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Neunter Abschnitt.
Es wird wieder etwas in die große Bibel eingetragen

Auf diesen ersten Augenblick der Entsagung und Ergebung folgten Tage heftigen Kampfes für den Müller, jemehr die Zunahme an Körperkraft ihn auch geistig kräftigte und mit einem Blicke die verschiedenen Seiten seiner Lage zu übersehen befähigte. Für schwache Glieder ist es kein großes Opfer, sich binden zu lassen, und wer von Krankheit mürbe ist, übernimmt wohl Verpflichtungen, welche die alte Kraft der Gesundheit sofort wieder bricht. Es gab Augenblicke, wo der arme Tulliver fand, die Erfüllung des seiner Frau gegebenen Versprechens gehe über alle menschlichen Kräfte; er habe das Versprechen gegeben, ohne zu wissen, was sie eigentlich wolle; sie hätte ja eben so gut von ihm verlangen können, er möge eine Schiffslast auf den Rücken nehmen. Und wiederum andrerseits, für sie sprach nicht blos das Bewußtsein, wie ihr durch die Ehe das Leben verbittert sei, sondern auch manche andre Erwägung. Er sah die Möglichkeit vor sich, bei größter Einschränkung aus seinem Gehalt allmälich soviel zu sparen, daß er seinen Gläubigern eine weitere Abzahlung leisten konnte, und ferner mußte er sich sagen, daß er schwerlich anderswo eine Stelle fände, die er auszufüllen im Stande sei. Er hatte es sich bisher ziemlich leicht gemacht, hatte immer befohlen und selbst wenig gethan und paßte nicht recht zu einer neuen Beschäftigung. Es wäre ihm kaum was anderes übrig geblieben, als förmlich auf Tagelohn zu arbeiten, und seine Frau hätte von ihren Schwestern Unterstützung annehmen müssen. Diese Aussicht war ihm doppelt schmerzlich, da sie alle guten Sachen seiner Frau hatten verkaufen lassen, wahrscheinlich um sie gegen ihn aufzuhetzen, der sie doch so weit gebracht habe. Wenn die Verwandten kamen und ihm zuredeten, er müsse sich seiner Frau wegen in das Unvermeidliche fügen, so hörte er auf ihr Gerede mit abgewandten Augen, in denen dann und wann verstohlen das alte Feuer aufblitzte, und nur die Furcht, ihre Unterstützung bedürfen zu müssen, vermochte ihm die Annahme ihres Rathes zu erleichtern.

Am mächtigsten aber wirkte die Liebe zu seiner alten Heimath, wo er als Knabe gespielt hatte und seinen Sohn hatte spielen sehen. Schon seit mehreren Generationen hatten die Tullivers hier gewohnt, und er hatte als Kind an Winterabenden zu den Füßen seines Vaters gesessen und ihn von der alten aus Fachwerk gebauten Mühle erzählen hören, die bis zu der letzten großen Ueberschwemmung dagestanden habe, dabei aber so beschädigt worden sei, daß sein Großvater sie niedergerissen und das neue massive Gebäude aufgeführt habe. Namentlich als er erst wieder herumgehen und die alten bekannten Gegenstände ansehen konnte, da fühlte er, wie fest er mit der alten Heimath verwachsen, wie sie ein Stück seines Lebens, ein Stück von ihm selbst sei. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, anderswo zu leben als hier, wo er das Geräusch jedes Thorweges und jeder Thür kannte, wo ihm die Form und Farbe jedes Daches, jedes Regenfleckes, jedes kleinen Hügels von Jugend auf vertraut war. Wir heutzutage mit unsrer Bildung und Reiselust, die kaum Zeit hat, in den Wäldern der Heimath zu verweilen, sondern sobald wie möglich nach den tropischen Ländern eilt und bei Palmen und Bananen zu Hause ist, sich an Reisebeschreibungen nährt und den Kreis ihrer Vorstellungen bis Timbuktu erweitert – wir können kaum eine dunkle Ahnung davon haben, was so'n Mann von der alten Schule wie Tulliver für den Ort empfand, wo alle seine Erinnerungen sich zusammen drängten und wo ihm das Leben wie ein alt bekanntes, vom vielen Gebrauch glattes Handwerkzeug erschien, das einem so liebend leicht zwischen den Fingern spielt. Und grade jetzt durchlebte er die ferne Zeit vergangener Tage mit der neu belebten Erinnerung, die in der Unthätigkeit der Genesung über uns kommt.

