dumm und jung war sie, Puritanertochter aus Rhode-Island, Vassarmädchen aus jenen Tagen. Ein Telegramm bekam sie: ihr Vater sei tot. Fuhr heim, hörte vom Selbstmord. Und Rogers, ihres Vaters alter Freund, machte ihr gründlich klar, was nun geschehn könne. Geschehn würde, wenn er nicht helfe. Doch er würde helfen – wenn sie ihn heirate. Ratlos, ohne Verwandte und Freunde, ohne jedes Vermögen, willigte sie ein. Brachte sich als Opfer dem Gedenken ihres Vaters, getreu ihrer Erziehung, getreu der Überlieferung der Familie, fest überzeugt, daß nur Rogers helfen könne und nur er allein.

Rogers versagte; das grausame Gesetz griff mit gierigen Klauen die Leiche des Vaters. Mag sein, daß der ihr herzlich gleichgiltig war, solange er lebte – nun aber stand sie fest zu dem Toten. Was auch geschehn möge, sie mußte ihn haben. Sie suchte, suchte: Ned Lippincott fiel ihr ein; ihn ließ sie rufen. Sie erzählte ihm alles, fand ihn bereit. Sie gab sich ihm, wie sie sich Rogers gab, ratlos, hilflos, doch sofort entschlossen in rücksichtslosem Kampf um den toten Vater.

Zu mir kam sie, als Ned versagte – und mir gelang es. Was ich tat, erschien ihr in hellstrahlendem Lichte; dafür hatte Burton gewiß gesorgt! Fast ein Held schien ich ihr.

Sie versprach mir, was sie Rogers gab und Ned Lippincott. Das einzige, was sie hatte – sich selbst! Und sie glaubte, daß ich darum für sie arbeite, wie die beiden andern. Es war ein ehrlicher Vertrag – deshalb brauchte sie nicht ›Danke‹ zu sagen noch obendrein.

Natürlich hatte sie recht, zehnmal recht! Nur begriff ich's nicht, verstand damals garnicht, was sie wollte. Faßte es erst, als sie zu mir kam – ihre Schuld zu bezahlen.

Und da ließ ich sie von mir gehn. Wies sie ab, in kindischer Eitelkeit –

Oh, ihre blauen, seligen Blicke! Und vermochten doch, damals, nicht die Hornhaut zu schmelzen, in der ich stak!

Erziehung, Tradition der Jahrhunderte –

Ich armseliger Narr! Der sich verletzt fühlte und beleidigt war! Und darum sie nun beleidigte und erniedrigte.

* * *

Erbärmliche Wochen folgten. Ich konnte sie nicht vergessen, glaubte immer, daß sie wiederkommen würde. Erwartete ihren Anruf oder ein Schreiben.

Nichts kam. Und ich ging nicht zu ihr, klingelte sie nicht an, schrieb ihr nicht.

Dann reiste ich für die Central-Trust nach Europa. Fünf Monate war ich drüben. Als ich wiederkam, hörte ich, daß sie in ›Ziegfeld Follies‹ aufträte – in der zweiten Reihe, hinter den Ponies. Hörte ihres Leibes Preis singen von Richardson und von Parker, von Backhaus und Fairchilds und Joe Seligman. Von denen und manchen andern in Wallstreet: Eileen Carter war große Mode geworden.

Sie wollte ihren Weg machen, und sie machte ihn. Mit dem einzigen Kapital, das sie hatte.

Ich traf sie wieder auf Elmer G. Warrens Fest, am Riverside-Drive. Traf sie dann, als sie Klaus Steckels, des alten Zuckerkönigs, Frau war, unter dem Wetterdach der Oper in Chikago. Und nun, nach zehn langen Jahren – hier in Cannes.

Dreimal traf ich sie – und es war jedesmal dasselbe. Sie starrte mich an, zog mich hin zu sich, ließ mich dann stehn, wie einen Fremden. Wann, wann wird sie kommen – Eileen Carter?

* * *

Ich fuhr auf – jemand klopfte an die Tür. Ich lauschte, ich hatte mich nicht geirrt: es klopfte wieder, laut und energisch genug. Ich ging zur Tür, öffnete: ein Stubenmädel stand da, in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und Haarschleife. Sie nannte meinen Namen und ich ließ sie eintreten.

»Was wollen Sie?« fragte ich.

Ihr Gesicht blieb ruhig, doch war ein Lächeln in den verschmitzten Augen. »Ich bin Lady Broughams Kammerjungfer«, sagte sie. »Ich soll Ihnen das abgeben, ehe Sie abreisen.«

Sie legte, in braunes Papier gewickelt, ein kleines Paketchen auf den Tisch.

»Das ist alles?« fragte ich.

»Alles!« nickte sie. Knickste, ging hinaus.

Meine Hände zitterten, als ich das Papier abnahm. Was hatte sie mir zu sagen, Eileen – Lady Brougham?

Ein französisches Buch, wie all die andern mit dem häßlichen gelben Umschlag. Ich schlug es auf: ein Roman von Stendhal. Vielleicht hatte sie etwas hineingeschrieben? Ich wandte die ersten Seiten um: nichts stand da.

Das Buch war aufgeschnitten. Stendhal also las sie, Stendhal, dem die Liebe nichts war als – Mathematik. Algebra. Lehre von Gleichungen: a² + b² - 2bc cos x = c²!!

Wie ihr, wie Eileen Carter!

Ich legte das Buch auf den Tisch, sah hinten ein Zeichen stecken. Griff es wieder auf, schlug die Seite auf. Da las ich, an den Rand gekritzelt, die Worte: »Das weiß ich jetzt, daß Sie mich wollten – damals und immer und heute noch!«

Das war alles. Aber zwei Zeilen waren angestrichen am Rande: »Eh, mon dieu, pourquoi ne me l'avez vous pas dit? Vous m'auriez eue comme tous les autres!«

Wie all die andern! Wie Barett S. Rogers und Ned Lippincott, wie Elmer G. Warren und Klaus Steckels und der Earl von Brougham! Wie die und – alle die andern!

Nie, niemals würde sie das unbekannte X finden, niemals die Gleichung lösen!

Meine Gleichung – – –

* * *

Nun, denke ich, bin ich endlich fertig mit dieser Frau. Nie wird etwas sein zwischen ihr und mir. Nie wird sie kommen – und wenn die Hölle zufriert, wird Eileen nicht kommen.

Und dennoch träume ich von amethystenen Augen. Träume von Eileen Carter.


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