»Ja, Lukas«, sagte er eines Nachmittags, als er über das Gatter in den Obstgarten blickte, »ich weiß es noch wie heute, daß diese Apfelbäume gepflanzt wurden. Mein Vater war recht für's Pflanzen; wenn er einen Wagen voll junger Bäume kriegen konnte, das war für ihn ein wahrer Festtag, und ich stand in der Kälte bei ihm und ging hinter ihm her wie ein kleiner Hund.«

Dann wandte er sich um, lehnte sich gegen das Gatter und blickte auf die gegenüber liegenden Gebäude.

»Die alte Mühle würde mich doch wohl vermissen, Lukas. Die Leute erzählen sich eine Geschichte, wenn die Mühle in fremde Hände käme, dann würde der Fluß böse. Mein Vater hat mir's oft genug erzählt. Und kein Mensch kann wissen, ob nicht was dran ist; 's ist 'ne böse Welt, und der Teufel hat seine Hand im Spiele; ich hab' nicht durchkommen können.«

»Jawohl, Herr«, erwiderte Lukas theilnehmend und zustimmend; »was ich mit dem Rost im Weizen und dem Abbrennen der Korndiemen und sowas erlebt habe, das ist wirklich ganz kurios, und als wir neulich den Speck von unserm letzten Schweine ausbrieten, da ging das Fett weg wie Butter, und es blieb nichts übrig als die Grieben.«

»'s ist mir grade, als wenn's gestern gewesen wäre«, fuhr Tulliver fort, »daß mein Vater das Malzen anfing. Ich erinnere mich, den Tag wo das Malzhaus fertig wurde, da meint' ich, es müsse ganz was großes geben; denn wir hatten den Tag Plumpudding, und es ging lustig zu, und ich sagte zu Mutter – 's war 'ne hübsche Frau, meine Mutter, mit dunklen Augen, mein kleines Mädel wird noch ganz so wie sie«. Hier steckte Tulliver den Stock zwischen die Beine und nahm die Schnupftabacksdose vor, um seine Geschichte desto besser zu genießen, die er bruchstückweise von sich gab, als wenn er einen Augenblick um den andern den Faden der Geschichte über den lebendigen Anschauungen der Vergangenheit verlöre. »Ich war ein kleiner Knirps und reichte meiner Mutter eben an's Knie – sie hing sehr an uns Kindern, an Margret und mir – und da sagt' ich zu ihr: ›Mutter, sagt' ich, kriegen wir jetzt alle Tage Plumpudding?‹ Sie hat's mir nachher immer wieder erzählt bis an ihr seliges Ende. Sie war noch jung, meine Mutter, als sie starb. Aber nun sind's schon seine vierzig Jahr, daß das Malzhaus fertig ist, und da fehlt kaum ein Tag, daß ich nicht hier in den Hof geguckt habe, gleich des Morgens, wenn ich aufstand, das Wetter mochte sein, wie es wollte, Jahr aus, Jahr ein. Ich glaube, ich käme von Sinnen, wenn ich hier weg müßte. Ich käme mir vor, als hätt' ich mich verirrt. Hart ist's und bleibt's, wie ich die Sache auch ansehen mag; das fremde Geschirr wird mir sauer ankommen, aber das beste wird's doch wohl sein, wenn man in seinem alten Geleise bleibt.«

»Gewiß, Herr«, meinte Lukas, »hier sind Sie viel besser dran, als an einem neuen Orte. Ich kann das Neue nicht leiden, es geht alles so verqueer, die Wagen haben andere Spurweite und die Stege sind alle anders, und den Fluß hinauf, da essen die Leute bisweilen Gerstenkuchen. 's ist immer 'ne schlechte Geschichte, wenn man aus seiner Heimath wegzieht.«

»Aber ich fürchte, Lukas, ein Knecht wird Euch nicht mehr gehalten; Ihr werdet Euch mit 'nem Jungen behelfen müssen, und ich muß auch 'n bischen in der Mühle arbeiten. Ihr werdet schlechter dran sein als bisher.«

»Ih, darum grämen Sie sich nicht«, erwiderte Lukas; »ich mache mir nicht viel draus. Zwanzig Jahre bin ich nun bei Ihnen gewesen, und zwanzig Jahre, die kriegt man nicht mit Maulspitzen, so wenig wie man die Bäume wachsen lassen kann; man muß warten, bis Gott der Allmächtige sie einem giebt. Ich kann kein neues Essen und keine neuen Gesichter vertragen, ne, das kann ich nicht; sie bekommen einem schlecht, das ist alles was man davon hat.«

Der weitere Spaziergang über Hof und Garten verlief schweigend, denn Lukas hatte eine solche Fülle von Gedanken losgelassen, daß sein Sprachvorrath ganz erschöpft war, und Tulliver war aus den Erinnerungen der Vergangenheit in die peinliche Erwägung der schweren Wahl zurückgesunken, die vor ihm lag. Abends beim Thee bemerkte Gretchen, daß er ungewöhnlich abwesend sei, und nachher saß er vornüber gebeugt in seinem Lehnstuhl, blickte zu Boden, bewegte leise die Lippen und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf. Dann sah er seine Frau, die ihm gegenübersaß und strickte, scharf an, und ebenso gleich darauf Gretchen, die sich über eine Handarbeit beugte, um ihre innere Bewegung zu verbergen, denn sie merkte klar genug, in ihrem Vater gehe etwas vor. Plötzlich ergriff er das Schüreisen und hieb wüthend auf ein großes Stück Kohle im Kamin.

»Du lieber Himmel, Tulliver, was denkst Du Dir nur?« rief seine Frau erschrocken; »'s ist 'ne rechte Verschwendung, die Kohlen so zu zerschlagen, und wir haben kaum noch eine ganze Kohle und wissen nicht, wo wir neue hernehmen sollen.«

»Du bist heut Abend gewiß nicht ganz wohl, Vater«, sagte Gretchen; »Du scheinst mir so unruhig.«

»Wo bleibt Tom heute so lange?« fragte der Vater ungeduldig.

»Du liebe Zeit, ist's schon so spät? da muß ich für sein Essen sorgen«, sagte Frau Tulliver, legte ihr Strickzeug hin und ging hinaus.

»Es geht schon auf halb neun«, sagte Tulliver. »Er muß gleich hier sein. Geh, Mädchen, und hol' mir die große Bibel und schlag vorn das Blatt auf, wo alles geschrieben steht. Und dann bring' auch Dinte und Feder.«

Gretchen gehorchte und verwunderte sich, was nun kommen würde, aber ihr Vater äußerte nichts weiter, sondern saß ruhig und horchte auf Tom's Schritte draußen, offenbar sehr gereizt, daß der Wind so stark blies und jedes andere Geräusch übertönte. Ein seltsames Licht brannte in seinen Augen, so daß Gretchen erschrack und selbst wünschte, Tom möchte kommen.

»Da ist er«, rief Tulliver aufgeregt, als endlich an die Hausthür geklopft wurde. Gretchen ging hinaus, um zu öffnen, aber die Mutter kam ihr eilig aus der Küche entgegen und sagte: »halt, Gretchen; laß mich die Thür aufmachen.«

Frau Tulliver war in der letzten Zeit ein wenig bange vor ihrem Sohn geworden, aber auf jeden Gefallen, den ihm andre thaten, war sie eifersüchtig.

»Dein Essen steht fertig am Feuer, mein Junge«, sagte sie, als er Hut und Rock ablegte. »Du sollst ganz für Dich essen, wie Du's am liebsten hast, und ich will nicht mit Dir sprechen.«

»Ich glaube, der Vater verlangt nach Tom«, bemerkte Gretchen, »er muß erst in's Wohnzimmer kommen.«

Als Tom eintrat, sah er so niedergeschlagen aus, wie immer des Abends, aber sogleich fiel sein Blick auf die offene Bibel und das Schreibzeug, und er sah den Vater ängstlich und überrascht an, der ihn mit den Worten empfing:

»Du kommst so spät, mein Junge; ich habe nach Dir verlangt.«

»Hast Du was vor, Vater?« fragte Tom.

»Setzt Euch – alle drei«, befahl Tulliver. »Und Du, Tom, setz' Dich zu mir; Du sollst mir was in die Bibel schreiben.«

Alle drei setzten sich und sahen ihn an. Langsam begann er zu sprechen, zuerst zu seiner Frau.

»Ich habe meinen Entschluß gefaßt, Betty; ich will Dir Wort halten. Wir werden mal in demselben Grabe zusammen liegen, da darf keine Feindschaft zwischen uns sein. Ich will in unsrer alten Wohnung bleiben und bei Wakem in Dienst gehen, und ehrlich will ich ihm dienen; alle Tullivers sind ehrlich, merk Dir das, Tom« – hier erhob er die Stimme –; »die Leute werden mir vorwerfen, ich hätte nicht alles bezahlt, aber das war nicht meine Schuld; es war blos, weil es Schufte in der Welt giebt. Es waren ihrer zu viele gegen einen, und ich muß mich fügen. Ich will meinen Nacken in's Joch stecken, weil Du ein Recht hast zu sagen, ich hätte Dich in diese Noth gebracht, Betty, und ich will ihm so ehrlich dienen, als wenn er kein Schuft wäre; ich bin ein ehrlicher Mann, wenn ich auch nie wieder in die Höhe komme. Ich bin ein gebrochener Baum, nichts als 'n gebrochener Baum.«

Er hielt inne und blickte zu Boden. Dann richtete er plötzlich den Kopf empor und sagte mit lauter, aber tieferer Stimme:

»Aber vergeben werd' ich ihm nie! Ich weiß wohl, was die Leute sagen, er habe mir nie zu nahe thun wollen; das ist so die Art, wie der Teufel den Schurken beisteht; er hat hinter der ganzen Geschichte gesteckt, aber er ist ein vornehmer Herr, ja, ja, das kenn' ich. Ich hätte keinen Prozeß anfangen sollen, sagen die Leute. Aber wer hat's denn so eingerichtet, daß ich kein Recht und Gerechtigkeit kriegen konnte? Für ihn ist das einerlei, das weiß ich; er gehört so zu den vornehmen Herren, die ihr Geld an armen Leuten verdienen, und wenn er sie an den Bettelstab gebracht hat, dann giebt er ihnen Almosen. Ich will ihm nicht vergeben! Ich wollte, daß ihn Schande träfe, bis sein eigener Sohn sich seiner schämt. Ich wollte, er thäte was, wofür er in die Tretmühle käme! Aber er wird sich wohl hüten; er ist ein zu großer Schurke, als daß er dem Gesetz eine Blöße gäbe. Und Du merk Dir, Tom! Du vergiebst ihm auch nicht, wenn Du mein Sohn sein willst. Es kommt vielleicht 'ne Zeit, wo Du's ihn fühlen lassen kannst – für mich kommt sie nie – ich habe meinen Nacken im Joch. Nun schreib – schreib mir das in die Bibel.«

»Was, Vater, was?« rief Gretchen und sank ihm bleich und zitternd zu Füßen. »Es ist schlecht, zu fluchen und böses zu wünschen.«

»Es ist nicht schlecht, sag' ich Dir«, rief der Vater wüthend, »es ist nur schlecht, daß es den Schurken gut geht; das ist des Teufels Werk. Thu, was ich Dir sage, Tom. Schreib.«

»Was soll ich schreiben, Vater?« sagte Tom mit finsterm Gehorsam.

»Schreib, daß Dein Vater Eduard Tulliver Dienst genommen hat bei Johann Wakem, bei dem Menschen, der ihn hat ruiniren helfen, weil ich meiner Frau versprochen hatte, an ihr wieder gut zu machen, was ich könnte, und weil ich in dem alten Hause sterben wollte, wo ich geboren war und mein Vater auch. Setz das in die rechten Worte – Du verstehst das ja – und dann schreib, daß ich Wakem trotzdem nicht vergebe, und obschon ich ihm ehrlich dienen will, verfluche ich ihn und wünsche ihm alles böse. Das schreib nieder.«

Tiefe Stille herrschte, als Tom's Feder über das Papier fuhr; die Mutter sah blaß aus wie ein Gespenst, und Gretchen zitterte wie ein Blatt.

»Nun laß mich hören, was Du geschrieben hast«, sagte der Vater. Laut und langsam las Tom es vor.

»Und nun schreib, daß Du nie vergessen willst, was Wakem Deinem Vater gethan hat, und daß Du es ihn und die Seinen fühlen lassen willst, wenn je die Stunde kommt. Das schreib und unterzeichne es mit Deinem Namen Thomas Tulliver.«

»Nein, nein, Vater, lieber Vater!« rief Gretchen fast erstickt vor Angst. »Tom darf das nicht schreiben.«

»Sei ruhig, Gretchen«, sagte Tom; »ich werde es schreiben. Da steht's.«

 


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